{"id":15190,"date":"2025-01-07T18:49:45","date_gmt":"2025-01-07T16:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15190"},"modified":"2025-01-07T18:51:58","modified_gmt":"2025-01-07T16:51:58","slug":"dokumentation-der-hoelle-des-genozids-an-der-palaestinensischen-bevoelkerung-in-gaza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15190","title":{"rendered":"Dokumentation der H\u00f6lle, des Genozids an der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung in Gaza"},"content":{"rendered":"<p><em>Albrecht M\u00fcller. <\/em>Selbst wenn Gaza jetzt in deutschen Medien so gut wie keine Rolle mehr spielt \u2026 Der israelische Historiker Lee Mordechai hat die Abgr\u00fcnde dieser H\u00f6lle in einer ausf\u00fchrlichen Dokumentation bis inkl. Ende 2024 zusammengestellt. Dieses Grauen ist nicht zu ertragen. Aber es ist notwendig, dies zu dokumentieren. Siehe <a href=\"https:\/\/witnessing-the-gaza-war.com\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Bearing-witness-to-the-Israel-Gaza-War-v6.5.5-5.12.24.pdf\">hier<\/a>. <!--more-->Zu Ihrer Information unter Teil A. die Zusammenfassung des Textes, \u00fcbersetzt von Susanne Hofmann, und unter Teil B. eine Dokumentation von Haaretz.<\/p>\n<p><strong>Teil A.:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Dokumentation von Lee Mordechai<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Zusammenfassung, von Susanne Hofmann auf Bitten der Redaktion der NachDenkSeiten \u00fcbersetzt. Danke vielmals:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/witnessing-the-gaza-war.com\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Bearing-witness-to-the-Israel-Gaza-War-v6.5.5-5.12.24.pdf\">Zum Original<\/a><\/p>\n<p>Ich, Lee Mordechai, Historiker und israelischer Staatsb\u00fcrger, \u00e4u\u00dfere mich in diesem Dokument vom 29. November 2024 als Zeuge der Situation in Gaza, die weiterhin im Fluss ist.<\/p>\n<p>Die Berge an Beweismaterial, die ich gesehen habe \u2013 Vieles davon findet sich im Anhang <a href=\"https:\/\/witnessing-the-gaza-war.com\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Bearing-witness-to-the-Israel-Gaza-War-v6.5.5-5.12.24.pdf\">dieses Dokuments<\/a> \u2013 reichen aus, um mich zu dem Schluss kommen zu lassen, dass Israel einen Genozid an der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung in Gaza begeht. Ich erkl\u00e4re weiter unten, weshalb ich diesen Begriff verwende. Israels Milit\u00e4reinsatz ist angeblich seine Reaktion auf das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023, als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ver\u00fcbt wurden im Kontext des langj\u00e4hrigen Konflikts zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern, der bis zum Jahr 1917 oder 1948 zur\u00fcckreicht.<\/p>\n<p>Keinesfalls rechtfertigen historische Missst\u00e4nde und Grausamkeiten in der Gegenwart. Deshalb betrachte ich Israels Antwort auf die Hamas-Taten am 7. Oktober als vollkommen \u00fcberzogen und verbrecherisch. Die Abs\u00e4tze dieser Kurzversion enthalten die Zusammenfassung der viel l\u00e4ngeren Abschnitte unten, je ein Absatz f\u00fcr einen Abschnitt.<\/p>\n<p>Jeder Abschnitt unten enth\u00e4lt Dutzende bis Hunderte Quellen, die die Grundlage meiner Bewertung bilden. Diese Version des Dokuments ist eine deutliche Erweiterung der vorigen Fassung vom 18. Juni 2024. (\u2026)<\/p>\n<p>Im Laufe des vergangenen Jahres hat Israel wiederholt Pal\u00e4stinenser in Gaza massakriert und mehr als 44.000 von ihnen get\u00f6tet \u2013 mindestens 60 Prozent Frauen, Kinder und \u00e4ltere Menschen.<\/p>\n<p>Mindestens hunderttausend weitere wurden verletzt und mehr als 10.000 sind noch verschollen. Es liegen umfangreiche Belege f\u00fcr Israels willk\u00fcrliche und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Attacken in diesem Krieg vor, ebenso wie viele Beispiele f\u00fcr Massaker und andere T\u00f6tungen. Viele internationale Institutionen haben Israels Kriegsf\u00fchrung scharf kritisiert. Israel hat aktiv versucht, den Tod der Zivilbev\u00f6lkerung von Gaza herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Israel hat eine Hungersnot in Gaza erzeugt und benutzt sie als Kriegswaffe. Dies f\u00fchrte zum best\u00e4tigten Hungertod dutzender Zivilisten, vor allem von Kindern. Israel verknappte Wasser, Medikamente und Strom. Israel zerst\u00f6rte das Gesundheitssystem und die zivile Infrastruktur in Gaza. Deshalb sterben mehr Menschen an behandelbaren Erkrankungen, und schwierige medizinische Eingriffe wie Amputationen und Kaiserschnitte werden ohne Bet\u00e4ubung durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Gesamtsterblichkeit in Gaza liegt im Dunkeln, aber sie ist mit ziemlicher Sicherheit h\u00f6her als die offizielle Zahl der Todesopfer. Der israelische Diskurs entmenschlicht die Pal\u00e4stinenser, so dass die gro\u00dfe Mehrheit der israelischen Juden die eben genannten Ma\u00dfnahmen bef\u00fcrwortet. Israels hochrangigste Staatsvertreter haben die Entmenschlichung betrieben, sie wird nach wie vor durch die staatliche Infrastruktur und das Milit\u00e4r unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die Entmenschlichung herrscht auch in der Zivilgesellschaft vor. \u00dcber Pal\u00e4stinenser in einer v\u00f6lkerm\u00f6rderischen Sprache zu sprechen, ist im israelischen Diskurs zul\u00e4ssig. Die Entmenschlichung f\u00fchrt dazu, dass es gang und g\u00e4be ist, inhaftierte Pal\u00e4stinenser und die Zivilbev\u00f6lkerung von Gaza zu misshandeln und ihr Eigentum zu zerst\u00f6ren \u2013 und das alles praktisch ohne Folgen f\u00fcr die T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die meisten entmenschlichenden Inhalte werden von den Israelis selbst geteilt und durch pal\u00e4stinensische Zeugenaussagen best\u00e4tigt. Das Beweismaterial, das ich gesehen habe, weist darauf hin, dass es eines von Israels wahrscheinlichen Zielen ist, den Gazastreifen ethnisch zu s\u00e4ubern, teilweise oder ganz, indem man m\u00f6glichst viele Pal\u00e4stinenser von dort entfernt.<\/p>\n<p>Wichtige Mitglieder der israelischen Regierung best\u00e4tigen diese Absicht in ihren Aussagen, und mehrere Ministerien arbeiten auf dieses Ziel hin, bisweilen indem sie auf andere Staaten Druck aus\u00fcben. Israel hat bereits weite Teile des Gazastreifens ger\u00e4umt, indem es sie zerst\u00f6rt und mit Bulldozern plattgemacht hat. Dabei hat Israel auch versucht, die pal\u00e4stinensische Gesellschaft zu zerst\u00f6ren, indem es gezielt zivile Einrichtungen wie Universit\u00e4ten, Bibliotheken, Archive, religi\u00f6se Geb\u00e4ude, historische St\u00e4tten, Bauernh\u00f6fe, Schulen, Friedh\u00f6fe, Museen und M\u00e4rkte beschossen hat.<\/p>\n<p>Bisher sind mehr als 60 Prozent der Geb\u00e4ude im Gazastreifen zerst\u00f6rt oder besch\u00e4digt worden. Eines der Kriegsziele ist laut israelischer Regierung die Befreiung der Geiseln \u2013 von denen noch rund hundert von der Hamas gefangen gehalten werden. Belege zeigen, dass dieses Ziel im Vergleich zur ethnischen S\u00e4uberung eine geringe Priorit\u00e4t f\u00fcr die israelische Regierung hat. Bis heute hat Israel mittels Milit\u00e4roperationen sieben Geiseln befreit und viele andere Geiseln direkt oder indirekt durch seine Eins\u00e4tze get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es viele Belege daf\u00fcr, dass Israel die Verhandlungen zur Befreiung der Geiseln mehrmals ins Stocken kommen lie\u00df oder sie zu behindern versuchte. Mitglieder der israelischen Regierung haben auch die Familien der Geiseln angegriffen, und regierungsnahe Personen haben versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Der weltweite Fokus auf Gaza, bisweilen auf den Libanon, den Iran und Syrien, hat die Aufmerksamkeit von der Westbank abgelenkt.<\/p>\n<p>Dort haben Eins\u00e4tze durch das israelische Milit\u00e4r oder Siedler seit dem Beginn des Krieges zur T\u00f6tung von mehr als 700 Pal\u00e4stinensern, zur ethnischen S\u00e4uberung von mindestens 20 lokalen Gemeinschaften und zu einem drastischen Anstieg der Gewalt sowie des Missbrauchs und der Dem\u00fctigung von Pal\u00e4stinensern vonseiten des israelischen Staates und j\u00fcdischen Siedlern gef\u00fchrt. All dies wurde durch die starke Unterst\u00fctzung der meisten Medien in Israel und im Westen, vor allem in den USA, Gro\u00dfbritannien und Deutschland, erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Vom Beginn des Krieges an hat Israel eine Informationskampagne gef\u00fchrt, welche die Gr\u00e4uel der Angriffe des 7. Oktober hervorhob, mit zuverl\u00e4ssigen und unbelegten Behauptungen, mit der Einschr\u00e4nkung des Informationsflusses aus Gaza, der Diskreditierung kritischer Stimmen au\u00dferhalb Israels und der Einschr\u00e4nkung des innerisraelischen Diskurses, um die israelische \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr den Krieg zu gewinnen.<\/p>\n<p>Das resultiert darin, dass die israelischen Medien und der israelische Diskurs weiterhin \u00fcberwiegend kritiklos f\u00fcr den Krieg sind und sich viele Institutionen und Individuen selbst zensieren. Mit den US-Mainstreammedien verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich. Gr\u00fcndliche Recherchen zur israelischen Hetzkampagne gegen UNRWA und das st\u00e4ndige Anzweifeln der pal\u00e4stinensischen Todeszahlen zeigen, dass wir es in beiden F\u00e4llen mit substanzloser Propaganda zu tun haben.<\/p>\n<p>All dies f\u00fchrt dazu, dass israelische Gewalt und israelisches Handeln als normal und legitim dargestellt und die Aufmerksamkeit von der Realit\u00e4t in Gaza abgelenkt wird und tr\u00e4gt somit dazu bei, die Pal\u00e4stinenser zu entmenschlichen. Die nahezu bedingungslose Unterst\u00fctzung der USA ist wesentlich f\u00fcr die israelische Kriegsf\u00fchrung. Diese Unterst\u00fctzung erfolgte in Form von Milit\u00e4rhilfe, der Stationierung von US-Milit\u00e4r, eiserner diplomatischer Unterst\u00fctzung, insbesondere bei den Vereinten Nationen, und indem man Israel von den Mechanismen der US-Aufsicht und ernstzunehmender Rechenschaftspflicht befreite.<\/p>\n<p>Trotz bisweilen kritischer Rhetorik haben die USA Israel de facto beispiellos unterst\u00fctzt. Andersdenkende in den USA \u2013 seien es Regierungsmitarbeiter oder auch gro\u00dfe Gruppen in der US-Gesellschaft \u2013 hatten wenig bis gar keinen Einfluss auf die US-Politik. Ich untersuche insbesondere drei Ereignisse n\u00e4her: Die zweite Razzia im al-Shifa-Krankenhaus Ende M\u00e4rz 2024. Die Studentenproteste in den USA im April und Mai 2024. Die Milit\u00e4roperation im n\u00f6rdlichen Gazastreifen im Oktober und November 2024, die noch immer im Gange ist. Die Belege, die ich gesehen und beschrieben habe, reichen f\u00fcr mich aus, zu dem Schluss zu kommen: Das, was Israel derzeit der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung in Gaza antut, stimmt mit der Definition von V\u00f6lkermord, wie ich sie verstehe, \u00fcberein. In den beiden Anh\u00e4ngen des Dokuments erl\u00e4utere ich meine Gr\u00fcnde f\u00fcr die Verwendung dieses Begriffs und diskutiere meine Methodik.<\/p>\n<p><strong>Teil B<\/strong><\/p>\n<p><strong>A Massive Database of Evidence, Compiled by a Historian, Documents Israel\u2019s War Crimes in Gaza<\/strong><\/p>\n<p>A woman with a child is shot while waving a white flag \u25a0 Starving girls are crushed to death in line for bread \u25a0 A cuffed 62-year-old man is run over, evidently by a tank \u25a0 An aerial strike targets people trying to help a wounded boy \u25a0 A database of thousands of videos, photos, testimonies, reports and investigations documents the horrors committed by Israel in Gaza<\/p>\n<p>Nir Hasson<\/p>\n<p>Dec 5, 2024<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/israel-news\/2024-12-05\/ty-article-magazine\/.highlight\/massive-database-of-evidence-compiled-by-a-historian-details-israels-war-crimes-in-gaza\/00000193-979b-d408-a7d3-bfdbf1410000\">Zum Original<\/a><\/p>\n<p>(\u2026)<\/p>\n<p><strong>Ins Deutsche \u00fcbertragen:<\/strong><\/p>\n<p>Eine von einem Historiker zusammengestellte umfangreiche Datenbank mit Beweisen dokumentiert Israels Kriegsverbrechen in Gaza<\/p>\n<p>Eine Frau mit Kind wird erschossen, w\u00e4hrend sie eine wei\u00dfe Fahne schwenkt \u25a0 Hungernde M\u00e4dchen werden in der Schlange f\u00fcr Brot zu Tode gequetscht \u25a0 Ein gefesselter 62-j\u00e4hriger Mann wird \u00fcberrollt, offensichtlich von einem Panzer \u25a0 Ein Luftangriff zielt auf Menschen, die versuchen, einem verletzten Jungen zu helfen \u25a0 Eine Datenbank mit Tausenden von Videos, Fotos, Zeugenaussagen, Berichten und Untersuchungen dokumentiert die von Israel in Gaza begangenen Gr\u00e4ueltaten<\/p>\n<p>Nir Hasson, 5. Dezember 2024<\/p>\n<p>Die Fu\u00dfnote Nr. 379 des sorgf\u00e4ltig recherchierten, umfangreichen Dokuments, das der Historiker Lee Mordechai verfasst hat, enth\u00e4lt einen Link zu einem Videoclip. Das Filmmaterial zeigt einen gro\u00dfen Hund, der inmitten von B\u00fcschen an etwas nagt. \u201cWai, wai, er hat den Terroristen mitgenommen, der Terrorist ist weg \u2013 weg im doppelten Sinne\u201d, sagt der Soldat, der gefilmt hat, wie der Hund einen Leichnam frisst. Nach ein paar Sekunden hebt der Soldat die Kamera und f\u00fcgt hinzu: \u201cAber was f\u00fcr ein herrlicher Anblick, ein herrlicher Sonnenuntergang. Eine rote Sonne geht \u00fcber dem Gaza-Streifen unter\u201d. Auf jeden Fall ein sch\u00f6ner Sonnenuntergang.<\/p>\n<p>Der Bericht, den Dr. Mordechai online zusammengestellt hat \u2013 \u201cBearing Witness to the Israel-Gaza War\u201d \u2013 ist die methodischste und detaillierteste Dokumentation in hebr\u00e4ischer Sprache (es gibt auch eine englische \u00dcbersetzung) \u00fcber die Kriegsverbrechen, die Israel in Gaza begeht. Es ist eine schockierende Anklageschrift mit Tausenden von Eintr\u00e4gen \u00fcber den Krieg, die Handlungen der Regierung, der Medien, der israelischen Verteidigungskr\u00e4fte und der israelischen Gesellschaft im Allgemeinen. Die englische \u00dcbersetzung der siebten und bisher letzten Fassung des Textes ist 124 Seiten lang und enth\u00e4lt \u00fcber 1.400 Fu\u00dfnoten, die sich auf Tausende von Quellen beziehen, darunter Augenzeugenberichte, Videomaterial, Untersuchungsmaterial, Artikel und Fotos.<\/p>\n<p>So gibt es beispielsweise Links zu Texten und anderen Zeugnissen, in denen Handlungen beschrieben werden, die IDF-Soldaten zugeschrieben werden, die gesehen wurden, wie sie auf Zivilisten schossen, die wei\u00dfe Fahnen schwenkten, wie sie Personen, Gefangene und Leichen misshandelten, wie sie fr\u00f6hlich H\u00e4user, verschiedene Strukturen und Einrichtungen, religi\u00f6se St\u00e4tten besch\u00e4digten oder zerst\u00f6rten und pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde pl\u00fcnderten, wie sie wahllos ihre Waffen abfeuerten, wie sie auf einheimische Tiere schossen, wie sie Privateigentum zerst\u00f6rten, wie sie B\u00fccher in Bibliotheken verbrannten, wie sie pal\u00e4stinensische und islamische Symbole verunstalteten (einschlie\u00dflich der Verbrennung von Koranen und der Verwandlung von Moscheen in Speiser\u00e4ume).<\/p>\n<p>Ein Link f\u00fchrt die Leser zu einem Video, das einen Soldaten in Gaza zeigt, der ein gro\u00dfes Schild aus einem Friseursalon in der Stadt Yehud in Zentralisrael schwenkt, w\u00e4hrend um ihn herum Leichen verstreut sind. Andere Links f\u00fchren zu Aufnahmen von Soldaten, die im Gazastreifen eingesetzt sind und das Buch Esther lesen, wie es am Purimfest \u00fcblich ist, aber jedes Mal, wenn der Name des b\u00f6sen Haman f\u00e4llt, sch\u00fctteln sie nicht einfach die traditionellen Krachmacher, sondern feuern eine M\u00f6rsergranate ab. Ein Soldat ist zu sehen, wie er gefesselte Gefangene mit verbundenen Augen zwingt, seine Familie zu gr\u00fc\u00dfen und zu sagen, dass sie seine Sklaven sein wollen. Soldaten werden mit Geldstapeln fotografiert, die sie aus H\u00e4usern in Gaza gepl\u00fcndert haben. Man sieht einen IDF-Bulldozer, der einen gro\u00dfen Haufen Lebensmittelpakete einer humanit\u00e4ren Hilfsorganisation zerst\u00f6rt. Ein Soldat singt das Kinderlied \u201cN\u00e4chstes Jahr brennen wir die Schule ab\u201d \u2013 w\u00e4hrend im Hintergrund eine Schule in Flammen steht. Und es gibt zahlreiche Clips, in denen Soldaten gepl\u00fcnderte Frauenunterw\u00e4sche vorf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Fu\u00dfnote Nr. 379 erscheint in einem Unterabschnitt mit dem Titel \u201cEntmenschlichung in den IDF\u201d, der zu dem Kapitel \u201cIsraelischer Diskurs und Entmenschlichung der Pal\u00e4stinenser\u201d geh\u00f6rt. Es enth\u00e4lt Hunderte von Beispielen f\u00fcr das grausame Verhalten der israelischen Gesellschaft und der staatlichen Institutionen gegen\u00fcber den leidenden Bewohnern des Gazastreifens \u2013 von einem Premierminister, der von Amalek spricht, \u00fcber die Zahl von 18.000 Aufrufen von Israelis in den sozialen Medien, den Gazastreifen platt zu machen, bis hin zu israelischen \u00c4rzten, die die Bombardierung von Krankenh\u00e4usern in Gaza unterst\u00fctzen, bis hin zu einem Komiker, der Witze \u00fcber den Tod von Pal\u00e4stinensern macht, und einem Kinderchor, der zur Melodie des kultigen Liedes \u201cShir Hare\u2019ut\u201d (Lied der Kameradschaft) aus der Zeit des Unabh\u00e4ngigkeitskrieges singt: \u201cInnerhalb eines Jahres werden wir alle vernichten und dann werden wir zur\u00fcckkehren, um unsere Felder zu pfl\u00fcgen\u201d.<\/p>\n<p>Die Links in \u201cBearing Witness to the Israel-Gaza War\u201d f\u00fchren auch zu grafischen Aufnahmen von Leichen, die in allen m\u00f6glichen Zust\u00e4nden verstreut sind, von Menschen, die unter Tr\u00fcmmern erdr\u00fcckt wurden, von Blutlachen und von den Schreien von Menschen, die in einem Augenblick ihre ganze Familie verloren haben. Es gibt Belege f\u00fcr die T\u00f6tung von Behinderten, Dem\u00fctigungen und sexuelle \u00dcbergriffe, das Abfackeln von H\u00e4usern, erzwungenen Hunger, willk\u00fcrliche Erschie\u00dfungen, Pl\u00fcnderungen, Missbrauch von Leichen und vieles mehr.<\/p>\n<p>Auch wenn nicht jedes einzelne Zeugnis best\u00e4tigt werden kann, so ergibt sich doch das Bild einer Armee, die im besten Fall die Kontrolle \u00fcber viele Einheiten verloren hat, deren Soldaten taten, was ihnen gerade in den Sinn kam, und die im schlimmsten Fall zul\u00e4sst, dass ihr Personal die grausamsten Kriegsverbrechen begeht, die man sich vorstellen kann.<\/p>\n<p>Mordechai f\u00fchrt Beweise f\u00fcr die entsetzlichen Zwangslagen an, in die der Krieg die Menschen im Gazastreifen gebracht hat. Ein Arzt, der seiner Nichte auf dem K\u00fcchentisch das Bein amputiert, ohne Bet\u00e4ubung, mit einem K\u00fcchenmesser. Menschen, die Pferdefleisch und Gras essen oder Meerwasser trinken, um ihren Hunger zu stillen. Frauen, die gezwungen werden, in einem \u00fcberf\u00fcllten Klassenzimmer zu geb\u00e4ren. \u00c4rzte, die hilflos zusehen, wie Verwundete sterben, weil es keine M\u00f6glichkeit gibt, ihnen zu helfen. Hungernde Frauen, die in einer chaotischen Schlange vor eine B\u00e4ckerei gedr\u00e4ngt werden; dem Bericht zufolge wurden zwei M\u00e4dchen, 13 und 17 Jahre alt, und eine 50-j\u00e4hrige Frau bei diesem Vorfall zu Tode gequetscht.<\/p>\n<p>In den DP-Lagern im Gazastreifen gab es laut \u201cBearing Witness\u201d im Januar durchschnittlich eine Toilettenkabine f\u00fcr 220 Menschen und eine Dusche f\u00fcr 4.500 Menschen. Zahlreiche \u00c4rzte und Gesundheitsorganisationen berichteten, dass sich Infektionskrankheiten und Hautkrankheiten unter einer gro\u00dfen Zahl von Menschen im Gazastreifen ausbreiten.<\/p>\n<p>Lee Mordechai, 42, ein ehemaliger Offizier des IDF Combat Engineering Corps, ist derzeit Dozent f\u00fcr Geschichte an der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t Jerusalem und spezialisiert auf menschliche und nat\u00fcrliche Katastrophen in der Antike und im Mittelalter. Er hat \u00fcber die justinianische Pest im 6. Jahrhundert und den vulkanischen Winter, der 536 n. Chr. die n\u00f6rdliche Hemisph\u00e4re heimsuchte, geschrieben. Er hat sich dem Thema der Gaza-Katastrophe auf akademisch-historische Weise gen\u00e4hert, mit trockener Prosa und wenigen Adjektiven, wobei er sich der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Vielfalt von Prim\u00e4rquellen bediente; seine Schrift ist frei von Interpretationen und offen f\u00fcr \u00dcberpr\u00fcfung und Revision. Gerade deshalb sind die Gesichter, die sich in seinem Text widerspiegeln, so entsetzlich.<\/p>\n<p>\u201cIch hatte das Gef\u00fchl, dass ich nicht mehr in meiner Blase leben kann, dass es hier um Kapitalverbrechen geht und dass das, was hier passiert, einfach zu gro\u00df ist und den Werten widerspricht, mit denen ich hier aufgewachsen bin\u201d, sagt Mordechai. \u201cIch bin nicht darauf aus, Leute zu konfrontieren oder zu streiten. Ich habe das Dokument geschrieben, damit es ver\u00f6ffentlicht wird. Damit die Menschen in einem halben Jahr oder in einem Jahr oder in f\u00fcnf Jahren oder in 10 oder in 100 Jahren zur\u00fcckblicken und sehen k\u00f6nnen, dass dies bekannt war, dass es m\u00f6glich war, dies bereits im Januar oder im M\u00e4rz dieses Jahres zu wissen, und dass diejenigen unter uns, die es nicht wussten, sich entschieden, es nicht zu wissen.<\/p>\n<p>\u201cMeine Rolle als Historiker\u201d, so f\u00e4hrt er fort, \u201cbesteht darin, denen eine Stimme zu geben, die ihre eigene Stimme nicht erheben k\u00f6nnen, ob es sich nun um Eunuchen im 11. Ich versuche bewusst, nicht an die Emotionen der Menschen zu appellieren, und verwende keine Worte, die umstritten oder unklar sein k\u00f6nnten. Ich spreche nicht \u00fcber Terroristen oder \u00fcber Zionismus oder Antisemitismus. Ich versuche, eine so kalte und trockene Sprache wie m\u00f6glich zu verwenden und mich an die Fakten zu halten, wie ich sie verstehe.\u201d<\/p>\n<p>Mordechai befand sich auf einem Sabbatical in Princeton, als der Krieg ausbrach. Als er am 7. Oktober aufwachte, war es in Israel bereits Nachmittag. Innerhalb weniger Stunden erkannte er, dass es eine Diskrepanz zwischen dem, was die \u00d6ffentlichkeit in Israel sah, und der Realit\u00e4t gab. Dieses Verst\u00e4ndnis stammte aus einem alternativen System f\u00fcr den Erhalt von Informationen, das er neun Jahre zuvor f\u00fcr sich selbst geschaffen hatte.<\/p>\n<p>\u201c2014, w\u00e4hrend der Operation Protective Edge [in Gaza], kehrte ich von meinem Promotionsstudium in den Vereinigten Staaten und von Forschungsarbeiten auf dem Balkan zur\u00fcck. Damals hatte ich das Gef\u00fchl, dass es in Israel keinen offenen Diskurs gab; alle sagten das Gleiche. Also bem\u00fchte ich mich bewusst um den Zugang zu alternativen Informationsquellen \u2013 [auf der Grundlage von] ausl\u00e4ndischen Medien, Blogs, sozialen Medien. Das \u00e4hnelt auch meiner Arbeit als Historiker, der Suche nach Prim\u00e4rquellen. So schuf ich f\u00fcr mich eine Art pers\u00f6nliches System, um zu verstehen, was in der Welt passiert. Am 7. Oktober aktivierte ich das System und merkte recht schnell, dass die \u00d6ffentlichkeit in Israel eine Verz\u00f6gerung von Stunden erlebte \u2013 Ynet brachte eine Meldung \u00fcber eine m\u00f6gliche Geiselnahme, aber ich hatte bereits Clips von Entf\u00fchrungen gesehen. Es entsteht eine Dissonanz zwischen dem, was \u00fcber die Realit\u00e4t der Situation gesagt wird, und der tats\u00e4chlichen Realit\u00e4t, und dieses Gef\u00fchl verst\u00e4rkt sich.\u201d<\/p>\n<p>Der Bericht enth\u00e4lt \u00fcber 1.400 Fu\u00dfnoten, die sich auf Tausende von Quellen beziehen. Er beschreibt detailliert, wie israelische Truppen auf Zivilisten schie\u00dfen, die wei\u00dfe Fahnen schwenken, Personen, Gefangene und Leichen misshandeln, wahllos ihre Waffen abfeuern, fr\u00f6hlich H\u00e4user zerst\u00f6ren, B\u00fccher verbrennen und islamische Symbole verunstalten.<\/p>\n<p>Die Diskrepanz zwischen dem, was Mordechai entdeckt hat, und den Informationen, die in den israelischen und ausl\u00e4ndischen Medien erscheinen, ist sogar noch gr\u00f6\u00dfer geworden. \u201cDie bekannteste Geschichte zu Beginn des Krieges war die \u00fcber die Enthauptung von 40 israelischen S\u00e4uglingen am 7. Oktober. Diese Geschichte sorgte f\u00fcr viele Schlagzeilen in den internationalen Medien, aber wenn man sie mit der offiziellen Liste der Get\u00f6teten vergleicht, merkt man sehr schnell, dass das nicht passiert ist.\u201d<\/p>\n<p>Mordechai begann, die Berichte aus Gaza in den sozialen Medien und in den internationalen Medien zu verfolgen. \u201cVon Anfang an bekam ich eine Flut von Bildern der Zerst\u00f6rung und des Leids, und man begreift, dass es zwei getrennte Welten gibt, die nicht miteinander reden. Ich brauchte ein paar Monate, um herauszufinden, was meine Rolle hier war. Im Dezember reichte S\u00fcdafrika seine formelle Anklage wegen V\u00f6lkermordes gegen Israel auf 84 detaillierten Seiten mit zahlreichen Verweisen auf Quellen ein, die \u00fcberpr\u00fcft werden konnten.<\/p>\n<p>\u201cIch glaube nicht, dass man alles als Beweis akzeptieren muss\u201d, f\u00fcgt er hinzu, \u201caber man muss sich damit auseinandersetzen, sehen, worauf es beruht, und die Implikationen bedenken. Zu Beginn des Krieges wollte ich nach Israel zur\u00fcckkehren, um ehrenamtliche Arbeit f\u00fcr eine zivilgesellschaftliche Organisation zu leisten, aber aus famili\u00e4ren Gr\u00fcnden konnte ich das nicht. Ich beschloss, die freie Zeit, die ich w\u00e4hrend des Sabbaticals in Princeton hatte, zu nutzen, um zu versuchen, die \u00d6ffentlichkeit in Israel aufzukl\u00e4ren, die nur lokale Medien konsumiert.\u201d<\/p>\n<p>Die erste Version von \u201cBearing Witness\u201d, gerade einmal acht Seiten lang, ver\u00f6ffentlichte er am 9. Januar. Die Zahl der im Gazastreifen Get\u00f6teten lag damals nach Angaben des Gesundheitsministeriums, das offiziell als pal\u00e4stinensisches Gesundheitsministerium Gaza bezeichnet wird, bei 23.210. \u201cIch glaube nicht, dass das hier Geschriebene zu einer \u00c4nderung der Politik f\u00fchren oder viele Menschen \u00fcberzeugen wird\u201d, schrieb er zu Beginn des Dokuments. \u201cVielmehr schreibe ich dies \u00f6ffentlich als Historiker und israelischer Staatsb\u00fcrger, um meinen pers\u00f6nlichen Standpunkt zu der schrecklichen aktuellen Situation in Gaza zu Protokoll zu geben, so wie sich die Ereignisse entwickeln. Ich schreibe als Einzelperson, auch weil viele akademische Institutionen vor Ort zu diesem Thema entt\u00e4uschend schweigen, vor allem diejenigen, die gut positioniert sind, um sich dazu zu \u00e4u\u00dfern, auch wenn einige meiner Kollegen mutig ihre Stimme erhoben haben.\u201d<\/p>\n<p>Seitdem hat Mordechai Hunderte von Stunden mit dem Sammeln von Informationen und dem Verfassen von Texten verbracht und das Dokument, das auf der von ihm eingerichteten Website erscheint, st\u00e4ndig aktualisiert. Seit er mit diesem Projekt begonnen hat, hat er seine Arbeitsweise verbessert: Er stellt Berichte aus verschiedenen Quellen akribisch in einer Excel-Tabelle zusammen, aus der er nach weiterer Pr\u00fcfung die Punkte ausw\u00e4hlt, die im Text erw\u00e4hnt werden sollen. Er nutzt eine Vielzahl von Quellen: von Zivilisten gedrehtes Filmmaterial, Medienartikel, Berichte der Vereinten Nationen und anderer internationaler Organisationen, soziale Medien, Blogs und so weiter.<\/p>\n<p>Er r\u00e4umt zwar ein, dass einige der Quellen nicht den journalistischen oder anderen ethischen Standards entsprechen, doch Mordechai steht zur Glaubw\u00fcrdigkeit seiner Dokumentation. \u201cEs ist nicht so, dass ich alles kopiere, was sich jemand anderes ausgedacht hat. Andererseits ist klar, dass es eine L\u00fccke gibt zwischen dem, was es gibt, und dem, was wir eigentlich gerne sehen w\u00fcrden: Wir w\u00fcrden uns w\u00fcnschen, dass jeder Vorfall im Gazastreifen von zwei unabh\u00e4ngigen und nicht abh\u00e4ngigen internationalen Organisationen ordnungsgem\u00e4\u00df untersucht wird, aber das wird nicht passieren.\u201d<\/p>\n<p>\u201cIch pr\u00fcfe also, wer berichtet, ob er beim L\u00fcgen ertappt wurde, ob es einen gemeinn\u00fctzigen Verein oder einen Blogger gibt, der Informationen verbreitet hat, die nachweislich falsch sind \u2013 und wenn das der Fall ist, verwende ich sie nicht mehr und l\u00f6sche sie. Ich gebe neutralen Quellen wie Menschenrechtsorganisationen und der UNO mehr Gewicht und f\u00fchre eine Art Synthese zwischen den Quellen durch, um zu sehen, ob sie [die Informationen] konsistent sind. Au\u00dferdem arbeite ich sehr offen und lade jeden ein, der mich \u00fcberpr\u00fcfen m\u00f6chte. Ich w\u00fcrde mich sehr freuen, wenn ich feststellen w\u00fcrde, dass ich mich in den Dingen, die ich geschrieben habe, geirrt habe, aber das ist nicht der Fall. Bis jetzt musste ich nur sehr wenige Korrekturen vornehmen.\u201d<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre von Mordechais Bericht hilft, den Nebel zu lichten, der die Israelis seit Ausbruch des Krieges umh\u00fcllt. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Zahl der Todesopfer: Der Krieg vom 7. Oktober ist der erste Krieg, in dem Israel keinerlei Anstrengungen unternimmt, die Zahl der Toten auf der anderen Seite zu ermitteln. In Ermangelung anderer Quellen verlassen sich viele Menschen in der Welt \u2013 ausl\u00e4ndische Regierungen, Medien, internationale Organisationen \u2013 auf die Berichte des pal\u00e4stinensischen Gesundheitsministeriums Gaza, die als sehr glaubw\u00fcrdig gelten. Israel bem\u00fcht sich, die Zahlen des Ministeriums zu dementieren. In den lokalen Medien wird in der Regel darauf hingewiesen, dass die Quelle dieser Daten das \u201cGesundheitsministerium der Hamas\u201d ist.<\/p>\n<p>Die New York Times, ABC, CNN, die BBC, internationale Organisationen und die israelische Menschenrechtsorganisation B\u2019Tselem ver\u00f6ffentlichten die Ergebnisse ihrer eigenen Untersuchungen von Vorf\u00e4llen von Folter, Misshandlung, Vergewaltigung und anderen Grausamkeiten gegen pal\u00e4stinensische Gefangene in der IDF-Basis Sde Teiman im Negev und anderen Einrichtungen. Amnesty International untersuchte vier Vorf\u00e4lle, bei denen es weder ein milit\u00e4risches Ziel noch eine Rechtfertigung f\u00fcr einen Angriff gab und bei denen IDF-Kr\u00e4fte insgesamt 95 Zivilisten t\u00f6teten.<\/p>\n<p>Eine Ende M\u00e4rz von Yaniv Kubovich in Haaretz ver\u00f6ffentlichte Untersuchung zeigte, dass die IDF \u201cT\u00f6tungszonen\u201d geschaffen haben, in denen viele Zivilisten erschossen wurden, nachdem sie eine von einem Feldkommandeur festgelegte imagin\u00e4re Linie \u00fcberschritten hatten; die Opfer wurden nach ihrem Tod als Terroristen eingestuft. Die BBC hat die Sch\u00e4tzungen der IDF \u00fcber die Zahl der von ihren Streitkr\u00e4ften get\u00f6teten Terroristen im Allgemeinen in Zweifel gezogen; CNN berichtete ausf\u00fchrlich \u00fcber einen Vorfall, bei dem eine ganze Familie ausgel\u00f6scht wurde; NBC untersuchte einen Angriff auf Zivilisten in so genannten humanit\u00e4ren Zonen; das Wall Street Journal best\u00e4tigte, dass sich die IDF auf Berichte \u00fcber Todesopfer im Gazastreifen st\u00fctzte, die vom pal\u00e4stinensischen Gesundheitsministerium ver\u00f6ffentlicht wurden; AP behauptete in einem ausf\u00fchrlichen Bericht, dass die IDF nur ein einziges verl\u00e4ssliches Beweisst\u00fcck vorgelegt hatte, das zeigte, dass die Hamas auf dem Gel\u00e4nde eines Krankenhauses operierte \u2013 den Tunnel, der im Hof des Shifa-Krankenhauses entdeckt wurde; The New Yorker und The Telegraph ver\u00f6ffentlichten die Ergebnisse umfangreicher Untersuchungen von F\u00e4llen, bei denen Kindern Gliedma\u00dfen amputiert werden mussten, und es gibt noch viel mehr \u2013 all das wird in \u201cBearing Witness\u201d erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Nicht enthalten ist ein Bericht, der erst diese Woche vom pal\u00e4stinensischen Gesundheitsministerium Gaza ver\u00f6ffentlicht wurde und aus dem hervorgeht, dass seit dem 7. Oktober 1.140 Familien aus dem \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerungsregister ausgel\u00f6scht wurden \u2013 h\u00f6chstwahrscheinlich Opfer von Luftangriffen.<\/p>\n<p>Mordechai zitiert zahlreiche Artikel, die sich auf die laxen Einsatzregeln der IDF im Gazastreifen beziehen. Ein Clip zeigt eine Gruppe von Fl\u00fcchtlingen mit einer Frau an der Spitze, die ihren Sohn in einer Hand und eine wei\u00dfe Fahne in der anderen h\u00e4lt; man sieht, wie auf sie geschossen wird, wahrscheinlich von einem Scharfsch\u00fctzen, und sie zusammenbricht, w\u00e4hrend das Kind ihre Hand fallen l\u00e4sst und um sein Leben flieht. Ein weiterer Vorfall, \u00fcber den Ende Oktober viel berichtet wurde, zeigt den 13-j\u00e4hrigen Mohammed Salem, der um Hilfe schreit, nachdem er bei einem Angriff der Luftwaffe verwundet wurde; als sich Menschen n\u00e4hern, um Hilfe zu leisten, werden sie von einem weiteren solchen Angriff getroffen. Salem und ein weiterer Jugendlicher wurden get\u00f6tet, \u00fcber 20 Menschen wurden verletzt.<\/p>\n<p>Mordechai r\u00e4umt ein, dass das Betrachten der visuellen Zeugnisse des Krieges sein Herz abgeh\u00e4rtet hat \u2013 heute kann er selbst die schrecklichsten Szenen sehen. \u201cAls die ISIS-Videos [vor Jahren] ver\u00f6ffentlicht wurden, habe ich sie mir nicht angesehen. Aber hier habe ich gef\u00fchlt, dass es meine Pflicht ist, denn das wird in meinem Namen gemacht, also muss ich es sehen, um zu vermitteln, was ich gesehen habe. Was wichtig ist, ist die Menge; es sind Kinder und wieder Kinder und noch einmal Kinder.<\/p>\n<p>Auf die Frage, welches der Tausenden von Bildern, ob Videos oder Standbilder, von toten, verwundeten oder leidenden Menschen ihn am meisten beeindruckt hat, denkt Mordechai nach und nennt das Foto der Leiche eines Mannes, der sp\u00e4ter als Jamal Hamdi Hassan Ashour identifiziert wurde. Ashour, 62, wurde Berichten zufolge im M\u00e4rz von einem Panzer \u00fcberrollt, sein K\u00f6rper war bis zur Unkenntlichkeit verst\u00fcmmelt. Pal\u00e4stinensischen Quellen zufolge zeugte ein Kabelbinder an einer seiner H\u00e4nde davon, dass er zuvor festgenommen worden war. Das Bild wurde auf einem israelischen Telegram-Kanal mit der Bildunterschrift \u201cDas wird euch gefallen!\u201d ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>\u201cSo etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen\u201d, sagt Mordechai gegen\u00fcber Haaretz. \u201cAber noch schlimmer war die Tatsache, dass das Bild von Soldaten in einer israelischen Telegram-Gruppe geteilt wurde und sehr wohlwollende Reaktionen erhielt.\u201d Neben den Informationen \u00fcber Ashour bietet \u201cBearing Witness\u201d Links zu Bildern einer Reihe anderer Leichen, deren Zustand darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass sie von gepanzerten Fahrzeugen \u00fcberfahren wurden. In einem Fall handelte es sich laut einem pal\u00e4stinensischen Bericht um eine Mutter und ihren Sohn.<\/p>\n<p>Ein Fall, der nur in einer Fu\u00dfnote erw\u00e4hnt wird, zeugt von Fragen im Zusammenhang mit Mordechais Methoden und den Dilemmata, mit denen er konfrontiert war. Ende M\u00e4rz strahlte Al Jazeera ein Interview mit einer Frau aus, die in das Shifa-Krankenhaus in Gaza kam und sagte, dass IDF-Soldaten Frauen vergewaltigt h\u00e4tten. Kurz darauf stritt die Familie der Frau die Anschuldigungen ab, und Al Jazeera l\u00f6schte den Bericht, doch viele Menschen hegten weiterhin Zweifel.<\/p>\n<p>\u201cNach meiner Methodik ist der Bericht nach der L\u00f6schung durch Al Jazeera nicht mehr glaubw\u00fcrdig, und es ist nicht passiert\u201d, sagt Mordechai. \u201cAber ich frage mich auch: Vielleicht trage ich dazu bei, dass diese Frau zum Schweigen gebracht wird? Und das Schweigen geschieht nicht aus Gr\u00fcnden der Wahrheitsfindung, sondern im Namen der Ehre der Frau und ihrer Familie. Ist es perfekt? Es ist nicht perfekt, aber letztendlich bin ich ein Mensch und muss mich entscheiden. Also habe ich in einer Fu\u00dfnote erkl\u00e4rt, dass es sich um die Behauptung einer Frau handelt, und ich habe hinzugef\u00fcgt, dass sie \u201cmit ziemlicher Sicherheit falsch\u201d ist, um meine Vorbehalte auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>\u201cIch garantiere nicht, dass jede einzelne Zeugenaussage absolut zuverl\u00e4ssig ist. In der Tat wei\u00df niemand genau, was in Gaza passiert \u2013 nicht die internationalen Medien, sicherlich nicht die Israelis und nicht einmal die IDF. In \u2018Bearing Witness\u2019 behaupte ich, dass das Verstummen der Stimmen aus dem Gazastreifen \u2013 die Einschr\u00e4nkung der Informationen, die von dort kommen \u2013 Teil der Arbeitsmethode ist, die den Krieg m\u00f6glich macht. Ich stehe hinter der Synthese, die ich verwende, und ich w\u00fcnschte, ich l\u00e4ge falsch. Aber von israelischer Seite gibt es nichts. Ich spreche von Beweisen \u2013 bringt mir Beweise!\u201d<\/p>\n<p>Ein Fall, der in dem Dokument beschrieben wird, auch wenn es vielen Israelis schwer fallen wird, dies zu glauben, bezieht sich auf den Einsatz einer Drohne durch die IDF, die Ger\u00e4usche eines weinenden S\u00e4uglings abgab, um festzustellen, wo sich Zivilisten aufhielten und sie vielleicht aus ihrem Schutzraum herauszulocken. In dem Video, auf das Mordechai verweist, ist ein Weinen zu h\u00f6ren und die Lichter einer Drohne zu sehen.<\/p>\n<p>\u201cWir wissen, dass es Drohnen mit Lautsprechern gibt, vielleicht macht sich ein gelangweilter Soldat einen Spa\u00df daraus und die Pal\u00e4stinenser empfinden es als schrecklich\u201d, sagt er. \u201cAber ist es wirklich so weit hergeholt, dass ein Soldat, anstatt sich mit H\u00f6schen und BHs filmen zu lassen oder die Sprengung einer Stra\u00dfe seiner Frau zu widmen, so etwas tut? Es mag erfunden sein, aber es passt zu dem, was ich sehe.\u201d Diese Woche strahlte Al Jazeera einen investigativen Bericht \u00fcber die so genannten weinenden Drohnen aus und behauptete, ihr Einsatz sei von einer Reihe von Augenzeugen best\u00e4tigt worden, die alle die gleiche Geschichte erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p>\u201cWir k\u00f6nnen immer noch \u00fcber solche anekdotischen Berichte streiten, aber es ist schwieriger, dies zu tun, wenn wir mit Bergen von fundierteren Berichten konfrontiert werden\u201d, bemerkt Mordechai. \u201cDutzende amerikanischer \u00c4rzte, die als Freiwillige in Gaza arbeiteten, berichteten zum Beispiel, dass sie fast jeden Tag Kinder sahen, denen in den Kopf geschossen worden war \u2013 wie ist das zu erkl\u00e4ren? Versuchen wir \u00fcberhaupt, das zu erkl\u00e4ren oder zu verkraften?\u201d<\/p>\n<p>In den drei Jahren vor dem 7. Oktober wurden in Gaza mehr Kinder get\u00f6tet als in allen anderen Kriegen der Welt. Im ersten Monat des Krieges war die Zahl der get\u00f6teten Kinder zehnmal so hoch wie die Zahl derer, die innerhalb eines Jahres im Ukraine-Krieg get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p>Einer der H\u00f6hepunkte der Brutalit\u00e4t des israelischen Milit\u00e4rs im Gazastreifen wurde w\u00e4hrend des zweiten gro\u00dfen Angriffs auf das Shifa-Krankenhaus Mitte M\u00e4rz deutlich, f\u00fcgt der Historiker hinzu; er widmet diesem Ereignis sogar ein eigenes Kapitel. Die IDF behaupteten, dass das Krankenhaus damals ein Zentrum der Hamas-Aktivit\u00e4ten gewesen sei und dass es w\u00e4hrend der Razzia zu Schusswechseln gekommen sei, nach denen 90 Hamas-Angeh\u00f6rige verhaftet worden seien, einige von ihnen hochrangig.<\/p>\n<p>Die Besetzung von Shifa durch die IDF dauerte jedoch noch etwa zwei Wochen an. In dieser Zeit wurde das Krankenhaus nach pal\u00e4stinensischen Angaben zu einer Zone des Mordes und der Folter. Offenbar wurden 240 Patienten und medizinisches Personal eine Woche lang in einem der Geb\u00e4ude eingeschlossen, ohne Zugang zu Nahrungsmitteln. Die \u00c4rzte vor Ort berichteten, dass mindestens 22 Patienten starben. Eine Reihe von Augenzeugen, darunter auch Mitarbeiter, berichteten von Hinrichtungen. Ein von einem Soldaten aufgenommenes Video zeigt gefesselte H\u00e4ftlinge mit verbundenen Augen, die in einem Korridor mit dem Gesicht zur Wand sitzen. Den Quellen zufolge wurden nach dem R\u00fcckzug der IDF aus dem Krankenhaus Dutzende von Leichen im Hof entdeckt. Es gibt eine Reihe von Clips, die das Einsammeln der Leichen dokumentieren, von denen einige verst\u00fcmmelt sind, andere unter Tr\u00fcmmern begraben sind oder in gro\u00dfen Lachen aus geronnenem Blut liegen. Ein Seil war um den Arm eines der toten M\u00e4nner gebunden, was m\u00f6glicherweise darauf hindeutet, dass er vor seiner Ermordung gefesselt wurde.<\/p>\n<p>In den vergangenen zwei Monaten wurden im Rahmen der laufenden Milit\u00e4roperation im n\u00f6rdlichen Teil des Streifens weitere H\u00f6hepunkte der Brutalit\u00e4t erreicht. Die Operation begann am 5. Oktober. Die IDF schnitten Jabalya, Beit Lahia und Beit Hanoun von Gaza-Stadt ab, und die Bewohner wurden aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Viele taten dies, aber viele Tausende blieben in der belagerten Zone.<\/p>\n<p>In dieser Phase leitete die Armee das ein, was der ehemalige IDF-Stabschef und Verteidigungsminister Moshe Ya\u2019alon diese Woche als \u201cethnische S\u00e4uberung\u201d des Gebiets bezeichnete: Hilfsorganisationen durften das Gebiet nicht mehr betreten, das letzte Mehldepot wurde niedergebrannt und die letzten beiden B\u00e4ckereien geschlossen, und selbst die T\u00e4tigkeit von Zivilschutzteams, die Verletzte evakuierten, wurde verboten. Die Wasserversorgung wurde unterbrochen, Krankenwagen wurden au\u00dfer Gefecht gesetzt und die Krankenh\u00e4user wurden angegriffen.<\/p>\n<p>Die Hauptanstrengungen der Armee konzentrierten sich jedoch auf Luftangriffe. Fast jeden Tag meldeten Pal\u00e4stinenser Dutzende von Toten, wenn Wohnh\u00e4user und Schulen, die zu DP-Lagern geworden waren, bombardiert wurden. In Mordechais Bericht werden Dutzende von gut dokumentierten Berichten \u00fcber Bombenangriffe zitiert \u2013 Familien, die die Leichen ihrer Angeh\u00f6rigen in den Tr\u00fcmmern einsammeln, Beerdigungen in riesigen Massengr\u00e4bern, Verwundete, die mit Staub bedeckt sind, Erwachsene und Kinder unter Schock, schreiende Menschen, um die herum K\u00f6rperteile verstreut sind, und so weiter.<\/p>\n<p>In den vergangenen zwei Wochen hat Haaretz ihrerseits Anfragen an die IDF-Sprechereinheit gerichtet, die sich auf etwa 30 Vorf\u00e4lle beziehen, die meisten davon in Gaza, bei denen viele Zivilisten get\u00f6tet wurden. Die Einheit antwortete, dass sie die meisten von ihnen als ungew\u00f6hnliche Ereignisse eingestuft habe und sie zur weiteren Untersuchung an den Generalstab weitergeleitet worden seien.<\/p>\n<p>Mordechai weist die h\u00e4ufig zu h\u00f6rende Behauptung der Israelis, dass das, was in Gaza geschieht, im Vergleich zu anderen Kriegen nicht so schrecklich sei, rundweg zur\u00fcck. \u201cBearing Witness\u201d zeigt zum Beispiel, dass in den drei Jahren vor dem Krieg vom 7. Oktober mehr Kinder in Gaza get\u00f6tet wurden als in allen Kriegen der Welt. Bereits im ersten Monat des Krieges war die Zahl der toten Kinder zehnmal h\u00f6her als die Zahl der im Ukraine-Krieg Get\u00f6teten innerhalb eines Jahres.<\/p>\n<p>Im Gazastreifen sind mehr Journalisten get\u00f6tet worden als im gesamten Zweiten Weltkrieg. Laut einer von Yuval Avraham auf der Website Sicha Mekomit (Local Call) ver\u00f6ffentlichten Untersuchung \u00fcber die KI-Systeme, die bei den Bombenangriffen der IDF im Gazastreifen zum Einsatz kamen, wurde die Erlaubnis erteilt, bis zu 300 Zivilisten zu t\u00f6ten, um hochrangige Hamas-Mitglieder zu ermorden. Im Vergleich dazu geht aus den Dokumenten hervor, dass die amerikanischen Streitkr\u00e4fte nur ein Zehntel dieser Zahl \u2013 30 Zivilisten \u2013 im Falle eines M\u00f6rders von gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df als Yahya Sinwar get\u00f6tet haben: Osama Bin-Laden.<\/p>\n<p>Es muss keine Todeslager geben, um als V\u00f6lkermord zu gelten. Es kommt auf die Begehung von Taten und die Absicht an, und beides muss nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>In einem Untersuchungsbericht des Wall Street Journal hei\u00dft es, dass Israel in den ersten drei Monaten des Krieges mehr Bomben auf den Gazastreifen abgeworfen hat als die Vereinigten Staaten in sechs Jahren auf den Irak. Achtundvierzig Gefangene starben im vergangenen Jahr in israelischen Haftanstalten, verglichen mit neun in Guantanamo in den gesamten 20 Jahren seines Bestehens. Die Zahlen sind auch aufschlussreich, wenn es um die Todesopfer in den Kriegen anderer L\u00e4nder geht: Die Koalitionstruppen im Irak t\u00f6teten in f\u00fcnf Jahren 11.516 Zivilisten, und in den 20 Jahren des Krieges in Afghanistan wurden 46.319 Zivilisten get\u00f6tet. Nach den vorsichtigsten Sch\u00e4tzungen wurden seit dem 7. Oktober 2023 etwa 30.000 Zivilisten im Gazastreifen get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Mordechais Bericht spiegelt nicht nur die Schrecken wider, die sich im Gazastreifen ereignen, sondern auch die Gleichg\u00fcltigkeit Israels ihnen gegen\u00fcber. \u201cAm Anfang wurde versucht, die Invasion des Shifa-Krankenhauses zu rechtfertigen; heute gibt es nicht einmal mehr diesen Vorwand \u2013 man greift Krankenh\u00e4user an und es gibt keine \u00f6ffentliche Diskussion. Wir werden in keiner Weise mit den Folgen dieser Operationen fertig. Wenn man die sozialen Medien \u00f6ffnet, wird man von der Entmenschlichung \u00fcberflutet. Was macht das mit uns? Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, die ein ganz anderes Ethos hatte. Es gab immer faule \u00c4pfel, aber wenn man sich den Fall des Busses Nr. 300 [ein Ereignis im Jahr 1984, bei dem Shin-Bet-Agenten im Einsatz zwei Araber hinrichteten, die einen Bus entf\u00fchrt hatten] ansieht, wei\u00df man, wo wir heute stehen. Es ist wichtig f\u00fcr mich, einen Spiegel vorzuhalten, es ist wichtig f\u00fcr mich, dass diese Dinge an die \u00d6ffentlichkeit gelangen. Das ist meine Form des Widerstands.\u201d<\/p>\n<p><strong>Ein dunkles Geheimnis<\/strong><\/p>\n<p>In den neueren Versionen von \u201cBearing Witness\u201d hat Mordechai einen Anhang hinzugef\u00fcgt, in dem er erkl\u00e4rt, warum Israels Vorgehen im Gazastreifen seiner Meinung nach einen V\u00f6lkermord darstellt, ein Thema, auf das er in unserem Gespr\u00e4ch eingeht. \u201cWir m\u00fcssen die Art und Weise, wie wir als Israelis an V\u00f6lkermord denken \u2013 Gaskammern, Todeslager und der Zweite Weltkrieg \u2013 von dem Modell trennen, das in der [1948] Konvention \u00fcber die Verh\u00fctung und Bestrafung des V\u00f6lkermordes steht\u201d, erkl\u00e4rt er. \u201cEs muss keine Todeslager geben, um als V\u00f6lkermord zu gelten. Es kommt auf die Begehung von Taten und den Vorsatz an, und beides muss nachgewiesen werden. Was die Begehung von Taten betrifft, so handelt es sich um T\u00f6tung, aber nicht nur \u2013 [es gibt] auch die Verwundung von Menschen, die Entf\u00fchrung von Kindern und sogar blo\u00dfe Versuche, Geburten bei einer bestimmten Gruppe von Menschen zu verhindern. Was all diese Taten gemeinsam haben, ist die vors\u00e4tzliche Zerst\u00f6rung einer Gruppe.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDie Menschen, mit denen ich spreche, argumentieren im Allgemeinen nicht \u00fcber die durchgef\u00fchrten Handlungen, sondern \u00fcber die Absicht. Sie werden sagen, dass es kein Dokument gibt, das zeigt, dass Netanjahu oder [IDF-Stabschef] Herzl Halevi einen V\u00f6lkermord angeordnet haben. Aber es gibt Erkl\u00e4rungen und es gibt Zeugenaussagen. Viele, viele davon. S\u00fcdafrika hat ein 120-seitiges Dokument vorgelegt, das eine Vielzahl von Zeugenaussagen enth\u00e4lt, die den Vorsatz belegen. Der Journalist Yunes Tirawi sammelte in den sozialen Medien Erkl\u00e4rungen \u00fcber V\u00f6lkermord und ethnische S\u00e4uberung von mehr als 100 Personen mit Verbindungen zu den IDF \u2013 offenbar viele Reserveoffiziere.<\/p>\n<p>\u201cWas machen wir mit all dem? Aus meiner Sicht sprechen die Fakten. Ich sehe eine direkte Linie zwischen diesen Erkl\u00e4rungen, dem fehlenden Versuch, sich mit diesen Erkl\u00e4rungen auseinanderzusetzen, und der Realit\u00e4t vor Ort, die den Erkl\u00e4rungen entspricht.\u201d<\/p>\n<p>Die englischsprachige Version von \u201cBearing Witness\u201d bezieht sich auf Artikel von sechs f\u00fchrenden israelischen Beh\u00f6rden, die bereits erkl\u00e4rt haben, dass Israel ihrer Meinung nach einen V\u00f6lkermord begeht: Holocaust- und V\u00f6lkermord-Experte Omer Bartov; Holocaust-Forscher Daniel Blatman (der schrieb, dass das, was Israel im Gazastreifen tut, irgendwo zwischen ethnischer S\u00e4uberung und V\u00f6lkermord liegt); Historiker Amos Goldberg; Holocaust-Forscher Raz Segal; V\u00f6lkerrechtsexperte Itamar Mann; und Historiker Adam Raz.<\/p>\n<p>\u201cDie Definition ist weniger wichtig\u201d, sagt Mordechai. \u201cWichtig sind die Aktionen. Angenommen, der Internationale Gerichtshof in Den Haag erkl\u00e4rt in ein paar Jahren, dass es sich nicht um V\u00f6lkermord, sondern um einen Beinahe-V\u00f6lkermord handelt \u2013 macht es das besser? Belegt das einen moralischen Sieg Israels? M\u00f6chte ich an einem Ort leben, der einen \u201cBeinahe-V\u00f6lkermord\u201d ver\u00fcbt? Die Debatte \u00fcber den Begriff lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, aber die Dinge geschehen so oder so, ob sie die Messlatte erreichen oder nicht. Letztendlich m\u00fcssen wir uns fragen, wie wir dem Einhalt gebieten und wie wir unseren Kindern antworten werden, wenn sie uns fragen, was wir w\u00e4hrend des Krieges getan haben. Wir m\u00fcssen handeln.\u201d<\/p>\n<p>Aber die Definition ist wichtig. Sie sagen den Israelis: \u201cSeht her, ihr lebt in Berlin 1941.\u201d Was ist der moralische Imperativ f\u00fcr Menschen, die damals in Berlin lebten? Was soll ein B\u00fcrger tun, wenn sein Staat einen V\u00f6lkermord begeht?<\/p>\n<p>\u201cEine moralische Haltung hat immer einen Preis. Wenn es keinen Preis gibt, ist es nur eine akzeptierte, normative Haltung. Der Wert einer Sache f\u00fcr eine Person dr\u00fcckt sich in dem Preis aus, den sie bereit ist, daf\u00fcr zu zahlen. Andererseits ist mir klar, dass die Menschen auch andere \u00dcberlegungen und Bed\u00fcrfnisse haben \u2013 Essen nach Hause zu bringen, die Verbindung zu ihrer Familie zu erhalten \u2013 jeder muss seine eigenen Entscheidungen treffen. Was ich tue, ist zu reden und weiter zu reden, ob man mir nun zuh\u00f6rt oder nicht. Das kostet unendlich viel Zeit und mentale Kraft, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es das N\u00fctzlichste ist, was ich tun kann.\u201d<\/p>\n<p>Nachdem wir uns getrennt hatten, schickte mir Mordechai einen letzten Link. Dieser bezog sich nicht auf die Berichte \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten in Gaza, sondern auf eine Kurzgeschichte der verstorbenen amerikanischen Schriftstellerin Ursula K. Le Guin, \u201cThe Ones Who Walk Away from Omelas\u201d. Die Geschichte handelt von der Stadt Omelas, in der die Menschen sch\u00f6n und gl\u00fccklich sind und ihr Leben interessant und fr\u00f6hlich ist. Doch als Erwachsene erfahren die B\u00fcrger von Omelas allm\u00e4hlich das dunkle Geheimnis ihrer Stadt: Ihr Gl\u00fcck h\u00e4ngt vom Leiden eines Kindes ab, das gezwungen ist, in einem schmutzigen Raum unter der Erde zu bleiben, und dem es nicht erlaubt ist, es zu tr\u00f6sten oder ihm zu helfen. \u201cEs ist die Existenz des Kindes und das Wissen um seine Existenz, das die Erhabenheit ihrer Architektur, die Ergriffenheit ihrer Musik und die Tiefe ihrer Wissenschaft erm\u00f6glicht. Wegen des Kindes sind sie so sanft zu den Kindern\u201d, schreibt Le Guin.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der Bewohner von Omelas lebt mit diesem Wissen weiter, aber von Zeit zu Zeit besucht einer von ihnen das Kind und kehrt nicht zur\u00fcck, sondern geht weiter und verl\u00e4sst die Stadt. Die Geschichte endet: \u201cSie gehen voraus in die Dunkelheit und kehren nicht zur\u00fcck. Der Ort, zu dem sie gehen, ist f\u00fcr die meisten von uns noch unvorstellbarer als die Stadt des Gl\u00fccks. Ich kann ihn \u00fcberhaupt nicht beschreiben. Es ist m\u00f6glich, dass er gar nicht existiert. Aber sie scheinen zu wissen, wohin sie gehen.\u201d<\/p>\n<p>Das B\u00fcro des IDF-Sprechers antwortete, dass die IDF \u201cnur gegen milit\u00e4rische Ziele operiert und eine Vielzahl von Vorsichtsma\u00dfnahmen ergreift, um Schaden f\u00fcr Nichtkombattanten zu vermeiden, einschlie\u00dflich der Herausgabe von Warnungen an die Bev\u00f6lkerung. Bei Verhaftungen wird jeder Verdacht auf einen Versto\u00df gegen Befehle oder internationales Recht untersucht und behandelt. Wenn der Verdacht besteht, dass ein Soldat ein unangemessenes Verhalten an den Tag legt, das m\u00f6glicherweise krimineller Natur ist, wird von der Kriminalpolizei der Milit\u00e4rpolizei eine Untersuchung eingeleitet.\u201d<\/p>\n<p>Der israelische Soziologe Moshe Zuckermann schrieb dazu ein <a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/vom-nicht-wissen-wollen\/\">Beitrag in Overton<\/a>.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126829\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. Januar 2025 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albrecht M\u00fcller. Selbst wenn Gaza jetzt in deutschen Medien so gut wie keine Rolle mehr spielt \u2026 Der israelische Historiker Lee Mordechai hat die Abgr\u00fcnde dieser H\u00f6lle in einer ausf\u00fchrlichen Dokumentation bis inkl. 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