{"id":15264,"date":"2025-02-21T12:11:49","date_gmt":"2025-02-21T10:11:49","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15264"},"modified":"2025-02-21T12:12:27","modified_gmt":"2025-02-21T10:12:27","slug":"der-hitler-stalin-pakt-aus-der-sicht-des-deutschen-imperialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15264","title":{"rendered":"Der Hitler-Stalin-Pakt aus der Sicht des deutschen Imperialismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Katja Rippert. Dieser Artikel ist dem Gedenken an <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/authors\/Wolfgang-Weber\"><em>Wolfgang Weber<\/em><\/a><em> (1949\u20132024) gewidmet. Er hat bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr an der Vorbereitung und Diskussion dieses Artikelprojekts teilgenommen. <\/em><\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des 85. Jahrestags des Hitler-Stalin-Pakts wurde Ende August letzten Jahres im Museum Berlin-Karlshorst (vormals Deutsch-Russisches Museum) die Wanderausstellung \u201eRiss durch Europa.<!--more--> Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts\u201c er\u00f6ffnet. Ein gleichnamiger Begleitband erschien einen Monat sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Ausgerechnet in diesem Museum \u2013 am Ort der Kapitulation der deutschen Wehrmachtsf\u00fchrung vor der Roten Armee im Mai 1945 \u2013 wird mit der neuen Ausstellung die Geschichte des Zweiten Weltkriegs verdreht und im Sinne der heutigen deutschen Kriegsinteressen im Nato-Stellvertreterkrieg gegen Russland umgeschrieben.<\/p>\n<p>Die Wanderausstellung, die in Kooperation mit dem Lehrstuhl f\u00fcr Osteurop\u00e4ische Geschichte der Heinrich-Heine-Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf (Prof. Dr. Anke Hilbrenner) entwickelt wurde, ist zwar klein und f\u00fcllt nur einen Nebenraum des Museums. Sie soll aber \u00fcber verschiedene Wege die Breite der Gesellschaft erreichen. So war sie bereits in D\u00fcsseldorf und L\u00fcneburg ausgestellt. Es war angek\u00fcndigt, sie als Handreichung f\u00fcr den Schulunterricht von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung digital bereitzustellen. Anfang 2025 wanderte sie weiter in die Ukraine. Sie erhielt staatliche F\u00f6rderung, u. a. von der Bundesbeauftragten f\u00fcr Kultur und Medien, Claudia Roth (Gr\u00fcne), und vom Bildungsministerium NRW.<\/p>\n<p>In Berlin wurde die Ausstellung erst in deutscher und englischer Sprache, ab der H\u00e4lfte der Laufzeit ausschlie\u00dflich auf Ukrainisch und Englisch gezeigt; eine Darstellung in russischer Sprache fehlte, obwohl das Museum sonst deutsch- und russischsprachig ist. Die Ausklammerung der russischen Sprache ist Teil der Angriffe auf die russische Kultur, die seit dem Einmarsch des Putin-Regimes in die Ukraine im Februar 2022 von deutschen Medien und Institutionen ausgehen. Vor dem Museum weht demonstrativ die ukrainische Flagge; der alte Name \u201eDeutsch-Russisches Museum\u201c wurde ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Zwei der Herausgeber des Ausstellungsbands \u2013 Hilbrenner und der Museumsleiter J\u00f6rg Morr\u00e9 \u2013 sind Mitglieder der deutsch-russischen Geschichtskommission, die ihre Zusammenarbeit im Februar 2022 ebenfalls auf Eis gelegt hat. Zur deutschen Seite der Kommission geh\u00f6ren auch die bekannten rechten Militaristen J\u00f6rg Baberowski (Humboldt-Universit\u00e4t Berlin) und S\u00f6nke Neitzel (Universit\u00e4t Potsdam).<\/p>\n<p>Das Ausstellungsprojekt ist der j\u00fcngste Baustein in einer umfassenderen Kampagne des Geschichtsrevisionismus, die bereits seit Jahren im Gange ist. Das Ziel ist es, vor dem Hintergrund der gegenw\u00e4rtigen Kriegseskalation in Osteuropa und weltweit ein rechtes Narrativ \u00fcber den Zweiten Weltkrieg zu etablieren.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt steht der Nichtangriffspakt, der am 23. August 1939 zwischen dem Nazi-Regime und der stalinistischen F\u00fchrung in der Sowjetunion geschlossen wurde und nach den unterzeichnenden Au\u00dfenministern auch als Molotow-Ribbentrop-Pakt bekannt ist. Er erleichterte den Nationalsozialisten die Vorbereitung auf den lang geplanten Ostfeldzug, den die Wehrmacht mit ihrem \u00dcberfall auf Polen am 1. September 1939 begann. Am 17. September besetzte die Rote Armee das \u00f6stliche Polen.<\/p>\n<p>Weniger als zwei Jahre sp\u00e4ter, im Juni 1941, rollten deutsche Panzer Richtung Moskau. Unter dem Decknamen \u201eOperation Barbarossa\u201c f\u00fchrte das NS-Regime einen Vernichtungskrieg gegen die UdSSR, der mehr als 27 Millionen Sowjetb\u00fcrgern das Leben kostete und die NS-Mordmaschinerie dramatisch beschleunigte. Sechs Millionen Juden und Millionen weitere Menschen wurden in den folgenden Jahren von Hitlers Schergen in Konzentrations- und Vernichtungslagern ausgebeutet und vergast, in Massenerschie\u00dfungen hingerichtet, systematisch ausgehungert und misshandelt.<\/p>\n<p>Der Holocaust, die Vernichtungspolitik der Nazis in ganz Europa und die verheerenden Folgen von Krieg und Bombenhagel sind tief in der Erinnerung der internationalen Arbeiterklasse verankert. Einige dieser Verbrechen hat das Museum Karlshorst in seiner Dauerausstellung und einzelnen Veranstaltungen thematisiert, etwa zur <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/01\/27\/karl-j27.html\">Leningrader Blockade<\/a>, der <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/08\/11\/majd-a11.html\">Befreiung des Konzentrationslagers Majdanek<\/a> in Polen oder dem <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/05\/14\/ozar-m14.html\">Massenmord in Osaritschi<\/a> in Belarus 1944.<\/p>\n<p>Die Wanderausstellung \u201eRiss durch Europa\u201c hingegen versucht, dieser Erinnerung der Arbeiterklasse eine nationalistische Erinnerungskultur in den osteurop\u00e4ischen und baltischen Staaten entgegenzusetzen. Diese wird kurzerhand zur Erinnerungskultur der ganzen Gesellschaft in diesen L\u00e4ndern erkl\u00e4rt. In Wirklichkeit ist es die \u201eErinnerungskultur\u201c bestimmter rechter und faschistischer Kr\u00e4fte und Parteien, die ihre Vorbilder in den Kollaborateuren mit der Wehrmacht und der SS im Krieg gegen die Sowjetunion und beim Massenmord an Juden und anderen nationalen Minderheiten ihres jeweiligen Landes sehen und ihre Tradition darauf zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>Der Geschichtsrevisionismus dreht sich um zwei Hauptachsen:<\/p>\n<p><strong>Erstens<\/strong> wird der Hitler-Stalin-Pakt genutzt, um eine Schuldumkehr zu betreiben. Da die Sowjetunion den Pakt unterzeichnet hat und gem\u00e4\u00df des geheimen Zusatzprotokolls zur Aufteilung Polens selbst Gebiete in Osteuropa besetzte, sei sie in Wirklichkeit f\u00fcr den Beginn des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen verantwortlich. Die <em>New York Times <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/07\/19\/pers-j19.html\">verbreitete diese L\u00fcge<\/a> vor \u00fcber einem Jahr ganz ungeniert, um den rechtsextremen ukrainischen Nationalismus im Nato-Stellvertreterkrieg gegen Russland zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Die Sowjetunion sei ein Aggressor gewesen, der ebenso wie das NS-Regime imperialistische und koloniale Interessen verfolgt habe, so lautet auch die Argumentation im Ausstellungsband. An mehreren Stellen wird nahegelegt, dass die Kommunisten schlimmer, brutaler und gef\u00e4hrlicher gewesen seien als die Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>Denkt man diese Position zu Ende, so landet man bei einer Neuauflage der Geschichtsl\u00fcge vom Pr\u00e4ventiv- bzw. Verteidigungskrieg Deutschlands. Wenn die Sowjetunion tats\u00e4chlich 1939 imperialistischer Kriegsaggressor und -verursacher war, lie\u00dfe sich dann nicht mit Fug und Recht behaupten, dass Hitlers Armee zwei Jahre sp\u00e4ter aus defensiven Gr\u00fcnden gen Moskau marschierte, um den Gegner rechtzeitig von einem Angriff auf Deutschland abzuhalten? Handelte es sich gar um einen pr\u00e4ventiven bzw. defensiven Krieg gegen den \u201eFeind im Osten\u201c?<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4ventivkriegsthese wurde seit Hitlers Zeiten immer wieder hervorgeholt, um die historische Tatsache zu revidieren, dass das NS-Regime einen systematischen und geplanten Angriffskrieg f\u00fchrte \u2013 der Hauptanklagepunkt in den N\u00fcrnberger Prozessen 1945. Die These ist zwar l\u00e4ngst wissenschaftlich widerlegt und wird in der Ausstellung nicht offen vertreten. Aber die Verf\u00e4lschung des Hitler-Stalin-Pakts l\u00e4uft letztlich darauf hinaus und folgt damit einer definitiven politischen Logik.<\/p>\n<p>Der heutige aggressive Militarismus Deutschlands wird der Bev\u00f6lkerung als defensive und pr\u00e4ventive Politik verkauft. Die herrschende Klasse verschleiert ihre geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen im Ukrainekrieg hinter einer vermeintlich notwendigen \u201eVerteidigung\u201c gegen den gef\u00e4hrlichen Aggressor in Moskau. Hierf\u00fcr braucht sie die Flanke an der \u201ehistorischen Front\u201c.<\/p>\n<p><strong>Zweitens<\/strong> finden eine gezielte Verharmlosung und Ausblendung der NS-Verbrechen statt. Im Ausstellungsband wird der Holocaust an zentralen Stellen relativiert. Der Vernichtungskrieg der Nazis wird weitgehend ignoriert; der \u201eGeneralplan Ost\u201c \u2013 die Blaupause f\u00fcr den Krieg \u2013 nicht einmal erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend deutsche Politiker und Journalisten jetzt mit dem zynischen Verweis auf den Holocaust den anhaltenden V\u00f6lkermord des israelischen Regimes in Gaza rechtfertigen, unterst\u00fctzen sie gleichzeitig die Relativierung der Nazi-Verbrechen, die in den letzten Jahren salonf\u00e4hig gemacht wurde.<\/p>\n<p>2018 <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/06\/05\/gaul-j05.html\">behauptete<\/a> der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland, Hitler und die Nazis seien nur \u201eein Vogelschiss in \u00fcber 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte\u201c gewesen. Was schon lange von der AfD und rechtsradikalen Ideologen in ihrem Dunstkreis vertreten wird, hat in den letzten Jahren die H\u00f6rs\u00e4le und Museen erreicht.<\/p>\n<p>Eine Schl\u00fcsselfigur ist hier der Geschichtsprofessor <a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/library\/scholarship-or-war-propaganda\/08.html\">J\u00f6rg Baberowski<\/a> von der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t, der 2014 im <em>Spiegel<\/em> erkl\u00e4rte, dass Hitler nicht grausam gewesen sei, und den Holocaust mit Massenerschie\u00dfungen im Russischen B\u00fcrgerkrieg gleichsetzte. Stalin und die Rote Armee h\u00e4tten der Wehrmacht den Vernichtungskrieg aufgezwungen, so Baberowski. Er kn\u00fcpft damit an die rechtsextremen Positionen des NS-Apologeten Ernst Nolte an, der im \u201eHistorikerstreit\u201c der 1980er Jahren wissenschaftlich zur\u00fcckgewiesen worden war.<\/p>\n<p>Etwa zeitgleich zu Baberowskis Vorsto\u00df erschien 2015 die deutsche Ausgabe des Buchs <em>Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin<\/em> des rechten US-amerikanischen Akademikers Timothy Snyder, der eine wichtige Rolle bei der Rechtfertigung des imperialistischen Stellvertreterkriegs gegen Russland in der Ukraine spielt.<\/p>\n<p>Wie die WSWS <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/08\/01\/fcxs-a01.html\">aufgezeigt hat<\/a>, behauptet Snyder, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus eine Reaktion auf die Verbrechen Stalins in der Sowjetukraine in den Jahren 1932\u20131933 gewesen seien. Den Hitler-Stalin-Pakt stellt er als Abkommen zwischen zwei gleicherma\u00dfen imperialen, r\u00e4uberischen Regimen dar. Der Ausstellungsband st\u00fctzt sich auf Snyders Buch und z\u00e4hlt es in der ersten Fu\u00dfnote zu den \u201eeinschl\u00e4gigen Publikationen\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich Deutschland ideologisch auf neue Kriege vorbereitete, unterst\u00fctzte es 2014 einen rechten Putsch in der Ukraine. Damit begann ein B\u00fcrgerkrieg, der bis 2022 \u2013 also bereits vor dem offenen Krieg mit Russland \u2013 \u00fcber 14.000 Todesopfer forderte.<\/p>\n<p>Heute findet der Geschichtsrevisionismus mitten im Krieg statt. Tausende junge Ukrainer und Russen werden in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben verheizt. In Gaza sind zehntausende Pal\u00e4stinenser dem V\u00f6lkermord der israelischen Regierung zum Opfer gefallen.<\/p>\n<p>Auch die Herausgeber selbst stellen den Ausstellungsband in den Kontext der aktuellen Kriegsentwicklung. Er sei unter dem Eindruck des \u201ev\u00f6lkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seit 2014\u201c entstanden. Immer wieder wird der Bogen von der UdSSR zum heutigen Russland geschlagen, deren \u201eimperiale Gro\u00dfmachtpolitik\u201c die osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder beeinflusse.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Der Buchbeitrag zur Ukraine endet mit einem Appell f\u00fcr den Krieg: \u201eDiesmal werden die Ukraine und andere Teile Ostmitteleuropas nicht wieder eine \u201aInteressensph\u00e4re\u2018 sein. Die europ\u00e4ischen L\u00e4nder haben hoffentlich die historische Lektion gelernt und unterst\u00fctzen die Ukraine in ihrem Kampf um Unabh\u00e4ngigkeit.\u201c<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind die Ukraine und die anderen L\u00e4nder der Region l\u00e4ngst eine \u201eInteressensph\u00e4re\u201c der Nato-M\u00e4chte, denen sie als Aufmarschgebiet gegen Russland dienen. Sie werden auf Jahrzehnte hinaus hochverschuldet und entsprechend abh\u00e4ngig bleiben. In Fachpublikationen wird l\u00e4ngst \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/06\/08\/euuk-j08.html\">Pl\u00fcnderung<\/a> der gewaltigen Lithium- und sonstigen Rohstoff-Vorkommen des Landes spekuliert. Auch die Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung hat im M\u00e4rz 2024 eine ausf\u00fchrliche Analyse \u00fcber die \u201estrategische Bedeutung\u201c der Rohstoffe in der Ukraine publiziert.<\/p>\n<p>Der russische Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 war eine reaktion\u00e4re Antwort auf die sukzessive Einkreisung durch die Nato, die Moskau als existenzielle Bedrohung ansah. Unf\u00e4hig, an die ukrainische und internationale Arbeiterklasse zu appellieren, hoffte Putins Oligarchenregime, die Nato so zum Einlenken zu bewegen. Doch der Kreml verkalkulierte sich. Der Nato \u2013 und insbesondere Deutschland \u2013 diente der Angriff als willkommener Vorwand, den Krieg gegen Russland zu eskalieren und aufzur\u00fcsten wie seit Hitler nicht mehr. Selbst das Risiko eines Atomkriegs nehmen sie dabei in Kauf.<\/p>\n<p>Geschichtsrevisionistische Standpunkte werden auf h\u00f6chster politischer Ebene und im akademischen und kulturellen Bereich gef\u00f6rdert, um eben diese Kriegspolitik Deutschlands ideologisch zu legitimieren.<\/p>\n<p><strong>Die Gleichsetzung von NS- und Stalin-Regime und die Relativierung des Holocausts <\/strong><\/p>\n<p>Ein zentraler Hebel der Geschichtsf\u00e4lschung ist die Kampagne f\u00fcr den \u201eEurop\u00e4ischen Gedenktag f\u00fcr die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus\u201c am 23. August, dem Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts. Dieser Gedenktag, mit dem wir uns sp\u00e4ter noch genauer befassen werden, dient im Kern dem Zweck, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs umzuschreiben, indem der Holocaust relativiert und die Kriegsverbrechen der Sowjetunion angelastet werden. Seit seiner Einf\u00fchrung 2009 durch das Europ\u00e4ische Parlament wird versucht, den Gedenktag in allen Mitgliedsl\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union (EU) zu etablieren.<\/p>\n<p>Das ist auch ein wesentliches Anliegen des Ausstellungsprojekts zum Hitler-Stalin-Pakt. Die Ausstellungstafeln und der Begleitband konzentrieren sich auf die Folgen des Pakts f\u00fcr Polen, die Ukraine, die baltischen Staaten, Finnland und Rum\u00e4nien, aber reproduzieren weitgehend das nationalistische Geschichtsbild, das in diesen L\u00e4ndern verbreitet wird.<\/p>\n<p>Die Verbrechen des Stalinismus werden zum Ausgangspunkt genommen, um die Sowjetunion per se zu diffamieren und die Neugr\u00fcndung der Nationalstaaten nach 1991 als gro\u00dfen Schritt hin zu \u201eFreiheit\u201c und \u201eDemokratie\u201c zu verherrlichen, der im Beitritt der L\u00e4nder zur Europ\u00e4ischen Union und zur Nato gegipfelt habe.<\/p>\n<p>Auf der Schlusstafel wird res\u00fcmiert, dass die europ\u00e4ische Erinnerung an den Pakt in \u201ezwei gro\u00dfe Erinnerungsgemeinschaften gespalten\u201c sei. Westeuropa gedenke vor allem den NS-Verbrechen, Ostmitteleuropa den stalinistischen Verbrechen. \u201eDort wird der Hitler-Stalin-Pakt als Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg gesehen. Beiden L\u00e4ndern Deutschland und der Sowjetunion wird die Verantwortung f\u00fcr den Krieg gleicherma\u00dfen zugewiesen. Mit dem Beitritt der ostmitteleurop\u00e4ischen L\u00e4nder zur Europ\u00e4ischen Union im Mai 2004 betrat dieser Gegensatz die europapolitische B\u00fchne.\u201c Die Festsetzung des Gedenktags vom 23. August sei das \u201esichtbarste Ergebnis\u201c der Bem\u00fchungen dieser L\u00e4nder, f\u00fcr die \u201eAnerkennung ihrer historischen Erfahrungen\u201c einzutreten.<\/p>\n<p>Die SED-Opferbeauftragte der Bundesregierung, Evelyn Zupke, erkl\u00e4rte nach einem Besuch der Ausstellung, der Gedenktag des 23. August bilde einen \u201eguten Ansatzpunkt, um die stalinistischen und kommunistischen Verbrechen [&#8230;] viel st\u00e4rker in ein gemeinsames europ\u00e4isches Bewusstsein zu bringen!\u201c Von den NS-Verbrechen hingegen kein Wort.<\/p>\n<p>Schon im Vorwort des Ausstellungsbands wird die Au\u00dfenpolitik der Sowjetunion und Deutschlands de facto auf eine Stufe gestellt. W\u00e4hrend Hitler seit Jahren eine \u201eaggressive Au\u00dfenpolitik\u201c betrieb, habe sich die Sowjetunion unter Stalin zu einem \u201emachthungrigen Staat konsolidiert\u201c. In dem Ziel, ihre Grenzen auszuweiten, h\u00e4tten sich beim Hitler-Stalin-Pakt die \u201eInteressen beider Diktatoren\u201c getroffen.<\/p>\n<p>Dann erkl\u00e4ren die Herausgeber, sie wollten in ihrem Ausstellungsprojekt die \u201eErfahrungen der L\u00e4nder Ostmitteleuropas\u201c in den Jahren 1939 bis 1941 hervorheben:<\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend in Westeuropa das singul\u00e4re Menschheitsverbrechen des Holocaust im Zentrum der Erinnerung steht, und damit immer auch die Folgen deutscher Besatzungsherrschaft, fokussiert die Erinnerung in den Staaten in Ostmitteleuropa auf die Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft, vor allem die Verbrechen des Stalinismus. Die demgegen\u00fcber kurze Phase deutscher Besatzungsherrschaft, die zugleich eine vor\u00fcbergehende Zur\u00fcckdr\u00e4ngung sowjetischer Herrschaft bedeutete, f\u00e4llt dabei kaum ins Gewicht. Die Wahrnehmung des Holocaust mit seinen Folgen f\u00fcr Ostmitteleuropa entwickelte nicht die Kraft wie der Schmerz verlorener staatlicher Souver\u00e4nit\u00e4t. Die Europ\u00e4ische Union versuchte, dem Rechnung zu tragen, indem sie 2008 den 23. August als \u201eEurop\u00e4ischen Gedenktag f\u00fcr die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus\u201c festsetzte.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn3\"><em><sup>[3]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Im vorl\u00e4ufigen Entwurf des Bands vor der Drucklegung, der der WSWS f\u00fcr eine Rezension vorab zur Verf\u00fcgung gestellt wurde, war noch von den \u201egrauenvollen Folgen\u201c des Holocaust f\u00fcr Ostmitteleuropa die Rede. F\u00fcr die Buchpublikation haben die Herausgeber das Adjektiv \u201egrauenvoll\u201c gestrichen. Diese Korrektur zeigt beispielhaft, wie gezielt die NS-Verbrechen und die deutsche Besatzungsherrschaft heruntergespielt werden. Letztere wird lapidar als \u201ekurze Phase\u201c bezeichnet, die eine \u201eZur\u00fcckdr\u00e4ngung sowjetischer Herrschaft\u201c (!) bedeutet habe, was offensichtlich als positiver Verdienst der Wehrmacht angesehen wird.<\/p>\n<p>Mit ihrer Behauptung, dass \u201eder Schmerz verlorener staatlicher Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c angeblich eine gr\u00f6\u00dfere Kraft als die \u201eWahrnehmung des Holocausts\u201c entwickelt habe, machen sich die Autoren den rechtsradikalen Nationalismus zu eigen, der unter vielen Mitgliedern der osteurop\u00e4ischen Eliten verbreitet ist. Dabei herrschten in allen osteurop\u00e4ischen Staaten vor dem so schmerzlich empfundenen Verlust der staatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t keine Demokratien. \u00dcberall regierten sp\u00e4testens seit 1933\/1934 Diktaturen oder autorit\u00e4re Polizeistaatsregime nach dem Vorbild Polens unter J\u00f3zef Pi\u0142sudski. In der Ausstellung und dem Begleitband findet diese Tatsache kaum Ber\u00fccksichtigung.<\/p>\n<p>Die weitreichende Relativierung des Holocausts wird durch postmoderne Methoden erm\u00f6glicht. Die Leitidee sei es, \u201emultiperspektivisch zu erz\u00e4hlen\u201c, hei\u00dft es in der Einleitung des Ausstellungsbands. Hinter dieser blumigen Formulierung steckt eine Absage an eine wissenschaftliche und objektive Analyse des Hitler-Stalin-Pakts. Die konkreten historischen Umst\u00e4nde werden in verschiedene Narrative und Erinnerungskulturen in West- und Osteuropa aufgel\u00f6st und durch eine vermeintlich national einheitliche, \u00fcber den Klassen stehende \u201eErinnerung\u201c und \u201eWahrnehmung\u201c der Bev\u00f6lkerung in den L\u00e4ndern Ostmitteleuropas ersetzt. Dieses oder jenes politisch rechte Narrativ wird nicht etwa kritisch analysiert, sondern \u2013 im Gegenteil \u2013 zur wissenschaftlichen Tatsache erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Worin die politische Agenda hinter dem Gedenktag besteht, wird im einf\u00fchrenden Kapitel zum Begleitband deutlich: \u201eDie Entkolonisierung der europ\u00e4ischen Erinnerung an den Molotow-Ribbentrop-Pakt? Pakte von Erinnerung und Vergessen\u201c.<\/p>\n<p>Die Verfasserin Ana Milo\u0161evi\u0107, eine Post-Doc-Forscherin am Institute of Criminology der Katholieke Universiteit Leuven in Belgien, hat zur Erinnerungspolitik in der EU und auf dem Balkan promoviert und war 2015 Gastwissenschaftlerin beim deutschen au\u00dfenpolitischen Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).<\/p>\n<p>Ihr Beitrag ist g\u00e4nzlich darauf ausgerichtet, den Gedenktag als Schritt in der \u201eEntkolonialisierung\u201c der ehemaligen Sowjetrepubliken zu begr\u00fcnden. Die Befreiung Osteuropas von der Nazi-Herrschaft durch die Rote Armee 1945 wird von Milo\u0161evi\u0107 in eine \u201eKolonisierung\u201c umgedeutet: \u201eDie \u201aBefreiung\u2018 durch die Sowjets kam in dieser Region einer Kolonisierung gleich: Das eine totalit\u00e4re Regime trat an die Stelle des anderen, und auf die eine Besatzung folgte die n\u00e4chste.\u201c (S. 22)<\/p>\n<p>Milo\u0161evi\u0107 verkn\u00fcpft hier Themen wie \u201eAntikolonialismus\u201c und \u201enationale Selbstbestimmung\u201c, die historisch mit \u201eprogressiver\u201c Politik verbunden sind, mit \u00fcblem Antikommunismus, um diesen in bestimmten Kreisen anschlussf\u00e4hig zu machen. Diese Kampagne wird auch von der Gr\u00fcnen-nahen taz Panter Stiftung befeuert, die in diesem Jahr das Projekt \u201eDekolonialisierung: Ost\u201c gestartet hat.<\/p>\n<p>Milo\u0161evi\u0107 spricht sogar von \u201ekommunistischer Sklaverei\u201c und behauptet, dass der Krieg f\u00fcr die baltischen Staaten mit der sowjetischen Invasion von 1940 begann, die zu \u201eJahrzehnten der Unterwerfung unter das sowjetische Kolonialregime\u201c gef\u00fchrt habe. (S. 20)<\/p>\n<p>Ausgehend von ihrem antikommunistischen Konstrukt eines sowjetischen \u201eKolonialismus\u201c fordert sie die \u201eEntkolonialisierung der europ\u00e4ischen Erinnerung\u201c, d. h. die Ber\u00fccksichtigung der nationalistischen Erinnerungskultur der vermeintlichen Kolonialopfer in Osteuropa.<\/p>\n<p>Diese angebliche \u201eEntkolonialisierung\u201c liefert Milo\u0161evi\u0107 den Rahmen f\u00fcr eine offene Verharmlosung des Holocaust:<\/p>\n<p><em>In den 1980er Jahren gab es in der Bundesrepublik unter den f\u00fchrenden Historikern einen \u201eHistorikerstreit\u201c \u00fcber die Vergleichbarkeit totalit\u00e4rer Regime respektive die Einzigartigkeit des Holocaust bzw. der Shoah. In dieser Zeit empfanden viele Menschen in Ostmitteleuropa im individuellen wie auch kollektiven Ged\u00e4chtnis die Verbrechen des Stalinismus und die Erfahrungen der sowjetisch-kommunistischen Besatzung w\u00e4hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg als ebenso gravierend, wenn nicht sogar gravierender als der Holocaust. Ende der 1980er Jahre wurde der 23. August zum Referenzdatum f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen in Osteuropa, da er eine Verbindung zu den pers\u00f6nlichen Erinnerungen unz\u00e4hliger Menschen schuf.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn4\"><em><sup>[4]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Dieser Absatz ist in mehrfacher Hinsicht beispielhaft daf\u00fcr, wie alte Geschichtsl\u00fcgen in neuen Schl\u00e4uchen dargeboten werden \u2013 diesmal im Gewand einer angeblichen \u201eErinnerungs- und Erfahrungsgeschichte\u201c, die es nicht f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4lt, wissenschaftliche Argumente zu liefern.<\/p>\n<p>Der eigentliche Inhalt des \u201eHistorikerstreits\u201c wird hier nicht benannt. Der rechtsextreme Historiker und NS-Apologet Ernst Nolte hatte die Auseinandersetzung 1986 ausgel\u00f6st, indem er Auschwitz als legitime und verst\u00e4ndliche Antwort auf den Gulag darstellte, also einen \u201ekausalen Nexus\u201c zwischen den Verbrechen der Nazis und der Sowjetunion herstellte. Nicht der wissenschaftliche Vergleich der Regime, wie Milo\u0161evi\u0107 andeutet, sondern die Legimitierung der NS-Gewalt als Reaktion auf die Gewalt der Bolschewiki und des Stalinismus war Noltes Anliegen. Er wurde von renommierten Wissenschaftlern eindeutig widerlegt.<\/p>\n<p>Milo\u0161evi\u0107 versucht die Nolte-Position zu st\u00fctzen, indem sie behauptet, \u201eviele Menschen\u201c h\u00e4tten in den 1980er Jahren die \u201esowjetisch-kommunistische Besatzung\u201c als \u201eebenso gravierend, wenn nicht sogar gravierender\u201c als den Holocaust empfunden. Auf welche statistische Erhebung \u00fcber wessen \u201eEmpfindungen\u201c st\u00fctzt sie sich? Um wie \u201eviele Menschen\u201c geht es? Was und wer verbirgt sich hinter dem \u201ekollektiven Ged\u00e4chtnis\u201c? Welche politischen Ansichten lagen den \u201eEmpfindungen\u201c dieser Menschen zugrunde?<\/p>\n<p>Hat man auch die wenigen \u00dcberlebenden der einst riesigen j\u00fcdischen Gemeinden in Polen und anderen L\u00e4ndern Osteuropas gefragt, die ihre gesamte Familie in den Gaskammern verloren haben? Oder z\u00e4hlt hier die \u201epers\u00f6nliche Erinnerung\u201c nicht, da die meisten von ihnen ermordet, ins Exil getrieben und aus der Geschichte und Kultur ihrer Herkunftsl\u00e4nder getilgt wurden?<\/p>\n<p>Milo\u0161evi\u0107s Relativierung des Holocausts an dieser Stelle ist besonders perfide, weil sie sich auf ein \u201eindividuelles und kollektives Ged\u00e4chtnis\u201c beruft, das in erheblichem Ma\u00dfe durch den Massenmord der Nazis bestimmt ist. Gerade in diesen Regionen sind ganze Generationen ausgel\u00f6scht, ganze D\u00f6rfer niedergebrannt worden. Die Nazis haben mit Gr\u00fcndlichkeit daf\u00fcr gesorgt, dass m\u00f6glichst wenige Menschen \u00fcbrig waren, die sich an die Grauen von Auschwitz erinnern konnten. In Polen, Litauen und Lettland ermordeten sie fast alle Juden, die 1939 im Land gelebt hatten: in Polen 3 von 3,4 Millionen, in Litauen 145.000 von 150.000 und in Lettland 70.000 von 93.500.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich \u201ebelegt\u201c Milo\u0161evi\u0107 ihre weitreichenden Aussagen mit einer Fu\u00dfnote, die \u00fcberhaupt keinen Beleg darstellt. Sie verweist \u2013 ohne Angabe einer Seitenzahl \u2013 auf die Studie <em>The Criminalisation of Communism in the European Political Space after the Cold War<\/em> (London 2019) der franz\u00f6sischen Politologin Laure Neumayer. Zun\u00e4chst ist es unredlich, eine konkrete Behauptung mit dem Verweis auf ein 230 Seiten dickes Buch belegen zu wollen, ohne eine genaue Stelle oder zumindest ein Kapitel anzugeben. Damit wird es dem Leser erschwert, die Quelle zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Macht man sich aber dennoch auf die Suche und liest Neumayers Vorwort, so stellt man fest, dass ihr Buch im Gegensatz zu Milo\u0161evi\u0107 steht. Neumayer untersucht kritisch die \u201eantikommunistischen Erinnerungsunternehmer\u201c in der EU (anti-communist memory entrepreneurs) und die Wiederbelebung der Totalitarismustheorie seit den 1990er Jahren. In ihrer Einleitung wendet sie sich auch unzweideutig gegen Noltes NS-Apologetik.<\/p>\n<p>Im Weiteren nutzt Milo\u0161evi\u0107 die Behauptungen von einem sowjetischen \u201eKolonialismus\u201c und \u201eDiskurs \u00fcber koloniale Traumata\u201c im Baltikum, um den aggressiven Nationalismus der dortigen Regime zu legitimieren. Sie schreibt: \u201eDas Konzept der \u201aEntkolonisierung\u2018 setzte die Schaffung einer ethnischen Demokratie voraus, in der die Staatsangeh\u00f6rigkeit vor allem der Bev\u00f6lkerung aus vorsowjetischer Zeit und deren Nachkommen erhalten w\u00fcrde; das waren in erster Linie die ethnischen Balten.\u201c (S. 26)<\/p>\n<p>Dieses Konzept unterscheidet sich wenig von dem der Nazis und ihrer faschistischen Kollaborateure, wie der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die von einem \u201eethnisch reinen Staat\u201c tr\u00e4umten, der durch die massenhafte Ermordung von Minderheiten und Juden geschaffen wird. Zudem ist der Begriff \u201eethnische Demokratie\u201c ein Widerspruch in sich, da eine \u201eethnische Reinheit\u201c in multiethnischen Regionen wie Osteuropa v\u00f6llig unvereinbar mit Demokratie ist.<\/p>\n<p>Das Beispiel Estland ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Im Einklang mit Milo\u0161evi\u0107s Einstiegskapitel ist der Beitrag zu Estland in dem Buch ein nationalistisches Traktat, mitfinanziert vom staatlichen Estnischen Forschungsrat. Es verharmlost den Vernichtungskrieg der Nazis und verherrlicht ein poststalinistisches Estland, indem nur Menschen ein automatisches Anrecht auf die Staatsb\u00fcrgerschaft haben, die nachweisen k\u00f6nnen, dass ihre Vorfahren diese schon vor 1940 besessen hatten.<\/p>\n<p>Der Autor Kristo Nurmis schreibt gleich zu Beginn, dass \u201eder Pakt [von 1939] und die nachfolgenden Vertr\u00e4ge Estlands Souver\u00e4nit\u00e4t faktisch ausl\u00f6schten und das Land den Launen und der Gnade eines unberechenbaren totalit\u00e4ren Staates \u2013 der Sowjetunion \u2013 auslieferten. Die grundlose sowjetische Annexion erfolgte ein Jahr vor dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Kriegs. Die folgenden Besatzungen und Kriege kosteten Estland ein Viertel seiner Bev\u00f6lkerung.\u201c<\/p>\n<p>Die Formulierung \u201eAusbruch des deutsch-sowjetischen Kriegs\u201c vertuscht den verbrecherischen Charakter des Angriffskriegs der Nazis, deren Verbrechen unter dem Begriff \u201efolgende Besatzungen und Kriege\u201c mit der stalinistischen Herrschaft vermengt werden, um die Verantwortung des NS-Regimes zu relativeren. Die rund 80.000 estnischen Kollaborateure, die an der Seite der Nazis gegen die Rote Armee k\u00e4mpften, finden im Beitrag keine Erw\u00e4hnung, was nicht erstaunt. Das estnische Parlament hatte noch 2012 in einer Resolution die freiwilligen estnischen Mitglieder von Hitlers Waffen-SS als \u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c und \u201eK\u00e4mpfer gegen die kommunistische Diktatur\u201c geehrt.<\/p>\n<p>\u00dcber die Staatsb\u00fcrgerschaftspolitik nach 1991 schreibt Nurmis:<\/p>\n<p><em>Innenpolitisch verfolgte Estland eine starke Politik der staatlichen Wiederherstellung und verweigerte Personen die automatische Staatsb\u00fcrgerschaft, deren Vorfahren vor der sowjetischen Annexion im Jahr 1940 nicht estnische Staatsb\u00fcrger waren. Diese Politik zielte nicht nur auf die Wiederherstellung historischer Rechte ab, sondern auch darauf, die politische Kultur Estlands vor dem Einfluss der sowjetischen Zuwanderer zu sch\u00fctzen, denen man das Bekenntnis zur Unabh\u00e4ngigkeit und die gemeinsame Erfahrung nationaler Trag\u00f6dien absprach (neue B\u00fcrger mussten eine Sprachpr\u00fcfung und einen Test \u00fcber die Verfassung ablegen).<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn6\"><em><sup>[6]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>24 Prozent der Bev\u00f6lkerung \u2013 so gro\u00df ist die russischsprachige Minderheit \u2013 werden auf der Grundlage dieser chauvinistischen Politik seit Jahren diskriminiert und entrechtet. Nurmis Beitrag endet mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr die weitere Unterst\u00fctzung des Ukrainekriegs und warnt vor einer \u201eKriegsm\u00fcdigkeit des Westens\u201c.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>In Estland und anderen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern wird rechter Geschichtsrevisionismus schon seit Jahren gef\u00f6rdert, etwa in Ausstellungen oder Schulb\u00fcchern. Seit Anfang der 1990er Jahre sind Museen entstanden, die das \u201eParadigma des doppelten Genozids\u201c propagieren, wie es der Forscher zu jiddischer Kultur und Geschichte, Dovid Katz, ausdr\u00fcckt. Gemeint ist die Gleichsetzung der Verbrechen des NS- und des Stalin-Regimes, die mit einer Diskreditierung der j\u00fcdischen Opfer, der Heroisierung der NS-Kollaborateure und T\u00e4ter sowie der Leugnung oder Verharmlosung der lokalen freiwilligen Beteiligung am Holocaust einhergehe.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Einige Beispiele sind das Museum der Genozid-Opfer in Vilnius, Litauen (1992), das Museum der Okkupation 1940\u20131991 in Riga, Lettland (1993), das Haus des Terrors in Budapest, Ungarn (2002), das Museum der Besatzung in Tallinn, Estland (2003) und das Museum der Opfer von Besatzungsregimen (Lonzki-Gef\u00e4ngnis) in Lviv, Ukraine (2009).<\/p>\n<p><strong>Der Hintergrund des Hitler-Stalin-Pakts <\/strong><\/p>\n<p>Der Geschichtsrevisionismus rund um den Hitler-Stalin-Pakt fu\u00dft vor allem auf einer Gleichsetzung des nationalsozialistischen und stalinistischen Regimes. Beide seien Aggressoren, Imperialisten und Gewaltt\u00e4ter gewesen, die gemeinsam und gleicherma\u00dfen die kleinen Staaten in Ostmitteleuropa zermalmt h\u00e4tten, so die Behauptung.<\/p>\n<p>Doch diese Gleichsetzung verdreht die historischen Tatsachen und ignoriert die unterschiedlichen Interessen und die Ausgangslage beider Regime. W\u00e4hrend Hitler einen Angriffskriegskrieg brauchte und lange vorbereitet hatte, wollte Stalin einen Krieg unbedingt vermeiden und hinausschieben.<\/p>\n<p>Hitler vertrat die Interessen des deutschen Imperialismus, dessen Hunger nach M\u00e4rkten, Rohstoffen und \u201eLebensraum\u201c im Osten nur durch eine gewaltsame Expansion zu befriedigen war. F\u00fcr ihn war der Pakt mit Stalin lediglich ein taktischer Schritt, um Zeit zu gewinnen, mit England und Frankreich fertig zu werden und dann die Sowjetunion zu \u00fcberfallen.<\/p>\n<p>Der zuk\u00fcnftige \u201eF\u00fchrer\u201c hatte sich bereits in seiner Hetzschrift <em>Mein Kampf<\/em> auf den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion als zentrale Achse seiner Au\u00dfenpolitik festgelegt. \u201e<em>Das Recht auf Grund und Boden kann zur Pflicht werden, wenn ohne Bodenerweiterung ein gro\u00dfes Volk dem Untergang geweiht erscheint<\/em>\u201c, schrieb er dort. \u201e<em>Deutschland wird entweder Weltmacht oder \u00fcberhaupt nicht sein.<\/em> Zur Weltmacht aber braucht es jene Gr\u00f6\u00dfe, die ihm in der heutigen Zeit die notwendige Bedeutung und seinen B\u00fcrgern das Leben gibt.\u201c Und weiter: \u201eWenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, k\u00f6nnen wir in erster Linie nur an <em>Russland<\/em> und die ihm untertanen Randstaaten denken.\u201c<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Nach seiner Macht\u00fcberahme im Januar 1933 konzentrierte Hitler dann die gesamte R\u00fcstungs-, Wirtschafts- und Au\u00dfenpolitik darauf, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion vorzubereiten. Der Pakt mit Moskau war nur ein Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel.<\/p>\n<p>Stalin dagegen verfolgte keine imperialistischen Expansionsziele. Er vertrat die Interessen der privilegierten B\u00fcrokratie, die die Sowjetmacht von der Arbeiterklasse usurpiert und sich vom Programm der sozialistischen Weltrevolution verabschiedet hatte. Setzten Lenin und Trotzki darauf, die Isolation der Sowjetunion durch erfolgreiche proletarische Revolutionen in anderen L\u00e4ndern zu \u00fcberwinden, bekannte sich Stalin nach Lenins Tod zur Doktrin des \u201eAufbaus des Sozialismus in einem Land\u201c. Sie entsprach den konservativen Interessen der B\u00fcrokratie, die vom gesellschaftlichen Eigentum schmarotzte und Erhebungen der internationalen Arbeiter f\u00fcrchtete, weil sie ihre eigene Herrschaft ersch\u00fcttert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Auf internationaler Ebene verfolgte Stalin einen wilden Zickzackkurs. In Deutschland verbot er der Kommunistischen Partei zum Ende der Weimarer Republik, eine Einheitsfront mit der SPD gegen die Nazis zu bilden, obwohl die SPD damals noch \u00fcber eine Massenbasis in der Arbeiterklasse verf\u00fcgte. Er rechtfertigte dies mit der absurden Begr\u00fcndung, Nazis und Sozialdemokraten seien \u201eZwillinge\u201c und letztere \u201eSozialfaschisten\u201c. Die L\u00e4hmung der Arbeiterklasse durch SPD und KPD ebnete Hitler den Weg an die Macht.<\/p>\n<p>Als sich das Ausma\u00df der Katastrophe nicht mehr leugnen lie\u00df, vollzog Stalin einen abrupten Schwenk. Er st\u00fctzte die Verteidigung der Sowjetunion nicht mehr, wie Lenin und Trotzki dies getan hatten, auf die Mobilisierung der internationalen Arbeiterklasse, sondern auf B\u00fcndnisse mit \u201edemokratischen\u201c imperialistischen M\u00e4chten \u2013 insbesondere mit Frankreich und Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p>Im Namen einer antifaschistischen \u201eVolksfront\u201c mit b\u00fcrgerlichen Parteien erdrosselte die Kommunistische Internationale in Frankreich und Spanien die proletarische Revolution. In der Sowjetunion, wo Stalin einen Aufstand der Arbeiterklasse gegen seine despotische Herrschaft f\u00fcrchtete, enthauptete er im Gro\u00dfen Terror der Jahre 1937 und 1938 die Rote Armee und die Kommunistische Partei und machte die Sowjetunion damit praktisch wehrlos. Hunderttausende ergebene Kommunisten und erfahrene Offiziere starben unter den Hinrichtungskommandos der stalinistischen Geheimpolizei.<\/p>\n<p>Doch das B\u00fcndnis mit den \u201edemokratischen\u201c M\u00e4chten erwies sich bald als Sackgasse. Sowohl in Paris wie in London gab es starke Kr\u00e4fte, die hofften, Hitler werde die Sowjetunion zerst\u00f6ren, ohne gleichzeitig Krieg gegen den Westen zu f\u00fchren. Als Gro\u00dfbritannien und Frankreich im M\u00fcnchener Abkommen von 1938 die Tschechoslowakei an Hitler auslieferten, musste Stalin daraus schlie\u00dfen, dass er sich nicht auf London und Paris verlassen konnte. Moskau verhandelte zwar mit Gro\u00dfbritannien und Frankreich bis zuletzt \u00fcber ein B\u00fcndnis, doch diese spielten auf Zeit, bis sich Stalin schlie\u00dflich in die Arme Hitlers warf. Trotz des Zynismus\u2019, der Brutalit\u00e4t und der R\u00fccksichtlosigkeit, mit der er dabei vorging, hatte der Pakt von Moskaus Seite im Wesentlichen einen defensiven Charakter.<\/p>\n<p>Das eigentliche Verbrechen Stalins bestand darin, dass er mit diesem erniedrigenden Man\u00f6ver die kommunistischen Arbeiter und Antifaschisten vollkommen demoralisierte. Leo Trotzki kommentierte:<\/p>\n<p><em>Niemand hat Hitler so sehr geholfen wie Stalin. Niemand hat die UdSSR in eine so gef\u00e4hrliche Lage man\u00f6vriert wie Stalin.<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcnf Jahre lang haben der Kreml und seine Komintern ein \u201eB\u00fcndnis der Demokratien\u201c und \u201eVolksfront\u201c mit dem Ziel eines Pr\u00e4ventivkrieges gegen die \u201efaschistischen Aggressoren\u201c propagiert. Der Einfluss dieser Propaganda auf die Volksmassen war gewaltig, was am Beispiel Frankreichs besonders deutlich wurde. Aber als der Krieg wirklich herannahte, sind der Kreml und seine Agentur, die Komintern, pl\u00f6tzlich ins Lager der \u201efaschistischen Aggressoren\u201c \u00fcbergelaufen. Stalin mit seiner Pferdeh\u00e4ndlermentalit\u00e4t dachte auf diese Weise Chamberlain, Daladier und Roosevelt ein Schnippchen zu schlagen und strategische Positionen in Polen und im Baltikum zu gewinnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber die Wende des Kreml hatte weit tiefergehende Folgen: Er t\u00e4uschte nicht nur die Regierungen, sondern desorientierte und demoralisierte auch die Volksmassen, vor allem in den sogenannten Demokratien. Mit seiner Propagierung der \u201eVolksfront\u201c hinderte der Kreml die Massen daran, den Kampf gegen den imperialistischen Krieg zu f\u00fchren. Durch seinen Wechsel ins Lager Hitlers brachte Stalin pl\u00f6tzlich alle Karten durcheinander und l\u00e4hmte die milit\u00e4rische Kraft der \u201eDemokratien\u201c. Denn trotz der gesamten Ausrottungsmaschinerie bleibt der moralische Faktor im Krieg von entscheidender Bedeutung. Indem Stalin die Volksmassen Europas \u2013 und nicht nur Europas \u2013 demoralisierte, hat er den Agent provocateur im Dienste Hitlers gespielt.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn10\"><em><sup>[10]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Selbst rein milit\u00e4rstrategisch betrachtet war der Hitler-Stalin-Pakt eine Katastrophe. Das geheime Zusatzprotokoll besiegelte die Liquidation Polens. Die deutsche Wehrmacht stand damit weit im Osten direkt an der sowjetischen Grenze, sie musste keinen Pufferstaat mehr \u00fcberwinden, um im Sommer 1941 die Sowjetunion zu \u00fcberfallen. Im Rahmen der Wirtschaftsvereinbarungen konnten sich die Nazis vorher dringend ben\u00f6tigte Rohstoffe aus der Sowjetunion f\u00fcr die deutsche R\u00fcstungsindustrie verschaffen und den Blitzkrieg gegen die Westm\u00e4chte f\u00fchren, ohne zeitgleich eine zweite Front im Osten zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Der russische Historiker Oleg Budnitzkij, der als einziger einen fundierten wissenschaftlichen Beitrag zum Ausstellungsband geliefert hat, antwortet auf die Frage \u201eWer profitierte vom Molotow-Ribbentrop-Pakt?\u201c eindeutig: nicht die UdSSR, sondern Deutschland.<\/p>\n<p>Mit der Besetzung mehrerer europ\u00e4ischer L\u00e4nder mit rund 1,9 Millionen Quadratmetern und 122 Millionen Einwohnern habe Deutschland sein wirtschaftliches Potenzial fast verdoppelt und wichtige Rohstoffe gewonnen. Vor allem die Importe von Erd\u00f6lprodukten aus der Sowjetunion waren f\u00fcr die deutsche Wirtschaft essentiell. Die UdSSR, die durch den Gro\u00dfen Terror extrem geschw\u00e4cht war, habe ein viel kleineres Gebiet (460.000 Quadratkilometer mit rund 23 Millionen Einwohnern) besetzt, das eine deutlich geringere Bedeutung hatte.<\/p>\n<p>Auch habe die Erh\u00f6hung der R\u00fcstungsausgaben und die F\u00f6rderung der Schwerindustrie die sowjetische Bev\u00f6lkerung belastet. \u201eDer sowjetisch-finnische Krieg und die sowjetischen Treibstoff- und Lebensmittellieferungen an Deutschland trugen stark zur Versorgungskrise 1939\u201341 bei.\u201c<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Wie schlecht die stalinistische F\u00fchrung das Land politisch und milit\u00e4risch auf den Krieg vorbereitet hatte, offenbarte der rasante Vormarsch der Wehrmacht im Sommer 1941. Bereits in den ersten Kriegswochen z\u00e4hlte die Rote Armee etwa 600.000 Gefallene und Verwundete.<\/p>\n<p>Stalins Verbrechen bestand also nicht darin, dass er \u2013 wie Hitler \u2013 eine imperialistische Expansionspolitik verfolgte, sondern dass er den Widerstand gegen den Faschismus systematisch sabotierte, desorientierte und demoralisierte.<\/p>\n<p>Wie der russische Soziologe <a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/gab-es-eine-alternative.html\">Wadim Rogowin<\/a> schreibt, untergrub der Stalinismus mit seiner \u201eantisozialistischen Innen- und Au\u00dfenpolitik den moralischen Einfluss, den die Sowjetunion und die internationale kommunistische Bewegung in der ganzen Welt errungen hatten\u201c.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn12\"><sup>[12]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Leo Trotzki, der die Linke Opposition gegen die Stalinisten anf\u00fchrte, bezeichnete Stalin als \u201eHitlers Quartiermeister\u201c.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn13\"><sup>[13]<\/sup><\/a> Trotzki k\u00e4mpfte f\u00fcr eine politische Revolution innerhalb der UdSSR, d.\u00a0h. den Sturz der stalinistischen B\u00fcrokratie durch die Arbeiterklasse. Er kritisierte den Pakt, weil er das Schicksal des sowjetischen Arbeiterstaats gef\u00e4hrdete und eine revolution\u00e4re Erhebung in anderen L\u00e4ndern, die den Faschismus h\u00e4tte stoppen k\u00f6nnen, unterminierte.<\/p>\n<p>Die Kritik an dem Pakt, die heute von rechten b\u00fcrgerlichen Politikern und Akademikern vorgebracht wird, hat eine v\u00f6llig entgegengesetzte Funktion und Klassenorientierung. Der Pakt wird als Vorwand genutzt, um die Sowjetunion \u2013 und den \u201eKommunismus\u201c insgesamt \u2013 zu verteufeln und die heutige Kriegspolitik der Nato gegen Russland zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig soll verhindert werden, dass sich Arbeiter und Jugendliche angesichts der tiefen Krise des Kapitalismus erneut sozialistischen Ideen zuwenden. Zu diesem Zweck wird der Stalinismus mit dem Kommunismus gleichgesetzt und die linke Alternative, die Leo Trotzki vertrat, totgeschwiegen. Dabei ist es f\u00fcr ein wissenschaftliches Verst\u00e4ndnis des Hitler-Stalin-Pakts entscheidend, dass er ein Ergebnis der stalinistischen Entartung der Sowjetunion war und im Gegensatz zur Perspektive der Weltrevolution stand. Doch diese Tatsache wird im Ausstellungsprojekt ignoriert.<\/p>\n<p><strong>Antikommunistische Erinnerungspolitik: Der Gedenktag vom 23.\u00a0August<\/strong><\/p>\n<p>Stattdessen steht die Ausstellung im Zeichen einer antikommunistischen Erinnerungspolitik, die nach dem EU-Beitritt mehrerer osteurop\u00e4ischer L\u00e4nder im Jahr 2004 immer gr\u00f6\u00dferen Einfluss gewann. Einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt markierte die Einf\u00fchrung des Gedenktags vom 23. August im Jahr 2009. Die Kampagne daf\u00fcr begann bereits in den 1980er Jahren im Zuge der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion und wurde von Dissidenten und nationalistischen Gruppierungen in und aus Osteuropa und dem Baltikum vorangetrieben.<\/p>\n<p>Am 3. Juni 2008 verabschiedeten europ\u00e4ische Politiker die sogenannte \u201ePrager Erkl\u00e4rung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus\u201c, die die EU auffordert, den Gedenktag einzuf\u00fchren. Zu den Initiatoren und Erstunterzeichnern geh\u00f6rten neben Politikern aus Tschechien, den baltischen Staaten, Schweden und Gro\u00dfbritannien auch der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbeh\u00f6rde, Joachim Gauck, der vier Jahre sp\u00e4ter zum deutschen Bundespr\u00e4sidenten ernannt wurde und die au\u00dfenpolitische Wende und Militarisierung Deutschlands einl\u00e4utete.<\/p>\n<p>Die Verfasser der Erkl\u00e4rung beziehen sich explizit auf den \u201eTag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus\u201c am 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee 1945. Sie fordern, dass nun der Opfer der \u201etotalit\u00e4ren Regime\u201c ebenso wie der NS-Opfer gedacht wird.<\/p>\n<p>Dahinter verbarg sich der Versuch einer offiziellen Umkehr in der Erinnerungspolitik, die in den vorangegangenen Jahrzehnten auf die NS-Verbrechen fokussiert war. Die \u00f6sterreichische Historikerin Heidemarie Uhl bezeichnete den neuen Gedenktag deshalb als \u201eAntithese\u201c zum Holocaust-Gedenken:<\/p>\n<p><em>Mit dem 23. August verbindet sich ein Geschichtsbild, das die Anerkennung des Holocaust als zentralem Bezugspunkt eines europ\u00e4ischen Geschichtsbewusstseins negiert, und zwar durch die Gleichsetzung der Opfer von Nationalsozialismus und Kommunismus und damit die Gleichstellung der beiden Systeme.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn14\"><em><sup>[14]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>In der Prager Erkl\u00e4rung wurde auch die Einrichtung eines entsprechenden europ\u00e4ischen Museums und Instituts sowie die Integration des Themas in europ\u00e4ische Geschichtsb\u00fccher gefordert, \u201edamit Kinder \u00fcber den Kommunismus und seine Verbrechen auf die gleiche Weise lernen und gewarnt werden k\u00f6nnen, wie ihnen beigebracht wird, die Nazi-Verbrechen zu bewerten\u201c.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn15\"><sup>[15]<\/sup><\/a> 2011 wurde in diesem Zusammenhang das EU-Projekt \u201ePlatform of European Memory and Conscience\u201c mit Sitz in Prag geschaffen.<\/p>\n<p>Hier geht es also keineswegs um rein symbolische Postulate, sondern um ein konkretes geschichtsrevisionistisches Programm, das die breite Bev\u00f6lkerung \u00fcber Museen, Veranstaltungen und Schulen erreichen soll.<\/p>\n<p>Die Prager Erkl\u00e4rung wurde umgehend vom Europ\u00e4ischen Parlament aufgegriffen. In einer Resolution im September 2008 wurde die Einf\u00fchrung des Gedenktags vorgeschlagen, in einer weiteren Resolution vom 2. April 2009 schlie\u00dflich offiziell festgelegt.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn16\"><sup>[16]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Der Antrag wurde von mehreren Fraktionen des EU-Parlaments eingebracht: der rechten UEN (Union f\u00fcr ein Europa der Nationen), die bis 2009 existierte und der auch polnische, baltische und slowakische Parteien ebenso wie die rechtsextreme italienische Lega Nord angeh\u00f6rten, der EVP (Europ\u00e4ische Volkspartei, Christdemokraten), der ALDE (Allianz der Liberalen und Demokraten f\u00fcr Europa) und den Gr\u00fcnen\/ALE (Europ\u00e4ische Freie Allianz), hierunter auch die s\u00e4chsische Gr\u00fcnenpolitikerin Gisela Kallenbach. 553 EU-Abgeordnete stimmten mit gro\u00dfer Mehrheit daf\u00fcr, nur 44 dagegen (bei 33 Enthaltungen).<\/p>\n<p>Die Antragsteller begr\u00fcndeten ihren Vorsto\u00df mit einem weit gefassten Totalitarismusbegriff, der das heutige Russland einschlie\u00dft. Der estnische Christdemokrat und Mitantragsteller Tunne Kelam verharmloste in der Parlamentsdebatte offen das Nazi-Regime: \u201eDie Oligarchie in Russland ist eine Frankenstein-Diktatur, schlimmer als alle anderen, Hitler eingeschlossen.\u201c<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn17\"><sup>[17]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Bemerkenswert ist in dieser EU-Resolution, wie die Geschichtsf\u00e4lschung methodisch begr\u00fcndet wird. So hei\u00dft es dort, Historiker w\u00fcrden darin \u00fcbereinstimmen, dass \u201ees keine objektive Geschichtsschreibung gibt\u201c, auch wenn sie \u201ewissenschaftliche Instrumente zur Erforschung der Vergangenheit\u201c einsetzen. (Punkt A)<\/p>\n<p>Statt objektiver historischer Tatsachen werden die subjektiven Empfindungen und Meinungen der Opfer bzw. Zeitzeugen zum Ma\u00dfstab genommen. So wird die Forderung, allen \u201eOpfern totalit\u00e4rer Regime\u201c gemeinsam zu gedenken, damit begr\u00fcndet, dass \u201ees vom Blickwinkel der Opfer aus unwesentlich ist, welches Regime sie aus welchem Grund auch immer ihrer Freiheit beraubte und sie foltern oder ermorden lie\u00df\u201c. (Punkt N)<\/p>\n<p>Eine solche Herangehensweise erm\u00f6glicht es, die Ereignisse aus dem historischen Kontext zu rei\u00dfen und wissenschaftliche Kriterien durch moralische Abstraktionen zu ersetzen. Darf nun auch ein SS-Offizier, der das Blut von Tausenden Juden, Kommunisten und sowjetischen B\u00fcrgern an den H\u00e4nden hat, als \u201eOpfer\u201c geehrt werden, weil er von Rotarmisten der \u201eFreiheit beraubt\u201c und hingerichtet wurde? Oder vielleicht ein faschistischer Kollaborateur der ukrainischen OUN? Stehen ihre Namen neben denen der Juden, die in den Gaskammern einen qualvollen Tod starben?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich scheint genau das die Intention gewesen zu sein. In der Ukraine und dem Baltikum wurden in den letzten Monaten und Jahren <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/08\/29\/vanu-a29.html\">Denkm\u00e4ler an den Sieg der Roten Armee<\/a>, an die Millionen Menschen, die gegen die Nazis gek\u00e4mpft und zu Tausenden ihr Leben gegeben haben, abgerissen und <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/03\/08\/ywza-m08.html\">neue errichtet<\/a> \u2013 diesmal f\u00fcr faschistische und nationalistische Kollaborateure wie Stepan Bandera in der Ukraine.<\/p>\n<p>Das obige Bild, das in der Ausstellung \u201eRiss durch Europa\u201c pr\u00e4sentiert wird, zeigt abgerissene Skulpturen f\u00fcr die Rote Armee in Lwiw. In der Bilderl\u00e4uterung hei\u00dft es dazu: \u201eDer russische Angriff 2014 ver\u00e4nderte den Blick auf den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine. Die Ukrainer:innen l\u00f6sten sich vom Narrativ eines sowjetischen Verteidigungskriegs zwischen 1941 und 1945. Den Pakt erinnern sie heute als Ausweitung der sowjetischen Besatzung des Landes. Dabei werden Parallelen zur aktuellen Situation gezogen.\u201c<\/p>\n<p>Ob diese Neubewertung den historischen Tatsachen entspricht oder nicht, spielt offenbar keine Rolle. Das Narrativ wird vielmehr danach bewertet, inwiefern es politisch n\u00fctzlich ist.<\/p>\n<p>Kriegszeiten erfordern neue Kriegsmythen: Die Erinnerung an den heroischen Kampf der Rotarmisten und der Partisanen gegen die Nazis soll ausgel\u00f6scht und stattdessen die rechtsextremen Nationalisten und Kollaborateure von damals zu Vorbildern stilisiert werden, um heutige Faschisten wie das Asow-Bataillon in der ukrainischen Armee zu legimitieren.<\/p>\n<p>Es ist nicht \u201eunwesentlich\u201c, ob ein Rotarmist einen Wehrmachtssoldaten oder umgekehrt die Wehrmacht einen sowjetischen Soldaten gefangen genommen hat. In diesem Krieg drohte die Eroberung der Sowjetunion durch eine faschistische Diktatur. H\u00e4tte Hitler den Krieg gegen die Rote Armee gewonnen, w\u00e4re die ohnehin schon hohe Opferzahl von 27 Millionen Sowjetb\u00fcrgern und sechs Millionen Juden ins Unermessliche gestiegen und ganz Europa unter dem Joch der Nazis geblieben.<\/p>\n<p>Der \u201eBlickwinkel der Opfer\u201c ist hier nur vorgeschoben. Es geht darum, die objektiven Unterschiede im politischen Charakter und den Zielen beider Regime zu verschleiern und so das Ausma\u00df des Holocausts und Vernichtungskriegs der Nazis zu relativieren. Die Methode der Erfahrungs- bzw. Erinnerungsgeschichte wird systematisch missbraucht, um die Menschen emotional zu manipulieren und ihr berechtigtes Mitgef\u00fchl mit den Tausenden Opfern stalinistischer Verbrechen f\u00fcr eine antikommunistische Geschichtsrevision auszunutzen.<\/p>\n<p>Der Historiker J\u00fcrgen Zarusky, der auch <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/08\/01\/fcxs-a01.html\">Timothy Snyders Geschichtsf\u00e4lschung zum Hitler-Stalin-Pakt<\/a> pointiert widerlegt hat, erl\u00e4utert die Implikationen des neuen Gedenktags:<\/p>\n<p><em>Die Gedenkfunktion des 23. August ist gerade aus einer diktaturvergleichenden Sicht h\u00f6chst fragw\u00fcrdig. [\u2026] Sie droht die Tatsache zu vernebeln, dass der Pakt f\u00fcr Hitler ein Durchgangsstadium f\u00fcr sein Zentralprojekt, die Eroberung von \u201eLebensraum im Osten\u201c in einem geschichtlich beispiellosen Vernichtungskrieg, war. Stalins Regime erreichte den H\u00f6hepunkt seiner terroristischen Machtaus\u00fcbung mit der Zwangskollektivierung, dem Hunger und dem Gro\u00dfen Terror in den Jahren 1929 bis 1938. Von einem Hitler-Stalin-Pakt war da noch keine Rede. Das Nazi-Regime dagegen erfuhr mit dem Angriff auf die Sowjetunion den h\u00f6chsten Radikalisierungsgrad. Hier waren Massenmord und millionenfacher Hungertod geplant, und die Invasion der UdSSR bildete zugleich den unmittelbaren Auftakt zum Holocaust. Grundlage dieser neuen Stufe war nicht der Hitler-Stalin-Pakt, sondern sein Bruch.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn18\"><em><sup>[18]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Im September 2019 forderte das Europ\u00e4ische Parlament anl\u00e4sslich des 80. Jahrestags des Zweiten Weltkriegs alle Mitgliedstaaten in einer weiteren Resolution auf, den Gedenktag zu begehen. In der Resolution hei\u00dft es, die \u201ebeiden totalit\u00e4ren Regime\u201c h\u00e4tten mit dem Hitler-Stalin-Pakt die \u201eWeichen f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg\u201c gestellt, \u201egleicherma\u00dfen das Ziel der Welteroberung\u201c verfolgt und \u201eMassenmorde, V\u00f6lkermord und Deportationen\u201c durchgef\u00fchrt.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn19\"><sup>[19]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>\u201eDas Ziel dieser geschichtspolitischen Resolution\u201c sei es, so die Historikerin Uhl, \u201eder Sowjetunion eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg zu geben und die Verbrechen des Kommunismus mit jenen des Nationalsozialismus \u2013 beide als gleicherma\u00dfen totalit\u00e4r bezeichnet \u2013 und insbesondere des Holocaust gleichzusetzen.\u201c Mehrere Verb\u00e4nde von KZ-\u00dcberlebenden h\u00e4tten daraufhin gegen den \u201eGeschichtsrevisionismus\u201c und die \u201eVerf\u00e4lschung der historischen Wahrheit\u201c protestiert.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn20\"><sup>[20]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Seitdem wird auch in Deutschland versucht, den Gedenktag bekannt zu machen \u2013 wenn auch bislang mit wenig Erfolg. Das konstatierten 2023 die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags, die ein Dossier \u00fcber die \u201eDiskussion in der Wissenschaft und Umsetzung der Forderung des Europ\u00e4ischen Parlaments in den EU-Mitgliedstaaten\u201c ver\u00f6ffentlichten. Hier werden ein paar wenige Veranstaltungen in DDR-Gedenkst\u00e4tten in Ostdeutschland aufgelistet, darunter die notorisch rechtslastige Gedenkst\u00e4tte Hohensch\u00f6nhausen. Vor diesem Hintergrund muss die aktuelle Wanderausstellung als wesentlicher Schritt in der Verbreitung des Gedenktags in Deutschland gewertet werden.<\/p>\n<p>In dem Bundestags-Dossier werden die Positionen der Gegner und F\u00fcrsprecher des Gedenktags dargestellt. Die Gegner sind \u00fcberwiegend Historiker aus der Holocaust-Forschung, darunter Yehuda Bauer, der j\u00fcngst verstorbene emeritierte Professor f\u00fcr Holocaust-Studien an der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t in Jerusalem und bis 2000 Leiter der Gedenkst\u00e4tte in Yad Vashem.<\/p>\n<p>Er protestierte gegen die EU-Resolution von 2009 mit einem mehrseitigen Memo, in dem er vor einer Relativierung und Trivialisierung des Holocausts und einer \u201everlogenen Revision der j\u00fcngsten Weltgeschichte\u201c warnt und wesentliche historische Fakten zur Rolle der Sowjetunion richtigstellt. Auch wenn beide Regime totalit\u00e4r gewesen seien, so waren sie g\u00e4nzlich unterschiedlich, betont Bauer.<\/p>\n<p><em>Die gr\u00f6\u00dfere Bedrohung f\u00fcr die gesamte Menschheit war Nazi-Deutschland, und es war die Sowjetarmee, die Osteuropa befreite und die zentrale Kraft war, die Nazi-Deutschland besiegte und damit Europa und die Welt vor dem Nazi-Albtraum bewahrte. Tats\u00e4chlich haben die Sowjets unbeabsichtigt die baltischen Nationen, die Polen, die Ukrainer, die Tschechen und andere vor einer beabsichtigten Ausweitung des nationalsozialistischen V\u00f6lkermords auf diese Nationalit\u00e4ten gerettet.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn21\"><em><sup>[21]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Bauer weist auch den Versuch zur\u00fcck, den Beginn des Zweiten Weltkriegs der UdSSR anzulasten:<\/p>\n<p><em>Sie [die EU-Resolution] impliziert auch, dass der Krieg von beiden Regimen gleicherma\u00dfen angezettelt wurde und dass sie daher gleicherma\u00dfen f\u00fcr den Tod von etwa 35 Millionen Menschen allein in Europa verantwortlich sind (wenn man den Krieg in Asien hinzurechnet, bel\u00e4uft sich die Gesamtzahl nach Ansicht einiger Historiker auf etwa 55 Millionen). Dies ist eine v\u00f6llige Verdrehung der Geschichte.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn22\"><em><sup>[22]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Im Sommer 1939 wollte Stalin vielmehr verhindern, dass Deutschland die UdSSR angreift. \u201eEr wusste sehr wohl, dass seine Armee durch die S\u00e4uberungen desorganisiert war und dass die UdSSR nicht in der Lage war, einem deutschen Angriff allein standzuhalten.\u201c Bis Juni 1939 habe er noch mit der M\u00f6glichkeit eines B\u00fcndnisses mit Gro\u00dfbritannien und Frankreich gespielt, doch diese Verhandlungen scheiterten.<\/p>\n<p><em>Der Zweite Weltkrieg wurde von Nazi-Deutschland und nicht von der Sowjetunion begonnen, und die Verantwortung f\u00fcr die 35 Millionen Toten in Europa, davon 29 Millionen Nicht-Juden, liegt bei Nazi-Deutschland und nicht bei Stalin. Ein gleiches Gedenken an die Opfer ist eine Verzerrung.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn23\"><em><sup>[23]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Bauer geht auch auf die \u201emassive Kollaboration bei der Verfolgung und Ermordung der Juden vor allem in Litauen und Lettland\u201c ein. \u201eVon den Deutschen rekrutierte baltische Polizeibataillone, darunter auch lettische, waren ein sehr wichtiger Teil der deutschen Mordmaschinerie, die Juden in Belarus und sogar in Polen und der Ukraine ermordete.\u201c<\/p>\n<p>Der Historiker Thomas Lutz, bis 2023 Leiter des Gedenkst\u00e4ttenreferats der Stiftung Topographie des Terrors, stellte in seiner Kritik am EU-Gedenktag fest, dass die Kollaboration rechtsextremer Kr\u00e4fte in den besetzten Gebieten zugunsten einer nationalistischen Geschichtsschreibung verharmlost wird:<\/p>\n<p>Es werden unter dem Mantel der Europ\u00e4isierung der Erinnerung nationale Mythen und Tabus vor allem hinsichtlich der Tatbeteiligung der eigenen Gesellschaft weiter gepflegt. Eine kritische Aufarbeitung der Geschichte, die auf der einen Seite mitf\u00fchlend mit den Opfern argumentiert, und auf der anderen Seite der Kollaboration mit den Besetzungsregimen und der Frage nach den Verantwortlichkeiten nachgeht, findet nicht statt.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn24\"><sup>[24]<\/sup><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Advokaten des Geschichtsrevisionismus<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend einige der Hauptkritiker des Gedenktags in den letzten Jahren verstorben sind, darunter Uhl, Bauer, Zarusky und Wolfgang Benz, wurden jene Akademiker gef\u00f6rdert und in den Medien hofiert, die den Gedenktag bef\u00fcrworten, u.\u00a0a. Karl Schl\u00f6gel und Claudia Weber.<\/p>\n<p>Der emeritierte Geschichtsprofessor und Ex-Maoist Karl Schl\u00f6gel, ein enger Kollege J\u00f6rg Baberowskis, hatte 2023 die Stiftung Brandenburgische Gedenkst\u00e4tten kritisiert, weil sie keine Gedenkveranstaltung am 23. August abhalten wollte. Er lamentierte in einem Gastbeitrag f\u00fcr die <em>M\u00e4rkische Allgemeine<\/em>, dass \u201eim Bewusstsein der meisten Deutschen\u201c der 1. September 1939 und der 22. Juni 1941 pr\u00e4sent seien, nicht jedoch die Zeit des Hitler-Stalin-Pakts und \u201edas Schicksal der unter doppelte Herrschaft geratenen V\u00f6lker Osteuropas\u201c.<\/p>\n<p>Diese vorgegaukelte F\u00fcrsorge f\u00fcr die \u201eV\u00f6lker Osteuropas\u201c dient erneut dazu, die Verbrechen beider Regime auf eine Ebene zu heben (\u201edoppelte Herrschaft\u201c) und die Aufr\u00fcstung gegen Russland zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>So warb Schl\u00f6gel letzten Herbst in der <em>Welt am Sonntag<\/em> daf\u00fcr, dass Deutschland und der Westen noch aggressiver gegen Russland vorgehen und Waffen liefern, die das russische Hinterland treffen k\u00f6nnen. Die n\u00e4chste Bundesregierung m\u00fcsse den Mut haben, der deutschen Bev\u00f6lkerung klar zu machen, dass die \u201eZeitenwende\u201c ein langer Prozess sei.<\/p>\n<p>Die prominenteste Vertreterin einer Geschichtsrevision in Bezug auf den Hitler-Stalin-Pakt ist Claudia Weber, Professorin an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina Frankfurt (Oder) und Mitautorin des Ausstellungsbands. Weber geh\u00f6rt derselben rechten Akademiker-Riege wie Baberowski an, wurde bei ihm habilitiert und trat wie er dem rechtextremen \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/02\/12\/babe-f12.html\">Netzwerk Wissenschaftsfreiheit<\/a>\u201c bei, das 2021 gegr\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p>Weber und die Herausgeber des Ausstellungsbands beziehen sich auch auf den britischen Historiker Roger Moorhouse, dessen Buch \u00fcber den Hitler-Stalin-Pakt von 2014 mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Gedenktag der EU endet. In den Worten des renommierten Historikers Richard J. Evans ist es ein \u201ezutiefst problematisches Buch\u201c, weil darin der Stalinismus als viel schlimmer als der Nationalsozialismus dargestellt werde. \u201eDies spiegelt die postkommunistische Stimmung in den baltischen Staaten wider, wo SS-Veteranen als \u201aFreiheitsk\u00e4mpfer\u2018 gegen die Russen gefeiert werden und ungehindert durch die Stra\u00dfen Tallinns paradieren d\u00fcrfen\u201c, erl\u00e4utert Evans.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn25\"><sup>[25]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Bereits 2014 verfasste Weber ein Buch \u00fcber das Katyn-Massaker, die Massenerschie\u00dfungen polnischer Offiziere durch den sowjetischen Geheimdienst im Fr\u00fchjahr 1940. Der erste Satz lautet: \u201eIm September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem \u00dcberfall der Sowjetunion und des \u201aDritten Reiches\u2018 auf Polen.\u201c Die zwei Jahre des Hitler-Stalin-Pakts beschreibt Weber hier als \u201edeutsch-sowjetischen Vernichtungsfeldzug\u201c.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn26\"><sup>[26]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Beide Aussagen sind haarstr\u00e4ubende Geschichtsf\u00e4lschungen, die darauf hinauslaufen, die Sowjetunion als T\u00e4ter und Verursacher des Zweiten Weltkriegs darzustellen. Die Tatsache, dass der Krieg mit dem <em>deutschen<\/em> \u00dcberfall auf Polen begann und der Vernichtungsfeldzug von den Nazis ausging, will Weber revidieren.<\/p>\n<p>Ihren Beitrag in dem aktuellen Sammelband st\u00fctzt sie weitgehend auf ihr Buch <em>Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer m\u00f6rderischen Allianz 1939\u20131941<\/em>, das 2018 erschien und von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung zum Einsatz in Schulen und Universit\u00e4ten neu aufgelegt wurde.<\/p>\n<p>Das Buch beginnt mit einem unverbl\u00fcmten Pl\u00e4doyer f\u00fcr Geschichtsrevisionismus. Sie wolle der \u201eFurcht vor dem Geschichtsrevisionismus\u201c in Westeuropa und besonders Deutschland entgegentreten, denn es geh\u00f6re zum \u201eprofessionellen Grundverst\u00e4ndnis, Vergangenheiten stets neu zu betrachten, umzudeuten, kurzum: die Geschichte der Revision zu unterziehen\u201c. Ein Blick in die hier gesetzte Fu\u00dfnote verr\u00e4t, wessen Geistes Kind Weber ist. Sie belegt ihre Aussage mit dem Briefwechsel zwischen dem franz\u00f6sischen Historiker und Antikommunisten Fran\u00e7ois Furet und dem deutschen NS-Apologeten Ernst Nolte.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn27\"><sup>[27]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Sie orientiert sich explizit an Timothy Snyders \u201eBloodlands\u201c und verwischt die historischen Unterschiede zwischen den \u2013 wie sie schreibt \u2013 \u201enationalsozialistischen und stalinistischen Gewaltakteuren\u201c. Wie der Historiker Stefan Plaggenborg in einer Rezension kritisch anmerkt, f\u00fchre ihre Interpretation \u201ezur impliziten These von der totalit\u00e4ren Konvergenz der Regime\u201c. Dabei gehe der von Hitler geplante und angeordnete Vernichtungskrieg in ihren Beschreibungen unter, \u201ewie \u00fcberhaupt die deutschen Strategien weniger ber\u00fccksichtigt werden als die sowjetischen\u201c.<\/p>\n<p>Laut Weber habe der Pakt f\u00fcr Stalin eine \u201eunglaubliche Machtsteigerung\u201c bedeutet, die au\u00dfenpolitische Isolation der UdSSR beendet und die Kriegsgefahr reduziert. Stalin sei als \u201eGewinner vom Platz\u201c gegangen und habe \u201ebrutal und kompromisslos\u201c den \u201eExport der kommunistischen Ideologie\u201c in Osteuropa betrieben. (S. 70)<\/p>\n<p>Die historische Bedeutung des Nichtangriffspakts habe darin bestanden, dass die in \u201eFeindschaft verbundenen Diktaturen mit diesem Vertrag den Zweiten Weltkrieg in Europa entfesselten. Er stand am Beginn eines zerst\u00f6rerischen Weltgemetzels, das in den Holocaust f\u00fchrte und eine Massenvernichtungsmaschinerie in Gang setzte, von deren Folgen sich Europa bis heute nicht erholt hat. Hitler und Stalin teilten Europa und die Welt f\u00fcr Jahrzehnte.\u201c (S. 71)<\/p>\n<p>Die Formulierungen sind bewusst so gew\u00e4hlt, um beide Regime f\u00fcr das \u201ezerst\u00f6rerische Weltgemetzel\u201c und die \u201eMassenvernichtungsmaschinerie\u201c verantwortlich zu machen. Nicht Hitler habe das Gemetzel begonnen, das in den Holocaust f\u00fchrte, und Europa aufgeteilt, sondern Hitler und Stalin <em>gemeinsam<\/em>.<\/p>\n<p>Weber distanziert sich in einem Unterabschnitt des Pakt-Buchs zwar von der Pr\u00e4ventivkriegsthese, laut der der deutsche \u00dcberfall auf die Sowjetunion lediglich einem sowjetischen Angriff zuvorkam \u2013 nur um sie dann durch die Hintert\u00fcr doch wieder einzuf\u00fchren. Laut Weber habe Stalin n\u00e4mlich lediglich aus taktisch-propagandistischen Gr\u00fcnden darauf verzichtet, Deutschland als erster anzugreifen:<\/p>\n<p><em>Plante Stalin also im Fr\u00fchjahr 1941, dem deutschen \u00dcberfall zuvorzukommen? Wahrscheinlich nicht, und neben vielen anderen guten Gr\u00fcnden, die gegen diese These sprechen, war vor allem Stalins Widerwillen, den Pakt vor Hitler zu brechen und als Aggressor aufzutreten oder als solcher bezeichnet werden zu k\u00f6nnen, ausschlaggebend. Diese Rolle hatte er schon im September 1939 strikt vermieden, als Hitler mehr als zwei Wochen auf den sowjetischen Einmarsch in Polen warten musste. Seitdem hatte sich diese Einstellung nicht ge\u00e4ndert, und wenn der Krieg schon unvermeidbar war, dann sollte er doch auf sowjetischem Boden beginnen. Im Unterschied zu Stalin scherten Hitler derartige Feinheiten weniger, obwohl ihm ein sowjetischer Angriff im Juni 1941 einige Propagandal\u00fcgen erspart h\u00e4tte. (207f.) <\/em><\/p>\n<p>Hinter der \u201ePr\u00e4ventivkriegsthese\u201c steht die Kriegsschuldfrage: Wer war der eigentliche Aggressor und tr\u00e4gt die Verantwortung f\u00fcr den Kriegsausbruch? Obwohl sie l\u00e4ngst wissenschaftlich widerlegt ist, wurde die \u201ePr\u00e4ventivkriegsthese\u201c deshalb auch nach dem Krieg immer wieder aufgew\u00e4rmt und neu verpackt.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn28\"><sup>[28]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Nach dem Krieg hatten Kriegsteilnehmer und -verbrecher die Behauptung vom \u201ePr\u00e4ventivkrieg\u201c verbreitet. In den 1980er Jahren wurde sie von Ernst Nolte im Historikerstreit erneut aufgegriffen. Im Zuge der Perestroika und der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion machten sich einige Geschichtsrevisionisten Enth\u00fcllungen \u00fcber den Stalinismus \u2013 darunter auch die Ver\u00f6ffentlichung des geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Pakts \u2013 zunutze, um die Pr\u00e4ventivkriegsl\u00fcge wiederzubeleben, darunter der sowjetische \u00dcberl\u00e4ufer und ehemalige Nachrichtendienstler Viktor Suworow.<\/p>\n<p>Im Jahr 2000 betonte die Historikerin Bianka Pietrow-Ennker die politische Relevanz der Wiederkehr der Pr\u00e4ventivkriegsthese:<\/p>\n<p><em>Auch f\u00fcr den politischen Standort der nachfolgenden Generationen in Deutschland scheint es wesentlich zu sein, eine klare Antwort auf die Kriegsschuldfrage zu finden, da das historische Erbe zugleich das Fundament darstellt, von dem aus die Beziehungen zu den europ\u00e4ischen Nachbarn, insbesondere Russland, gestaltet werden.<\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn29\"><em><sup>[29]<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Heute wird die Pr\u00e4ventivkriegsthese von AfD-\u201eHistorikern\u201c wie Stefan Scheil offen vertreten, der deshalb 2014 den Historikerpreis der rechtsextremen\u00a0Erich und Erna Kronauer-Stiftung verliehen bekam. Die Laudatio stammte von Ernst Nolte. Denselben Preis erhielt zwei Jahre sp\u00e4ter der US-Akademiker Sean McMeekin, der in seinem j\u00fcngsten revisionistischen Machwerk (in deutscher \u00dcbersetzung \u201eEs war Stalins Krieg\u201c, erschienen 2023 in einem rechtsextremen Verlag) Stalin als eigentlichen Verantwortlichen und Profiteur des Zweiten Weltkriegs pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Doch die Fakten sind eindeutig: Hitler und die Wehrmachtsf\u00fchrung gingen nicht von einer Bedrohung durch die Sowjetunion aus. Angesichts der enormen Schw\u00e4chung der Roten Armee im Gro\u00dfen Terror waren sie vielmehr \u00fcberzeugt, dass Moskau nicht zu einem Angriff bereit w\u00e4re. Die gesamte Politik Stalins bis zum 22. Juni 1941 orientierte sich auf die Vermeidung eines Kriegs, den Erhalt des B\u00fcndnisses mit Deutschland und die Beschwichtigung des Aggressors durch Zugest\u00e4ndnisse. Stalin erlaubte keine systematische milit\u00e4rische Vorbereitung der Roten Armee auf einen \u00dcberfall und schlug alle Warnungen bis zum Moment des Angriffs in den Wind.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn30\"><sup>[30]<\/sup><\/a><\/p>\n<p><strong>Geschichtsrevision als Kriegswaffe<\/strong><\/p>\n<p>Wenn jetzt in der Ausstellung und dem Band zum Hitler-Stalin-Pakt davon gesprochen wird, man wolle den \u201eErfahrungen\u201c und \u201ePerspektiven\u201c der L\u00e4nder Ost- und Mitteleuropas zuh\u00f6ren und sie ber\u00fccksichtigen, dann ist das ein Taschenspielertrick. Der herrschenden Klasse Deutschlands geht es nicht um die Leiden der Bev\u00f6lkerung in Osteuropa oder das Schicksal der Opfer des Stalinismus. Sie st\u00fctzt sich wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg auf lokale nationalistische Kr\u00e4fte, um die Region wirtschaftlich und milit\u00e4risch zu dominieren.<\/p>\n<p>Seit 2017 sind Nato-Battlegroups im Baltikum und Polen stationiert, um Russland einzukreisen. 2023 beschloss die Bundeswehr, eine Kampfbrigade von 5000 Mann dauerhaft in Litauen zu stationieren. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, 2025 soll sie in den Dienst gestellt und 2027 einsatzbereit sein. Zudem haben baltische Politiker, die antirussische Scharfmacher sind, hohe Posten in der <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/11\/27\/euko-n27.html\">neuen EU-Kommission<\/a> erhalten.<\/p>\n<p>Ende Oktober weihte Verteidigungsminister Boris Pistorius ein neues <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/11\/18\/rost-n18.html\">Marinehauptquartier in Rostock<\/a> ein, das f\u00fcr die sogenannte maritime Lagebilderstellung im Gebiet der Ostsee im Rahmen der Nato-Kriegsoffensive gegen Russland zust\u00e4ndig ist.<\/p>\n<p>2023 <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/04\/02\/ukek-a02.html\">trat Finnland der Nato bei<\/a> \u2013 ausgerechnet das Land, dessen Streitkr\u00e4fte im Vernichtungskrieg der Nazis gegen die Sowjetunion gek\u00e4mpft und eine wesentliche Rolle in den Offensiven gegen Leningrad und Murmansk gespielt hatten. Vom 18. bis 28. November 2024 fand hier erstmals eine gro\u00df angelegte Artillerie\u00fcbung der Nato statt. Im Laufe des Jahres wurden in Nordeuropa bereits weitere Nato-Man\u00f6ver <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/05\/14\/nord-m14.html\">abgehalten<\/a>, die gegen Russland ausgerichtet sind.<\/p>\n<p>Im Ausstellungsband wird der Nato-Beitritt Finnlands als Ergebnis der historischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg dargestellt. Die \u201eFinnen\u201c h\u00e4tten den Krieg als das \u201e\u00dcberleben ihrer eigenen Demokratie gegen die sowjetische Aggression\u201c erlebt, behauptet der Autor Ville Kivim\u00e4ki. Das \u201efinnische Narrativ\u201c verlaufe hierbei parallel zu den baltischen Staaten:<\/p>\n<p>\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr ihre nationale Existenz kam aus dem Osten und Stalin war der Hauptverantwortliche f\u00fcr den Krieg.\u201c Unter der Oberfl\u00e4che habe die \u201ekontinuierliche Angst vor dem unberechenbaren Nachbarn im Osten\u201c fortgewirkt. Daher sei es in Finnland selbstverst\u00e4ndlich, \u201eden Hitler-Stalin-Pakt als das wahre und anhaltende Gesicht der russischen Ambitionen in Europa zu sehen\u201c.<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#fn31\"><sup>[31]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Diese Instrumentalisierung der Geschichte ist f\u00fcr die herrschende Klasse Deutschlands von besonderer Bedeutung, weil sie im 20.\u00a0Jahrhundert die monstr\u00f6sesten Verbrechen begangen hat. Ein erneuter Krieg gegen Russland, der in einen Dritten Weltkrieg eskaliert, st\u00f6\u00dft in der Bev\u00f6lkerung auf Ablehnung. Die Geschichtsklitterung dient dazu, die Bev\u00f6lkerung zu verwirren, die historischen Fakten zu vernebeln und auf diese Weise die tiefverwurzelte Antikriegshaltung zu durchbrechen.<\/p>\n<p>Dieses Ziel brachte am deutlichsten Felix Ackermann auf den Punkt, ein Professor f\u00fcr Public History an der Fern-Universit\u00e4t Hagen, der selbst an der Vorbereitung der Pakt-Ausstellung beteiligt war und Studierende in die Arbeit am Ausstellungskonzept eingebunden hatte. In einem Gastbeitrag f\u00fcr die <em>FAZ<\/em> unter dem Titel \u201eRusslands Erpressung: Die Angst der Deutschen vor dem Dritten Weltkrieg\u201c kommentierte er im Dezember letzten Jahres:<\/p>\n<p><em>Das historische Bewusstsein, in der unmittelbaren Kampfzone eines vorgestellten Dritten Weltkriegs zu liegen, hat hierzulande ein kollektives Trauma hinterlassen. Dieses erkl\u00e4rt, warum die Rufe nach Frieden und die Aufrufe zur Kapitulation der Ukraine im Osten und im Westen Deutschlands gleicherma\u00dfen zu h\u00f6ren sind.<\/em><\/p>\n<p>Die deutsche Politik sei bislang \u201eim Nachkrieg verharrt\u201c und habe versucht, Putin \u00fcber Verhandlungen einzubinden. Weiter schreibt er:<\/p>\n<p><em>Das Verharren in einer postnationalsozialistischen Form von Zeitlichkeit, die das Selbstverst\u00e4ndnis der deutschen Gesellschaft im Kern an das fortw\u00e4hrende \u00dcberwinden des Nationalsozialismus bindet, hat die Illusion eines immerw\u00e4hrenden Nachkriegs geschaffen. Dabei handelt es sich um eine Epoche, die nicht nur die Kriege au\u00dferhalb von Europa weitgehend ausblendet, sondern auch jene Kriege, die in Zukunft in Europa ausgetragen werden. [\u2026] Die Zeitenwende fordert nicht nur dazu auf, sich dem realen Krieg in unmittelbarer Nachbarschaft zu stellen, sondern auch einen neuen Modus von Zeitlichkeit anzuerkennen, in dem der Nachkrieg unwiederbringlich beendet ist.<\/em><\/p>\n<p>Es ist nicht mehr Nachkriegszeit, es ist Kriegszeit, will Ackermann in seinem pseudophilosophischen Kauderwelsch sagen. Schluss mit \u201ePost-Nationalsozialismus\u201c \u2013 stattdessen eine Zeitenwende, die die R\u00fcckkehr zu den Methoden und Verbrechen des Nationalsozialismus erm\u00f6glicht. Um das zu erreichen, muss das historische Bewusstsein und die darin wurzelnde Angst vor einem Dritten Weltkrieg durchbrochen werden.<\/p>\n<p>Ackermann hat f\u00fcr seinen Kommentar einen brisanten Titel gew\u00e4hlt, denn er erinnert an einen Artikel von Paul Carrell in der <em>Welt am Sonntag<\/em> vom 21. Oktober 1979: \u201eDie Rote Erpressung\u201c. Der ehemalige SS-Obersturmbannf\u00fchrer und Pressechef von Au\u00dfenminister Ribbentrop im Zweiten Weltkrieg, Paul Karl Schmidt, machte unter dem Pseudonym Carrell in der Nachkriegszeit eine schillernde Karriere als pers\u00f6nlicher Berater des rechten Verlegers Axel Springer, Informant des Bundesnachrichtendiensts und prominenter Verfechter der Pr\u00e4ventivkriegsthese.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Debatte um den Nato-Doppelbeschluss und die Aufr\u00fcstung der BRD gegen die Sowjetunion forderte er 1979 in dem besagten <em>Welt<\/em>-Artikel eine \u00c4nderung der Einsatzdoktrin der Bundeswehr zugunsten einer pr\u00e4ventiven \u201eVorneverteidigung\u201c und verlangte die Modernisierung der taktischen Atomwaffen.<\/p>\n<p>Ackermann betritt also alte Pfade. Wo fr\u00fcher die Alt-Nazis die Aufr\u00fcstung und Kriegshysterie gegen Moskau sch\u00fcrten, \u00fcbernehmen heute Journalisten und Akademiker denselben Job \u2013 mit dem Vorteil, dass ihnen nicht der Makel der braunen Vergangenheit anhaftet und sie ohne nennenswerte Gegenrede die Talkshows und Feuilletons beschallen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch trotz aller Bem\u00fchungen: Nach zwei Weltkriegen und angesichts der heutigen Kriegsschaupl\u00e4tze im Nahen Osten und in der Ukraine ist die Ablehnung von Militarismus und Krieg in der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung tief verankert. Auch in den Reaktionen der Museumsbesucher in Berlin-Karlshorst spiegelt sich diese Tatsache wider.<\/p>\n<p>Wer die kleine Ausstellung betritt, st\u00f6\u00dft am Eingang auf eine gro\u00dfe Weltkarte mit angepinnten Zetteln. Dutzende pers\u00f6nliche Notizen auf Deutsch, Englisch, Russisch antworten auf die Frage: \u201eWo war meine Familie?\u201c Sie erz\u00e4hlen von Flucht, Vertreibung, Ermordung, Zwangsarbeit, Deportation, zerrissenen Familien. Die Notizen geben einen Eindruck davon, wie tief die Spuren sind, die der Zweite Weltkrieg und besonders die Verbrechen der Nazis \u00fcber Generationen hinweg hinterlassen haben.<\/p>\n<p>Auf einem anderen Zettel hei\u00dft es: \u201eMein Uropa war im Gef\u00e4ngnis bis zum Ende des Krieges, weil er gegen Nazis gek\u00e4mpft hat.\u201c Ein weiterer: \u201eDie Herkunftsfamilie meines Gro\u00dfvaters wurde ermordet da j\u00fcdischer Hintergrund. Mein Gro\u00dfvater konnte nach England emigrieren. Meine Tanten und Onkel fanden Sicherheit in England, Kanada und USA. So wurde meine Familie zu Weltb\u00fcrgern.\u201c Oder: \u201eMeine Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits mussten vor den Nazis 1933 nach Frankreich fliehen und haben den Terror dank vielf\u00e4ltiger Solidarit\u00e4t \u00fcberlebt. Wichtiges Element f\u00fcr den Umgang mit Gefl\u00fcchteten heute.\u201c<\/p>\n<p>Auf einem russischsprachigen Zettel wird geschildert, wie die Uroma aus Belarus zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde und ihren Ehemann verlor; wie ihre Br\u00fcder 1943 im Krieg verschollen sind; wie der Uropa den Krieg durchhielt und heimkehrte.<\/p>\n<p>Im G\u00e4stebuch prallen die politischen Positionen aufeinander. Neben vereinzeltem positivem Feedback kritisieren mehrere Beitr\u00e4ge die Ausstellung und die heutige Kriegslinie Deutschlands.<\/p>\n<p>Auf Russisch schreibt eine Ukrainerin: \u201eIch bin sehr froh, dass es dieses Museum gibt, damit eine neue Generation die Gr\u00e4uel des Krieges kennt und sich daran erinnert. Aber es macht mich sehr traurig, dass das heutige Deutschland dabei hilft, Krieg zwischen zwei verbr\u00fcderten V\u00f6lkern zu f\u00fchren.\u201c Sie denkt, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung gegen den Krieg sei, und schildert, wie eng verwoben beide L\u00e4nder in ihrer Familie sind: \u201eIch bin Ukrainerin, mein Mann ist Deutscher (aus Kasachstan), Schwiegermutter Russin, Schwiegervater Deutscher, Schwiegertochter Deutsche, Enkel Deutsche. \u2026 Ich bin f\u00fcr Frieden! Und ich will, dass Deutschland bei der Beilegung dieses Konflikts hilft.\u201c<\/p>\n<p>Ein anderer Besucher kritisiert: \u201eEs ist eine positivistische Ausstellung \u2013 die Begr\u00fcndungen f\u00fcr das Handeln sowie die Interessen, besonders die wirtschaftlichen, werden nicht genannt.\u201c Zudem werde das Schicksal der Juden in den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten kaum behandelt. Stattdessen werde \u201evor allem die \u201ab\u00f6se\u2018 Sowjetunion\u201c einseitig dargestellt.<\/p>\n<p>In einem weiteren Gastkommentar steht: \u201eAus der Geschichte lernen? Mit dieser Ausstellung sicher nicht! Gerade jetzt entsteht der \u201aeiserne Vorhang\u2018 neu, der Krieg eskaliert, das alte Lagerdenken funktioniert wieder. Deutsche Panzer fahren wieder auf alten Pfaden. Die Waffen nieder!\u201c<\/p>\n<p>Diese Reaktionen der Besucher zeigen einerseits, wie aktuell und brennend die Kriegsfrage ist, und andererseits, dass der Hitler-Stalin-Pakt und seine fatalen Folgen bis heute f\u00fcr Verwirrung und offene Fragen sorgen.<\/p>\n<p>Gerade ein Verst\u00e4ndnis der Ursachen, Ausma\u00dfe und Kontinuit\u00e4ten der NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg ist aus Sicht der Eliten in Deutschland jedoch ein Hindernis, weil es die heute wieder geforderte \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c untergr\u00e4bt. Herfried M\u00fcnkler, Politikwissenschaftler und Regierungsberater, hatte dieses Dilemma der deutschen Imperialisten 2014 in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> auf den Punkt gebracht: \u201eEs l\u00e4sst sich kaum eine verantwortliche Politik in Europa betreiben, wenn man die Vorstellung hat: Wir sind an allem schuld gewesen.\u201c<\/p>\n<p>Je umfassender und aggressiver die Beteiligung der Bundesregierung am Ukrainekrieg und am V\u00f6lkermord in Gaza, desto sch\u00e4rfer werden auch die Schlachten an der historischen Front gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Allein im vergangenen Jahr wurden im Hauptgeb\u00e4ude der Humboldt-Universit\u00e4t (HU) zwei Ausstellungen gezeigt, die mit den Methoden der <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/09\/12\/russ-s12.html\">Gr\u00e4uelpropaganda<\/a> die Studierenden und Lehrenden f\u00fcr eine Fortsetzung und Ausweitung des blutigen Ukrainekriegs gewinnen sollten.<\/p>\n<p>Ausgerechnet an der HU \u2013 der Universit\u00e4t, an der der \u201eGeneralplan Ost\u201c f\u00fcr den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ausgearbeitet wurde, \u2013 lehrten mit Herfried M\u00fcnkler und J\u00f6rg Baberowski zwei Professoren, die systematisch die Rolle Deutschlands im Ersten und Zweiten Weltkriegs umschrieben.<\/p>\n<p>Bis heute stellt sich die Universit\u00e4tsleitung hinter den rechtsradikalen Baberowski, der an seinem gut ausgestatteten Lehrstuhl die Verharmlosung der NS-Verbrechen weiterbetreibt. Einer seiner ehemaligen Mitarbeiter und Ziehs\u00f6hne, Robert Kindler, hat mittlerweile auch den zweiten Berliner Lehrstuhl f\u00fcr osteurop\u00e4ische Geschichte an der Freien Universit\u00e4t <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/08\/31\/holo-a31.html\">\u00fcbernommen<\/a> und sofort nach seinem Antritt den bisherigen Schwerpunkt des Lehrstuhls auf polnisch-j\u00fcdische Geschichte und die Verbrechen des Nationalsozialismus abgeschafft.<\/p>\n<p>Mit dem Kampf gegen diesen Geschichtsrevisionismus im Interesse des deutschen Imperialismus ist vor allem eine politische Tendenz identifiziert: die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) und die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE), die Jugendorganisation der SGP und des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI).<\/p>\n<p>Die IYSSE k\u00e4mpfen seit mehr als zehn Jahren gegen die Verwandlung der Universit\u00e4ten in ideologische Kaderschmieden des Militarismus und rufen zum Aufbau einer internationalen sozialistischen Bewegung gegen Krieg auf. Die politischen Aufgaben, vor denen Jugendliche, Studierende und Arbeiter heute stehen, erfordern eine historisch fundierte Perspektive.<\/p>\n<p>So wie die herrschende Klasse Geschichtsl\u00fcgen braucht, um ihre Kriegsagenda zu rechtfertigen, so ist die historische Wahrheit f\u00fcr die Arbeiterklasse lebenswichtig, um das ideologische Geflecht dieser Kriegsagenda zu durchschauen und zu durchbrechen. \u201eWissenschaft statt Kriegspropaganda\u201c \u2013 auf diesem Grundsatz muss die sozialistische Antikriegsbewegung beruhen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Anke Hilbrenner, Christoph Mei\u00dfner, Jo\u0308rg Morre\u0301 (Hg.), <em>Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts. Perspektiven aus Ostmitteleuropa<\/em>, G\u00f6ttingen 2024, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Nataliia Nechaieva-Yuriichuk, \u201eDer Molotow-Ribbentrop-Pakt im Spiegel aktueller Herausforderungen und Bedrohungen. Der Fall der Ukraine\u201c, in: <em>Riss durch Europa<\/em>, S. 146.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Anke Hilbrenner, Christoph Mei\u00dfner, Jo\u0308rg Morre\u0301 (Hg.), <em>Riss durch Europa<\/em>, S. 10f.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Ana Milo\u0161evi\u0107, \u201eDie Entkolonisierung der europ\u00e4ischen Erinnerung an den Molotow-Ribbentrop-Pakt? Pakte von Erinnerung und Vergessen\u201c, in: <em>Riss durch Europa<\/em>, S. 24.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Karte \u201eUnter der NS-Herrschaft ermordete Juden nach Land\u201c, Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/fsd\/centropa\/ermordete_juden_nach_land.php\">https:\/\/www.bpb.de\/fsd\/centropa\/ermordete_juden_nach_land.php<\/a> (Zugriff: 8.2.2025).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Kristo Nurmis, \u201eNiemand h\u00f6rt uns. Der lange Schatten des Molotow-Ribbentrop-Pakts in Estland\u201c, in: <em>Riss durch Europa<\/em>, S. 186.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Ebd., S. 188.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Dovid Katz, \u201eIs Eastern European \u201aDouble Genocide\u2018 Revisionism Reaching Museums?\u201c, in: <em>Dapim: Studies on the Holocaust<\/em> (2016), S. 1\u201330.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r9\">[9]<\/a><\/p>\n<p><em>Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition<\/em>, hrsg. von Christian Hartmann et al im Auftrag des Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte M\u00fcnchen-Berlin, 2016, Online-Edition, Band II, S. 316 (Hervorhebung im Original).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Leo Trotzki, \u201eDie Rolle des Kreml in der europ\u00e4ischen Katastrophe\u201c (18.6.1940), in: <a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/library\/trotzki-schriften-sieben-baende\/00.html\"><em>Trotzki Schriften<\/em><\/a>, Bd. 1.2, Hamburg 1988, S.\u00a01338\u201339.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Oleg Budnitzkij, \u201eWer profitierte vom Molotow-Ribbentrop-Pakt? Eine russische Perspektive\u201c, in: <em>Riss durch Europa<\/em>, S. 70.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Wadim S. Rogowin, <a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/library\/rogowin-weltrevolution-und-weltkrieg\/00.html\"><em>Weltrevolution und Weltkrieg<\/em><\/a>, Essen 2002, S. 280. Die fatalen Folgen f\u00fcr die Komintern, deren F\u00fchrung den Pakt verteidigte, zeigt auch dieser Quellenband auf: Bernhard H. Bayerlein (Hg.), <em>\u201eDer Verra\u0308ter, Stalin, bist Du!\u201c Vom Ende der linken Solidarita\u0308t 1939\u20131941<\/em>, Berlin 2008.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Leo Trotzki, \u201eHitlers Quartiermeister\u201c (2.9.1939), in: <a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/library\/trotzki-schriften-sieben-baende\/00.html\"><em>Trotzki Schriften<\/em><\/a>, Bd. 1.2, S.\u00a01260.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Heidemarie Uhl, \u201eNeuer EU-Gedenktag: Verf\u00e4lschung der Geschichte?\u201c (21.8.2009), online ver\u00f6ffentlicht: <a href=\"https:\/\/sciencev1.orf.at\/uhl\/156602.html\">https:\/\/sciencev1.orf.at\/uhl\/156602.html<\/a> (Zugriff: 8.2.2025).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Punkt 17 der \u201ePrague Declaration on European Conscience and Communism\u201c (3.6.2008), <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Prague_Declaration\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Prague_Declaration<\/a> (aus dem Englischen, Zugriff: 13.2.2025).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>\u201eEntschlie\u00dfung des Europ\u00e4ischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus\u201c, online abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/doceo\/document\/TA-6-2009-0213_DE.html\">https:\/\/www.europarl.europa.eu\/doceo\/document\/TA-6-2009-0213_DE.html<\/a> (Zugriff: 8.2.2025).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Zitiert aus dem Englischen nach Thomas Lutz, \u201eDer 23. August. Thesen zur Installierung eines europ\u00e4ischen Gedenktages f\u00fcr alle Opfer von Diktaturen und Totalitarismen\u201c, in: Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstandes (Hrsg.), <em>Forschungen zum Nationalsozialismus und dessen Nachwirkungen in \u00d6sterreich<\/em>, Wien 2012, S. 373.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Zarusky, \u201eVom Totalitarismus zu den Bloodlands. Herausforderungen, Probleme und Chancen des historischen Vergleichs von Stalinismus und Nationalsozialismus\u201c, in: ders., <em>Politische Justiz, Herrschaft, Widerstand. Aufs\u00e4tze und Manuskripte,<\/em> hrsg. vom Institut f\u00fcr Zeitgeschichte M\u00fcnchen\u2013Berlin 2021, S. 167.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>\u201eEntschlie\u00dfung des Europ\u00e4ischen Parlamentes vom 19. September 2019 zur Bedeutung des europ\u00e4ischen Geschichtsbewusstseins f\u00fcr die Zukunft Europas\u201c, online abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/doceo\/document\/TA-9-2019-0021_DE.html\">https:\/\/www.europarl.europa.eu\/doceo\/document\/TA-9-2019-0021_DE.html<\/a> (Zugriff: 8.2.2025).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r20\">[20]<\/a><\/p>\n<p>Heidemarie Uhl, \u201eHolocaust-Ged\u00e4chtnis und die Logik des Vergleichs. Erinnerungskulturelle Konflikte in (Zentral-)Europa\u201c, in: Hendrik Hansen et al (Hrsg.), <em>Erinnerungskultur in Mittel- und Osteuropa. Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Kommunismus im Vergleich<\/em>, Baden-Baden 2020, S. 53f., online abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.nomos-elibrary.de\/10.5771\/9783845290539-53.pdf\">https:\/\/www.nomos-elibrary.de\/10.5771\/9783845290539-53.pdf<\/a> (Zugriff: 8.2.2025).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Yehuda Bauer, \u201eMemo to the ITF on Comparisons between Nazi Germany and the Soviet Regime\u201c (2009), S.\u00a05, online abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.erinnern.at\/gedaechtnisorte-gedenkstaetten\/gedenktage\/23-august\">https:\/\/www.erinnern.at\/gedaechtnisorte-gedenkstaetten\/gedenktage\/23-august<\/a> (aus dem Englischen, Zugriff: 8.2.2025).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r22\">[22]<\/a><\/p>\n<p>Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r23\">[23]<\/a><\/p>\n<p>Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r24\">[24]<\/a><\/p>\n<p>Thomas Lutz, \u201eDer 23. August\u201c, S. 383.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r25\">[25]<\/a><\/p>\n<p>Richard J. Evans, \u201eThe Devils\u2019 Alliance: Hitler&#8217;s Pact with Stalin, 1939\u20131941 \u2013 review\u201c, <em>The Guardian<\/em>, 6.8.2014, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2014\/aug\/06\/devils-alliance-hitlers-pact-stalin-1938-1941-roger-moorhouse-review\">https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2014\/aug\/06\/devils-alliance-hitlers-pact-stalin-1938-1941-roger-moorhouse-review<\/a> (aus dem Englischen, Zugriff: 8.2.2025).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r26\">[26]<\/a><\/p>\n<p>Claudia Weber, <em>Krieg der T\u00e4ter. Die Massenerschie\u00dfungen von Katyn<\/em>, Bonn 2016, S.\u00a013.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r27\">[27]<\/a><\/p>\n<p>Claudia Weber, <em>Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer m\u00f6rderischen Allianz 1939\u20131941<\/em>, Bonn 2021, S. 14. Die folgenden Seitenangaben im Text stammen aus dem Buch.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r28\">[28]<\/a><\/p>\n<p>Dieser Sammelband gibt einen fundierten Einblick in das Thema und widerlegt die Pr\u00e4ventivkriegsthese: Bianka Pietrow-Ennker (Hg.), <em>Pr\u00e4ventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion<\/em>, Frankfurt am Main 2000.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r29\">[29]<\/a><\/p>\n<p>Ebd., S. 7.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r30\">[30]<\/a><\/p>\n<p>Vgl. hierzu die Beitr\u00e4ge im Sammelband von Pietrow-Ennker, ebd.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html#r31\">[31]<\/a><\/p>\n<p>Ville Kivim\u00e4ki, \u201eFinnland und der Hitler-Stalin Pakt von 1939. Der Fall eines \u00dcberlebenden\u201c, in: <em>Riss durch Europa<\/em>, S. 170.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Museumstafel der Ausstellung \u201eRiss durch Europa\u201c f\u00fcr den 23. August als Europ\u00e4ischer Gedenktag <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/02\/19\/pak1-f19.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. Februar 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katja Rippert. Dieser Artikel ist dem Gedenken an Wolfgang Weber (1949\u20132024) gewidmet. Er hat bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr an der Vorbereitung und Diskussion dieses Artikelprojekts teilgenommen.<br \/>\nAnl\u00e4sslich des 85. 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