{"id":15345,"date":"2025-03-28T12:20:35","date_gmt":"2025-03-28T10:20:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15345"},"modified":"2025-03-28T12:20:37","modified_gmt":"2025-03-28T10:20:37","slug":"risse-im-fundament-die-regionalen-akteure-im-chaos-des-mittleren-ostens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15345","title":{"rendered":"Risse im Fundament: Die regionalen Akteure im Chaos des Mittleren Ostens"},"content":{"rendered":"<p><em>Firaz Amarg\u00ee. <\/em>Die Nachrichten aus dem Mittleren Osten \u00fcberschlagen sich. Seit mehr als einem Jahr ersch\u00fcttern tagt\u00e4glich Ereignisse historischen Ausma\u00dfes die Region. Das Tempo der Krisen und Kriege hat sich seit dem 7. Oktober 2023 um ein Vielfaches erh\u00f6ht. Nachrichtenagenturen, Kommentatoren und virtuelle Medien produzieren in Echtzeit ununterbrochen Meldungen \u00fcber Luftangriffe,<!--more--> Tote, Waffenstillstandsverhandlungen\u2026 Angesichts der \u00fcberw\u00e4ltigenden Flut an kleinteiligen Informationen mag es schwer erscheinen, in dem Chaos des Mittleren Ostens Sinn und Logik zu erkennen. Wie Wasser flie\u00dfen die Informationen durch die H\u00e4nde der Beobachter:innen, die am Ende doch mit leeren H\u00e4nden dastehen.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die strategischen Dynamiken in der Region und die grundlegenden Motivationen der verschiedenen Akteure ist n\u00f6tig. Eine erneute Lekt\u00fcre der Schriften des politisch-philosophischen Vordenkers Abdullah \u00d6calan wird uns dabei helfen. Denn insbesondere im f\u00fcnften Band des \u201aManifests der Demokratischen Zivilisation\u2018<a href=\"https:\/\/kurdistan-report.de\/risse-im-fundamentdie-regionalen-akteureim-chaos-des-mittleren-ostens\/#_ftn1\">[1]<\/a> setzt sich \u00d6calan intensiv mit dem Grund f\u00fcr die schwerwiegende Krise im Mittleren Osten und der Rolle der einzelnen Akteure auseinander. Aufgrund der gebotenen K\u00fcrze dieses Artikels wollen wir uns auf die regionalen Akteure beschr\u00e4nken. Im Folgenden werden wir \u00d6calan selbst so oft wie m\u00f6glich zu Wort kommen lassen. Damit glauben wir nicht nur die Entwicklungen in Kurdistan und dem Mittleren Osten verst\u00e4ndlicher machen zu k\u00f6nnen. Wir m\u00f6chten zugleich eben den Menschen sprechen lassen, den Washington, Jerusalem oder Ankara seit 25 Jahren vergeblich versuchen, seiner historischen Rolle in Kurdistan, dem Mittleren Osten und der Welt zu berauben.<\/p>\n<p><strong>\u00bbOhne Reorganisation von Macht in Form des Nationalstaates kann der Kapitalismus nicht \u00fcberleben\u00ab \u2013 Abdullah \u00d6calan<\/strong><\/p>\n<p>Wie ein st\u00e4hlernes Korsett hat die kapitalistische Moderne ein System von knapp 200 Nationalstaaten \u00fcber die Welt gest\u00fclpt. In Folge der Franz\u00f6sischen Revolution wurde ausgehend von Europa bis Mitte des 20. Jahrhunderts der gesamten Welt ein administratives Konstrukt aufgezwungen, das in bis dahin unbekanntem Ausma\u00df die Monopolisierung von Macht und Kapital erm\u00f6glichte. Der Nationalstaat war eine zentrale Voraussetzung f\u00fcr die Durchsetzung der kapitalistischen Moderne als globales Herrschaftssystem. In diesem Kontext ist es wichtig sich dar\u00fcber bewusst zu sein, \u00bbdass Gro\u00dfbritannien unter seiner Hegemonie zwei Hauptziele in Bezug auf die Nationalstaaten verfolgte, f\u00fcr deren Aufbau es zun\u00e4chst in Europa und dann in der ganzen Welt Pionierarbeit leistete. Das erste Ziel bestand darin, die Imperien und gro\u00dfen Staaten, die ein Hindernis f\u00fcr seine Hegemonie darstellten, zu verkleinern, indem es sie zerteilte und sie somit als Hindernis auszuschalten. Das zweite Ziel war es, die Tradition der demokratischen Nation zu zerst\u00f6ren, die aus dem Mittelalter hervorgegangen war und ein Hindernis f\u00fcr die Entwicklung des Kapitalismus darstellte.\u00ab<\/p>\n<p>Mit der Zerst\u00fcckelung des Osmanischen Reiches in Folge des 1. Weltkrieges wurde der Mittlere Osten in dutzende Nationalstaaten zerteilt. London und Paris verdammten ein weiteres Imperium in die Geschichtsb\u00fccher. Diese neue Ordnung, die mit dem Vertrag von Lausanne im Jahr 1923 besiegelt wurde und mit der Gr\u00fcndung Israels ihren vorl\u00e4ufigen Abschluss fand, war nicht das Ergebnis mittel\u00f6stlicher Selbstbestimmung. Die 22 arabischen Kleinststaaten, die eingeschr\u00e4nkte T\u00fcrkei und der in die Schranken gewiesene Iran waren die Produkte britischer und franz\u00f6sischer Hegemoniefantasien. Den f\u00fchrenden M\u00e4chten der kapitalistischen Moderne war es gelungen eine der strategisch wichtigsten Regionen der Welt ihrer brutalen Logik zu unterwerfen: \u00bbUnter der Hegemonie eines hochgradig gewaltt\u00e4tigen und imperialistischen Systems wie dem Kapitalismus w\u00e4re es ein Trugschluss, von der Unabh\u00e4ngigkeit, freien Erschaffung und dem auf Unabh\u00e4ngigkeit basierenden Fortbestehen von Staaten zu sprechen.\u00ab Das seit \u00fcber 100 Jahren bestehende nationalstaatliche Korsett im Mittleren Osten war kein Schritt in Richtung Freiheit, Gleichheit und Demokratie. Vielmehr war es aus Sicht der kapitalistischen Moderne notwendig, um die Monopolisierung von Macht und Kapital zu globalisieren. Daf\u00fcr waren h\u00f6rige Helfer im Mittleren Osten notwendig. Es ist daher durchaus angemessen, \u00bbdie inmitten der mittel\u00f6stlichen Kultur errichteten Nationalstaaten als die ausgepr\u00e4gtesten Agenteninstitutionen des hegemonialen Nationalstaates zu betrachten.\u00ab<\/p>\n<p>100 Jahre in einem derart engen und schmerzenden Korsett sind eine lange Zeit. Daher dr\u00e4ngen heute nicht nur die V\u00f6lker des Mittleren Ostens auf Ver\u00e4nderungen. Auch der angels\u00e4chsische F\u00fchrungsblock der kapitalistischen Moderne arbeitet an der Neuordnung der Region. Erstere tun dies im Sinne von Demokratie und Freiheit, Letztere zur Sicherung von Macht und Reichtum. Mit den Abraham-Abkommen<a href=\"https:\/\/kurdistan-report.de\/risse-im-fundamentdie-regionalen-akteureim-chaos-des-mittleren-ostens\/#_ftn2\">[2]<\/a>, der Verk\u00fcndung des IMEC-Korridors<a href=\"https:\/\/kurdistan-report.de\/risse-im-fundamentdie-regionalen-akteureim-chaos-des-mittleren-ostens\/#_ftn3\">[3]<\/a> und dem kurz darauf begonnen Krieg in Pal\u00e4stina\/Israel hat die Neuordnung des Mittleren Ostens stark an Geschwindigkeit gewonnen. Von entscheidender Bedeutung ist daher die Frage, welche Strategien die wichtigsten regionalen Akteure angesichts dieser Entwicklungen verfolgen.<\/p>\n<p><strong>\u00bbIsrael ist nicht nur ein kleiner j\u00fcdischer Nationalstaat, sondern eine gro\u00dfe Hegemonialmacht\u00ab \u2013 Abdullah \u00d6calan<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Gr\u00fcndung Israels im Jahr 1948 fand die Phase der Neugestaltung des Mittleren Ostens ihr vorl\u00e4ufiges Ende. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich die Bem\u00fchungen der kapitalistischen Moderne um die Schaffung einer neuen Ordnung in der Region beschleunigt. Die wichtigste Voraussetzung daf\u00fcr war die Zerschlagung des Osmanischen Reiches, \u00bb[d]enn das Reich war ein Hindernis f\u00fcr die Beschl\u00fcsse des Zionistenkongresses von 1896, der Pal\u00e4stina als j\u00fcdisches Heimatland anerkannte. J\u00fcdische Aktivisten und Kapitalisten forderten Abd\u00fclhamid zun\u00e4chst auf freundliche Art und Weise auf, den Weg f\u00fcr die j\u00fcdische Einwanderung nach Pal\u00e4stina zu ebnen. Als Abd\u00fclhamid sich nicht wie gew\u00fcnscht verhielt [\u2026] bzw. als seine Ma\u00dfnahmen sich als unzureichend erwiesen, suchten sie mit Hilfe der Jungt\u00fcrken und deren Gr\u00fcndung des Komitees f\u00fcr Einheit und Fortschritt Einfluss auf das Reich zu erlangen (der britische Botschafter jener Zeit betrachtete die Macht\u00fcbernahme durch die Jungt\u00fcrken und das Komitee f\u00fcr Einheit und Fortschritt als eine j\u00fcdische Inbesitznahme des Reiches). Mit der Zweiten Konstitutionellen Monarchie (1908) und dem Staatsstreich vom 9. M\u00e4rz 1909 schr\u00e4nkten sie Abdulhamit ebenso ein wie zuvor den franz\u00f6sischen K\u00f6nig und den russischen Zaren.\u00ab<\/p>\n<p>In den 1920er Jahren entstanden die T\u00fcrkei, Syrien, der Irak und Iran als moderne Nationalstaaten. Wenig sp\u00e4ter folgten zahlreiche weitere arabische Kleinststaaten. Damit war die Grundlage f\u00fcr die Gr\u00fcndung des israelischen Nationalstaats geschaffen. Das j\u00fcdische Volk hatte nun erreicht, was es sich Jahrzehnte zuvor zum Ziel gesetzt hatte. Um die Gr\u00fcndungsdynamik Israels zu verstehen, ist es wichtig sich in Erinnerung zu rufen, \u00bbdass Israel in diesen St\u00e4mmen und ihren Ideologien (j\u00fcdische Ideologie: monotheistische Religionen und Nationalismen) verwurzelt ist. Im Wesentlichen ist Israel ein nat\u00fcrliches Produkt der fast 400 Jahre andauernden nationalstaatlichen Kriege, in deren Zuge seit den 1550er Jahren entlang der Linie Amsterdam-London moderne Staaten entstanden und Europa in ein Blutbad verwandelt wurde. J\u00fcdischer Intellekt und j\u00fcdisches Kapital (Kapitalismus) spielten bei der Bildung von Nationalstaaten stets eine f\u00fchrende Rolle. Die \u00dcberzeugung \u00fcberwog, dass die Juden erst mit dem Zerfall der katholischen, orthodoxen und islamischen Reiche ihre Freiheit erlangen w\u00fcrden und ein israelisch-j\u00fcdischer Staat auf der Grundlage der zionistischen Ideale des sich allm\u00e4hlich entwickelnden j\u00fcdischen Nationalismus errichtet werden k\u00f6nnte. Vor, w\u00e4hrend und nach dem Ersten Weltkrieg trugen diese entschlossenen, bewussten und organisierten Bem\u00fchungen Fr\u00fcchte. Zusammen mit dem minimalistischen Nationalstaat der Republik T\u00fcrkei, der auf den Tr\u00fcmmern des Osmanischen Reiches gegr\u00fcndet wurde, und in dem von zahlreichen minimalistischen arabischen Nationalstaaten geschaffenen Umfeld wurde der j\u00fcdische Nationalstaat Israel 1948 offiziell proklamiert.\u00ab<\/p>\n<p>Die grundlegenden Motivationen f\u00fcr die Gr\u00fcndung Israels spielen bis heute eine wichtige Rolle in der Dynamik des Mittleren Ostens. Die im Jahr 2020 unterzeichneten Abraham-Abkommen und der im September 2023 in Delhi verk\u00fcndete IMEC-Korridor sind der konkrete Ausdruck einer regionalen Hegemonialpolitik der kapitalistischen Moderne, deren Zentrum die Sicherheit, Existenz und regionale Dominanz des israelischen Nationalstaats darstellt: \u00bbDer Gr\u00fcndungsprozess Israels ist der wichtigste Indikator f\u00fcr die Entwicklung der angels\u00e4chsischen Hegemonie in der Region. Nach der absichtlichen Zerst\u00f6rung des Osmanischen Reiches wurde Israel als Kernmacht dieser neuen Hegemonie in der Region konzipiert und aufgebaut. Was die britisch-amerikanische Hegemonie f\u00fcr die Welt darstellt, ist Israel als neue Hegemonialmacht in der Region f\u00fcr den Mittleren Osten.\u00ab<\/p>\n<p>Der Nationalstaat Israel spielt seit fast einem Jahrhundert eine strategische Rolle in den Hegemoniebestrebungen der kapitalistischen Moderne im Mittleren Osten. Was die Gr\u00fcndung Israels f\u00fcr das j\u00fcdische Volk selbst bedeutet hat, w\u00e4re eine interessante Frage, deren Beantwortung jedoch den Rahmen dieser kurzen Analyse sprengen w\u00fcrde. Haben die J\u00fcd:innen, eines der \u00e4ltesten V\u00f6lker des Mittleren Ostens, in Form ihres eigenen Nationalstaates wirklich Sicherheit, Selbstbestimmung und Frieden gefunden? Insbesondere die Entwicklungen seit Oktober 2023 lassen dies fraglich erscheinen. Israel stellt heute eines des Zentren der Krise des Mittleren Ostens dar. Die militaristisch-nationalistische Logik der zionistischen Kreise tr\u00e4gt entscheidend zur Eskalation der Spannungen in der Region bei. Denn die \u00bbGr\u00fcndung Israels war kein gew\u00f6hnliches Ereignis. Israel wurde als zentrale Hegemonialmacht der kapitalistischen Moderne geboren. Es f\u00fcllte das Machtvakuum, das durch die Umwandlung des Osmanischen Reiches und das des Schahs im Iran, der letzten hegemonialen M\u00e4chte in der Region, in abh\u00e4ngige und minimalistische Nationalstaaten entstanden war. Der Aufbau Israels zu einer zentralen Hegemonialmacht war eine sehr wichtige Entwicklung. Das bedeutet, dass die Legitimit\u00e4t anderer Nationalstaaten in der Region akzeptiert wird, solange sie die Existenz Israels als Hegemonialmacht anerkennen. Tun sie dies nicht, werden sie durch Kriege einer Zerm\u00fcrbungsstrategie ausgesetzt, bis sie auf Linie gebracht und zur Anerkennung gezwungen werden. Da die Republik T\u00fcrkei, \u00c4gypten, Jordanien und einige Golfstaaten zu den ersten Staaten geh\u00f6rten, die Israel anerkannten, wurden sie als legitime Nationalstaaten akzeptiert und in das System integriert. Mit den restlichen Staaten geht der Krieg mit Israel und seinen Verb\u00fcndeten und anderen L\u00e4ndern weiter. Die Kriege und Konflikte mit den Arabern bez\u00fcglich der Pal\u00e4stinenserfrage und mit anderen islamischen L\u00e4ndern in der Golffrage sind eng mit der hegemonialen Pr\u00e4senz Israels in der Region verbunden. Diese Konflikte, Verschw\u00f6rungen, Attentate und Kriege werden so lange andauern, bis die Hegemonie Israels anerkannt wird.\u00ab<\/p>\n<p><strong>\u00bbDie iranische Oligarchie strebt [\u2026] nach einer legitimierten und angesehenen Position im Gleichgewicht der Nationalstaaten des Mittleren Ostens\u00ab \u2013 Abdullah \u00d6calan<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem menschenverachtenden Angriff der Hamas im Oktober 2023 und dem durch den israelischen Staat ausge\u00fcbten Genozid am pal\u00e4stinensischen Volk wird intensiv \u00fcber die Rolle Irans in der Region gesprochen. Zweifellos handelt es sich bei diesem Staat um einen einflussreichen Akteur, der seine St\u00e4rke insbesondere aus den historischen Wurzeln seiner Institutionen und Mentalit\u00e4t bezieht. In Kooperation und im Konflikt mit anderen Kulturen und V\u00f6lkern entwickelte sich die Grundlage des heutigen Irans. Zwei Einfl\u00fcsse sind dabei bis heute entscheidend. Erstens, \u00bbdie iranische Staatstradition geht auf die Meder-Konf\u00f6deration (1000-550 v. Chr.) zur\u00fcck. Sie fu\u00dft auf einer \u00e4hnlichen Kultur wie die Meder-Kurden. Der Zoroastrismus und der Mithraismus sind die beiden wichtigen Quellen dieser historisch bedeutsamen Kultur. Das Perserreich, der erste iranische Staat, entstand vollst\u00e4ndig auf den Fundamenten der Medischen Konf\u00f6deration.\u00ab Und zweitens, \u00bbfast eintausend Jahre lang, von den islamischen Eroberungen bis zur Gr\u00fcndung der Safawiden-Dynastie (650-1500 n. Chr.), wurde die iranische Staatstradition von arabischen, t\u00fcrkischen und mongolischen Dynastien vertreten, die der dortigen Kultur fremd waren. Mit der Safawiden-Dynastie wurde der Schiismus zur Staatsideologie gemacht. Die Grundlagen des modernen Iran wurden in dieser Zeit gelegt.\u00ab<\/p>\n<p>In Folge der Neuordnung des Mittleren Ostens w\u00e4hrend und nach dem 1. Weltkrieg musste die iranische Staatstradition eine gewisse Umstrukturierung hinnehmen. Das nationalstaatliche Paradigma der kapitalistischen Moderne sollte von nun an auch dem Iran aufgezwungen werden. Gro\u00dfbritannien spielte hierbei als F\u00fchrungsmacht der kapitalistischen Moderne die entscheidende Rolle. Es verfolgte nicht nur das Ziel einer Eind\u00e4mmung Irans in der Region, sondern wollte zugleich \u00e4hnlich wie in der T\u00fcrkei mithilfe des iranischen Nationalstaates sowjetische Expansionsbestrebungen im Mittleren Osten blockieren: \u00bbDie Politik des Pufferstaats ist ein britisches System, das vom fr\u00fchen 19. Jahrhundert bis heute im Allgemeinen erfolgreich umgesetzt wurde. Die Reza-Schah-Dynastie verfolgte ein Programm der Imitation der westlichen Moderne, das die kulturellen Traditionen des Irans verwarf. Sie versuchte als Satellitenregime zun\u00e4chst Gro\u00dfbritanniens und sp\u00e4ter der USA und Israels zu \u00fcberleben. Der Satellitenstaatscharakter aller Nationalstaaten des Mittleren Ostens wurde insbesondere durch die letzte Pahlavi-Dynastie deutlich.\u00ab<\/p>\n<p>Doch die \u00bbiranische Staatstradition akzeptiert nicht so einfach einen R\u00fcckzug auf einen minimalistischen Status, wie z.B. im Fall der Republik T\u00fcrkei. Selbst der letzte iranische Schah widersetzte sich dem Minimalismus mehr als diese Republik. Die islamische Revolution von 1979 im Iran war Ausdruck einer wichtigen Haltung gegen den in der Region geschaffenen nationalstaatlichen Minimalismus und das darauf basierende Gleichgewicht. Umgehend begann sie den Versuch, ihre eigene Hegemonie gegen die israelische Hegemonie durchzusetzen.\u00ab Die iranische Staatskultur verf\u00fcgt \u00fcber eine historisch-institutionelle Tiefe, die es ihr in der Vergangenheit immer wieder erlaubt hat, tiefgreifende Ver\u00e4nderungen vorzunehmen. Konf\u00f6derative Modelle, dynastische Herrschaftssysteme, das europ\u00e4ische Nationalstaatsmodell und deren letztendliche Reform in islamischem Gewand stellen allesamt wichtige Abschnitte in der Geschichte des iranischen Staates dar. Eine wichtige Grundkonstante ist die Ambition der iranischen Machteliten, als Hegemonialmacht im Mittleren Osten akzeptiert zu werden. Auch die islamische Revolution tat trotz ihres demokratischen Kerns diesem Selbstverst\u00e4ndnis keinen Abbruch. Es handelte sich um \u00bbeine kulturelle wie eine politische Revolution. Diese Revolution sch\u00f6pfte ihre Kraft nicht nur aus der Organisation der schiitischen Ulema, sondern vor allem aus der sozialen Kultur des iranischen Volkes, die tief in der Geschichte verwurzelt ist. [\u2026] Die schiitische Oligarchie wollte diese antikapitalistische Akkumulation, die eine gro\u00dfe historische und kulturelle Bedeutung hat, als Trumpf benutzen, um ihre Existenz gegen die hegemonialen Kr\u00e4fte des kapitalistischen Systems zu legitimieren. Dieser Versuch dauert auch heute noch an. Das ganze Bestreben der iranischen Oligarchie besteht darin, die anti-modernistische (anti-kapitalistische) Grundlage der Revolution als Waffe gegen die westlichen Hegemonialm\u00e4chte einzusetzen und so eine legitimierte und angesehene Position im nationalstaatlichen Gleichgewicht des Mittleren Ostens zu erlangen. Im Sinne einer alternativen Moderne hat sie jedoch keinen inh\u00e4renten Widerspruch zur kapitalistischen Moderne.\u00ab<\/p>\n<p>Seit einem guten Jahr hat der Konflikt des Iran mit den anderen regionalen und globalen M\u00e4chten um seinen Status in der Region ein neues Ausma\u00df angenommen. Mithilfe von Proxykr\u00e4ften wie der Hamas in Pal\u00e4stina, der Hisbollah im Libanon, den Huthis im Jemen und schiitischer Milizen im Irak versucht der Iran seine Hegemonialbestrebungen mit Gewalt durchzusetzen. Auch das eigene Milit\u00e4r greift mittlerweile in Form von Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel direkt in diesen Konflikt ein. Welche Erfolgsaussichten hat der iranische Staat in diesem Konflikt? \u00abDie schiitische Tradition hat historisch betrachtet stets nach Hegemonie gestrebt. Sie h\u00e4lt einen jahrtausendealten hegemonialen Iran als Waffe in ihren H\u00e4nden. Doch unter den heutigen Bedingungen der kapitalistischen Moderne \u00fcbersch\u00e4tzt sie ihre Macht. In einer \u00c4ra maximaler Globalisierung des Systems sind die Erfolgsaussichten der iranisch-schiitischen Oligarchie sehr gering. Es sei denn, sie wendet sich einer radikal anderen Moderne zu.\u00ab<\/p>\n<p>Der iranische Nationalstaat steht heute vor mehr als nur der Frage, ob er sich seinen erw\u00fcnschten Platz im Rahmen der Neuordnung des Mittleren Ostens erk\u00e4mpfen kann. Viel grundlegender geht es darum, welche Art der Moderne der Staat und die Gesellschaft des Landes als eine langfristige Perspektive w\u00e4hlen. \u00c4hnlich wie im Fall der anderen Nationalstaaten in der Region \u00bbstehen auch dem iranischen Nationalstaat zwei Wege f\u00fcr eine L\u00f6sung seiner Probleme zur Verf\u00fcgung. Der erste Weg verspricht einen Kompromiss mit dem System, \u00e4hnlich wie das Regime des Schahs. Die schiitische Oligarchie ist dazu durchaus bereit. Doch das System akzeptiert sie in ihrer aktuellen Form nicht. Die Bem\u00fchungen um eine derartige Einigung werden entweder friedlich oder durch Krieg zugunsten der kapitalistischen Hegemonialm\u00e4chte ein Ende finden. Sollte jedoch die L\u00f6sung der Probleme in Form des zweiten m\u00f6glichen Weges auf die Tagesordnung kommen, wird es zu einem radikalen Bruch mit dem System kommen. Bei diesem Weg handelt es sich um die L\u00f6sung der demokratischen Moderne, die unweigerlich ins Spiel kommen wird, sobald sowohl die schiitische Oligarchie als auch die westlichen Hegemonialm\u00e4chte (insbesondere Israel) ohne L\u00f6sung und dementsprechend machtlos dastehen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>\u00bbDie T\u00fcrkei das schw\u00e4chste Glied des Systems\u00ab \u2013 Abdullah \u00d6calan<\/strong><\/p>\n<p>Unter den Nationalstaaten des Mittleren Ostens spielt die T\u00fcrkei eine besonders entscheidende Rolle. Im Rahmen der sich zuspitzenden Krise in der Region, ist dies insbesondere im Verlauf des letzten Jahres deutlich geworden. Die tagespolitische Haltung der T\u00fcrkei ist von historischen und strategischen Dynamiken gepr\u00e4gt, deren wir uns als aufmerksame Beobachter:innen bewusst sein sollten.<\/p>\n<p>Auch die Gr\u00fcndung der Republik T\u00fcrkei im Jahr 1923 fand im Kontext der hegemonialen Neugestaltung des Mittleren Ostens mit Israel in dessen Zentrum statt. Ohne zu ber\u00fccksichtigen, dass der t\u00fcrkische, der persische und die arabischen Nationalstaaten in der Region im Einklang mit der Idee eines j\u00fcdischen Nationalstaates konzipiert wurden, l\u00e4sst sich die Gr\u00fcndungsdynamik der T\u00fcrkei nicht verstehen. Die Gr\u00fcndung dieses Staates \u00bbist auch auf die Liquidierung der christlichen V\u00f6lker und ihrer Verb\u00fcndeten, der Kommunisten, der islamischen Umma-Anh\u00e4nger, der Tscherkessen und der Kurden, sowie auf das B\u00fcndnis zwischen dem j\u00fcdisch-zionistischen Nationalismus und der t\u00fcrkischen b\u00fcrokratischen Bourgeoisie zur\u00fcckzuf\u00fchren. Mit diesem unter der Hegemonie Gro\u00dfbritanniens gegr\u00fcndeten B\u00fcndnis wurde ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Gr\u00fcndung Israels im Mittleren Osten gelegt.\u00ab W\u00e4hrend und unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg hatten London und Paris zun\u00e4chst andere Pl\u00e4ne f\u00fcr das Gebiet der heutigen T\u00fcrkei. Die vollst\u00e4ndige Zerst\u00fcckelung in Kleinststaaten wurde von einer demokratischen Allianz der dortigen V\u00f6lker und Glaubensgemeinschaften im Krieg von 1919 bis 1921 verhindert. In dieser Phase \u00bbhatte die Republik sowohl einen demokratischen als auch einen nationalen Befreiungsaspekt. Als Revolution wurde sie zun\u00e4chst durch das B\u00fcndnis der demokratischen Kr\u00e4fte der Nation erreicht. Es bestand ein B\u00fcndnis aus Kommunisten, islamischen Umma-Anh\u00e4ngern, Tscherkessen, Kurden und T\u00fcrken. Wie in der Franz\u00f6sischen und Russischen Revolution wurde auch in der Anatolischen Revolution die demokratische Struktur der Nation durch konspirative Methoden in einen diktatorischen Nationalstaat verwandelt. Auch hier spielte das britische Hegemonialstreben die Hauptrolle.\u00ab Das Resultat war \u00ab[e]ine Republik, die st\u00e4ndig mit ihren eigenen religi\u00f6sen Gruppen, ihren wichtigsten Verb\u00fcndeten, den Kommunisten und den Kurden, im Streit lag; eine Republik, die deren Existenz st\u00e4ndig leugnete und sie immer wieder durch Provokationen ausl\u00f6schte und hinrichtete. Sie hatte nat\u00fcrlich keinerlei Chance auf Entwicklung und Wachstum. Diese neue Klasse stellte eine kleine Minderheit bestehend aus der b\u00fcrokratischen t\u00fcrkischen Bourgeoisie und j\u00fcdischer Gruppen dar. Sie wird im Allgemeinen als \u201aWei\u00dfe T\u00fcrken\u2018 bezeichnet. Diese haben den s\u00e4kularen Nationalismus als eine sehr strenge Religion angenommen und alle demokratischen Elemente der Republik an den Rand gedr\u00e4ngt. Die Geschichte der Republik besteht im Wesentlichen aus der Bewahrung dieses Wesenskerns.\u00ab<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage wurden dem neu entstandenen t\u00fcrkischen Nationalstaat zwei zentrale Missionen \u00fcbertragen, deren Erf\u00fcllung von nun an in einem entscheidenden Ma\u00df dessen Daseinsberechtigung darstellte. Zum einen war die kapitalistische F\u00fchrungsmacht Gro\u00dfbritannien daran interessiert, den Islam als zentrale Machtbasis im Mittleren Osten zu schw\u00e4chen. Denn \u00bb[d]ie Tatsache, dass die osmanischen Sultane, die sechshundert Jahre lang die islamische Hegemonialmacht gewesen waren, auch den Titel des Kalifen trugen, verlieh der Republik ein starkes Erbe der islamischen Umma. Solange diese Einheit der islamischen Umma in der islamischen Welt gewahrt blieb, w\u00fcrde der Aufbau der britischen Hegemonie und ihres zentralen Bestandteils Israel \u00e4u\u00dferst schwierig sein. Die Rolle, die der Republik unter der Diktatur der s\u00e4kularen nationalistischen CHP zugewiesen wurde, bestand dementsprechend darin, den Weg f\u00fcr den Zerfall der Einheit der islamischen Umma zu ebnen.\u00ab Zum anderen war es von nun an die Aufgabe der Republik T\u00fcrkei, \u00bbdie Expansion Sowjetrusslands in den Mittleren Osten sowie die Entwicklung des Kommunismus in der republikanischen T\u00fcrkei zu verhindern.\u00ab<\/p>\n<p>In Folge des Milit\u00e4rputsches im Jahr 1980 durchlief der t\u00fcrkische Staat eine wichtige Ver\u00e4nderung, die erneut durch die f\u00fchrenden M\u00e4chte der kapitalistischen Moderne \u2013 insbesondere die USA \u2013 angesto\u00dfen wurde. Konkreten Ausdruck fand dies in der Verabschiedung einer neuen Verfassung im Jahr 1982, die ma\u00dfgeblich von der milit\u00e4rischen F\u00fchrung und deren NATO-Partnern diktiert wurde und den Beginn der \u201aZweiten Republik\u2018 darstellt: \u00bbDie Entwicklung der offiziellen Ideologie der Zweiten Republik als t\u00fcrkisch-islamische Synthese findet in diesem Kontext ihre Bedeutung. Dem iranisch-islamischen Radikalismus sollte mit der gem\u00e4\u00dfigten t\u00fcrkisch-islamischen Synthese der T\u00fcrkei begegnet werden, und die demokratischen Nationalbewegungen sollten durch faschistischen Terror zerst\u00f6rt werden.\u00ab \u00c4hnlich wie die CHP als Partei der Staatsgr\u00fcndung bekannt ist, stellt die AKP samt ihrer Vorl\u00e4uferparteien in den 1980er und 90er Jahren die Partei der \u201aZweiten Republik\u2018 dar. Vor diesem Hintergrund ist auch besser verst\u00e4ndlich, warum sie seit \u00fcber 22 Jahren direkt an der Macht ist und w\u00e4hrend dieser Zeit unz\u00e4hlige existentielle Krisen \u00fcberwinden konnte. Die strategische Rolle der AKP besteht seither darin, \u00bbden iranisch-schiitischen Nationalismus, den arabischen radikalen Islamismus und den s\u00e4kularen Nationalismus aufzuweichen und sie in das hegemoniale System zu integrieren. Es ist klar, dass die Armee und die Au\u00dfenpolitik des Landes zu diesem Zweck eine bestimmte Rolle erhalten haben. Auch die AKP spielt diese Rolle.\u00ab<\/p>\n<p>Der AKP-F\u00fchrung des Landes wurde von Seiten der hegemonialen M\u00e4chte im Mittleren Osten lange Zeit eine sehr strategische Rolle zugesprochen. Zugleich sind insbesondere im vergangenen Jahr die Widerspr\u00fcche zwischen der AKP-Regierung und ihren internationalen G\u00f6nnern immer st\u00e4rker hervorgetreten. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Abraham-Abkommen und den IMEC-Korridor. Trotzdem bleibt die folgende Grunddynamik weiter entscheidend: \u00bbDie AKP, die von den USA, Gro\u00dfbritannien und Israel im Mittleren Osten gef\u00f6rdert wurde, um eben diesem Trio zu dienen, verlangt als Gegenleistung f\u00fcr ihre Dienste eine Erh\u00f6hung ihres Anteils. Der von ihr vorgesehene Weg zur Erreichung dieses Ziels besteht darin, die Vormundschaft der Armee gegen sie zu mildern, neue Putsche gegen sie zu verhindern und einen gr\u00f6\u00dferen Anteil am Kuchen der Ausbeutung des Mittleren Ostens zu erhalten. Israel findet diese junge anatolische Bourgeoisie jedoch etwas \u00fcbertrieben und erwartet von ihr, dass sie ihre Forderungen m\u00e4\u00dfigt.\u00ab Vor diesem Hintergrund \u00bbsollten die k\u00fcnstlichen Widerspr\u00fcche zwischen der AKP und Israel niemanden \u00fcberraschen. Es w\u00e4re falsch zu behaupten, dass es keine Widerspr\u00fcche zwischen ihnen gibt. Doch bei diesen Widerspr\u00fcchen handelt es sich um Interessenwiderspr\u00fcche, die innerhalb desselben hegemonialen Systems gel\u00f6st werden k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie andere Nationalstaaten in der Region steht auch die T\u00fcrkei heute vor einer Weggabelung und dementsprechend historischen Entscheidungen. Denn man \u00bbkann ohne weiteres sagen, dass die T\u00fcrkei das schw\u00e4chste Glied des Systems darstellt. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass sie aus dem System ausbricht. Der Bruch kann auf zwei Arten geschehen: Zum einen \u2013 sollte es sich nicht um einen T\u00e4uschungsversuch handeln \u2013 durch die Entwicklung zu einer starken Regionalmacht, die sich sogar zu einer globalen Macht entwickeln kann. In Verbindung damit stehen die beabsichtigten Entwicklungen gemeinsam mit dem Iran, Syrien, Russland und anderen BRICS-L\u00e4ndern (Brasilien, Russland, Indien, China), die auch als eine Achsenverschiebung interpretiert werden. Dieser Weg w\u00fcrde eine Gegenposition zur Hegemonie Israels, der USA, Gro\u00dfbritanniens und der EU bedeuten. Das ist zwar nicht unm\u00f6glich, aber angesichts des Wesenskerns der heutigen T\u00fcrkei und ihres konkreten Gleichgewichts sehr schwer zu beschreiten. Die zweite M\u00f6glichkeit eines Bruchs best\u00fcnde in einer Erneuerung der alten B\u00fcndnisse der Republik aus der Zeit des nationalen Befreiungskriegs auf der Grundlage der demokratischen Nation. Auf diesem Weg, der zu einem Bruch mit der kapitalistischen Moderne f\u00fchren kann, k\u00f6nnen die grundlegenden nationalen und regionalen Probleme nur mithilfe der demokratischen Moderne radikal gel\u00f6st werden.\u00ab<\/p>\n<p><strong>\u00bbDie Kurden [\u2026] werden weder ein zweites Israel noch wie andere Nationalstaaten sein\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Der Mittlere Osten besteht aus mehr als nur Nationalstaaten und internationalen Hegemonialm\u00e4chten. Es sind die Jahrtausende alten Kulturen, V\u00f6lker und Glaubensgemeinschaften der Region, die seit mehr als 100 Jahren gegen das nationalstaatlich-industrielle Korsett der kapitalistischen Moderne Widerstand leisten. Das kurdische Volk spielt in diesem Zusammenhang eine f\u00fchrende Rolle. Die Kurd:innen sind stark politisiert und organisiert, verf\u00fcgen \u00fcber Selbstverteidigungskr\u00e4fte in allen vier Teilen Kurdistans und haben auf der Grundlage einer klaren L\u00f6sungsperspektive die F\u00e4higkeit diplomatisch flexibel zu agieren. In diesem Sinne stellen sie die wahrscheinlich wichtigste demokratische Kraft im Mittleren Osten des 21. Jahrhunderts dar.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrungsm\u00e4chte der kapitalistischen Moderne hatten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine deutlich andere Rolle f\u00fcr das kurdische Volk \u00fcberlegt. Manifestiert wurde dieser Plan durch die Zerst\u00fcckelung Kurdistans in vier Teile. Dabei handelt es sich um \u00bbdie zweite bedeutende Teilung Kurdistans in der Neuzeit (die erste geht auf den Vertrag von Kasr-i Shirin im Jahr 1639 zur\u00fcck). Sie ist die Hauptursache f\u00fcr die kurdische Frage. Die beiden minimalistischen Nationalstaaten, die im Irak und in Anatolien errichtet wurden, stellen zwei Kriegserkl\u00e4rungen dar, die die Substanz Kurdistans und der Kurd:innen zerrei\u00dfen. Wenn wir den Nationalstaat nicht auf diese Weise verstehen, k\u00f6nnen wir weder die Teilung Kurdistans noch die seit langem bestehende und bis heute ungel\u00f6ste kurdische Frage begreifen.\u00ab Der seit 100 Jahren andauernde Genozid und Krieg in Kurdistan wurde bewusst angesto\u00dfen, um in der Tradition der unmoralischen Teile-und-Herrsche-Logik die gesamte Region in die Abh\u00e4ngigkeit von London, Paris, Berlin oder Washington zu treiben: \u00bbDie Probleme, die den Kurden zugef\u00fcgt werden, sind keine von selbst entstandenen Probleme. Sie wurden bewusst geschaffen und ununterbrochen aufrecht erhalten. Denn sie stellen das wichtigste Mittel f\u00fcr die Kontrolle des Mittleren Ostens dar, indem dieser in Problemen ertr\u00e4nkt wird.\u00ab<\/p>\n<p>Selbst der angels\u00e4chsische F\u00fchrungsblock der kapitalistischen Moderne und dessen Hegemoniepartner Israel haben mittlerweile eingesehen, dass die Existenz und das kulturell-politische Gewicht des kurdischen Volkes in der Region nicht mehr verleugnet werden kann. Dies ist das Ergebnis des entschlossenen Widerstandes der Kurd:innen gegen den kulturellen und physischen V\u00f6lkermord der vergangenen 100 Jahre. Nur der t\u00fcrkische Staat verweigert sich weiterhin verbissen dieser neuen Politik und setzt noch immer auf die Vertreibung, Assimilierung und Vernichtung des kurdischen Volkes. Die Kurd:innen sehen sich in diesem Kontext mit zwei ernsthaften Herausforderungen konfrontiert. Zum einen m\u00fcssen sie sich tagt\u00e4glich gegen die V\u00f6lkermordpolitik des t\u00fcrkischen Staates verteidigen. Zum anderen stehen sie vor der Aufgabe, die angels\u00e4chsische Logik zu korrigieren, die es als ihr Recht betrachtet, eine der kapitalistischen Moderne genehme kurdische Realit\u00e4t zu schaffen und das kurdische Volk zu einem zentralen Bestandteil der kapitalistischen Neuordnung des Mittleren Ostens zu machen. Mit dieser Perspektive lassen sich insbesondere die Entwicklungen in S\u00fcdkurdistan bzw. dem Nordirak besser verstehen. Denn die dortige \u00bb,wenn auch versp\u00e4tete, Gr\u00fcndung des kurdischen Nationalstaatskerns kann nur im Kontext der kapitalistischen Moderne richtig verstanden werden. Kurdistan und der kurdische Nationalstaatskern spielen eine sehr wichtige Rolle in Israels hegemonialem Kalk\u00fcl in der Region. So wie der t\u00fcrkische Nationalstaat in Anatolien eine f\u00fchrende (pro-israelische) Rolle bei der Entstehung Israels gespielt hat, spielt der kurdische Nationalstaat eine sehr wichtige Rolle in Israels hegemonialem Kalk\u00fcl gegen\u00fcber dem Iran, Irak, Syrien und der T\u00fcrkei.\u00ab<\/p>\n<p>Als Resultat ihres seit mehr als 100 Jahren andauernden Widerstandes haben die Kurd:innen eine sehr klare Vorstellung davon entwickelt, welche Art von Leben sie sich und den anderen Kulturen in der Region w\u00fcnschen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie als Spielball f\u00fcr die Machtinteressen Anderer fungierten. Insbesondere mit dem Entstehen der modernen kurdischen Freiheitsbewegung in den letzten 50 Jahren hat das kurdische Volk die organisatorische St\u00e4rke, politische Reife und ideologische Klarheit entwickelt, um sich nicht nur gegen V\u00f6lkermord und Instrumentalisierung zu verteidigen, sondern noch den kleinsten Freiraum daf\u00fcr zu nutzen, ein gesellschaftliches System auf der Basis von Freiheit, Gleichheit und Demokratie aufzubauen. Die Demokratische Selbstverwaltung in der Region Nord- und Ostsyrien (DAANES), die kurdischen Stadtverwaltungen in Nordkurdistan\/Ostt\u00fcrkei oder der Demokratische Autonomierat \u015eengal (MXD\u015e) im Irak sind ein konkreter Ausdruck dessen. Die zentrale Schlussfolgerung, zu der Abdullah \u00d6calan in dem im Jahr 2011 verfassten f\u00fcnften Band des Manifests der Demokratischen Zivilisation gelangte, gilt daher noch immer: \u00bbEs ist klar, dass Kurdistan und die Kurd:innen ihren Platz als aktive und dynamische Realit\u00e4t im Gleichgewicht sowohl der Nationalstaaten als auch der demokratischen Gesellschaft im Mittleren Osten des 21. Jahrhunderts eingenommen haben.\u00ab Das Jahr 2025 wird von historischen Ver\u00e4nderungen im Mittleren Osten gepr\u00e4gt sein und dem kurdischen Volk damit einmal mehr die Gelegenheit bieten, die Welt davon zu \u00fcberzeugen, dieser neuen kurdischen Realit\u00e4t in die Augen zu blicken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kurdistan-report.de\/risse-im-fundamentdie-regionalen-akteureim-chaos-des-mittleren-ostens\/#_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bisher sind vier B\u00e4nde des \u00bbManifests der Demokratischen Zivilisation\u00ab in deutscher \u00dcbersetzung erschienen. Der f\u00fcnfte Band tr\u00e4gt den Titel K\u00fcrt Sorunu ve Demokratik Ulus \u00c7\u00f6z\u00fcm\u00fc. K\u00fclt\u00fcrel Soyk\u0131r\u0131m K\u0131skac\u0131nda K\u00fcrtleri Savunmak (dt.: Die kurdische Frage und die Demokratische Nation als L\u00f6sung. Die Verteidigung der Kurd:innen im Angesicht eines kulturellen Genozids). Abdullah \u00d6calan verfasste alle B\u00e4nde w\u00e4hrend seiner seit 1999 andauernden Inhaftierung auf der t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnisinsel Imral\u0131. Die im Folgenden verwendeten Zitate stammen aus dem Kapitel \u00bbOrtado\u011fu Bunal\u0131m\u0131 ve Demokratik Modernite \u00c7\u00f6z\u00fcm\u00fc\u00ab (dt.: Das Chaos im Mittleren Osten und die Demokratische Moderne als L\u00f6sung) des f\u00fcnften Bandes. Es handelt sich dabei um vorl\u00e4ufige \u00dcbersetzungen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kurdistan-report.de\/risse-im-fundamentdie-regionalen-akteureim-chaos-des-mittleren-ostens\/#_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Abraham-Abkommen wurden am 15. September 2020 in Washington von Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain unterschrieben. Sie bedeuten die Anerkennung Israels durch die beiden arabischen Staaten und damit einhergehend den Beginn diplomatischer Beziehungen. Am 22. Dezember 2020 folgte in diesem Zusammenhang ein Abkommen zwischen Israel und Marokko und am 06. Januar 2021 ein weiteres Abkommen zwischen Israel und dem Sudan.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kurdistan-report.de\/risse-im-fundamentdie-regionalen-akteureim-chaos-des-mittleren-ostens\/#_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der IMEC-Korridor wurde w\u00e4hrend des G20-Gipfels in Delhi im September 2023 offiziell verk\u00fcndet. Er umfasst u.a. den Bau von Energietrassen, Datenkabeln und Handelswegen zwischen Indien und Europa. Offiziell beteiligt an dem Korridorprojekt sind Indien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Griechenland, die USA, die EU, Deutschland, Italien und Frankreich. Ein wichtiger Hafen f\u00fcr den Korridor liegt in der nordisraelischen Stadt Haifa.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/kurdistan-report.de\/risse-im-fundamentdie-regionalen-akteureim-chaos-des-mittleren-ostens\/\"><em>kurdistan-report.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. M\u00e4rz 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Firaz Amarg\u00ee. Die Nachrichten aus dem Mittleren Osten \u00fcberschlagen sich. Seit mehr als einem Jahr ersch\u00fcttern tagt\u00e4glich Ereignisse historischen Ausma\u00dfes die Region. Das Tempo der Krisen und Kriege hat sich seit dem 7. 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