{"id":15466,"date":"2025-05-20T11:39:34","date_gmt":"2025-05-20T09:39:34","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15466"},"modified":"2025-05-20T11:39:35","modified_gmt":"2025-05-20T09:39:35","slug":"tag-des-sieges-in-russland-die-wirklichen-lehren-fuer-die-arbeiterklasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15466","title":{"rendered":"Tag des Sieges in Russland: die wirklichen Lehren f\u00fcr die Arbeiterklasse"},"content":{"rendered":"<p><em>Evgeny Kostrov. <\/em>Am Freitag den 9. Mai fanden in ganz Russland Milit\u00e4rparaden und verschiedene Feierlichkeiten anl\u00e4sslich des 80. Jahrestags des Siegs der Sowjetunion und ihrer Verb\u00fcndeten \u00fcber das Dritte Reich statt. Bei den Paraden herrschten verst\u00e4rkte Sicherheitsvorkehrungen.<!--more--><\/p>\n<p>Putin nahm die \u00c4u\u00dferungen Selenskyjs und anderer ukrainischer Politiker ernst, die direkt erkl\u00e4rt hatten, sie seien in der Lage, Moskau und andere russische St\u00e4dte anzugreifen. Es sei darauf hingewiesen, dass die vom Kreml f\u00fcr den Zeitraum vom 7. bis 11. Mai vorgeschlagene Waffenruhe trotz Selenskyjs Behauptungen, die ukrainische Seite werde auf Kampfhandlungen verzichten, nicht eingehalten wurde. In den Tagen vor dem \u201eTag des Sieges\u201c hat die Ukraine mehrere Drohnenangriffe auf russische Regionen durchgef\u00fchrt, u.a. auf Belgorod.<\/p>\n<p>Offiziellen Angaben zufolge beteiligten sich in St. Petersburg mehr als eine Million Menschen an einem Gedenkmarsch f\u00fcr die Kriegstoten. In anderen Teilen des Landes nahmen Tausende an Demonstrationen teil, viele von ihnen hielten Bilder ihrer Gro\u00dfeltern hoch, die im Krieg gek\u00e4mpft hatten und gestorben sind. In Russland und in allen anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, einschlie\u00dflich der Ukraine, hat fast jede Familie einen oder mehrere Angeh\u00f6rige im Krieg gegen den Faschismus verloren, der sch\u00e4tzungsweise 27 Millionen sowjetische Todesopfer forderte \u2013 jeder sechste Sowjetb\u00fcrger, der vor dem Krieg lebte. Viele weitere Millionen k\u00e4mpften als Soldaten an der Front oder arbeiteten in der Nachhut bis zur Ersch\u00f6pfung und zum Hungertod, um die Front zu versorgen und den Sieg \u00fcber Hitler zu sichern.<\/p>\n<p>In der Bev\u00f6lkerung herrscht zwar ein tief verwurzeltes Bewusstsein \u00fcber den Krieg, doch seine Klassen- und historische Bedeutung werden aufgrund der jahrzehntelangen Herrschaft des Stalinismus nicht verstanden. Das Putin-Regime baut auf dem Verm\u00e4chtnis der stalinistischen Geschichtsf\u00e4lschungen und des Nationalismus auf, um den Krieg als prim\u00e4r nationales Unterfangen darzustellen. Auf dieser Grundlage stellt es seinen reaktion\u00e4ren Einmarsch in die Ukraine f\u00e4lschlicherweise als Fortsetzung des Kampfs der sowjetischen Massen zur Verteidigung der Sowjetunion dar.<\/p>\n<p><strong>Putins nationalistische Verf\u00e4lschung des Krieges<\/strong><\/p>\n<p>Die diesj\u00e4hrige Parade war die 31. in der Geschichte des kapitalistischen Russlands. Nach der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion im Jahr 1991 unter Pr\u00e4sident Boris Jelzin begannen Milit\u00e4rparaden und Feierlichkeiten die Rolle einer gut organisierten ideologischen Lawine zu spielen, die russische Arbeiter mit einem antihistorischen Amalgam vergiften sollte. Laut diesem falschen Narrativ k\u00e4mpfte die sowjetische Bev\u00f6lkerung nicht, um die Errungenschaften der Oktoberrevolution gegen das barbarischste kapitalistische Regime der Geschichte zu verteidigen, sondern f\u00fcr das \u201eMutterland\u201c, das \u201eVaterland\u201c und \u201enationale Interessen\u201c, die angeblich seit tausend Jahren existieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Putin war die historische Leistung der sowjetischen Bev\u00f6lkerung im Kampf gegen Hitler, die internationale Klassenbedeutung hatte, nur ein Glied in der Kette der Errungenschaften des 1.000 Jahre alten russischen Volks im Namen seiner eigenen nationalen Kultur. Die Mythologie des russischen Nationalismus ist zum wichtigsten Hebel bei den Bestrebungen des Putin-Regimes geworden, die grundlegenden Unterschiede zwischen der sozialen Grundlage der Sowjetunion und dem modernen kapitalistischen Russlands zu verschleiern. Diese Mythologie basiert auf einer Mischung aus direkter Geschichtsf\u00e4lschung, religi\u00f6sem Mystizismus und krassen Auslassungen.<\/p>\n<p>In seiner Rede bei der Parade in Moskau erkl\u00e4rte Putin:<\/p>\n<p><em>Unsere V\u00e4ter, Gro\u00dfv\u00e4ter und Urgro\u00dfv\u00e4ter haben das Vaterland gerettet. Und sie haben uns die Pflicht vermacht, das Mutterland zu verteidigen, vereint und entschlossen unsere nationalen Interessen, unsere tausendj\u00e4hrige Geschichte, Kultur und traditionellen Werte zu verteidigen. Alles, was uns lieb und teuer ist, alles, was uns heilig ist&#8230; Es ist unsere Pflicht, die Ehre der Soldaten und Kommandanten der Roten Armee, die gro\u00dfe Leistung der Vertreter unterschiedlicher Nationalit\u00e4ten zu verteidigen, die f\u00fcr immer ihren Platz in der Weltgeschichte als russische Soldaten haben werden.<\/em><\/p>\n<p>Indem Putin aus Sowjetsoldaten \u201erussische Soldaten\u201c macht, behauptet er, dass der Krieg gegen Hitler nur eine Sache der Landesverteidigung war. In Wirklichkeit wurde die Rote Armee unter der F\u00fchrung Leo Trotzkis nach der Oktoberrevolution gegr\u00fcndet, um gegen die Bourgeoisie des ehemaligen Russischen Reiches und die imperialistische Intervention zu k\u00e4mpfen; sie war urspr\u00fcnglich auf die Weltrevolution der Arbeiterklasse ausgerichtet. Im Zweiten Weltkrieg bestand die Rote Armee nicht nur aus \u201erussischen\u201c Soldaten, sondern aus sowjetischen, darunter Millionen aus der Ukraine, dem Kaukasus, Zentralasien und anderen ethnischen und religi\u00f6sen Minderheiten, die Seite an Seite gegen die imperialistische Barbarei k\u00e4mpften.<\/p>\n<p>Entgegen Putins Mythologie erstreckt sich die russische Geschichte zudem nicht auf 1.000 Jahre, sondern bestenfalls auf 500 Jahre. Erst mit dem ersten zentralisierten russischen Staat unter Iwan III. wurde \u201eRussland\u201c zum weit verbreiteten Synonym f\u00fcr den Namen des Staates, Dieser Name wurde jedoch erst unter der Herrschaft des ersten russischen Kaisers, Peter I., im Jahr 1721 offiziell eingef\u00fchrt. Die ersten 500 Jahre dieser Geschichte k\u00f6nnen nicht als russisch in dem Sinne bezeichnet werden, dass es die ostslawischen St\u00e4mme betroffen hat. Von Russen oder ihrer Einheit konnte keine Rede sein. Die nationale Idee von Russland war zu dieser Zeit einfach unm\u00f6glich. Die Menschen f\u00fchlten sich zuerst ihrem Stamm, ihrem F\u00fcrstentum oder ihrer Stadt zugeh\u00f6rig. Die Zersplitterung durch die F\u00fcrsten und die st\u00e4ndigen Kriege zwischen ihnen waren die auff\u00e4lligsten Manifestationen der Heterogenit\u00e4t der Gesellschaft in dieser Zeit.<\/p>\n<p>Mit seiner Propagierung von russischem Nationalismus wiederholt Putin lediglich die Propaganda Stalins w\u00e4hrend des Kriegs gegen Hitler mit geringf\u00fcgigen \u00c4nderungen. Unter Stalin wurde der deutsch-sowjetische Krieg als \u201eGro\u00dfer Vaterl\u00e4ndischer Krieg\u201c bezeichnet. Mit diesem Begriff wurde die gigantische Schlacht zur Verteidigung der Errungenschaften der Oktoberrevolution als Fortsetzung des \u201eVaterl\u00e4ndischen Krieges\u201c des russischen Zarenreichs gegen Napoleon im Jahr 1812 dargestellt. Diese Terminologie zielte im Grunde darauf ab, den Klassen- und internationalen Charakter des sowjetischen Krieges gegen Hitler-Deutschland zu verschleiern, der starke Elemente eines revolution\u00e4ren B\u00fcrgerkriegs enthielt und ihn f\u00e4lschlicher weise als ausschlie\u00dflich nationale Angelegenheit darzustellen. Tats\u00e4chlich erreichte die nationalistische Propaganda der Sowjetb\u00fcrokratie im Zweiten Weltkrieg ihren vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt. Mehrere Jahre lang war Stalin damit besch\u00e4ftigt gewesen, die alten russischen Zaren zu rehabilitieren, den gro\u00dfrussischen Chauvinismus wiederzubeleben und mit allen Mitteln zu versuchen, die Geschichte des B\u00fcrgerkriegs als Klassenkampf gegen den Imperialismus und die Bourgeoisie aus dem Ged\u00e4chtnis zu tilgen.<\/p>\n<p>Diese Propaganda war eine Fortsetzung von Stalins nationalistischem Verrat an der Revolution auf der Grundlage des Programms vom \u201eAufbau des Sozialismus in einem Land\u201c. Sie zielte darauf ab, die revolution\u00e4ren Impulse im Bewusstsein der Massen zu untergraben und zu schw\u00e4chen, die durch den Angriff der Nazis auf die Sowjetunion wiederbelebt wurden und nicht nur die faschistischen Invasoren bedrohten, sondern auch die Sowjetb\u00fcrokratie, die der Arbeiterklasse gewaltsam die politische Macht entrissen hatte.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich trug die stalinistische B\u00fcrokratie eine erhebliche politische Mitverantwortung f\u00fcr den Aufstieg des Faschismus und das Ausma\u00df der Zerst\u00f6rung, die er \u00fcber die sowjetische Bev\u00f6lkerung brachte. Nur drei Jahre vor dem Krieg fand in Russland der H\u00f6hepunkt des Gro\u00dfen Terrors statt, des staatlichen Terrors gegen die alten Bolschewiki und alle Gegner von Stalins Regime. In dieser Massenmordkampagne wurden alle wichtigen F\u00fchrer der Oktoberrevolution und Tausende von Trotzkisten ermordet, darunter auch Leo Trotzki selbst im August 1940. Der Terror ging mit einer gro\u00df angelegten S\u00e4uberung der Roten Armee einher, die sie schw\u00e4chte und Hitler dazu ermutigte, im Juni 1941 die Sowjetunion anzugreifen. Hitler hoffte, dass Stalins S\u00e4uberungen die Rote Armee so geschw\u00e4cht hatten, dass die Sowjetunion beim ersten schweren Schlag eine vernichtende Niederlage erleiden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Hitlers Hoffnungen erf\u00fcllten sich zwar gl\u00fccklicherweise nicht ganz, die Sowjetunion stand jedoch am Rand der Vernichtung. Die ersten Monate des Krieges waren gepr\u00e4gt von enormem Misserfolg und best\u00e4tigten den Bankrott der stalinistischen Clique, die auf den Krieg v\u00f6llig unvorbereitet war. Alleine im Jahr 1941 wurden bis zu drei Millionen Menschen im Kampf get\u00f6tet, mehr als in jedem anderen Kriegshalbjahr. Tats\u00e4chlich konnte die Sowjetunion nur durchhalten, weil sich Hitlers Regime in einer noch akuteren Krise befand und nicht in der Lage war, einen langen Krieg \u00fcber so gro\u00dfe Entfernungen gegen die Sowjetunion zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Der Krieg brachte beispiellose Strapazen \u00fcber ein Land, das bereits durch Unterdr\u00fcckung geschw\u00e4cht und ausgeblutet war: 11,4 Millionen Menschen starben im Kampf, 7,4 Millionen wurden vors\u00e4tzlich ermordet, 2,2 Millionen starben als Zwangsarbeiter in Deutschland, 4,1 Millionen starben an Hunger, Krankheiten und fehlender medizinischer Versorgung. Die Gesamtzahl der Toten unter der Bev\u00f6lkerung belief sich auf 27 Millionen und die materiellen Verluste durch vier Jahre Krieg auf 30 Prozent des Staatsverm\u00f6gens der Sowjetunion.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnenswert ist die \u201eSonderbehandlung\u201c von Kommunisten durch die Nazis: Laut einem Wehrmachtsbefehl vom 6. Juni 1941 (\u201eKommissarbefehl\u201c) sollten alle politischen Arbeiter in der Roten Armee sofort erschossen werden. Daher wurde die Kommunistische Partei besonders hart vom faschistischen Terror getroffen. Obwohl sie schon lange zuvor von Stalin usurpiert worden war und ihre besten F\u00fchrer verloren hatte, verf\u00fcgte sie noch immer \u00fcber eine gro\u00dfe Zahl von Kommunisten an der Basis, die entschlossen waren, die Errungenschaften der Oktoberrevolution zu verteidigen. Von den 9,1 Millionen Kommunisten, die gegen Hitler k\u00e4mpften, wurde jeder dritte get\u00f6tet.<\/p>\n<p>In seiner Rede zum Tag des Sieges erkl\u00e4rte Putin, er werde nicht zulassen, dass die Geschichte umgeschrieben wird. Bei dem Versuch sich als Anh\u00e4nger der historischen Wahrheit zu inszenieren, verlor Putin kein Wort dar\u00fcber, was die Deutschen \u2013 einst f\u00fchrend auf vielen Gebieten der Wissenschaft und Technologie \u2013 dazu gebracht hatte, Hitler zu folgen und die Existenz der Sowjetunion als \u201eSuper-Wrangel\u201c (so Trotzki) zu bedrohen. Das ist eine zu unbequeme Wahrheit f\u00fcr den ehemaligen stalinistischen KGB-Agenten.<\/p>\n<p>Die Ursachen des Zweiten Weltkriegs und die Urspr\u00fcnge des Vernichtungskriegs des Dritten Reichs gegen die Sowjetunion zu verstehen, erfordert eine Analyse der Lage nach dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution 1917, aus der die UdSSR hervorging.<\/p>\n<p>Der Beginn des Ersten Weltkriegs und die Machtergreifung der Arbeiterklasse in der Oktoberrevolution 1917 bedeuteten das Ende des kapitalistischen Gleichgewichts der Vorkriegszeit. Von da an waren Europa und die Welt von akuten sozialen Krisen und schnellen Wechseln zwischen revolution\u00e4ren und konterrevolution\u00e4ren Situationen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt waren die Ereignisse in Deutschland Anfang der 1930er, als die deutsche Arbeiterklasse von der Machtergreifung durch die Nazis unter F\u00fchrung Hitlers bedroht war, der wiederum von der gesamten deutschen Finanzoligarchie unterst\u00fctzt wurde. Trotz der Organisation, der Erfahrung und der Gr\u00f6\u00dfe der deutschen Arbeiterklasse konnte Hitler an die Macht kommen. Er zerst\u00f6rte sofort alle Arbeiterorganisationen, das Parlament und die Gerichte und errichtete eine totalit\u00e4re Diktatur, die auf Krieg und V\u00f6lkermord ausgerichtet war.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr diese Katastrophe war nicht irgendeine \u201ebesondere Psychologie der Deutschen\u201c, sondern die falsche ultralinke Politik der F\u00fchrung der Kommunistischen Partei Deutschlands, die unter dem direkten Einfluss der stalinisierten Kommunistischen Internationale stand. Als die B\u00fcrokratie in der UdSSR ihre politische Macht und sozialen Privilegien konsolidierte, verwandelte sie die Komintern von einer Weltpartei in ein Werkzeug der sowjetischen Au\u00dfenpolitik. Indem sie die von Trotzki vorgeschlagene Politik der \u201eEinheitsfront\u201c, die kommunistische und sozialdemokratische deutsche Arbeiter im Kampf gegen Hitlers Aufstieg vereinen sollte, ablehnten, kapitulierten die Stalinisten kampflos und ebneten den Nazis den Weg zur Macht.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrte zur Errichtung des reaktion\u00e4rsten kapitalistischen Regimes der Geschichte im fortschrittlichsten Land Europas. Das Regime begann eine rasche Wiederaufr\u00fcstung und sah seine Aufgabe darin, die Welt von Bolschewismus und Sozialismus zu befreien, d.h. vor allem der Existenz der Sowjetunion ein Ende zu setzen, ein Ziel, das die imperialistischen M\u00e4chte im B\u00fcrgerkrieg 1918\u20131921 nicht erreicht hatten.<\/p>\n<p>Dieser Ansturm der Reaktion entfachte das revolution\u00e4re Bewusstsein der sowjetischen Massen erneut, die trotz der schrecklichen Verbrechen des Stalinismus heldenhaft die Errungenschaften der Oktoberrevolution gegen die Nazis verteidigten. Am Ende war es jedoch die stalinistische B\u00fcrokratie, die das schaffte, was den Nazis 1941 nicht gelungen war: Im Jahr 1991 zerst\u00f6rte sie die Sowjetunion und stellte den Kapitalismus in Russland, der Ukraine und allen anderen Teilen der ehemaligen UdSSR vollst\u00e4ndig wieder her. Aus dieser langwierigen Konterrevolution ist das Putin-Regime entstanden, das wichtige Merkmale der stalinistischen Ideologie geerbt und wiederbelebt hat.<\/p>\n<p>Daher ist es kein Zufall, dass das Putin-Regime Stalin immer offener rehabilitiert. Von den 110 Stalin-Denkm\u00e4lern, die es heute in Russland gibt, wurden 95 unter Putin aufgestellt. Vor kurzem haben die Beh\u00f6rden in einer beliebten Moskauer U-Bahnstation ein Stalin-Denkmal errichtet. Gleichzeitig wurden Denkm\u00e4ler f\u00fcr die Opfer des Terrors wiederholt mutwillig besch\u00e4digt. Erst vor kurzem hatte Putin die Umbenennung des Wolgograder Flughafens in Stalingrad bewilligt und hatte keine Einw\u00e4nde dagegen, dass Wolgograd zu seinem alten stalinistischen Namen zur\u00fcckkehrt. Stalins Massenmord an Hunderttausenden von Revolution\u00e4ren und unschuldigen B\u00fcrgern wird zunehmend als \u201enotwendiger Kampf gegen die Feinde des Volkes\u201c uminterpretiert.<\/p>\n<p><strong>Putins Hoffnungen auf einen Deal mit dem Imperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Putin steht nicht nur mit seiner F\u00f6rderung von gro\u00dfrussischem Chauvinismus und Geschichtsf\u00e4lschung in der Tradition Stalins. Auch in ihrer Au\u00dfenpolitik hat die russische Oligarchie die irrationale Vorstellung der Sowjetb\u00fcrokratie \u00fcbernommen, es sei m\u00f6glich, durch eine Kombination aus Deals, Man\u00f6vern und Angriffen auf die Arbeiterklasse eine \u201efriedliche Koexistenz\u201c mit den imperialistischen M\u00e4chten zu erreichen. Sie tut dies allerdings in einer Situation, in der die Sowjetunion bereits zerst\u00f6rt ist und das Hauptziel ihrer Au\u00dfenpolitik die Wahrung der Interessen der kriminellen Bande von Oligarchen ist, die aus der Sowjetb\u00fcrokratie als neue herrschende Klasse des kapitalistischen Russlands hervorgegangen ist.<\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Ausdruck dieser grundlegenden Orientierung sind die Appelle des Putin-Regimes an den \u201eFriedensstifter\u201c Trump. Vor kurzem \u00e4u\u00dferte Putin in einem Interview, das er w\u00e4hrend der Dreharbeiten zu einer \u201eDokumentation\u201c gab, die Hoffnung, Trump werde eine Einigung mit Russland erzielen. Hinsichtlich der Spannungen zwischen Trump und den Europ\u00e4ern erkl\u00e4rte Putin mit besonderer Genugtuung:<\/p>\n<p><em>Trump wird mit seinem Charakter und seiner Beharrlichkeit f\u00fcr Ordnung sorgen, und alle [die europ\u00e4ischen Eliten] werden ihrem Herrn zu F\u00fc\u00dfen sitzen und ihm sanft seinen Schwanz streicheln.<\/em><\/p>\n<p>Mit anderen Worten, Putin hofft, dass der Nato-Stellvertreterkrieg in der Ukraine durch den \u201eCharakter und die Beharrlichkeit\u201c des faschistischen Pr\u00e4sidenten Trump, unter dem die Konflikte zwischen den USA und ihren europ\u00e4ischen imperialistischen Rivalen offen ausgebrochen sind, gel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>Putin hat vor kurzem au\u00dferdem zugegeben, dass Russland im Jahr 2014 einfach nicht bereit war, in die Ukraine einzumarschieren. Tats\u00e4chlich war Russland auch im Februar 2022, als er die Invasion einleitete, nicht bereit f\u00fcr diesen ebenso reaktion\u00e4ren wie abenteuerlichen Schritt. Damals rechnete der Kreml mit einem schnellen Sieg, der die imperialistischen M\u00e4chte und das Kiewer Regime zu einem f\u00fcr Russland vorteilhafteren Frieden zwingen sollte. Der erhoffte \u201eschnelle Sieg\u201c entpuppte sich als ein dreij\u00e4hriger Abnutzungskrieg.<\/p>\n<p>Gleichzeitig schreckte Putin davor zur\u00fcck, breitere Bev\u00f6lkerungsschichten in den Krieg hineinzuziehen. Er ist sich des Risikos bewusst ist, dass sich das Schicksal des zaristischen Regimes w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs wiederholen k\u00f6nnte, das zu Fall gebracht wurde, nachdem es Millionen Soldaten auf die Schlachtbank gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p>Als Putin im September 2022 eine Teilmobilmachung durchf\u00fchrte, war dies einer der gef\u00e4hrlichsten Schritte f\u00fcr seine Herrschaft. Die Reaktion der Bev\u00f6lkerung war so feindselig, dass Putin es nicht wagte, \u00e4hnliche Ma\u00dfnahmen erneut zu ergreifen, und sich stattdessen darauf konzentrierte, das Milit\u00e4r durch Geldzahlungen aufzustocken. Damit zog er patriotische M\u00e4nner mit finanziellen Problemen an und eine gewisse Zahl von Gef\u00e4ngnisinsassen.<\/p>\n<p>Am Abend des 11. Mai k\u00fcndigte Putin an, am 15. Mai in Istanbul Friedensgespr\u00e4che aufzunehmen, woraufhin Selenskyj seine Bereitschaft erkl\u00e4rte, nach Istanbul zu reisen. Aus Angst vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch angesichts der Sanktionen und der stagnierenden Produktion im Inland k\u00f6nnte Putin einem f\u00fcr ihn weniger g\u00fcnstigen Deal zustimmen, um soziale Unruhen zu verhindern. Seine Hoffnung auf einen Anstieg des Patriotismus, die in den ersten Jahren des Krieges vielleicht berechtigt war, ist heute nicht mehr so unersch\u00fctterlich.<\/p>\n<p>Die anf\u00e4ngliche Zunahme von Patriotismus beruhte nicht zuletzt auf den in der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung noch immer lebendigen Erinnerungen an die Schrecken des Krieges gegen den Faschismus. Putin, der Erbe Stalins, des \u201eTotengr\u00e4bers der Revolution\u201c, appellierte an diese Stimmungen und manipulierte sie, um sich als Erbe des Kampfes gegen den Faschismus darzustellen. Diese Propaganda wurde dadurch unterst\u00fctzt, dass die imperialistischen M\u00e4chte in der Ukraine offen Neonazi-Kr\u00e4fte f\u00f6rderten. Die Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg sind allgemein bekannt. Doch keine Geschichtsverf\u00e4lschung und keine nationalistische Propaganda kann die scharfen Klassenwiderspr\u00fcche in der russischen Gesellschaft vollst\u00e4ndig verbergen.<\/p>\n<p>Das Putin-Regime ist der Besch\u00fctzer der gr\u00f6\u00dften sozialen Ungleichheit in der Geschichte des modernen Russlands. Selbst w\u00e4hrend des Krieges ist die Zahl der russischen Milliard\u00e4re weiter gestiegen, laut <em>Forbes<\/em> gibt es mittlerweile 146 von ihnen. Alleine im Jahr 2024 konnten diese 146 Personen ihre Verm\u00f6gen um insgesamt 48,7 Milliarden Dollar erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Putin hat sich zu einer bonapartistischen Figur entwickelt, deren Hauptaufgabe es ist, diesen immensen Reichtum der Oligarchen zu sch\u00fctzen, indem er einen Drahtseilakt zwischen Teilen der Oligarchie und zwischen der Oligarchie und dem Imperialismus vollf\u00fchrt. Die Milit\u00e4r- und Wirtschaftspolitik des Kremls hat jedoch alle Ungleichgewichte des russischen Kapitalismus der Vorkriegszeit nur versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Da Putin ein erfahrener Politiker ist und vom stalinistischen KGB ausgebildet wurde, ist er sich durchaus bewusst, dass seine Rolle als \u201eRetter der Nation\u201c zunehmend in Gefahr ist. Allerdings hat er keine andere vern\u00fcnftige Antwort auf die sich versch\u00e4rfende Krise seines eigenen Regimes au\u00dfer weiteren Man\u00f6vern mit den imperialistischen M\u00e4chten und dem F\u00f6rdern von Nationalismus, um die Arbeiterklasse zu desorientieren und zu spalten. Statt die Massen gegen den Imperialismus zu sch\u00fctzen, schafft seine in den Klasseninteressen der Oligarchie verwurzelte Politik die Grundlagen f\u00fcr eine noch gr\u00f6\u00dfere Katastrophe als den Krieg in der Ukraine, der bereits Hunderttausende von Menschenleben gefordert hat.<\/p>\n<p>Obwohl sich unm\u00f6glich vorhersehen l\u00e4sst, ob und welche Art von Abkommen Moskau und Kiew aushandeln, l\u00e4sst sich bereits jetzt mit Sicherheit sagen, dass kein Abkommen die grundlegenden Widerspr\u00fcche des kapitalistischen Weltsystems, die die imperialistischen M\u00e4chte zu einer immer aggressiveren Neuaufteilung der Welt treiben, l\u00f6sen wird. Unabh\u00e4ngig von allen taktischen Kurswechseln ist den imperialistischen M\u00e4chten die vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber die Rohstoffe der ehemaligen Sowjetunion heute genauso wichtig wie dem Nazi-Regime im Zweiten Weltkrieg. Der V\u00f6lkermord in Gaza ist eine unheilvolle Warnung vor dem Ausma\u00df an Gewalt, zu der der Imperialismus heute bereit ist, um seine Ziele zu erreichen.<\/p>\n<p>Daher ist es am 80. Jahrestag des Sieges \u00fcber den Nationalsozialismus f\u00fcr die Arbeiter in Russland von entscheidender Bedeutung, den unl\u00f6sbaren Zusammenhang zwischen ihrem Schicksal und dem der Arbeiter in anderen L\u00e4ndern zu verstehen. Nur eine Weltrevolution der Arbeiterklasse kann den sich anbahnenden imperialistischen Konflikt um eine Neuaufteilung der Welt noch aufhalten. Daf\u00fcr m\u00fcssen die russische Arbeiterklasse und ihre Br\u00fcder und Schwestern in der ehemaligen Sowjetunion die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg und der Politik des Stalinismus ziehen und bewusst zu den Traditionen der Oktoberrevolution zur\u00fcckkehren, die von Lenin, Trotzki und dem Kampf der Linken Opposition verk\u00f6rpert wurden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2023\/10\/12\/pold-o12.html\">Unser Genosse <\/a><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/special\/pages\/freebogdan.html\">Bogdan Syrotjuk<\/a>, ein F\u00fchrer der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten (JGBL), hat f\u00fcr genau diese Prinzipien gek\u00e4mpft und wurde daf\u00fcr vom Selenskyj-Regime in der Ukraine inhaftiert.<\/p>\n<p>An diesem Jahrestag rufen wir alle Arbeiter und Jugendlichen in der ehemaligen Sowjetunion auf, sich der <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/special\/pages\/freebogdan.html\">Kampagne f\u00fcr Bogdan Syrotjuks Freiheit<\/a> anzuschlie\u00dfen und den Kampf f\u00fcr das internationalistische Programm aufzunehmen, das Bogdan und die JGBL vertreten.<\/p>\n<p>Vereinigt die Arbeiter in Russland und der Ukraine gegen den Imperialismus und die oligarchischen Regime in Moskau und Kiew!<\/p>\n<p>Schlie\u00dft euch der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten an!<\/p>\n<p>Baut das Internationale Komitee der Vierten Internationale in der ehemaligen Sowjetunion auf!<\/p>\n<p><em>#Titelbild: In Brand gesetztes Geb\u00e4ude April 1942 in Krasnyj, davor Wehrmachtsangeh\u00f6rige [Photo by Museum Berlin-Karlshorst \/ Albert Dieckmann]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/05\/19\/dclm-m19.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Mai 2025 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evgeny Kostrov. Am Freitag den 9. Mai fanden in ganz Russland Milit\u00e4rparaden und verschiedene Feierlichkeiten anl\u00e4sslich des 80. Jahrestags des Siegs der Sowjetunion und ihrer Verb\u00fcndeten \u00fcber das Dritte Reich statt. 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