{"id":15536,"date":"2025-06-17T15:18:27","date_gmt":"2025-06-17T13:18:27","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15536"},"modified":"2025-06-17T15:18:28","modified_gmt":"2025-06-17T13:18:28","slug":"unter-den-raketen-ein-bericht-aus-ostjerusalem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15536","title":{"rendered":"Unter den Raketen: Ein Bericht aus Ostjerusalem"},"content":{"rendered":"<p><em>Achmed. <\/em>\u00a0W\u00e4hrend Israels Regierung einen verantwortungslosen Krieg gegen das iranische Regime f\u00fchrt, h\u00f6rt das Leid der Pal\u00e4stinenser:innen in Gaza, der Westbank, Ostjerusalem und dem israelischen Staat nicht auf. Im Gegenteil zeigt die Situation noch einmal deutlicher, was Apartheid bedeutet.<!--more--><\/p>\n<p>Donnerstag Nacht liege ich in meinem Bett und h\u00f6re die Sirenen, mein Handy vibriert und zeigt mir eine Notfallmeldung auf Hebr\u00e4isch. Den ganzen Tag h\u00f6rt man schon Ger\u00fcchte \u00fcber einen israelischen Angriff auf Iran. Am Abend h\u00f6re ich, dass die komplette Westbank abgeriegelt wird. Der Vater und der Bruder einer Bekannten aus Jerusalem sind in Betlehem stecken geblieben, weil der Checkpoint nach Jerusalem geschlossen wurde. Ich \u00f6ffne die Nachrichten, telefoniere mit Freunden, um mir ein Bild der Lage zu machen. Der Raketenalarm ist nicht daf\u00fcr da, um uns die Zeit zu geben, einen sicheren Ort zu finden. Es ist die Ank\u00fcndigung, dass Israel die Welt vor dem b\u00f6sen Iran sch\u00fctzt, das angeblich kurz davor ist, seine Atomwaffen einzusetzen. Ein Narrativ, das Netanjahu seit 20 Jahren wie ein Mantra vortr\u00e4gt, um vor allem die Au\u00dfenpolitik der USA mitzubestimmen.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass Iran auf die massiven Angriffe, die auch zivile Infrastruktur treffen, antworten muss. In diesem Moment ist mir klar, dass Israel mich und alle um mich herum zu legitimen Zielen des Iran macht. Menschliche Schutzschilde f\u00fcr zionistische Machtanspr\u00fcche. Ich laufe am Freitag morgens durch die Wohnung, um einen Platz zu finden, an dem ich mich einigerma\u00dfen sicher f\u00fchle. In Ostjerusalem gibt es keine Bunker. Die Nachrichten laufen durchgehend. Die Luftwaffe Jordaniens beteiligt sich an der Raketenabwehr. Einerseits bin ich erleichtert, dass die Gefahr eines Einschlags dadurch kleiner wird, andererseits macht mich die Komplizenschaft des jordanischen K\u00f6nigreichs sauer. Zwischendurch \u00f6ffne ich soziale Medien und sehe die Statements des deutschen Au\u00dfenministeriums, die mal wieder vom Recht Israels auf Selbstverteidigung faseln. Anscheinend haben sie von den israelischen Angriffen auf Teheran und andere iranische St\u00e4dte, die 78 Menschen get\u00f6tet haben, nichts mitbekommen.<\/p>\n<p>Viele machen sich Sorgen um mich. Freund:innen und Genoss:innen. Ich merke, wie wichtig es ist, in einer politischen Gruppe organisiert zu sein, in der Solidarit\u00e4t nicht nur eine theoretische politische Floskel ist, sondern praktisch gelebt wird.<\/p>\n<p>Der Freitag verl\u00e4uft ruhig. Anscheinend wurden alle Raketen au\u00dferhalb des israelischen Luftraums abgefangen. Ich bereite mich aber auf eine anstrengende Nacht vor. Abends treffe ich mich mit Freund:innen in Westjerusalem. Ich f\u00fchle mich hier sicherer, weil es Bunker in der N\u00e4he gibt. Der erste Raketenalarm ert\u00f6nt, mein Handy vibriert und wir gehen gemeinsam an einen sicheren Ort. Vorher sehe ich die Raketen und das israelische Abwehrsystem am Himmel. Ich denke an die Menschen in Gaza, die seit 20 Monaten fast jede Nacht so etwas erleben m\u00fcssen, ohne irgendeinen sicheren Ort. Viele von ihnen leben mittlerweile in Zelten, in denen sie nur ein St\u00fcck Stoff von den Bomben trennt. Ich denke: \u201eHoffentlich werden milit\u00e4rische Ziele getroffen. Hoffentlich sterben keine Zivilist:innen.\u201c<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hause sehe ich Menschen panisch durch die Gegend rennen. Ich laufe durch das orthodoxe Viertel Me\u2019a Sche\u2019arim. Zur\u00fcck in Ostjerusalem sitzen Menschen vor ihren H\u00e4usern und schauen in den Himmel. Es herrscht keine Jubelstimmung, auch wenn sie den israelischen Staat aus guten Gr\u00fcnden hassen. Pal\u00e4stinenser:innen aus Ostjerusalem sagen mir, dass sie keine Hoffnung in das iranische Regime haben. Der Iran wird uns nicht helfen und nur f\u00fcr seine eigenen geopolitischen Interessen k\u00e4mpfen. Auch innenpolitisch muss das geschw\u00e4chte iranische Regime eine starke Reaktion zeigen, um die Zustimmung der Bev\u00f6lkerung nicht zu verlieren.<\/p>\n<p>Nach einer relativ schlaflosen Nacht sehe ich auf dem Handy Nachrichten von israelischen Freund:innen in Westjerusalem, die mir anbieten, zu ihnen zu kommen. Ich verstehe die Geste, aber mir wird das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis klar. Ich habe das Bed\u00fcrfnis, \u00fcber diese Ungerechtigkeit zu reden. Ein Teil des Unterdr\u00fcckungssystem f\u00fcr pal\u00e4stinensische Menschen, auf dem ganzen von Israel kontrollierten Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan, ist die fehlende Infrastruktur von Sicherheit. So gibt es in der israelischen Siedlung in Hebron mehr Soldat:innen als Siedler:innen, die von ihnen gesch\u00fctzt werden sollen. In pal\u00e4stinensischen St\u00e4dten im israelischen Kernland werden gleichzeitig absichtlich mafi\u00f6se Strukturen unterst\u00fctzt, damit sich Pal\u00e4stinenser:innen gegenseitig t\u00f6ten. Eine Parallele zu den j\u00fcngsten Ereignissen in Gaza, wo Netanjahu IS-nahe Strukturen bewaffnet und unterst\u00fctzt, um den innerpal\u00e4stinensischen Streit zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Nach stundenlangem Warten auf Neuigkeiten, entschlie\u00dfe ich mich, abends das Haus zu verlassen und mache einen kleinen Spaziergang. Das Leben scheint normal weiterzugehen, auch wenn einige Gesch\u00e4fte geschlossen sind. Die Altstadt mit ihrem historischen Markt ist komplett abgeriegelt. Polizeipferde bewachen die riesigen Tore und verhindern, dass Menschen ungest\u00f6rt ihre Gesch\u00e4fte f\u00fchren k\u00f6nnen. Ein Grund ist die Angst der israelischen Regierung vor Protesten und Revolten der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung. Ein weiteres Anzeichen f\u00fcr die offensichtliche Unterdr\u00fcckung von Pal\u00e4stinenser:innen. Auch der Zugang zur Al-Aqsa-Moschee bleibt verschlossen.<\/p>\n<p>Samstag Nacht: Ich bereite mich auf die Gegenangriffe des Irans vor. Da Israel schon wieder zivile Infrastruktur angegriffen hat, stelle ich mich auf das Gleiche von der anderen Seite ein. In meinem Kopf rede ich mir ein, sicher zu sein, weil der Iran niemals das pal\u00e4stinensische Ostjerusalem angreifen w\u00fcrde. Ich wei\u00df aber, dass aufgrund der fehlenden Schutzr\u00e4ume immer wieder Pal\u00e4stinenser:innen get\u00f6tet oder verletzt werden, oft durch Raketenteile, die nach einem Abschuss durch das israelische Luftabwehrsystem auf pal\u00e4stinensische Gebiete fallen. So traf es bei den letzten Angriffen pal\u00e4stinensische Menschen in Jericho, das in der Westbank liegt, und in der Naqab-W\u00fcste, auf israelischem Staatsgebiet.<\/p>\n<p>Die Angriffe, die etwa 23:30 Uhr Ortszeit starten, konzentrieren sich diesmal aber haupts\u00e4chlich auf die Gro\u00dfstadt Haifa, eine sogenannte \u201egemischte\u201c Stadt, in der etwa 10 Prozent der Bev\u00f6lkerung Pal\u00e4stinenser:innen sind. Die iranischen Angriffe zielten aber vor allem auf den strategisch wichtigen Hafen dort. Ein Freund erz\u00e4hlt mir am Telefon, dass der pal\u00e4stinensische Ort Tamra getroffen wurde. Es gibt wohl auch Tote.<\/p>\n<p>Sofort melde ich mich bei einem anderen Freund, der aus Tamra kommt. Ihm geht es gut, er ist nicht dort. Seiner Familie geht es auch gut, aber mehrere Fenster im Haus sind durch die starken Explosionen zersprungen. Auch in Tamra gibt es keine Schutzbunker.<\/p>\n<p>Er kennt die Todesopfer pers\u00f6nlich und ist schockiert. In sozialen Medien sehe ich Videos von Israelis, die die Angriffe auf das pal\u00e4stinensische Dorf feiern und \u201eEuer Dorf soll brennen\u201c rufen. Gleichzeitig sehe ich Videos von Menschen im Libanon oder in Jordanien, die die Angriffe auf Israel feiern. Ohne hier beide Seiten gleichzusetzen, ist es politisch nicht besonders hilfreich f\u00fcr den pal\u00e4stinensischen Befreiungskampf, einen sinnlosen Angriff zu feiern, der unschuldige Menschen gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Am Ende gehen meine Gedanken wieder nach Gaza, wo die tagt\u00e4chliche Vernichtung durch den israelischen Staat, fast unbemerkt, weitergeht und durch ein Abschneiden der Kommunikation versch\u00e4rft wird. Ich wei\u00df nicht, was noch kommen wird, aber ich wei\u00df, dass es ein Bruchteil davon sein wird, was Pal\u00e4stinenser:innen in Gaza jeden Tag erleben m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/unter-den-raketen-ein-bericht-aus-ostjerusalem\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. Juni 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achmed. \u00a0W\u00e4hrend Israels Regierung einen verantwortungslosen Krieg gegen das iranische Regime f\u00fchrt, h\u00f6rt das Leid der Pal\u00e4stinenser:innen in Gaza, der Westbank, Ostjerusalem und dem israelischen Staat nicht auf. 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