{"id":15539,"date":"2025-06-17T15:59:01","date_gmt":"2025-06-17T13:59:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15539"},"modified":"2025-06-17T15:59:02","modified_gmt":"2025-06-17T13:59:02","slug":"imperialer-irrationalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15539","title":{"rendered":"Imperialer Irrationalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Arnold Sch\u00f6lzel (2006).<\/em> Das Buch &#8222;Die Zerst\u00f6rung der Vernunft&#8220; des ungarischen Philosophen Georg Luk\u00e1cs (1885-1971), das Wolfgang Harich 1954 im (Ost-)Berliner Aufbau-Verlag ver\u00f6ffentlichte, galt und gilt bei vielen\u00a0Gebildeten unter den Ver\u00e4chtern des Irrationalismus als einseitig, kurzschl\u00fcssig und wenig beachtenswert. Luk\u00e1cs hatte sich die Aufgabe gestellt, <!--more-->den Weg &#8222;Deutschlands zu Hitler auf dem Gebiet der Philosophie&#8220;, beginnend mit der antiaufkl\u00e4rerischen Reaktion auf die Gro\u00dfe Franz\u00f6sische Revolution von 1789, zu untersuchen. Theodor W. Adorno soll erkl\u00e4rt haben, das Buch dokumentiere vor allem die Zerst\u00f6rung von Luk\u00e1cs&#8216; eigener Vernunft. Worauf der wiederum mit dem Diktum vom &#8222;Hotel Abgrund&#8220;, in dem sich die Frankfurter Schule aufs komfortabelste einquartiert habe, antwortete. An dieser Konstellation \u00e4nderte sich in den folgenden Jahrzehnten wenig, und zwar in beiden deutschen Staaten.<\/p>\n<p>Besonders schlimm stand es aus der Sicht der naser\u00fcmpfenden Deuter um das Nachwort des Buches. Es hat den Titel &#8222;\u00dcber den Irrationalismus der Nachkriegszeit&#8220; und enth\u00e4lt S\u00e4tze wie, &#8222;da\u00df das Ende des Krieges &#8230; die Vorbereitung eines neuen Krieges, gegen die Sowjetunion, bedeutet, da\u00df die ideologische Bearbeitung der Massen f\u00fcr diesen Krieg ein Zentralproblem der imperialistischen Welt bildet&#8220;. Luk\u00e1cs vertritt Thesen, die gegenw\u00e4rtig gerade wieder als &#8222;Anti-amerikanismus&#8220; unter das Verdikt mindestens politischer Geschmacklosigkeit gestellt sind: da\u00df n\u00e4mlich nach dem Zweiten Weltkrieg &#8222;die Vereinigten Staaten als f\u00fchrende Macht der imperialistischen Reaktion immer st\u00e4rker in Erscheinung traten und in dieser Hinsicht an die Stelle Deutschlands getreten sind&#8220;. \u00dcber die neuen Z\u00fcge der Periode nach 1945 hei\u00dft es: &#8222;Die Koalition gegen den Faschismus zerf\u00e4llt sehr rasch, und der \u203aKreuzzug\u2039 gegen den Kommunismus, das f\u00fchrende Leitmotiv der Hitlerpropaganda, wird immer energischer von \u203ademokratischer\u2039 Seite aufgenommen. Nat\u00fcrlich \u00e4ndert sich dadurch die Bewegungsrichtung (und damit Inhalt und Struktur) solcher \u203ademokratischer\u2039 Anschauungen. Sie haben sich im Weltkrieg gegen den Faschismus gerichtet und konnten sich deshalb zuweilen mit Recht als Weiterf\u00fchrungen der l\u00e4ngst vergangenen Bl\u00fctezeit der b\u00fcrgerlichen Demokratie empfinden &#8211; oder sich wenigstens so geb\u00e4rden. Infolge der gro\u00dfen Anziehungskraft dieser endlich vorw\u00e4rts weisenden Richtung wird auch nach der vollst\u00e4ndigen Umkehr der Versuch gemacht, den Anschein einer solchen Kontinuit\u00e4t zu bewahren: den Kampf gegen den \u203aTotalitarismus\u2039 zu richten, wobei man jetzt Faschismus und Kommunismus auf diesen gemeinsamen Nenner bringt.&#8220;<\/p>\n<p>Die demagogischen M\u00f6glichkeiten eines solchen T\u00e4uschungsman\u00f6vers nutzt der Westen bis heute: Nach dem Erfolg im Kampf gegen die sozialistischen L\u00e4nder der Sowjetunion wurden &#8222;demokratische Revolutionen&#8220; zu einem Exportartikel, mit dem eine engere milit\u00e4rische Einkreisung Ru\u00dflands als fr\u00fcher erreicht wurde. Weniger erfolgreich war die Ware bislang in der &#8222;Dritten Welt&#8220;, was so lange keine Rolle spielt, als es nicht &#8222;Europas Tankstelle&#8220; (Michael Naumann) und die der USA im Mittleren Osten betrifft.<\/p>\n<p>Auch die Kriege um billiges \u00d6l ben\u00f6tigen eine &#8222;ideologische Bearbeitung der Massen&#8220;. Sie scheint nahtlos an den von Luk\u00e1cs analysierten &#8222;Irrationalismus der Nachkriegszeit&#8220; anzuschlie\u00dfen. Wer wie der damalige Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der deutsche Kriegseins\u00e4tze im Namen der &#8222;Zivilisation&#8220; befiehlt und befehligt, folagt ihm ebenso wie George W. Bush, der die &#8222;Freiheit&#8220; nicht als ein Geschenk Amerikas, sondern als ein Geschenk des Sch\u00f6pfers an die Welt betrachtet, das die USA \u00fcberreichen.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zur neueren sozialen und nationalen Demagogie, die durchaus mit der des deutschen Faschismus vergleichbar ist, da\u00df die soziale Frage &#8211; national, regional und weltweit &#8211; aus dem Massenbewu\u00dftsein eskamotiert wird. Das schafft wie ehedem Platz f\u00fcr Chauvinismus, imperialistische Aggressivit\u00e4t, Unterdr\u00fcckung und Vernichtung von V\u00f6lkern.<\/p>\n<p>Beobachten l\u00e4\u00dft sich das an den Propagandasch\u00fcben gegen den Iran. Daran wirken der Boulevard &#8211; &#8222;der Irre von Teheran&#8220;, &#8222;Wiederg\u00e4nger Hitlers&#8220;, &#8222;Iranische Raketen erreichen Deutschland&#8220; (Bild am 15. und 16. Dezember 2005) &#8211; und ein breites Spektrum &#8222;demokratischer&#8220; Ideologen mit, die nach &#8222;rationalen&#8220; Gr\u00fcnden f\u00fcr einen Krieg suchen. Die lassen sich immer finden: Der Islam ist von Natur aus totalit\u00e4r, die Mullahs wollen Israel vernichten (das \u00fcber Atomwaffen verf\u00fcgt), das Regime ist fundamentalistisch, der Iran mu\u00df demokratisiert werden et cetera.<\/p>\n<p>Die Leichtigkeit, mit der die Bellizisten des Westens in den letzten 16 Jahren Kriegsanl\u00e4sse erfanden, herbeiredeten oder -produzierten, lie\u00df sich in Jugoslawien exemplarisch studieren. Es ist heute Protektorat von NATO und EU. Galt der US-Krieg gegen den Irak 2003 hierzulande noch als Abenteuer, als &#8222;irrational&#8220;, nimmt EU-Europa jetzt Kurs darauf, am n\u00e4chsten Krieg als gleichwertiger Partner teilzuhaben. Dazu ist die v\u00f6llige Perhorreszierung eines Regimes n\u00f6tig, das nicht in Vietnam, Grenada, El Salvador, Nikaragua, Jugoslawien, Libyen, Jemen, Sudan, Afghanistan bombte und trotz seines brutalen Umgangs mit jeder Opposition offenbar R\u00fcckhalt in der eigenen Bev\u00f6lkerung genie\u00dft.<\/p>\n<p>Nicht nur das Kriegsziel, das ist seinen Ideologen bewu\u00dft, ist irrational, sondern auch das Mittel, der Krieg selbst, so technisch er sein mag. Lord George Weidenfeld, Verleger und einflu\u00dfreicher Politikberater (zum Beispiel \u00fcber die Bertelsmann-Stiftung), wandte sich am 25. Januar in Springers Welt gegen jede Form von Kompromissen mit dem iranischen Regime und formulierte: &#8222;Das Risiko einer milit\u00e4rischen Intervention k\u00f6nnte zwar Opfer in Gr\u00f6\u00dfenordnungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges mit sich bringen, doch der Triumph des islamistischen Terrors w\u00fcrde an Gr\u00e4\u00dflichkeit alles \u00fcberbieten, was uns die Weltgeschichte vermittelte.&#8220;<\/p>\n<p>Es hat Irrationalismus gegeben, aber es gibt keinen mehr? Der Lord hat mit aller Rationalit\u00e4t dargelegt, wie sich Irrationalismus vergangener Zeiten \u00fcbergipfeln l\u00e4\u00dft. Weiteres kann man bei Luk\u00e1cs nachlesen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.linksnet.de\/index.php\/artikel\/19747\"><em>linksnet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. Juni 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arnold Sch\u00f6lzel (2006). 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