{"id":15603,"date":"2025-07-14T12:16:48","date_gmt":"2025-07-14T10:16:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15603"},"modified":"2025-07-14T12:16:49","modified_gmt":"2025-07-14T10:16:49","slug":"zweiter-weltkrieg-ahnungslose-erben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15603","title":{"rendered":"Zweiter Weltkrieg: Ahnungslose Erben"},"content":{"rendered":"<p><em>Ralph Bossard.<\/em><strong> Wenn wir jetzt, 80 Jahre nach dessen Ende, auf den Zweiten Weltkrieg zur\u00fcckschauen, dann sind wir in akuter Gefahr, erneut die Sichtweise der lautst\u00e4rksten Siegerm\u00e4chte zu \u00fcbernehmen und diejenige der Opfer zu vernachl\u00e4ssigen. Die im Krieg teuer erkaufte Neuordnung der Welt wird heute ausgerechnet von jenen infrage gestellt, die ihren Sieg vergleichsweise einfach errangen<\/strong><!--more--><strong>, und von jenen, die f\u00fcr ihre Rolle im Krieg nie richtig zur Verantwortung gezogen wurden. <\/strong><\/p>\n<p>Es kann hier nicht darum gehen, ein einseitiges Geschichtsbild zu revidieren. Das w\u00e4re per se noch ein akademisches Problem. Einseitigkeit, Unkenntnis und die Weigerung, die Sichtweise anderer kennenzulernen, f\u00fchren aber dazu, dass wir die historischen Erfahrungen anderer Staaten nicht kennen und ihr Verhalten weder voraussehen noch verstehen k\u00f6nnen \u2013 mit fatalen Folgen, wie sich gerade heute in der Ukraine zeigt.<\/p>\n<p><strong>Hollywood feiert sich selbst und deutsche Gener\u00e4le waschen sich rein<\/strong><\/p>\n<p>Hollywood hat mit historisch unpr\u00e4zisen und teilweise tendenzi\u00f6sen Filmen das Bild des Zweiten Weltkriegs in der westlichen Welt gepr\u00e4gt. 1 Wer im postsowjetischen Raum unterwegs ist, wei\u00df aber, dass dort bis heute die Erinnerung an den Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg, wie der deutsch-sowjetische Krieg von 1941 bis 1945 auch genannt wird, in zahlreichen Filmen gepflegt wird. Selbst nach dem Ende des Kalten Kriegs haben aber Filme aus Russland den Weg nach Westen ebenso wenig gefunden wie Hollywood-Streifen jenen nach Osten.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass gerade im deutschsprachigen Raum die Sicht auf den Krieg von den Arbeiten der zahlreichen deutschen Gener\u00e4le gepr\u00e4gt ist, die nach Kriegsende im Dienst der US Army die Ereignisse des Krieges mit aufarbeiteten und dabei nicht selten sich selbst zu rehabilitieren suchten. 2 Traditionellerweise l\u00e4uft diese Geschichtsschreibung darauf hinaus, dass der angeblich \u00fcberlegene deutsche Soldat nur durch die gewaltige materielle und zahlenm\u00e4\u00dfige \u00dcberlegenheit von skrupellos k\u00e4mpfenden Gegnern geschlagen werden konnte. Besonders beliebt ist auch das Narrativ vom unf\u00e4higen Feldherrn Adolf Hitler, dessen Einmischung ins Kriegsgeschehen an der Front zahlreiche Niederlagen und hohe Verluste verursacht habe. Hier gesellt sich dann gerne auch noch die M\u00e4r von der angeblich sauberen Wehrmacht dazu. Der Weg zu revisionistischen Thesen ist dann nicht weit.<\/p>\n<p><strong>Sieg der Westalliierten<\/strong><\/p>\n<p>Die Betrachtung des Endzustands vom Fr\u00fchsommer 1945 legt nahe, die USA und Gro\u00dfbritannien als die gro\u00dfen Sieger des Krieges zu bezeichnen, die sich noch viel mehr als die anderen drei offiziellen Siegerm\u00e4chte durchsetzen konnten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Sowjetunion in Fragen der Neuordnung Osteuropas ihren Einfluss wahren konnte \u2013 wobei die Regelung der Einflusssph\u00e4ren auf der Moskauer Konferenz vom 9. bis 20. Oktober 1944 zwischen Churchill und Stalin wohl einen Meilenstein darstellt \u2013, blieb sie im Falle Japans au\u00dfen vor: Hier setzten die Amerikaner insbesondere die Beibehaltung des japanischen Kaiserhauses und den Verzicht auf eine strafrechtliche Verfolgung von Kaiser Hirohito durch. Ob nun der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki Japan zur Kapitulation zwang oder die sowjetische Invasion in der Mandschurei, bleibe dahingestellt. Der Beitrag der Sowjetunion hierzu ist im Westen allemal wenig bekannt.<\/p>\n<p>Die Neuordnung des globalen politischen Systems mit den 1945 in San Francisco gegr\u00fcndeten Vereinten Nationen im Zentrum war eines der Lieblingsprojekte des kurz vor Kriegsende verstorbenen US-Pr\u00e4sidenten Roosevelt gewesen. Auch bei der Schaffung eines neuen Finanzsystems auf der Konferenz der Finanzminister und Notenbankpr\u00e4sidenten in Bretton Woods im Juli 1944 setzten sich US-amerikanische Vorstellungen durch.<\/p>\n<p>Rasch zeigte sich nach dem Krieg, dass die USA nur bedingt bereit waren, ihren europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten zu helfen, ihre Kolonialreiche zu bewahren. Die V\u00f6lker Afrikas und Asiens hatten begriffen, dass ihre europ\u00e4ischen Kolonialherren nicht unschlagbar waren, und sie forderten den Lohn f\u00fcr ihre Anstrengungen im Kampf gegen Deutsche, Italiener und Japaner. Erst die Sorge vor einem kommunistischen Umsturz weltweit brachte die Amerikaner dazu, sich an die Seite der europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte zu stellen.<\/p>\n<p>Gro\u00dfbritannien hatte \u2013 wenn man von den Inseln im \u00c4rmelkanal einmal absieht \u2013 keine Besetzung durch feindliche Truppen erdulden m\u00fcssen, hingegen Sch\u00e4den durch deutsche Luftangriffe erlitten. Die USA waren von beidem fast g\u00e4nzlich verschont geblieben. Die menschlichen Opfer, die der Krieg von Briten und Amerikanern forderte, waren mehrheitlich Milit\u00e4rpersonal, ganz im Gegensatz zur Mehrheit der anderen kriegf\u00fchrenden L\u00e4nder, wo die Zivilbev\u00f6lkerung in ganz erheblichem Ma\u00dfe ihren Blutzoll zu entrichten hatte.<\/p>\n<p>V\u00f6llig anders muss der R\u00fcckblick aus der Sicht der Sowjetunion aussehen, die im Krieg gegen Deutschland und seine europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten die Hauptlast getragen hatte. 3 Aus seiner ideologisch bestimmten Betrachtungsweise heraus h\u00e4tte Stalin vor dem Krieg lieber in einer neutralen Position zugeschaut, wie sich die feindlichen, \u201ekapitalistischen\u201c M\u00e4chte des Westens gegenseitig die Felle zerrissen, musste aber nach 1933 rasch erkennen, dass seine Sowjetunion Hauptangriffsziel des nationalsozialistischen Deutschlands werden w\u00fcrde. 4 Seit den sp\u00e4ten 1920er Jahren hatten die Sowjets die meisten ihrer europ\u00e4ischen Nachbarn und die gro\u00dfen europ\u00e4ischen L\u00e4nder als feindlich eingestuft und stets die Entstehung einer umfassenden Koalition gegen die Sowjetunion bef\u00fcrchtet. 5 Britische Appeasement-Politik und westliche Unt\u00e4tigkeit in den Vorkriegsjahren m\u00f6gen in Moskau auch den Verdacht geweckt haben, dass politischen Kreisen im Westen ein deutsch-sowjetischer Krieg gar nicht so ungelegen kommen k\u00f6nnte. In der Tat gab es in den USA und in Gro\u00dfbritannien Kreise, die glaubten, Deutschland instrumentalisieren zu k\u00f6nnen, oder die sogar Sympathien f\u00fcr das \u201eDritte Reich\u201c hegten. 6 Mit dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom August 1939 \u2013 auch Ribbentrop-Molotow- oder Hitler-Stalin-Pakt genannt \u2013 glaubte Stalin, vorerst eine m\u00f6gliche gesamteurop\u00e4ische Allianz gegen die Sowjetunion verhindert und gleichzeitig seinen Hauptgegner aus der Zwischenkriegszeit, n\u00e4mlich Polen, ausgeschaltet zu haben. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 k\u00e4mpfte die Sowjetunion auf Seiten einer Allianz mit den st\u00e4rksten Industrienationen der damaligen Zeit. Die pessimistischsten Prognosen des Jahres 1928 waren nicht eingetreten \u2013 immerhin.<\/p>\n<p>Mit dem Ausscheiden Finnlands, Rum\u00e4niens, Bulgariens und Ungarns aus dem Krieg und ihrem Seitenwechsel im Herbst 1944 hatte innerhalb von drei Monaten ein geradezu atemberaubendes Renversement des Alliances stattgefunden. 7 Als die Rote Armee schlie\u00dflich am 8. Mai 1945 im Herzen Deutschlands stand, waren die Bef\u00fcrchtungen der 1920er Jahre verflogen. Das alles war aber zu einem f\u00fcrchterlich hohen Preis erkauft worden: Die unvorstellbar hohe Zahl von 27 Millionen get\u00f6teten Sowjetb\u00fcrgern spricht f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/globales\/kriege\/ahnungslose-erben\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Juli 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ralph Bossard. 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