{"id":15607,"date":"2025-07-14T12:34:49","date_gmt":"2025-07-14T10:34:49","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15607"},"modified":"2025-07-14T12:34:50","modified_gmt":"2025-07-14T10:34:50","slug":"corbyns-neue-partei-und-die-lehren-aus-dem-syriza-debakel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15607","title":{"rendered":"Corbyns neue Partei und die Lehren aus dem Syriza-Debakel"},"content":{"rendered":"<p><em>Laura Tiernan. <\/em><strong>Im Mittelpunkt der diesj\u00e4hrigen Veranstaltung \u201eMarxism: A Festival of Socialist Ideas\u201c, die von der Socialist Workers Party im Londoner Stadtteil Shoreditch organisiert wurde, stand die j\u00fcngste Ank\u00fcndigung von Jeremy Corbyns Anh\u00e4ngern, eine neue linke Partei zu gr\u00fcnden, die gegen Labour antreten soll.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Bei der Kundgebung des Festivals am Samstagmittag mit dem Titel \u201eParty Time: What Kind of Left Do We Need?\u201c begr\u00fc\u00dften Hunderte von SWP-Mitgliedern wie ein Fanclub Corbyns Auftritt mit \u201eOh Jeremy Corbyn!\u201c-Sprechch\u00f6ren zur Musik von \u201eSeven Nation Army\u201c der White Stripes.<\/p>\n<p>Der nationale Sekret\u00e4r der SWP, Lewis Nielsen, begr\u00fc\u00dfte freudig die Ank\u00fcndigung der parteilosen (ehemaligen Labour-)Abgeordneten Zarah Sultana zwei Tage zuvor, sie w\u00fcrde gemeinsam mit Corbyn an der Spitze einer neuen Partei stehen. Nielsen beschrieb dies als den \u201eStartschuss\u201c f\u00fcr eine Mobilisierung der Massen und erkl\u00e4rte: \u201eDer Geist ist aus der Flasche.\u201c<\/p>\n<p>Er erkl\u00e4rte unter Jubel und Applaus: \u201eMillionen von Menschen in diesem Land sind bereit, dem Ruf zum Kampf zu folgen. Alle in diesem Raum k\u00f6nnen an diesem Aufruf teilhaben und einen Kampf f\u00fchren, damit das Morgen besser wird als das Heute. Wir werden die extreme Rechte besiegen. Wir werden die K\u00fcrzungen zu Lasten der Arbeiterklasse beenden. Wir werden an der Seite Pal\u00e4stinas stehen, und wir werden eine andere Welt aufbauen.\u201c<\/p>\n<p>Corbyn stand sichtlich unter enormem Druck. Er vermied es, die neue Partei oder Sultanas Ank\u00fcndigung zu erw\u00e4hnen. Einen Tag zuvor hatte er auf X gepostet: \u201eDie demokratischen Grundlagen f\u00fcr eine neue Art von Partei werden bald Gestalt annehmen. &#8230; Die Diskussionen finden bereits statt.\u201c<\/p>\n<p>Vor fast einem Jahrzehnt wurde Corbyn zum Labour-Parteichef gemacht, mit dem enormen Auftrag, den Blair-Fl\u00fcgel der Partei zu bek\u00e4mpfen. Stattdessen hat er sich regelm\u00e4\u00dfig aus dem Staub gemacht und in allen fundamentalen Fragen vor dem rechten Fl\u00fcgel kapituliert: bei der Nato-Mitgliedschaft und bei der Beibehaltung der Trident-Atomwaffen; er beharrte darauf, dass Labour-Kommunalverwaltungen die K\u00fcrzungen der Tories umsetzen, und er hat sich geweigert, Widerstand gegen den massenhaften Ausschluss seiner als \u201eAntisemiten\u201c verleumdeten Anh\u00e4nger zu leisten.<\/p>\n<p>Corbyns Ziel war, die Linksentwicklung der Arbeiterklasse und ihrer jungen Generation zu blockieren und vor den Karren der Labour Party zu spannen. Im Jahr 2015 erkl\u00e4rte er, seine Aufgabe sei es, die \u201ePasokifizierung\u201c von Labour zu verhindern, womit er auf den Zusammenbruch der griechischen sozialdemokratischen Partei PASOK und ihre Verdr\u00e4ngung durch Syriza (Koalition der radikalen Linken) anspielte.<\/p>\n<p>Im Juli 2015 erkl\u00e4rte Corbyn gegen\u00fcber dem Labour-freundlichen Mirror: \u201eEs ist sehr interessant, dass sozialdemokratische Parteien, die den Austerit\u00e4tskurs akzeptieren und ihn am Ende umsetzen, viele Mitglieder und eine Menge Unterst\u00fctzung verlieren. &#8230; Ich glaube, wir haben eine Chance, hier etwas anders zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Er w\u00fcrde die Labour Party \u201esyrizifizieren\u201c, d.h. in eine linkspopulistische Partei \u201ef\u00fcr die Vielen, nicht f\u00fcr die Wenigen\u201c verwandeln.<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige Stalinist Andrew Murray, der sp\u00e4ter zu Corbyns wichtigstem politischem Berater wurde, \u00e4u\u00dferte sich im Jahr 2013 zu Ken Loachs mittlerweile aufgel\u00f6ster Gruppe Left Unity und wies deren Anspruch zur\u00fcck, eine Bewegung nach der Art von Syriza in Gro\u00dfbritannien zu sein. Er betonte: \u201eDie britische Arbeiterklasse wird eine ,britische Syriza\u2018 unterst\u00fctzen, wenn sie die britische Labour Party genauso sehen wie die griechische Arbeiterklasse die PASOK. So weit sind wir derzeit noch nicht.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt sind wir genau da. In der Arbeiterklasse herrscht enorme Wut auf die rechten autorit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen der Starmer-Regierung, ihre Angriffe auf die Armen und Behinderten, ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr V\u00f6lkermord und Krieg sowie die Mobilisierung der Polizei gegen streikende Arbeiter. Arbeiter und Jugendliche brechen mit Labour, ein historischer Linksruck, der sich seit Jahrzehnten angebahnt hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Nigel Farages rechtsextreme Reform UK Unterst\u00fctzung unter \u00e4lteren unzufriedenen Labour- und Tory-W\u00e4hlern gewonnen hat, gibt es eine weitaus breitere und st\u00e4rkere Bewegung nach links gegen die immense Konzentration von Reichtum bei der milliardenschweren Oligarchie, gegen Krieg und V\u00f6lkermord und f\u00fcr die Verteidigung der demokratischen und sozialen Rechte der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt die wilden Versuche von Teilen der Labour- und Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und ihrer pseudolinken Verb\u00fcndeten wie der SWP, eine neues politisches Vehikel zusammenzuschustern, das Arbeiter und Jugendliche auf reformistische Politik beschr\u00e4nkt und die Entwicklung einer sozialistischen und revolution\u00e4ren Bewegung gegen das kapitalistische System verhindert.<\/p>\n<p>Corbyn selbst sprach am Samstag nur vage davon, \u201eMenschen zu mobilisieren, um Ver\u00e4nderungen zu bewirken.\u201c Sein Z\u00f6gern, Sultanas neue Partei zu unterst\u00fctzen, beruht auf der wohlbegr\u00fcndeten Bef\u00fcrchtung, dass jede Anfechtung von Labours W\u00fcrgegriff \u00fcber die Arbeiterklasse ihrer Kontrolle entgleiten k\u00f6nnte. Corbyns wichtigste Verb\u00fcndete in der Socialist Campaign Group der Labour Party, Dianne Abbott und John McDonnell, erkl\u00e4rten gegen\u00fcber dem Tory-nahen Telegraph, sie w\u00fcrden sich nicht an dem Projekt beteiligen.<\/p>\n<p>Der ehemalige Abgeordnete des African National Congress, Andrew Feinstein, der letztes Jahr Keir Starmer bei den Parlamentswahlen herausforderte, ist als \u00f6ffentlicher Sprecher der neuen Parteiinitiative hervorgetreten. Berichten zufolge spielte er eine Schl\u00fcsselrolle bei der Organisierung von Sultanas \u00fcberraschender Ank\u00fcndigung, mit der Corbyn zum Handeln gezwungen werden sollte.<\/p>\n<p>Feinstein erkl\u00e4rte auf der Kundgebung der SWP, die zu gr\u00fcndende \u201ePartei der neuen Bewegung\u201c werde \u201esicherstellen, dass unsere Aktivisten, unsere sozialen Bewegungen und unsere Gemeinschaften\u201c in Westminster repr\u00e4sentiert sind. Ihr Ziel? \u201eDie Strukturen, Regeln und Funktionsweise des Parlaments, unserer Verwaltungen und des Staates grundlegend zu \u00e4ndern, damit sie den Vielen und nicht den Wenigen dienen.\u201c<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: eine Partei, die die Arbeiterklasse dem kapitalistischen Staat unterordnet und die fatale Illusion sch\u00fcrt, dieser k\u00f6nne \u00fcbernommen und benutzt werden, um den Interessen \u201edes Volkes\u201c zu dienen.<\/p>\n<p><strong>\u201eWillkommen, Yanis\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eMarxism 2025\u201c war eine deutliche Warnung davor, welche Art von pro-kapitalistischer Partei die SWP aufbauen will. Dass sie Yanis Varoufakis als Hauptredner zu einem Vortrag mit dem Titel \u201eKampf gegen die Oligarchie: die Relevanz von Marx\u201c eingeladen haben, war ein Musterbeispiel f\u00fcr die widerliche Apologetik und Vertuschung, wie sie nur von einer Organisation toleriert werden kann, deren Wurzeln in den selbstgef\u00e4lligsten Schichten des \u201eradikalen\u201c englischen Kleinb\u00fcrgertums liegen.<\/p>\n<p>Varoufakis, der Finanzminister der griechischen Syriza-Regierung von 2015, spielte eine zentrale Rolle dabei, die Spardiktate der Europ\u00e4ischen Union, der Europ\u00e4ischen Zentralbank und des IWF gegen die griechische Arbeiterklasse durchzusetzen. Der warme Empfang f\u00fcr ihn zeigt, was die SWP in Gro\u00dfbritannien vorbereitet.<\/p>\n<p>Varoufakis sprach per Zoom mit dem Cheftheoretiker der SWP, Alex Callinicos, der am Samstagnachmittag auf der B\u00fchne vor einem vollen Saal erschien. Das vorgebliche Thema ihrer Debatte war Varoufakis\u2018 selbstgef\u00e4lliges, d\u00fcsteres Buch Technofeudalismus: Was den Kapitalismus get\u00f6tet hat.<\/p>\n<p>Da Varoufakis wusste, dass er sich unter Freunden befand, erkl\u00e4rte er gleich zu Beginn, dass es der zehnte Jahrestag des Referendums sei, bei dem Syriza die griechische Bev\u00f6lkerung aufgerufen hatte, mit \u201eJa\u201c oder \u201eNein\u201c zum Sparkurs zu stimmen. Das Ergebnis der Abstimmung war \u201eein historisches Ereignis, das nachhallte. Es wirkte sich auf die Linke aus, aber, wie sich herausstellte, auf keine gute Art und Weise. Es kann jedoch eine der wertvollsten Lehren der Linken bleiben, die die marxistische Linke, denke ich, gezogen haben k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>Er bot einen gek\u00fcrzten R\u00fcckblick auf den globalen Finanzcrash von 2008 (\u201eF\u00fcr diejenigen unter euch, die zu jung sind, um sich daran zu erinnern oder sich daf\u00fcr zu interessieren\u201c), als \u201eder Kapitalismus abgeschmiert ist.\u201c Er erinnerte daran, dass \u201eGriechenland, der griechische Staat\u201c der \u201ezerbrechlichste Teil unseres Systems\u201c war.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Oligarchie wollte \u201eGriechenland in ein dystopisches Laboratorium f\u00fcr immense Austerit\u00e4t verwandeln&#8230; und dieses Modell dann von Griechenland auf Irland, Portugal, Spanien und Italien \u00fcbertragen. George Osborne hat seine Rolle dabei gespielt, es in euer Land zu bringen. Letztlich kam es bis nach Deutschland.\u201c<\/p>\n<p>Er erinnerte an die fr\u00fchen Tage von Syriza: \u201eWir hatten Veranstaltungen wie diese, wisst ihr, mit 100, 500 oder 400 Leuten\u201c, und dann entwickelten sie sich pl\u00f6tzlich \u201evon einer winzig kleinen Partei\u201c zu einer, die 36 Prozent der Stimmen holte, und \u201eam 5. Juli 2015 [dem Tag des Referendums] wurden daraus 62 Prozent.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch sage euch, ich konnte es in den Augen der M\u00e4chtigen sehen&#8230; von Leuten wie Christine Lagarde, der Europ\u00e4ischen Zentralbank, der Bank of England, der Federal Reserve, ich konnte es sehen, weil ich durch diesen historischen Zufall f\u00fcr einige Monate zum Finanzminister der Republik [Griechenland] wurde. Sie waren in Panik.\u201c<\/p>\n<p>Und dann kam seine erstaunliche Beschreibung der Nacht des Referendums, in der die griechischen W\u00e4hler eindeutig \u201eNein\u201c zur Austerit\u00e4t sagten:<\/p>\n<p>\u201eEinige Stunden sp\u00e4ter kommt mein Genosse, der Ministerpr\u00e4sident [Alexis Tsipras] zu mir&#8230; Wir hatten einen m\u00e4chtigen Streit. Ich trat zur\u00fcck&#8230; Ich will euch damit nicht langweilen. Diejenigen, die sich erinnern k\u00f6nnen, erinnern sich. Wer sich nicht erinnern kann, kann es nachlesen. Das war eine interessante Episode. Es war v\u00f6llig ungeplant, spontan, eine kleine Partei, die einige radikale Forderungen stellte und der Bev\u00f6lkerung an diesem besonderen Punkt der Geschichte einige radikale Versprechen gemacht hat, konnte ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Mandat gewinnen, im Grunde f\u00fcr die Revolution. Es war unsere eigene Schw\u00e4che, die sie verraten hat. Das ist eine sehr gro\u00dfe Lehre f\u00fcr uns alle auf dem linken Fl\u00fcgel. Genossen, der Feind, wenn der Feind uns angreift, wird er aus unserer Mitte kommen.\u201c<\/p>\n<p>Hier stellt Varoufakis Syriza (und sich selbst) als gl\u00fcckloses Opfer des unvorhergesehenen \u00dcberlaufens von Tsipras zu den Kr\u00e4ften der Reaktion dar. Varoufakis\u2018 R\u00fccktritt als Finanzminister wird in einem edlen Licht dargestellt, ein Akt des Gewissens gegen die Pl\u00e4ne von Syriza, den Willen der griechischen Bev\u00f6lkerung zu verraten und das EU-Programm der verbrannten Erde umzusetzen.<\/p>\n<p>Doch weder der Verrat von Syriza noch der von Tsipras und Varoufakis waren zuf\u00e4llig oder unvorhergesehen. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) hat Syrizas Weg zum Verrat in Hunderten von Artikeln, Vor-Ort-Berichten und politischen Erkl\u00e4rungen aufgezeigt und versucht, die griechische Arbeiterklasse gegen diese verkommene politische Falle zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Als Finanzminister der am 25. Januar 2015 gew\u00e4hlten Syriza-Regierung agierte Varoufakis von Anfang an als loyaler Diener der Troika aus EU, EZB und IWF. Im Februar, nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt, unterzeichnete er ein Abkommen mit der EU, um ihr erstes Sparprogramm in Griechenland auszuweiten.<\/p>\n<p>Am 11. Februar, vor seinem Treffen mit den Finanzministern der EU, lobte Varoufakis die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihren Finanzminister Wolfgang Sch\u00e4uble \u00fcberschw\u00e4nglich (letzteren als \u201ePolitiker von intellektueller Substanz\u201c). Sp\u00e4ter beschrieb er seine eigenen Vorschl\u00e4ge an die europ\u00e4ischen Banker als \u201eStandard im Stil von Thatcher oder Reagan.\u201c<\/p>\n<p>Genau wie Tsipras rechnete Varoufakis fest mit einem \u201eJa\u201c-Votum. Mit der Pistole auf der Brust war die griechische Bev\u00f6lkerung mit einer wirtschaftlichen Erpressung in riesigem Ausma\u00df konfrontiert. Die EU drohte, die griechische Wirtschaft zu zerst\u00f6ren, wenn ihre Spardiktate abgelehnt w\u00fcrden. Eine Kapitalflucht verwehrte Millionen von einfachen Griechen den Zugang zu ihren L\u00f6hnen und pers\u00f6nlichen Ersparnissen. Syriza unternahm nichts, um die Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen, lehnte eine Verstaatlichung oder Ma\u00dfnahmen zur Verhinderung des Kapitalabzugs ebenso ab wie jede Bedrohung f\u00fcr den Reichtum der Oligarchie und der wohlhabenden griechischen Investoren.<\/p>\n<p>Syriza fragte die Griechen in der gequ\u00e4lten Rhetorik des Referendums, ob sie den zweiteiligen Vorschlag der Troika mit dem Titel \u201eReformen zur Vollendung des derzeitigen Programms und dar\u00fcber hinaus\u201c und die \u201eVorl\u00e4ufige Schuldentragf\u00e4higkeitsanalyse\u201c akzeptieren oder ablehnen. Die <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2015\/07\/06\/pers-j06.html\">Ablehnung durch das Volk war \u00fcberw\u00e4ltigend<\/a> \u2013 gefolgt von einem Verrat von historischem Ausma\u00df.<\/p>\n<p>Callinicos begann seine eigene Rede auf der Veranstaltung der SWP mit den Worten: \u201eYanis, es ist gro\u00dfartig, mit dir zu sprechen. Du hast uns an einen historischen Tag erinnert, den historischen Tag des griechischen Referendums vor genau zehn Jahren, der f\u00fcr mich wie auch f\u00fcr dich, sowie f\u00fcr viele, viele Sozialisten, Arbeiter und antikapitalistische Aktivisten auf der ganzen Welt ein wirklich gro\u00dfer Moment war \u2013 ein Moment, der uns kurzzeitig gezeigt hat, dass es eine Alternative zum Neoliberalismus, der damals vorherrschenden Version des Kapitalismus, gab, dass eine andere Welt auf der Grundlage von Solidarit\u00e4t und Demokratie und Freiheit wirklich m\u00f6glich ist, selbst wenn es aus den Gr\u00fcnden, die Yanis genannt hat, nur ein Blick war, der sehr kurz w\u00e4hrte.\u201c<\/p>\n<p>Callinicos\u2018 Unterst\u00fctzung f\u00fcr die von \u201eYanis\u201c angef\u00fchrten \u201eGr\u00fcnde\u201c kommt nicht \u00fcberraschend. Mit der Theorie eines unvorhergesehenen Dolchsto\u00dfes durch Tsipras l\u00e4sst sich die prominente Rolle der SWP vertuschen, die einem Wahlb\u00fcndnis, das seit seiner Gr\u00fcndung im Jahr 2004 verkommen und pro-kapitalistisch war, ein sozialistisches und revolution\u00e4res Image verliehen hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der anschlie\u00dfenden Fragestunde forderte ein SWP-Mitglied Varoufakis h\u00f6flich heraus. Er versicherte dem Publikum, \u201eIch liebe Yanis\u201c, aber warum ist \u201eeine so prinzipientreue Person wie du, die uns so viel Hoffnung gegeben hat\u201c, nicht geblieben und hat gek\u00e4mpft? \u201eH\u00e4ttest du nicht\u201c, statt zur\u00fcckzutreten, \u201enoch etwas bleiben und gegen all diese b\u00f6sartigen Banken und Technologiekonzerne k\u00e4mpfen k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\n<p>Seine Frage l\u00f6ste vereinzelt Applaus aus, doch Callinicos, der das Recht auf die erste Antwort hatte, lie\u00df die Frage weder gelten, noch beantwortete er sie. Varoufakis erhielt einen \u201eSafe Space\u201c, um seine eigene dreiste Verteidigung zu organisieren: \u201eNein zu sagen und zur\u00fcckzutreten, wenn die Alternative dazu ist, korrupt zu sein und zur anderen Seite \u00fcberzulaufen, ist ein revolution\u00e4rer Akt.\u201c<\/p>\n<p>Er pr\u00e4sentierte eine Wahl zwischen zwei Formen der Kapitulation und lie\u00df damit eine dritte Option aus, die sich direkt aus dem Ergebnis des Referendums ergab: Die griechische Arbeiterklasse im Kampf gegen die Spardiktate der EU zu mobilisieren. Dieser Kampf h\u00e4tte in ganz Europa Widerhall gefunden.<\/p>\n<p>Im November 2015 ver\u00f6ffentlichte das IKVI eine Erkl\u00e4rung mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2015\/11\/21\/icfi-n21.html\">\u201eDie politischen Lehren aus dem Verrat Syrizas in Griechenland\u201c<\/a>, die von allen Arbeitern und Jugendlichen sorgf\u00e4ltig studiert werden sollte. Das Dokument unterzog die Ereignisse in Griechenland \u2013 \u201eeine immense strategische Erfahrung f\u00fcr die Arbeiterklasse\u201c \u2013 einer marxistischen Einsch\u00e4tzung und ist daher von entscheidender Bedeutung bei der Vorbereitung auf die explosiven Ereignisse, die sich jetzt in Gro\u00dfbritannien entwickeln.<\/p>\n<p>Das IKVI schrieb \u00fcber Syrizas Verrat: \u201eMassen von Menschen werden mit dem Bankrott und dem Verrat politischer Parteien konfrontiert, die \u00fcber viele Jahre hinweg die Protestbewegungen und die angeblich linke Politik dominierten. In Anlehnung an Theorien postmoderner Akademiker wie Ernesto Laclau bezeichnen diese Organisationen die gegenw\u00e4rtige Epoche als ,post-marxistisch\u2018. Ihre Wurzeln haben sie in den gehobenen Schichten des Kleinb\u00fcrgertums; sie pochen darauf, dass die Arbeiterklasse keine revolution\u00e4re Kraft mehr ist und durch eine Vielzahl von gesellschaftlichen Schichten ersetzt wurde, die sich durch nationale, Rassen-, Geschlechts- oder Lebensstil-Merkmale auszeichnen.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahrzehnte hinweg verkauften diese Parteien ihre Politik als radikal oder antikapitalistisch, w\u00e4hrend sie in Wirklichkeit nichts dergleichen waren. Die erste Erfahrung mit ihnen an der Regierung entlarvt diese Anma\u00dfung als Betrug. Die linke Maskerade diente als Deckmantel f\u00fcr ihre prokapitalistische Politik, die darauf angelegt ist, die Interessen der obersten 10 Prozent der Gesellschaft auf Kosten der Arbeiter zu verteidigen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Keine neue Syriza!<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2015 trat die SWP als schamloser Cheerleader f\u00fcr Syriza auf. Am 31. Januar begr\u00fc\u00dfte der Socialist Worker Syrizas Wahlsieg mit der Schlagzeile auf der Titelseite: \u201eGriechenland lehnt die Austerit\u00e4t ab, UND WIR K\u00d6NNEN ES HIER TUN\u201c. Auf Seite 2 hie\u00df es in einem Leitartikel: \u201eMit Syrizas Sieg ist die Hoffnung in Griechenland angekommen.\u201c Die SWP schrieb von \u201eJubel auf den Stra\u00dfen\u201c und spannte \u2013 gemeinsam mit ihren griechischen Gleichgesinnten in der ANTARSYA (Antikapitalistiki Aristeri Synergasia gia tin Anatropi) \u2013 die militantesten und kritischsten Teile der Arbeiter, Jugendlichen, Sch\u00fcler und Studierenden vor den Karren einer pro-kapitalistischen Regierung.<\/p>\n<p>Die SWP erw\u00e4hnte den Druck auf Tsipras, \u201eKompromisse\u201c einzugehen und schrieb: \u201eDie wichtigste Frage ist jetzt, ob sich Syriza den Bankern und Gl\u00e4ubigern entgegenstellen wird.\u201c Der Arbeiterklasse wurde dabei die Rolle einer Pressure-Group zugeteilt. Die SWP pl\u00e4dierte f\u00fcr \u201eStreiks, Massenmobilisierungen, Besetzungen und Demokratie von unten, die weiter gehen kann als Syriza bietet.\u201c Diese Propagierung von Spontanit\u00e4t, ein Merkmal der Politik der SWP, diente dazu, jedes Verst\u00e4ndnis von Syrizas reformistischer und pro-imperialistischer Perspektive zu verhindern, die darauf abzielte, der Troika Zugest\u00e4ndnisse abzuringen, und lie\u00df die Arbeiterklasse unvorbereitet auf das, was folgte.<\/p>\n<p>Zehn Jahre sp\u00e4ter ist die SWP mit den gleichen Argumenten zur Stelle, um eine neue linke Partei zu propagieren, in der Hoffnung, dass Corbyn sie anf\u00fchren wird. Bei der vorherigen Sitzung hatte Nielsen, der zusammen mit Corbyn auftrat, erkl\u00e4rt: \u201eWenn sie uns alles entgegenwerfen, brauchen wir eine Kraft, die keine Kompromisse macht, nicht zur\u00fcckweicht. Wir brauchen eine Kraft, die die Bewegung mobilisieren wird. Arbeiter, die Bewegung f\u00fcr Pal\u00e4stina, die antirassistische Bewegung, wir werden uns in dieser Bewegung verwurzeln. Wenn sie also auf uns losgehen, werden wir diese Bewegung nicht abblasen, sondern sie auffordern, uns zu verteidigen. Das ist die Art von Partei, die wir brauchen. Wir brauchen also ein B\u00fcndnis, ein Netzwerk, eine Dachorganisation.\u201c<\/p>\n<p>Die SWP betont, dass eine Partei oder Dachorganisation (!) unter der F\u00fchrung von Corbyn und seinen Kollegen durch Druck von unten zum K\u00e4mpfen gezwungen werden kann. Aber wof\u00fcr k\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Die neue Partei, die der SWP vorschwebt, wird nicht einmal mit sozialistischen Ma\u00dfnahmen identifiziert. Michael Lavalette, jahrzehntelanges Mitglied der SWP und ihrer Abspaltung Counterfire, nannte am Samstag bei dem gemeinsamen Auftritt mit Corbyn nur drei Bedingungen f\u00fcr die neue Bewegung: 1) \u201eSie muss in den verlassenen Gemeinden und der Arbeiterklasse verwurzelt sein\u201c; 2) ihre Stadtr\u00e4te und Abgeordneten m\u00fcssen als \u201eLautsprecher der Bewegungen und Gewerkschaften in unseren Kommunen\u201c dienen; und 3) \u201ewir d\u00fcrfen niemals in einer Lage sein, in der ein Abgeordneter dieser neuen Partei den Einsatz der Streitkr\u00e4fte fordert, um Streiks zu brechen, wie sie es in Birmingham getan haben\u201c (!)<\/p>\n<p>Dabei handelte es sich um eine diplomatische Anspielung Lavalettes auf Ayoub Khan, ein Abgeordneter von Corbyns Independent Alliance, der die stellvertretende Premierministerin Angela Rayner aufgerufen hatte, das Milit\u00e4r zu mobilisieren, um bei der Unterdr\u00fcckung des M\u00fcllstreiks in Birmingham zu helfen.<\/p>\n<p>Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Weigerung der SWP, klarzustellen, f\u00fcr welche sozialistischen Ma\u00dfnahmen eine neue linke Partei k\u00e4mpfen muss, und ihrer vergn\u00fcglichen und freundschaftlichen Diskussion mit Varoufakis \u00fcber \u201eTechnofeudalismus\u201c. Laut seinem Buch wurde der Kapitalismus durch ein System der Cloud-basierten Miete ersetzt, das \u201edie beiden St\u00fctzen des Kapitalismus zerst\u00f6rt hat: M\u00e4rkte und Profite.\u201c Diese w\u00fcrden \u201eden Laden nicht mehr schmei\u00dfen.\u201c Traditionelle Kapitalisten, die Lohnarbeiter besch\u00e4ftigen, sind zu \u201eVasallen\u201c einer neuen Klasse von Feudalherren geworden. \u201eDer Rest von uns ist zu dem Status als Leibeigene zur\u00fcckgekehrt, den wir fr\u00fcher innehatten.\u201c<\/p>\n<p>Die Menschheit sei von einer \u201etechnologisch fortgeschrittenen Form von Feudalismus\u201c \u00fcbernommen worden, die\u201esicherlich nicht das ist, wovon wir gehofft haben, dass es den Kapitalismus abl\u00f6sen w\u00fcrde.\u201c Das traditionelle Proletariat, wie es Marx analysiert hat, w\u00fcrde von \u201eCloud-Prolls\u201c und \u201eCloud-Leibeigenen\u201c ersetzt. Er schreibt: \u201eWir haben nicht mehr das Kapital auf der einen und die Arbeit auf der anderen Seite.\u201c Marx\u2018 Theorie, das Proletariat w\u00fcrde den Sozialismus aufbauen, \u201ewar Wunschdenken.\u201c<\/p>\n<p>Die politischen Schlussfolgerungen werden deutlich ausgesprochen: \u201eUm eine Chance zu haben, den Technofeudalismus zu st\u00fcrzen und den Demos in die Demokratie zur\u00fcckzubringen\u201c, sei eine \u201egro\u00dfe Koalition\u201c notwendig, die die \u00dcberreste des traditionellen Proletariats, die Cloud-Prolls, Cloud-Leibeigenen und \u201ezumindest einige der Vasallen-Kapitalisten\u201c vereint.<\/p>\n<p>Als Antwort auf Varoufakis\u2018 antikommunistische Tirade schlug Callinicos eine \u201eproduktive Diskussion\u201c \u00fcber ein \u201esehr interessantes Buch\u201c vor. Callinicos\u2018 eigener Appell an Orthodoxie w\u00e4hrend einer weitschweifigen viertelst\u00fcndigen Pr\u00e4sentation \u2013 in der er bestritt, dass der Kapitalismus durch den Feudalismus abgel\u00f6st wurde und sich auf Marx\u2018 Beschreibung des Proletariats als universeller Klasse der menschlichen Emanzipation berief \u2013 endete mit letzten Worten an Varoufakis: \u201eIch denke, wir haben die gleichen Feinde. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn wir uns darauf einigen k\u00f6nnten, sie Bastarde zu nennen.\u201c<\/p>\n<p>Was das IKVI im Jahr 2015 schrieb, gilt genauso f\u00fcr Gro\u00dfbritannien: \u201eDie Erfahrung mit Syriza zeigt die Notwendigkeit einer grundlegenden politischen Neuorientierung der Arbeiterklasse, der Jugend und der sozialistisch gesinnten Intellektuellen. Konfrontiert mit einer globalen, seit den 1930er-Jahren nicht mehr gesehenen Wirtschaftskrise und brutalen Angriffen vonseiten der gesamten kapitalistischen Klasse, kann die Arbeiterklasse sich nicht verteidigen, indem sie neue ,linke\u2018 Regierungen w\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Nur eine wirklich revolution\u00e4re Politik, welche die Arbeiterklasse in Griechenland und international im Kampf mobilisiert, bietet eine Perspektive. Das erfordert einen direkten Angriff auf die kapitalistische Klasse, die Beschlagnahme ihres Verm\u00f6gens, der gro\u00dfen Banken und der Produktionsst\u00e4tten, um sie unter die demokratische Kontrolle der Arbeiter zu stellen, sowie die Errichtung von Arbeiterstaaten \u00fcberall in Europa und der Welt. Solche K\u00e4mpfe erfordern den Aufbau marxistischer Parteien, die der Arbeiterklasse eine politische F\u00fchrung gibt und einen schonungslosen Kampf gegen Parteien wie Syriza f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Die Mittagsveranstaltung \u201eParty Time: What Kind of Left Do We Need?\u201c beim Marxism Festival der SWP. V.l.n.r.: Michael Lavalette, Jeremy Corbyn, Lewis Nielsen (Vorsitzender), Salma Yaqoob, Andrew Feinstein<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/07\/11\/hqug-j11.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Juli 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laura Tiernan. Im Mittelpunkt der diesj\u00e4hrigen Veranstaltung \u201eMarxism: A Festival of Socialist Ideas\u201c, die von der Socialist Workers Party im Londoner Stadtteil Shoreditch organisiert wurde, stand die j\u00fcngste Ank\u00fcndigung von Jeremy Corbyns Anh\u00e4ngern, eine neue &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":15608,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,87,10,43,56,18,42,4],"class_list":["post-15607","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-breite-parteien","tag-griechenland","tag-grossbritannien","tag-imperialismus","tag-sozialdemokratie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15607","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15607"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15607\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15609,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15607\/revisions\/15609"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15608"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15607"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15607"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15607"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}