{"id":15644,"date":"2025-07-29T11:35:48","date_gmt":"2025-07-29T09:35:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15644"},"modified":"2025-07-29T11:35:49","modified_gmt":"2025-07-29T09:35:49","slug":"die-strukturellen-wurzeln-der-anhaltenden-verwuestung-im-sudan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15644","title":{"rendered":"Die strukturellen Wurzeln der anhaltenden Verw\u00fcstung im Sudan"},"content":{"rendered":"<p><em>Muzan Alneel.<\/em> Das Land ist seit langem f\u00fcr seine anhaltenden und zahlreichen Kriege bekannt. Darunter der am l\u00e4ngsten andauernde B\u00fcrgerkrieg Afrikas im S\u00fcdsudan vor dessen Unabh\u00e4ngigkeit 2011, der Darfur-Krieg in den fr\u00fchen 2000er Jahren und der Krieg in S\u00fcd-Kordofan am Blauen Nil von 2011 bis 2020. Der derzeitige Konflikt, der nun schon sein drittes Jahr z\u00e4hlt, hat sich <!--more-->als noch verheerender erwiesen als alle seine Vorg\u00e4nger. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen in den strukturellen Faktoren, die die Wirtschaft und die Demografie des Landes pr\u00e4gen, sowie in den akkumulierten Sch\u00e4den, die durch die jahrzehntelangen Kriege verursacht wurden.<\/p>\n<p><strong>Kern und Peripherie<\/strong><\/p>\n<p>Schon vor dem 15. April 2023, als die K\u00e4mpfe zwischen den Rapid Support Forces (RSF) und den sudanesischen Streitkr\u00e4ften (SAF) ausbrachen, hatte die Bev\u00f6lkerung des Sudans mit den Folgen einer extrem schlechten Entwicklung von Infrastruktur und Ressourcen zu k\u00e4mpfen, die durch deren extreme Zentralisierung noch verst\u00e4rkt wurde. So hatten beispielsweise nur 30\u201350% der Bev\u00f6lkerung Zugang zu Elektrizit\u00e4t, und selbst bei denjenigen, die an das Stromnetz angeschlossen waren, kam es h\u00e4ufig zu Unterbr\u00fcchen. Dar\u00fcber hinaus war dieser Zugang geografisch sehr ungleichm\u00e4ssig verteilt. Der Grossteil der elektrischen Infrastruktur konzentrierte sich auf Khartum und den Nachbarstaat Gezira, w\u00e4hrend nur einige wenige st\u00e4dtische Zentren in den Randstaaten \u00fcber d\u00fcrftige Verbindungen erreicht wurden.<\/p>\n<p>Dies gilt nicht nur f\u00fcr das Stromnetz, sondern f\u00fcr alle Infrastrukturen des \u00f6ffentlichen Dienstes. Vom Gesundheits- und Bildungswesen bis hin zu Telekommunikation und Bankenwesen. Das gleiche ist bei der Verteilung der produktiven Wirtschaftst\u00e4tigkeiten zu beobachten. \u00dcber 70 Prozent der sudanesischen Grossindustrieanlagen konzentrieren sich auf die Hauptstadt Khartum und Gezira.<\/p>\n<p>Dies hat eine doppelte Auswirkung: einerseits sch\u00fcrt es die Konflikte, andererseits erm\u00f6glicht es den verschiedenen sudanesischen Regierungen, trotz der anhaltenden Kriege in der Peripherie, die Kontrolle \u00fcber das Land zu behalten. Diese extreme infrastrukturelle Unterentwicklung in den Randregionen hat logischerweise zu Missst\u00e4nden in der lokalen Bev\u00f6lkerung gef\u00fchrt. In Verbindung mit der gewaltsamen Unterdr\u00fcckung abweichender Meinungen durch den Zentralstaat, ist so ein \u00e4usserst fruchtbarer Boden f\u00fcr den Aufstieg bewaffneter Gruppen entstanden.<\/p>\n<p>Ein weiterer entscheidender Faktor war die von den aufeinanderfolgenden Regierungen kontinuierlich angewandte Strategie, Teile der Bev\u00f6lkerung in den peripheren Gebieten zu bewaffnen und paramilit\u00e4rischer Milizen zu bilden. Diese Gruppen wurden eingesetzt, um abweichende Meinungen zu unterdr\u00fccken oder Gemeinschaften gewaltsam aus ressourcenreichen Gebieten zu vertreiben \u2013 eine Strategie, die sich als sehr effektiv erwies, da die Unterentwicklung der Peripherie ein st\u00e4ndiges Reservoir verzweifelter Jugendlicher hervorbrachte, die im Beitritt zu Milizen ihren einzigen Weg zum \u00dcberleben sahen. Gleichzeitig gab sie der Regierung ein kosteng\u00fcnstiges Instrument zur Unterdr\u00fcckung der K\u00e4mpfe an die Hand und minimierte die direkte Beteiligung des Staates.<\/p>\n<p>Eine der Milizen, die so entstand, war die RSF. Heute eine der beiden Hauptkriegsparteien im aktuellen Konflikt. Die RSF \u00fcbernahm im April 2023 die Kontrolle \u00fcber die Hauptstadt Khartum und dehnte ihre Kontrolle bis Dezember desselben Jahres auf Gezira aus \u2013 das erste Mal in der sudanesischen Geschichte, dass ein Krieg das wirtschaftliche Zentrum des Landes erreichte. Die Folgen des Krieges gingen weit \u00fcber das unmittelbare Gebiet der milit\u00e4rischen Operationen hinaus. Millionen von Menschen wurden aus der Hauptstadt vertrieben, in der zuvor mehr als ein Viertel der sudanesischen Bev\u00f6lkerung gelebt hatte. Die Vertriebenen suchten Zuflucht in anderen Staaten, die nicht einmal \u00fcber eine grundlegende Infrastruktur f\u00fcr die einheimische Bev\u00f6lkerung verf\u00fcgten. Geschweige denn \u00fcber Kapazit\u00e4ten f\u00fcr die Aufnahme von Neuank\u00f6mmlingen.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung der industriellen Basis in Khartum und der landwirtschaftlichen Projekte in Gezira f\u00fchrte zu katastrophalen wirtschaftlichen Einbussen. Sch\u00e4tzungen zufolge sank das sektorale BIP innerhalb des ersten Jahres in der Industrie um 70%, im Dienstleistungssektor um 49% und in der Landwirtschaft um 21%. Diese wirtschaftlichen Schocks schlugen sich unmittelbar in sinkender Lebensqualit\u00e4t, schwindenden Einkommen und verschwindenden Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten im ganzen Land nieder. Die gegenw\u00e4rtige Verw\u00fcstung ist also auf ein doppeltes Erbe zur\u00fcckzuf\u00fchren: sowohl auf die unmittelbaren gewaltsamen Gr\u00e4ueltaten des andauernden Krieges als auch auf die akkumulierten Entwicklungsungerechtigkeiten der vergangenen Jahrzehnte.<\/p>\n<p><strong>Alte Muster mit einer neuen Wendung<\/strong><\/p>\n<p>Trotz dieser Realit\u00e4t wird in Beschreibungen des gegenw\u00e4rtigen Krieges oft die \u00abbeispiellose\u00bb Gewalt und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit hervorgehoben. Eine Darstellung, die das Leid von Millionen Menschen ausblendet, die bereits Jahrzehnte des Krieges und der Unterentwicklung ertragen mussten. Die von der RSF, der SAF und verb\u00fcndeten Milizen auf beiden Seiten begangenen Gr\u00e4ueltaten setzen lediglich seit langem bestehende Gewaltmuster fort.<\/p>\n<p>In den von der RSF kontrollierten Gebieten herrscht das f\u00fcr sie typische Chaos: zersplitterte Verwaltung durch dezentrale Banden mit losen Verbindungen zu einer zentralen F\u00fchrung, weit verbreitete willk\u00fcrliche Gewalt, Vergewaltigungen und systematische Pl\u00fcnderungen als Rekrutierungsinstrument und Belohnung f\u00fcr die K\u00e4mpfer. Dies sind keine neuen Taktiken \u2013 dieselben Strategien wurden von der RSF in Darfur und anderen Teilen des Sudan 20 Jahre lang angewandt. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie jetzt nicht mehr auf Befehl der Zentralregierung, sondern gegen sie eingesetzt werden.<\/p>\n<p>In den von der SAF kontrollierten Gebieten folgt die Gewalt einem eher b\u00fcrokratischen Muster. Zwangsr\u00e4umungen einkommensschwacher Gemeinden unter dem Vorwand der \u00abSicherheit\u00bb und ohne Bereitstellung von Alternativen, Massenverhaftungen von Strassenh\u00e4ndlern und unterprivilegierten Gemeinden, die der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt werden, und aussergerichtliche T\u00f6tungen durch Stellvertreter-Milizen, welche bewusst vom Staat distanzierte werden \u2013 eine Taktik, die die RSF selbst in fr\u00fcheren Jahren perfektioniert hat.<\/p>\n<p>Sowohl die SAF als auch die RSF priorisieren Angriffe auf das Territorium der jeweilig anderen Seite und vernachl\u00e4ssigen die Bed\u00fcrfnisse der Zivilbev\u00f6lkerung in ihrem eigenen Gebiet. Ihr einziger Fokus liegt auf der Sicherung milit\u00e4rischer Einrichtungen, was sich darin zeigt, dass die SAF die Bev\u00f6lkerung wiederholt der Brutalit\u00e4t der RSF \u00fcberl\u00e4sst, um Waffen und Personal zu sch\u00fctzen. Al-Fashir in Nord-Darfur ist ein Beispiel daf\u00fcr: Die SAF, die seit \u00fcber 18 Monaten von der RSF belagert wird, verbarrikadiert sich in ihrem befestigten zentralen St\u00fctzpunkt und \u00fcberl\u00e4sst den Kampf den so genannten \u00abJoint Forces\u00bb, einer neuen Miliz, die aus den Unterzeichner:innen des Juba-Abkommens zusammengeschustert wurde. Dieses Abkommen wurde 2020 zwischen der \u00dcbergangsregierung und mehreren bewaffneten Gruppen unterzeichnet und als Weg zur Beendigung langj\u00e4hriger Konflikte, insbesondere in Darfur und anderen Regionen, angepriesen.<\/p>\n<p>Die systematische Missachtung von Menschenleben spiegelt tiefere historische Strukturen wider. Die Ansiedlung von milit\u00e4rischen Hauptquartieren in allen st\u00e4dtischen Zentren offenbart eine Logik aus der Kolonialzeit. Die staatliche Infrastruktur hat absoluten Vorrang vor dem \u00dcberleben der Zivilbev\u00f6lkerung. In Anbetracht der Tatsache, dass die sudanesische Armee selbst sowie mehrere wichtige staatliche Einrichtungen und Instrumente seit ihrer Gr\u00fcndung durch die britischen Kolonisatoren keiner \u00dcberpr\u00fcfung oder Reform unterzogen wurden, ist eine solche Entwicklung nur logisch. Die Dynamik, bei der der Staat sein Volk als koloniale Untertanen und nicht als B\u00fcrger:innen behandelt, ist keineswegs neu, sondern in der Tat grundlegend. Sie geht auf die Anf\u00e4nge des Sudan als Staat zur\u00fcck [Sudan wurde 1956 von Grossbritannien unabh\u00e4ngig; Anm. d. Red.], der sich nie vollst\u00e4ndig von seinen unterdr\u00fcckerischen Urspr\u00fcngen l\u00f6sen konnte.<\/p>\n<p><strong>Im Kreuzfeuer gefangen<\/strong><\/p>\n<p>Der sudanesische Volkswiderstand, der erstmals im Revolutionsaufstand von 2019 in Erscheinung trat, wollte sich gegen die Ausl\u00f6schung vergangener Ungerechtigkeiten wehren und gleichzeitig aktuelle Ungerechtigkeiten aufdecken. Doch der aktuelle Krieg hat die Bewegung, die in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Widerstandsf\u00e4higkeit bewiesen hat, auf eine harte Probe gestellt \u2013 teilweise auch wegen der bereits erw\u00e4hnten Zentralisierung.<\/p>\n<p>Als die Proteste gegen den abgesetzten Pr\u00e4sidenten Omar al-Bashir Ende 2018 erstmals ausbrachen, stellten sie eine quantitative Ver\u00e4nderung gegen\u00fcber dem fr\u00fcheren zivilen Ungehorsam unter seiner 30-j\u00e4hrigen Herrschaft dar. Dazu geh\u00f6rten vereinzelte Proteste gegen Wasserknappheit, infrastrukturelle Unterentwicklung, Zwangsvertreibung, die Inhaftierung und Ermordung von Aktivist:innen und andere staatlich gelenkte Verbrechen, sowie vereinzelte Arbeitsk\u00e4mpfe wie der Streik 2016 gegen steigende Medikamentenpreise. Der Aufstand vom Dezember 2018 breitete sich landesweit gleichzeitig in Dutzenden von St\u00e4dten und D\u00f6rfern aus, was durch die Entstehung von Widerstandskomitees in den Vierteln erleichtert wurde, die die Proteste koordinieren und gleichzeitig die Auswirkungen der staatlichen Repression minimieren sollten.<\/p>\n<p>Diese Komitees wurden zur Vorhut des Widerstands sowohl gegen al-Bashir als auch gegen die nachfolgende \u00dcbergangsregierung, die die Ziele der Revolution zunehmend verriet. Sie stellten eine qualitativ neue politische Kraft dar und brachen das Monopol der traditionellen Parteien in einer politischen Arena, die neuen Akteur:innen jahrzehntelang verschlossen war. Ihre Mitglieder, die aus einer jungen Bev\u00f6lkerungsgruppe mit d\u00fcsteren wirtschaftlichen Aussichten rekrutiert wurden, waren in den lokalen Gemeinschaften verwurzelt, hatten ein besseres Gesp\u00fcr f\u00fcr die lokalen Gegebenheiten und waren weniger kompromissbereit. Dies zeigte sich in ihrem entschiedenen Widerstand gegen die wirtschaftliche Liberalisierung und die Normalisierung der Milit\u00e4rherrschaft, ganz im Gegensatz zu den etablierten Parteien, die sich im August 2019 dem Abkommen zur Teilung der Macht mit dem Milit\u00e4r anschlossen.<\/p>\n<p>Nach dem Milit\u00e4rputsch vom Oktober 2021 standen die Komitees an der Spitze einer wiederbelebten Widerstandsbewegung, die nun nicht mehr von der Propaganda der \u00dcbergangsregierung abh\u00e4ngig war. Auf ihrem H\u00f6hepunkt koordinierten mehr als 8000 Komitees landesweit die Proteste und entwickelten umfassende politische Chartas, die den vollst\u00e4ndigen R\u00fcckzug des Milit\u00e4rs aus der Regierung bef\u00fcrworteten. Durch anhaltende Demonstrationen gelang es ihnen, das Putschregime f\u00fcr mehr als ein Jahr ausser Gefecht zu setzen.<\/p>\n<p>Die Reaktion des Establishments auf diese Graswurzelbewegung folgte vorhersehbaren Mustern: entweder v\u00f6llige Ablehnung oder Kooptation (Aufnahme oder Wahl von Mitgliedern durch die \u00fcbrigen Mitglieder einer Gemeinschaft). Traditionelle reformorientierte Parteien versuchten, die Proteste zu kapern, indem sie behaupteten, sie unterst\u00fctzten die Wiedereinsetzung der Partnerschaftsregierung aus der Zeit vor dem Putsch \u2013 ein Man\u00f6ver, das nach hinten losging, als die Demonstrant:innen ihre Vertreter:innen \u00f6ffentlich von den Protesten ausschlossen. In \u00e4hnlicher Weise dr\u00e4ngten internationale Akteur:innen wie die UN-Mission im Sudan trotz des Widerstands der Bev\u00f6lkerung auf eine erneute milit\u00e4risch-zivile Partnerschaft und versuchten sogar (erfolglos), Widerstandskomitees in diese Verhandlungen einzubeziehen. Dieses anhaltende Muster, milit\u00e4rische Gruppierungen mit politischer Legitimit\u00e4t zu belohnen, erm\u00f6glichte deren anhaltende Gewalt, einschliesslich im gegenw\u00e4rtigen Krieg.<\/p>\n<p>Die Komitees hielten zwar an ihren revolution\u00e4ren Forderungen nach einer zivilen Regierung und dem Kernslogan \u00abFreiheit, Frieden und Gerechtigkeit\u00bb fest, konnten sich aber der strukturellen Zentralisierung des Sudan nicht vollst\u00e4ndig entziehen. Obwohl sie neue Stimmen in den politischen Diskurs einbrachten, blieben sie in einem elit\u00e4ren Rahmen gefangen, wie die folgenden Beispiele und Erscheinungsformen zeigen. Ihre nominell horizontalen Strukturen, sowohl intern als auch bei der Koordinierung zwischen den Komitees, erwiesen sich als unzureichend, um die zentralisierte Machtdynamik zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><strong>Diese Einschr\u00e4nkungen traten in mehreren F\u00e4llen zutage:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Der Ausarbeitungsprozess der Charta war zwar theoretisch inklusiv (mit Beratungen auf gesamtstaatlicher Ebene, die einer nationalen Synthese vorausgingen), doch das Dokument aus Khartum dominierte den Diskurs unverh\u00e4ltnism\u00e4ssig stark und wurde oft f\u00e4lschlicherweise f\u00fcr den nationalen Konsens gehalten \u2013 eine direkte Folge der infrastrukturellen Zentralisierung in den Bereichen Bildung und Kommunikation, die den Aussch\u00fcssen in Khartum eine lautere Stimme verlieh als anderen.<\/li>\n<li>Die interne Dynamik der Komitees reproduzierte patriarchale Normen, indem sie die Rolle des militanten Protestes gegen\u00fcber der organisatorischen Arbeit aufwertete, was zu einem R\u00fcckgang der weiblichen Beteiligung im Vergleich zu den Anfangstagen der Revolution f\u00fchrte.<\/li>\n<li>Trotz einiger Wahlpraktiken gelang es den meisten Komitees nicht wirklich, integrative Entscheidungsstrukturen zu entwickeln. Sie wurden weiterhin von politisch aktiven jungen M\u00e4nnern dominiert, anstatt sich zu echten Nachbarschaftsversammlungen zu entwickeln.<\/li>\n<li>Ihre politischen Vorschl\u00e4ge konzentrierten sich darauf, die bestehenden staatlichen Institutionen durch Wahlstrategien zu erobern, anstatt die Situation der Doppelherrschaft zu nutzen, um alternative Systeme f\u00fcr die Ressourcenverwaltung aufzubauen, welche von den Gemeinschaften kontrolliert werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die sudanesische Erfahrung best\u00e4tigt eine jahrhundertealte marxistische Theorie: Die Unterdr\u00fcckten erkennen zwar von Natur aus die Ungerechtigkeit und verf\u00fcgen \u00fcber eine enorme revolution\u00e4re Energie, doch um dieses Potenzial in dauerhafte Ver\u00e4nderungen umzuwandeln, sind sowohl wissenschaftliche Organisationsmethoden als auch die direkte Kontrolle der Bev\u00f6lkerung \u00fcber die Ressourcen erforderlich \u2013 Aufgaben, die historisch gesehen von revolution\u00e4ren marxistischen Parteien erf\u00fcllt wurden.<\/p>\n<p>Als im April 2023 der Krieg ausbrach, lehnten die meisten Widerstandskomitees den Konflikt zun\u00e4chst ab und weigerten sich, eine der beiden Kriegsparteien zu unterst\u00fctzen \u2013 beides sind milit\u00e4rische Fraktionen, die die Bewegung seit Jahren bek\u00e4mpft hatte. Der Widerstand mobilisierte sich kollektiv \u00fcber die so genannten \u00abEmergency Rooms\u00bb, neue Gemeinschaftsorganisationen, die gegr\u00fcndet wurden, um die im Krieg belagerte und vertriebene Bev\u00f6lkerung mit den wichtigsten Dienstleistungen zu versorgen, nachdem die staatlichen Institutionen diese Verantwortung aufgaben. Bis heute sind diese \u00abR\u00e4ume\u00bb das wichtigste Unterst\u00fctzungssystem f\u00fcr die vom Krieg am st\u00e4rksten Betroffenen.<\/p>\n<p>Doch das chronische Fehlen eines umfassenden revolution\u00e4ren politischen Programms in der sudanesischen Bewegung zeigte sich erneut auf kritische Weise. Die Emergency Rooms verstanden ihre Arbeit weitgehend als vor\u00fcbergehende freiwillige Wohlt\u00e4tigkeit, anstatt ihr Potenzial zu erkennen, echte Bottom-up-Systeme f\u00fcr die Bereitstellung von Dienstleistungen und die Organisation von Gemeinschaften zu schaffen \u2013 eine verpasste Chance f\u00fcr eine transformative Praxis.<\/p>\n<p><strong>Keine Befreiung ohne Organisation<\/strong><\/p>\n<p>Die Widerstandskomitees selbst bewegten sich trotz ihrer prinzipiellen Antikriegshaltung allm\u00e4hlich auf eine unhaltbare Mittelposition zu. Sie lehnten den Krieg ab, w\u00e4hrend sie paradoxerweise unterst\u00fctzten, was sie als \u00abden sudanesischen Staat\u00bb bezeichneten \u2013 ein Gebilde, das sie als mehr als seinen Milit\u00e4rapparat und als wohlwollende, unpolitische Institution darstellten. Dieses grundlegende Missverst\u00e4ndnis des Staates als neutrale Instanz und nicht als Instrument der herrschenden Klasse beeinflusste insbesondere die Mitglieder der st\u00e4dtischen Komitees, von denen einige schliesslich unter dem Vorwand der Kriegsnotwendigkeit eine offene Unterst\u00fctzung der SAF annahmen.<\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrworter:innen dieses Ansatzes \u2013 sowohl in den Komitees als auch in pro-revolution\u00e4ren intellektuellen Kreisen \u2013 begr\u00fcnden ihre Position mit einer ihrer Ansicht nach beispiellosen existenziellen Bedrohung f\u00fcr den sudanesischen Staat und sein Volk. Auch wenn diese Sichtweise angesichts der langen Konfliktgeschichte des Sudan historisch ungenau ist, so wird sie doch verst\u00e4ndlich, wenn man die bereits erw\u00e4hnten Auswirkungen der zentralisierten Entwicklung betrachtet. Die Vorherrschaft st\u00e4dtischer Stimmen in der Widerstandsbewegung \u2013 gr\u00f6sstenteils aus Gebieten, die zuvor von den peripheren Kriegen im Sudan isoliert waren \u2013 hat dazu gef\u00fchrt, dass pers\u00f6nliche Kriegserfahrungen nun die politische Analyse verzerren und die seit langem bestehenden Beschwerden marginalisierter Regionen, die dem aktuellen Konflikt vorausgingen, in den Hintergrund dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Bei der Untersuchung der verheerenden Auswirkungen des Krieges im Sudan und der Grenzen der Widerstandsbewegung wird deutlich: Einerseits handelt es sich im Sudan vor allem um die katastrophalen Folgen der zentralisierten Macht und Entwicklung. Andererseits fehlt es an einer koh\u00e4renten revolution\u00e4ren Theorie und einer disziplinierten Partei, die es vermag, diese Strukturen grundlegend in Frage zu stellen und sich daf\u00fcr kontinuierlich einsetzt. Indem der gegenw\u00e4rtige Krieg das politische und wirtschaftliche Zentrum des Sudans erreicht hat, hat er nicht nur landesweit Zerst\u00f6rung angerichtet, sondern auch die entscheidende Schw\u00e4che einer Widerstandsbewegung aufgedeckt. Dieser fehlte es \u2013 trotz bemerkenswerter Widerstandsf\u00e4higkeit \u2013 an dem, was sie am meisten brauchte: eine revolution\u00e4re Organisation, die sich der Umgestaltung grundlegender Machtstrukturen verschrieben hat. Anstatt nur gegen deren Symptome anzuk\u00e4mpfen oder oberfl\u00e4chliche F\u00fchrungswechsel auszuhandeln.<\/p>\n<p>Der Weg in die Zukunft wird durch diese schmerzhafte Lektion deutlich. Dauerhafte Befreiung erfordert, dass man \u00fcber den spontanen Widerstand hinausgeht und organisierte revolution\u00e4re Kapazit\u00e4ten aufbaut. Nur mit einer objektiven Analyse der staatlichen und wirtschaftlichen Macht sowie der Auswirkungen des kolonialen Erbes \u2013 in Verbindung mit einer disziplinierten Organisation, die st\u00e4dtische und l\u00e4ndliche K\u00e4mpfe vereint \u2013 kann der Sudan seinen Kreislauf aus Gewalt und Unterentwicklung durchbrechen. Die Alternative ist die st\u00e4ndige Wiederholung der heutigen Trag\u00f6dien unter anderen Vorzeichen, da die Ursachen nicht angegangen werden und die Strukturen der Unterdr\u00fcckung fortbestehen.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Eine Karte des sudanesischen Stromnetzes. Quelle: Weltbank, 2019 <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/international\/2025\/suden-burgerkrieg-ursachen-wurzeln-kolonialismus\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. Juli 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Muzan Alneel. Das Land ist seit langem f\u00fcr seine anhaltenden und zahlreichen Kriege bekannt. 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