{"id":15677,"date":"2025-08-23T11:05:34","date_gmt":"2025-08-23T09:05:34","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15677"},"modified":"2025-08-23T11:05:35","modified_gmt":"2025-08-23T09:05:35","slug":"mutmasslicher-nord-stream-attentaeter-verhaftet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15677","title":{"rendered":"Mutma\u00dflicher Nord Stream-Attent\u00e4ter verhaftet"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schwarz. <\/em>Knapp drei Jahre nach den Anschl\u00e4gen auf die Nord-Stream-Pipelines im September 2022 ist erstmals einer der mutma\u00dflichen Attent\u00e4ter verhaftet worden. Die italienische Polizei nahm den ukrainischen Ex-Offizier Serhii K. fest, dem die deutsche Bundesanwaltschaft vorwirft, die Anschl\u00e4ge koordiniert und als Mitglied einer Gruppe die Sprengladungen auf dem Grund der Ostsee<!--more--> angebracht zu haben. Der 49-J\u00e4hrige hatte mit seiner Familie in der Gegend von Rimini Urlaub gemacht, obwohl ein internationaler Haftbefehl gegen ihn vorlag.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutsche Regierung kommt die Festnahme zu einem denkbar ungeeigneten Zeitpunkt. Packt der Festgenommene \u00fcber die Hinterm\u00e4nner des Anschlags aus, k\u00f6nnte dies zu schweren Spannungen mit Kiew und mit Washington f\u00fchren. Dies in einem Moment, in dem Berlin und Kiew gemeinsam alle Hebel in Bewegung setzen, um Pr\u00e4sident Trump von einem Deal mit Moskau abzuhalten und zur weiteren Unterst\u00fctzung des Kriegs zu bewegen.<\/p>\n<p>Die deutsche Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) nannte die Festnahme einen \u201esehr beeindruckenden Ermittlungserfolg\u201c. Deutschland sei ein Rechtsstaat und die Sprengung der Pipelines m\u00fcsse strafrechtlich aufgekl\u00e4rt werden. An der deutschen Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine \u00e4ndere sich dadurch aber nichts, f\u00fcgte sie hinzu. \u201eWir stehen politisch fest an der Seite der Ukraine.\u201c<\/p>\n<p>Dass sich die deutsche Justizministerin bem\u00fc\u00dfigt sieht, der Ukraine im Zusammenhang mit der Festnahme eines mutma\u00dflichen Attent\u00e4ters die weitere Solidarit\u00e4t Deutschlands zu versichern, spricht B\u00e4nde. Man wei\u00df in Berlin seit langem, dass Washington und Kiew bei dem Anschlag auf Nord Stream die F\u00e4den zogen. Schlie\u00dflich hatte der damalige US-Pr\u00e4sident Joe Biden wenige Monate vorher \u00f6ffentlich gedroht, man werde Mittel und Wege finden, dem Projekt ein Ende zu bereiten.<\/p>\n<p>Doch \u00f6ffentlich dar\u00fcber sprechen wollte die deutsche Regierung nicht. H\u00e4tte sie ihre engsten Verb\u00fcndeten im Krieg gegen Russland beschuldigt, hinter dem verheerenden Sabotageakt zu stecken, w\u00e4re die gemeinsame Kriegsfront zerbrochen. Gleichzeitig konnte sie den Anschlag wegen seiner Dimension nicht einfach ignorieren. Vor dem Anschlag war die H\u00e4lfte des j\u00e4hrlichen Erdgasbedarfs Deutschlands durch Nord Stream 1 geflossen. Nord Stream 2 stand kurz vor der Inbetriebnahme. Zusammen hatten die beiden zerst\u00f6rten Pipelines rund 10 Milliarden Euro gekostet.<\/p>\n<p>Die Bundesanwaltschaft begann deshalb zu ermitteln und wurde schnell f\u00fcndig. Der genaue Ablauf des Anschlags und die unmittelbar Beteiligten sind inzwischen weitgehend bekannt. Bereits im Juni letzten Jahres hatte die Bundesanwaltschaft versucht, einen der Hauptverd\u00e4chtigen, den ukrainischen Tauchlehrer Wolodymyr Sch., an seinem damaligen Wohnort in Polen zu verhaften. Doch die polnischen Beh\u00f6rden warnten den mutma\u00dflichen T\u00e4ter, und ein Wagen der ukrainischen Botschaft brachte ihn \u00fcber die Grenze in Sicherheit.<\/p>\n<p>Am 20. November 2024 ver\u00f6ffentlichte der <em>Spiegel<\/em> eine umfangreiche Recherche, \u201eWie ein ukrainisches Geheimkommando Nord Stream sprengte\u201c. Sie beruht auf Ermittlungsakten, Geheimdienstinformationen, zweij\u00e4hrigen Recherchen eigener Reporter, Interviews mit Beteiligten und Nachforschungen vor Ort. Dabei scheint es nicht allzu schwer gefallen zu sein, Beteiligte zum Reden zu bringen, betrachten doch viele von ihnen die Sprengung der Pipelines als patriotische Heldentat.<\/p>\n<p><em>Der Spiegel<\/em> nennt zwar aus R\u00fccksicht auf die Sicherheit der Betroffenen nur wenige Namen, schildert aber Planung, Vorbereitung und Ablauf des Anschlags in allen Einzelheiten bis hin zu technischen Details, wie der Konstruktion der Bomben, die eigens daf\u00fcr angefertigt wurden.<\/p>\n<p>Druckluftflaschen f\u00fcr Taucher, die beim Grenz\u00fcbergang nicht auffielen, wurden zu Rohrbomben umfunktioniert. 20 bis 35 Kilogramm unterwassertauglicher Spezialsprengstoff, angeordnet als sogenannte Schneidladung, sorgte f\u00fcr optimale Wirkung. Die Bomben wurden jeweils an einer Verbindungsnaht der Pipeline angebracht, die nicht mit Beton, sondern mit Hartschaum ummantelt ist. Ein kleines Loch in der Au\u00dfenwand gen\u00fcgte dann, damit der Gasdruck den Rest erledigte. Die Bomben wurden in einem See in der Ukraine getestet, die Taucher \u00fcbten die Installation bis in eine Tiefe von hundert Metern.<\/p>\n<p>Angesichts der minuti\u00f6sen Vorbereitung gen\u00fcgte ein relativ kleines Team von sechs Personen, um die Ausr\u00fcstung nach Deutschland zu bringen, unter falscher Identit\u00e4t die Segeljacht \u201eAndromeda\u201c zu mieten und im Verlauf mehrere Tage die Sprengladungen anzubringen. Erforderlich waren gut ausgebildete Taucher, da die Pipelines an den Anschlagsorten in etwa 70 Meter Tiefe verlaufen. Zeitz\u00fcnder brachten die Bomben dann zur Explosion, als die T\u00e4ter l\u00e4ngst wieder abgereist waren.<\/p>\n<p>Die Bewegung der Attent\u00e4ter ist mittlerweile \u2013 gest\u00fctzt auf GPS-Daten, Bilder von \u00dcberwachungs- und Blitzer-Kameras und Zeugenaussagen von Anwohnern \u2013 gut dokumentiert. In der \u201eAndromeda\u201c wurden au\u00dferdem Sprengstoffspuren gefunden, die best\u00e4tigen, dass das Boot f\u00fcr den Anschlag benutzt wurde.<\/p>\n<p>Umstritten bleibt dagegen die Frage nach den Hinterm\u00e4nnern. Weder die deutschen noch andere Ermittlungsbeh\u00f6rden zeigen bisher gro\u00dfes Interesse, ihr nachzugehen. In D\u00e4nemark und Schweden, in deren Hoheitsgew\u00e4ssern die Anschl\u00e4ge stattfanden, wurden die Ermittlungen nach kurzer Zeit wieder eingestellt.<\/p>\n<p>Der <em>Spiegel<\/em>-Bericht l\u00e4sst aber kaum Zweifel, dass der US-Geheimdienst CIA und das ukrainische Milit\u00e4r involviert und h\u00f6chste Regierungskreise informiert waren. Auch die deutsche Regierung wurde vom niederl\u00e4ndischen Geheimdienst gewarnt, ignorierte aber die Warnung oder nahm sie nicht ernst. Der <em>Spiegel<\/em> berichtet:<\/p>\n<p><em>Die Verantwortlichen f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Sabotageakt in der Geschichte Europas, darauf deutet vieles hin, waren alles in allem etwa ein Dutzend M\u00e4nner und eine Frau aus der Ukraine. Einige sind Zivilisten, andere Soldaten. Sie wurden angeheuert und ausgebildet von einer Gruppe, die \u00fcber Jahre immer wieder Geheimoperationen f\u00fcr den ukrainischen Sicherheitsapparat plante und durchf\u00fchrte. Manche der T\u00e4ter haben weit in die Vergangenheit reichende Verbindungen zur CIA.<\/em><\/p>\n<p>Als wahrscheinlichen Kopf der Operation identifiziert der <em>Spiegel<\/em> den 49-j\u00e4hrigen Roman Tscherwinsky, mit dem seine Reporter auch kurz sprachen. Er war einer der Chefs der Spionageabwehr des ukrainischen Inlandsdiensts SBU und wechselte sp\u00e4ter zum Milit\u00e4rgeheimdienst HUR. Er soll 2019 an der Entf\u00fchrung von Wladimir Zemach beteiligt gewesen sein, dem der Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 zur Last gelegt wurde. Laut <em>Spiegel<\/em> geh\u00f6rte Tscherwinsky \u2026<\/p>\n<p><em>\u2026 \u00fcber lange Zeit zu einer Gruppe in den ukrainischen Sicherheitsbeh\u00f6rden, die als besonders verschworen galt, aufgebaut von US-Agenten. Weil die ukrainischen Dienste von fr\u00fcheren KGB-Kadern durchsetzt waren, suchten die Amerikaner schon vor Jahren vertrauensw\u00fcrdige Leute, die, abgeschottet von russischen Spitzeln, ausgebildet werden konnten. Wichtigstes Ziel war die Aufstellung f\u00e4higer Sabotageeinheiten.<\/em><\/p>\n<p>Der Anschlag hatte laut den Recherchen des <em>Spiegels<\/em> den Segen von General Walerij Saluschny. Der damalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee soll derart begeistert gewesen sein, dass er mit denselben Methoden auch die Pipeline Turkstream zerst\u00f6ren wollte, die Russland durch das Schwarze Meer mit der T\u00fcrkei verbindet. Das scheiterte aber.<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Selenskyj soll anfangs nicht informiert worden sein, weil Saluschny seinem Umfeld nicht traute. Doch sp\u00e4testens drei Monate vor dem Anschlag wusste er Bescheid, da mehrere westliche Geheimdienste von den Pl\u00e4nen erfuhren und Selenskyj informierten. Das <em>Wall Street Journal <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/08\/15\/nord-a15.html\">berichtete<\/a> am 14. August 2024 sogar, Selenskyj habe den Anschlag pers\u00f6nlich genehmigt. Er habe die Genehmigung anschlie\u00dfend wieder zur\u00fcckgezogen, doch Saluschnyj habe seine Anordnung ignoriert und den Anschlag zu Ende gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Serhii K., der als erster mutma\u00dflicher Attent\u00e4ter verhaftet wurde, k\u00f6nnte Licht in die Frage nach den Hinterm\u00e4nnern und Drahtziehern des Nord Stream-Anschlags bringen. Doch daran scheint auf keiner Seite gro\u00dfes Interesse zu bestehen. Die italienischen Beh\u00f6rden z\u00f6gern K.s Auslieferung nach Deutschland hinaus. Sie wollen erst pr\u00fcfen, ob er auch an Anschl\u00e4gen auf Schiffe im Mittelmeer beteiligt war, was bis zu zwei Monate dauern kann. Und die deutsche Regierung will ihr Verh\u00e4ltnis zum Selenskyj-Regime nicht tr\u00fcben.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung von Nord Stream entlarvt auch die Kriegspropaganda der deutschen Regierung. Es geht in diesem Krieg nicht um die Verteidigung von \u201eFreiheit und Demokratie\u201c in der Ukraine, sondern um Rohstoffe, Profite, Macht und andere imperialistische Interessen. Dabei schrecken auch angebliche Partner und Verb\u00fcndete nicht vor den \u00fcbelsten, kriminellen Machenschaften zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung versucht die Verantwortung Kiews und Washingtons f\u00fcr den Anschlag zu vertuschen, weil ihr die Fortsetzung des Kriegs, die Schw\u00e4chung Russlands und der Zugang zu seinen immensen Ressourcen wichtiger ist, als seine Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/08\/22\/nord-a22.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. August 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schwarz. Knapp drei Jahre nach den Anschl\u00e4gen auf die Nord-Stream-Pipelines im September 2022 ist erstmals einer der mutma\u00dflichen Attent\u00e4ter verhaftet worden. 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