{"id":15713,"date":"2025-09-08T16:01:01","date_gmt":"2025-09-08T14:01:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15713"},"modified":"2025-09-08T16:01:03","modified_gmt":"2025-09-08T14:01:03","slug":"der-grosse-witz-gegen-venezuela-geopolitik-als-drogenbekaempfung-getarnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15713","title":{"rendered":"Der gro\u00dfe Witz gegen Venezuela: Geopolitik als Drogenbek\u00e4mpfung getarnt"},"content":{"rendered":"<p><em>Pino Arlacchi. <\/em>W\u00e4hrend meiner Amtszeit an der Spitze des UNODC, der UN-Agentur f\u00fcr Drogen und Verbrechen, war ich in Kolumbien, Bolivien, Peru und Brasilien, aber nie in Venezuela. Es war schlicht nicht n\u00f6tig.<!--more--><\/p>\n<p>Die Zusammenarbeit der venezolanischen Regierung im Kampf gegen den Drogenhandel war eine der besten in S\u00fcdamerika und nur mit der tadellosen Bilanz Kubas vergleichbar. In Trumps wahnwitziger Erz\u00e4hlung von &#8222;Venezuela als Narco-Staat&#8220; erscheint diese Tatsache jedoch wie eine geopolitisch motivierte Verleumdung.<\/p>\n<p>Aber die Daten \u2013 die wirklichen \u2013 aus dem Weltdrogenbericht 2025 der Organisation, die ich die Ehre hatte zu leiten, erz\u00e4hlen eine Geschichte, die der von der Trump-Regierung verbreiteten entgegengesetzt ist. Eine Geschichte, die die geopolitische Erfindung rund um das &#8222;Sonnenkartell&#8220;<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/276810\/venezuela-usa-geopolitik-oel-und-drogen#footnote1_dl36c95\">1<\/a>\u00a0St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck demontiert, eine ebenso fiktionale Organisation wie das Ungeheuer von Loch Ness, aber geeignet, Sanktionen, Embargos und Drohungen mit milit\u00e4rischer Intervention gegen ein Land zu rechtfertigen, das zuf\u00e4llig auf einer der gr\u00f6\u00dften \u00d6lreserven der Welt sitzt.<\/p>\n<p><strong>Venezuela laut UNODC: Ein Randland auf der Karte des Drogenhandels<\/strong><\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.unodc.org\/unodc\/data-and-analysis\/world-drug-report-2025.html\">Bericht<\/a> der UNODC vom Jahr 2025 ist v\u00f6llig eindeutig und sollte all jene besch\u00e4men, die die Rhetorik aufgebaut haben, mit der Venezuela d\u00e4monisiert wird. Der Bericht erw\u00e4hnt Venezuela kaum und stellt fest, dass nur ein marginaler Bruchteil der kolumbianischen Drogenproduktion durch das Land in Richtung USA und Europa geht. Laut UNO hat sich Venezuela als Territorium etabliert, das frei ist vom Anbau von Kokabl\u00e4ttern, Marihuana und \u00e4hnlichen Produkten sowie von der Pr\u00e4senz internationaler krimineller Kartelle.<\/p>\n<p>Das Dokument best\u00e4tigt schlicht die 30 vorhergehenden Jahresberichte, die den venezolanischen Drogenhandel auslassen, weil es ihn nicht gibt. Nur f\u00fcnf Prozent der kolumbianischen Drogen passieren Venezuela. Um diese Zahl in Perspektive zu setzen: 2018 liefen 210 Tonnen Kokain \u00fcber Venezuela, w\u00e4hrend Kolumbien 2.370 Tonnen produzierte oder vermarktete (zehnmal so viel) und Guatemala 1.400 Tonnen. Nebenbei bemerkt: In Kolumbien verf\u00fcgen die USA \u00fcber sieben Milit\u00e4rbasen, umgeben von Kokaproduzenten.<\/p>\n<p>Ja, Sie haben richtig gelesen: Guatemala ist ein Drogenkorridor, der siebenmal wichtiger ist als der angeblich furchteinfl\u00f6\u00dfende bolivarische Narco-Staat. Aber niemand spricht dar\u00fcber, weil Guatemala historisch einen &#8222;Mangel&#8220; hat \u2013 es produziert nur 0,01 Prozent der weltweiten Gesamtmenge \u2013 an der einzigen nicht nat\u00fcrlichen Droge, die Trump interessiert: Erd\u00f6l.<\/p>\n<p><strong>Das fantastische &#8222;Sonnenkartell&#8220;: eine Hollywood-Fiktion<\/strong><\/p>\n<p>Das &#8222;Sonnenkartell&#8220; ist ein Produkt von Trumps Fantasie. Angeblich wird es vom Pr\u00e4sidenten Venezuelas angef\u00fchrt, doch es taucht weder im Bericht der weltweit f\u00fchrenden Drogenbek\u00e4mpfungsagentur noch in den Unterlagen europ\u00e4ischer oder anderer internationaler Strafverfolgungsbeh\u00f6rden auf. Nicht einmal in einer Fu\u00dfnote. Ein dr\u00f6hnendes Ausbleiben, das jeden Menschen mit einem Mindestma\u00df an kritischem Denken zum Nachdenken bringen sollte. Wie kann es sein, dass im Zusammenhang mit einer angeblich so m\u00e4chtigen kriminellen Organisation eine Belohnung von 50 Millionen US-Dollar ausgesetzt ist,<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/276810\/venezuela-usa-geopolitik-oel-und-drogen#footnote2_5inn6l3\">2<\/a>\u00a0die Organisation selbst jedoch von den Fachleuten im Bereich der Drogenbek\u00e4mpfung v\u00f6llig unerw\u00e4hnt bleibt?<\/p>\n<p><strong>Ecuador: Das wahre Zentrum, das niemand sehen will<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Washington das venezolanische Schreckgespenst aufbaut, florieren die eigentlichen Zentren des Drogenhandels fast ungehindert. 57 Prozent der Bananencontainer, die aus Guayaquil nach Antwerpen verschifft werden, sind mit Kokain beladen. Die europ\u00e4ischen Beh\u00f6rden beschlagnahmten allein von einem einzigen spanischen Schiff 13 Tonnen Kokain, das aus ecuadorianischen H\u00e4fen stammte, die von Unternehmen kontrolliert werden, die unter dem Schutz von Regierungsbeamten Ecuadors stehen.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union erstellte einen detaillierten Bericht \u00fcber die H\u00e4fen von Guayaquil, in dem dokumentiert wird, wie &#8222;kolumbianische, mexikanische und albanische Mafias in Ecuador weitreichend operieren&#8220;. Die Mordrate in Ecuador schnellte von 7,8 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2020 auf 45,7 im Jahr 2023 hoch. Dennoch wird Ecuador [von den USA] nur selten erw\u00e4hnt. Vielleicht, weil Ecuador nur 0,5 Prozent der weltweiten \u00d6lproduktion ausmacht und weil seine Regierung es nicht gewohnt ist, die US-Vorherrschaft in Lateinamerika infrage zu stellen?<\/p>\n<p><strong>Die wahren Routen der Drogen: Geografie versus Propaganda<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Jahre bei der UNODC habe ich eine der wichtigsten Lektionen gelernt: Geografie l\u00fcgt nicht. Die Drogenrouten folgen einer klaren Logik: N\u00e4he zu den Produktionszentren, einfache Transportm\u00f6glichkeiten, Korruption der lokalen Beh\u00f6rden, Pr\u00e4senz etablierter krimineller Netzwerke. Venezuela erf\u00fcllt fast keines dieser Kriterien.<\/p>\n<p>Kolumbien produziert mehr als 70 Prozent des weltweiten Kokains. Auf Peru und Bolivien entf\u00e4llt der gr\u00f6\u00dfte Teil der restlichen 30 Prozent. Die naheliegenden Routen in die M\u00e4rkte der Vereinigten Staaten und Europas f\u00fchren \u00fcber den Pazifik nach Asien, \u00fcber die \u00f6stliche Karibik nach Europa und \u00fcber Land durch Mittelamerika in die Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p>Venezuela, das an den S\u00fcdatlantik grenzt, ist f\u00fcr die drei Hauptrouten geografisch im Nachteil. Die Logik der kriminellen Logistik macht Venezuela zu einem Randakteur im weiten Szenario des internationalen Drogenhandels.<\/p>\n<p><strong>Kuba: Das Vorbild, das sie besch\u00e4mt<\/strong><\/p>\n<p>Geografie l\u00fcgt nicht, doch die Politik kann sie offenbar besiegen. Kuba bleibt das Vorzeigemodell der Drogenbek\u00e4mpfungskooperation in der Karibik. Eine Insel unweit der K\u00fcste Floridas, theoretisch ein perfekter St\u00fctzpunkt f\u00fcr den Transit in die USA, die aber in der Praxis au\u00dferhalb der Reichweite des Drogenhandels bleibt. Ich habe wiederholt registriert, wie DEA-<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/276810\/venezuela-usa-geopolitik-oel-und-drogen#footnote3_u3z5b6q\">3<\/a> und FBI-Agenten die strikte Drogenpolitik der kubanischen Kommunisten bewunderten.<\/p>\n<p>Das chavistische Venezuela hat konsequent dem kubanischen Modell im Kampf gegen die Drogen gefolgt, das von Fidel Castro selbst eingef\u00fchrt wurde: internationale Kooperation, territoriale Kontrolle und Bestrafung krimineller Aktivit\u00e4ten. Weder Venezuela noch Kuba haben jemals \u00fcber gro\u00dfe Anbaufl\u00e4chen von Kokapflanzen verf\u00fcgt, die von Schwerkriminellen kontrolliert wurden.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union hat zwar keine besonderen \u00d6linteressen in Venezuela, wohl aber ein konkretes Interesse daran, den Drogenhandel zu bek\u00e4mpfen, der ihre St\u00e4dte heimsucht. Sie hat ihren Europ\u00e4ischen Drogenbericht 2025 erstellt. Das Dokument, das auf realen Daten und nicht auf geopolitischen Fiktionen basiert, erw\u00e4hnt Venezuela an keiner Stelle als Korridor des internationalen Drogenhandels.<\/p>\n<p>Das ist der Unterschied zwischen einer ehrlichen Analyse und einem falschen und beleidigenden Narrativ. Europa braucht verl\u00e4ssliche Daten, um seine B\u00fcrger vor Drogen zu sch\u00fctzen und erstellt daher pr\u00e4zise Berichte. Die USA hingegen brauchen eine Rechtfertigung f\u00fcr ihre \u00d6lpolitik und produzieren deshalb Propaganda, die als Geheimdienstinformation getarnt ist.<\/p>\n<p>Laut dem europ\u00e4ischen Bericht ist Kokain die zweith\u00e4ufigst konsumierte Droge in den 27 EU-L\u00e4ndern, doch die Hauptquellen sind eindeutig identifiziert: Kolumbien f\u00fcr die Produktion, Mittelamerika und verschiedene Routen durch Westafrika f\u00fcr die Weiterverteilung. Venezuela und Kuba tauchen in diesem Bild schlicht nicht auf.<\/p>\n<p>Venezuela wird jedoch systematisch d\u00e4monisiert, entgegen jedem Prinzip der Wahrheit. Der ehemalige FBI-Direktor James Comey lieferte in seinen Memoiren nach seinem R\u00fccktritt eine Erkl\u00e4rung und analysierte die nicht offengelegten Motive hinter der US-Politik gegen\u00fcber Venezuela: Trump habe ihm gesagt, dass die Regierung von Maduro \u201a eine Regierung auf einem Berg \u00d6l sei, &#8222;den wir kaufen m\u00fcssen&#8220;. Es geht also nicht um Drogen, Kriminalit\u00e4t oder nationale Sicherheit, sondern um \u00d6l, das besser nicht bezahlt werden sollte.<\/p>\n<p>Es ist daher Donald Trump, auf den eine internationale Fahnungspr\u00e4mie f\u00fcr ein sehr spezifisches Vergehen ausgesetzt werden sollte: systematische Verleumdungen gegen einen souver\u00e4nen Staat zum Zweck der Aneignung seiner \u00d6lressourcen.<\/p>\n<p><em>Pino Arlacchi war stellvertretender Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen und Exekutivdirektor des UNODC, des Drogen- und Verbrechensbek\u00e4mpfungsprogramms der UNO.<\/em><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/276810\/venezuela-usa-geopolitik-oel-und-drogen#footnoteref1_dl36c95\">1.<\/a> Der Begriff \u201eSonnenkartell\u201c (Cartel de los Soles) wurde in Venezuela in den neunziger Jahren verwendet, als die Justiz gegen Angeh\u00f6rige der Milit\u00e4rf\u00fchrung wegen Drogenhandels ermittelte. Hochrangige Milit\u00e4rs tragen Sonnen auf ihren Uniformen, so wie in Deutschland Sterne. A. d. \u00dc.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/276810\/venezuela-usa-geopolitik-oel-und-drogen#footnoteref2_5inn6l3\">2.<\/a> Diese Summe hat das US-Au\u00dfenministerium f\u00fcr Informationen festgesetzt, die zur Verhaftung von Pr\u00e4sident Nicol\u00e1s Maduro f\u00fchren (amerika21 <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2025\/08\/276465\/usa-gegen-maduro-kopfgeld\">berichtete<\/a>). A. d. \u00dc.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/276810\/venezuela-usa-geopolitik-oel-und-drogen#footnoteref3_u3z5b6q\">3.<\/a> Die US-Drogenbeh\u00f6rde (Drugs Enforcement Agency). A. d. \u00dc.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>#Titelbild: &#8222;Laut UNO hat sich Venezuela als Territorium etabliert, das frei ist vom Anbau von Kokabl\u00e4ttern, Marihuana und \u00e4hnlichen Produkten&#8220;. Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.juventudrebelde.cu\/internacionales\/2017-09-19\/amor-de-revolucion-contra-huracanes-y-cercos\"><em>Juventud Rebelde<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/276810\/venezuela-usa-geopolitik-oel-und-drogen\"><em>amerika21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. September 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pino Arlacchi. W\u00e4hrend meiner Amtszeit an der Spitze des UNODC, der UN-Agentur f\u00fcr Drogen und Verbrechen, war ich in Kolumbien, Bolivien, Peru und Brasilien, aber nie in Venezuela. Es war schlicht nicht n\u00f6tig.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":15714,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[115,105,18,117,47,126,22,49,46,101,17],"class_list":["post-15713","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-international","tag-bolivien","tag-ecuador","tag-imperialismus","tag-kolumbien","tag-kuba","tag-peru","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-usa","tag-venezuela","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15713","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15713"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15713\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15715,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15713\/revisions\/15715"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15714"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15713"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15713"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15713"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}