{"id":15803,"date":"2025-09-30T11:50:57","date_gmt":"2025-09-30T09:50:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15803"},"modified":"2025-09-30T11:50:58","modified_gmt":"2025-09-30T09:50:58","slug":"westliche-intervention-in-den-russischen-buergerkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15803","title":{"rendered":"Westliche Intervention in den russischen B\u00fcrgerkrieg"},"content":{"rendered":"<p><em>Jacques R. Pauwels<\/em>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640#foot_1\">1<\/a>]. <strong>Dass der Westen und seine Verb\u00fcndeten w\u00e4hrend der russischen Revolution aktiv in den B\u00fcrgerkrieg eingegriffen haben, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Wenn man sich \u00fcberhaupt noch der eigenen Aggressionen gegen Russland bewusst ist, dann denkt man an Hitler, allenfalls noch an Napoleon. Diese westliche Intervention von 1918\/1919 ist auch im Kontext<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p> <strong>des aktuellen Konflikts in der Ukraine von Interesse, und das nicht nur, weil es erneut eine \u201ehei\u00dfe\u201c Konfrontation zwischen dem Westen und Russland gibt. Es gibt Kontinuit\u00e4ten (westlicher Expansionismus, russophobe Eliten) und Br\u00fcche (das politische Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung war vor 100 Jahren offenbar weiter entwickelt als heute). Und wir erfahren, dass es in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern eine Arbeiter- und Bauernschaft gab, die die Revolution unterst\u00fctzte. Die Intervention scheiterte, aber der Westen gab seine Ziele nicht auf.<\/strong><\/p>\n<p>In ganz Europa hatte der Erste Weltkrieg bereits 1917 eine potenziell revolution\u00e4re Situation geschaffen. In den L\u00e4ndern, in denen die Regierungen weiterhin die herk\u00f6mmlichen Eliten vertraten, wie es 1914 der Fall gewesen war, wurde versucht, die Verwirklichung dieses revolution\u00e4ren Potenzials durch Repressionen und\/oder Zugest\u00e4ndnisse zu verhindern. In Russland jedoch brach die Revolution nicht nur aus, sondern sie war auch erfolgreich, und die Bolschewiki begannen mit dem Aufbau der ersten sozialistischen Gesellschaft der Welt. Es war ein Experiment, f\u00fcr das die Eliten der anderen L\u00e4nder keinerlei Sympathie empfanden; im Gegenteil, sie hofften inst\u00e4ndig, dass dieses Projekt in einem trostlosen Fiasko enden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In elit\u00e4ren Kreisen in London, Paris und anderswo war man davon \u00fcberzeugt, dass das k\u00fchne Experiment der Bolschewiki unweigerlich scheitern w\u00fcrde. Aber um sicherzugehen, beschloss man, Truppen nach Russland zu schicken, um die \u201ewei\u00dfen\u201c Konterrevolution\u00e4re gegen die bolschewistischen \u201eRoten\u201c in einem Konflikt zu unterst\u00fctzen, der sich zu einem gro\u00dfen, langen und blutigen B\u00fcrgerkrieg entwickeln sollte. Eine erste Welle alliierter Truppen traf im April 1918 in Russland ein, als britische und japanische Soldaten in Wladiwostok an Land gingen. Sie nahmen Kontakt mit den \u201eWei\u00dfen\u201c auf, die sich bereits in einem ausgewachsenen Krieg gegen die Bolschewiki befanden. Allein die Briten schickten 40.000 Mann nach Russland.<\/p>\n<p>Im selben Fr\u00fchjahr entsandte der damalige Kriegsminister Churchill ein Expeditionskorps nach Murmansk im Norden Russlands, um die Truppen des \u201ewei\u00dfen\u201c Generals Koltschak zu unterst\u00fctzen, in der Hoffnung, dass dies dazu beitragen w\u00fcrde, die bolschewistischen Machthaber durch eine den Briten wohlgesonnene Regierung zu ersetzen. Andere L\u00e4nder schickten kleinere Truppenkontingente, darunter Frankreich, die Vereinigten Staaten (15.000 Mann), Japan, Italien, Rum\u00e4nien, Serbien und Griechenland. In einigen F\u00e4llen wurden die alliierten Truppen an den russischen Grenzen in K\u00e4mpfe gegen die Deutschen und die Osmanen verwickelt, aber es war klar, dass sie nicht zu diesem Zweck gekommen waren, sondern um das bolschewistische Regime zu st\u00fcrzen und \u201edas bolschewistische Baby in seiner Wiege zu erw\u00fcrgen\u201c, wie sich Churchill \u201ediplomatisch\u201c ausdr\u00fcckte. Insbesondere die Briten hofften, einige attraktive Teile eines russischen Staates zu ergattern, der \u00e4hnlich wie das Osmanische Reich zu zerfallen drohte. Dies erkl\u00e4rt, warum eine britische Einheit von Mesopotamien bis an die K\u00fcste des Kaspischen Meeres marschierte, und zwar in die \u00f6lreichen Gebiete um Baku, die Hauptstadt des heutigen Aserbaidschan. Wie der Erste Weltkrieg selbst diente auch die Intervention der Alliierten in Russland sowohl der Bek\u00e4mpfung der Revolution als auch der Verwirklichung imperialistischer Ziele.<\/p>\n<p>In Russland hatte der Krieg nicht nur g\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr eine soziale Revolution geschaffen, sondern auch in einigen Teilen dieses riesigen Landes zu nationalen Revolutionen einer Reihe von ethnischen Minderheiten gef\u00fchrt. Solche nationalen Bewegungen waren bereits w\u00e4hrend des Krieges entstanden und geh\u00f6rten meist zur rechten, konservativen, rassistischen und antisemitischen Variante des Nationalismus. Die politische und milit\u00e4rische Elite Deutschlands erkannte in diesen Bewegungen enge ideologische Verwandte und potenzielle Verb\u00fcndete im Krieg gegen Russland. (Lenin und die Bolschewiki hingegen wurden im Krieg gegen Russland als n\u00fctzlich angesehen, aber ideologisch waren diese revolution\u00e4ren Russen Antipoden des reaktion\u00e4ren deutschen Regimes.) Die Deutschen unterst\u00fctzten die finnischen, baltischen, ukrainischen und anderen Nationalisten nicht aus ideologischer Sympathie, sondern weil sie dazu benutzt werden konnten, Russland zu schw\u00e4chen; sie taten es auch, weil sie hofften, in Ost- und Nordeuropa deutsche Satellitenstaaten aus dem Boden zu stampfen, vorzugsweise Monarchien mit einem Spross einer deutschen Adelsfamilie als \u201eSouver\u00e4n\u201c. Der Vertrag von Brest-Litowsk erwies sich als eine Gelegenheit, eine Reihe solcher Staaten zu schaffen. Vom 11. Juli bis zum 2. November 1918 konnte sich ein deutscher Adliger namens Wilhelm (II) Karl Florestan Gero Crescentius, Herzog von Urach und Graf von W\u00fcrttemberg, unter dem Namen Mindaugas II. als K\u00f6nig von Litauen feiern lassen.<\/p>\n<p>Mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 war Deutschland dazu verurteilt, in Ost- und Nordeuropa von der Bildfl\u00e4che zu verschwinden, und damit war auch der Traum von der deutschen Hegemonie in diesem Gebiet ausgetr\u00e4umt. Allerdings erlaubte Artikel 12 des Waffenstillstands den deutschen Truppen, so lange in Russland, im Baltikum und anderswo in Osteuropa zu bleiben, wie es die Alliierten f\u00fcr notwendig erachteten; mit anderen Worten, solange sie f\u00fcr den Kampf gegen die Bolschewiki n\u00fctzlich blieben, einen Kampf, den die Deutschen auch f\u00fchrten. Britische und franz\u00f6sische F\u00fchrer wie Lloyd George und Foch betrachteten das revolution\u00e4re Russland fortan als einen gef\u00e4hrlicheren Feind als Deutschland. Die nationalen Bewegungen im Baltikum, Finnland, Polen und anderswo waren nun vollst\u00e4ndig in den russischen B\u00fcrgerkrieg verwickelt, und die Alliierten traten als \u2013 auch milit\u00e4rische \u2013 Unterst\u00fctzer an die Stelle Deutschlands, solange diese Bewegungen die \u201eRoten\u201c und nicht die \u201eWei\u00dfen\u201c bek\u00e4mpften. Letzteres war durchaus h\u00e4ufiger der Fall: viele osteurop\u00e4ische L\u00e4ndereien, die fr\u00fcher zum Zarenreich geh\u00f6rten, wurden von den russischen \u201eWei\u00dfen\u201c ebenso wie von polnischen, litauischen, ukrainischen und anderen Nationalisten beansprucht.<\/p>\n<p>In allen L\u00e4ndern, die nach dem Zusammenbruch des Zarenreichs aus den Staubwolken aufstiegen, gab es im Wesentlichen zwei Gruppen von Menschen. Erstens Arbeiter, Bauern und andere Angeh\u00f6rige der unteren Klassen, die eine soziale Revolution bef\u00fcrworteten und die Bolschewiki unterst\u00fctzten. Sie waren bereit, sich mit einer Art Autonomie f\u00fcr ihre eigene ethnisch-sprachliche Minderheit innerhalb eines neuen multiethnischen und mehrsprachigen Staates zu begn\u00fcgen, welcher zwangsl\u00e4ufig von seiner russischen Komponente dominiert werden w\u00fcrde, dem Staat also, der an die Stelle des ehemaligen Zarenreichs treten und als Sowjetunion bekannt werden sollte. Zweitens die Mehrheit, aber nicht alle, der Mitglieder der alten aristokratischen und b\u00fcrgerlichen Eliten und des Kleinb\u00fcrgertums, die gegen eine soziale Revolution waren und daher die Bolschewiki verabscheuten und bek\u00e4mpften und die v\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit von dem von diesen geschaffenen Staat wollten. Ihr Nationalismus war ein typischer Nationalismus des 19. Jahrhunderts, rechts und konservativ, eng verbunden mit einer ethnischen Gruppe, einer Sprache, einer Religion und einer angeblich glorreichen, meist mythischen Vergangenheit, von der man sich eine Wiedergeburt durch eine nationale Revolution versprach. Auch in Finnland, Estland, der Ukraine und anderswo brachen B\u00fcrgerkriege zwischen \u201eWei\u00dfen\u201c und \u201eRoten\u201c aus.<\/p>\n<p>Wenn die \u201eWei\u00dfen\u201c vielfach als Sieger aus diesen Konflikten hervorgingen und entschlossen antibolschewistische und antirussische Staaten errichten konnten, dann nicht nur, weil die Bolschewiki im russischen Kernland selbst lange mit dem R\u00fccken zur Wand standen und daher kaum in der Lage waren, ihre \u201eroten\u201c Genossen im Baltikum und anderswo in der Peripherie des ehemaligen Zarenreichs zu unterst\u00fctzen, sondern auch, weil erst die Deutschen und dann die Alliierten \u2013 insbesondere die Briten \u2013 <em>manu militari <\/em>zugunsten der \u201eWei\u00dfen\u201c eingriffen. So tauchte Ende November 1918 ein Geschwader der Royal Navy unter dem Kommando von Admiral Edwyn Alexander-Sinclair (und sp\u00e4ter von Admiral Walter Cowan) in der Ostsee auf, um die estnischen und lettischen \u201eWei\u00dfen\u201c mit Waffen zu versorgen und sie im Kampf gegen ihre \u201eroten\u201c Landsleute sowie die bolschewistischen russischen Truppen zu unterst\u00fctzen. Die Briten versenkten eine Reihe von Schiffen der russischen Flotte und blockierten den Rest der Flotte in ihrem St\u00fctzpunkt, Kronstadt. In Finnland hatten deutsche Truppen bereits im Fr\u00fchjahr 1918 den dortigen \u201eWei\u00dfen\u201c zum Sieg verholfen und sie in die Lage versetzt, die Unabh\u00e4ngigkeit ihres Landes zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Es war eindeutig die Absicht der \u201epatrizischen\u201c Entscheidungstr\u00e4ger in London, Paris, Washington usw., den Sieg der \u201eWei\u00dfen\u201c auf Kosten der \u201eRoten\u201c auch im B\u00fcrgerkrieg in Russland selbst zu sichern und damit das bolschewistische Unternehmen zu beenden \u2013 ein gro\u00df angelegtes Experiment, f\u00fcr das sich zu viele Briten, Franzosen, Amerikaner und \u201ePlebejer\u201c anderer L\u00e4nder interessierten und begeisterten, was ihren \u201eHerrschaften\u201c missfiel. In einer Note an Clemenceau im Fr\u00fchjahr 1919 dr\u00fcckte Lloyd George seine Besorgnis dar\u00fcber aus, dass \u201eganz Europa vom Geist der Revolution erf\u00fcllt ist\u201c und dass \u201eunter den Arbeitern nicht nur ein tiefes Gef\u00fchl der Unzufriedenheit, sondern auch des Zorns und der Revolte gegen die Kriegsbedingungen herrscht. (\u2026) Die gesamte bestehende Ordnung in ihren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten wird von den Massen der Bev\u00f6lkerung von einem Ende Europas bis zum anderen in Frage gestellt.\u201c<\/p>\n<p>Die Intervention der Alliierten in Russland war jedoch kontraproduktiv, da die ausl\u00e4ndische Unterst\u00fctzung die konterrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte in den Augen zahlloser Russen diskreditierte, die die Bolschewiki zunehmend als die wahren russischen Patrioten ansahen und sie folglich unterst\u00fctzten. In vielerlei Hinsicht war die bolschewistische Revolution zugleich eine nationalrussische Revolution, ein Kampf um das \u00dcberleben, die Unabh\u00e4ngigkeit und die W\u00fcrde von M\u00fctterchen Russland, zun\u00e4chst gegen die Deutschen, dann gegen die alliierten Truppen, die von allen Seiten in das Land eindrangen und sich auff\u00fchrten, \u201eals w\u00e4ren sie in Zentralafrika\u201c (in diesem Punkt \u00e4hneln die Bolschewiki den Jakobinern der Franz\u00f6sischen Revolution, die gleichzeitig f\u00fcr die Revolution und f\u00fcr Frankreich gek\u00e4mpft hatten). Aus diesem Grund konnten sich die Bolschewiki auf die Unterst\u00fctzung zahlreicher b\u00fcrgerlicher und sogar aristokratischer Nationalisten st\u00fctzen, eine Unterst\u00fctzung, die wahrscheinlich ein entscheidender Faktor f\u00fcr ihren Sieg im B\u00fcrgerkrieg gegen die Kombination aus \u201eWei\u00dfen\u201c und Alliierten war. Selbst der ber\u00fchmte General Brussilow, ein Adliger, unterst\u00fctzte die \u201eRoten\u201c. \u201eDas Bewusstsein meiner Pflicht gegen\u00fcber der [russischen] Nation\u201c, erkl\u00e4rte er, \u201everanlasste mich, meinen nat\u00fcrlichen sozialen Instinkten nicht zu gehorchen.\u201c In jedem Fall waren die \u201eWei\u00dfen\u201c nichts anderes als \u201eein Mikrokosmos der herrschenden und regierenden Klassen des alten russischen Regimes \u2013 Offiziere, Landbesitzer, Kirchenm\u00e4nner \u2013 mit minimaler Unterst\u00fctzung durch das Volk\u201c, so Arno Mayer.[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640#foot_2\">2<\/a>] Au\u00dferdem waren sie korrupt, und ein gro\u00dfer Teil des Geldes, das die Alliierten ihnen schickten, verschwand in ihren Taschen.<\/p>\n<p>Wenn die Intervention der Alliierten in Russland, die manchmal als \u201eKreuzzug gegen den Bolschewismus\u201c angepriesen wurde, zum Scheitern verurteilt war, dann auch deshalb, weil sie von zahllosen Soldaten und Zivilisten in Gro\u00dfbritannien, Frankreich und anderswo im Westen entschieden abgelehnt wurde. Ihre Parole lautete \u201eH\u00e4nde weg von Russland!\u201c. Die britischen Soldaten, die nach dem Waffenstillstand vom November 1918 nicht demobilisiert worden waren und nach Russland verschifft werden sollten, protestierten und organisierten Meutereien, zum Beispiel im Januar 1919 in Dover, Calais und anderen H\u00e4fen am \u00c4rmelkanal. Im selben Monat kam es in Glasgow zu einer Reihe von Streiks, die u.a. zum Ziel hatten, die Regierung zur Aufgabe ihrer Interventionspolitik gegen\u00fcber Russland zu zwingen. Im M\u00e4rz 1919 randalierten kanadische Soldaten in einem Lager in Ryl in Wales, f\u00fcnf M\u00e4nner wurden get\u00f6tet und 23 verwundet; sp\u00e4ter kam es im selben Jahr in anderen Armeelagern zu \u00e4hnlichen Unruhen. Diese Unruhen spiegelten sicherlich die Ungeduld der Soldaten wider, entlassen zu werden und nach Hause zur\u00fcckzukehren, aber sie zeigten auch, dass allzu viele der Soldaten nicht f\u00fcr einen zeitlich unbestimmten Einsatz im fernen Russland geeignet waren.<\/p>\n<p>In Frankreich forderten unterdessen Streikende in Paris lautstark ein Ende der bewaffneten Intervention in Russland, und Truppen, die bereits in Russland waren, machten deutlich, dass sie nicht gegen die Bolschewiki k\u00e4mpfen, sondern nach Hause zur\u00fcckkehren wollten. Im Februar, M\u00e4rz und April 1919 kam es zu Meutereien und Desertionen bei den im Hafen von Odessa stationierten franz\u00f6sischen Truppen und bei den britischen Streitkr\u00e4ften im n\u00f6rdlichen Bezirk Murmansk, und einige der Briten wechselten sogar die Seiten und schlossen sich den Bolschewiken an. \u201eSoldaten, die Verdun und die Schlacht an der Marne \u00fcberlebt hatten, wollten nicht in den Ebenen Russlands k\u00e4mpfen\u201c, so die s\u00e4uerliche Bemerkung eines franz\u00f6sischen Offiziers. Im US-Kontingent griffen zahlreiche M\u00e4nner zu Selbstverst\u00fcmmelungen, um die Heimkehr zu erreichen. Die alliierten Soldaten sympathisierten immer mehr mit den russischen Revolution\u00e4ren; sie wurden immer mehr von dem Bolschewismus \u201ekontaminiert\u201c, den sie eigentlich bek\u00e4mpfen sollten. Und so kam es, dass im Fr\u00fchjahr 1919 die Franzosen, Briten, Kanadier, Amerikaner, Italiener und andere ausl\u00e4ndische Truppen unr\u00fchmlich aus Russland abgezogen werden mussten.<\/p>\n<p>Die westlichen Eliten erwiesen sich als unf\u00e4hig, die Bolschewiki durch eine bewaffnete Intervention zu besiegen. Sie \u00e4nderten daher ihren Kurs und unterst\u00fctzten die neuen Staaten, die aus den westlichen Gebieten des fr\u00fcheren Zarenreichs hervorgingen, wie etwa Polen und die baltischen L\u00e4nder, politisch und milit\u00e4risch in gro\u00dfz\u00fcgiger Weise. Diese neuen Staaten waren ausnahmslos das Ergebnis nationaler Revolutionen, die von reaktion\u00e4ren, allzu oft antisemitisch gef\u00e4rbten Spielarten des Nationalismus inspiriert waren, und sie wurden von den \u00dcberlebenden der alten Eliten beherrscht, darunter Gro\u00dfgrundbesitzer und Gener\u00e4le aristokratischer Herkunft, die \u201enationalen\u201c christlichen Kirchen und die Industriellen. Mit wenigen Ausnahmen wie der Tschechoslowakei waren sie keine Demokratien, sondern wurden von autorit\u00e4ren Regimen regiert, an deren Spitze in der Regel ein hochrangiger Milit\u00e4r adliger Herkunft stand, wie beispielsweise Horthy in Ungarn, Mannerheim in Finnland und Pilsudski in Polen. Der unverbl\u00fcmte Antibolschewismus dieser neuen Staaten wurde nur noch von ihrer antirussischen Gesinnung \u00fcbertroffen. Allerdings gelang es den Bolschewiki, einige Gebiete an der Peripherie des ehemaligen Zarenreichs zur\u00fcckzuerobern, zum Beispiel die Ukraine.<\/p>\n<p>Das Ergebnis dieser verwirrenden Gemengelage von Konflikten war eine Art Unentschieden: Die Bolschewiki triumphierten in Russland und bis in die westliche Ukraine, aber antibolschewistische, antirussische Nationalisten mit gro\u00dfen und gegens\u00e4tzlichen territorialen Ambitionen setzten sich in Gebieten weiter westlich und n\u00f6rdlich durch, insbesondere in Polen, den baltischen Staaten und Finnland. Es war ein Arrangement, das niemanden zufriedenstellte, aber letztlich von allen akzeptiert wurde \u2013 wenn auch eindeutig nur f\u00fcr begrenzte Zeit. So wurde mit Hilfe der Westm\u00e4chte ein Cordon sanitaire aus einer Reihe von feindlichen Staaten um das revolution\u00e4re Russland errichtet, in der Hoffnung, damit \u201eden Bolschewismus auf Russland zu begrenzen\u201c, wie Margaret MacMillan schrieb. Das war vorerst alles, was der Westen tun konnte, aber der Ehrgeiz, dem revolution\u00e4ren Experiment in Russland fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ein Ende zu setzen, blieb in London, Paris und Washington sehr lebendig. Lange Zeit hofften die westlichen F\u00fchrer, dass die russische Revolution von selbst zusammenbrechen w\u00fcrde, was jedoch nicht geschah. Sp\u00e4ter, in den 1930er-Jahren, hofften sie, dass Nazi-Deutschland die Aufgabe \u00fcbernehmen w\u00fcrde, die Revolution in ihrem Schlupfwinkel, der Sowjetunion, zu zerst\u00f6ren; deshalb lie\u00dfen sie zu, dass Hitler Deutschland remilitarisierte, und sie ermutigten ihn dazu durch ihre ber\u00fcchtigte \u201eBeschwichtigungspolitik\u201c.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel ist im englischen Original <\/em><a href=\"https:\/\/www.counterpunch.org\/2018\/12\/10\/foreign-interventions-in-revolutionary-russia\/\"><em>auf Counterpunch erschienen<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Titelbild: Admiral Alexander Koltschak (sitzend) und der britische General Alfred Knox (hinter Koltschak) beobachten eine Milit\u00e4r\u00fcbung, 1919, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5978917\">Public Domain<\/a><\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640#note_1\">\u00ab1<\/a>] Jacques R. Pauwels ist ein belgischer Historiker, der eine Reihe von B\u00fcchern vor allem zum Ersten und Zweiten Weltkrieg ver\u00f6ffentlicht hat. Hierzu z\u00e4hlt u.a. die Trilogie \u201eThe Great Class War\u201c (Der gro\u00dfe Klassenkrieg, \u00fcber den 1. Weltkrieg), \u201eBig Business and Hitler\u201c \u2013 Die Gro\u00dfkonzerne und Hitler \u2013 sowie \u201eThe Myth of the Good War\u201c \u2013 Der Mythos vom guten Krieg (Letzteres in deutscher \u00dcbersetzung erh\u00e4ltlich beim Verlag PapyRossa).<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640#note_2\">\u00ab2<\/a>] Mayer ist ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arno_J._Mayer\">US-Historiker luxemburgischer Herkunft<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30 September 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jacques R. Pauwels[1]. Dass der Westen und seine Verb\u00fcndeten w\u00e4hrend der russischen Revolution aktiv in den B\u00fcrgerkrieg eingegriffen haben, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. 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