{"id":1582,"date":"2016-10-24T10:18:41","date_gmt":"2016-10-24T08:18:41","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1582"},"modified":"2018-09-05T16:15:20","modified_gmt":"2018-09-05T14:15:20","slug":"ungarn-reaktion-feiert-revolution-von-1956","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1582","title":{"rendered":"Ungarn: Reaktion feiert Revolution von 1956"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erinnerung im Dienst der Gegenwart. Wie in Viktor Orb<\/strong><strong>\u00e1<\/strong><strong>ns Ungarn 60 Jahre nach dem Aufstand von 1956 gedacht wird. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Das aktuelle Gedenken an den Aufstand von 1956 ignoriert nicht nur dessen reformsozialistischen Ausgangspunkt, schon gar nicht kommt dessen revolution\u00e4rer Gehalt mit den Arbeiterr\u00e4ten zur Sprache. Gerechtfertigt wird jedoch der \u00adantikommunistische Furor, der sich nach dem 23. Oktober auf den Stra\u00dfen entlud im Bem\u00fchen, der Jugend den <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>allt<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>glichen Nationalismus<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong> beibringen, um von der sozialen Lage im Land abzulenken. <\/strong><\/p>\n<p><em>Matthias Istv<\/em><em>\u00e1<\/em><em>n K<\/em><em>\u00f6<\/em><em>hler<\/em>. Ungarn feiert in diesem Jahr das 60.\u00a0Jubil\u00e4um des Aufstands von 1956. Das Land, das mit un\u00fcbersehbarem Erfolg bei den \u00bbilliberalen Demokratien\u00ab der Welt in die Lehre gegangen ist, erinnert sich eines Ereignisses, das als Aufbegehren gegen Diktatur, ja als Ausdruck verzweifelter Freiheitsliebe eines kleinen Volks gilt und in b\u00fcrgerlichen Geschichtsb\u00fcchern als Menetekel f\u00fcr den \u00f6stlichen Despotismus beschrieben wird. \u00bbDie Revolution von 1956 hat gezeigt, dass die Diktatur in Ungarn keine Wurzeln hat und eine ungeheure Kraft im Zusammenhalt steckt. Auch wenn der Freiheitskampf nicht erfolgreich war, unsere Freiheit hat ihren Ursprung in diesem Ereignis\u00ab, meint Zolt\u00e1n Balog, der ungarische Minister f\u00fcr Humanressourcen. Wie aber sieht konkret die Erinnerung im gegenw\u00e4rtigen Ungarn aus? Wie hat sie sich \u00fcber die Jahre ver\u00e4ndert? Hat sie jenseits des staatsoffiziellen Gedenkens f\u00fcr die Menschen \u00fcberhaupt noch irgendeine Bedeutung?<\/p>\n<p>Nein, hatte der ungarische Philosoph und politische Publizist G\u00e1sp\u00e1r Mikl\u00f3s Tam\u00e1s vor einigen Jahren provokativ behauptet. 1956 sei Geschichte, vorbei. Diejenigen, die sich im gegenw\u00e4rtigen Ungarn auf das gescheiterte Aufbegehren positiv beziehen, spielen laut Tam\u00e1s ein falsches Spiel. Der urspr\u00fcnglich auch sozialrevolution\u00e4re Charakter des Aufstands, u. a. die Schaffung von Arbeiterr\u00e4ten und die Beibehaltung und Erweiterung des kollektiven Eigentums, w\u00fcrden von ihnen verschwiegen, heruntergespielt, ja gar nicht erst verstanden. Damalige Vorstellungen zur L\u00f6sung der ganz offensichtlichen Krise Anfang der 50er Jahre gingen weit \u00fcber die heute als Nonplusultra geltende westliche repr\u00e4sentative Demokratie hinaus. Wie der Historiker und diesj\u00e4hrige Isaac-und-Tamara-Deutscher-Preistr\u00e4ger Tam\u00e1s Krausz schreibt, war nicht diese der Ausgangspunkt f\u00fcr die Diskus\u00adsionen in den spontan sich bildenden Arbeiterr\u00e4ten oder an den Universit\u00e4ten. Es war vielmehr das Beispiel der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung und die Idee eines demokratischen, pluralistischen Sozialismus, der nicht erst im Parlament, sondern schon am Arbeitsplatz, in den Betrieben beginnen und in dem Kultur und Bildung frei zug\u00e4nglich und Wohnungen erschwinglich sein sollten. Nationale Unabh\u00e4ngigkeit und ein Mehrparteiensystem sollten Garant f\u00fcr den Ausbau sozialer Gerechtigkeit werden, als deren Hindernis die streng an der Sowjetunion orientierte Partei der Ungarischen Werkt\u00e4tigen und die Anwesenheit der Roten Armee wahrgenommen wurde.<\/p>\n<p>Bekanntlich wurden die Oktober-Ereignisse in der Zeit unter J\u00e1nos K\u00e1d\u00e1r, dem Generalsekret\u00e4r der nach der Niederschlagung des Aufstands im Dezember 1956 gegr\u00fcndeten Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei, unter den Schlagw\u00f6rtern \u00bbwei\u00dfer Terror\u00ab und \u00bbKonterrevolution\u00ab erinnert. Ein Schleier des Schweigen breitete sich aus \u00fcber die tats\u00e4chlichen Motive und Geschehnisse sowie \u00fcber die Repressionen, mit denen der Versuch einer umfassenden Ver\u00e4nderung der ungarischen Verh\u00e4ltnisse vergolten wurde.<\/p>\n<p>In den 90ern wurde Ungarn von einer nostalgischen Sehnsucht nach besseren Zeiten ergriffen. Eine Sammlung von Liedern der Arbeiterbewegung unter dem Titel \u00bbBest of Communism\u00ab st\u00fcrmte die Hitparaden, die Kulturindustrie wurde auf das Thema aufmerksam. So enstand etwa die \u00e4u\u00dferst erfolgreiche Satire auf die Sekurit\u00e4t der K\u00e1d\u00e1r-Zeit \u00bbCsinibaba\u00ab (am ehesten zu \u00fcbersetzen mit \u00bbSchnuckelchen\u00ab). Am Anfang des Films sitzt der B\u00fcrgermeister eines kleinen St\u00e4dtchens am fr\u00fchen Morgen w\u00e4hrend seiner Rasur im spie\u00dfb\u00fcrgerlichen Morgenrock am Mikrofon, um \u00fcber die an den Stra\u00dfen angebrachten Lautsprecher mit sozialistischem Tatendrang die Nachrichten zu verlesen. Bei den Lottozahlen angelangt, bricht in das biedermeierliche Idyll das Unerh\u00f6rte ein: \u00bb56, die letzte Lottozahl ist 56!\u00ab. Der B\u00fcrgermeister legt seine Hand auf das Mikrofon, schaut zum Himmel, fragt: \u00bbWie kann das sein? Wer hat das zugelassen? Unm\u00f6glich!\u00ab Er greift sich an den Kopf und k\u00fcndigt dann mit dem selbstbewussten Ton des beh\u00fctenden, f\u00fcrsorglichen Vaters an: \u00bbDie letzte Zahl, liebe Genossinnen und Genossen, teilt morgen die Parteizeitung mit.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Reanimation und Transformation<\/strong><\/p>\n<p>In den 80ern machte die sogenannte demokratische Opposition die Aufarbeitung der Geschehnisse von 1956 und die Schaffung eines historisch fundierten, der offiziellen Parteilinie entgegengesetzten Geschichtsnarrativs zu einem ihrer zentralen Anliegen. Hervorgegangen war sie aus dem Scheitern der reformkommunistischen Bewegung. Sie verstand sich als Erbin derer, die 1956 f\u00fcr Rechtsstaat und Mehrparteiensystem eintraten, avancierte zur intellektuellen, sp\u00e4ter auch politisch ma\u00dfgeblichen Kraft im Transforma\u00adtionsprozess und bildet sowohl historisch als auch personell das Fundament des gegenw\u00e4rtigen politischen Liberalismus in Ungarn. Wichtige Pers\u00f6nlichkeiten dieses neuen Liberalismus wie J\u00e1nos Kis und Bence Gy\u00f6rgy waren in den 70ern noch mit dem Label \u00bbLuk\u00e1cs\u2019 Kindergarten\u00ab belegt worden. Ihre Lehrer waren die im Westen prominente \u00c1gnes Heller und vor allem der k\u00fcrzlich verstorbene Gy\u00f6rgy M\u00e1rkus. Sie waren Teil einer intellektuellen Bewegung, deren Ziel es war, die von Gy\u00f6rgy Luk\u00e1cs 1956 vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen verk\u00fcndete \u00bbRenaissance des Marxismus\u00ab voranzutreiben, den sie dem als verengte Legitimationsideologie wahrgenommen Marxismus-Leninismus entgegenhalten wollten.<\/p>\n<p>Die in den 80er Jahren im Selbstverlag ver\u00f6ffentlichten Untersuchungen, Listen der Hingerichteten und Interviews mit Zeitzeugen sollten das lange Schweigen aufbrechen und dienten auch dem Ziel, den 1958 hingerichteten Ministerpr\u00e4sidenten Imre Nagy und die anderen Reformkommunisten zu rehabilitieren. Am 16.\u00a0Juni 1989, dem Tag der Umbettung der sterblichen \u00dcberreste von Imre Nagy, der von seinen Henkern mit dem Gesicht nach unten begraben worden war, wurde die Schaffung eines 56er-Institutes angek\u00fcndigt, einen Tag sp\u00e4ter nahm das bis dahin im Untergrund arbeitende Netzwerk seine Arbeit auf. In den 90er Jahren entwickelten sich zahlreiche Kooperationen mit internationalen Partnern, und das 56er-Institut z\u00e4hlte zu den renommiertesten Forschungseinrichtungen Ungarns. Inhaltlich folgten die dort Arbeitenden der westlich-b\u00fcrgerliche Emanzipationserz\u00e4hlung, derzufolge der Aufstand von 1956 vor allem ein Kampf um die Schaffung neuer politischer Institutionen, eine \u00d6ffnung hin zum Westen und eine Abl\u00f6sung der stalinistischen Funktion\u00e4re und der von diesen geschaffenen Strukturen war. Die Erhebung wurde nach dieser Auffassung zu einem Ereignis, das 1989 in der Anpassung an westlich-demokratische und rechtsstaatliche Strukturen und der Integration der ungarischen \u00d6konomie in den kapitalistischen Weltmarkt seinen Abschluss fand.<\/p>\n<p><strong>Mythos 1956<\/strong><\/p>\n<p>Mit der schwindenden Hoffnung, in wenigen Jahren den Lebensstandard \u00d6sterreichs oder sogar der Schweiz zu erreichen, verlor der Mythos von 1989 an Glaubw\u00fcrdigkeit. Und damit nahm die Bedeutung von 1956 nach und nach zu. Im Gegensatz zu den Ereignissen von 1989, die, wie der deutsche Philosoph J\u00fcrgen Habermas damals leicht verwundert notierte, \u00bbden fast vollst\u00e4ndigen Mangel an innovativen, zukunftsweisenden Ideen\u00ab aufwiesen und die den von vielen Ungarn heute als gescheitert wahrgenommenen Systemwechsel einl\u00e4uteten, lie\u00dfen sich mit dem Mythos 1956 kein beginnender Zerfall des Schul- und Gesundheitssystems, der sozialen Absicherungssysteme, keine Kriminalit\u00e4t, keine Korruption und auch keine Massenarbeitslosigkeit verbinden. 1956 markierte im Bewusstsein vieler Menschen jenen Augenblick, als Ungarn welthistorische Bedeutung erlangte und der \u00bbHungarian Freedom Fighter\u00ab vom <em>Time Magazine<\/em> zur Person des Jahres gew\u00e4hlt wurde. Als ein herausragendes Ereignis des Kalten Krieges wurde der Aufstand von 1956 in den Dienst der Reintegration in das kapitalistische Weltsystem gestellt. Motive gesellschaftlicher Solidarit\u00e4t mussten den Anforderungen des globalen Wettbewerbs angepasst werden und im Sinne eines Standortnationalismus zur ewigen Forderung nach dem Opfer f\u00fcr das zuk\u00fcnftige Wohl des Volksganzen umgewandelt werden. Schon J\u00f3zsef Antall, erster ungarischer Ministerpr\u00e4sident nach 1989, hatte bei der 56er-Gedenkfeier 1990 verk\u00fcndet: \u00bbjede Nation braucht eine Mythologie, 1956 soll der ungarische Mythos werden\u00ab.<\/p>\n<p>Der Widerspruch, im beginnenden Zeitalter der \u00bbpostsozialistischen\u00ab \u00c4ra und der R\u00fcckkehr in das b\u00fcrgerliche Europa eine \u00bbreformkommunistische Revolution\u00ab zum Dreh- und Angelpunkt der nationalen Erinnerungskultur zu machen, f\u00fchrte zur inhaltlichen Entwertung der sozialen Forderungen des Aufstand und einer Konzentration auf formaldemokratische Aspekte. Dies hatte jedoch zur Folge, dass 1956 ausschlie\u00dflich unter antikommunistischen Vorzeichen betrachtet wurde. Damit verschob sich aber auch die Wahrnehmung des eigenen Beitrags. W\u00e4hrend jene, die sich noch auf das Erbe der Reformkommunisten beriefen, eine aktive Rolle in der Gestaltung der damaligen Ereignisse f\u00fcr sich beanspruchen konnten, gerieten nun die Opfer und das Leiden in der Zeit danach in den Fokus. Das Gef\u00fchl, nicht Herr im eigenen Haus zu sein, korrelierte dabei nicht zuf\u00e4llig mit der Erfahrung des sogenannten Transformationsprozesses. Damit gewann ein Nationalnarrativ an Bedeutung, das Ungarn zum Spielball der Weltm\u00e4chte und ewigem Opfer der Geschichte stilisierte. Heute ist diese Erz\u00e4hlung die Grundlage f\u00fcr die Pr\u00e4ambel des am 1. Januar 2012 in Kraft getretenen neuen Grundgesetzes.<\/p>\n<p><strong>Tavares statt Towarischtsch <\/strong><\/p>\n<p>Das Verst\u00e4ndnis des Aufstands von 1956 ist also unaufl\u00f6sbar mit dem Verlauf des Systemwechsels und folglich mit der Notwendigkeit verbunden, das Ausbleiben der Wende hin zum Besseren nach 1989 zu erkl\u00e4ren. Da es undenkbar schien, das kapitalistische System gesellschaftlicher Reproduktion als solches f\u00fcr die Misere verantwortlich zu machen, wurde schon fr\u00fch das Problem eines unabgeschlossenen Systemwechsels und also Fortlebens vermeintlich sozialistischer Elemente sowohl in den staatlichen Strukturen als auch im Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung behauptet. Explizit wurde diese Perspektive beim Blick auf die Kontinuit\u00e4t der sogannten Eliten. Die Streichung der linken Gegner der damaligen Regierung aus dem Register der Aufst\u00e4ndischen von 1956 traf nun auch jene, die das reformkommunistische, demokratische Erbe in einen Liberalismus transformiert und in die neue Republik getragen hatten. Sie wurden nicht nur mit dem alten Staatssozialismus identifiziert, gegen den sie ja opponiert hatten, sondern als \u00bbf\u00fcnfte Kolonne\u00ab diskreditiert, die illegitimerweise die ungarischen Geschicke lenke. Ironischerweise fiel gerade das 56er-Institut, das sich bis heute der historischen Aufarbeitung der ungarischen Geschichte nach 1945 im Sinne eines westlichen, antitotalit\u00e4ren Narrativs verpflichtet f\u00fchlt, der ersten Regierung unter Viktor Orb\u00e1n zum Opfer. 1999 wurde das Institut der Sz\u00e9ch\u00e9nyi Nationalbibliothek angeschlossen, und die Mittel wurden drastisch gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Am 23. Oktober 2013 brachte Orb\u00e1n die neue Art der Erinnerungspolitik auf den Punkt. Wegen der Untersuchung des EU-Parlaments \u00fcber die Lage der Grundrechte in Ungarn unter Federf\u00fchrung des Portugiesen Rui Tavares stand er innen- als auch au\u00dfenpolitisch stark unter Druck. In seiner Rede zum Gedenken an den Aufstand machte er seine H\u00f6rerschaft darauf aufmerksam, dass der ungarische Freiheitskampf nicht nur Helden, sondern auch Verr\u00e4ter kenne und gekannt habe: \u00bbihren Sowjetmantel haben sie gegen feines Tuch getauscht, den Towarischtsch (Genossen) gegen Tavares\u00ab.<\/p>\n<p>Weniger poetisch klingt das bei der Jugend\u00adorganisation der faschistischen Partei Jobbik. Auf deren Webseite hei\u00dft es zu 1956: \u00bbDem ungarischen Volk waren volksunterdr\u00fcckende Machtmechanismen immer fremd. Wenn wir auf unsere Geschichte zur\u00fcckblicken, sehen wir, dass die wirklich dunklen und unmenschlichen Systeme unserer Heimat immer durch ausl\u00e4ndische M\u00e4chte aufgezwungen wurden. So war es in der Zeit der deutschen Besatzung als auch w\u00e4hrend der sowjetisch-kommunistischen Diktatur.\u00ab Eigens wird darauf aufmerksam gemacht, dass M\u00e1ty\u00e1s R\u00e1kosi eigentlich Rosenfeld und Luk\u00e1cs eigentlich L\u00f6winger mit Nachnamen gehei\u00dfen habe. Die Botschaft ist klar: Sie waren keine Ungarn, sondern Juden. Die Verbindung in die Gegenwart wird folgenderma\u00dfen hergestellt: \u00bbNach dem halbherzig vollzogenen Systemwechsel leben die Verbrecher der Diktatur immer noch unter uns. Die politischen Nachfahren der kommunistischen Erben sind zu \u203aeurop\u00e4ischer\u2039 scheinenden Formen \u00fcbergegangen, begehen aber wie ihre Vorfahren Tag f\u00fcr Tag Landesverrat. Fr\u00fcher rannten sie nach Moskau, um Schutz und milit\u00e4rische Hilfe gegen ihre Heimat zu erbitten, jetzt gehen sie nach Br\u00fcssel, um ihr Vaterland anzuschw\u00e4rzen. Geschichte wiederholt sich.\u00ab<\/p>\n<p>In seiner Rede am 23. Oktober des vergangenen Jahres folgte auch G\u00e1bor Vona, der Vorsitzende von Jobbik und seines Zeichens Historiker, konsequent dieser \u00bbLogik\u00ab und proklamierte das Erbe der Revolution f\u00fcr seine Partei, denn die jungen Aufst\u00e4ndischen h\u00e4tten damals ihre Kraft aus dem Patriotismus der Horthy-Zeit sch\u00f6pfen k\u00f6nnen. Es ist Teil der Ironie der Geschichte, dass die neofaschistische und rechtskonservative Interpretation damit indirekt das offizielle Narrativ des \u00bbwei\u00dfen Terrors\u00ab der K\u00e1d\u00e1r-Zeit \u00fcbernimmt. Mit Blick auf die Fl\u00fcchtlinge an den Grenzen Europas f\u00fcgte Vona noch hinzu, dass die Jugend auch gegenw\u00e4rtig wieder etwas von diesem frischen und vitalen Patriotismus vertragen k\u00f6nne, damit sie an Geist und K\u00f6rper gesunde. Denn mit \u00bbb\u00e4rtigen Frauen\u00ab wie Conchita Wurst lasse sich Europa nicht verteidigen.<\/p>\n<p><strong>\u00bb<\/strong><strong>Fancy, sexy, trendy<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Um die Jugend drehen sich auch die Feierlichkeiten zum diesj\u00e4hrigeen 60. Jubil\u00e4um des Aufstands. Die Regierungskommissarin f\u00fcr das Gedenkjahr, M\u00e1ria Schmidt, erkl\u00e4rte der Presse, es sei ihre Aufgabe, die geschichtliche Vorbildrolle von 1956 herauszustellen. Hierbei sei besonders wichtig, den richtigen Ton zu finden, damit auch die jungen Menschen den Heroismus der Aufst\u00e4ndischen nacherleben k\u00f6nnten. Mit einem Augenzwinkern f\u00fcgte sie hinzu, Ministerpr\u00e4sident Viktor Orb\u00e1n erwarte von der Kommission, dass die Feierlichkeiten \u00bbfancy, sexy und trendy\u00ab werden sollen. In einer Rede vor der geistigen rechten Elite Ungarns hatte Orb\u00e1n mit diesen Worten den Stil skizziert, in dem der Jugend der \u00bballt\u00e4gliche Nationalismus\u00ab beigebracht werden solle. Dies sei Teil der intellektuell zu bew\u00e4ltigenden Aufgaben nach dem, wie er es nannte, \u00bbZeitalter des liberalen Blabla\u00ab.<\/p>\n<p>Was das in bezug auf die \u00f6ffentliche Erinnerung an 1956 bedeutet, wurde im Laufe der letzten Monate deutlich. W\u00e4hrend es f\u00fcr die Alten die \u00fcblichen Buchpublikationen, Konferenzen und Gedenksteine gibt, wurde im zentralen 8. Bezirk von Budapest ein Erinnerungspark er\u00f6ffnet, der an die \u00bbPesti sr\u00e1cok\u00ab, die Pester Burschen erinnert, \u00bbjene Helden, die mit ihren nackten H\u00e4nden gegen sowjetische Panzer k\u00e4mpften\u00ab: Es ist eine Installation mit Fahrzeugen und Waffen sowie Barrikaden aus Kopfsteinpflaster. Dazu gibt es Konzerte, Filmvorf\u00fchrungen und eine \u00bbRetrok\u00fcche\u00ab, die f\u00fcr den interessierten Besucher authentische Speisen der Zeit bereith\u00e4lt. Auch auf den gro\u00dfen Festivals des Landes, die jedes Jahr von Hunderttausenden aus ganz Europa besucht werden, konnten junge Menschen, \u00bbdie 1956er Revolution neu erleben\u00ab. Neben Ausstellungen und einer \u00bbBudapest \u201956\u00ab-Bar, die ins Innere eines zeitgen\u00f6ssischen Flugzeugs gebaut worden war, lud der \u00bbTurm der Freiheit\u00ab zum Verweilen ein, \u00bbeine einzigartige und gigantische Installation, die Ruheort, Lounge und Ausstellungsraum in einem ist\u00ab. Abgerundet wird das alles mit einer ganz besonderen Kostprobe des Geschmacks der Revolution: dem \u00bbBudapest \u201956\u00ab-Cocktail, der u.\u2009a. aus Sekt und ungarischem Obstbrand besteht. Den H\u00f6hepunkt bildet jedoch das Lied \u00bbF\u00fcr ein freies Land\u00ab, das jenen Augenblick ausdr\u00fccken soll, \u00bbals die ungarische Nation einheitlich f\u00fcr ihre Freiheit einstand\u00ab, wie die Regierungskomissarin Schmidt erkl\u00e4rte. Komponiert wurde es von dem amerikanischen Produzenten Desmond Child, der, wie st\u00e4ndig betont wird, nicht nur ungarische Wurzeln besitzt, sondern auch mit Musikgr\u00f6\u00dfen wie Bon Jovi, Aerosmith, Alice Cooper und Shakira zusammengearbeitet hat. Die Interpreten des Liedes sind u.\u2009a. bekannt aus der ungarischen Superstar-Castingshow. Der eigens von Viktor Orb\u00e1n w\u00e4hrend einer USA-Reise engagierte Produzent hat sich mit seinem Song allerdings nicht allzu viel M\u00fche gegeben; Mitte August stellte sich heraus, dass Desmond Child lediglich einen alten Song aus dem Jahr 2007 recycelt hat. Und auch mit dem gemeinsamen Singen, das laut Schmidt das Gemeinschaftsgef\u00fchl f\u00f6rdert, ist es so eine Sache. Zu Beginn des Refrains hei\u00dft es: \u00bbUngarn, h\u00f6r unsere Worte\u00ab. Als das Lied der Presse vorgestellt wurde, verstanden die meisten Journalisten aber einen im Ungarischen ganz \u00e4hnlich klingenden Satz: \u00bbUngarn stinkt nach Fisch.\u00ab<\/p>\n<p><strong>\u00bb<\/strong><strong>Es gilt zu danken!<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Der Druck der ungarischen Zivilgesellschaft hat in den letzte Jahren sukzessive zugenommen. Die Situation ist extrem angespannt. Die Erinnerung an die Ereignisse von 1956 steht heute im Dienste einer Fraktion des ungarischen B\u00fcrgertums, das gegen den Verlust seiner wirtschaftlichen und politischen Macht k\u00e4mpft. Es w\u00e4re aber vollkommen falsch, in all dem, wie die liberalen Kritiker in Ungarn, Deutschland und der EU, von der <em>New York Times<\/em> \u00fcber den <em>Guardian<\/em> bis hin zu <em>Foreign Affairs<\/em>, nun eine Abkehr Ungarns von Europa oder der sogenannten freien Welt zu vermuten. Ganz im Gegenteil: Das autorit\u00e4re Ungarn hat das westliche Narrativ, das den Aufstand von 1956 als einen ersten Sieg im Kalten Krieg feiert und darin blo\u00df den Kampf gegen kommunistische Diktatur und nationale Unterdr\u00fcckung sieht, vollkommen verinnerlicht. Das Bild von einer \u00bbRevolution\u00ab ist das heute g\u00fcltige. Gemessen an damals bisweilen formulierten Vorstellungen von Demokratie muss aber nicht nur Orb\u00e1ns illiberales Ungarn, sondern auch der liberalste Westen f\u00fcr zu leicht befunden werden. Auf tragikomische Weise wird die nur vermeintlich untergrabene Autorit\u00e4t des Westens in dem Videoclip zu \u00bbF\u00fcr ein freies Land\u00ab von Desmond Child deutlich, dem erfolgreichen Amerikaner ungarischer Herkunft, der hinter seinem Mischpult dirigierend all die um ihn rotierenden, singenden und lachenden ungarischen \u00bbSuperstars\u00ab professionell zusammenh\u00e4lt und allen immer wieder mit Nicken und Daumen hoch zu verstehen geben muss, dass ihre Leistung wirklich Weltklasse ist.<\/p>\n<p>Die ins Unertr\u00e4gliche gesteigerte Trivialisierung und Konzentration auf eine jugendgerechte und zugleich bombastische Form der Darstellung machen den neoliberal disziplinierten Subjekten die \u00bbRevolution\u00ab als hollywoodw\u00fcrdiges Gro\u00df\u00adevent konsumierbar. Im Gegensatz zu wahrhaften, um konkrete soziale Inhalte k\u00e4mpfenden Revolution\u00e4ren werden die sympathisch l\u00e4chelnden \u00bbPester Burschen\u00ab mit ihren \u00bbganz allt\u00e4glichen Sorgen und Tr\u00e4umen\u00ab dem der st\u00e4ndigen Selbstoptimierung unterworfenen Ich als Projektionsfl\u00e4che angeboten. In einer Zeit \u00e4u\u00dferster sozialer Spannungen und politischer Instabilit\u00e4t, nicht nur in Ungarn, sondern weltweit, suggerieren sie im Gegensatz zu 1956 einen Zustand von Frieden und erf\u00fcllter Harmonie. Nat\u00fcrlich, \u00bbjeder Tag ruft dich in einen neuen Kampf, zwischen vielen Feuern zerrieben pumpt ringend dein Herz\u00ab, singen die Superstars, aber was ist das schon im Vergleich zu damals? Da gilt die Emp\u00f6rung \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse in Ungarn als Frevel am heroischen Kampf der \u201956er, als Verrat an der Freiheit, f\u00fcr die sie gefochten haben. Wenn die Burschen damals mit dem Russen vor der T\u00fcr fertig geworden sind, dann wird die Jugend heute doch wohl mit dem Hamsterrad des turbokapitalistischen globalen Wettbewerbs klarkommen. Schlappmachen ist nicht, \u00bbes gilt zu danken\u00ab, singen die Superstars, und der Amerikaner ungarischer Herkunft gibt \u00bbHigh-five\u00ab.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/10-24\/053.php%20vom%2024\"><em>Junge Welt&#8230;<\/em><\/a>. Oktober 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerung im Dienst der Gegenwart. 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