{"id":15820,"date":"2025-10-05T12:02:18","date_gmt":"2025-10-05T10:02:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15820"},"modified":"2025-10-05T12:02:20","modified_gmt":"2025-10-05T10:02:20","slug":"venezuela-versperrt-den-usa-das-tor-zum-hinterhof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15820","title":{"rendered":"Venezuela versperrt den USA das Tor zum Hinterhof"},"content":{"rendered":"<p><em>Marta Andujo. <\/em><strong>Mit Raketen, von Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen abgefeuert, versenkt die US-Regierung kleine Boote in der Karibik und damit zugleich alle potenziellen Beweismittel und Zeugen f\u00fcr angebliche Drogentransporte in Richtung USA. Der Exzess in den Mitteln und der Tod von Fischern und mutma\u00dflichen Drogentransporteuren sind dabei nur Mittel zum Zweck<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p> <strong>der Vorbereitung von Milit\u00e4roperationen gegen das souver\u00e4ne Venezuela und die Bolivarische Revolution.<\/strong><\/p>\n<p>Der lateinamerikanische Fernsehsender <em>TeleSUR (Televisi\u00f3n del Sur)<\/em> nahm im Juli 2005 seinen Betrieb auf unter dem Motto \u201eNuestro norte es el sur\u201c. Das <em>norte<\/em> ist ein Wortspiel, da damit sowohl Norden, der n\u00f6rdliche Nachbar USA als auch \u201eLeitstern\u201c gemeint ist: Unser Norden\/Leitstern ist der S\u00fcden.<\/p>\n<p>Der Globale S\u00fcden will in den Weltnachrichten nicht l\u00e4nger \u00fcber die Interpretationen und Erz\u00e4hlungen des Nordens und der US-Medienkonzerne gespiegelt werden, sondern berichtete fortan aus der eigenen Perspektive. <em>TeleSUR<\/em> hat seinen Hauptsitz in Caracas, der damalige venezolanische Pr\u00e4sident Hugo Ch\u00e1vez geh\u00f6rte zu den wichtigsten Initiatoren des Medienprojektes.<\/p>\n<p>Der Norden, der sich selbst geopolitisch-ideologisch als der Westen benennt, besteht im Wesentlichen aus den fr\u00fcheren europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chten, den europ\u00e4ischen Auswanderern nach Nordamerika, die mit ihrem Siedlerkolonialismus die indigene Bev\u00f6lkerung des Halbkontinents dezimierten, deren Lebensgrundlagen zerst\u00f6rte und sie in Reservate zwang. Die indigene Bev\u00f6lkerung unterlag der Feuerkraft und der gespaltenen Zunge der Europ\u00e4er. Mit Japan z\u00e4hlt sich die ehemalige gro\u00dfe, asiatische Kolonialmacht zum kollektiven Westen.<\/p>\n<p>Es lohnt, sich an diese nicht allzu lange zur\u00fcckliegende Vorgeschichte zu erinnern, weil sie in der Vorliebe des Westens weiterlebt, sich mit der Weltgemeinschaft gleichzusetzen und den Schl\u00fcssel f\u00fcr das Klubhaus exklusiv in den H\u00e4nden zu halten. Es sind die Pl\u00fcnderer und Sklavenhalter von gestern, die sich der Emanzipation und Entwicklung der V\u00f6lker entgegenstellen.<\/p>\n<p>Die Militarisierung des Drucks der USA auf Venezuela, die aktuell durch die Weltnachrichten geht, ist der j\u00fcngste Schritt, der durch die Executive Order des fr\u00fcheren US-Pr\u00e4sidenten Barack Obama aus dem Jahr 2015 vorgezeichnet worden ist. Demnach stellt Venezuela f\u00fcr die USA \u2013 mit ihren weltweit etwa 800 Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten und einem Milit\u00e4rhaushalt, der eine H\u00f6he hat wie die der zehn n\u00e4chstfolgenden gr\u00f6\u00dften L\u00e4nder zusammen genommen, eine \u201eungew\u00f6hnliche und au\u00dferordentliche Bedrohung f\u00fcr die nationale Sicherheit und die Au\u00dfenpolitik der USA\u201c dar.<\/p>\n<p>Die Missbilligung der US-Regierung gilt dem regierenden Chavismus in Venezuela, der seit der ersten Pr\u00e4sidentschaft des 2013 gestorbenen Hugo Ch\u00e1vez nun unter Pr\u00e4sident Nicol\u00e1s Maduro eine Perspektive f\u00fcr das karibische Land umsetzt, den gewaltigen Reichtum an \u00d6l und anderen nat\u00fcrlichen Ressourcen einzusetzen, um den Lebensstandard der breiten Massen anzuheben. Souver\u00e4ne Entwicklung anstelle von untergeordneter Rohstofflieferant f\u00fcr die privilegierten Metropolen. Es ist ein entschlossener Bruch mit dem alten, neokolonialen Entwicklungsmodell und dem Neoliberalismus.<\/p>\n<p>Ein Meilenstein geht auf den November 2005 zur\u00fcck, als die USA beim Amerika-Gipfel im argentinischen Mar del Plata eine politische Niederlage von historischem Ausma\u00df einstecken mussten: Ihr Projekt einer \u201eGesamtamerikanischen Freihandelszone\u201c von Alaska bis Feuerland unter US-Vorherrschaft <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gmCr-M4HS3g\">scheiterte<\/a> an der entschiedenen Opposition f\u00fcnf s\u00fcdamerikanischer L\u00e4nder: Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Venezuela.<\/p>\n<p>Ch\u00e1vez ist das bedeutendste Beispiel in Lateinamerika f\u00fcr eine konsequente Auseinandersetzung mit dem Milit\u00e4rputsch in Chile von 1973, der die Volksfrontregierung von Salvador Allende beendete. In unz\u00e4hligen \u00f6ffentlichen Reden suchte er nach den Lehren aus dieser Katastrophe. Der Putsch von 1973 pr\u00e4gte im \u00dcbrigen nicht nur die lateinamerikanische, sondern auch mehr als eine Generation der europ\u00e4ischen Linken.<\/p>\n<p>Es geht dabei um das Demokratiemodell, dessen europ\u00e4ische, repr\u00e4sentative Variante sich in Chile als fadenscheinig erwies. Die Rolle der USA und der europ\u00e4ischen Eliten bei dem Putsch begr\u00fcndete eine weltweite Grundsatzdiskussion.<\/p>\n<p>Der Chavismus nahm sich von Anfang an des Problems an, dass eine gewonnene Wahl unter den Bedingungen der kapitalistischen \u00d6konomie nicht bedeutet, dass die Regierung, die von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung gew\u00e4hlt wurde, auch die politische Macht gewonnen hat. Die Eigent\u00fcmer der riesigen Privatverm\u00f6gen, das leitende Personal der staatlichen Institutionen und die B\u00fcrokratie sind dieselben geblieben und in der Lage, politische und zugunsten der breiten Massen aufgesetzte soziale Programme, F\u00f6rderungen und politischen Umbau zu sabotieren.<\/p>\n<p>Schon die erste Regierung von Ch\u00e1vez startete eine Reihe von sogenannten <em>Misiones<\/em>, die den Weg von beschlossenen sozialen Programmen radikal abk\u00fcrzte und die B\u00fcrokratie umging \u2013 von Gesundheits- und Bildungsprogrammen bis hin zum sozialen Wohnungsbau. Die Kulturpolitik des Chavismus \u00f6ffnete Einrichtungen wie Theater, Kinos und Museen, aber auch Erholungsparks f\u00fcr die breiten Massen. Im ganzen Land begann der Aufbau von Milizen.<\/p>\n<p>Der rote Faden in allen Ma\u00dfnahmen der Bolivarischen Revolution war und ist es, das Muster des passiven und konsumierenden Wahlb\u00fcrgers zu \u00fcberwinden und die Bev\u00f6lkerung in allen Belangen des Landes zu mobilisieren und zu aktivieren: das Modell einer partizipativen Demokratie, in der die Bev\u00f6lkerung Protagonist der gesellschaftlichen Entwicklung wird. Die Wiederaneignung der eigenen Geschichte der Befreiung st\u00e4rkt dabei die Souver\u00e4nit\u00e4t des Prozesses: mit Sim\u00f3n Bol\u00edvar, Sim\u00f3n Rodr\u00edguez, Guaicaipuro, Ezequiel Zamora und vielen anderen geschichtlichen Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n<p>Die Milizen passen nicht nur in diese Perspektive, sondern erf\u00fcllten auch eine zentrale Aufgabe bei der Umgestaltung des Milit\u00e4rs. Der Chavismus hat so einen Faktor aufgebaut, der dem traditionellen Milit\u00e4r des Landes signalisiert: Wenn dieses den Weg zu einer Armee des Volkes und einer Einheit mit der zivilen Bev\u00f6lkerung nicht mitgeht, hat das Programm der gesellschaftlichen Umgestaltung eine Alternative bewaffneter Macht.<\/p>\n<p>Dieser Prozess hat sich so erfolgreich entwickelt, dass wiederholte Versuche der alten Eliten des Landes und der USA, das venezolanische Milit\u00e4r als Putschinstrument gegen die chavistischen Regierungen einzusetzen, scheiterten.<\/p>\n<p>Nach Ansicht von Ch\u00e1vez diente die chilenische Erfahrung dazu, \u201edie zivil-milit\u00e4rische Fusion, eine der gr\u00f6\u00dften St\u00e4rken der Bolivarischen Revolution\u201c, zu verteidigen. Er kritisierte die Rolle des Milit\u00e4rs in Chile beim Staatsstreich von 1973, um damit den Kontrast zu verdeutlichen, dass in Venezuela die Streitkr\u00e4fte ein \u201ewesentlicher Akteur\u201d der Bolivarischen Revolution hin zum Sozialismus sind.<\/p>\n<p>Bisher haben der Ch\u00e1vismus und die Selbstorganisierung einer aktiven Bev\u00f6lkerung die R\u00fcckkehr der Mumien an die Macht verhindern k\u00f6nnen. Westliche Heldenlegenden \u00fcber Oppositionspolitiker in Venezuela generieren im Land selbst keine Basis. Figuren wie Leopoldo L\u00f3pez (Kind einer der elit\u00e4rsten venezolanischen Familien und Z\u00f6gling an Eliteinternaten in den USA) und Mar\u00eda Corina Machado (die die Selbsternennung von Petro Carmona beim Putschversuch 2002 mitunterzeichnete) sind Prototypen der venezolanischen Rechten mit US-Hintergrund. Beide sowie Machados Posterkandidat zu den letzten Pr\u00e4sidentschaftswahlen, Edmundo Gonz\u00e1lez, der im spanischen Exil lebt, haben den US-Aufmarsch vor Venezuelas K\u00fcste hoffnungsvoll begr\u00fc\u00dft (<a href=\"https:\/\/www.martinoticias.com\/a\/opositor-pide-intervenci\u00f3n-militar-en-venezuela-y-dice-que-el-c\u00e1rtel-de-los-soles-es-el-estado-mismo-\/425370.html\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.diariolasamericas.com\/america-latina\/lideres-opositores-venezuela-apoyan-despliegue-eeuu-el-caribe-n5382864\">hier<\/a>). Von Ch\u00e1vez sind mehrfach Sto\u00dfgebete \u00fcberliefert, wie sehr er eine Opposition im Land begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde, der etwas an der heimischen Entwicklung liegt.<\/p>\n<p>Ch\u00e1vez und sein langj\u00e4hriger Au\u00dfenminister Nicol\u00e1s Maduro vertraten zudem seit Anfang der 2000er-Jahre den Aufbau einer multipolaren Weltordnung und begannen, strategische Allianzen mit L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens aufzubauen.<\/p>\n<p>Die politischen Muster des Westens stammen aus einer Zeit, als Konkurrenz und Verdr\u00e4ngung noch Raum hatten und Profit versprachen. Heute ist die Endlichkeit des gemeinsamen Planeten in den Mittelpunkt der politischen Diskussion ger\u00fcckt, und das Angebot der Verfechter einer multipolaren Weltordnung, zum gemeinsamen Nutzen zu kooperieren, k\u00f6nnte das erfolgreichere Modell werden.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung um Venezuela ist nicht nur der Kampf gegen beispiellose einseitige Zwangsma\u00dfnahmen wirtschaftlicher und finanzpolitischer Art durch die USA und aktuell gegen deren milit\u00e4rischen Aufmarsch in der Karibik. Sanktionen und der Raub venezolanischer Verm\u00f6gen und Goldreserven im Ausland haben zeitweise eine Hyperinflation und die R\u00fcckkehr scharfen Mangels im Land ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Es ist auch eine gro\u00dfe ideologische Schlacht vor dem Hintergrund des Anspruchs des Westens auf prinzipielle \u00dcberlegenheit trotz seiner Degenerierung in Kriegstreiberei und Entdemokratisierung.<\/p>\n<p>Der spanische Journalist Ignacio Ramonet <a href=\"https:\/\/www.resumenlatinoamericano.org\/2025\/09\/06\/pensamiento-critico-venezuela-sigue-siendo-el-gran-laboratorio-politico-de-nuestra-epoca-entrevista-a-ignacio-ramonet\/\">fasst es so zusammen<\/a>:<\/p>\n<p><em>\u201eVenezuela ist nach wie vor das gro\u00dfe politische Laboratorium unserer Zeit. Dort wird etwas versucht, was das globale System nicht toleriert: partizipative Demokratie, nationale Souver\u00e4nit\u00e4t und soziale Umverteilung unter einem sozialistischen Horizont werden zusammengebracht. Deshalb h\u00f6ren die Aggressionen nicht auf: Blockaden, Sanktionen, wirtschaftliche Erstickung, Delegitimierungskampagnen. Aber dort entstehen auch die kreativsten Formen des Widerstands der Bev\u00f6lkerung: die Kommunen(*), die Selbstverwaltung, die Idee der Macht von unten.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bisher haben die Aggressoren gegen die Emanzipation des Globalen S\u00fcdens ideologisch in ihren eigenen Gesellschaften leichtes Spiel. Der Konsumb\u00fcrger in der Tradition und als Profiteur des Kolonialismus, auch in seiner linken Variante, weigert sich, zu verstehen, dass die K\u00e4mpfe, die in diesem Fall Venezuela f\u00fchrt, v\u00f6llig eigenst\u00e4ndige, sch\u00f6pferische Prozesse darstellen. Sie haben gute Gr\u00fcnde, die westlichen Rezepte der Konkurrenz, Repr\u00e4sentanz und der doppelten Standards nicht nachzuahmen.<\/p>\n<p>(*) Die Kommunen (comunas) in Venezuela sind Zusammenschl\u00fcsse mehrerer Kommunaler R\u00e4te (Consejos Comunales) auf lokaler Ebene. Sie sind Strukturen der Selbstverwaltung in den Gemeinden, die zur Planung und Haushaltsgestaltung in lokalpolitischen Angelegenheiten berechtigt sind. Auch sollen sie die Verwaltung und Nutzung der Produktionsmittel vor Ort f\u00f6rdern. Die Kommunen sollen die Grundlage f\u00fcr den Kommunalen Staat bilden. Ziel ist die Selbstregierung des Volkes und die \u00dcberwindung des b\u00fcrgerlichen Staates. Ch\u00e1vez bezeichnete die Kommunen als \u201eKeimzelle f\u00fcr den Aufbau des Sozialismus\u201c.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139948\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. Oktober 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marta Andujo. Mit Raketen, von Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen abgefeuert, versenkt die US-Regierung kleine Boote in der Karibik und damit zugleich alle potenziellen Beweismittel und Zeugen f\u00fcr angebliche Drogentransporte in Richtung USA. 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