{"id":15851,"date":"2025-10-15T11:50:11","date_gmt":"2025-10-15T09:50:11","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15851"},"modified":"2025-10-15T11:50:13","modified_gmt":"2025-10-15T09:50:13","slug":"warum-deutschland-und-die-eu-in-den-krieg-investieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15851","title":{"rendered":"Warum Deutschland und die EU in den Krieg investieren"},"content":{"rendered":"<p>Michael Hollister. <strong>W\u00e4hrend die deutsche Industrie kollabiert und Hunderttausende Arbeitspl\u00e4tze verloren gehen, boomt ein Sektor wie nie zuvor: die R\u00fcstungsindustrie.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Rheinmetall baut Munitionsfabriken, die EU weitet R\u00fcstungskredite aus, NATO-Man\u00f6ver simulieren Gro\u00dfkonflikte in Osteuropa. Was auf den ersten Blick wie Verteidigungspolitik aussieht, k\u00f6nnte in Wahrheit die Antwort auf ein viel tieferes Problem sein: das Ende des Wachstums.<\/p>\n<p>Deutschland befindet sich inmitten einer tiefgreifenden Deindustrialisierung. Energieintensive Industriezweige wie Chemie, Maschinenbau und Automobilproduktion verlieren rasant an Wettbewerbsf\u00e4higkeit. BASF verlagert Standorte nach China, mittelst\u00e4ndische Betriebe melden in Rekordzahl Insolvenz an (Bericht: BASF baut China-Standort massiv aus \u2013 Handelsblatt, M\u00e4rz 2024). Laut Statistischem Bundesamt verzeichnete Deutschland 2024 die h\u00f6chste Zahl an Unternehmenspleiten seit \u00fcber einem Jahrzehnt (Quelle: Statistisches Bundesamt, Unternehmensinsolvenzen 2024). Die einstige St\u00e4rke der deutschen Industrie \u2013 g\u00fcnstige Energie aus Russland und Weltmarktprodukte aus einer Hand \u2013 bricht unter den Lasten der Energiepolitik und Globalisierungsumkehr zusammen.<\/p>\n<p>Parallel verliert Deutschland seine Vorreiterrolle im Automobilsektor. Chinesische Hersteller dominieren europ\u00e4ische Elektroautom\u00e4rkte mit Produkten, die g\u00fcnstiger, leistungsf\u00e4higer und technisch fortgeschrittener sind als viele deutsche Modelle (Tagesschau, 2024: \u201aBYD \u00fcberholt VW in Europa bei E-Autos\u2018). Die Automobilindustrie, jahrzehntelang R\u00fcckgrat der deutschen Wirtschaft, ger\u00e4t ins Wanken.<\/p>\n<p>Wenn Deutschland als wirtschaftlicher Motor der EU ausf\u00e4llt, entsteht ein Dominoeffekt. Italien ist \u00fcberschuldet, Frankreich wachstumsschwach, Gro\u00dfbritannien ausgetreten \u2013 Deutschland bleibt der tragende Pfeiler. F\u00e4llt dieser, droht struktureller Kollaps. Und in diesem Vakuum erscheint Kriegswirtschaft pl\u00f6tzlich als verbleibender Wachstumspfad.<\/p>\n<p><strong>Kriegswirtschaft als Wachstumsmotor<\/strong><\/p>\n<p>\u00d6konomisch betrachtet wirkt diese Entwicklung irrational \u2013 auf den ersten Blick. In Wahrheit folgt sie einer bekannten Logik: Wenn klassische Konjunkturmotoren versagen, \u00fcbernimmt der Staat. Und wenn auch dessen M\u00f6glichkeiten ersch\u00f6pft sind, bleibt ein Bereich, in dem sich enorme Summen umleiten und rechtfertigen lassen: die Kriegswirtschaft.<\/p>\n<p>Was viele vergessen: Auch Aufr\u00fcstung schafft Arbeitspl\u00e4tze, Auftr\u00e4ge, scheinbares Wachstum. Industriebetriebe wie Rheinmetall oder MBDA expandieren massiv und erhalten langfristige Milliardenzusagen. <em>(Handelsblatt, \u201eRheinmetall er\u00f6ffnet neue Werke\u201c, April 2024)<\/em><\/p>\n<p><em>(MBDA Pressemitteilung, neue Standorte 2024)<\/em> Allein Deutschland stockt seinen Verteidigungshaushalt auf 2 Prozent des BIP auf \u2013 ein historischer Sprung (FAZ, M\u00e4rz 2024: \u201eLindner best\u00e4tigt: Deutschland erreicht 2-Prozent-Ziel der NATO\u201c) . Analysten prognostizieren, dass europ\u00e4ische R\u00fcstungsunternehmen ihre Ums\u00e4tze mit europ\u00e4ischen Kunden j\u00e4hrlich um zehn bis elf Prozent steigern k\u00f6nnten (PwC Defense Outlook 2024 \/ SIPRI Report 2023-2024). Das bedeutet: Wenn Investitionen jetzt flie\u00dfen, entsteht ein Multiplikatoreffekt \u2013 Auftrag f\u00fchrt zu Produktion, Produktion zu Export, Export zu Reinvestition.<\/p>\n<p>Die Dimensionen sind beachtlich:<\/p>\n<p>Deutschland verf\u00fcgt 2024 \u00fcber ein Verteidigungsmarktvolumen von etwa 52 Milliarden Euro, mit einem gro\u00dfen Exportanteil \u2013 einige Quellen sprechen von drei Vierteln, die ins Ausland gehen (BMVg \/ SIPRI \/ Tagesspiegel Hintergrund Sicherheitspolitik). Damit z\u00e4hlt Deutschland zu den f\u00fchrenden Nationen Europas im Verteidigungsbereich.<\/p>\n<p>Rund 1.350 mittelgro\u00dfe Unternehmen sind laut Strategic Studies Institute in der deutschen Verteidigungsindustrie aktiv, oft als Zulieferer f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Systeme. Viele dieser Firmen waren fr\u00fcher rein zivil orientiert, werden aber jetzt systematisch in R\u00fcstungs-Lieferketten eingebunden.<\/p>\n<p>Neue Produktionskapazit\u00e4ten entstehen: In Deutschland wird aktuell eine neue Munitionsfabrik bei Unterl\u00fc\u00df gebaut, unter Beteiligung von Rheinmetall, um j\u00e4hrlich rund 200.000 Artilleriegeschosse herzustellen. Das sind keine kleinen Schritte \u2013 das sind langfristig ausgelegte Gro\u00dfprojekte mit Kapazit\u00e4ten, die nur in einem anhaltenden Konfliktmodus sinnvoll erscheinen.<\/p>\n<p>Die politische F\u00f6rderung ist massiv: Der deutsche \u201eZeitenwende\u201c-Effekt spielt eine zentrale Rolle. Verteidigung wird nicht mehr als Randbereich betrachtet, sondern als Teil der Wirtschafts- und Wachstumsstrategie. Das Atlantic Council spricht bereits vom Umbau der deutschen \u00d6konomie hin zu einer R\u00fcstungs\u00f6konomie. Die EU-Banken haben begonnen, Mittel f\u00fcr R\u00fcstungsindustrien bereitzustellen \u2013 die Europ\u00e4ische Investitionsbank hat ihr Verteidigungsfinanzierungsprogramm von 1 auf 3 Milliarden Euro ausgeweitet.<\/p>\n<p>Konsolidierungen und Fusionen zeigen das Muster: Gro\u00dfe Akteure wie KNDS, eine Fusion von KMW in Deutschland und Nexter in Frankreich, schaffen strategische Allianzen, um gr\u00f6\u00dfere Skalen, integrierte Systeme und Marktmacht zu erzeugen. Unternehmen wie Hensoldt als Sensorik- und Elektronik-Spezialist zeigen, wie Teilsegmente der R\u00fcstungsindustrie boomartig wachsen.<\/p>\n<p>Rheinmetall als Vorreiter strebt laut Wall Street Journal bis 2027 an, seinen Umsatz deutlich zu steigern \u2013 mit ausgeweiteten Exporten und neuen Segmenten. Die Fokussierung liegt nicht mehr allein auf Deutschland, sondern auf einem europ\u00e4ischen und globalen Markt.<\/p>\n<p><strong>Die Waffen m\u00fcssen auch verwendet werden<\/strong><\/p>\n<p>Doch Kriegswirtschaft funktioniert nur dann nachhaltig, wenn ihre Produkte Abnehmer finden. Munition veraltet, Systeme m\u00fcssen getestet, Ersatzteile nachproduziert werden. Das System ist auf kontinuierliche Nachfrage angewiesen \u2013 und diese entsteht nicht prim\u00e4r auf dem Truppen\u00fcbungsplatz.<\/p>\n<p>So entsteht eine problematische Logik: Wer Kriegswirtschaft zur wirtschaftlichen Stabilisierung nutzt, schafft Strukturen, die auf Konfliktnachfrage ausgerichtet sind \u2013 bewusst oder billigend in Kauf genommen. Der Krieg in der Ukraine ist dabei kein isoliertes Ereignis, sondern bereits Teil dieses \u00dcbergangs: vom wirtschaftlichen Systemversagen zur milit\u00e4risch gest\u00fctzten Wachstumsideologie. Wer Waffen liefert, statt zu verhandeln, trifft eine Entscheidung \u2013 wirtschaftlich wie moralisch.<\/p>\n<p><strong>Vorbereitung auf Eskalation<\/strong><\/p>\n<p>Eine milit\u00e4rische Konfrontation der Europ\u00e4ischen Union mit Russland \u2013 offen, konventionell und direkt \u2013 ist kein abstraktes Planspiel mehr, sondern entwickelt sich in konkreten Schritten. Die Vorbereitung l\u00e4uft seit 2022, doch mittlerweile befindet sich Europa in der Realisierungsphase.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Union verf\u00fcgt derzeit \u00fcber rund 1,3 bis 1,5 Millionen aktive Soldaten, verteilt auf die Armeen der Mitgliedsstaaten. In einem realistischen Aufr\u00fcstungszeitraum von 1,5 bis 2 Jahren k\u00f6nnte diese Zahl auf etwa 1,7 bis 1,9 Millionen erh\u00f6ht werden. Zus\u00e4tzlich k\u00f6nnten weitere 500.000 bis 1 Million Reservisten verf\u00fcgbar gemacht werden. Eine strategisch einsetzbare Eingreiftruppe von 200.000 bis 300.000 Soldaten w\u00e4re damit realistisch formierbar (Bruegel \u2013 Defending Europe without the US).<\/p>\n<p>Russland selbst verf\u00fcgt \u00fcber rund 1,3 Millionen aktive Soldaten und etwa 2 Millionen Reservisten (Global Firepower \u2013 2025 Russia Military Strengt). Hinzu kommt eine \u00fcberlegene Nachschublogistik auf eigenem Territorium sowie eine hohe Resilienz durch historisch gewachsene strategische Tiefe. Eine milit\u00e4rische Besiegung Russlands im klassischen Sinne \u2013 etwa durch Eroberung \u2013 gilt als illusorisch.<\/p>\n<p>Das strategische Ziel eines m\u00f6glichen EU-konventionellen Milit\u00e4reinsatzes gegen Russland liegt daher nicht in der Unterwerfung oder Eroberung russischen Territoriums. Vielmehr geht es um die langfristige Bindung russischer Kr\u00e4fte in einem ressourcenintensiven, konventionellen Konflikt. Eine solche dauerhafte Frontbindung w\u00fcrde Russland zwingen, seine milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten auf Europa zu konzentrieren \u2013 und somit eine m\u00f6gliche strategische Unterst\u00fctzung Chinas im Pazifik verhindern oder zumindest stark einschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Die EU w\u00fcrde im Rahmen dieses Szenarios nicht versuchen, tief ins russische Territorium vorzusto\u00dfen. Viel wahrscheinlicher sind begrenzte Operationen, Grenzkonflikte und Stellvertreterkriege an strategisch relevanten Punkten. Der Zweck wird nicht Sieg, sondern Verz\u00f6gerung sein. Nicht Eroberung, sondern Ablenkung.<\/p>\n<p>Konkrete Entwicklungen zeigen die Dynamik:<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische R\u00fcstungsproduktion wurde massiv hochgefahren. Gro\u00dfauftr\u00e4ge an Rheinmetall, KNDS, MBDA oder BAE Systems laufen mit Auslieferzielen ab 2025\/2026. Neue Munitions- und Panzerfabriken gehen in Betrieb. Ohne diese Kapazit\u00e4ten ist kein Langzeitkrieg f\u00fchrbar.<\/p>\n<p>Truppenstruktur, Ausbildung und Mobilmachung nehmen Form an. In Deutschland w\u00e4chst das Territorialkommando, in Polen werden Divisionen aufgebaut, Schweden und Finnland integrieren sich milit\u00e4risch in NATO-Strukturen. Reservestrukturen werden aktiviert und Fronteins\u00e4tze ge\u00fcbt.<\/p>\n<p>Gemeinsame NATO-Man\u00f6ver wie Defender Europe dienen der realen Vorbereitung auf gro\u00dfangelegte Gefechte im Baltikum und Osteuropa \u2013 mit Zeithorizont 2025\/2026. Interoperabilit\u00e4t, Logistik und F\u00fchrungssysteme werden bereits abgestimmt.<\/p>\n<p>Medial und gesellschaftlich wird die Bev\u00f6lkerung auf eine Konfrontation vorbereitet. Feindbilder gegen Russland werden gezielt gesch\u00e4rft: Desinformation, Cyberangriffe, Sabotagevorw\u00fcrfe. Der Eindruck einer zunehmenden Bedrohung soll Zustimmung f\u00fcr sp\u00e4tere Kriegsschritte erzeugen.<\/p>\n<p>Die entscheidende Erkenntnis lautet: Europa bereitet sich nicht mehr nur auf Verteidigung vor, sondern baut aktiv die F\u00e4higkeiten auf, um selbst strategisch milit\u00e4risch zu handeln. Und dieser Aufbau folgt einem erkennbaren Zeitplan.<\/p>\n<p><strong>Geopolitik im Hintergrund: Der gro\u00dfe Plan<\/strong><\/p>\n<p>Diese Entwicklung ist nicht rein europ\u00e4isch. Der gr\u00f6\u00dfere strategische Rahmen liegt in Washington. Die USA sehen sich laut RAND Corporation und Berichten des US-Milit\u00e4rs seit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas in einer geopolitischen Zwickm\u00fchle: Ohne Ma\u00dfnahmen droht der Verlust ihrer globalen Hegemonie.<\/p>\n<p>Ein direkter Konflikt mit China erscheint aus US-Perspektive mittelfristig unvermeidlich. Doch ein starker B\u00fcndnispartner wie Russland k\u00f6nnte diesen Plan massiv gef\u00e4hrden. Eine milit\u00e4risch gebundene, geschw\u00e4chte russische Armee hingegen w\u00fcrde China verwundbar machen \u2013 strategisch wie milit\u00e4risch.<\/p>\n<p>Die Ukraine dient so nicht nur als Frontlinie gegen Russland, sondern auch als geopolitisches Ablenkungsfeld. Europa r\u00fcstet auf, um Russland zu besch\u00e4ftigen \u2013 und erm\u00f6glicht damit der USA ein freieres Handlungsfeld gegen\u00fcber China.<\/p>\n<p>Wenn laut RAND-Analyse China in einem m\u00f6glichen Konflikt mit den USA auf strategische R\u00fcckendeckung durch Partner wie Russland setzt, dann ergibt sich f\u00fcr die USA ein klares strategisches Ziel: diese R\u00fcckendeckung zu verhindern oder zumindest stark einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Auch wenn RAND selbst nicht explizit formuliert, dass Russland milit\u00e4risch gebunden werden m\u00fcsse, um China zu schw\u00e4chen, liegt diese Schlussfolgerung faktisch auf dem Tisch. In der Studie \u201eFuture Scenarios for Sino-Russian Military Cooperation\u201c (2023) wird ausgef\u00fchrt, dass eine engere milit\u00e4rische Partnerschaft zwischen Russland und China grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich sei, jedoch durch strukturelle und geopolitische Hindernisse erschwert werde. Diese Partnerschaft wird von RAND klar als strategisch relevant f\u00fcr die USA eingestuft.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend beschreibt die Analyse \u201eChina\u2019s Lessons from the Russia-Ukraine War\u201c (2023), wie China den Ukrainekrieg genau beobachtet, um daraus R\u00fcckschl\u00fcsse f\u00fcr m\u00f6gliche k\u00fcnftige Konflikte mit den USA zu ziehen. Darin betonen die Autoren, dass China mit einem langwierigen Konflikt rechne und strategische R\u00fcckendeckung durch Partner wie Russland in solchen Szenarien einplane.<\/p>\n<p>F\u00fcr die europ\u00e4ische Sicherheitsarchitektur und insbesondere die Rolle Deutschlands ergibt sich daraus ein brisanter Befund: Wenn Europa die milit\u00e4rische Konfrontation mit Russland nicht nur aus Eigeninteresse betreibt, sondern Teil eines globalstrategischen Rahmens ist, in dem Russland gebunden werden soll, um China isolierbar zu machen \u2013 dann ist der Ukrainekrieg nicht nur ein regionaler Konflikt, sondern ein geopolitisches Mittel zum Zweck.<\/p>\n<p><strong>Systemischer Wachstumszwang: Das verdr\u00e4ngte Dilemma<\/strong><\/p>\n<p>Das eigentliche Grundproblem bleibt dabei tabu: Das westliche Wirtschaftssystem basiert auf permanentem Wachstum. Ohne Expansion kollabiert es \u2013 Schulden, Rentenversprechen, Sozialsysteme lassen sich ohne Wachstum nicht halten. Die gesamte Architektur des Systems \u2013 Kreditvergabe, Kapitalm\u00e4rkte, Staatsfinanzen \u2013 ist auf kontinuierliche Expansion ausgelegt. Doch dieses Wachstum st\u00f6\u00dft an fundamentale Grenzen: Ressourcen sind endlich, M\u00e4rkte ges\u00e4ttigt, demografische Entwicklungen ung\u00fcnstig.<\/p>\n<p>Wenn klassische Wachstumsmotoren versagen \u2013 Produktivit\u00e4tssteigerung, technologische Innovation, Markterschlie\u00dfung \u2013 bleibt dem System nur eine historisch erprobte L\u00f6sung: die gro\u00dfe Zerst\u00f6rung, gefolgt vom gro\u00dfen Wiederaufbau.<\/p>\n<p>Die historischen Zyklen sprechen eine klare Sprache: Nach dem Ersten Weltkrieg lag Europa in Tr\u00fcmmern. Der Wiederaufbau der 1920er Jahre schuf kurzfristig Wachstum, doch die strukturellen Probleme \u2013 Schulden, Reparationen, wirtschaftliche Ungleichgewichte \u2013 blieben ungel\u00f6st. Die Weltwirtschaftskrise folgte zwangsl\u00e4ufig. Die Antwort darauf war erneut Aufr\u00fcstung, gefolgt vom Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Nach 1945 dann das gleiche Muster in Reinform: Europas St\u00e4dte, Infrastruktur und Industrie waren weitgehend zerst\u00f6rt. Genau diese Zerst\u00f6rung erm\u00f6glichte das \u201eWirtschaftswunder\u201c \u2013 jahrzehntelanges Wachstum durch Wiederaufbau. Neue Fabriken, neue Wohnungen, neue Infrastruktur. Der Marshallplan finanzierte die Rekonstruktion, die Nachfrage war unbegrenzt, die Arbeitskraft verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>Heute stehen wir vor dem gleichen systemischen Dilemma: Die Wachstumsquellen sind ersch\u00f6pft. Deutschland deindustrialisiert, Europa stagniert, die Schuldenberge sind historisch hoch. Negative Realzinsen, aufgebl\u00e4hte Immobilienm\u00e4rkte, unfinanzierbare Sozialsysteme \u2013 das System steht unter massivem Druck.<\/p>\n<p>Und genau in dieser Situation wird massiv aufger\u00fcstet. Ist das Zufall? Oder folgt diese Entwicklung einer systemischen Logik, die schon zweimal im 20. Jahrhundert funktioniert hat?<\/p>\n<p>Die verst\u00f6rende Hypothese lautet: Ein gro\u00dfer, Europa zerst\u00f6render Krieg mit Russland k\u00f6nnte aus Sicht der Systemlogik nicht das Problem sein \u2013 sondern die L\u00f6sung. Die Zerst\u00f6rung w\u00fcrde Wachstumspotential f\u00fcr Jahrzehnte freisetzen. Wiederaufbau der Infrastruktur, Neubau von St\u00e4dten, Modernisierung der Industrie \u2013 finanziert durch internationale Kredite und Wiederaufbauprogramme.<\/p>\n<p>Diese Logik ist zynisch, menschenverachtend \u2013 aber sie ist nicht neu. Sie ist die historisch dokumentierte Funktionsweise eines Systems, das auf permanentes Wachstum angewiesen ist und dabei an seine Grenzen st\u00f6\u00dft. Wenn das System nicht reformiert werden kann oder soll, bleibt nur der Reset durch Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Die Aufr\u00fcstung Europas ist in diesem Kontext keine Vorbereitung auf Verteidigung, sondern m\u00f6glicherweise die Vorbereitung auf den n\u00e4chsten Zyklus: Krieg \u2013 Zerst\u00f6rung \u2013 Wiederaufbau \u2013 Wachstum. Dass dieser Krieg Millionen Menschenleben kosten w\u00fcrde, scheint in dieser Kalkulation keine Rolle zu spielen.<\/p>\n<p><strong>Wer profitiert?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage bleibt: Cui bono? Wer verdient an dieser Entwicklung? Finanzkonzerne wie BlackRock oder Vanguard sind nicht nur Investoren in die R\u00fcstungsindustrie \u2013 sie kontrollieren bedeutende Anteile an Konzernen wie Boeing, Lockheed Martin, Northrop Grumman sowie in Europa an Rheinmetall, Airbus Defence und Leonardo.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig war Friedrich Merz, heute Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, ehemaliger Aufsichtsratschef von BlackRock Deutschland. Diese direkte Verbindung zwischen Regierung, Finanzindustrie und R\u00fcstungswirtschaft ist \u00f6ffentlich dokumentiert \u2013 und wird dennoch selten thematisiert. Die Verflechtungen zwischen Politik, Finanzwirtschaft und R\u00fcstungsindustrie sind nicht Gegenstand breiter \u00f6ffentlicher Debatte, obwohl sie f\u00fcr strategische Entscheidungen von Bedeutung sind.<\/p>\n<p><strong>Deutschland als Zahler, nicht als Gestalter<\/strong><\/p>\n<p>Was bleibt von deutscher Souver\u00e4nit\u00e4t in diesem Spiel? Sehr wenig. Die BRD zahlt, liefert, stellt Personal und Infrastruktur \u2013 aber entscheidet kaum mit. Politisch steht Berlin l\u00e4ngst nicht mehr an der Spitze der EU, sondern dient als \u00f6konomischer Motor und sicherheitspolitischer Br\u00fcckenkopf der NATO. Entscheidungen werden in Br\u00fcssel und Washington getroffen \u2013 nicht in Berlin.<\/p>\n<p>Die parlamentarische Kontrolle \u00fcber Krieg, Frieden und Aufr\u00fcstung ist zur Formalit\u00e4t geworden. Stattdessen wird auf EU-Ebene \u00fcber Verteidigungsfonds, gemeinsame Beschaffungen und Langzeitstrategien abgestimmt \u2013 ohne echte Debatte, ohne demokratische Tiefenpr\u00fcfung. Die Bundestagsabgeordneten nicken ab, was auf h\u00f6herer Ebene bereits beschlossen wurde.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Wir stehen an einem Wendepunkt. Die EU r\u00fcstet massiv auf \u2013 offiziell zur Verteidigung, faktisch zur geopolitischen Positionierung. Deutschland folgt wirtschaftlich geschw\u00e4cht und strategisch eingebunden. W\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung mit Inflation, Wohnungsnot und Bildungschaos k\u00e4mpft, wird im Hintergrund an milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten gearbeitet \u2013 strukturell, systematisch, mit klarem Zeithorizont.<\/p>\n<p>Die Verbindung zwischen wirtschaftlichem Niedergang und milit\u00e4rischer Aufr\u00fcstung ist kein Zufall. Sie folgt einer Logik, die sich aus der Krise des Wachstumsmodells ergibt. Kriegswirtschaft bietet kurzfristig Wachstumsimpulse, schafft Arbeitspl\u00e4tze und rechtfertigt massive Staatsausgaben. Doch sie produziert Strukturen, die auf Konfliktnachfrage angewiesen sind.<\/p>\n<p>Ob diese Entwicklung noch umkehrbar ist, h\u00e4ngt davon ab, ob die strukturellen Ursachen benannt und alternative Entwicklungspfade politisch durchgesetzt werden k\u00f6nnen. Wer jetzt nicht hinsieht, wird sp\u00e4ter nicht sagen k\u00f6nnen, er habe es nicht gewusst.<\/p>\n<p>Die kommenden zwei Jahre entscheiden, ob Europa zur bewaffneten Speerspitze eines transatlantischen Eskalationsprojekts wird \u2013 oder ob Diplomatie und Frieden noch einmal eine Chance bekommen.<\/p>\n<p><em>\u201eWas zu tun w\u00e4re?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Erstens: Die R\u00fcstungsdynamik sollte \u00f6ffentlich debattiert werden \u2013 nicht als Sicherheitspolitik, sondern als Wirtschaftspolitik. Zweitens: Alternative Wachstumsmodelle m\u00fcssen politisch erk\u00e4mpft werden \u2013 Kriegswirtschaft ist keine Alternative! Drittens: Die Verflechtungen zwischen Finanzindustrie, R\u00fcstungskonzernen und Politik m\u00fcssen auf den Tisch \u2013 hier werden weder die Interessen des Landes noch der B\u00fcrger verfolgt und\/oder vertreten!<\/em><\/p>\n<p><strong>Wichtigste Quellen<\/strong><\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Statistisches Bundesamt: Unternehmensinsolvenzen 2024 (M\u00e4rz 2025)<\/li>\n<li>RAND Corporation: \u201eFuture Scenarios for Sino-Russian Military Cooperation\u201c (RRA2061-5, 2023), \u201eChina\u2019s Lessons from the Russia-Ukraine War\u201c (RRA3141-4, 2023)<\/li>\n<li>European Defence Agency: Defence Data 2023<\/li>\n<li>Strategic Studies Institute (SSI): Mittelstandsanalyse deutsche Verteidigungsindustrie<\/li>\n<li>Reuters: EU agrees plan to boost defence industry (November 2023)<\/li>\n<li>Wall Street Journal: Rheinmetall Expansion<\/li>\n<li>Atlantic Council: Umbau der deutschen \u00d6konomie (September 2025)<\/li>\n<li>Defense News, AP News: Diverse Berichte 2024\/2025<\/li>\n<li>Statistisches Bundesamt: \u201eUnternehmensinsolvenzen 2024\u201c<\/li>\n<li>Handelsblatt: \u201eBASF expandiert in China\u201c, M\u00e4rz 2024<\/li>\n<li>Tagesschau: \u201eBYD \u00fcberholt VW bei E-Autos in Europa\u201c, Mai 2024<\/li>\n<li>Handelsblatt: \u201eRheinmetall er\u00f6ffnet neue Werke\u201c, April 2024<\/li>\n<li>MBDA: Unternehmensmeldung \u00fcber Standorterweiterungen, 2024<\/li>\n<li>FAZ: \u201eLindner best\u00e4tigt 2-Prozent-Ziel der NATO\u201c, M\u00e4rz 2024<\/li>\n<li>PwC: \u201eEuropean Defense Outlook 2024\u201c<\/li>\n<li>SIPRI: \u201eGlobal Military Expenditures 2023\/24\u201c<\/li>\n<li>Tagesspiegel: \u201eR\u00fcstungsexporte: Deutschland auf Platz 4 weltweit\u201c, Feb. 2024<\/li>\n<li>Bruegel \u2013 Defending europe without the US: First estimates of what is needed.<\/li>\n<li>Global Firepowers \u2013 2025 Russian Military Strenght<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/hintergrund\/wirtschaft\/aufruestung-im-niedergang-warum-deutschland-und-die-eu-in-den-krieg-investieren\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em>&nbsp; vom 15. Oktober 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Hollister. 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