{"id":1587,"date":"2016-10-27T08:58:45","date_gmt":"2016-10-27T06:58:45","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1587"},"modified":"2016-10-27T11:31:37","modified_gmt":"2016-10-27T09:31:37","slug":"ungarn-1956-eine-revolution-wird-entstellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1587","title":{"rendered":"Ungarn 1956: Eine Revolution wird entstellt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor 60 Jahren revoltierten ArbeiterInnen und Studierende in Ungarn gegen die sowjetische, stalinistische Herrschaft. Das westeurop<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ische B<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rgertum feiert den Aufstand bis heute als <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>antikommunistische Revolution<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> und versucht ihn so zu vereinnahmen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> Tats<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>chlich kam es zwischen Juni und Oktober 1956 in Ungarn zu einer bedeutsamen Wende. Es scheint uns anl<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>sslich der politischen Vereinnahmung jenes <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Gedenkens<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> n<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>tzlich zu sein, die wichtigsten Grundz<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ge der <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Revolution<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> herauszuarbeiten und die damaligen Reaktionen der Linkskr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>fte in der Schweiz nachzuzeichnen. Eine umfassende Darstellung der ungarischen Revolution von 1956 findet sich online unter (1976) <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/broue\/1976\/ungarn\/index.html\">Pierre Brou\u00e9: 1956: Die ungarische Revolution der Arbeiterr\u00e4te<\/a>. \u00a0Wir republizieren im Folgenden einen Artikel, der zum 50. Jahrestag der ungarischen Revolution 2006 geschrieben wurde. (Red.)<\/strong><\/p>\n<p><em>Charles-Andr<\/em><em>\u00e9<\/em><em> Udry.<\/em> Im Oktober 1956 bricht die ungarische Revolution aus. Leslie Bain, einer der wenigen westlichen Journalisten, die das Land und seine Sprache kannten und der sich 1956 dort aufhielt, schrieb 1960: \u201eIn der j\u00fcngeren Geschichte wurde \u00fcber kein Ereignis so viel gelogen, wurde kein Ereignis so entstellt und entehrt wie die ungarische Revolution\u201c.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>Leslie Bain zeigte auf, wie die Propaganda-Apparate in Ost und West w\u00e4hrend des Kalten Krieges in jeweils vergleichbarer Weise funktionierten. Im Westen sprach man strikt von einer nationalistischen Revolte gegen die kommunistische Diktatur, im Osten von einem reaktion\u00e4ren Komplott.<\/p>\n<p><strong>Eine neue Demokratie<\/strong><\/p>\n<p>Einer der charakteristischen Z\u00fcge jener Revolution \u2013 der Drang hin zu einer neuen und demokratischen Gesellschaftsordnung \u2013 wurde sorgf\u00e4ltig verschwiegen. Ein Blick auf die Presse von 1956 in der franz\u00f6sischsprachigen Schweiz best\u00e4tigt diese Feststellung \u2013 mit einer bemerkenswerten Ausnahme.<\/p>\n<p>F\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter wird das Studium der ungarischen Revolution durch die Arbeiten des Instituts f\u00fcr die Geschichte der ungarischen Revolution von 1956 in Budapest bedeutend erleichtert. Es ver\u00f6ffentlichte 1991 eine erste Synthese, die 1996 im Hinblick auf die englische Ausgabe noch erweitert wurde: <em>The Hungarian Revolution of 1956. Reform, Revolt and Repression 1953-1963<\/em>.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>In diesem Band kann man lesen: \u201eDie Idee einer revolution\u00e4ren Demokratie, wie man sie zu jener Zeit nannte, war keineswegs auf die Herausbildung einer Regierung aus mehreren Parteien und auf das Entstehen von politischen Parteien im Bereich der \u00f6ffentlichen Angelegenheiten beschr\u00e4nkt. Die Errichtung von Institutionen der Basisdemokratie in den Fabriken und in den Gemeinden hatte bei den Zielen der Revolution einen nicht weniger wichtigen Platz. (\u2026) Seit den ersten Tagen der Revolution waren die Arbeiterr\u00e4te politisch bedeutsam und sie stellten auch das Instrument zur Erarbeitung von gesellschaftspolitischen Programmen dar. Im Verlauf der \u201eK\u00e4mpfe der Nachhut\u201c (nach der zweiten sowjetischen Intervention) im November und Dezember waren die R\u00e4te fast die einzigen Widerstandszentren. (\u2026) Ein wichtiges Element des Denkens und der politischen Aktion im Jahr 1956 war die Beziehung zwischen der Basisdemokratie und dem parlamentarischen System, die Kooperation zwischen den Fabrikr\u00e4ten und den \u00f6rtlichen Komitees mit den Organen der Regierung und der Partei auf nationaler Ebene.\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a><\/p>\n<p>So ergab sich die M\u00f6glichkeit eines institutionellen, sozialen und wirtschaftlichen \u201edritten Weges\u201c zwischen Kapitalismus und Stalinismus. Sicherlich w\u00e4ren diese Entwicklungen in ihrem Verlauf an zahlreiche Wegscheiden gekommen. Aber 1956 wurden diese M\u00f6glichkeiten einfach zerst\u00f6rt. Die Anh\u00e4nger eines demokratischen und selbstverwalteten Sozialismus erkannten damals das Ausma\u00df ihrer Niederlage in historischer Sicht nicht.<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten hier den Schwerpunkt auf diese Dimension der \u201erevolution\u00e4ren Demokratie\u201c legen, einerseits, weil sie bis heute wenig bekannt ist, andererseits, weil die damaligen internationalen Ereignisse (die Suez-Krise) oder die Rolle der \u201efaschistischen Kr\u00e4fte\u201c in zahlreichen Studien untersucht worden sind, die zeigen, dass ihre Wirkung auf die spezifische Dynamik jenes landesweiten Aufstandes gleich Null gewesen ist.<\/p>\n<p><strong>Eine halb-offizielle Opposition<\/strong><\/p>\n<p>Eine solche Bewegung der Selbstorganisation setzt einen sozialen, politischen und kulturellen Reifungsprozess sowie die Diskreditierung Misskredit der offiziellen, autokratischen Organe der Staatsmacht voraus.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1955 wurde Imre Nagy (geb. 1896, am 18. Juni 1958 erschossen), der 1953 zur Vermeidung einer Krise an die Macht gekommen war, seiner Funktionen entbunden und von M\u00e1ty\u00e1s R\u00e1kosi, dem neuen Regierungschef und Generalsekret\u00e4r der Partei, angegriffen. Eine wenig organisierte Gruppe von Schriftstellern, Journalisten und Mitgliedern der KP bildete sich um Nagy.<\/p>\n<p>Erstmals existierte in einem osteurop\u00e4ischen Land eine dauerhafte Opposition in und am Rande der offiziellen Strukturen. Sie sollte von der \u201e\u00f6ffentlichen Meinung\u201c als eine m\u00f6gliche alternative Regierung betrachtet werden. Die kommenden Mobilisierungen verf\u00fcgten \u00fcber ein einigendes politisches Ziel: die R\u00fcckkehr von Nagy an die Macht.<\/p>\n<p>In der Schweizer Presse der Linken gab es zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen dieser Situation: Die eine fand sich in <em>Le Peuple<\/em>, dem Organ der Sozialistischen Partei. Jules Humbert-Droz<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> analysierte dort die Gr\u00fcnde f\u00fcr Nagys Sturz: \u201eDie Regierung Imre Nagy hatte das Polizeiregime von R\u00e1kosi heftig angegriffen, und Zehntausende von kommunistischen und sozialistischen Arbeiterinnen aus den Gef\u00e4ngnissen und den Konzentrationslagern befreit.\u201c (17. M\u00e4rz 1955) Am 17. Juli 1955 finden wir eine globalere Einsch\u00e4tzung: \u201eDie Verhaftungen, die Verurteilungen, die Regierungswechsel, die sich in den kommunistischen Regionen Osteuropas abspielen, sind nur ein Wiederschein der K\u00e4mpfe der arbeitenden Massen f\u00fcr ihre Freiheit und ihr Wohlergehen.\u201c<\/p>\n<p>Die andere Betrachtungsweise stand in <em>La Voix ouvri\u00e8re<\/em>, dem Organ der Schweizer Partei der Arbeit: \u201eDie Rechtsabweichungen des Genossen Imre Nagy zeigten sich in der Untersch\u00e4tzung und der Verleugnung der gro\u00dfartigen Siege der Partei, die er regelm\u00e4\u00dfig verschwieg. (\u2026) Die rechtsgerichteten Konzeptionen wurden f\u00fcr unsere Partei und unseren Staat zu einer Gefahr, nicht nur, weil der Genosse Imre Nagy in seinen Reden und Artikeln antimarxistische Konzeptionen vertrat, sondern weil er sogar ihr Sprecher war.\u201c (18. M\u00e4rz 1955)<\/p>\n<p>Der Bleimantel der \u201eNormalisierung\u201c schien damals gewirkt zu haben; aber das R\u00e1kosi-Regime wurde auch 1955 weiter herausgefordert.<\/p>\n<p><strong>Der Budapester Fr<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>hling<\/strong><\/p>\n<p>1956 brach dann der \u201eBudapester Fr\u00fchling\u201c aus. Seit M\u00e4rz gab es immer mehr Ger\u00fcchte \u00fcber den Geheimbericht von Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU. Darin hatte Chruschtschow einen Teil von \u201eStalins Verbrechen\u201c vorgestellt.<\/p>\n<p>Zwei Minen wurden nun R\u00e1kosi unter die F\u00fc\u00dfe gelegt. Die Wiederann\u00e4herung zwischen Chruschtschow und Tito 1955 nahm den Prozessen von 1949 gegen namhafte Parteimitglieder, darunter L\u00e1szl\u00f3 Rajk, jede Glaubw\u00fcrdigkeit. Denn \u201edie titoistischen Abweichungen\u201c waren die wesentliche Begr\u00fcndung der Anklage gewesen! Sodann l\u00f6ste die Anerkennung von \u201eStalins Verbrechen\u201c Nachfragen zu den Repressionsma\u00dfnahmen aus, die die ungarische KP in den Jahren 1947\/48 selbst durchgef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p>Die Forderung nach einer Rehabilitierung von L\u00e1zl\u00f3 Rajk \u2013 die auf einem \u00f6ffentlichen Treffen am 27. Juni 1956 von seiner Witwe Julia Rajk erhoben wurde \u2013 f\u00fchrte zur ersten riesigen \u00f6ffentlichen Demonstration der Opposition in Ungarn nach dem Krieg: der offiziellen Beerdigung von L\u00e1zl\u00f3 Rajk am 6. Oktober 1956.<\/p>\n<p>Seit M\u00e4rz und vor allem seit Juni 1956 f\u00fchrten Intellektuelle, Schriftsteller und Parteimitglieder \u00f6ffentliche Debatten in den Versammlungen des Pet\u00f6fi-Zirkels. Am 27. Juni sollten 6 000 Personen an einer Diskussion des Zirkels \u00fcber ein Thema der Presse teilnehmen. Auch in den Fabriken begannen Diskussionen. Es entstand im Land ein \u201ezweites politisches Zentrum\u201c, wie die Leitung der Einheitspartei schrieb und es verurteilte.<\/p>\n<p>Am 28. Juni 1956 brach in Posen (Polen) ein Arbeiteraufstand aus, der mit aller H\u00e4rte niedergeschlagen wurde. Er sollte in Ungarn zu einem Signal der Ann\u00e4herung werden.<\/p>\n<p>M\u00e1ty\u00e1s R\u00e1kosi (1892-1970) versuchte die Unterdr\u00fcckung des Aufstandes von Posen zu n\u00fctzen, um in Ungarn eine Repressionswelle zu starten. Eine Liste mit 400 \u201eoppositionellen Elementen\u201c wurde erstellt. Doch es l\u00e4uteten bereits die Alarmglocken. Um den Ausbruch einer offenen Krise zu verhindern, entschieden Suslow und Mikojan, die von der KPdSU geschickt worden waren, R\u00e1kosi durch Ern\u00f6 Ger\u00f6 (1898-1980), seine rechte Hand, zu ersetzen; als Mann der Reserve machte Janos Kadar (1912-1989) seinen Aufstieg zum Parteif\u00fchrer. Doch dieses Facelifting sollte nicht ausreichen.<\/p>\n<p><strong>Eine unabh<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ngige Bewegung<\/strong><\/p>\n<p>Am 16. Oktober wurde von StudentInnen eine unabh\u00e4ngige Massenorganisation gegr\u00fcndet, die MEFESZ (Bund der Studentenverbindungen der ungarischen Universit\u00e4ten und Gymnasien). Somit trat eine von den Strukturen der Staatspartei unabh\u00e4ngige Massenorganisation auf den Plan, die eine eigene Zeitung herausgab. Bill Lomax hat die Konsequenzen unterstrichen: \u201eDie Oppositionsbewegung, die von den SchriftstellerInnen zu den Organisatoren des Pet\u00f6fi-Zirkels \u00fcbergegangen war, fiel nun in die H\u00e4nde der StudentInnen\u201c.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a><\/p>\n<p>Die Plattform der MEFESZ enthielt Schl\u00fcsselforderungen: Wahl einer neuen Parteif\u00fchrung, F\u00fchrung der Regierung durch Imre Nagy, Neuwahlen, eine neue Wirtschaftspolitik, Neubestimmung der Arbeitsnormen in den Fabriken und Autonomie der Arbeiterorganisationen, Revision der Prozesse und Amnestie, Pressefreiheit. Hinzu kamen laut Beschl\u00fcssen der im ganzen Land abgehaltenen Versammlungen die Einf\u00fchrung des Mehrparteiensystems und der R\u00fcckzug der in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen.<\/p>\n<p>Am 22. Oktober riefen die StudentInnen f\u00fcr den 23. zu einer Gro\u00dfdemonstration auf. Sie sollte alle Sektoren der Gesellschaft umfassen, sogar Soldaten! Um 9 Uhr abends wandte sich Imre Nagy vor dem Parlamentsgeb\u00e4ude an die Menge. Er verlangte von den Demonstrierenden, nach Hause zu gehen und versprach ihnen, alles zu tun \u2026 um sein Programm von 1953 umzusetzen. Nagy war \u00fcberzeugt, dass alles im Rahmen der Partei gel\u00f6st werden m\u00fcsse, wobei er \u2013 jedes Mal mit einiger Verz\u00f6gerung \u2013 anerkennen musste, dass es einen massiven Druck von Seiten der Bev\u00f6lkerung gab. Nach dieser Rede war die Entt\u00e4uschung der DemonstrantInnen gro\u00df. Die Parole \u201eJetzt oder nie\u201c wurde weithin aufgegriffen. Mithilfe von Lastwagen rissen DemonstrantInnen die riesige Stalin-Statue vom Sockel \u2026 wobei nur die Stiefel auf dem Sockel zur\u00fcckblieben. Andere versuchten, ins Geb\u00e4ude der Rundfunkanstalt einzudringen, um die Plattform der StudentInnen ausstrahlen zu lassen. Die Sicherheitskr\u00e4fte schossen in die Menge.<\/p>\n<p>Nun begann die milit\u00e4rische Konfrontation. Die Soldaten gaben ihre Waffen ab, weitere wurden ohne gro\u00dfe Schwierigkeiten in den Kasernen beschlagnahmt. Im ganzen Land breitete sich ein Generalstreik aus.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung von Partei und Armee, die sich unsicher war, wie sich die ungarischen Truppen verhalten w\u00fcrden, verlangte nach einem Eingreifen der sowjetischen Streitkr\u00e4fte. Als die alte Welt \u201edabei war, unterzugehen\u201c, trat die F\u00fchrung der Partei zusammen\u2026 und Nagy suchte in diesem Rahmen nach L\u00f6sungen. Aber erst am Mittag des 24. Oktober verk\u00fcndete er, dass der Ausnahmezustand nicht sofort ausgerufen w\u00fcrde, dass aber die Waffen niedergelegt werden m\u00fcssten.<\/p>\n<p><strong>Die Kraft des Aufstandes<\/strong><\/p>\n<p>Doch die Massenbewegung hatte bereits ihre eigene Dynamik erlangt. \u201eDie K\u00e4mpfenden waren im Wortsinne bereit, bis zum Tod zu k\u00e4mpfen. Darin lag wohl der wichtigste Grund, weshalb die politische F\u00fchrung keinen Kompromiss durchsetzen konnte und weshalb es ihr nicht gelang, mit Teilreformen die Ordnung wieder herzustellen. Der andere entscheidende Grund lag in der revolution\u00e4ren Bewegung von unten und in der Selbstorganisation der Bev\u00f6lkerung auf allen Ebenen.\u201c<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a><\/p>\n<p>Vom 24. bis 28. Oktober konnte die sowjetische Armee ihre Ordnung nicht durchsetzen. Zu Beginn gab es Verbr\u00fcderungsszenen. Aber am 25. Oktober kam es vor dem Parlament zu einer Schie\u00dferei mit zahlreichen Toten. Dies war die Wende. W\u00e4hrend vier Tagen waren die K\u00e4mpfe hart. Die \u201eaufst\u00e4ndischen\u201c Truppen hatten h\u00f6chstens 15 000 Mann zur Verf\u00fcgung. Der Aufstand weitete sich auf das ganze Land aus, mit sozio-\u00f6konomischen, demokratischen und mit Forderungen nach nationaler Unabh\u00e4ngigkeit gegen\u00fcber der Sowjetunion. Am 28. Oktober wurde angesichts des Ausma\u00dfes des bewaffneten und zivilen Widerstandes der R\u00fcckzug der sowjetischen Truppen beschlossen, die nicht stark genug waren, eine schnelle Entscheidung zu erzwingen. Dies war ein tr\u00fcgerisches Zeichen des Sieges. Heute wissen wir, dass es eine taktische Entscheidung war, die im Einklang mit Kadar getroffen wurde. Ab dem 27. Oktober \u00fcbernahm Nagy den Vorsitz der Regierung, die das Ausma\u00df der Erhebung der Gesellschaft \u00fcberhaupt noch nicht wirklich verstanden hatte.<\/p>\n<p>Die Dynamik der Revolution von diesem Oktoberende tauchte in den Leitartikeln der untersuchten Presse nicht auf. In <em>Le Peuple<\/em> schrieb der Chefredakteur Lucien de Dardel: \u201eund sogar der Eintritt von zahlreichen Nicht-Kommunisten (oder sogar Antikommunisten) in die Regierung Nagy bedeutet, dass sich Ungarn nun in einem Stadium befindet, das jenes von Titos Jugoslawien hinter sich l\u00e4sst. Wenn sich der Verlauf der Ereignisse im Geist der Revolution h\u00e4lt, dann l\u00e4uft Ungarn auf ein wirklich demokratisches und parlamentarisches Regime zu, vielleicht sogar auf einen wirklichen demokratischen Sozialismus westlichen Typs.\u201c (30. Oktober) G. Rigassi betonte in der <em>Gazette de Lausanne<\/em>: \u201eDie Aufst\u00e4nde in Polen und Ungarn bedeuten einen Misserfolg des sowjetischen \u201eKolonialismus\u201c und dieser Misserfolg ist in weiten Teilen der von der Jugend gespielten Rolle geschuldet.\u201c (27\/28. Oktober) Jean Vincent suchte in <em>La Voix ouvri\u00e8re<\/em> nach dem \u00ab Irrtum \u00bb, der alles rechtfertigt: \u201eEs m\u00fcssen sehr schwere Fehler begangen worden sein, kapitale Fehler in allen Bereichen, den wirtschaftlichen, politischen und moralischen (ja, den moralischen), damit die sowjetische Intervention in Ungarn als notwendig angesehen werden konnte.\u201c (30. Oktober)<\/p>\n<p>Vom 28. Oktober bis zum 4. November, dem Datum der zweiten sowjetischen Intervention, entwickelten sich vier Elemente:<\/p>\n<ol>\n<li>Am 31. Oktober begann die Zentralisierung der Arbeiterr\u00e4te. Die Forderungen waren klar: Die Unternehmen geh\u00f6ren den Arbeitenden; der Rat ist das demokratisch gew\u00e4hlte Kontrollorgan; der Direktor wird gew\u00e4hlt; L\u00f6hne, Arbeitsmethoden, Vertr\u00e4ge mit dem Ausland (UdSSR) m\u00fcssen dem Rat vorgelegt werden; die Einstellungen und Entlassungen liegen in seiner Kompetenz; \u00fcber den Gebrauch der Profite muss vom Rat entschieden werden.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[vii]<\/a> Dieses Programm zeigt eine Sicht der Gesellschaft, die wenig mit der Idee einer R\u00fcckkehr zum Regime der Vorkriegszeit zu tun hat. Die Verbindung zwischen den Arbeiterr\u00e4ten und den lokalen Revolutionskomitees war sehr eng. Eine in der Gazette de Lausanne ver\u00f6ffentlichte Depesche zeigte in ihrer Formulierung das geistige Anliegen: \u201eDiese revolution\u00e4ren Komitees w\u00fcnschen sich eine Liberalisierung des Regimes und fordern, dass Ungarn weiterhin eine kommunistische Politik macht.\u201c (29. Oktober)<\/li>\n<li>Das Gravitationszentrum der offiziellen Macht ging eindeutig von der Partei auf die neue Regierung Nagy \u00fcber. Die Verhandlungen zwischen Nagy und den etwas skeptischen R\u00e4ten kamen im Hinblick auf eine Beendigung des Streiks und eine Konsolidierung der Lage voran.<\/li>\n<li>Janos Kadar baute eine neue Partei auf, die als antistalinistisch eingestuft wurde, die MSZMP (Sozialistische Partei der ungarischen Arbeiter). Sie sollte als Hebel zur Errichtung einer neuen Staatsmacht herhalten, nachdem die sowjetische Armee die \u201eOrdnung wiederhergestellt\u201c hatte.<\/li>\n<li>Die Regierung Nagy verlangte die Anerkennung der ungarischen Neutralit\u00e4t, eine Forderung, die in Ungarn auf gro\u00dfes Echo stie\u00df. Bei der \u201einternationalen Gemeinschaft\u201c stie\u00df sie auf taube Ohren.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Die R<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>te zerbrechen<\/strong><\/p>\n<p>Ab dem 4. November, dem Datum der zweiten sowjetischen Milit\u00e4rintervention, antwortete die Bev\u00f6lkerung mit einem Generalstreik, der sicherlich der vollst\u00e4ndigste und einigste war, den es in der Geschichte bisher gegeben hat. Der milit\u00e4rische Widerstand, der sich vor allem auf die Jugendlichen in den Arbeitervierteln st\u00fctzen konnte, dauerte etwa sechs Tage.<\/p>\n<p>Die Koordination der R\u00e4te wurde zum Zentrum des Widerstandes. Ab dem 12. November funktionierte eine offizielle und zentralisierte Struktur als Gegenmacht mit Bulletins und Flugbl\u00e4ttern. Die wichtigsten Forderungen lauteten wie folgt: sofortiger R\u00fcckzug der sowjetischen Truppen, Pressefreiheit, Kontrolle \u00fcber Polizei und Armee, um das Eindringen von Agenten der AVH (politische Polizei) zu verhindern, Amnestie f\u00fcr alle Zivilisten und Milit\u00e4rs, die sich am Aufstand beteiligt haben.<\/p>\n<p>Die Repr\u00e4sentativit\u00e4t des Zentralkomitees der R\u00e4te von Gro\u00df-Budapest (KMT) ist so gro\u00df, dass Kadar, der im Tross der sowjetischen Armee ankam, mit ihm verhandeln muss. Am 14.\/15. November fand ein Treffen statt. Zu den diskutierten Themen geh\u00f6rten: die Ausdehnung eines Systems von R\u00e4ten auf die nationale Ebene, das Streikrecht und der R\u00fcckzug der sowjetischen Truppen. Auf die erste Forderung antwortete Kadar, \u201edass nichts von dieser Art irgendwo existiere und dass eine solche Struktur in einer Volksdemokratie \u00fcberfl\u00fcssig ist\u201c.<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[viii]<\/a><\/p>\n<p>Die Delegierten der R\u00e4te blieben entschlossen bei ihrer Position. Die Repression wurde daher zur wichtigsten Waffe der B\u00fcrokratie. Am 27. November 1956 gab die F\u00fchrung des KMT das wichtigste Anliegen der Stunde vor: \u201eDie Fabriken befinden sich in unseren H\u00e4nden, den H\u00e4nden der Arbeiterr\u00e4te. Die Regierung wei\u00df das und will vor allem damit Schluss machen.\u201c<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[ix]<\/a> Die Verhaftung der repr\u00e4sentativsten F\u00fchrer des KMT f\u00fchrte zum Generalstreik des 11.\/12. Dezember. Die Repression versch\u00e4rfte sich. Am 5. Januar 1957 wurde denjenigen, die die Arbeit verweigerten oder \u201eStreiks provozier[t]en\u201c, die Todesstrafe angedroht. Die Zahl der politischen Fl\u00fcchtlinge stieg auf etwa 200 000 Personen.<\/p>\n<p><strong>Die gedruckte Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Am 23. November 1956 wurde in <em>La Voix ouvri\u00e8re<\/em> erstmals Kadar das Wort erteilt: \u201eDie konfuse Lage brachte es mit sich, dass die demonstrierenden Menschen nicht gegen den Sozialismus, den Sinn des Sozialismus waren, wohingegen in ihren Taten die Orientierung der Bewegung offensichtlich konterrevolution\u00e4r war. Die Konterrevolution\u00e4re, die hinter der Bewegung standen, arbeiteten mit gro\u00dfer Gewitztheit.<\/p>\n<p>Vielleicht wurde niemals eine Konterrevolution mit solcher Gewandtheit versucht.\u201c Gegen Kadars \u201eErkl\u00e4rungen\u201c standen diejenigen, die Jean Vincent in La Voix ouvri\u00e8re im Verlauf dieser tragischen Monate geliefert hatte. Man konnte eine solche Rechtfertigung der Intervention noch im Jahre 1986 finden: \u201eRecht schnell waren es solche Menschen wie der Kardinal Mindszenty und fr\u00fchere Sch\u00fcler von Horthy, die den Aufst\u00e4nden eine alles andere als demokratische Orientierung aufdr\u00e4ngten, wobei ihnen etwa 3\u2019500 Kriegsverbrecher, die man aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen hatte, zu Hilfe kamen.\u201c (<em>VO-R\u00e9alit\u00e9s, 30. Oktober-5. November 1986<\/em>.)<\/p>\n<p><em>La Gazette de Lausanne<\/em> brachte ihre Bilanz der ungarischen Revolution aus der Feder von Georges Rigassi: \u201eWenn das ungarische Volk auf so spontane und so einheitliche Weise gegen die sowjetische Repression gehandelt hat, dann, so meinen wir, weil es sich mit der Geschichte der Christenheit verbinden wollte, um seine spirituelle Integrit\u00e4t zu retten; es wollte die Tradition der Freiheit und des Respekts vor der menschlichen Person, die es mit dem westlichen Europa teilt und die der Marxismus ihm geraubt hatte, wieder in Besitz nehmen.\u201c (12.\/13. Januar 1957)<\/p>\n<p>In <em>Le Peuple<\/em> zeigte Humbert-Droz ein Verst\u00e4ndnis, das ein ganz anderes war als das der anderen Redakteure. Am 13. Dezember 1956 schrieb er: \u201eNachdem der Zentralrat der Arbeiterinnen nach der brutalen Weigerung der Regierung, den legitimen Forderungen der Arbeitenden Recht zu geben, neuerlich den Generalstreik ausgerufen hatte, beschloss Kadar, die Arbeiterr\u00e4te zu verbieten und aufzul\u00f6sen. Gegen sie entfesselten die vereinten Kr\u00e4fte der ungarischen Polizei und die russischen Besatzungstruppen ihre wilde Repression, nachdem das Kriegsrecht ausgerufen worden war. Die Arbeiterr\u00e4te haben bei der Entwicklung der Lage in Ungarn eine entscheidende Rolle gespielt. (\u2026) Im Verlauf der sieben Kampfeswochen haben sie Forderungen formuliert, deren Charakter deutlich revolution\u00e4r war. In der spontanen und h\u00e4ufig ungeordneten Erhebung des Volkes waren sie mit den StudentInnen und den Intellektuellen das bewusste Element, welches die Massenbewegung auf genaue Ziele hinorientierte; sie spielten die Rolle, die die Sowjets zu Beginn der russischen Revolution gespielt haben. Wenn sich zuerst die Regierung Nagy und sp\u00e4ter die Regierung Kadar auf die Arbeiterklasse st\u00fctzen und ihr Vertrauen h\u00e4tte gewinnen wollen, dann h\u00e4tten sie ihre Macht auf die Arbeiterr\u00e4te gr\u00fcnden m\u00fcssen. Es fehlte nicht an Gelegenheiten, solches zu tun. Die Arbeiterr\u00e4te haben versucht, aus der Regierung die Sprecherin ihrer Interessen zu machen. Die Regierungen haben ihnen dies abgeschlagen. (\u2026) Die B\u00fcrokratie ist unf\u00e4hig, ihre Privilegien selbst zu zerst\u00f6ren und das Regime von oben zu ver\u00e4ndern.\u201c<\/p>\n<p><em>Der Artikel erschien in Inprekorr 420\/421, November\/Dezember 2006. <\/em><em>\u00dc<\/em><em>bersetzung aus dem Franz<\/em><em>\u00f6<\/em><em>sischen durch Paul B. Kleiser.<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2016\/ungarn-1956-eine-revolution-wird-entstellt\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a> vom 24. Oktober 2016<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Leslie Bain, The Reluctant Satellites, London 1960, S. 97.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> The Hungarian Revolution of 1956. Reform, Revolt and Repression 1953-1963, edited by Gy\u00f6rgy Litv\u00e1n, Logman 1996, 221 Seiten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Ebenda, S. 74f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Jules Humbert-Droz, fr\u00fcheres Mitglied der Kommunistischen Partei der Schweiz und der Kommunistischen Internationalen; 1943 trat er der Sozialistischen Partei bei und wurde 1947 nationaler Sekret\u00e4r der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Bill Lomax, Hungary 1956, Allison &amp; Busby, 1976. S. 46.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[vi]<\/a> Gy\u00f6rgy Litv\u00e1n, op. cit., S. 65.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[vii]<\/a> Jean-Jacques Marie und Balazs Nagy, Pologne-Hongrie 1956, Paris (EDI) 1966, S. 203f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[viii]<\/a> Gy\u00f6rgy Litv\u00e1n, op. cit., S. 110.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[ix]<\/a> Gy\u00f6rgy Litv\u00e1n, op. cit., S. 111.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 60 Jahren revoltierten ArbeiterInnen und Studierende in Ungarn gegen die sowjetische, stalinistische Herrschaft. Das westeurop\u00e4ische B\u00fcrgertum feiert den Aufstand bis heute als \u201eantikommunistische Revolution\u201c und versucht ihn so zu vereinnahmen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,3],"tags":[25,20,17],"class_list":["post-1587","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-schweiz","tag-arbeiterbewegung","tag-sowjetunion","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1587","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1587"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1587\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1590,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1587\/revisions\/1590"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1587"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1587"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1587"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}