{"id":15878,"date":"2025-10-28T13:09:15","date_gmt":"2025-10-28T11:09:15","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15878"},"modified":"2025-10-28T13:09:17","modified_gmt":"2025-10-28T11:09:17","slug":"sozialdemokratie-und-russophobie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15878","title":{"rendered":"Sozialdemokratie und Russophobie"},"content":{"rendered":"<p><em>Norbert Faulhaber. <\/em><strong>Der abrupte Schwenk der SPD-F\u00fchrung in Richtung einer kompromisslos anti-russischen Politik nach dem 24. Februar 2022, gipfelnd in der \u201eZeitenwende\u201c-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz, hat viele aktuelle und ehemalige Anh\u00e4nger, die einst in den Zeiten der Brandt\u2019schen \u201eOstpolitik\u201c politisiert wurden, irritiert. Was sie dabei \u00fcbersehen: Russophobie<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p> <strong>hat in der deutschen (und der europ\u00e4ischen) Sozialdemokratie durchaus eine lange Tradition.<\/strong><\/p>\n<p>Im Herbst 1972 errang die SPD unter ihrem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt mit fast 46 Prozent der abgegebenen Stimmen ihren gr\u00f6\u00dften Wahlsieg in der bis heute rund 160-j\u00e4hrigen Geschichte der Partei. Zentrales Thema der Wahlschlacht damals waren die so genannten \u201eOstvertr\u00e4ge\u201c mit den ehemaligen Weltkriegsgegnern UdSSR und Polen, sie sahen unter anderem die Anerkennung der Oder-Nei\u00dfe-Grenze \u2013 und damit den Verzicht auf die bis 1945 deutschen Regionen Ostpreu\u00dfen, Schlesien und Ostpommern \u2013 vor. Die CDU\/CSU-Opposition prangerte diese Vertr\u00e4ge als Vaterlandsverrat an, aber eine klare Mehrheit der westdeutschen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler war offenkundig bereit, auf diese l\u00e4ngst verlorenen Territorien zu verzichten, zugunsten einer Auss\u00f6hnung mit dem Feind von damals. Nicht nur der heute ikonische Kniefall des Kanzlers in Warschau vor dem Mahnmal f\u00fcr die Opfer des (gescheiterten) polnischen Aufstands gegen die Nazi-Besatzer machte seinerzeit diese Verst\u00e4ndigung mit der polnischen und der UdSSR-Regierung m\u00f6glich, sondern auch das ausgesprochen gute pers\u00f6nliche Verh\u00e4ltnis zwischen Brandt und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew; die Fotos von den beiden Politikern, wie sie in trauter Eintracht vor der K\u00fcste der Krim im Schwarzen Meer badeten, gingen um die Welt.<\/p>\n<p><strong>Russophobie setzte sich nach 1945 fort<\/strong><\/p>\n<p>Und das, obwohl Willy Brandt in den 1950er und zu Beginn der 1960er Jahre noch ein beinharter kalter Krieger war (sogar Kontakte zum US-Geheimdienst CIA wurden ihm nachgesagt).(1) Doch als Au\u00dfenminister im Kabinett der Gro\u00dfen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger begann er eine neue Ostpolitik zu konzipieren, in Zusammenarbeit mit einem seiner engsten Berater, dem sp\u00e4teren Kanzleramtsminister Egon Bahr. Kaum war er dann selbst im Amt als Regierungschef, wurde dieses Konzept umgesetzt; Schl\u00fcsselbegriff war dabei die Formel vom \u201eWandel durch Ann\u00e4herung\u201c. Auch mit der Regierung der von der Bundesrepublik bis zu diesem Zeitpunkt quasi ge\u00e4chteten DDR suchte er eine Verst\u00e4ndigung; sein Besuch in Erfurt im Fr\u00fchjahr 1970 war der erste Schritt auf dem Weg zu einer \u00dcberwindung der bis dahin fast undurchdringlichen Mauer, die die beiden deutschen Teilstaaten voneinander trennte.<\/p>\n<p>Der \u00fcberragende Sieg der SPD damals war umso \u00fcberraschender, als die konservative Opposition im Wahlkampf sehr bewusst an die anti-russischen (und nicht zu vergessen: auch anti-semitischen!) Vorurteile in der Bev\u00f6lkerung ankn\u00fcpfte, die seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten, von den deutschen Nationalisten jeglicher Couleur angeheizt wurden, und die sich seit der Oktoberrevolution in Russland 1917 mit rabiat anti-kommunistischen Ressentiments verbanden: ein wahrhaft toxisches Gemisch, das dann wenig sp\u00e4ter von den deutschen Nazis dazu benutzt wurde, ihrem erbarmungslosen Vernichtungskrieg gegen die damalige Sowjetunion Legitimit\u00e4t zu verleihen \u2013 mit durchschlagendem Erfolg. Es galt schlie\u00dflich, dem \u201ej\u00fcdischen Bolschewismus\u201c die Stirn zu bieten \u2013 und ethnische Slawen waren ja eh \u201eUntermenschen\u201c, die es mitleidlos auszumerzen galt.<\/p>\n<p>Diese ausgepr\u00e4gte Russophobie in weiten Teilen der deutschen Bev\u00f6lkerung setzte sich nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht 1945 ungebremst fort, sogar noch verst\u00e4rkt durch die Schmach der milit\u00e4rischen Niederlage und synchron mit der \u00dcbernahme f\u00fchrender Ex(?)-Nazis in den Staats- und Verwaltungsapparat der 1949 gegr\u00fcndeten westdeutschen Teilrepublik. \u201eAlle Wege des Marxismus f\u00fchren nach Moskau\u201c plakatierten CDU und CSU im Bundestagswahlkampf 1953(2) und errangen mit derartigen Parolen einen fulminanten Wahlsieg. Die SPD, die mit dieser Diffamierung ja eigentlich gemeint war, ignorierte dies einfach und geb\u00e4rdete sich ihrerseits mindestens genauso anti-kommunistisch und anti-sowjetisch \u2013 als \u201erotlackierte Nazis\u201c hatte der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher bereits ein paar Jahre zuvor die verhasste Konkurrenz auf der linken Seite des Parteienspektrums bezeichnet. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wurde denn auch in Westdeutschland verboten und die Herrschaft ihrer Schwesterpartei SED im sowjetisch besetzten Ostteil Deutschlands als ein Regime im \u201eReich des B\u00f6sen\u201c etikettiert (um sich einmal eine ber\u00fchmte Formulierung des US-Pr\u00e4sidenten Ronald Reagan drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter auszuleihen).<\/p>\n<p>Warum diese anti-kommunistische und anti-sowjetische Grundstimmung in den sp\u00e4ten 1960er Jahren deutlich an Zugkraft verlor, w\u00e4re eine eigene Analyse wert. Eine gro\u00dfe Rolle hierf\u00fcr hat bestimmt die Studentenbewegung ab 1967 gespielt, die erstens sich dadurch auszeichnete, dass diverse marxistische Klassiker quasi wiederentdeckt wurden, und zweitens f\u00fchrende antikapitalistische und antiimperialistische Revolution\u00e4re in der so genannten \u201eDritten Welt\u201c zu Helden \u2013 und mitunter sogar zu regelrechten T-Shirt-Ikonen \u2013 der jugendlichen Protestbewegung aufstiegen: etwa Che Guevara, Ho Chi Minh oder Mao Tse-tung. F\u00fcr einige wenige Jahre stand der Zeitgeist, nicht nur in Deutschland, eindeutig links; bezeichnenderweise wurde 1968 wieder eine kommunistische Partei (die DKP) in Westdeutschland zugelassen, zahlreiche (in der Regel maoistisch orientierte) Kleinparteien folgten.<\/p>\n<p><strong>Helmut Schmidt beendete die Phase des Ausgleiches<\/strong><\/p>\n<p>Diesen Zeitgeist hatte die seinerzeit dezidiert deutschnational und rechtskonservativ gepolte CDU\/CSU offensichtlich untersch\u00e4tzt \u2013 wohl auch den Wunsch breitester Bev\u00f6lkerungskreise sowohl in West wie auch in Ost, den \u201eEisernen Vorhang\u201c durchl\u00e4ssiger zu machen. Und auch international ging der Trend in der ersten H\u00e4lfte der 1970er Jahre in Richtung Entspannungspolitik und einer friedlichen Koexistenz beider gro\u00dfer miteinander konkurrierenden Gesellschaftssysteme: dem kommunistisch regierten Ostblock und dem (wie man heute sagen w\u00fcrde) \u201eWerte-Westen\u201c. H\u00f6hepunkt dieser Entwicklung war wohl die \u201eKonferenz f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa\u201c 1975 in Helsinki, an der alle Staats- und Regierungschefs der beiden bis anhin verfeindeten Milit\u00e4rbl\u00f6cke teilnahmen: der NATO und des von der Sowjetunion dominierten Warschauer Pakts.<\/p>\n<p>Ironischerweise war es der Nachfolger Willy Brandts im Amt des Bundeskanzlers, der Sozialdemokrat Helmut Schmidt, der ein paar Jahre sp\u00e4ter diese Phase des Ausgleichs und der Verst\u00e4ndigung zwischen West und Ost wieder j\u00e4h beendete: mit einer einzigen \u00f6ffentlichen Rede. Obwohl sich Schmidt verbal stets zu einer Fortsetzung der Brandt\u2019schen Ostpolitik bekannte, konnte er offenbar seine individuelle Sozialisation in jungen Jahren nie so richtig \u00fcberwinden: Im Zweiten Weltkrieg war er als Oberleutnant der Nazi-Wehrmacht im Russlandfeldzug eingesetzt, unter anderem bei der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Belagerung (genauer gesagt: Aushungerung) Leningrads. \u00dcber das, was er dort genau gemacht hat, hat er sich immer ausgeschwiegen, f\u00fcr seine \u201eVerdienste\u201c in dieser Funktion wurde er aber interessanterweise mit dem \u201eEisernen Kreuz\u201c ausgezeichnet.(3) 1977 hielt er dann eine aufsehenerregende Rede beim \u201eLondoner Institut f\u00fcr strategische Studien\u201c \u2013 und reaktivierte etwas, das in der Regierungszeit seines Vorg\u00e4ngers Brandt fast schon im M\u00fclleimer der Geschichte verschwunden war: die These von der sowjetischen (sprich: russischen) Bedrohung.<\/p>\n<p>Der Westen, so Schmidt damals, habe in Europa dem nuklearen Potenzial der sowjetischen Streitkr\u00e4fte \u201enichts entgegenzusetzen\u201c. Nonchalant ging der Kanzler dabei \u00fcber das franz\u00f6sische und das britische Nuklearpotenzial hinweg, ebenso wie \u00fcber die nukleare Feuerkraft der US-Mittelmeer-Flotte mit ihren mit \u201ePolaris\u201c-Raketen best\u00fcckten U-Booten.(4) Entschieden forderte er eine \u201eNachr\u00fcstung\u201c der NATO. Die US-Regierung unter Pr\u00e4sident Jimmy Carter griff den Ball erfreut auf, nur wenig sp\u00e4ter wurde diese \u201eNachr\u00fcstung\u201c offiziell von den NATO-Instanzen beschlossen. Bizarrerweise war es ausgerechnet Willy Brandt, seinerzeit immer noch SPD-Parteivorsitzender, der im Dezember 1979 einen z\u00f6gerlichen SPD-Parteitag dazu \u00fcberredete, diesen Aufr\u00fcstungspl\u00e4nen zuzustimmen. Als wenige Jahre sp\u00e4ter die Stationierung der neuen Atomwaffen (Pershing 2-Raketen und Cruise Missiles) tats\u00e4chlich anstand und sich inzwischen eine riesige Protestbewegung dagegen formiert hatte, wechselte er dann aber die Seiten und wetterte (auch als Demonstrationsredner) gegen das \u201eTeufelszeug\u201c \u2013 allein, es war zu sp\u00e4t, im Herbst 1983 wurden die neuen Waffen in Westdeutschland und in Gro\u00dfbritannien stationiert.<\/p>\n<p><strong>SPD: Schon vorher russophob<\/strong><\/p>\n<p>Dass Sozialdemokraten glauben, vor einer russischen\/sowjetischen Bedrohung warnen zu m\u00fcssen, hat allerdings eine lange Tradition. Schon als die SPD-Fraktion im kaiserlichen Reichstag im Sommer 1914 f\u00fcr die Kriegskredite von Wilhelm II. stimmte \u2013 helles Entsetzen bei ihren europ\u00e4ischen Schwesterparteien ausl\u00f6send \u2013 begr\u00fcndete sie das damit, dass es schlie\u00dflich gelte, der \u201erussischen Tyrannei\u201c entgegenzutreten. Bereits in den Jahren davor hatte SPD-Chef August Bebel in zwei so genannten \u201eFlinten-Reden\u201c eifrig anti-russische Ressentiments gesch\u00fcrt \u2013 ebenso wie der sp\u00e4ter zu gro\u00dfer Ber\u00fchmtheit gelangte \u201eBluthund\u201c Gustav Noske (der als Minister f\u00fcr Heer und Marine f\u00fcr die Niederschlagung des \u201eSpartakus-Aufstandes\u201c verantwortlich war und h\u00f6chstwahrscheinlich auch den Befehl zur Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gegeben hat).(5) Besonders pikant war dabei nat\u00fcrlich der Umstand, dass Russland und das deutsche Kaiserreich damals eine lange gemeinsame Grenze hatten; im trauten Verein mit der Doppel-Monarchie \u00d6sterreich-Ungarn hatten alle drei Staaten in der Vergangenheit nach und nach das Territorium des vorher selbstst\u00e4ndigen K\u00f6nigreichs Polen unter sich aufgeteilt.<\/p>\n<p>Die Kriegskredite von Kaiser Wilhelm II. w\u00e4ren wohl auch ohne die Stimmen der Sozialdemokraten im Reichstag beschlossen worden \u2013 aber dennoch darf heute eifrig dar\u00fcber spekuliert werden, ob sich der Erste Weltkrieg (nach dem Urteil der meisten Historiker die \u201eUrkatastrophe des 20. Jahrhunderts\u201c) h\u00e4tte verhindern lassen, h\u00e4tten die Mitgliedsparteien der sozialdemokratischen II. Internationale damals tats\u00e4chlich konsequent das umgesetzt, was sie in den Jahren vor 1914 sich geschworen hatten: bei einem drohenden Kriegsausbruch synchron einen Generalstreik in allen beteiligten L\u00e4ndern auszurufen, unter der Parole \u201eArbeiter schie\u00dfen nicht auf Arbeiter!\u201c. Wie es sich gezeigt hat, schossen sie dann schlie\u00dflich doch\u2026<\/p>\n<p>Die nach der russischen Oktoberrevolution erfolgte Spaltung der II. Internationale in sozialdemokratische und kommunistische Parteien f\u00fcgte den traditionellen anti-russischen Ressentiments eine wichtige neue Komponente hinzu: Die Begriffe \u201eanti-russisch\u201c, \u201eanti-sowjetisch\u201c und \u201eanti-kommunistisch\u201c wurden jahrzehntelang praktisch austauschbar. Das Verbl\u00fcffende bei dem heutigen Putin-Bashing (das nicht erst 2022, sondern schon nach der \u201eMaidan-Revolution\u201c und der \u201eKrim-Krise\u201c 2014 bei den meisten westlichen Mainstream-Medien in vollem Umfang einsetzte) besteht ja darin, dass die aktuelle russophobe Propaganda im \u201eWerte-Westen\u201c sich so gut wie gar nicht von der anti-sowjetischen und anti-kommunistischen Propaganda der Jahre 1946-1991 unterscheidet: Lenin = Stalin = Putin, salopp gesprochen. Ja, sogar die These, Putin sei ja viel, viel schlimmer als damals Breschnew, denn die Sowjetunion sei seinerzeit prim\u00e4r an der Konsolidierung ihres Imperiums interessiert gewesen, w\u00e4hrend die heutigen Machthaber in Moskau expansive Gel\u00fcste h\u00e4tten, die bis zur Einverleibung ganz Westeuropas reichen w\u00fcrden, findet sich in \u201eExperten\u201c-Kreisen.(6) F\u00fcr all diejenigen unter uns, die in der Zeit des Kalten Krieges schon auf der Welt waren, klingt das nat\u00fcrlich reichlich bizarr, haben sie doch noch das allseitige Geschrei vom \u201eGriff der Kommunisten nach der Weltherrschaft\u201c im Ohr. Um eben diesen angeblichen Welteroberungspl\u00e4nen entgegenzutreten, wurden nach 1946 in allen west- und nordeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern (meist auch auf Betreiben der Sozialdemokraten) die Kommunisten aus den Koalitionsregierungen entfernt, in die sie nach dem Ende des II. Weltkrieges unter der Parole \u201enationale Einheit\u201c aufgenommen worden waren.<\/p>\n<p>Besondere W\u00fcrze erhielt diese Spaltung der politischen Linken nach 1917 nat\u00fcrlich auch dadurch, dass sich Sozialdemokraten und Kommunisten einen erbitterten Kampf nicht nur um Arbeiterstimmen bei Wahlen, sondern auch um ihren jeweiligen Einfluss in den Gewerkschaften lieferten. Und immer dann, wenn Erstere dabei den K\u00fcrzeren zu ziehen drohten, wurde das Argument von der \u201e5. Kolonne Moskaus\u201c ausgepackt. Dass diese Spaltung der Arbeiterbewegung einer der wesentlichen Faktoren war, der die Macht\u00fcbernahme der deutschen Nazis 1933 beg\u00fcnstigte, ist heute unter Historikern wohl unbestritten. Und mancherorts wurden damals dann auch die richtigen Lehren aus diesem Komplettversagen gezogen: 1936 siegte bei den Parlamentswahlen in Frankreich eine aus Sozialdemokraten, Kommunisten und Linksliberalen gebildete \u201eVolksfront\u201c \u2013 in spektakul\u00e4rem Kontrast zu den Ereignissen im benachbarten Deutschland \u2013 und verbot sofort alle faschistischen Organisationen\u2026<\/p>\n<p><strong>Sanna Marin und Magdalena Andersson: In sozialdemokratischer Tradition<\/strong><\/p>\n<p>Mitunter verlief die Entwicklung aber auch v\u00f6llig entgegengesetzt. Preisfrage: In welchem europ\u00e4ischen Land gab es einmal eine Regierung, in der Sozialdemokraten in trauter Eintracht mit einem faschistischen Ministerkollegen am Kabinettstisch sa\u00dfen? Antwort: in Finnland, in den Jahren 1941 bis 1944, in der Regierung des (liberal-konservativen) Premierministers Johan Wilhelm Rangell. Mehrere Minister der finnischen SP, darunter der Finanzminister V\u00e4in\u00f6 Tanner, arbeiteten damals in einer Koalition mit der rechtsextremen \u201ePatriotischen Volksbewegung\u201c zusammen, deren Vorl\u00e4uferorganisation (die so genannte \u201eLapua-Bewegung\u201c) nach einem missgl\u00fcckten Staatsstreich in den 1930er Jahren verboten worden war und die sich nunmehr auf den parlamentarischen Kampf konzentrierte.(7) An der Seite der Nazi-Wehrmacht griff die finnische Armee im Juni 1941 die Sowjetunion an, unter anderem beteiligte sie sich an der Belagerung Leningrads. In den Anfangsmonaten richtete sie in den von ihr vor\u00fcbergehend besetzten sowjetischen Territorien in Karelien Konzentrationslager ein, in denen haupts\u00e4chlich Frauen und Kinder zusammengepfercht wurden.(8)<\/p>\n<p>Als nach der Niederlage der deutschen und finnischen Truppen die Regierung in Helsinki einem f\u00fcr sie dem\u00fctigenden Friedensvertrag mit der UdSSR zustimmen musste, verpflichtete sie sich auch dazu, ein Kriegsverbrechertribunal nach dem Vorbild der N\u00fcrnberger Prozesse einzurichten; der w\u00e4hrend des Krieges amtierende Premierminister Rangell und auch der sozialdemokratische Finanzminister Tanner der oben erw\u00e4hnten Koalitionsregierung waren unter den Angeklagten.(9) Beide wurden (es war keine international besetzte, sondern aus Finnen bestehende Jury, deshalb wohl die vergleichsweise milden Urteile) zu mehrj\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt \u2013 was besagten Ex-Finanzminister aber nicht daran hinderte, nach der Verb\u00fc\u00dfung seiner Haftstrafe in den 1950er Jahren als Vorsitzender der finnischen Sozialdemokratischen Partei zu kandidieren und zu gewinnen (!).(10) Prompt benutzte er sein neues Amt dazu, die Auss\u00f6hnungspolitik des damaligen moskau-freundlichen (konservativen) Staatspr\u00e4sidenten Urho Kekkonen mit der Sowjetunion nach Kr\u00e4ften zu sabotieren\u2026<\/p>\n<p>Exakt in dieser unseligen, extrem antirussischen\/antisowjetischen Tradition sind die ehemaligen sozialdemokratischen Regierungschefinnen von Finnland und Schweden, Sanna Marin und Magdalena Andersson, zu verorten, die 2022 den NATO-Beitritt beider L\u00e4nder in die Wege leiteten und auf einen Konfrontationskurs mit Russland einschwenkten. Und in den letzten Monaten profilierte sich bekanntlich die d\u00e4nische (ebenfalls sozialdemokratische) Ministerpr\u00e4sidentin Mette Frederiksen als ausgesprochene Anti-Putin-Hardlinerin. In Norwegen wiederum ist der ehemalige Premier Jens Stoltenberg wieder Finanzminister in der aktuellen sozialdemokratischen Regierung \u2013 als NATO-Generalsekret\u00e4r (bis 2024) tat er, wie wir wissen, alles, um die Kriegshysterie in Europa anzuheizen. \u00dcberall, wohin man sieht: Sozialdemokraten an vorderster Front \u2013 da will nat\u00fcrlich auch die deutsche SPD nicht hintanstehen (\u201eVerteidigungsminister\u201c Boris Pistorius: \u201eWir sind nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im kompletten Frieden\u201c), schon gar nicht eingedenk ihrer oben beschriebenen Geschichte.<\/p>\n<p><strong>Fico: Die Ausnahme<\/strong><\/p>\n<p>Bereits kurz nach dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine hatte die Sozialistische Internationale (seit 2013 nur noch eine Rumpforganisation nach der auf Wunsch der SPD erfolgten Rechts-Abspaltung \u201eProgressive Allianz\u201c) auf Betreiben des spanischen Premierministers Pedro Sanchez die sozialdemokratisch ausgerichtete Partei \u201eGerechtes Russland\u201c (drittst\u00e4rkste Fraktion im Parlament in Moskau) aus dem Parteienb\u00fcndnis geworfen(11), weil sie die Invasion gerechtfertigt hatte (bereits ein paar Jahre zuvor waren die nicaraguanischen \u201eSandinistas\u201c aus der Organisation ausgeschlossen worden). Und am 17. Oktober dieses Jahres wurde die slowakische Partei \u201eSmer\u201c des amtierenden Premierministers Robert Fico aus der \u201eEurop\u00e4ischen Sozialdemokratischen Partei\u201c herausgeworfen, wohl unter anderem wegen ihrer Weigerung, Waffen an die Ukraine zu liefern.(12) Komplettiert wird die Riege der dezidiert anti-russisch orientierten prominenten europ\u00e4ischen Sozialdemokraten durch den britischen Premier Keir Starmer (\u201eLabour ist die NATO-Partei!\u201c) und den aktuellen <em>Shooting Star<\/em> der franz\u00f6sischen Sozialdemokraten, den Europaabgeordneten und m\u00f6glichen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Raphael Glucksmann (\u201eSie, Monsieur, vertreten die Partei der Kapitulation\u201c, schleuderte er Jordan Bardella, dem Parteichef des <em>Rassemblement National<\/em>, in einer TV-Diskussion kurz vor der Parlamentswahl 2024 entgegen, als dieser erkl\u00e4rte, mit ihm als Premier werde es keine franz\u00f6sischen Truppen in der Ukraine geben).<\/p>\n<p>Die (zeitlich ohnehin besch\u00e4mend kurze) \u00c4ra des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner Auss\u00f6hnungspolitik gegen\u00fcber dem Osten war somit, r\u00fcckblickend betrachtet, nur ein vor\u00fcbergehendes Intermezzo in der langen Geschichte der deutschen und europ\u00e4ischen Sozialdemokratie \u2013 je nach Sichtweise ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr die deutsche und europ\u00e4ische Politik oder (in den Augen der neuen kalten Krieger) eine Art Betriebsunfall, an den niemand mehr erinnert werden m\u00f6chte Es ist denn auch absolut kein Zufall, dass von der \u201eManifest\u201c-Fraktion in der deutschen SPD, die sich mehr oder weniger klar von dem \u201eZeitenwende\u201c-Aufr\u00fcstungskurs distanzierte, nun schon seit Monaten nichts mehr zu h\u00f6ren und zu sehen ist, und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der, der trotz des von seiner Regierung verantworteten milit\u00e4rischen \u00dcberfalls auf (Rest-)Jugoslawien 1999 heute ein ausgesprochen pazifistisch orientierter und russlandfreundlicher Politiker ist, in seiner Partei inzwischen als eine Art Paria gilt. Sozialdemokratie und Friedenspolitik \u2013 das ist heutzutage wohl nur noch ein Thema f\u00fcr Historiker.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<p>1) Eine l\u00e4ngere Passage in dem Enth\u00fcllungsbuch \u201eCIA\u201c von Victor Marchetti und John D. Marks handelt offensichtlich von Willy Brandt, obwohl sein Name nicht genannt wird (etliche Passagen in dem Buch durften nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit der CIA nicht abgedruckt werden, Marchetti und Marks brachten an diesen Textstellen stattdessen leere Seiten in der L\u00e4nge des Originaltextes): Victor Marchetti\/John D. Marks, \u201eCIA\u201c, Deutsche Verlagsanstalt, 1985<\/p>\n<p>2) Der Entwurf zu diesem Plakat geht angeblich auf Eberhard Taubert und Rudolf Fust zur\u00fcck, die beide im Dritten Reich f\u00fcr die Propagandaabteilung der NSDAP t\u00e4tig waren: Klaus K\u00f6rner, \u201eErst in Goebbels\u2019, dann in Adenauers Diensten\u201c, <em>Die Zeit<\/em>, Nr. 35\/1990<\/p>\n<p>3) Sabine Pamperrien, \u201eHelmut Schmidt und der Schei\u00dfkrieg. Die Biographie 1918 bis 1945\u201c, Piper Verlag, 2014<\/p>\n<p>4) Anton-Andreas Guha, \u201eEnde. Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg\u201c, Athen\u00e4um, 1983<\/p>\n<p>5) Sebastian Sauer, \u201eErster Weltkrieg: Wider den \u00e4u\u00dferen Feind\u201c, <em>Junge Welt<\/em>, 31. Juli 2025; \u201eSozialdemokratie und Krieg: \u201aUnsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit\u2018\u201c, <em>Der Freitag<\/em>, 24. April 2022<\/p>\n<p>6) Etwa Sabine Schattenberg, \u201e\u2018Warum Breschnew nicht Putin werden konnte\u2019 \u2013 aber Putin zu Breschnew werden k\u00f6nnte\u201c, Zeitgeschichte online, 17. M\u00e4rz 2018<\/p>\n<p>7) \u201eRangell cabinet\u201c, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/\">https:\/\/en.wikipedia.org<\/a><\/p>\n<p>8) Tina Kinnunen\/Ville Kivim\u00e4ki, \u201eFinland in World War II: History, Memory, Interpretations\u201c, Brill Verlag, 2011<\/p>\n<p>9) \u201ePolitical Paavo\u201c, <em>Time<\/em>, 6. Dezember 1948<\/p>\n<p>10) \u201eV\u00e4in\u00f6 Tanner\u201c, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/\">https:\/\/en.wikipedia.org<\/a><\/p>\n<p>11) Socialist International, \u201eDecision regarding membership of A Just Russia-Patriots-For the Truth Party\u201c, 7. M\u00e4rz 2022<\/p>\n<p>12) \u201eEurop\u00e4ische Sozialdemokraten schlie\u00dfen slowakische Smer-Partei aus\u201c, <em>Die Zeit<\/em>, 17. Oktober 2025<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/hintergrund\/gesellschaft\/sozialdemokratie-und-russophobie\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. Oktober 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norbert Faulhaber. Der abrupte Schwenk der SPD-F\u00fchrung in Richtung einer kompromisslos anti-russischen Politik nach dem 24. Februar 2022, gipfelnd in der \u201eZeitenwende\u201c-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz, hat viele aktuelle und ehemalige Anh\u00e4nger, die einst in &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":15879,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[39,142,31,114,49,27,42,4,118],"class_list":["post-15878","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-deutschland","tag-dritter-weltkrieg","tag-erster-weltkrieg","tag-kalter-krieg","tag-repression","tag-russland","tag-sozialdemokratie","tag-strategie","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15878"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15878\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15880,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15878\/revisions\/15880"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15879"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}