{"id":15891,"date":"2025-11-04T16:53:07","date_gmt":"2025-11-04T14:53:07","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15891"},"modified":"2025-11-04T16:53:08","modified_gmt":"2025-11-04T14:53:08","slug":"weissrussland-was-fuer-ein-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15891","title":{"rendered":"Wei\u00dfrussland \u2013 was f\u00fcr ein Russland?"},"content":{"rendered":"<p><em>Alexander Neu. <\/em><strong>In den westlichen Mainstreammedien ist gelegentlich von dem Land Wei\u00dfrussland \u2013 oder alternativ Belarus \u2013 zu h\u00f6ren. Die Berichterstattung ist in der Regel negativ konnotiert. Bereits das im Namen enthaltende \u201erus\u201c assoziiert sodann eine Verbindung mit Russland und f\u00fchrt zu einer negativen Wahrnehmung des Landes im Westen. Diese Negativperzeption wird verst\u00e4rkt<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p> <strong>durch den Dauer-Pr\u00e4sidenten Alexander Lukaschenko, der seit Mitte 1994 das Land autorit\u00e4r f\u00fchrt. \u00c4hnlich wie auch in der Ukraine gab es 2020 den Versuch, einen Regimechange mit westlicher Unterst\u00fctzung durchzuf\u00fchren, um das Land aus der Einflusszone des gro\u00dfen Nachbarn zu ziehen. Seitdem hat die EU rund 170 Mio. Euro in Programme oppositioneller Gruppierungen investiert.<\/strong><\/p>\n<p>Anlass f\u00fcr die Proteste waren die Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2020, die laut internationalen Wahlbeobachtern \u201eundemokratisch\u201c gewesen seien. Anders als in der Ukraine scheiterte der Versuch jedoch. Sowohl Pr\u00e4sident Lukaschenko als auch Russland setzten alles \u2013 auch mit umfassend repressiven Mitteln \u2013 daran, den anvisierten Regimechange abzuwenden. Im Ergebnis ist Wei\u00dfrussland n\u00e4her an Russland ger\u00fcckt als je zuvor seit seiner Unabh\u00e4ngigkeit im Kontext des Zerfalls der Sowjetunion 1991. Die Hintergr\u00fcnde des versuchten und gescheiterten Regimechange sollen indes nicht Gegenstand dieses Beitrages sein. Vielmehr fokussiert der Beitrag auf die wachsende geostrategische Relevanz dieses Landes angesichts der Eskalation des direkten Krieges zwischen Russland und der Ukraine sowie dem Noch-Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland.<\/p>\n<p><strong>Geographische Lage \u2013 geopolitische und -strategische Bedeutung Wei\u00dfrusslands<\/strong><\/p>\n<p>Wei\u00dfrussland \u2013 oder auch Belarus genannt \u2013 ist ein ostslawischer Binnenstaat zwischen Polen im Westen, Litauen und Lettland im Norden, Russland im Osten und der Ukraine im S\u00fcden \u2013 das Land verf\u00fcgt also nicht \u00fcber einen eigenen Meereszugang.<\/p>\n<p>Die Siedlungsgebiete der Wei\u00dfrussen waren in der Geschichte vielmehr Objekte diverser externer M\u00e4chte wie Litauen, Polen und auch Russland. Das heutige Wei\u00dfrussland ist ein post-sowjetischer Staat in den Grenzen der \u201eWei\u00dfrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik\u201c ab 1939\/45. Die Territorialgewinne gehen auf das Zusatzprotokoll des \u201eDeutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags\u201c (bekannter als \u201eHitler-Stalin-Pakt\u201c) und letztlich dem Ergebnis des Zweiten Weltkrieges zur\u00fcck. Es handelte sich hierbei mit Blick auf die sowjetischen Territorialgewinne vorwiegend um eine Revision des \u201eFriedensvertrages von Riga\u201c 1921, bei dem Polen im Osten Gebiete annektierte, in dem haupts\u00e4chlich Ostslawen (Wei\u00dfrussen, Ukrainer und Russen) lebten. Diesem Umstand wurde urspr\u00fcnglich durch die sogenannte \u201eCurzon-Linie\u201c Rechnung getragen, die die Westgrenze des damaligen Sowjetrusslands festlegen sollte \u2013 die von Polen indes ignoriert wurde. Bedauerlicherweise werden diese Tatsachen in der westlichen Geschichtsschreibung geflissentlich \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Im Zweiten Weltkrieg war Wei\u00dfrussland in der Sowjetunion die vermutlich am st\u00e4rksten zerst\u00f6rte Sowjetrepublik \u2013 gemessen an seiner Landes- und Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6\u00dfe. Die Erinnerungen an diese menschlichen, infrastrukturellen und kulturellen Verluste durch den Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands ist bis heute in der wei\u00dfrussischen Gesellschaft wach \u2013 bekannterweise haben Opfer ein l\u00e4ngeres Ged\u00e4chtnis als T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die Mehrheitsbev\u00f6lkerung ist auch die Titularnation mit etwas \u00fcber 80 Prozent Anteil, die Wei\u00dfrussen. Das Land verf\u00fcgt \u00fcber eine Fl\u00e4che von etwa 207.600 Quadratkilometer und knapp 10 Mio. Einwohner. Die Hauptstadt Minsk mit knapp 2 Mio. Einwohnern ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Eine zweite Stadt, die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte Stadt, mit dem Namen Brest ist dem durchschnittlichen Bildungsb\u00fcrger allenfalls in einem historischen Kontext noch bekannt und zwar dem separaten Friedensabkommen von Brest-Litowsk im M\u00e4rz 1918 zur Beendigung des Krieges zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem neuen Staat Sowjetrussland zu Lasten des Letzterem. Die besondere geo- und milit\u00e4rstrategische Bedeutung Wei\u00dfrusslands f\u00fchrt aufgrund seiner weit nach Westen vorgelagerten Positionierung zu diversen \u201eHerausforderungen\u201c f\u00fcr die NATO einerseits und Russland andererseits:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Aus westlicher Bedrohungsperspektive ragt Wei\u00dfrussland wie ein Bollwerk in das NATO-Territorium hinein. Es sei ein Vorposten m\u00f6glicher milit\u00e4rischer Bedrohungen durch Russland.<br \/>Hinzu kommt, dass Wei\u00dfrussland fast eine Landbr\u00fccke zwischen Russland und der russischen Exklave Kaliningrad an der Ostsee darstellt. Diese Fast-Landbr\u00fccke wird durch die sogenannte Suwalki-L\u00fccke (65 Kilometer Luftlinie und rund 100 Kilometer Stra\u00dfenlinie) unterbrochen, die die beiden NATO-Staaten Polen und Litauen und damit das Baltikum unmittelbar verbindet.<\/li>\n<li>Aus russischer Bedrohungsperspektive ist Wei\u00dfrussland von den NATO-Staaten Polen, Litauen und Lettland halb eingekreist. Hinzu kommt die pro-westliche Ukraine, womit Wei\u00dfrussland aus wei\u00dfrussischer und russischer Perspektive von drei Seiten nahezu eingekreist und somit einem enormen Sicherheitsrisiko ausgesetzt sei.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Allein diese geographische Darstellung macht deutlich, wie bedeutsam im geostrategischen und milit\u00e4rischen Sinne die Region sowohl f\u00fcr die NATO und EU-Europa auf der einen sowie auch f\u00fcr Russland auf der anderen Seite ist. Die Suwalki-L\u00fccke ist mindestens so anf\u00e4llig <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140239\">f\u00fcr eine milit\u00e4rische Eskalation wie die Ostsee<\/a> selbst. Zumal diese Suwalki-L\u00fccke ein Teil des Ostseeraumes ist: Eine m\u00f6gliche milit\u00e4rische Konfrontation in der Ostsee w\u00fcrde automatisch auch auf die Suwalki-L\u00fccke \u00fcbergreifen. Und umgekehrt, eine milit\u00e4rische Konfrontation in der Suwalki-L\u00fccke w\u00fcrde auf die Ostsee \u00fcbergreifen.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Darstellung der globalen geopolitischen Dimension ist hinzuzuf\u00fcgen, dass Wei\u00dfrussland zum engsten politischen, wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Verb\u00fcndeten der Russischen F\u00f6deration \u2013 auch beschleunigt durch den gescheiterten Regimechange \u2013 geworden ist. 2024 schlie\u00dflich trat Wei\u00dfrussland der Schanghaier Organisation f\u00fcr Kooperation (SCO) bei und verf\u00fcgt seit 2025 \u00fcber den Status als Partnerstaat der BRICS. Damit ist Wei\u00dfrussland im B\u00fcndnis mit Russland nicht nur im Orbit des globalen Nicht-Westens fest verankert, sondern erlaubt der SCO sowie der BRICS auch einen weiteren Fu\u00dfabtritt in Europa.<\/p>\n<p><strong>Politische Einordnung<\/strong><\/p>\n<p>Wei\u00dfrussland ist bis zur Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung 1991 nie ein eigenst\u00e4ndiger Staat im v\u00f6lkerrechtlichen Sinne gewesen. Diese Tatsache spielt auch in der wei\u00dfrussischen Gesellschaft eine Rolle hinsichtlich der Frage, wie weit Wei\u00dfrussland sich in Russland integrieren soll: Sollte Wei\u00dfrussland der Russischen F\u00f6deration beitreten und somit seine Unabh\u00e4ngigkeit aufgeben \u2013 die Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6\u00dfe Wei\u00dfrusslands ist geringer als die Einwohnerzahl Moskaus \u2013 oder sollte Wei\u00dfrussland seine Eigenst\u00e4ndigkeit bewahren, aber der engste Verb\u00fcndete Russlands sein?<\/p>\n<p>Russland selbst pr\u00e4feriert wohl eine Vollintegration Wei\u00dfrusslands. Der wei\u00dfrussische Pr\u00e4sident Lukaschenko jedoch versucht die Eigenst\u00e4ndigkeit zu wahren, wobei der versuchte Regimechange letztlich ihn dazu veranlasste, doch n\u00e4her an Russland heranzur\u00fccken. Der 1999 geschaffene Unionsstaat \u2013 bestehend aus Wei\u00dfrussland und Russland \u2013 wurde als ein entwicklungsoffener Weg zwischen Staatenbund und Bundesstaat betrachtet. Die gemeinsamen Institutionen sind eher intergouvernemental, weniger supranational, das gemeinsame Parlament ist parit\u00e4tisch \u2013 jeweils 36 Abgeordnete aus beiden L\u00e4ndern \u2013 besetzt, verf\u00fcgt jedoch nicht \u00fcber eine eigene Gesetzgebungskompetenz, was den Wesenskern eines Parlamentes ausmacht.<\/p>\n<p>Die diversen politischen Felder sind unterschiedlich integriert. So gibt es eine Zollunion zwischen beiden Staaten, jedoch keine gemeinsame W\u00e4hrung. Die Au\u00dfen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist hingegen in den letzten Jahren st\u00e4rker integriert worden.<\/p>\n<p><strong>Milit\u00e4rische Integration<\/strong><\/p>\n<p>Zwar beteiligt sich Wei\u00dfrussland nicht direkt an dem Krieg gegen die Ukraine, jedoch kann die russische Armee wei\u00dfrussisches Territorium \u2013 einschlie\u00dflich des Luftraums \u2013 f\u00fcr seine Operationen in der Ukraine nutzen. Des Weiteren r\u00fcckt Wei\u00dfrussland in der 2024 aktualisierten Nukleardoktrin (<em>\u201eGRUNDLAGEN der staatlichen Politik der Russischen F\u00f6deration zu Nuklearen Abschreckung\u201c<\/em>) Russlands unter den russischen Nuklearschirm:<\/p>\n<p>\u201ed)<em> eine Aggression gegen die Russische F\u00f6deration und\/oder Wei\u00dfrussland mit dem Einsatz herk\u00f6mmlicher Waffen, wenn die staatliche Existenz selbst bedroht\u201c werde.<\/em><\/p>\n<p>Wenige Monate zuvor trat dar\u00fcber hinaus eine neue wei\u00dfrussische Milit\u00e4rdoktrin in Kraft, die die Stationierung russischer Atomwaffen als Element der Abschreckung bezeichnet.<\/p>\n<p>Bereits 2022 wurde der Status des \u201eatomwaffenfreien\u201c Landes aus der Verfassung Wei\u00dfrusslands gestrichen. Mit dieser verfassungsrechtlichen Ver\u00e4nderung und der zwischenzeitlich vollzogenen Stationierung von taktischen Atomsprengk\u00f6pfen sind Russland und Wei\u00dfrussland dem NATO-Beispiel der Stationierung von taktischen Atomwaffen auf dem Gebiet eines Verb\u00fcndeten gefolgt. Der nukleare Schutzschirm Russlands wird auf diese Weise nicht nur \u00fcber Wei\u00dfrussland gespannt, sondern in Wei\u00dfrussland selbst sind nun taktische Atomsprengk\u00f6pfe stationiert.<\/p>\n<p>Ungekl\u00e4rt ist der atomare Status Wei\u00dfrusslands: Kann Wei\u00dfrussland \u00fcber die Atomwaffen g\u00e4nzlich alleine verf\u00fcgen, womit das Land ein neuer Atomwaffenstaat in der internationalen Arena w\u00e4re? Oder gibt es eine restriktive Verf\u00fcgungsqualit\u00e4t \u00e4hnlich wie bei der technisch-nuklearen Teilhabe in der NATO, soll hei\u00dfen, entscheidet Moskau in letzter Instanz politisch und technisch \u00fcber den Einsatz; wer hat also den roten Knopf \u2013 Minsk oder Moskau? Die Aussagen Putins und Lukaschenkos widersprechen sich, wobei die Unklarheit vielleicht auch als psychologisches Abschreckungselement gegen die NATO gewollt ist.<\/p>\n<p>Wie auch immer, in beiden F\u00e4llen w\u00e4re es ein eindeutiger Versto\u00df Russlands und Wei\u00dfrusslands gegen den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag, wie auch die USA und die NATO-Staaten mit der technisch-nuklearen Teilhabe gegen den Vertrag versto\u00dfen. Im nuklearen Nichtverbreitungsvertrag hei\u00dft es unzweideutig:<\/p>\n<p><strong><em>\u201eArtikel I<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Jeder Kernwaffenstaat, der Vertragspartei ist, verpflichtet sich, Kernwaffen und sonstige Kernsprengk\u00f6rper oder die Verf\u00fcgungsgewalt dar\u00fcber an niemanden unmittelbar oder mittelbar weiterzugeben und einen Nichtkernwaffenstaat weder zu unterst\u00fctzen noch zu ermutigen noch zu veranlassen, Kernwaffen oder sonstige Kernsprengk\u00f6rper herzustellen oder sonstwie zu erwerben oder die Verf\u00fcgungsgewalt dar\u00fcber zu erlangen\u201c<\/em><\/p>\n<p>sowie<\/p>\n<p><strong><em>\u201eArtikel II<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Jeder Nichtkernwaffenstaat, der Vertragspartei ist, verpflichtet sich, Kernwaffen oder sonstige Kernsprengk\u00f6rper oder die Verf\u00fcgungsgewalt dar\u00fcber von niemandem unmittelbar oder mittelbar anzunehmen, Kernwaffen oder sonstige Kernsprengk\u00f6rper weder herzustellen noch sonstwie zu erwerben und keine Unterst\u00fctzung zur Herstellung von Kernwaffen oder sonstigen Kernsprengk\u00f6rpern zu suchen oder anzunehmen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es wird immer deutlicher, dass internationale Abkommen zur R\u00fcstungskontrolle und -begrenzung zunehmend in die Galerie mit dem Titel \u201e<em>Wir hatten zumindest eine gute Absicht<\/em>\u201c abgeschoben werden.<\/p>\n<p>Als Tr\u00e4gersysteme kommen die Iskander-M-Raketensysteme (Kurzstreckenrakete bis 500 Kilometer Reichweite) sowie Kampfbomber in Betracht. Ab Dezember 2025 soll auch die neueste Hyperschall-Waffe, die Mittelstreckenrakete \u201eOreschnik\u201c in Wei\u00dfrussland stationiert werden, womit der Wirkradius \u2013 ob konventionell oder atomar \u2013 noch weiter nach Westeuropa ausgedehnt wird. Ob die bereits gelagerten taktisch-nuklearen Sprengk\u00f6pfe auch auf die Oreschnik montiert werden sollen, ist mir nicht bekannt.<\/p>\n<p>All dies offenbart die \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrliche Eskalation in Europa durch milit\u00e4rtechnische Ma\u00dfnahmen und Gegenma\u00dfnahmen der Konfliktseiten in dem Krieg der Ukraine und um den Krieg um die Ukraine.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141451\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. November 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Neu. In den westlichen Mainstreammedien ist gelegentlich von dem Land Wei\u00dfrussland \u2013 oder alternativ Belarus \u2013 zu h\u00f6ren. 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