{"id":15897,"date":"2025-11-05T12:27:37","date_gmt":"2025-11-05T10:27:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15897"},"modified":"2025-11-05T12:27:38","modified_gmt":"2025-11-05T10:27:38","slug":"blick-aus-dem-globalen-sueden-die-welt-finanziert-das-us-defizit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15897","title":{"rendered":"Blick aus dem Globalen S\u00fcden: Die Welt finanziert das US-Defizit"},"content":{"rendered":"<p><em>Jaime Bravo &amp; Jorge Coulon. <\/em><strong>Der Status des US-Dollars als Weltreservew\u00e4hrung erm\u00f6glicht es den USA, ihre Inflation zu exportieren und \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse zu leben \u2013 auf Kosten aller anderen. Die gro\u00dfe Frage ist, wie lange dieses System aufrechterhalten werden kann. Es gibt bereits Versuche, Alternativen zu schaffen: den chinesischen Yu an oder Renminbi, die BRICS-Initiativen zum Handel in lokalen oder sogar in digitalen W\u00e4hrungen der Zentralbanken.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im August 1971 verk\u00fcndete der damalige US-Pr\u00e4sident Richard Nixon die Aussetzung der Bindung des Dollars an Gold.<\/p>\n<p>Damit endete ein Zyklus, der mit den Bretton-Woods-Abkommen [1944, Anm. d. Red.] begonnen hatte, die den USA \u2013 der einzigen Industrie- und Finanzmacht, die mit ihren intakten Kapazit\u00e4ten und als Kreditgeber f\u00fcr den Rest der Welt aufstrebten \u2013 die M\u00f6glichkeit gaben, ihre W\u00e4hrung zur globalen Wertreserve zu machen.<\/p>\n<p>Aber selbst mit diesem amerikanischen Gewicht mussten die USA Kompromisse bei der Golddeckung eingehen und daf\u00fcr die Reserven der westlichen L\u00e4nder konzentrieren. Niemand war bereit, die Druckerpresse f\u00fcr die Reservew\u00e4hrung einem einzigen Land zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Mit der Aufhebung der Konvertibilit\u00e4t \u2013 dem sogenannten Nixon-Schock \u2013 brach das Bretton-Woods-System zusammen, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs f\u00fcr Stabilit\u00e4t im internationalen Handel gesorgt hatte. Der Goldstandard, der garantierte, dass jeder Dollar gegen eine feste Menge Edelmetall eingetauscht werden konnte, wurde aufgegeben.<\/p>\n<p>Seitdem wird der Dollar allein durch \u201eVertrauen\u201d in die US-Wirtschaft und die politische und milit\u00e4rische Macht, die dahintersteht, gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Aber das ist nicht alles. Die erzwungene Verwendung des Dollars f\u00fchrte zur Entstehung der Petrodollars. Nixon selbst unterzeichnete ein Abkommen mit Saudi-Arabien, wonach dieses Land \u2013 seinerzeit der f\u00fchrende \u00d6lexporteur \u2013 nur Zahlungen in US-Dollar akzeptieren w\u00fcrde. Im Gegenzug w\u00fcrden die USA die Sicherheit Saudi-Arabiens garantieren.<\/p>\n<p>Die hohe Abh\u00e4ngigkeit der Weltwirtschaft vom \u00d6l sicherte den Fortbestand dieser W\u00e4hrung als Reservew\u00e4hrung und als universellstes internationales Zahlungsmittel.<\/p>\n<p><strong>Exorbitantes Privileg<\/strong><\/p>\n<p>Dieser \u00dcbergang zu einer auf \u201eVertrauen\u201d basierenden W\u00e4hrung f\u00fchrte zu einer besonderen Finanzordnung: Die W\u00e4hrung eines einzigen Landes wurde der globale Ma\u00dfstab.<\/p>\n<p>Damit erlangte Washington ein beispielloses Privileg: Es kann nach Belieben Dollar drucken, ohne dass die Welt diese ablehnt. Tats\u00e4chlich verlangt die Welt nach ihnen. Zentralbanken, Regierungen und Unternehmen ben\u00f6tigen Dollar, zum Handeln, Sparen und Leihen. Was f\u00fcr jede andere Nation ein sicheres Rezept f\u00fcr Inflation w\u00e4re, wird f\u00fcr die USA zu einem Mechanismus f\u00fcr globale Finanzierung.<\/p>\n<p>Der damalige Finanzminister \u2013 und sp\u00e4tere Pr\u00e4sident Frankreichs \u2013 Val\u00e9ry Giscard d\u2019Estaing bezeichnete diese Situation als \u201eexorbitantes Privileg\u201d.<\/p>\n<p>Und er hatte recht: Dank der Hegemonie des Dollars k\u00f6nnen die USA \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse leben und ihre Haushalts- und Handelsdefizite mit Papiergeld \u2013 oder digitalen Belegen \u2013 finanzieren, die andere wie Gold horten.<\/p>\n<p><strong>Wie die Maschinerie funktioniert<\/strong><\/p>\n<p>Die Maschinerie funktioniert auf einfache und brutale Art und Weise.<\/p>\n<p>Wie wir gesehen haben, werden \u00d6l und die meisten anderen Rohstoffe in Dollar gehandelt. Internationale Schulden werden in Dollar angegeben. Die Reserven der Zentralbanken werden in Dollar gehalten. Somit zahlt jedes Land der Welt eine Art \u201eTribut\u201d an das Zentrum des Systems.<\/p>\n<p>Wenn die Federal Reserve die Geldmenge erweitert \u2013 wie nach der Krise von 2008 oder w\u00e4hrend der Pandemie von 2020 \u2013, injiziert sie Liquidit\u00e4t, die \u00fcber ihre Grenzen hinausflie\u00dft.<\/p>\n<p>Ein Teil dieser Dollar zirkuliert in der Weltwirtschaft, \u00fcbt Druck auf Preise aus und wertet lokale W\u00e4hrungen ab. Andere kehren in Form von K\u00e4ufen von Treasury Bonds[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141577#foot_1\">*<\/a>], die als die sichersten Anlagen der Welt gelten, in die USA zur\u00fcck. In beiden F\u00e4llen gewinnt Washington: Es finanziert seine Schulden zu niedrigen Kosten und exportiert einen Teil seiner Inflation.<\/p>\n<p><strong>Nicht alle Schuld liegt beim Dollar<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Punkt sollte differenziert werden. Die globale Inflation l\u00e4sst sich nicht allein durch die Emissionen der USA erkl\u00e4ren. Noch andere Faktoren sind im Spiel: Kriege, die die Lieferketten unterbrechen; \u00d6lpreisanstiege; Pandemien, die die Produktion beeintr\u00e4chtigen; Finanzspekulationen und die Innenpolitik der einzelnen L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Aber der Dollar wirkt wie ein Verst\u00e4rker: Sein Status als globale Reservew\u00e4hrung bedeutet, dass die Kosten der Entscheidungen der USA auf globaler Ebene verteilt werden.<\/p>\n<p>Wenn beispielsweise die Federal Reserve die Zinsen erh\u00f6ht, flie\u00dft Kapital aus Schwellenl\u00e4ndern in Treasury Bonds, wodurch der Dollar gest\u00e4rkt und die nationalen W\u00e4hrungen geschw\u00e4cht werden. Dies macht Importe teurer, erh\u00f6ht die Kosten der Auslandsverschuldung und trifft die peripheren Volkswirtschaften direkt.<\/p>\n<p>Es macht deutlich, dass die W\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t des Globalen S\u00fcdens an die Entscheidungen einer Zentralbank gebunden ist, die ausschlie\u00dflich den Interessen der USA dient, mit F\u00fchrungskr\u00e4ften aus der privaten Finanzwelt und einem von der Exekutive ernannten Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p><strong>Unsichtbare Finanzierung<\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis ist paradox: Die ganze Welt finanziert das Defizit der USA. Das am h\u00f6chsten verschuldete Land der Welt bleibt gleichzeitig in den Augen der M\u00e4rkte das solventeste. Nicht weil seine Konten in Ordnung sind, sondern weil es immer in der W\u00e4hrung bezahlen kann, die nur es selbst ausgibt.<\/p>\n<p>Es ist, als akzeptierten alle anderen bereitwillig, ewige Gl\u00e4ubiger einer Macht zu sein, die niemals beabsichtigt, sie in Gold zur\u00fcckzuzahlen, sondern nur in ihrem eigenen gedruckten Versprechen.<\/p>\n<p><strong>Wie lange wird das so weitergehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Frage ist, wie lange dieses System aufrechterhalten werden kann. Es gibt bereits Versuche, Alternativen zu schaffen: den chinesischen Yuan oder Renminbi, die BRICS-Initiativen zum Handel in lokalen oder sogar in digitalen W\u00e4hrungen der Zentralbanken. Der Euro, obwohl wichtig, hat es nicht geschafft, den Dollar von seinem Thron zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Hegemonie des Dollars ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage: Sie ist ein Machtinstrument. Die USA drucken nicht nur die W\u00e4hrung, die jeder benutzt, sie k\u00f6nnen auch Transaktionen blockieren, Finanzsanktionen verh\u00e4ngen und ganze L\u00e4nder aus dem Zahlungssystem ausschlie\u00dfen. Krieg und Finanzen sind auf demselben Schlachtfeld verwoben.<\/p>\n<p>Unterdessen tr\u00e4gt der Rest der Welt die Kosten: importierte Inflation, teurere Schulden, wiederkehrende W\u00e4hrungskrisen.<\/p>\n<p>Die Schlussfolgerung ist unbequem, aber klar: Wir leben in einer Ordnung, in der der Emittent der Weltw\u00e4hrung Geld ausgibt, das er nicht hat, und der Rest der Welt die Rechnung bezahlt \u2013 zunehmend mit dem, was er ebenfalls nicht hat: steigende Schulden und verpf\u00e4ndete Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/p>\n<p>Vielleicht wird das 21. Jahrhundert die Herausbildung eines neuen monet\u00e4ren Gleichgewichts mit sich bringen. Aber solange der Dollar weiterhin dominiert, wird das Paradoxon bestehen bleiben: Die USA produzieren Defizite, und die ganze Welt finanziert sie.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag erschien <\/em><a href=\"https:\/\/aliran.com\/web-specials\/the-world-finances-the-us-deficit\"><em>im Original auf Aliran<\/em><\/a><em>, \u00dcbersetzung aus dem Englischen von Marta Andujo.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141577\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. November 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jaime Bravo &amp; Jorge Coulon. Der Status des US-Dollars als Weltreservew\u00e4hrung erm\u00f6glicht es den USA, ihre Inflation zu exportieren und \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse zu leben \u2013 auf Kosten aller anderen. 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