{"id":15934,"date":"2025-11-24T15:07:16","date_gmt":"2025-11-24T13:07:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15934"},"modified":"2025-11-24T15:07:17","modified_gmt":"2025-11-24T13:07:17","slug":"bergbau-in-kongo-kobalt-blut-und-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15934","title":{"rendered":"Bergbau in Kongo: Kobalt, Blut und Schweigen"},"content":{"rendered":"<p><em>Marilina Arias. <\/em><strong>Der Einsturz einer Mine in der Demokratischen Republik Kongo hat zahlreiche Arbeiter:innen das Leben gekostet. Der blutigste Ausdruck eines blutigen Ausbeutungssystems.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Demokratische Republik Kongo (DRK) verf\u00fcgt \u00fcber mehr als 50 Prozent der weltweiten Kobaltvorkommen, einem Mineral, das f\u00fcr den \u201egr\u00fcnen Wandel\u201d unverzichtbar ist, da es in Lithiumbatterien f\u00fcr Smartphones, Elektrofahrzeuge und erneuerbare Technologien zum Einsatz kommt. Hinter diesem Mineral verbirgt sich jedoch eine der brutalsten Ausbeutungsstrukturen des 21. Jahrhunderts, gepr\u00e4gt von illegalem Bergbau, t\u00f6dlichen Einst\u00fcrzen und Kinderarbeit. Die j\u00fcngsten Bilder vom Einsturz einer Br\u00fccke mit mehr als 30 Toten \u2013 darunter auch Kinder \u2013 machen die Welt auf eine verschwiegene Realit\u00e4t aufmerksam. Warum arbeiten Kinder in den Minen eines Landes, das mit 70 Prozent der weltweiten Produktion der gr\u00f6\u00dfte Kobalt-Exporteur der Welt ist?<\/p>\n<p><strong>Kobalt unter ausl\u00e4ndischer Kontrolle<\/strong><\/p>\n<p>Die rohstoffreichen Region Katanga und Lualaba sind die Herzst\u00fccke des Kobaltabbaus. Nach dem Zusammenbruch des staatlichen Unternehmens G\u00e9camines und des Ausverkaufs an ausl\u00e4ndische Konzerne wurde die Produktion hochgefahren. Gegr\u00fcndet wurde das Unternehmen 1967, als der damalige Milit\u00e4rchef Mobutu Sese Seko das belgische Bergbauunternehmen Union Mini\u00e8re du Haut Katanga (UMHK) verstaatlichte, das bis zu 70 Prozent der Einnahmen des kongolesischen Staates ausmachte. Nach Korruptionsskandalen und der Veruntreuung von Millionen von Dollar ging das staatliche Unternehmen in den 2000er Jahren jedoch Partnerschaften mit privaten und ausl\u00e4ndischen Bergbauunternehmen ein, was zum Verkauf oder zur Verpachtung seiner besten Verm\u00f6genswerte im Austausch gegen minimale Zahlungen und ung\u00fcnstige Lizenzgeb\u00fchren f\u00fchrte. So \u00fcbernahmen Bergbaugiganten die operative Kontrolle \u00fcber die wichtigsten Kupfer- und Kobaltkonzessionen in der Provinz Katanga und verwandelten das staatliche Unternehmen in eine Holdinggesellschaft mit Minderheitsbeteiligung an den Joint Ventures, die das Mineral tats\u00e4chlich abbauen.<\/p>\n<p>Derzeit werden die wichtigsten Unternehmen, die in der DRK Kobalt in gro\u00dfem Ma\u00dfstab abbauen, mehrheitlich von chinesischen Interessen kontrolliert, wobei auch das Schweizer Glencore eine bedeutende Rolle spielt. Die chinesischen Unternehmen sind die einflussreichsten Akteure, da sie etwa 50 Prozent des Kobaltabbaus und 70 Prozent des Kupferabbaus in der DRK kontrollieren. Ein Beispiel f\u00fcr ein solches Projekt ist die Kupfer- und Kobaltmine in Kolwezi, die von der Compagnie Mini\u00e8re de Musonoie Global SAS (COMMUS) betrieben wird, die mehrheitlich in chinesischem Besitz ist. Glencore betreibt bedeutende Lagerst\u00e4tten in der Region Katanga und Lualaba. Obwohl diese Unternehmen den industriellen Bergbau kontrollieren, stammt ein erheblicher Teil des kongolesischen Kobalts (sch\u00e4tzungsweise zwischen 15 Prozent und 30 Prozent) aus dem handwerklichen und kleinindustriellen Bergbau (MAPE), wo Tausende von informellen Bergleuten und Kindern unter gef\u00e4hrlichen Bedingungen arbeiten und dessen Erz \u00fcber Zwischenh\u00e4ndler und Schmelzh\u00fctten in die Lieferkette gelangt und sich mit industriellem Kobalt vermischt.<\/p>\n<p>Das in der DRK gef\u00f6rderte Kobalt wird haupts\u00e4chlich in das Land exportiert, das die globale Lieferkette f\u00fcr dieses Mineral dominiert: China. Etwa 80 Prozent der Minenproduktion wird zur Verarbeitung und Veredelung nach China gebracht. Das liegt daran, dass chinesische Unternehmen nicht nur einen Gro\u00dfteil der Minen in der DRK kontrollieren, sondern auch die wichtigsten Veredelungsanlagen besitzen. China ist der weltweit gr\u00f6\u00dfte Verbraucher von Kobalt und nutzt es f\u00fcr seine riesige Lithium-Ionen-Batterieindustrie. China hat sich als dominanter Akteur positioniert und streitet mit dem Westen um die Kontrolle \u00fcber die Rohstoffe, indem es stark in die Region investiert, sowohl wirtschaftlich als auch milit\u00e4risch. Chinesische Unternehmen kontrollieren einen Gro\u00dfteil des industriellen Abbaus und der Raffination.<\/p>\n<p><strong>Kleinstbergbau und illegaler Markt<\/strong><\/p>\n<p>Der Zusammenbruch und die Deregulierung von G\u00e9camines trugen auch direkt zum Anstieg des Kleinstbergbaus (MAPE) bei, da Tausende von ehemaligen Arbeiter:innen und verarmten B\u00fcrgern in den verlassenen oder an die Industriemininen angrenzenden Lagerst\u00e4tten nach Lebensunterhalt suchten und damit die Voraussetzungen f\u00fcr illegalen Bergbau und Kinderarbeit schufen. Die MAPE-Arbeiter:inner (Miner\u00eda Artesanal y de Peque\u00f1a Escala, handwerklicher und kleinindustrieller Bergbau) sind die informelle Arbeitskraft, die \u201eKobalt-Rider\u201d. Sie haben keinen Vertrag, arbeiten im Akkord f\u00fcr extrem niedrige (oft weniger als 2 USD pro Tag) und m\u00fcssen ihre eigenen Werkzeuge mitbringen, wobei sie alle Arbeitsrisiken tragen. Sie arbeiten in prek\u00e4ren und irregul\u00e4ren Minen, au\u00dferhalb der staatlichen Kontrolle. Einst\u00fcrze sind h\u00e4ufig und t\u00f6dlich, wie die j\u00fcngste Trag\u00f6die in der Mine von Kawama zeigt.<\/p>\n<p>Bis zu 30 Prozent des international gehandelten Kobalts stammt aus der Arbeit in diesen illegalen Minen. Nach dem Abbau wird das handwerklich gewonnene Mineral auf den lokalen M\u00e4rkten mit industriellem Kobalt vermischt, wodurch seine Herkunft \u201ebereinigt\u201d wird, bevor es zu den H\u00e4ndlern und multinationalen Technologieunternehmen gelangt, die so seine Herkunft ignorieren k\u00f6nnen. In einem Land, in dem die Weltbank 2024 eine Armutsquote von 73 Prozent meldete, ist die illegale Arbeit in den Minen f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung die einzige \u00dcberlebensquelle. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten mehr als 100.000 MAPE-Bergleute im Land unter Bedingungen, die ihre Sicherheit gef\u00e4hrden und Menschenrechte untergraben.<\/p>\n<p><strong>Das j\u00fcngste Gesicht der Sklaverei<\/strong><\/p>\n<p>Kinderarbeit in Kobaltminen ist eine der brutalsten Seiten des Widerspruchs eines Landes, das reich an Bodensch\u00e4tzen ist, in dem aber ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung in bitterer Armut lebt. Existentielle Not und mangelnder Zugang zu Bildung zwingen Tausende von Kindern, f\u00fcr das \u00dcberleben ihrer Familien zu arbeiten. Sch\u00e4tzungen zufolge arbeiten etwa 40.000 Kinder in Kobaltminen, einige davon bereits im Alter von sieben Jahren. In den Provinzen Haut-Katanga und Lualaba dokumentierte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) die Anwesenheit von mehr als 6.200 Kindern in den Minen. Die harte Realit\u00e4t ihrer Arbeit umfasst das Graben instabiler Tunnel, das Tragen schwerer S\u00e4cke mit Erz und das Reinigen mit blo\u00dfen H\u00e4nden. Der st\u00e4ndige Kontakt mit Kobaltstaub und Schwermetallen verursacht schwere Atemwegserkrankungen (Asthma, chronische Bronchitis) und genetische Sch\u00e4den.<\/p>\n<p>Viele entwickeln durch das Tragen schwerer Lasten Wirbels\u00e4ulendeformit\u00e4ten und leiden unter psychischen Traumata. Laut den Recherchen in dem Buch \u201eRed Cobalt\u201c von Siddharth Kara sind Ausbeutung und Unf\u00e4lle so h\u00e4ufig, dass \u201ejeden Tag ein Kind im Kongo stirbt\u201c, damit westliche technische Ger\u00e4te funktionieren k\u00f6nnen. Zus\u00e4tzlich zu diesen Arbeitsbedingungen sind M\u00e4dchen einem zus\u00e4tzlichen Risiko sexueller \u00dcbergriffe ausgesetzt, w\u00e4hrend Milizen Kinder entf\u00fchren und mit ihnen handeln, um sie zur Arbeit zu zwingen und sich mit ihren Eink\u00fcnften zu finanzieren.<\/p>\n<p>Viele Organisationen und NGOs weltweit engagieren sich f\u00fcr die Hilfe und Zusammenarbeit mit afrikanischen Kindern, doch diese Ma\u00dfnahmen sind angesichts des Ausma\u00dfes eines globalen Rohstoffabbausystems, das die Rentabilit\u00e4t und die Auspl\u00fcnderung der Ressourcen des gesamten Kontinents an erste Stelle setzt, unzureichend. Es ist offensichtlich, dass weder die Regierung der DRK, die sich 2017 verpflichtet hatte, die Kinderarbeit bis 2025 zu beenden, noch die Hilfe externer Organisationen in der Lage sind, dem kapitalistischen Gewinnstreben entgegenzuwirken, das vor kurzem mehr als 30 Arbeiter:innen, darunter auch Kindern, das Leben gekostet hat \u2013 einige Medien sprechen bereits von mehr als 70 Toten. Solange die strukturellen Ursachen der Armut nicht angegangen werden, wird Kobalt ein mit Blut beflecktes Metall bleiben und der technologische Fortschritt auf dem stillen Opfer der Kinder und Arbeiter:innen im Kongo aufgebaut sein. Das kongolesische Volk hat in seiner Geschichte gro\u00dfe K\u00e4mpfe gegen den Kolonialismus und f\u00fcr Selbstbestimmung gef\u00fchrt. Es ist notwendig, diese Kraft wiederzubeleben, sie mit allen Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten Afrikas zu vereinen, um den auf dem Kontinent herrschenden Imperialismus zu beenden. Es muss die Verstaatlichung aller Ressourcen und Gemeing\u00fcter, kontrolliert von den Arbeiter:innen und B\u00e4uer:innen, erreicht werden. Nur so k\u00f6nnen die ausl\u00e4ndische Ausbeutung und die strukturelle Armut beendet werden, in der ein so ressourcenreiches Land durch Jahre der Pl\u00fcnderung und Unterdr\u00fcckung durch ausl\u00e4ndische M\u00e4chte, aber auch durch nationale Regierungen, ihre Streitkr\u00e4fte und die lokale Bourgeoisie im Dienste des internationalen Gro\u00dfkapitals gehalten wurde.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/bergbau-in-kongo-kobalt-blut-und-schweigen\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. November 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marilina Arias. Der Einsturz einer Mine in der Demokratischen Republik Kongo hat zahlreiche Arbeiter:innen das Leben gekostet. Der blutigste Ausdruck eines blutigen Ausbeutungssystems.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":15935,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[96,87,50,18,176,45,22,46],"class_list":["post-15934","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-international","tag-afrika","tag-arbeitswelt","tag-china","tag-imperialismus","tag-kongo","tag-neoliberalismus","tag-politische-oekonomie","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15934","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15934"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15934\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15936,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15934\/revisions\/15936"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15935"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15934"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15934"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15934"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}