{"id":15946,"date":"2025-11-26T12:01:44","date_gmt":"2025-11-26T10:01:44","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15946"},"modified":"2025-11-26T12:03:35","modified_gmt":"2025-11-26T10:03:35","slug":"erbschaftssteuer-abstimmungskampf-mit-falscher-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15946","title":{"rendered":"Erbschaftssteuer: Abstimmungskampf mit falscher Debatte"},"content":{"rendered":"<p><em>Werner Vontobel. <\/em><strong>\u00a0Von wegen Gefahr f\u00fcr das Gewerbe. Vom Verm\u00f6gen der Schweizer entf\u00e4llt fast nichts auf Anteile an kleinen und mittleren Betrieben.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4tte es im Abstimmungskampf um die Erbschaftssteuer-Initiative der Juso um soziale und \u00f6kologische Nachhaltigkeit gehen m\u00fcssen. Wie finanzieren wir die f\u00fcr den Schutz der Umwelt n\u00f6tigen Ausgaben? Was bedeutet es f\u00fcr unsere Demokratie, wenn sich die Einkommen und Verm\u00f6gen immer mehr konzentrieren und das reichste Prozent aller Steuerpflichtigen inzwischen fast die H\u00e4lfte aller Verm\u00f6gen besitzt? Wie k\u00f6nnen wir diese Entwicklung am besten steuern? Stattdessen ist es den Gegnern der Vorlage gelungen, die Debatte in ganz andere Bahnen zu lenken: Bricht die Juso-Steuer das R\u00fcckgrat unserer KMU?<\/p>\n<p>Zu diesem Zweck wurde der Eindruck erweckt, als sei ein betr\u00e4chtlicher Teil der zu besteuernden Erbmasse in kleine und mittelgrosse Unternehmen investiert. Diese \u2013 so die These \u2013 w\u00fcrden durch die Erbschaftssteuer finanziell so stark geschw\u00e4cht, dass sie den Betrieb nicht weiterf\u00fchren und ins Ausland verkauft werden m\u00fcssten. Das wiederum w\u00fcrde zum Verlust von vielen Jobs f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ist da etwas dran? Schauen wir uns die Zahlen einmal genauer an.<\/p>\n<p>5930 Milliarden Franken. So gross war Ende 2024 laut Nationalbank das Verm\u00f6gen der Schweizer Haushalte. Davon entfielen 2800 Milliarden auf Immobilien und 1760 Milliarden auf kollektive Anlagen inklusive Pensionskassen, 100 Milliarden auf Obligationen und \u00abnur\u00bb gut 400 Milliarden auf Aktien und Beteiligungen an Unternehmen. Dazu z\u00e4hlen auch alle von Inl\u00e4ndern gehaltenen Aktien von Schweizer Grossunternehmen. F\u00fcr massgebliche Anteile an mittelgrossen Unternehmen d\u00fcrften maximal noch 100 Milliarden bleiben, vermutlich aber noch deutlich weniger.<\/p>\n<p>Gehen wir die Sache noch von einer anderen Seite an: Der ganze, in Unternehmen investierte reale Kapitalstock der Schweiz bel\u00e4uft sich auf gut 500 Milliarden Franken. Davon entfallen rund 220 Milliarden auf Hoch- und Tiefbauten (laut \u00ab<a href=\"https:\/\/www.bauenschweiz.ch\/de\/zahlen\/kennzahlen-der-schweizer-bauwirtschaft.php\">bauenschweiz.ch<\/a>\u00bb 17% aller Hoch- und Tiefbauten im Wert von 1300 Milliarden Franken). Dazu kommen rund 300 Milliarden f\u00fcr Ausr\u00fcstungen, Maschinen, Knowhow, Elektronik und kommerziell genutzte Autos. Das ergibt ein Total von gut 500 Milliarden Franken produktives Kapital, das von Unternehmen (aller Art) investiert und genutzt wird.<\/p>\n<p>Davon d\u00fcrfte gut die H\u00e4lfte auf die kapitalintensiven Grossunternehmen entfallen. (Allein Roche hat ein Betriebsverm\u00f6gen von 52 Milliarden Franken, das aber nur zum Teil in der Schweiz investiert ist.) F\u00fcr den Rest, also die KMU, blieben dann noch 250 Milliarden Franken, wobei man wissen muss, bzw. dank KI erfahren kann, dass unsere KMU im Schnitt zu 70 Prozent fremdfinanziert sind. Von den 250 Milliarden investiertem Kapital blieben demnach noch rund 75 Milliarden besteuerbares Eigenkapital \u00fcbrig. Auch auf diese Weise kommen wir auf eine Gr\u00f6ssenordnung von bloss gut einem Prozent des potentiell vererbbaren Gesamtverm\u00f6gens aller Schweizer Haushalte von fast 6000 Milliarden.<\/p>\n<p>Beim grossen Rest handelt es sich entweder um reines Finanzverm\u00f6gen, oder um Immobilien, die \u00fcbrigens pro Jahr rund 80 Milliarden an Wert gewinnen. Auch die reinen Finanzverm\u00f6gen werfen j\u00e4hrlich gut 80 Milliarden Rendite ab. Vor \u00abhart erarbeiteten\u00bb Verm\u00f6gen, kann also kaum die Rede sein, erst recht nicht aus Sicht der Erben. In unserem Zusammenhang geht es aber nicht um Gerechtigkeit und Moral, sondern darum, dass es keinen rein volkswirtschaftlichen Grund gibt, der gegen eine h\u00f6here Besteuerung dieser Erbschaften spricht. Dazu geht es schlicht um zu wenig Geld.<\/p>\n<p>Die von den Juso vorgeschlagene Variante w\u00fcrde nur die paar Dutzend privat gehaltenen Unternehmen treffen, deren Eigenkapital pro Eigent\u00fcmer, bzw. Erblasser, 50 Millionen Franken \u00fcbersteigt. Und wer solche Betriebsverm\u00f6gen anh\u00e4ufen kann, verf\u00fcgt in der Regel noch ein Mehrfaches an Finanz- und Immobilienverm\u00f6gen, das die Erben leicht versilbern k\u00f6nnen, ohne Griff in die Kasse des geerbten Unternehmens. Siehe etwa die Familie Spuhler und ihre Stadler Rail. Die Bef\u00fcrchtung, dass eine (oder diese) Erbschaftssteuer die produzierende Wirtschaft in Finanzierungsn\u00f6te bringen k\u00f6nnte, ist also sehr weit hergeholt<\/p>\n<p>Wie also kommt es dazu, dass dieser unwahrscheinliche Nebeneffekt die ganze Debatte dominiert, bei der es eigentlich um viel wichtigere Probleme gehen m\u00fcsste? Liegt es vielleicht daran, dass es einen engen Zusammenhang zwischen finanzieller und medialer Macht gibt? Demokratie sollte eigentlich damit anfangen, dass wir die richtigen Debatten f\u00fchren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/abstimmungen-schweiz\/erbschaftssteuer-abstimmungskampf-mit-falscher-debatte\/\"><em>infosperber.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. November 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Vontobel. \u00a0Von wegen Gefahr f\u00fcr das Gewerbe. 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