{"id":1597,"date":"2016-10-30T11:54:30","date_gmt":"2016-10-30T09:54:30","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1597"},"modified":"2016-10-30T11:54:30","modified_gmt":"2016-10-30T09:54:30","slug":"neue-landnahme-schwindelhochzeiten-mit-rosa-luxemburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1597","title":{"rendered":"Neue Landnahme? Schwindelhochzeiten mit Rosa Luxemburg"},"content":{"rendered":"<p><em>Guenther Sandleben. <\/em>Die Linke tut sich schwer mit dem Erbe Rosa Luxemburgs. Rechte Sozialdemokraten w\u00fcrden damit am liebsten gar nichts zu tun haben. Das revolution\u00e4re Erbe empfinden sie als unangenehme Belastung ihrer eigenen Tradition,<!--more--> die darin besteht, die Lohnabh\u00e4ngigen in das kapitalistische System zu integrieren. Mit der Niederschlagung der deutschen Revolution und der Ermordung von Luxemburg und Karl Liebknecht lieferten sie den historischen Beweis, dass sie bereit sind, entschlossene K\u00e4mpfe gegen das Lohnsystem im Blut zu ersticken.<\/p>\n<p>In anderen Teilen der Linken geht die Mode um, das Erbe Luxemburgs in Ehren zu halten, es aber zugleich zu verharmlosen, zu banalisieren und zu entstellen. Man entfernt daraus die revolution\u00e4re Seite, also genau die Punkte, weshalb Luxemburg ermordet wurde. Luxemburgs Lehren sollen \u201efruchtbar\u201c gemacht und als \u201eAnkn\u00fcpfungspunkt\u201c dienen f\u00fcr ein Engagement innerhalb des Lohnsystems.<\/p>\n<p>Dieser Teil der Linken schm\u00fcckt sich mit dem Namen Luxemburg, um unter falscher Flagge eine Emanzipation zu verk\u00fcnden, die diesen Namen nicht verdient. So gilt Luxemburg als Vork\u00e4mpferin f\u00fcr Frieden und Demokratie, als h\u00e4tte sie b\u00fcrgerliche Ideale nur verwirklichen wollen. Derzeit kreist das T\u00e4uschungsman\u00f6ver st\u00e4rker um den mehrdeutigen Begriff der \u201eLandnahme\u201c, der noch nicht einmal von ihr selbst stammt, aber dennoch mit ihrer 1913 ver\u00f6ffentlichten Schrift \u201eDie Akkumulation des Kapitals\u201c in Verbindung gebracht wird. Darauf ist n\u00e4her einzugehen.<\/p>\n<p><strong>Feminismus<\/strong><\/p>\n<p>Bekanntlich war Luxemburg keine Feministin; dennoch berufen sich viele auf sie. Bereits in den 1970er Jahren entstand der feministische Subsistenz-Ansatz der Bielefelder Schule. Vertreter dieser Richtung, darunter Veronika Bennholdt-Thomsen, Maria Mies und Claudia von Werlhof verbanden die Frauenfrage mit der Dritte-Welt-Frage und sp\u00e4ter mit der \u00d6kologiefrage. Zur Subsistenzproduktion sollen neben kleinb\u00e4uerlichen und kleinhandwerklichen T\u00e4tigkeiten vor allem diverse Hausarbeiten geh\u00f6ren, einschlie\u00dflich das Geb\u00e4ren und Aufziehen von Kindern und die \u201ephysische und psychische Arbeit der Sexualit\u00e4t\u201c. Bei dieser Frauenarbeit handle es sich um \u201eunbezahlte Arbeitszeit, die in den Verwertungsprozess einflie\u00dft und daher um Mehrarbeit\u201c (Bennholdt-Thomsen 1981:35). Das Geschlechterverh\u00e4ltnis wird in ein Produktionsverh\u00e4ltnis uminterpretiert; Frauenarbeit, Nicht-Lohnarbeit und Natur sollen in \u00e4hnlicher Weise unter dem Kapital subsumiert und Gegenstand kapitalistischer Ausbeutungsprozesse sein.<\/p>\n<p>Der von Marx entwickelte und von Luxemburg nirgends in Frage gestellte Wertbegriff ist beseitigt; entgegen ihrer Akkumulationstheorie wird die Ausbeutung von der Lohnarbeit in Richtung Hausarbeit als den jetzt zentralen Ort der Ausbeutung verschoben.<\/p>\n<p>Wie Hausarbeit unter dem Gesichtspunkt der Wertsch\u00f6pfung zu beurteilen ist, brachte Luxemburg im Artikel \u201eFrauenwahlrecht und Klassenkampf\u201c (GW 3: 163) so auf den Punkt: \u201eDiese Arbeit ist nicht produktiv im Sinne der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsordnung, und mag sie in tausendf\u00e4ltigen kleinen M\u00fchen eine Riesenleistung an Selbstaufopferung und Kraftaufwand ergeben. Sie ist nur eine private Angelegenheit des Proletariers, sein Gl\u00fcck und Segen, und gerade deshalb blo\u00dfe Luft f\u00fcr die heutige Gesellschaft\u201c.<\/p>\n<p>Nach gr\u00fcndlicher Auseinandersetzung mit den Marxschen Reproduktionsschemata gelangte Luxemburg zu ihrer zentralen These, dass ein \u201enichtkapitalistisches Milieu\u201c nicht nur unbedingt notwendig f\u00fcr die Realisierung des zur Akkumulation bestimmten Teils des Mehrwerts sei, sondern dass durch die fortschreitende Vernichtung solcher nichtkapitalistischer Bereiche der kapitalistische Akkumulationsprozess immer heftiger gegen seine Absatzschranken sto\u00dfen und schlie\u00dflich krisenhaft zusammenbrechen w\u00fcrde. Die \u00f6konomische Krisentendenz w\u00fcrde das Proletariat mehr und mehr in Richtung sozialistische Revolution dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>An die Stelle dieser allgemein menschlichen Emanzipation, die die kapitalistisch hoch entwickelten Produktivkr\u00e4fte zum Ausgangspunkt nimmt, setzt der feministische Subsistenz-Ansatz eine r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Utopie: die Perspektive einer Subsistenzproduktion in dezentralisierten, regionalisierten und auf Reziprozit\u00e4t beruhenden \u00f6konomisch-sozialen Verh\u00e4ltnissen. Solche Selbstsorge-Konzepte bef\u00f6rderten sp\u00e4ter den Neoliberalismus.<\/p>\n<p>Das von Luxemburg hervorgehobene \u201enichtkapitalistische Milieu\u201c als unbedingte Begleiterscheinung kapitalistischer Akkumulation ist vollst\u00e4ndig umdefiniert: Statt vor allem Werte zu realisieren, soll die Substenzwirtschaft Werte schaffen, statt jenseits des kapitalistischen Reproduktionsprozesses zu stehen, steht sie mitten drin, statt aufgel\u00f6st zu werden, existiert sie nicht nur fort, die Subsistenzproduktion soll in ihrer technischen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit die Zukunft weisen.<\/p>\n<p>Das feministische Interpretationsmuster pr\u00e4gt bis heute verschiedene Landnahme-Konzepte.<\/p>\n<p><strong>Akkumulation durch Landnahme <\/strong><\/p>\n<p>Die Debatte um die kapitalistische Landnahme wird ma\u00dfgeblich von David Harvey bestimmt. Zun\u00e4chst teilt er Luxemburgs These, dass der Kapitalismus Bereiche \u201eau\u00dferhalb seiner selbst\u201c (Harvey 2005: 140) ben\u00f6tige, um akkumulieren zu k\u00f6nnen. Anders als in Luxemburgs Theorie dienen solche Bereiche weniger der Realisierung von Mehrwert, sondern vor allem als profitable Anlagem\u00f6glichkeit \u00fcberakkumulierten Kapitals.<\/p>\n<p>Harveys \u00dcberakkumulationstheorie \u00e4ndert den Blickwinkel. Die nichtkapitalistischen Bereiche, die bei Luxemburg eine zentrale Rolle spielen, werden in zweifacher Hinsicht uminterpretiert. Neben den \u201enichtkapitalistischen Gesellschaften\u201c geh\u00f6ren dazu erstens bestehende Gebiete \u201einnerhalb des Kapitalismus\u201c. Zweitens soll der Kapitalismus \u00fcber die F\u00e4higkeit verf\u00fcgen, weitere Gebiete aktiv herzustellen. Mit dieser \u201eInnen-Au\u00dfen-Dialektik\u201c (2005: 140) entfernt Harvey die von Luxemburg aufgezeigte revolution\u00e4re Perspektive. Da der Kapitalismus eigenst\u00e4ndig und unbegrenzt neue Au\u00dfenbezirke herzustellen vermag, wird die kapitalistische Landnahme zu einem nicht enden wollenden Jungbrunnen f\u00fcr das System.<\/p>\n<p>Die feministische Luxemburginterpretation sah in der normalen Form der Ausbeutung von Lohnarbeitern nur die Spitze eines Eisbergs, der auf einem unsichtbaren Sockel unbezahlter Subsistenzarbeit beruhen soll. In gewisser Weise teilt Harvey diesen Mythos, nur dass er die \u201er\u00e4uberischen Mittel der Akkumulation durch Enteignung\u201c (2013:109) st\u00e4rker auf die Stadt bezieht. Solche \u201esekund\u00e4re Formen der Ausbeutung\u201c (Harvey 2013:225) mag es in bestimmten F\u00e4llen geben, nur sie fallen mehr unter die Rubrik von Missst\u00e4nden. Wie Harvey breit ausf\u00fchrt, bestehen sie in Gaunereien auf dem Immobilienmarkt, sie treten im Austausch von Waren, in Mietverh\u00e4ltnissen, in Betr\u00fcgereien beim Kauf der Arbeitskraft oder bei der Kreditvergabe hervor. Aber sie erkl\u00e4ren gerade nicht die Mehrwertproduktion. Das Zentrum des Kapitalismus, der durch die Zirkulation verdeckte Ausbeutungs- und Aneignungsprozess in der Waren- und Dienstleistungsproduktion, r\u00fcckt in den Hintergrund. Die Produktion mit all ihren Konflikten aus der wissenschaftlichen und politischen Debatte m\u00f6glichst auszublenden, geh\u00f6rt zum traditionellen Gesch\u00e4ft von Vulg\u00e4r\u00f6konomen und Vulg\u00e4rsozialisten. Harvey reiht sich in diese traurige Tradition ein.<\/p>\n<p>Harveys Enteignungsbegriff schlie\u00dft nicht nur vielf\u00e4ltige prim\u00e4re und sekund\u00e4re Ausbeutungsprozesse ein, sondern auch die Aneignung von Kapitalverm\u00f6gen, die durch Finanzmanipulationen oder durch die \u00dcberakkumulationskrise entwertet und durch andere Kapitalisten zu \u201eSchleuderpreisen\u201c aufgekauft werden.<\/p>\n<p>Eine gr\u00f6\u00dfere Heterogenit\u00e4t hinsichtlich der Aneignungsweisen, der Aneigner und der Ausgebeuteten ist kaum vorstellbar. Zu den Aneignungs-Opfern z\u00e4hlt Harvey ausgebeutete Arbeiter, betrogene Mieter, Arbeitslose, vom Land vertriebene Bauern und intigene Bev\u00f6lkerungen ebenso wie gepl\u00fcnderte Kapitalanleger und ruinierte Unternehmer. Mitglieder s\u00e4mtlicher Klassen und selbst historische \u00dcberbleibsel alter Gesellschaften geh\u00f6ren dazu. Harvey hat die Illusion, als k\u00f6nnte sich diese heterogene Menge zu einer \u201erevolution\u00e4ren und entschieden antikapitalistischen Bewegung\u201c zusammen finden. Notwendig w\u00e4re lediglich eine \u201eko-revolution\u00e4re Theorie\u201c.<\/p>\n<p>Wie aber soll ein gemeinschaftlicher Kampf m\u00f6glich sein, wenn die Menschen, die den Kampf zu f\u00fchren haben, weder miteinander kooperieren noch in anderer Weise miteinander zu tun haben? Es fehlen schlichtweg die gemeinsamen Existenzbedingungen. Die Heterogenit\u00e4t der Lebenslagen verhindert gleichartige Interessen. Noch nicht einmal einen gemeinsamen Gegner gibt es, der zur Herausbildung gemeinsamer Ziele beitragen k\u00f6nnte. Da zudem der Kapitalismus \u00fcber endlose Selbstheilungskr\u00e4fte verf\u00fcgen soll, besteht keinerlei Tendenz zur Vereinfachung und Zuspitzung der Gegens\u00e4tze. Es fehlen s\u00e4mtliche materiellen Bedingungen f\u00fcr einen einheitlichen Kampf, der sich auf kaum mehr st\u00fctzen kann als auf einen durch die \u201eko-revolution\u00e4re Theorie\u201c inspirierten freien Willen.<\/p>\n<p><strong>Landnahme als Gefahr f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r den Sozialstaat <\/strong><\/p>\n<p>Die emanzipatorische Perspektive, die bei Harvey noch eine vage Hoffnung ist, wird im sozialstaatlich ausgelegten Landnahmekonzept v\u00f6llig ausgeblendet. Dahinter steckt die Vorstellung, \u201ekapitalistisch gepr\u00e4gte Marktwirtschaften (h\u00e4tten) bisher ihre Erneuerungs- und Expansionsf\u00e4higkeit unter Beweis gestellt\u201c (Brie: 2014:15). Ein solch effizienter Kapitalismus muss nicht mehr grundlegend ge\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Klaus D\u00f6rre besteht das Landnahmekonzept im Wechselspiel von Markt\u00f6ffnung und Marktbegrenzung. Die \u201e\u2019Landpreisgabe\u2019, die mit der Expansion des Wohlfahrtsstaats und der Einbettung von Lohnarbeit in gesch\u00fctzten Arbeitsm\u00e4rkten verbunden war\u201c, sei durch die kapitalistische Landnahme, durch Privatisierungen und Deregulierungen r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, wodurch eine Wachstumsdynamik in Gang gesetzt worden sei (2013: 95f).<\/p>\n<p>Weshalb sollte die Landnahme sowohl f\u00fcr die kapitalistische Entwicklung als auch f\u00fcr eine politisch-gesellschaftliche Transformation eine Rolle spielen, wenn sie sp\u00e4ter durch eine \u201eLandpreisgabe\u201c korrigiert wird? Zumindest in der l\u00e4ngeren Frist h\u00e4tten wir es mit einem Nullsummenspiel, mit einer insgesamt neutralen Wirkung zu tun. Das aber widerspricht D\u00f6rres eigener These, wonach die kapitalistische Akkumulation die Landnahme unbedingt ben\u00f6tigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche sozialen Bewegungen stehen von vornherein auf verlorenem Posten. Ihre Reformarbeit gleicht den vergeblichen M\u00fchen eines Sisyphos: Die dem Kapitalismus durch \u201eDe-Kommodifizierung\u201c m\u00fchevoll entzogenen Bereiche fallen durch Landnahme immer wieder in den Schlund kapitalistischer Profitlogik zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Feminismus begrenzte die Subsistenzproduktion auf die \u201edrei Kolonien des Kapitals\u201c, auf die Arbeitskraft der Frauen, auf die Menschen zur\u00fcckgebliebener L\u00e4nder und auf die Natur. D\u00f6rre f\u00fcgt diesem fragw\u00fcrdigen Konzept Staatsunternehmen, \u00f6ffentliche G\u00fcter und marktbegrenzende Regulierungen hinzu. Mit der Einbeziehung des Sozialstaates reproduziert er die Irrt\u00fcmer auf erweiterter Stufenleiter.<\/p>\n<p>Jedoch wird ein nichtkapitalistisches Au\u00dfen keineswegs hergestellt, nur weil der Staat dem Gesamtkapital Bedingungen der allgemeinen Reproduktion, Infrastruktureinrichtungen etc. zur Verf\u00fcgung stellt. Solche Staatst\u00e4tigkeiten beruhen auf Kapitalkreisl\u00e4ufen und bleiben finanziell darin eingebunden. \u00d6ffentliche G\u00fcter haben die kapitalistische Warenproduktion nicht nur zur Voraussetzung, sie dienen stets der Reproduktion des Gesamtkapitals.<\/p>\n<p>Luxemburg arbeitete mit gro\u00dfer Sorgfalt heraus, wie die Nachfrage der Arbeiterklasse durch die Lohnzahlung begrenzt wird, deren Quelle das variable Kapital bildet. Mehr Waren k\u00f6nnen die Arbeiter (der Kredit spielt in ihrer Argumentation keine Rolle) einfach nicht abnehmen. Der Lohn bleibt auch dann die Nachfragegrenze, wenn Mitverzehrer ins Spiel kommen: Familienangeh\u00f6rige, Verb\u00e4nde, Sozialabgaben und Steuern f\u00fcr Sozial- und Staatszwecke. Letzteres bedeute nur \u201edie \u00dcbertragung eines Teils der Kaufkraft der Arbeiterklasse auf den Staat\u201c (GW 5:401).<\/p>\n<p>Der Staat steht in Luxemburgs Argumentation keineswegs jenseits des Kapitalismus; seine \u00f6konomischen und sozialen Aktivit\u00e4ten werden durch die Reproduktion des Gesamtkapitals und die darin eingeschlossene Reproduktion der Arbeitskraft vermittelt und finanziert. Wenn der Staat Funktionen \u00fcbernimmt, die der Reproduktion der Arbeitskraft dienen, dann \u00e4ndern sie durch die blo\u00dfe Verwandlung in Staatst\u00e4tigkeiten keineswegs ihren Charakter. Sie bleiben reproduktive Teile des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.<\/p>\n<p>F\u00fcr Luxemburg stellte das eine wichtige Erkenntnis dar, um Vorstellungen als falsch zur\u00fcckzuweisen, \u201edritte Personen\u201c oder der Staat k\u00f6nnten die fehlende Nachfrage schaffen, die der kapitalistische Akkumulationsprozess ben\u00f6tigt. Solche Einsichten werden gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Der positive Bezug auf Luxemburgs Akkumulationstheorie bleibt lediglich formell bestehen, die Inhalte spielen keine Rolle. Luxemburgs Theorie wird heilig gesprochen, um sich damit nicht mehr auseinandersetzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Finanzkapitalstische Landnahme<\/strong><\/p>\n<p>Luxemburg kannte Hilferdings Schrift \u201eDas Finanzkapital\u201c, erw\u00e4hnte sie aber in ihrer \u201eAkkumulation des Kapitals\u201c nicht ein einziges Mal, f\u00fcr so irrelevant hielt sie die These von der besonderen Rolle des Finanzkapitals. Und dennoch wird ihre Theorie von der fortschreitenden Vernichtung nichtkapitalistischer Sektoren und Regionen in diesen Kontext gestellt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Luxemburg ging eine solche Landnahme notwendig aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst hervor. Diese schafft \u201enicht blo\u00df im Mehrwerthunger des Kapitalisten die treibende Kraft zur rastlosen Erweiterung der Reproduktion, sondern sie verwandelt diese Erweiterung geradezu in ein Zwangsgesetz, in eine wirtschaftliche Existenzbedingung f\u00fcr den Einzelkapitalisten\u201c (GW 5:18). Finanzm\u00e4rkte und Banken tauchen in diesem Zusammenhang gar nicht auf; das industrielle Kapital selbst ist imperialistisch.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber besch\u00f6nigt die Vorstellung einer \u201efinanzkapitalistischen Landnahme\u201c (D\u00f6rre 2013) das Industriekapital, indem die notwendig imperialistischen Tendenzen des Kapitals in den Finanzsektor ausgelagert werden, der dann scheinbar von au\u00dfen her durch seine \u201eGewinnanspr\u00fcche\u201c, durch die \u201eShareholder-Value-Steuerung\u201c und durch angeblich weitere Erpressungsmittel die Unternehmen zur Expansion antreibe.<\/p>\n<p>In diesem stark auf den Finanzsektor ausgerichteten Landnahme-Konzept sind die produzierenden Unternehmer mehr Opfer als T\u00e4ter. Durch gezielte politische Eingriffe in das Finanzsystem scheinen die aggressiv-imperialistischen Kr\u00e4fte des Kapitals z\u00e4hmbar zu sein, ohne das Herzst\u00fcck des Kapitalismus, die Warenproduktion und -zirkulation politisch umw\u00e4lzen zu m\u00fcssen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Luxemburg in ihrem kurzen Leben geschrieben und gesagt hat.<\/p>\n<p><strong>Luxemburg als Vorl<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>uferin einer monet<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ren Werttheorie?<\/strong><\/p>\n<p>Zur Vorstellung einer \u201efinanzkapitalistischen Landnahme\u201c passt eine Theorie, die dem Geld eine im Vergleich zur Ware abgehobene und beherrschende Stellung zuerkennt. Das Geld darf nicht mehr, wie Marx es sah, eine Konsequenz der Ware sein, sondern muss eigenst\u00e4ndig sein und zusammen mit dem Kredit den Wertbildungs- und Akkumulationsprozess ma\u00dfgeblich bestimmen.<\/p>\n<p>Riccardo Bellofiore versucht Luxemburg f\u00fcr eine solch monet\u00e4re Werttheorie zu vereinnahmen, die im Anschluss an die Neue Marx-Lekt\u00fcre unter Beteiligung von Michael Heinrich seit den 1970er Jahren ausgearbeitet wird. Aus den wenigen Bemerkungen Luxemburgs zur Werttheorie will Bellofiore herausgelesen haben, dass sie &#8211; ebenso wie es der monet\u00e4re Wertansatz vorsieht &#8211; die abstrakte Arbeit und damit die Quelle des Warenwerts jenseits des unmittelbaren Produktionsprozesses ansiedelt, also paradoxerweise dort, wo gar nicht mehr gearbeitet wird. \u201eDie Betonung liegt bei diesem Ansatz darauf, dass der Wert am Schnittpunkt zwischen Produktion und Zirkulation geschaffen wird \u2013 oder genauer gesagt, dass er dort \u201aentsteht\u2019\u201c (Bellofiore 2013:41).<\/p>\n<p>Allerdings besagt das von Bellofiore angef\u00fchrte Luxemburg-Zitat das Gegenteil: \u201eDie von Marx entdeckte abstrakt-menschliche Arbeit\u201c, schreibt Luxemburg (GW 1\/1:414f) \u201eist n\u00e4mlich in ihrer entfalteten Form (!) nichts anderes als \u2013 <em>das Geld<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Bellofiores Lesart, abstrakte Arbeit und Wert w\u00fcrden erst durch das Geld geschaffen, verdreht den Sachverhalt. Im Zitat bildet vielmehr die abstrakte Arbeit den Ausgangspunkt und das \u00fcbergreifende Moment. In geronnener Form wird sie Wert, der eine notwendig gegenst\u00e4ndliche Form erh\u00e4lt. In \u201eihrer entfalteten Form\u201c ist diese abstrakte Arbeit \u201enichts anderes\u201c als das Geld, w\u00e4hrend das Wertverh\u00e4ltnis einer Ware zu einer einzigen verschiedenartigen Ware dessen Keimform bildet. Das Geld, so die kurze Botschaft, ist die Konsequenz abstrakter, warenproduzierender Arbeit und erschafft diese gerade nicht.<\/p>\n<p>Dass Luxemburg sich nur knapp zum inneren Zusammenhang von Wert und Geld \u00e4u\u00dferte, kann als Hinweis gewertet werden, dass sie die von Marx sorgf\u00e4ltig ausformulierte Werttheorie als ziemlich vollendet ansah, also f\u00fcr sie schlichtweg keine Notwendigkeit bestand, dar\u00fcber l\u00e4ngere Ausf\u00fchrungen zu machen. Dort, wo sie das Wertgesetz thematisierte, u. a. in ihrer \u201eEinf\u00fchrung in die National\u00f6konomie\u201c, unternahm sie keinerlei Interpretationsversuche der Marxschen Werttheorie. Diese wird als richtig und eindeutig unterstellt, um dann von einem anderen zumeist historischen Gesichtspunkt aus dem anf\u00e4lligen \u201eBau des kapitalistischen Babelturms\u201c (GW 5: 698), dem Wertgesetz als dem inneren Band zersplitterter Privatproduktion, auf die Spur zu kommen.<\/p>\n<p>Wie man gesehen hat, haben die VerehrerInnen Luxemburgs unter dem Begriff der \u201eLandnahme\u201c alle systemtranszendierenden Aspekte entfernt. Wirkliche Emanzipation ist kein Thema mehr. Sie haben Luxemburgs Akkumulationstheorie uminterpretiert, verst\u00fcmmelt und ihr eine entgegengesetzte Tendenz gegeben. All das geschieht eher verdeckt als offen, indem die Akkumulationstheorie gelobt und scheinbar fortentwickelt wird. Tats\u00e4chlich aber wird sie zerst\u00f6rt und damit integrationsf\u00e4hig f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Soziologie und \u00f6konomische Theorie gemacht. Wie sich herausstellte: Eine solche Verm\u00e4hlung ist eine Schwindelhochzeit.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Bellofiore, Riccardo (2013): Rosa Luxemburg \u2013 Kritik der politischen \u00d6konomie und die politische Perspektive, in: Ingo Schmidt (Hrg.): Rosa Luxemburgs \u201eAkkumulation des Kapitals\u201c, Hamburg<\/p>\n<p>Bennholdt-Thomsen, Veronika (1981): Subsistenzproduktion und erweiterte Reproduktion. Ein Beitrag zur Produktionsweisendiskussion, in: Gesellschaft. Beitr\u00e4ge zur Marxschen Theorie 14. Frankfurt a.M.<\/p>\n<p>Brie, Michael (2014): Akkumulation des Kapitals \u2013 Akkumulation des Sozialen und \u00d6kologischen im Kapitalismus. Folgerungen f\u00fcr revolution\u00e4re Realpolitik. Beitrag f\u00fcr die Konferenz \u201c\u2019The Accumulation of Capital: A Contribution to an Economic Explanation of Imperialism\u2019: A Century-Old Work Remains Current, Provocative and Seminal\u201d<\/p>\n<p>D\u00f6rre, Klaus (2013): Landnahme und die Grenzen sozialer Reproduktion. Zur gesellschaftstheoretischen Bedeutung Rosa Luxemburgs, in: Ingo Schmidt (Hrg.): Rosa Luxemburgs \u201eAkkumulation des Kapitals\u201c, Hamburg<\/p>\n<p>Fraser, Nancy (2009): Feminism, Capitalism and the Cunning of History, in: New Left Revue 56\/2009<\/p>\n<p>Harvey, David (2005): Der neue Imperialismus. Hamburg<\/p>\n<p>Harvey, David (2013): Rebellische St\u00e4dte, Berlin<\/p>\n<p>Luxemburg, Rosa (1913): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur \u00f6konomischen Erkl\u00e4rung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke (GW), Band 5, Berlin 1975<\/p>\n<p>Luxemburg, Rosa (1925): Einf\u00fchrung in die National\u00f6konomie, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke (GW), Band 5, Berlin 1975<\/p>\n<p>Luxemburg, Rosa (1899): Sozialreform oder Revolution, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke (GW), Band 1\/1, Berlin 1974<\/p>\n<p>Luxemburg, Rosa (1912): Frauenwahlrecht und Klassenkampf, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke (GW), Band 3, Berlin 1973<\/p>\n<p>Mies, Maria (1983): Subsistenzproduktion, Hausfrauisierung, Kolonisierung, in: Beitr\u00e4ge zur feministischen Theorie und Praxis. 9\/10. Zukunft der Frauenarbeit, K\u00f6ln<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.proletarische-briefe.de\/?p=509\">proletarische-briefe.de&#8230;<\/a> vom 30. Oktober 2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guenther Sandleben. 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