{"id":15992,"date":"2025-12-15T16:47:36","date_gmt":"2025-12-15T14:47:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15992"},"modified":"2025-12-15T16:47:38","modified_gmt":"2025-12-15T14:47:38","slug":"wer-ist-die-hamas-und-wie-ist-sie-entstanden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15992","title":{"rendered":"Wer ist die Hamas und wie ist sie entstanden?"},"content":{"rendered":"<p><em>Leon de Bois. <\/em>Pal\u00e4stinas Befreiungskampf ist untrennbar verbunden mit dem globalen Klassenkampf. Dies zeigt sich schon nur in der finanziellen, milit\u00e4rischen und ideologischen Unterst\u00fctzung, die Israel geniesst. Es ist kein isoliertes Land, das autark existieren k\u00f6nnte, sondern schon weit vor seiner Entstehung ein amerikanisch-westeurop\u00e4ischen Projekt mit einem ganz klaren imperialistischen Gedanken. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Israel ist ein St\u00fctzpunkt des Grosskapitals, des Kapitalismus. Die endg\u00fcltige Befreiung von Pal\u00e4stina ist somit nur m\u00f6glich durch die endg\u00fcltige Befreiung vom Kapital. Das h\u00f6rt sich vielleicht sehr plakativ an, aber auch der Weg dorthin folgt dieser Linie. Es braucht in der Linken weltweit eine genaue Analyse und ein klares Verst\u00e4ndnis zu diesem Konflikt und auch zu der Rolle der Hamas.<\/p>\n<p><strong>1.&nbsp; &nbsp; Die Urspr\u00fcnge des Widerstandes<\/strong><\/p>\n<p>In den 50er und 60er Jahren formierten sich die ersten pal\u00e4stinensischen Parteien und Widerstandsgruppen, die wir heute kennen. 1957 wurde die Fatah gegr\u00fcndet, eine s\u00e4kulare, linksorientierte Organisation, und 1964 die von der Arabischen Liga mitgetragene Pal\u00e4stinensische Befreiungsorganisation (Palestine Liberation Organisation, PLO). Die Fatah schliesst sich dieser 1967 an, im selben Jahr wird als Teil der PLO die marxistisch-leninistische, sich sozialistisch revolution\u00e4r verstehende Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas gegr\u00fcndet (People&#8217;s Front for the Liberation of Palestine, PFLP). Dies ist kein Zufall.<\/p>\n<p>1967 kam es zum Sechs-Tage-Krieg, wobei Israel sehr viele Gebiete eroberte: das Westjordanland, Ostjerusalem, Gaza, die Sinai-Halbinsel und die Golanh\u00f6hen. Es ist der Beginn der dauerhaften Besetzung der pal\u00e4stinensischen Gebiete in Gaza und dem Westjordanland. 1967 bedeutete einen Wendepunkt in diesem Konflikt und auch eine neue Realit\u00e4t f\u00fcr die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung. Enteignungen, Checkpoints und eine direkte milit\u00e4rische Besetzung stehen nun an der Tagesordnung. Logischerweise wuchs daraus der Widerstand, der in verschiedenen Formen auftrat: nationalistisch, islamistisch oder auch linkssozialistische. In den 1970er-Jahren dominierte die PLO unter Yassir Arafat (von der Fatah, die die PLO seit 1969 dominiert), worin sich linke, marxistische und s\u00e4kulare Organisationen befanden. Antiimperialistische, klassenorientierte Positionen verbanden den Befreiungskampf von Pal\u00e4stina mit der globalen Befreiungsbewegung. Parallel dazu baute die \u00e4gyptisch inspirierte Muslimbruderschaft seit den 1970ern soziale Netzwerke auf in Gaza. Politisch hielten sie sich lange zur\u00fcck und konzentrierten sich auf religi\u00f6se Erziehung.<\/p>\n<p>Die Losung der pal\u00e4stinensischen Organisationen war lange dieselbe: der bewaffnete Widerstand alleine kann Pal\u00e4stina befreien. Auch sozialistisch-orientierte Gruppen wie die Fatah oder PFLP sahen den Rahmen des pal\u00e4stinensischen Kampfes innerhalb der nationalen Befreiung. Die Klassenfrage sei der Bildung eines Nationalstaates untergeordnet.<\/p>\n<p><strong>2.&nbsp; &nbsp; Entstehung der Hamas<\/strong><\/p>\n<p>1987-1993 kam es zur Ersten Intifada \u2013 dem Volksaufstand gegen die israelische Besetzung des Westjordanlands und von Gaza. Es kam zu Streiks, Demonstrationen und zivilem Ungehorsam. Innerhalb eines Monats entstand die Hamas, um eine islamistische F\u00fchrungsrolle des Aufstandes an sich reissen zu k\u00f6nnen. Die Hamas wurde somit zur islamistischen Alternative zur PLO. Indem sie bewaffneten Widerstand mit Wohlfahrtsarbeit verband, wurde die Hamas als sehr attraktiv wahrgenommen. Gegr\u00fcndet wurde sie von gebildeten M\u00e4nnern aus dem Kleinb\u00fcrgertum (\u00c4rzte, Lehrer, Geistliche etc.), die eng mit der Muslimbruderschaft verbunden waren.<\/p>\n<p>Als Gr\u00fcndungsdokument gilt die Hamas-Charta von 1988. Hier die wichtigsten Punkte:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00b7\u00a0 Pal\u00e4stina gilt als islamisches Land und der Kampf gegen Israel ist ein religi\u00f6ses Gebot (Jihad)<\/li>\n<li>\u00b7\u00a0 Frieden oder Verhandlungen, die einen j\u00fcdischen Staat anerkennen, werden abgelehnt<\/li>\n<li>\u00b7\u00a0 Ziel ist keine Zwei-Staaten-L\u00f6sung, sondern ein islamischer Staat auf dem Gebiet des historischen Pal\u00e4stinas (Gaza, Westjordanland, Israel)<\/li>\n<li>\u00b7\u00a0 Die urspr\u00fcngliche Charta unterscheidet nicht sauber zwischen Zionismus (politische Bewegung) und Judentum (Religion).<\/li>\n<li>\u00b7\u00a0 Antisemitische Passagen, wo eine j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung impliziert wird<\/li>\n<li>\u00b7\u00a0 Religion, also der Islam, gilt als einzige Grundlage des Befreiungskampfes<\/li>\n<li>\u00b7\u00a0 Frauen sollen M\u00fctter und Erzieherinnen sein von k\u00fcnftigen K\u00e4mpfern. Das zeigt ein traditionell-patriarchales Frauenbild.<\/li>\n<li>\u00b7\u00a0 Ziel ist nicht eine reine milit\u00e4rische Bewegung, sondern eine Verbindung zu sozialer Arbeit<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>3.&nbsp; &nbsp; PLO vs. Hamas<\/strong><\/p>\n<p>In den 1970\/80er-Jahren betrachtete Israel die PLO als Hauptfeind, vor allem ihre marxistischen Fraktionen PFLP und DFLP (Demokratische Front f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas, eine fr\u00fche Abspaltung der PFLP). Islamistische Gruppen dagegen wurden weniger streng befolgt, da sie damals nicht milit\u00e4risch k\u00e4mpften. Israelische Beamte haben sogar ausgesagt, dass bewusst islamistische Kr\u00e4fte und Strukturen gef\u00f6rdert wurden, um die Linke zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>Nach dem Oslo-Abkommen von 1993 erkannte die PLO Israel an, was bei vielen Pal\u00e4stinenser:innen als Verrat angesehen wurde. Die Hamas gewann dadurch nochmals an Popularit\u00e4t. Sie gelten unter breiten Schichten als die \u201centschlossensten K\u00e4mpfer\u201d: Die Hamas baute milit\u00e4rische Strukturen auf und setzte besonders in der Zweiten Intifada von 2000-2005 auf Selbstmordattentate. Gleichzeitig wurden weiterhin Krankenh\u00e4user und Schulen sowie Hilfswerke gebaut.<\/p>\n<p>2007 kam es zu gewaltsamen K\u00e4mpfen mit der Fatah (welche nun die Administration der Pal\u00e4stinensischen Autorit\u00e4t im Westjordanland \u00fcbernimmt, eine praktisch machtlose Marionettenregierung Israels) und seither gibt es eine doppelte Spaltung. Die Fatah kontrolliert das Westjordanland, die Hamas den Gazastreifen.<\/p>\n<p><strong>4.&nbsp; &nbsp; Der Klassencharakter der Hamas<\/strong><\/p>\n<p>Die Hamas st\u00fctzt sich zwar auf den \u00e4rmsten Schichten, die von ihrer Wohlfahrtsarbeit profitieren. Die Belagerung des Gazastreifens bedeutet, dass es nur minimale wirtschaftliche Entwicklung und damit auch wenig M\u00f6glichkeiten zur Lohnarbeit gibt. Grosse Schichten Gazas sind in engen urbanen Zentren konzentriert und von internationalen Hilfsg\u00fctern abh\u00e4ngig. Doch ihre F\u00fchrungspersonen stammen fast ausschliesslich aus den kleinb\u00fcrgerlichen und religi\u00f6sen Schichten. Sie ersetzen die klassenbewusste Mobilisierung mit religi\u00f6ser Einheit. Ihren Befreiungskampf sehen sie als einen nationalistischen und islamistischen Kampf \u2013 somit brechen sie einmal mehr mit dem Klassenkampf. Ihr Befreiungskampf wird leider nicht als Teil des globalen Klassenkampfes verstanden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Hamas so positioniert, dass sie gegen Israel ist, schw\u00e4chte und schw\u00e4cht sie immer noch gleichzeitig die linken, antiimperialistischen und revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte. Wie so oft f\u00fcllen dann religi\u00f6se Kr\u00e4fte das Vakuum \u2013 ohne konkrete Strategie. Sie sind Ausdruck einer unglaublichen Unterdr\u00fcckung und eines verzweifelten Widerstandes, doch sie sind weder f\u00e4hig noch gewillt, das internationale Kapital zu brechen bzw. internationale Solidarit\u00e4t zwischen den Arbeiter:innen global aufzubauen. Im Gegenteil: Sie reproduzieren mit ihrer Ideologie autorit\u00e4re und patriarchale Strukturen.<\/p>\n<p><strong>5.&nbsp; &nbsp; Was es braucht und was wir fordern<\/strong><\/p>\n<p>Gegen Israels Genozid zu sein, bedeutet nicht, automatische die Hamas zu unterst\u00fctzen, auch wenn die herrschenden Medien uns dies tagt\u00e4glich weismachen wollen. Gegen Israels Genozid zu sein, bedeutet, auch gegen die Hamas zu sein. Eine bewaffnete Verteidigung von Pal\u00e4stina unterst\u00fctzen wir als MAS, was aber nicht heisst, dass die Hamas bedingungslos unterst\u00fctzt werden soll. Mittlerweile, im Herbst 2025, sollte vielen Menschen klar geworden sein, welchen Druck die weltweiten Proteste und Aktionen aus\u00fcben k\u00f6nnen. Es ist aber nicht f\u00f6rderlich, dies einfach als blinde Abwehrreaktionen zu halten. Es braucht eine Strategie. Und diese Strategie verlangt auch, dass anerkannt wird, dass die Hamas Pal\u00e4stina nicht befreien kann. Weltweit sowie in Pal\u00e4stina sind es klassenk\u00e4mpferische Strategien, die sich gegen das globale Grosskapital und F\u00dcR EINE GLOBALE ARBEITER:INNENBEWEGUNG einsetzen, die diesem Schrecken ein Ende bereiten k\u00f6nnen. Erkennen wir also, dass der von Israel durchgef\u00fchrte Genozid und der Befreiungskampf von Pal\u00e4stina verbunden sind mit dem kapitalistischen System und mit unseren Regierungen weltweit, dann bleibt eben nichts anderes \u00fcbrig, als diesen globalen Widerstand aufzubauen. Der Feind ist nicht nur Israel, er steht auch im eigenen Land \u2013 bei unseren Milliard\u00e4ren und unseren Regierungen &#8211; und er heisst Kapitalismus. Proletarier:innen aller L\u00e4nder vereint euch!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marxismus.ch\/post\/wer-ist-die-hamas-und-wie-ist-sie-entstanden\"><em>marxismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Dezember 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leon de Bois. Pal\u00e4stinas Befreiungskampf ist untrennbar verbunden mit dem globalen Klassenkampf. Dies zeigt sich schon nur in der finanziellen, milit\u00e4rischen und ideologischen Unterst\u00fctzung, die Israel geniesst. 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