{"id":16076,"date":"2026-02-14T16:10:10","date_gmt":"2026-02-14T14:10:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16076"},"modified":"2026-02-14T16:10:11","modified_gmt":"2026-02-14T14:10:11","slug":"die-raeuberische-geschichte-des-us-imperialismus-in-venezuela","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16076","title":{"rendered":"Die r\u00e4uberische Geschichte des US-Imperialismus in Venezuela"},"content":{"rendered":"<p><em>Bill Van Auken. Dieser Artikel \u00fcber die Geschichte des amerikanischen Imperialismus in Venezuela erschien urspr\u00fcnglich am 29. und 30. Dezember 2025 als Zweiteiler in der englischen Ausgabe der WSWS. Wenige Tage nach der Ver\u00f6ffentlichung griffen die USA Venezuela an und entf\u00fchrten den Pr\u00e4sidenten des Landes, Nicolas Maduro, in die USA.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seit mehreren Monaten eskaliert die Trump-Regierung ihre Kampagne imperialistischer Gewalt gegen S\u00fcdamerika. Inzwischen ist dort die gr\u00f6\u00dfte US-Flotte stationiert, die jemals vor den K\u00fcsten S\u00fcdamerikas versammelt wurde. In einer unerbittlichen Mordserie wurden mehrere Fischerboote mit Raketen angegriffen. Weit \u00fcber 100 unbewaffnete Zivilisten wurden dabei bisher get\u00f6tet wurden. Begleitet wurde diese Eskalation von einem neuen Dokument zur Nationalen Sicherheitsstrategie, in dem stolz ein aktueller \u201eTrump-Zusatz\u201c zur Monroe-Doktrin verk\u00fcndet wird.<\/p>\n<p>Venezuela und seine \u00d6lreserven, die gr\u00f6\u00dften der Welt, sind das unmittelbare Ziel der r\u00e4uberischen Operationen des US-Imperialismus. Trump hat dies in seinen \u00c4u\u00dferungen gegen\u00fcber den Medien und mit seinem blindw\u00fctigen Social-Media-Gezeter deutlich gemacht. Er hat damit gedroht, dass die milit\u00e4rischen Angriffe der USA solange eskalieren w\u00fcrden, \u201ebis sie all das \u00d6l, Land und andere Verm\u00f6genswerte, die sie uns zuvor gestohlen haben, an die Vereinigten Staaten von Amerika zur\u00fcckgegeben haben\u201c. Diesen Drohungen lie\u00df Washington Taten folgen und beschlagnahmte in Piratenmanier \u00d6ltanker auf hoher See und verh\u00e4ngte eine Blockade, was eine eindeutige Kriegshandlung ist, die darauf abzielt, Venezuela bis zur Unterwerfung auszuhungern.<\/p>\n<p>Aber der sogenannte \u201eTrump-Zusatz\u201c sowie die faschistischen und mafi\u00f6sen \u00c4u\u00dferungen seines Namensgebers im Wei\u00dfen Haus machen deutlich, dass Washingtons Ziele weit \u00fcber Venezuela hinausgehen. Sie kommen dem Versuch gleich, Lateinamerika wieder zu einer Kolonie zu machen und die ganze Region den Profitinteressen der USA sowie den Erfordernissen der Vorbereitung auf einen Weltkrieg unterzuordnen.<\/p>\n<p>Diese Kampagne kommt konkret sowohl in Drohungen, Mexiko zu bombardieren, zum Ausdruck als auch in pers\u00f6nlichen Angriffen auf den kolumbianischen Pr\u00e4sidenten Gustavo Petro sowie der Verh\u00e4ngung von 50-prozentigen Z\u00f6llen gegen Brasilien zur Unterst\u00fctzung des verurteilten Putschisten und faschistischen Ex-Pr\u00e4sidenten Jair Bolsonaro. Diese Ma\u00dfnahmen wurden von Washingtons offener Einmischung in j\u00fcngste Wahlen begleitet. Dazu geh\u00f6rten Drohungen mit wirtschaftlichen Strafma\u00dfnahmen gegen die Bev\u00f6lkerungen von Argentinien und Honduras, sollten sie nicht f\u00fcr Kandidaten stimmen, die auf Trump-Linie sind.<\/p>\n<p><strong>Ursprung und weitere Entwicklung des Eingreifens der USA in Venezuela<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Herausbildung der imperialistischen Doktrin der USA gegen\u00fcber der westlichen Hemisph\u00e4re kam Venezuela eine historisch \u00fcberragende Bedeutung zu. Zum Teil ist dies auf die enormen \u00d6lvorkommen Venezuelas zur\u00fcckzuf\u00fchren. Aus ihnen stammten auf dem H\u00f6hepunkt des US-\u00d6lriesen Standard Oil rund die H\u00e4lfte aller Profite, die amerikanische Kapitalisten aus Lateinamerika herauspressten.<\/p>\n<p>Der US-Interventionismus in Venezuela begann jedoch bereits vor langer Zeit mit der sogenannten Venezuela-Krise von 1902\u20131903, die den ersten Schritten der sp\u00e4ter gro\u00df angelegten \u00d6lf\u00f6rderung sogar noch etwas mehr als ein Jahrzehnt vorausging.<\/p>\n<p>Auch damals lag eine Flotte von Kriegsschiffen vor der K\u00fcste Venezuelas. Schlachtschiffe bombardierten H\u00e4fen, t\u00f6teten Dutzende Menschen, und ausl\u00e4ndische Truppen \u00fcbernahmen die Kontrolle \u00fcber Zoll\u00e4mter.<\/p>\n<p>Anders als heute waren es vor mehr als 120 Jahren aber Deutschland, Gro\u00dfbritannien und Italien, die diese Armada entsandten. Als Vorwand diente die Weigerung der venezolanischen Regierung unter dem damaligen Pr\u00e4sident Cipriano Castro, ihre Schulden zu bezahlen.<\/p>\n<p>Castro war bereits 1899 an die Macht gekommen. Er sah sich jedoch rasch mit einer sogenannten \u201eBefreiungsrevolution\u201d konfrontiert, die von Venezuelas reichstem Mann, Antonio Matos, angef\u00fchrt wurde. Unterst\u00fctzt wurde diese \u201eRevolution\u201c durch ausl\u00e4ndisches Kapital, insbesondere von der US-amerikanischen New York and Bermudez Company, der von deutschen Konzernen dominierten Gro\u00dfen Venezuela-Eisenbahn (<em>Gran Ferrocarril de Venezuela<\/em>) und der franz\u00f6sischen <em>Soci\u00e9t\u00e9 fran\u00e7aise des t\u00e9l\u00e9graphes sous-marins <\/em>(Franz\u00f6sische Gesellschaft f\u00fcr Unterseekabel).<\/p>\n<p>Ein erbitterter B\u00fcrgerkrieg verw\u00fcstete die venezolanische Wirtschaft und leerte die Staatskassen. Danach weigerte sich Castro, den Forderungen der britischen Imperialisten nach R\u00fcckzahlung erheblicher Kreditsummen nachzukommen. Das gleiche galt f\u00fcr die Forderungen der deutschen Gl\u00e4ubiger, die im gro\u00dfen Stil in das Land investiert hatten, und auch die Anspr\u00fcchen ihres Juniorpartners Italien, dessen Bourgeoisie einen Gro\u00dfteil des venezolanischen Gesch\u00e4fts- und Handelslebens dominierte, wies Castro zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ischen M\u00e4chte forderten hingegen die sofortige Begleichung der ausstehenden Schulden und eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Zerst\u00f6rung ihres Eigentums im B\u00fcrgerkrieg, den sie selbst gesch\u00fcrt hatten. Sie waren entschlossen, ihren Willen mit Hilfe einer Seeblockade durchzusetzen. Castro ignorierte ihre Ultimaten und appellierte gleichzeitig an nationalistische Stimmungen in Teilen der Bev\u00f6lkerung, was zu Ausschreitungen und zu Pl\u00fcnderungen bei ausl\u00e4ndischen Unternehmen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>US-Pr\u00e4sident Theodore Roosevelt hatte als unverfrorener Imperialist grunds\u00e4tzlich keine Einw\u00e4nde dagegen, dass die gro\u00dfen kapitalistischen M\u00e4chte mit Waffengewalt Reicht\u00fcmer aus unterdr\u00fcckten L\u00e4ndern herausholten. Berichten zufolge erkl\u00e4rte er gegen\u00fcber einem deutschen Diplomaten: \u201eWenn sich ein s\u00fcdamerikanisches Land gegen\u00fcber einem europ\u00e4ischen Land schlecht benimmt, soll das europ\u00e4ische Land ihm den Hintern versohlen.\u201c Er f\u00fcgte jedoch hinzu, dass \u201ediese Bestrafung keinesfalls so aussehen darf, dass eine nicht-amerikanische Macht Gebiete erwirbt\u201c.<\/p>\n<p>Mit dieser Warnung bekr\u00e4ftigte er die Monroe-Doktrin, ein Grundpfeiler der US-Au\u00dfenpolitik, die erstmals von US-Pr\u00e4sident James Monroe formuliert wurde. \u201eDie amerikanischen Kontinente\u201c, erkl\u00e4rte Monroe im Jahr 1823, \u201esind fortan nicht mehr als Gegenstand zuk\u00fcnftiger Kolonisation durch irgendwelche europ\u00e4ischen M\u00e4chte zu betrachten.\u201c<\/p>\n<div class=\"wp-block-cover\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-16077\" alt=\"\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-1024x576.jpg\" data-object-fit=\"cover\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim\"><\/span><\/p>\n<div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-flow wp-block-cover-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p><em>Die Monroe-Doktrin, Gem\u00e4lde von Allyn Cox im US-Kapitol [Photo: aoc.gov]<\/em><\/p>\n<p>Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte sich diese antikoloniale und von demokratischen Prinzipien inspirierte Warnung an die gekr\u00f6nten H\u00e4upter Europas bereits stetig gewandelt. Sie wurde von der US-Regierung beschworen, um die Annexion von Texas als Sklavenstaat und den Raub von mehr als der H\u00e4lfte des mexikanischen Territoriums durch milit\u00e4rische Gewalt im Jahr 1848 zu rechtfertigen. Dieser Prozess beschleunigte sich rapide mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898, der Eroberung spanischen Kolonialbesitzes durch die USA und dem Aufstieg der Vereinigten Staaten zur imperialistischen Gro\u00dfmacht auf der Weltb\u00fchne, die es inzwischen darauf anlegte, durch milit\u00e4rische Aggression die Kontrolle \u00fcber M\u00e4rkte, Rohstoffquellen und billige Arbeitskr\u00e4fte zu erlangen.<\/p>\n<p>In der Krise von 1902 appellierte die Castro-Regierung in Venezuela an Washington, in dem Konflikt um unbeglichene Schulden zu vermitteln. Roosevelt \u00fcbernahm diese Rolle und forderte die britische und deutsche Regierung auf, sich zur\u00fcckzuziehen. W\u00e4hrend die Briten sich den USA f\u00fcgten, war Kaiser Wilhelm II. entschlossen, dem deutschen Kapitalismus seinen \u201ePlatz an der Sonne\u201c zu sichern. Er hatte bereits den Aufstieg Deutschlands als Milit\u00e4rmacht mit der st\u00e4rksten Armee der Welt und einer nur von Gro\u00dfbritannien \u00fcbertroffenen Flotte in Gang gesetzt.<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Roosevelt bef\u00fcrchtete, dass Deutschland die Venezuela-Krise nutzen w\u00fcrde, um wichtige Marinest\u00fctzpunkte zu erobern. Damit, so die Bef\u00fcrchtung, w\u00e4re es Deutschland m\u00f6glich, sowohl die Schifffahrtswege in der Karibik, insbesondere aber auch den Zugang zu einem geplanten strategischen Kanal zu kontrollieren, der Atlantik und Pazifik durch die schmale Landbr\u00fccke Mittelamerikas verbinden w\u00fcrde. Roosevelt stellte Deutschland deshalb ein Ultimatum, die Vermittlung durch die USA zu akzeptieren und seine Kriegsschiffe zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n<p>Der US-Pr\u00e4sident lie\u00df den deutschen Botschafter wissen, dass Washington unter dem Kommando von Admiral George Dewey eine eigene Armada vor Puerto Rico zusammenzog. Dewey war 1898 durch den entscheidenden Schlag gegen die spanische Flotte in der Schlacht in der Bucht von Manila auf den Philippinen zu internationaler Ber\u00fchmtheit gelangt. Angesichts der Aussicht auf einen Krieg mit den USA unter strategischen Bedingungen, in denen es schwierig sein w\u00fcrde, die eigene Flotte zu versorgen oder zu verst\u00e4rken, zog sich Deutschland zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Nach gescheiterter Blockade Venezuelas brachten die Europ\u00e4er ihren Fall vor den St\u00e4ndigen Schiedsgerichtshof in Den Haag. Der Konflikt um Venezuela erwies sich nun als entscheidend f\u00fcr die Ausgestaltung des sogenannten Roosevelt-Zusatzes zur Monroe-Doktrin, den der US-Pr\u00e4sident 1904 in seiner j\u00e4hrlichen Ansprache vor dem Kongress verk\u00fcndete. Dieser Zusatz, der die imperialistischen Ambitionen der USA gegen\u00fcber Lateinamerika zum Ausdruck brachte, war in erheblichem Ma\u00dfe darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die europ\u00e4ischen M\u00e4chte vom Haager Schiedsgericht zugesprochen bekamen, dass ihre Forderungen gegen\u00fcber denjenigen der USA bevorzugt behandelt werden sollten.<\/p>\n<p>Roosevelts Rede vor dem Kongress war von imperialistischer Arroganz durchdrungen und lie\u00df erkennen, dass lateinamerikanische Nationen, die sich \u201evern\u00fcnftig und mit Kraft und Anstand\u201c verhielten, von den Vereinigten Staaten nichts zu bef\u00fcrchten h\u00e4tten. Er f\u00fcgte jedoch hinzu: \u201eSt\u00e4ndiges Unrechttun oder ein Unverm\u00f6gen, welches hinausl\u00e4uft auf eine Lockerung der Bande der zivilisierten Gesellschaft, mag in Amerika wie anderswo schlie\u00dflich die Intervention durch irgendeine zivilisierte Nation fordern.\u201c<\/p>\n<p>Roosevelt machte deutlich, dass sich der US-Imperialismus das exklusive Recht zur Aus\u00fcbung \u201einternationaler Polizeigewalt\u201c in der westlichen Hemisph\u00e4re anma\u00dfte. Wenn es darum ginge, lateinamerikanischen L\u00e4ndern \u201eden Hintern zu versohlen\u201c, ihre H\u00e4fen zu bombardieren, ihre B\u00fcrger zu massakrieren und ihre Zoll\u00e4mter zu beschlagnahmen, so w\u00fcrden die USA diese Aufgabe \u00fcbernehmen, nicht ihre europ\u00e4ischen Rivalen.<\/p>\n<p>Roosevelts Verk\u00fcndung dieses weitreichenden Zusatzes zur Monroe-Doktrin wurde durch eine Welle von Interventionen, Invasionen und Besetzungen rasch umgesetzt. Dieser imperialistische Sturmlauf wurde 1935 von Smedley Butler, einem Generalmajor des US Marine Corps, pr\u00e4gnant zusammengefasst. Im R\u00fcckblick auf seine 33-j\u00e4hrige Karriere als Marine erkl\u00e4rte Butler:<\/p>\n<p><em>Ich habe die meiste Zeit meines Lebens als hochklassiger Muskelmann f\u00fcr Gro\u00dfkonzerne, die Wall Street und die Banker verbracht. Kurz gesagt, ich war ein Halsabschneider, ein Gangster f\u00fcr den Kapitalismus. Ich habe 1914 geholfen, Mexiko, insbesondere Tampico, f\u00fcr amerikanische \u00d6linteressen sicher zu machen. Ich habe geholfen, Haiti und Kuba zu vern\u00fcnftigen, eintr\u00e4glichen Gesch\u00e4ftspl\u00e4tzen f\u00fcr die Jungs von der National City Bank zu machen. Ich habe geholfen, ein halbes Dutzend zentralamerikanischer Republiken zum Vorteil der Wall Street zu pl\u00fcndern. Ich habe 1902\u20131912 dabei geholfen, Nicaragua f\u00fcr das internationale Bankhaus Brown Brothers zu s\u00e4ubern. 1916 f\u00fchrte ich die Dominikanische Republik zum Licht \u2013 f\u00fcr die Interessen der amerikanischen Zuckerindustrie. 1903 half ich dabei, Honduras f\u00fcr die amerikanischen Obstunternehmen zurechtzur\u00fccken. In China sorgte ich 1927 daf\u00fcr, dass Standard Oil ungest\u00f6rt seiner Wege gehen konnte. R\u00fcckblickend h\u00e4tte ich Al Capone vielleicht ein paar Tipps geben k\u00f6nnen. Das Beste, wozu er in der Lage war, waren Gaunereien in drei Bezirken. Ich war auf drei Kontinenten t\u00e4tig.<\/em><\/p>\n<p>Venezuela blieb davon keineswegs verschont. Im Jahr 1908 half Washington dabei, Vorg\u00e4nge zu inszenieren, die man heute als Regimewechsel-Operation bezeichnen w\u00fcrde. Die USA verhalfen Castros Vizepr\u00e4sidenten und ehemaligem Mitstreiter Juan Vicente G\u00f3mez zur Macht im Pr\u00e4sidentenpalast, w\u00e4hrend Castro sich zur medizinischen Behandlung in Europa aufhielt.<\/p>\n<p>G\u00f3mez, der Washington sofort dazu einlud, Kanonenboote zu entsenden, um die Lage zu \u201estabilisieren\u201d, sollte bis zu seinem Tod 1935 als Diktator \u00fcber das Land herrschen. Ebenso lud er Matos, den reichen Bankier, zur\u00fcck nach Venezuela ein, um die Au\u00dfenbeziehungen zu \u00fcbernehmen. Dieser hatte an der Spitze der sogenannten \u201eBefreiungsrevolution\u201c gestanden, die von ausl\u00e4ndischem Kapital unterst\u00fctzt wurde.<\/p>\n<p>Die Diktatur von G\u00f3mez war bekannt f\u00fcr ihre brutale Unterdr\u00fcckung. Dazu geh\u00f6rte, dass die venezolanischen Universit\u00e4ten als Vergeltungsma\u00dfnahme f\u00fcr Studentenproteste f\u00fcr ein Jahrzehnt geschlossen wurden, sowie der systematische Einsatz von Mord, Entf\u00fchrungen und Foltermethoden, die von der spanischen Inquisition \u00fcbernommen worden waren, um jegliche politische Opposition zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Politische Gegner wurden ohne Gerichtsverfahren inhaftiert und verhungerten in vielen F\u00e4llen im ber\u00fcchtigten Gef\u00e4ngnis La Rotunda in Caracas langsam zu Tode. Tausende von ihnen wurden gezwungen, sich in Kolonnen \u2013 aneinander gekettet \u2013 zu Tode zu arbeiten. Sie wurden etwa zum Bau von Autobahnen und Eisenbahnlinien eingesetzt. Zehntausende weitere flohen ins Exil.<\/p>\n<p>G\u00f3mez, der den Spitznamen \u201eDer Wels\u201c trug, war weltweit ber\u00fcchtigt. Das US-Magazin<em> Time<\/em> verglich seine Unterdr\u00fcckung mit der von Hitler, Mussolini und Stalin: \u201eDie Geheimpolizeien Deutschlands, Russlands und Italiens sind bemerkenswerte Organisationen. Doch sie verblassen vor denen des Diktators G\u00f3mez.\u201c<\/p>\n<p>In seinem 1941 erschienenen Werk \u201eInside Latin America\u201c zeichnete der amerikanische Autor und Journalist John Gunther ein erschreckendes Bild des venezolanischen Diktators: \u201eDer Wels war ein m\u00f6rderischer Schurke, da gibt es nichts zu besch\u00f6nigen. Er wandte Foltermethoden von unvorstellbarer Brutalit\u00e4t an. Politische Gefangene, von denen es Tausende gab, fristeten ihr Dasein mit Fu\u00dffesseln (<em>grillos<\/em>), die sie zu dauerhaften Kr\u00fcppeln machten, wenn sie nicht kopf\u00fcber \u2013 an den Hoden \u2013 aufgeh\u00e4ngt wurden, bis sie starben. Andere endeten buchst\u00e4blich als menschlicher Schleim. G\u00f3mez war durchaus dazu f\u00e4hig, aus einer Reihe von Menschen jeden Zehnten per Los auszuw\u00e4hlen und ihn aufzuh\u00e4ngen \u2013 <em>mit Fleischerhaken durch die Kehle!\u201c<\/em> (Hervorhebung im Original.)<\/p>\n<p>G\u00f3mez\u2019 brutale Unterdr\u00fcckung, zusammen mit seinem vehementen Antikommunismus und seinem Hass auf Gewerkschaften, kam bei Washington und den US-\u00d6lkonzernen gut an, die nach der Bohrung des ersten \u00d6lbrunnens 1912 im Maracaibo-Becken zur dominierenden Kraft in Venezuela aufstiegen. Innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt entwickelte sich Venezuela zum weltweit gr\u00f6\u00dften \u00d6lexporteur und zweitgr\u00f6\u00dften \u00d6lproduzenten, \u00fcbertroffen nur noch von den USA.<\/p>\n<p>G\u00f3mez ma\u00dfte sich das uneingeschr\u00e4nkte Recht an, Konzessionen f\u00fcr die \u00d6lf\u00f6rderung an ausl\u00e4ndische Unternehmen zu vergeben, darunter vor allem an Rockefellers Standard Oil, und \u00fcberlie\u00df ihnen die Kontrolle \u00fcber weite Teile des Landes. Er wurde schnell zum reichsten Mann Venezuelas, w\u00e4hrend er den L\u00f6wenanteil des Reichtums des Landes der Wall Street und den \u00d6lkonzernen zum Pl\u00fcndern \u00fcberlie\u00df und einen Teil seiner Schmiergelder dazu verwendete, sich die Loyalit\u00e4t seiner Anh\u00e4nger und des Milit\u00e4rs zu sichern.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-1-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16078\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-1-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-1-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n<p><em>Soldaten belagern den venezolanischen Kongress w\u00e4hrend des Staatsstreichs von 1948 [Photo: Unknown]<\/em><\/p>\n<p><strong>Venezuela und der amerikanische Imperialismus w\u00e4hrend des Kalten Krieges<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Verstaatlichung der mexikanischen \u00d6lindustrie durch Pr\u00e4sident L\u00e1zaro C\u00e1rdenas im Jahr 1938 gewann Venezuela f\u00fcr den US-Imperialismus und seine Profitinteressen noch gr\u00f6\u00dfere strategische Bedeutung. Die \u00d6lreserven des Landes befanden sich in den H\u00e4nden US-amerikanischer und britisch-niederl\u00e4ndischer Konzerne und Venezuela spielte eine entscheidende Rolle bei der Versorgung des amerikanischen Milit\u00e4rs w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs sowie als treibender Faktor im Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit und beim eskalierenden Militarismus des Kalten Kriegs.<\/p>\n<p>Nach dem Tod von Diktator G\u00f3mez \u00fcbernahmen nacheinander zwei Gener\u00e4le die Pr\u00e4sidentschaft. Sie bauten die Macht der Diktatur nach und nach ab, legalisierten schlie\u00dflich die Kommunistische Partei und die Gewerkschaften und verabschiedeten 1943 das erste Erd\u00f6lgesetz (<em>Ley de Hidrocarburos<\/em>) des Landes. Der Versuch, ohne Volkswahlen einen weiteren Pr\u00e4sidenten zu installieren, l\u00f6ste jedoch 1945 die sogenannte \u201eOktoberrevolution\u201d aus. Sie wurde angef\u00fchrt von der <em>Acci\u00f3n Democr\u00e1tica<\/em> (AD), der b\u00fcrgerlich-demokratischen Partei von R\u00f3mulo Betancourt, und einer Gruppe j\u00fcngerer Milit\u00e4roffiziere, die sich zu der milit\u00e4rischen Geheimorganisation <em>Uni\u00f3n Militar Patri\u00f3tica<\/em> zusammengeschlossen hatten, und deren prominentestes Mitglied Marcos P\u00e9rez Jim\u00e9nez war.<\/p>\n<p>Die neue Regierung unter Betancourt leitete eine Reihe von Reformen ein, lehnte jedoch Forderungen nach einer Verstaatlichung der ausl\u00e4ndischen \u00d6lgesellschaften ab. 1947 fanden in Venezuela die ersten direkten und allgemeinen Wahlen statt, die der Kandidat der AD, der venezolanische Schriftsteller R\u00f3mulo Gallegos, mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit gewann. Zu seinen bemerkenswertesten Ma\u00dfnahmen geh\u00f6rte die Erh\u00f6hung der Steuer auf die Gewinne der ausl\u00e4ndischen \u00d6lgesellschaften von 43 auf 50 Prozent. Diese Regelung, die unter der Bezeichnung \u201eFifty-Fifty\u201c bekannt wurde, \u00fcbernahmen sp\u00e4ter andere gro\u00dfe \u00d6lnationen, darunter Saudi-Arabien. Die \u00d6lgesellschaften waren von Gallegos Ma\u00dfnahmen wenig begeistert und er wurde kaum neun Monate nach seinem Amtsantritt vom Milit\u00e4r gest\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Venezuela sollte ein weiteres Jahrzehnt brutaler Diktatur unter der F\u00fchrung von Oberst Marcos P\u00e9rez Jim\u00e9nez erleben. Die verhasste Geheimpolizei <em>Direcci\u00f3n de Seguridad Nacional<\/em> f\u00fchrte unter der Milit\u00e4rdiktatur eine Schreckensherrschaft ein, die von Mord, Verschleppung, Folter und der Inhaftierung Tausender politischer Gefangener in Konzentrationslagern und Gef\u00e4ngnissen gepr\u00e4gt war. Das Regime unterhielt beste Beziehungen zu den \u00d6lgesellschaften und ausl\u00e4ndischen Kapitalgebern, die eingeladen wurden, das Land und seine Ressourcen auszubeuten. F\u00fcr seine Verdienste um die Unterdr\u00fcckung der Massen und die Erleichterung des Profitflusses verlieh US-Pr\u00e4sident Dwight Eisenhower P\u00e9rez Jim\u00e9nez die hohe milit\u00e4rische Auszeichung Legion of Merit.<\/p>\n<p>P\u00e9rez Jim\u00e9nez wurde durch einen weiteren \u201ezivil-milit\u00e4rischen\u201d Staatsstreich abgesetzt, der am 1. Januar 1958 begann. Er floh aus dem Land mit Hunderten Millionen Dollar, die er aus der Staatskasse gestohlen hatte, und fand zun\u00e4chst in Miami Beach und sp\u00e4ter unter dem Schutz der Franco-Diktatur in Spanien ein komfortables Asyl.<\/p>\n<p>Als Richard Nixon, damals noch US-Vizepr\u00e4sident, am Ende einer Lateinamerikareise, kaum f\u00fcnf Monate nach dem Sturz von P\u00e9rez Jim\u00e9nez, Venezuela besuchte, entlud sich die rasende Wut der Bev\u00f6lkerung gegen den US-Imperialismus, der stets die Diktatur unterst\u00fctzt und das Land \u00fcber Jahrzehnte ausgebeutet hatte. Nixon war kaum aus dem Flugzeug gestiegen, da wurde er bereits mit M\u00fcll beworfen und bespuckt. Er entkam nur knapp in einer Autokolonne, die kurz darauf erneut von Menschenmengen angegriffen wurde, die sein Auto umzingelten und dessen Scheiben mit Steinen, Rohren und Kn\u00fcppeln zerschlugen. Dem US-Vizepr\u00e4sident gelang es nur mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche, einen seiner Secret-Service-Agenten zur\u00fcckzuhalten, der seine Waffe gezogen hatte und \u201eHolen wir uns ein paar von diesen Mistkerlen!\u201c br\u00fcllte.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-2-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16079\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-2-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-2-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-2-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bild1-2.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n<p><em>Demonstranten attackieren Nixons Limousine bei dessen Besuch in Caracas im Jahr 1958 [Photo: US Government]<\/em><\/p>\n<p>Als die Nachricht in Washington ankam, wie Richard Nixon empfangen worden war, befahl Eisenhower die Entsendung von Marines und Fallschirmj\u00e4gern zum US-Marinest\u00fctzpunkt in Guantanamo Bay auf Kuba und schickte Kampfflugzeuge nach Cura\u00e7ao, um den Vizepr\u00e4sidenten zu retten. Die letztlich abgebrochene \u201eOperation Poor Richard\u201c, wie sie genannt wurde, erwies sich als Blamage f\u00fcr Nixon und l\u00f6ste in ganz Lateinamerika Emp\u00f6rung aus.<\/p>\n<p>In den folgenden Jahren entwickelte sich die Regierung der <em>Acci\u00f3n Democr\u00e1tica<\/em> von Betancourt aus der Sicht Washingtons zum Modell f\u00fcr ein antikommunistisches, aber ziviles Regime. Es setzte sich f\u00fcr die Bewahrung des Privateigentums und die Interessen ausl\u00e4ndischen Kapitals ein und unterdr\u00fcckte gleichzeitig politische Bewegungen links von sich. Betancourt begr\u00fc\u00dfte Kennedys \u201eAllianz f\u00fcr den Fortschritt\u201c und erkl\u00e4rte, es sei notwendig, \u201eden Armen zu helfen, um die Reichen zu retten\u201c. W\u00e4hrend seiner h\u00e4ufigen Besuche in Washington kn\u00fcpfte und pflegte Betancourt Beziehungen zur F\u00fchrung des amerikanischen Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO, der ihn beim Aufbau eines antikommunistischen Gewerkschaftsapparats unterst\u00fctzte, der der Regierung und den \u00d6lgesellschaften loyal gegen\u00fcberstand.<\/p>\n<p>Venezuela wurde als \u201evorbildliche Demokratie\u201c gepriesen, w\u00e4hrend zur gleichen Zeit in weiten Teilen S\u00fcdamerikas brutale Diktaturen durch Milit\u00e4rputsche, die von der CIA unterst\u00fctzt wurden, an die Macht kamen. Die Monroe-Doktrin war erneut \u00fcberarbeitet worden, diesmal mit einem Kennan-Zusatz, benannt nach dem US-Diplomaten George F. Kennan, dem Architekten der Eind\u00e4mmungspolitik (\u201eContainment\u201c) gegen\u00fcber der Sowjetunion. Angewandt auf Lateinamerika, wurde dies zur Doktrin der \u201enationalen Sicherheit\u201c, in der jede revolution\u00e4re Bedrohung von unten als Ausdruck eines sowjetischen Expansionismus angesehen und r\u00fccksichtslos unterdr\u00fcckt werden sollte.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit war die \u201eDemokratie\u201c Venezuelas nicht weniger skrupellos als die Folterregime, die Washington anderswo auf dem Kontinent errichtet hatte. Die Regierung und ihre verhasste Geheimpolizei DISIP unterdr\u00fcckten auf brutale Weise die noch jungen Guerillabewegungen sowie linke und Gewerkschaftsaktivisten. Laut Sch\u00e4tzungen, die von der Regierung selbst stammen, wurden fast 900 venezolanische Zivilisten von den repressiven Kr\u00e4ften unter den sogenannten \u201edemokratischen\u201c Regimes entweder ermordet oder man lie\u00df sie verschwinden.<\/p>\n<p>Unter der Pr\u00e4sidentschaft von Carlos Andr\u00e9s P\u00e9rez, einem engen Verb\u00fcndeten von Betancourt und Mitbegr\u00fcnder der <em>Acci\u00f3n Democr\u00e1tica<\/em>, verstaatlichte die venezolanische Regierung 1976 inmitten der starken Preisanstiege, die mit den Energiekrisen dieser Zeit einhergingen, die \u00d6lindustrie. Entgegen Trumps Behauptungen, Venezuela habe den USA \u00d6l und Land \u201egestohlen\u201d, wurden die \u00d6lgesellschaften mit rund 1 Milliarde Dollar entsch\u00e4digt. Davon abgesehen waren weder das \u00d6l noch das Land \u00fcberhaupt jemals Eigentum der USA. Standard Oil und andere Unternehmen pl\u00fcnderten einfach die Ressourcen im Rahmen jener gro\u00dfz\u00fcgigen Konzessionen, die sie von aufeinanderfolgenden venezolanischen Regimes erhielten.<\/p>\n<p><strong>\u00d6l als \u201edie Ausscheidung des Teufels\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Verstaatlichungen unter einer kapitalistischen Regierung \u00e4nderten nichts an den grundlegenden Klassenverh\u00e4ltnissen in Venezuela. Das Land blieb in Bezug auf seine Einnahmen vollst\u00e4ndig von einem einzigen Rohstoff abh\u00e4ngig, n\u00e4mlich \u00d6l, das es \u00fcberwiegend an die USA verkaufte und damit den Schwankungen des Marktes ausgeliefert war.<\/p>\n<p>Die gleichen Strukturen blieben bestehen und sogar die gleichen venezolanischen Manager, die zuvor bei den ausl\u00e4ndischen Unternehmen t\u00e4tig waren, blieben in ihren Positionen. Die ausl\u00e4ndischen \u00d6lkonzerne setzten ihre Aktivit\u00e4ten fort und erzielten ihre Profite unter neuen Namen als Tochtergesellschaften der staatlichen Erd\u00f6lgesellschaft PDVSA. Die Regierung versuchte, die Wirtschaft zu diversifizieren, indem sie die G\u00fcter, die sie zuvor importierte, im eigenen Land selbst herstellte. Doch diese Versuche scheiterten, sodass Venezuela bei Lebensmitteln und dem Gro\u00dfteil seiner Industrieg\u00fcter weiterhin zu 80 Prozent von Importen abh\u00e4ngig blieb.<\/p>\n<p>Der prominente venezolanische Politiker Juan Pablo P\u00e9rez Alfonzo, der unter Betancourt Energieminister war, warnte vorausschauend: \u201eIn zehn, zwanzig Jahren werden Sie sehen: Das \u00d6l wird uns ruinieren. \u00d6l ist die Ausscheidung des Teufels.\u201c Das Land litt unter einem klassischen Fall der sogenannten \u201eholl\u00e4ndischen Krankheit\u201c, bei der die Dominanz eines einzigen Exportsektors (\u00d6l) zu einer Verk\u00fcmmerung anderer Sektoren wie der Industrie und der Landwirtschaft f\u00fchrt, wodurch das Land bei fallenden Exportpreisen anf\u00e4llig f\u00fcr schwere Krisen ist.<\/p>\n<p>Im Wechsel herrschten die <em>Acci\u00f3n Democr\u00e1tica<\/em> und ihre befreundete Rivalin, die christdemokratische COPEI, \u00fcber immer sch\u00e4rfere soziale Ungleichheit und grassierende Korruption, w\u00e4hrend die Schulden des Landes stetig stiegen. Nach seiner R\u00fcckkehr f\u00fcr eine zweite Amtszeit reagierte Carlos Andr\u00e9s P\u00e9rez auf den starken R\u00fcckgang der \u00d6lpreise, indem er die \u00d6lfelder des Landes der Ausbeutung durch ausl\u00e4ndische Konzerne weiter \u00f6ffnete und ein drastisches, vom Internationalen W\u00e4hrungsfonds diktiertes \u201eSchocktherapie\u201c-Programm durchsetzte, das eine 100-prozentige Erh\u00f6hung der Kraftstoffpreise vorsah.<\/p>\n<p>Die verarmten Massen Venezuelas reagierten auf diesen Angriff auf den Lebensstandard mit einem Aufstand, der als <em>Caracazo<\/em> bekannt wurde. Die Regierung \u00fcbte Vergeltung, indem sie das Kriegsrecht verh\u00e4ngte und zu blutiger Unterdr\u00fcckung griff, unbewaffnete Menschenmengen mit automatischen Waffen ins Visier nahm und Menschen aus ihren H\u00e4usern in Armenvierteln zerrte, um sie standrechtlich hinzurichten. In diesen Ereignissen zeigte sich der Zusammenbruch des vermeintlich liberalen antikommunistischen Konsenses, der nach dem Sturz von P\u00e9rez Jim\u00e9nez vorherrschte.<\/p>\n<p>Es folgten anhaltende Unruhen, die durch einen gescheiterten Putschversuch im Jahr 1992 unter der F\u00fchrung eines jungen Offiziers namens Hugo Ch\u00e1vez gekennzeichnet waren. Ch\u00e1vez \u00fcbernahm sechs Jahre sp\u00e4ter das Pr\u00e4sidentenamt nach einer Wahl, in der die AD und die COPEI eine vernichtende Niederlage einstecken mussten. Die beiden Parteien waren aufgrund ihrer Korruption und ihrer Verteidigung kapitalistischer Interessen auf Kosten der Masse der Bev\u00f6lkerung weitgehend verhasst.<\/p>\n<p>Die Ch\u00e1vez-Regierung nutzte die hohen \u00d6lpreise, um Sozialprogramme zu finanzieren, die das Bildungs- und Gesundheitswesen verbesserten und gleichzeitig die Armut begrenzten. Damit gab sie den Startschuss f\u00fcr die sogenannte \u201erosa Welle\u201d (\u201epink tide\u201c) in Lateinamerika. Auf diese ziemlich bescheidenen Reformen folgte eine Initiative der neuen Regierung, durch die sie die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Kuba festigte. Gleichzeitig verurteilte sie die Invasion Afghanistans durch die USA, was zu wachsender Feindseligkeit seitens Washingtons f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Diese Spannungen gipfelten im April 2002 in einem von den USA unterst\u00fctzten Putsch, bei dem Ch\u00e1vez kurzzeitig abgesetzt und inhaftiert wurde, bevor Massenproteste seine Wiedereinsetzung erzwangen. Unter den Milit\u00e4rs, Vertretern der Gro\u00dfindustrie und mit der AFL-CIO verbundenen Gewerkschaftsb\u00fcrokraten, die den Putsch unterst\u00fctzt hatten, befand sich auch Maria Corina Machado, jene rechte und von den USA finanzierte Politikerin, die f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung eines gewaltsamen Regimewechsels durch die USA vor Kurzem mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.<\/p>\n<p>Im Jahr 2007 f\u00fchrte die Ch\u00e1vez-Regierung eine weitere Runde von Verstaatlichungen durch und machte damit die zunehmende Privatisierung sowie die \u00dcbertragung operativer T\u00e4tigkeiten an in den USA ans\u00e4ssige Konzerne r\u00fcckg\u00e4ngig, die im Laufe des vorangegangenen Jahrzehnts stattgefunden hatte. Die Ch\u00e1vez-Regierung ergriff diese Ma\u00dfnahme erst, nachdem ExxonMobil und ConocoPhillips sich geweigert hatten, der Regierung im Rahmen neuer Konzessionsvereinbarungen die \u00dcbernahme von Mehrheitsanteilen zu gestatten.<\/p>\n<p>Nach dem Tod von Ch\u00e1vez und unter seinem Nachfolger Nicol\u00e1s Maduro im Jahr 2013 fielen weltweit die \u00d6lpreise, was zu einem dramatischen Schrumpfen der dortigen Wirtschaft, zu Massenabwanderung und dem Einbruch des Lebensstandards f\u00fchrte. Erschwerend kamen die Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela hinzu, die von der demokratischen Regierung unter Barack Obama verh\u00e4ngt und seither immer weiter versch\u00e4rft wurden.<\/p>\n<p>Die immer heftigeren Interventionen der USA kamen unter anderem in Putschverschw\u00f6rungen, Attentatsversuchen und sogar durch die Landung von S\u00f6ldnern an den K\u00fcsten Venezuelas zum Ausdruck. Die Trump-Regierung versuchte, ihren eigenen Pr\u00e4sidenten durchzusetzen, den nicht gew\u00e4hlten und weitgehend unbekannten rechten Abgeordneten Juan Guaid\u00f3. Dessen sogenannte \u201e\u00dcbergangsregierung\u201c fand jedoch keine Unterst\u00fctzung in der Bev\u00f6lkerung und zeigte sich lediglich geschickt bei der Veruntreuung von US-Hilfsgelder in Millionenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmte Schriftsteller, Humorist und Antiimperialist Mark Twain soll gesagt haben: \u201eGeschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich oft.\u201c Der Einsatz ausl\u00e4ndischer Kriegsflotten vor der K\u00fcste Venezuelas, der in gleich zwei F\u00e4llen \u2013 blo\u00df mit einem Abstand von 123 Jahren \u2013 mit einer anschlie\u00dfenden Erweiterung der Monroe-Doktrin einhergeht, scheint Twains gefl\u00fcgelte Worte zu best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Ein Unterschied ist jedoch, dass Theodore Roosevelt die Krise von 1902 nutzte, um die Monroe-Doktrin den r\u00e4uberischen Interessen des US-Imperialismus als aufstrebende Weltmacht anzupassen. Mit seinem eigenen \u201eZusatz\u201c zur Monroe-Doktrin lehnt sich Trump zwar an Theodore Roosevelt an, doch zeigt sich darin heute die zunehmend unl\u00f6sbare Krise, in der sich die USA befinden, sowie den Verlust ihrer globalen Vorherrschaft, den Washington verzweifelt mit Militarismus und Aggression zu \u00fcberwinden versucht.<\/p>\n<p>China hat die USA bereits als f\u00fchrender Handelspartner S\u00fcdamerikas \u00fcberholt und wird dies voraussichtlich bis 2035 auch in ganz Lateinamerika und der Karibik tun. China investiert im gro\u00dfen Stil in Infrastrukturprojekte, mit denen die USA nicht mithalten k\u00f6nnen \u2013 vom neuen Tiefwasserhafen in der peruanischen K\u00fcstenstadt Chancay bis zum Aufbau von 5G-Netzen. Unterdessen strebt auch die Europ\u00e4ische Union einen eigenen Zugang zu den strategisch wichtigen Rohstoffquellen der Region an.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Umst\u00e4nde hei\u00dft es in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, die am 4. Dezember vom Wei\u00dfen Haus ver\u00f6ffentlicht wurde:<\/p>\n<p><em>Nach Jahren der Vernachl\u00e4ssigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen, um die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisph\u00e4re wiederherzustellen und unser Heimatland sowie unseren Zugang zu wichtigen Gebieten in der gesamten Region zu sch\u00fctzen. Wir werden Wettbewerbern au\u00dferhalb der Hemisph\u00e4re die M\u00f6glichkeit verweigern, Streitkr\u00e4fte oder andere bedrohliche Kapazit\u00e4ten in unserer Hemisph\u00e4re zu positionieren oder strategisch wichtige Verm\u00f6genswerte zu besitzen oder zu kontrollieren. Dieser \u201eTrump-Zusatz\u201c zur Monroe-Doktrin ist eine vern\u00fcnftige und kraftvolle Wiederherstellung amerikanischer Macht und Priorit\u00e4ten, die mit den Sicherheitsinteressen der USA im Einklang steht.<\/em><\/p>\n<p>Den Kurs, den dieses neue Bekenntnis zur Monroe-Doktrin vorgibt, erscheint auf den ersten Blick weniger \u201evern\u00fcnftig\u201c als vielmehr wahnhaft. Er bedeutet \u2013 mehr noch als an jedem anderen historischen Wendepunkt \u2013 den sicheren Weg in den Krieg. Die von der Trump-Regierung formulierten Ziele k\u00f6nnen nicht anders erreicht werden als durch Eroberungsfeldz\u00fcge und die direkte milit\u00e4rische Konfrontation mit den Atomm\u00e4chten China und Russland.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird der Versuch, Lateinamerika neokoloniale Ketten anzulegen, unweigerlich einen gigantischen Ausbruch des Klassenkampfs in der gesamten westlichen Hemisph\u00e4re provozieren.<\/p>\n<p>Die Alternativen, die sich aus dieser Situation ergeben, zeigten sich noch nie deutlicher. Auf dem amerikanischen Kontinent wie auch dar\u00fcber hinaus muss die Arbeiterklasse ihre K\u00e4mpfe \u00fcber nationale Grenzen hinweg vereinen, um dem Kapitalismus ein Ende zu setzen, oder dieses todgeweihte System wird die Menschheit in den Abgrund eines nuklearen Dritten Weltkriegs ziehen.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: US Marines bei einer \u00dcbung mit scharfer Munition an Bord der USS Iwo Jima in der Karibik [Photo: @22nd_MEU]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2026\/02\/13\/vfcp-f13.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Februar 2026<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bill Van Auken. Dieser Artikel \u00fcber die Geschichte des amerikanischen Imperialismus in Venezuela erschien urspr\u00fcnglich am 29. und 30. Dezember 2025 als Zweiteiler in der englischen Ausgabe der WSWS. 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