{"id":16082,"date":"2026-02-14T16:26:56","date_gmt":"2026-02-14T14:26:56","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16082"},"modified":"2026-02-14T16:26:58","modified_gmt":"2026-02-14T14:26:58","slug":"camilo-torres-revolutionaer-durch-und-durch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16082","title":{"rendered":"Camilo Torres: \u00bbRevolution\u00e4r durch und durch\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><em>Carmela Negrete. <\/em><strong>Kolumbien: 60 Jahre nach seinem Tod wurde der Leichnam des Priesters und Guerilleros Camilo Torres gefunden. Nun soll er in der Universit\u00e4t ein Ehrengrab erhalten<\/strong>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Hintergrund: Priester und Rebell<\/strong><\/p>\n<p>Camilo Torres Restrepo wurde 1954 Priester und sp\u00e4ter auch Soziologe und Professor der Universit\u00e4t UIS, wo er sich zusammen mit den Studenten an Protesten beteiligte. Er schrieb eine Arbeit mit dem Titel \u00bbDie Proletarisierung Bogot\u00e1s\u00ab und geh\u00f6rte ab den 1960er Jahren zu den ersten und bekanntesten Vertretern der Befreiungstheologie. Angesichts der elenden Verh\u00e4ltnisse, in denen die meisten Kolumbianer lebten, sah Torres die Revolution als Christenpflicht.<\/p>\n<p>Am 15. Februar 1966 starb Camilo Torres Restrepo. Der Priester und Guerillak\u00e4mpfer der Nationalen Befreiungsarmee ELN, fiel bei einem Gefecht in der kolumbianischen Region Santander. Sein Leichnam wurde damals offenbar mit Formalin konserviert und soll nun der Universidad Nacional von Kolumbien in Bogot\u00e1 \u00fcbergeben werden, damit er dort in einer Art Mausoleum aufbewahrt wird. Dagegen gab es Proteste von Professoren und Studenten, vor allem aus der rechten Opposition, die beklagen, dass Kolumbien derzeit einen polarisierenden Moment erlebe und es viele Opfer bewaffneter Konflikte gebe.<\/p>\n<p>Denn trotz linker Regierung, einem Friedensabkommen mit der Guerillagruppe FARC und mancher sozialer Fortschritte herrscht in Kolumbien weiterhin alles andere als Frieden. Eine Abspaltung der ELN ist ebenfalls daf\u00fcr mitverantwortlich. Es ist ein Krieg, der bereits sechs Jahrzehnte andauert, inzwischen Hunderttausende Opfer forderte und bei dem auch internationale Firmen eine Rolle spielten, insbesondere bei der Vertreibung und Ausbeutung der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t begr\u00fcndet ihren Schritt, Torres\u2019 Leichnam aufbewahren zu wollen, damit, dass sie sich f\u00fcr \u00bbpluralistisches Denken und die Suche nach Frieden\u00ab einsetze. Man wolle die sterblichen \u00dcberreste aufnehmen wegen der historischen Bedeutung des Befreiungstheologen als Dozent f\u00fcr urbane Soziologie und Sozialarbeit sowie als Mitbegr\u00fcnder des Fachbereichs Soziologie im Jahr 1960.<\/p>\n<p><strong>\u00bbPablo Escobars Weg\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Auch Kolumbiens Pr\u00e4sident Gustavo Petro, der seit seinem Amtsantritt Friedensgespr\u00e4che mit der ELN f\u00fchrt, sprach sich im Januar daf\u00fcr aus, dass der fr\u00fchere Priester an der Universit\u00e4t einen Ehrenplatz erh\u00e4lt und ein Staatsakt veranstaltet wird.<\/p>\n<p>Petro vergleicht allerdings die heutige ELN mit einer Drogenmafia. Im Februar 2025 erkl\u00e4rte er: \u00bbEs kann keine \u00dcbereinstimmung zwischen Beamten der Sicherheitskr\u00e4fte und der Mafia geben, denn heute ist die ELN eine Mafia. Ich habe sie gefragt: \u203aWelchen Weg werdet ihr gehen? Hat Pater Camilo Torres Restrepo sein Leben dem Volk wie Jesus oder wie Pablo Escobar gewidmet?\u2039 Sie haben es uns bereits gezeigt. Offensichtlich und rabiat haben sie den Weg von Pablo Escobar gew\u00e4hlt\u00ab, sagte der Pr\u00e4sident vor der Presse.<\/p>\n<p>Am Donnerstag fand an der Universidad Industrial de Santander (UIS) eine Tagung statt, die von sozialen Bewegungen mitorganisiert wurde. Dabei sollte die historische und politische Rolle der Frauen in der 1965 von Torres gebildeten sozialistischen Allianz der Einheitsfront und in den sozialen K\u00e4mpfen Kolumbiens hervorgehoben werden. \u00bb60 Jahre nach seinem Tod bleibt Camilos Botschaft \u00fcber wirksame Liebe, Organisation und strukturelle Transformation weiterhin aktuell und spiegelt sich in den gegenw\u00e4rtigen kontinentalen K\u00e4mpfen wider\u00ab, hei\u00dft es in der Beschreibung der Konferenz von der Politikprofessorin Mar\u00eda Elvira Naranjo sowie der Historikerin und Aktivistin Mar\u00eda Tila Uribe.<\/p>\n<p>Der Priester Javier Giraldo hatte im Jahr 2019 eine formale Suchanfrage bei einer Beh\u00f6rde gestellt, die im Zuge des Friedensprozesses mit der FARC ins Leben gerufen worden war, um die Leiche von Torres zu finden, berichtete die Tageszeitung <em>El Pa\u00eds<\/em> am 8. Februar. Daraufhin wurden mehrere auf dem Friedhof von Bucaramanga begrabene Leichen exhumiert. Die sterblichen \u00dcberreste wurden in die Vereinigten Staaten geschickt, um dort analysiert und mit Gewebeproben der Eltern von Torres verglichen zu werden, die seit zehn Jahren zu diesem Zweck aufbewahrt worden waren. Auch die in Havanna begrabene Mutter von Torres wurde exhumiert.<\/p>\n<p>Die ELN hat am 22. Januar die Person von Torres gew\u00fcrdigt: \u00bbMan spricht weiterhin \u00fcber die vielf\u00e4ltigen Dimensionen Camilos: Priester, Soziologe, Sohn, Bruder, Freund, Gef\u00e4hrte, Agitator, Organisator, Forscher, nationale politische F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit, Guerillak\u00e4mpfer \u2026 Doch im Kern war Camilo ein Revolution\u00e4r durch und durch; sein Leben war ein Wirbelsturm des Engagements f\u00fcr das Volk\u00ab, schreibt die Organisation in einem Kommuniqu\u00e9.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren habe \u00bbdas politische Establishment ein Narrativ gepr\u00e4gt, das Camilo in entsch\u00e4rfter und angepasster Form erscheinen l\u00e4sst\u00ab. Damit solle \u00bbder milit\u00e4rische Kampf gegen die ELN legitimiert werden \u2013 jene Guerillaorganisation, an deren Aufbau Camilo beteiligt war und in der er seinen Entschluss \u203aBefreiung oder Tod\u2039 bekr\u00e4ftigte\u00ab, schreibt die Guerilla, die in den letzten Monaten mehrfach bewaffnete Aktionen ver\u00fcbt hat. \u00bbCamilo ist in die Geschichte eingegangen und kann weder ausgel\u00f6scht noch f\u00fcr Zwecke benutzt werden, die seinem Leben zuwiderlaufen\u00ab, hei\u00dft es in dem Kommuniqu\u00e9 der ELN, worin sie auch fordert, dass Torres auf dem Campus der Universit\u00e4t beigesetzt werden solle.<\/p>\n<p><strong>Schwere Zeiten f\u00fcr Frieden<\/strong><\/p>\n<p>Die sterblichen \u00dcberreste von Camilo Torres wurden in einem schwierigen Moment des Friedensprozesses in Kolumbien gefunden. Pr\u00e4sident Gustavo Petro, der selbst in seiner Jugend Guerillero bei der Stadtguerilla M-19 war, erkl\u00e4rte am Mittwoch, dass er ein Attentat \u00fcberlebt habe. Der Hubschrauber, in dem er mit seinen Kindern unterwegs war, sei von \u00bbDrogenkartellen\u00ab \u2013 wie er sie nannte \u2013 attackiert worden. Damit k\u00f6nnte er eine der Gruppen gemeint haben, die das Friedensabkommen von 2016 nicht unterzeichnet haben und gegen die der Pr\u00e4sident zuletzt den Kampf angek\u00fcndigt hatte.<\/p>\n<p>In den vergangenen Monaten kam es zu einer Reihe von Anschl\u00e4gen und bewaffneten Aktionen. So wurden im Juni letzten Jahres bei 24 Anschl\u00e4gen im Departamento Valle del Cauca acht Menschen get\u00f6tet und 25 verletzt. Am 9. Juni wurde zudem eine Armeeeinheit angegriffen, die eine Antidrogenoperation durchf\u00fchrte. Dabei war eine Bombe an einem Esel befestigt, die einen Soldaten t\u00f6tete und einen weiteren verwundete. Im Juli wurden erneut f\u00fcnf Menschen ermordet und 300 weitere vertrieben. Zu diesen Taten bekannte sich eine Abspaltung der FARC. Am 21. August wurde ein Hubschrauber der Polizei, der an einer Antidrogenoperation beteiligt war, von einer Drohne abgeschossen. 13 Polizisten starben. Am selben Tag kamen sieben Zivilisten durch eine Bombe in einem Lastwagen ums Leben, darunter ein Kind; 71 weitere Menschen wurden verletzt.<\/p>\n<p>Im Jahr 2016 war nach einer Reihe von Friedensgespr\u00e4chen in Havanna und Oslo ein Friedensabkommen mit der FARC-EP unterzeichnet worden. Darin wurden zahlreiche Vereinbarungen getroffen, darunter eine Landreform, die vorsieht, Grundst\u00fccke an ehemalige FARC-Mitglieder zu \u00fcbergeben, die ihre Waffen niedergelegt haben. Gegen jene Gruppen, die dem Friedensprozess nicht zugestimmt haben, verfolgt der Staat eine harte Linie. Bis Anfang Februar hat Petros Regierung 14 Mal Guerillast\u00fctzpunkte bombardieren lassen.<\/p>\n<p>Die ELN wirft der Regierung vor, dabei auch Kinder get\u00f6tet zu haben; die Regierung wiederum beschuldigt die Guerilla, Kindersoldaten zu rekrutieren \u2013 ein Problem, das den bewaffneten Konflikt seit seinen Anf\u00e4ngen begleitet.<\/p>\n<p>Die UNO hat mehrfach davor gewarnt, dass eine Sicherheitspolitik zur Zerschlagung bewaffneter Gruppen von Entwicklungsprogrammen begleitet werden m\u00fcsse. Zu oft habe der kolumbianische Staat allein auf Repression gesetzt, ohne die sozialen Probleme anzugehen, die der Gewalt zugrunde liegen.<\/p>\n<p>Zudem hat die Armee in Kolumbien wiederholt schwere Menschenrechtsverletzungen begangen. Ein Beispiel ist der Skandal um die sogenannten \u00bbFalsos Positivos\u00ab, bei denen Armeeeinheiten wahllos Zivilisten entf\u00fchrten, als Guerilleros verkleideten und ermordeten, um Erfolge im Kampf gegen die bewaffneten Gruppen vorzut\u00e4uschen. Die Staatsanwaltschaft hat rund 1.400 solcher F\u00e4lle untersucht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/517459.kolumbien-revolution%C3%A4r-durch-und-durch.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Februar 2026<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carmela Negrete. Kolumbien: 60 Jahre nach seinem Tod wurde der Leichnam des Priesters und Guerilleros Camilo Torres gefunden. 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