{"id":16200,"date":"2026-04-03T15:47:19","date_gmt":"2026-04-03T13:47:19","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16200"},"modified":"2026-04-03T15:47:20","modified_gmt":"2026-04-03T13:47:20","slug":"narco-mythen-in-der-geschichte-des-bewaffneten-konflikts-in-kolumbien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16200","title":{"rendered":"Narco-Mythen in der Geschichte des bewaffneten Konflikts in Kolumbien"},"content":{"rendered":"<p><em>Oliver Dodd. <\/em><strong>Das Narrativ des moralischen Versagens der Farc-Guerilla. Eine kritische Analyse.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr Jahrzehnte haben Politiker und Journalisten den B\u00fcrgerkrieg in Kolumbien (1964\u20132016) als Problem des Drogenhandels dargestellt. Dabei reduzierten sie dessen politische und soziale Dynamiken auf das Narrativ, dass die Farc nicht mehr sei als ein Drogenkartell, eine narkoterroristische Organisation, verkleidet als politische Bewegung. Dieses Erkl\u00e4rungsmuster des &#8222;Kriegs gegen die Drogen&#8220; diente als prim\u00e4rer Vorwand f\u00fcr die weitgreifende Intervention der USA in den sp\u00e4ten 1990er Jahren, aufgrund derer Kolumbien zu einem der Hauptempf\u00e4nger von US-amerikanischer Milit\u00e4rhilfe weltweit wurde.<\/p>\n<p>Auf der Grundlage meines Artikels, <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/journals\/review-of-international-studies\/article\/war-of-movement-the-political-economy-of-conflict-escalation-in-colombia-19908\/F50936368B38B361A6EB076AD6D28553\">War of Movement<\/a>, k\u00fcrzlich im Review of International Studies ver\u00f6ffentlicht, soll im vorliegenden Text erkl\u00e4rt werden, warum der obige Ansatz den Konflikt fehlinterpretiert und aus welchen Gr\u00fcnden sowie auf welche Weise er sich versch\u00e4rft hat.<\/p>\n<p>Der Artikel widerspricht der Idee, dass der Krieg in Kolumbien als &#8222;interner Konflikt&#8220; verstanden werden soll, eine Kategorie, die in der Sicherheits-, Konflikt- und Friedensforschung vorherrscht. Stattdessen wird die Eskalation des Konfliktes darin als grundlegend internationalisierter Prozess interpretiert, der von der Dynamik der ungleichen und kombinierten Entwicklung des globalen Kapitalismus und dem gewaltvollen Prozess der neoliberalen Wiedereingliederung Kolumbiens in den 1990er Jahren gepr\u00e4gt ist. Diese Neuinterpretation verschiebt die Aufmerksamkeit von der zweifelhaften Moralgeschichte, nach der die Farc zu einem Drogenkartell &#8222;verkommen&#8220; ist, auf eine tiefgreifendere, den Konflikt bestimmende wirtschaftspolitische Dynamik.<\/p>\n<p>Die rasche Eskalation des Konfliktes in den 1990er Jahren wurde durch ein passives revolution\u00e4res Projekt<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/283143\/narco-mythen-und-neoliberalismus#footnote1_oyazik1\">1<\/a>&nbsp;der strukturellen Anpassung angesto\u00dfen, das von der Elite entworfen wurde, die die Lebensgrundlagen auf dem Land zerst\u00f6rte, die Staatsautorit\u00e4t fragmentierte und den l\u00e4ndlichen Raum Kolumbiens in ein Schlachtfeld des globalen Kapitalismus verwandelte. Nur unter diesen wirtschaftspolitischen Umbruchbedingungen wurde es f\u00fcr die Farc strategisch umsetzbar, zu einem Bewegungskrieg<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/283143\/narco-mythen-und-neoliberalismus#footnote2_7zuzjqu\">2<\/a>&nbsp;\u00fcberzugehen, der 1998 schlie\u00dflich zu einer existenziellen Bedrohung f\u00fcr den Staat werden sollte.<\/p>\n<p>Als Antwort auf die Zw\u00e4nge und M\u00f6glichkeiten, die durch die beschleunigte Transnationalisierung der Produktion seit den 1970er Jahren hervorgerufen wurden, lie\u00dfen sich die kolumbianischen Eliten Anfang der 1990er Jahre \u2013 vor allem unter der liberalen Regierung von C\u00e9sar Gaviria (1990\u20131994) \u2013 auf ein Projekt der strukturellen Anpassung des Staates ein. Dieses Projekt folgte der Logik einer passiven Revolution, die begrenzte Reformen zur Einbindung der subalternen Gruppen in die Wiederherstellung der kapitalistischen Entwicklung durch die wirtschaftspolitische \u00d6ffnung des Landes und eine st\u00e4rkere Eingliederung in die internationalen Zyklen der Akkumulation verband. W\u00e4hrend dieses Projekt von den politischen Eliten als Initiative der &#8222;Modernisierung&#8220; gefeiert wurde, war das wirkliche Ziel, den kolumbianischen Staat an die Entwicklungsdynamik des globalen Kapitalismus anzupassen.<\/p>\n<p>Wenngleich diese passive Revolution zum Ziel hatte, die Autorit\u00e4t der herrschenden Klasse unter sich wandelnden politisch-\u00f6konomischen internationalen Bedingungen wiederherzustellen, ver\u00e4nderte sie das Konfliktfeld auf eine Weise, die die Spannungen letztlich nur zuspitzte. Die &#8222;wirtschaftliche \u00d6ffnung&#8220; f\u00fchrte zu einer grundlegenden Umw\u00e4lzung des kolumbianischen Entwicklungsmodells, die die Landbev\u00f6lkerung zunehmend verwundbar gegen\u00fcber der ausl\u00e4ndischen Konkurrenz machte. Mit dem Abbau von Sicherheiten und grundlegenden Subventionen sahen sich die subalternen Gesellschaftsgruppen den Zw\u00e4ngen eines aggressiven Marktes gegen\u00fcber, die Raub, Armut und Vertreibung nach sich zogen. Dies implizierte eine inoffizielle Kriegserkl\u00e4rung an die Kleinbauern als Klasse, die von einer machtvollen Narco-Bourgeoisie ausgenutzt und intensiviert wurde, indem die wirtschaftliche Deregulierung dazu diente, Kapital mittels eines gewaltsamen Prozesses der &#8222;Gegenlandreform&#8220; durch massiven Landraub reinzuwaschen.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser zerst\u00f6rerischen Effekte der wirtschaftlichen \u00d6ffnung und der Gegenlandreform stellten sich die Landarbeiter vermehrt auf den kommerziellen Anbau von Koka ein, der gegen\u00fcber traditionellen Einnahmequellen wie Kaffee, Kartoffeln, Mais oder Bananen ein nachhaltigeres Einkommen sichern konnte. Weder &#8222;Gier&#8220; noch &#8222;Ressentiment&#8220; trieben diesen Wandel voran: Es handelte sich um eine klassenbezogene Strategie des Widerstands und des \u00dcberlebens.<\/p>\n<p>Die Kleinbauern passten sich aus eigener Initiative an die wandelnden strukturellen Umst\u00e4nde an und schufen so in den 1990er Jahren eine wirkm\u00e4chtige Dynamik der sozialen Mobilisierung. In marginalisierten l\u00e4ndlichen Gebieten entstanden so neue K\u00e4mpfe und Gemeinschaften, da die Verschlechterung der Lebensbedingungen in den St\u00e4dten Arbeitslose und informell Besch\u00e4ftigte dazu bewegte, sich den Reihen der Koka-Bauern auf dem Land anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Der &#8222;Krieg gegen die Drogen&#8220; \u2013 am sichtbarsten anhand des Spr\u00fchens von pflanzenvernichtenden Chemikalien aus der Luft \u2013 verst\u00e4rkte die strukturelle Gewalt der neoliberalen Neuordnung. Dieses Spr\u00fchen betraf jedoch nicht nur die Koka-Felder, sondern auch die Trinkwasserversorgung, die B\u00f6den und die landwirtschaftliche Selbstversorgung und wurde somit zu einem de-facto chemischen Krieg gegen die l\u00e4ndlichen Gemeinschaften. Insgesamt f\u00fchrte diese Dynamik zu einer Neoformierung der Identit\u00e4ten von sozialen Klassenzugeh\u00f6rigkeiten und bewegte viele Kleinbauern dazu, sich st\u00e4rker mit der Rebellion der Farc zu identifizieren.<\/p>\n<p>Die Farc interpretierte diese Konjunktur aus einer marxistischen Perspektive heraus, indem sie die Neuausrichtung der Kleinbauern auf den Koka-Anbau als Symptom einer allgemeineren und globalen Krise des Kapitalismus betrachtete, die in der extremen Ungleichheit der Landverteilung und Klassenausbeutung wurzelte. Statt die Kokapflanze zu kriminalisieren, behandelte sie den Drogenhandel wie jeden anderen Sektor der kapitalistischen Produktion und unterzog diesen somit der Besteuerung und der Regulierung. Damit sicherte sich die Farc nicht nur eine neue Einkommensquelle f\u00fcr die Finanzierung ihres politisch-milit\u00e4rischen Projekts, sondern auch eine neue soziale Basis der unterjochten Kleinbauern, die unter der strukturellen und direkten Gewalt kontinuierlich anwuchs.<\/p>\n<p>Trotzdem kann das rasante Wachstum der Farc in den 1990er Jahren nicht nur durch die neuen Einkommensquellen und die wachsende Unterst\u00fctzung durch die Kleinbauern erkl\u00e4rt werden. Die strukturelle neoliberale Neuordnung hatte auch breitere Auswirkungen. Innerhalb dieses Projektes der passiven Revolution entstanden neue Spannungen zwischen den verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse, was die bereits steigende Autorit\u00e4tskrise nur versch\u00e4rfte. W\u00e4hrend sich einige mit einer modernisierenden, technokratischen und global orientierten Elite verb\u00fcndeten, die den liberal-demokratischen Institutionen und der Integration in die von den USA gef\u00fchrte Weltordnung verpflichtet war, waren andere \u2013 vor allem die Kreise der Gro\u00dfgrundbesitzer \u2013 tief in illegale Wirtschaftssektoren verwickelt und von den Vorst\u00f6\u00dfen der Guerilla zusehends alarmiert. Das neoliberale Projekt vermochte es also weder, die Machtverh\u00e4ltnisse zu stabilisieren, noch die Legitimit\u00e4t des herrschenden Machtblocks sicherzustellen. Diese internen Br\u00fcche des Staatsprojekts bewegten Teile der herrschenden Klasse dazu, vermehrt zu Zwangsmitteln zu greifen, was sich letztendlich auch in der Unterst\u00fctzung der politischen Klasse und der Zivilbev\u00f6lkerung f\u00fcr den paramilit\u00e4rischen Terror \u00e4u\u00dferte.<\/p>\n<p>In dieser wechselhaften Konjunktur erweist sich das Konzept des Bewegungskrieges von Antonio Gramsci als wegweisend, um das Vorsto\u00dfen der Farc zu erkl\u00e4ren. Gramsci verstand den Bewegungskrieg als eine direkte Konfrontation mit der staatlichen Macht, erm\u00f6glicht durch die Krise der Autorit\u00e4t, in der der Staat immer mehr durch Zwang anstatt durch Hegemonie regiert. Er unterschied diesen vom Stellungskrieg, der sich durch eine langfristige Strategie zum Aufbau einer Gegenhegemonie in Politik und Zivilbev\u00f6lkerung auszeichnete und mehr auf Zustimmung als auf Gewalt aufbaute.<\/p>\n<p>Mit dem Zusammenbruch der Legitimit\u00e4t und der Zersplitterung des Staates \u00f6ffneten sich neue strategische M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Farc. Die Organisation ging daraufhin in die strategische Offensive \u00fcber, mit Fokus auf umfangreiche Rekrutierung, territoriale Expansion und zunehmend konventionelle Milit\u00e4roperationen gegen den kolumbianischen Staat. Dabei schuf sie operative Korridore, um Bogot\u00e1 einzunehmen.<\/p>\n<p>Demnach war die Eskalation des Konfliktes eben kein Resultat einer &#8222;Kartellisierung&#8220;, was eine entpolitisierende Fiktion ist. Sie blendet die politischen und internationalisierten wirtschaftlichen Fundamente des Konflikts aus und befreit die herrschenden Klassen von ihrer Verantwortung. Der Krieg intensivierte sich aufgrund des von den Eliten entworfenen passiven revolution\u00e4ren Projekts. Dieses griff subalterne Gesellschaftsgruppen an, zersplitterte die soziale Ordnung und entfachte eine Autorit\u00e4tskrise im integralen Staat, die die rapide Expansion der Farc \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machte. In seinem wirtschaftspolitischen Kontext gedacht, offenbart der Krieg, was die offiziellen Erz\u00e4hlungen zu verstecken versucht haben: Die politische Gewalt war keine Abweichung von der kapitalistischen Modernisierung, sondern ein wesentliches Element des Projekts der passiven Revolution, durch das die kapitalistische Modernisierung durchgesetzt wurde.<\/p>\n<p><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/283143\/narco-mythen-und-neoliberalismus#footnoteref1_oyazik1\">1.<\/a> Die &#8222;passive Revolution&#8220; ist ein Begriff von Gramsci. Sie bezeichnet eine von der Elite gesteuerte radikale Umstrukturierung, die die Gesellschaft tiefgreifend ver\u00e4ndert, ohne dass die Bev\u00f6lkerung selbst die treibende Kraft ist (Anmerkung der Redaktion).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/283143\/narco-mythen-und-neoliberalismus#footnoteref2_7zuzjqu\">2.<\/a> Der &#8222;Bewegungskrieg&#8220; ist ein Begriff der Milit\u00e4rtheorie, urspr\u00fcnglich f\u00fcr klassische Armeen gedacht. Im Fall der Farc beschreibt er die Mobilisierung und gro\u00dfr\u00e4umliche Koordination von Guerillaeinheiten. Diese agieren nun nicht mehr nur lokal oder defensiv, sondern strategisch beweglich, mit der F\u00e4higkeit, sich schnell zwischen mehreren Regionen zu verschieben und mehrere Fronten gleichzeitig zu bedienen. Weiter unten wird der Begriff auch aus einer gramscianischen Perspektive erkl\u00e4rt (A. d. R.).<\/p>\n<p><em>#Titelbild: In den 1990er Jahren verzeichnete die Farc ein rasantes Wachstum<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/283143\/narco-mythen-und-neoliberalismus\"><em>amerika21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. April 2026<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oliver Dodd. Das Narrativ des moralischen Versagens der Farc-Guerilla. 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