{"id":16208,"date":"2026-04-09T11:04:59","date_gmt":"2026-04-09T09:04:59","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16208"},"modified":"2026-04-09T11:05:01","modified_gmt":"2026-04-09T09:05:01","slug":"juergen-habermas-1929-2026-der-philosoph-der-sich-fuer-den-staat-entschied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16208","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Habermas (1929\u20132026): Der Philosoph, der sich f\u00fcr den Staat entschied"},"content":{"rendered":"<p><em>D. Szejnman &amp; Steve Long. <\/em><strong>I<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Habermas, der am 14. M\u00e4rz im Alter von 96 Jahren in Starnberg verstorben ist, nahm \u00fcber mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg eine au\u00dferordentlich einflussreiche Position im geistigen und politischen Leben der Bundesrepublik ein.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p> Im Laufe seiner Karriere, die sich \u00fcber einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten erstreckt, schuf er ein umfangreiches Werk \u2013 in Philosophie, Soziologie, politischer Theorie und Rechtswissenschaft. Es erregte internationale Aufmerksamkeit und pr\u00e4gte die akademische Debatte in zahlreichen Disziplinen. Seine Hauptwerke, vor allem <em>Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit <\/em>(1962) und<em>Theorie des kommunikativen Handelns<\/em> (1981), wurden viel gelesen, viel diskutiert und h\u00e4ufig zitiert. Habermas war, nach allen institutionellen Ma\u00dfst\u00e4ben, eine der prominentesten akademischen Pers\u00f6nlichkeiten der Nachkriegszeit.<\/p>\n<p>Der n\u00f6tige Ausgangspunkt, um den Inhalt von Habermas\u2019 Werk zu verstehen \u2013 und warum die Grenzen, denen sein Denken unterworfen war, Konsequenzen haben, die weit \u00fcber die akademische Philosophie hinausreichen \u2013, ist nicht die Person J\u00fcrgen Habermas, sondern die politischen Umst\u00e4nde, unter denen sich sein Leben und seine Karriere entfalteten. Habermas war 15 Jahre alt, als das Nazi-Regime zusammenbrach. Die Gesellschaft der Bundesrepublik nach 1945 wurde von ihrer faschistischen Vergangenheit auf Schritt und Tritt verfolgt. Vielfach regierten M\u00e4nner, die am Nazi-Regime beteiligt waren oder sich ihm angepasst hatten. Ideologisch herrschte in der BRD ein erbitterter Antikommunismus, der eine wirkliche demokratische Aufarbeitung nicht nur von vornherein ausschloss, sondern auch dazu diente, die Nazi-Verbrechen zu vertuschen und zu legitimieren.<\/p>\n<p>Die junge Bundesrepublik brauchte Intellektuelle, die dazu in der Lage waren, die Grundlage f\u00fcr eine politische Legitimit\u00e4t auszuarbeiten, die sich nicht auf das diskreditierte Erbe des deutschen Nationalismus st\u00fctzte. Habermas erf\u00fcllte diese Rolle mit beachtlichem Geschick. Sein Konzept des \u201eVerfassungspatriotismus<em>\u201c, <\/em>d. h. Loyalit\u00e4t nicht gegen\u00fcber der deutschen Nation als ethnischer oder kultureller Einheit, sondern gegen\u00fcber den universellen Prinzipien, die im Grundgesetz der Nachkriegszeit verankert sind, verschaffte der westdeutschen Intelligenz ein Vokabular f\u00fcr politische Bindungen, die keine Rehabilitierung der nationalen Vergangenheit erforderten. Dies war ein echtes Verdienst, was auch erkl\u00e4rt, warum Habermas jahrzehntelang so etwas war wie ein inoffizieller Staatsphilosoph der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Doch genau darin liegt das Problem. Der Untertitel dieses Essays \u2013 \u201eDer Philosoph, der sich f\u00fcr den Staat entschied\u201c \u2013 ist nicht nur eine Beschreibung von Habermas\u2019 Unterst\u00fctzung f\u00fcr den deutschen Militarismus in seiner sp\u00e4ten Karriere, obwohl das dazugeh\u00f6rt. Er weist auf etwas Tieferes hin: ein Muster in der deutschen Geistesgeschichte, das sich laufend wiederholt hat \u2013 mit verheerenden Folgen. Die Neigung deutscher Denker, ihre intellektuellen Kr\u00e4fte in den Dienst des bestehenden Staates zu stellen \u2013 das Vern\u00fcnftige mit dem Bestehenden gleichzusetzen, die gegebene politische Ordnung als den Rahmen zu betrachten, innerhalb dessen jeder fortschrittliche Wandel stattzufinden hat \u2013, ist eines der charakteristischen Leiden der deutschen Intelligenz.<\/p>\n<p>Habermas steht ganz in dieser Tradition. Sein philosophisches Projekt war, bei all seiner detaillierten Ausarbeitung, von Anfang an ein Versuch, die intellektuellen Grundlagen f\u00fcr den deutschen Nachkriegsstaat zu liefern \u2013 seine Legitimit\u00e4t zu begr\u00fcnden, seine Institutionen zu verteidigen und fortschrittliche Energien in die Reform seiner Verfahrensweisen statt in seinen Sturz zu lenken. Dass sich dieses Projekts der Sprache der Kritischen Theorie bediente, einer Denktradition, die ihrem Ursprung nach auf die marxistische Kritik der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zur\u00fcckgeht, ist eine der gro\u00dfen Ironien der intellektuellen Geschichte der Nachkriegszeit.<\/p>\n<p><strong>II<\/strong><\/p>\n<p>Habermas wurde am 18. Juni 1929 in D\u00fcsseldorf geboren und wuchs in der Kleinstadt Gummersbach auf. Sein Vater, Ernst Habermas, war Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer bei der K\u00f6lner Industrie- und Handelskammer und trat im Mai 1933, drei Monate nach Hitlers Amtsantritt als Reichskanzler, der NSDAP bei. Der mit einer Gaumenspalte geborene junge Habermas wurde zun\u00e4chst von der Hitlerjugend abgelehnt, da Gaumenspalten in den Handb\u00fcchern der Nazis als \u201eentartete Eigenschaft\u201c eingestuft wurden. Im Alter von zehn Jahren wurde er schlie\u00dflich doch aufgenommen und in den letzten Monaten des Krieges, mit 15 Jahren, in die Wehrmacht eingezogen.<\/p>\n<p>Der Zusammenbruch des Nazi-Regimes war nach Habermas\u2019 eigenen Worten eine ersch\u00fctternde Erfahrung. Die N\u00fcrnberger Prozesse und das Beweismaterial aus den Konzentrationslagern zeigten, wie er sp\u00e4ter formulierte, dass \u201ewir in einem politisch kriminellen System gelebt hatten\u201c. Wie viele seiner Generation wollte auch der junge Habermas einen klaren Bruch mit der faschistischen Vergangenheit Deutschlands. Als er 1953 Martin Heidegger \u00f6ffentlich daf\u00fcr kritisierte, dass dieser eine Passage, in der er die \u201einnere Wahrheit und Gr\u00f6\u00dfe\u201c des Nationalsozialismus lobte, ohne Widerruf erneut ver\u00f6ffentlicht hatte, bewies er ein gewisses Ma\u00df an moralischem Mut, das bei Personen mit seinem Klassenhintergrund im Allgemeinen nicht vorhanden war.<\/p>\n<p>Doch welche Erkl\u00e4rung entwickelte Habermas f\u00fcr die Katastrophe, die sein Leben gepr\u00e4gt hatte? Das ist eine Frage von entscheidender Bedeutung, denn die Antwort bestimmte den gesamten weiteren Verlauf seines Denkens. Habermas hat nie eine systematische Analyse des Aufstiegs des Faschismus vorgelegt. Er hat die Klassendynamik der Weimarer Republik nie ernsthaft untersucht \u2013 die Rolle des deutschen Finanzkapitals, die politische L\u00e4hmung der Arbeiterklasse, das kriminelle Versagen sowohl der Sozialdemokraten als auch der Stalinisten. Sein Verst\u00e4ndnis des Faschismus blieb im Wesentlichen das der Frankfurter Schule: ein Ph\u00e4nomen, das in den Pathologien der Moderne selbst begr\u00fcndet liegt, in der Dialektik der Aufkl\u00e4rung, in der Beherrschung der Natur, die sich in die Beherrschung der Menschen verwandelt. In seinem sp\u00e4teren Werk, insbesondere im Historikerstreit von 1986, betrachtete Habermas die Nazizeit vor allem durch die Linse des kollektiven Ged\u00e4chtnisses und der politischen Kultur. Es ging Habermas um die Frage, wie sich das Deutschland der Nachkriegszeit zu seiner Vergangenheit positionieren sollte, nicht die Frage, warum der Faschismus triumphiert hatte und wie verhindert werden k\u00f6nnte, dass er wieder aufkommt.<\/p>\n<p>Dieses Versagen war kein Zufallsprodukt seiner Philosophie. Es war ihr grundlegendes Fundament. Da Habermas sich nie mit der Klassenanalyse des Faschismus auseinandergesetzt hat, nie verstanden hat, dass der Sieg der Nazis das Ergebnis von einem spezifischen, analysierbaren Versagen der politischen F\u00fchrung innerhalb der Arbeiterbewegung war, zog er aus der Katastrophe von 1933 eine Schlussfolgerung, die emotional zwar nachvollziehbar, theoretisch jedoch katastrophal war: dass die Perspektive einer Revolution der Arbeiterklasse selbst das Problem sei, dass radikale Politik in die Katastrophe f\u00fchre und dass der einzig sichere Weg darin bestehe, im Rahmen der b\u00fcrgerlichen konstitutionellen Demokratie zu arbeiten. Jedes Element seines sp\u00e4teren theoretischen Projekts \u2013 die Ablehnung des historischen Materialismus, die Abwendung von der politischen \u00d6konomie hin zur Kommunikationstheorie, die Ersetzung des Klassenkampfes durch \u201eneue soziale Bewegungen\u201c, die Verteidigung der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit als der un\u00fcberwindbare Horizont emanzipatorischer Politik \u2013 entspringt dieser unhinterfragten Pr\u00e4misse.<\/p>\n<p>H\u00e4tte Habermas Trotzkis Schriften \u00fcber den Aufstieg des deutschen Faschismus studiert, die w\u00e4hrend der fr\u00fchen 1930er Jahren praktisch in Echtzeit entstanden waren und die Katastrophe auf die Dynamik des Klassenkampfes und das kriminelle Versagen der politischen F\u00fchrung der Arbeiterklasse zur\u00fcckf\u00fchrten, so w\u00e4re er auf eine Analyse gesto\u00dfen, die aus denselben Ereignissen genau die gegenteilige Schlussfolgerung zog. Trotzki argumentierte, dass der Faschismus nicht deshalb triumphierte, weil die Arbeiterklasse von Natur aus unf\u00e4hig zu revolution\u00e4rem Handeln war, sondern weil ihre damaligen F\u00fchrungen \u2013 die Sozialdemokraten, die ihr Vertrauen in den b\u00fcrgerlichen Staat setzten, und die Stalinisten, deren ultralinkes Abenteurertum die Arbeiterbewegung spaltete \u2013 auf katastrophale Weise bewiesen, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen waren. Folgte man dieser Analyse, so lautete die Lehre aus dem Jahr 1933 nicht, dass man die Revolution aufgeben muss, sondern dass die Arbeiterklasse eine neue, tats\u00e4chlich revolution\u00e4re F\u00fchrung ben\u00f6tigt. Doch Habermas hat sich nie mit dieser Analyse auseinandergesetzt; die gesamte trotzkistische Tradition kommt in seinem Werk praktisch nicht vor. Dieses Schweigen hat enorme politische Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>III<\/strong><\/p>\n<p>Habermas\u2019 politische Orientierung war untrennbar mit seinem theoretischen Werk verbunden. Er war zeitlebens Anh\u00e4nger der SPD, obwohl er ihr nie offiziell beitrat. Ab 1983 nahm er regelm\u00e4\u00dfig an Kulturforen der SPD teil und unterst\u00fctzte die Partei \u00f6ffentlich bei Wahlen. Seine folgenreichsten politischen Beziehungen unterhielt er jedoch nicht zu SPD-F\u00fchrern als solchen.<\/p>\n<p>Ab 1986 f\u00fchrte Habermas regelm\u00e4\u00dfige Gespr\u00e4che mit f\u00fchrenden Gr\u00fcnen im Frankfurter Restaurant Dionysos, vor allem mit Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Auf diesen Treffen kamen Wissenschaftler, Intellektuelle, Medienvertreter und Politiker zusammen. Die Gespr\u00e4che pr\u00e4gten direkt die politische Ausrichtung der rot-gr\u00fcnen Koalition, die 1998 an die Macht kam. Fischer erkl\u00e4rte, die Treffen seien f\u00fcr das B\u00fcndnis zwischen SPD und Gr\u00fcnen sowohl in akademischer wie auch politischer Hinsicht grundlegend gewesen. Habermas begr\u00fc\u00dfte die Bildung der Schr\u00f6der-Fischer-Regierung als \u201eGl\u00fccksfall\u201c und lobte insbesondere, dass Fischer zu ihrem Au\u00dfenminister ernannt wurde.<\/p>\n<p>Bei einem viel beachteten Treffen mit dem Kanzlerkandidaten Gerhard Schr\u00f6der im Jahr 1998 skizzierte Habermas seine Vision einer \u201epostnationalen Konstellation\u201c und schien die neue Regierung zu unterst\u00fctzen, indem er erkl\u00e4rte, es gebe endlich \u201eAlternativen zum Neoliberalismus\u201c. Einige aufmerksame Beobachter, darunter der Politikwissenschaftler Claus Offe, gewannen den Eindruck, Habermas sei von dem Politiker manipuliert worden. Unabh\u00e4ngig davon, ob diese Einsch\u00e4tzung Habermas nun gerecht wird oder nicht, ist es sicher gerechtfertigt, das festzuhalten, was auf das Treffen folgte: Die Regierung Schr\u00f6der-Fischer f\u00fchrte mit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen den brutalsten Angriff der Nachkriegsgeschichte auf den deutschen Sozialstaat durch, sie deregulierte die Finanzm\u00e4rkte und f\u00fchrte Deutschland im Jahr 1999 im Rahmen der Bombardierung Jugoslawiens durch die NATO in die erste offensive Milit\u00e4roperation seit 1945, was der folgenschwerste Schritt war. Habermas hat seine fr\u00fche Unterst\u00fctzung nie durch eine entsprechend scharfe \u00f6ffentliche Kritik an der wirklichen Politik der Regierung wieder ausgeglichen. Ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p>Als Fischer die Bombardierung Serbiens ausgerechnet mit einem Verweis auf Auschwitz rechtfertigte \u2013 und damit einen \u00f6ffentlichen Aufschrei ausl\u00f6ste \u2013, sprang Habermas ihm zur Seite. In einem dreiseitigen Artikel auf der Titelseite der<em> ZEIT <\/em>rechtfertigte er den Angriffskrieg mit einem Verweis auf die N\u00fcrnberger Prozesse. Krieg sei zwar ein \u201eVerbrechen gegen den Frieden\u201c, argumentierte Habermas, aber notwendig, um ein \u201eVerbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c zu verhindern. Dass Habermas \u2013 der Philosoph des \u201eVerfassungspatriotismus\u201c, der Mann, der seine \u00f6ffentliche Karriere auf dem Argument aufgebaut hatte, die Anerkennung der Nazi-Verbrechen sei die Grundlage der deutschen Nachkriegsidentit\u00e4t \u2013 eine so bedeutende Rolle bei der Rechtfertigung neuer Kriege spielte, verr\u00e4t uns etwas Wichtiges \u00fcber die Grenzen des Verfassungspatriotismus als politisches Programm.<\/p>\n<p><strong>IV<\/strong><\/p>\n<p>Habermas\u2019 politischer Weg \u2013 vom jungen Kritiker von Heideggers Nazismus zum Apologeten von NATO-Kriegen \u2013 war die logische Folge theoretischer Pr\u00e4missen, die er Jahrzehnte zuvor f\u00fcr sich angenommen hatte. Der entscheidende Schritt war seine Zur\u00fcckweisung des Marxismus, kein pl\u00f6tzlicher Bruch mit marxistischer Terminologie, sondern ein langfristiger Prozess der theoretischen Liquidierung unter dem Banner der \u201eRekonstruktion\u201c.<\/p>\n<p>In seinen fr\u00fchesten bedeutenden Schriften pr\u00e4sentierte sich Habermas als jemand, der in der marxistischen Tradition arbeitete. Seine intellektuelle Pr\u00e4gung gehe auf den \u201ewestlichen Marxismus\u201c zur\u00fcck \u2013 auf Georg Luk\u00e1cs, Karl Korsch, Ernst Bloch, Jean-Paul Sartre und die Frankfurter Schule. Noch 1979 sagte er in einem Interview: \u201eHeute sch\u00e4tze ich es, als Marxist gesehen zu werden.\u201c Doch von Anfang an war seine Auseinandersetzung mit Marx von der \u00dcberzeugung gepr\u00e4gt, dass Marx\u2019 theoretischer Rahmen einer grundlegenden Korrektur bedurfte.<\/p>\n<p>In \u201eZwischen Philosophie und Wissenschaft: Marxismus als Kritik\u201c (1960) sowie seiner Schrift <em>Theorie und Praxis <\/em>(1963) insgesamt argumentierte Habermas, es sei falsch gewesen, dass Marx alle sozialen Beziehungen auf Produktionsverh\u00e4ltnisse reduziert habe. Die Kritik der politischen \u00d6konomie sei als Grundlage f\u00fcr eine kritische Gesellschaftstheorie unzureichend und \u201eder designierte Tr\u00e4ger einer k\u00fcnftigen sozialistischen Revolution, das Proletariat\u201c, habe sich \u201eals Proletariat aufgel\u00f6st\u201c. Er erkl\u00e4rte, dass \u201ein den fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4ndern der Lebensstandard \u2026 so weit immerhin gestiegen\u201c sei, \u201edass sich das Interesse an der Emanzipation nicht mehr unmittelbar in \u00f6konomischen Ausdr\u00fccken artikulieren kann\u201c. Bereits in den fr\u00fchen 1960er Jahren versuchte Habermas, Marx\u2019 revolution\u00e4re Kritik des Kapitalismus durch eine Theorie zu ersetzen, die das System der b\u00fcrgerlichen Demokratie im Deutschland der Nachkriegszeit verteidigen und rechtfertigen konnte.<\/p>\n<p>Als dann das Buch<em> Theorie des kommunikativen Handelns<\/em> herauskam, war von dem, was tats\u00e4chlich Marx\u2019 Theorie ist, nur noch sehr wenig \u00fcbrig geblieben. Habermas hatte den historischen Materialismus durch eine von Max Weber abgeleitete Evolutionstheorie der sozialen Rationalisierung ersetzt. Die Kritik der politischen \u00d6konomie war durch eine Systemtheorie nach Talcott Parsons und Niklas Luhmann ersetzt worden. Das Proletariat wurde durch \u201eneue soziale Bewegungen\u201c ersetzt, der Klassenkampf durch die \u201eKolonialisierung der Lebenswelt\u201c, die materialistische Erkenntnistheorie durch eine pragmatisch-kantianische Theorie der kommunikativen Rationalit\u00e4t. Was Habermas von Marx beibehielt, war eine kritische <em>Absicht <\/em>\u2013 das Engagement f\u00fcr die menschliche Emanzipation \u2013, losgel\u00f6st von jedem substanziellen Element der marxistischen Theorie.<\/p>\n<p>Indem er den Klassenkampf von seinem zentralen Platz in der Gesellschaftstheorie entfernte, lieferte Habermas die intellektuelle Legitimation f\u00fcr die Abkehr von einer Politik, die auf die Arbeiterklasse ausgerichtet war, hin zu den \u201eneuen sozialen Bewegungen\u201c \u2013 Umwelt, Feminismus, Frieden. Diese Bewegungen dienten als politische Basis der Gr\u00fcnen und der akademischen Linken nach 1968. Habermas argumentierte, die Arbeiterbewegung sei durch den Sozialstaat und Tarifverhandlungen \u201einstitutionell befriedet\u201c worden, und die neuen sozialen Bewegungen stellten eine angemessenere Form des Widerstands gegen die \u00dcbel des Sp\u00e4tkapitalismus dar.<\/p>\n<p>Der grundlegende Fehler war sowohl empirischer als auch theoretischer Natur. Habermas verstand eine historisch spezifische und vor\u00fcbergehende Konstellation \u2013 den Nachkriegsboom, keynesianische Sozialstaaten, den Klassenkompromiss des Kalten Krieges \u2013 f\u00e4lschlicherweise als dauerhafte strukturelle Transformation des Kapitalismus. Die darauffolgenden Jahrzehnte haben diese Analyse schonungslos widerlegt: Der Abbau des Sozialstaates, explodierende soziale Ungleichheit, die R\u00fcckkehr zu prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen in riesigem Ausma\u00df und die Finanzkrise von 2008 haben gezeigt, dass die von Marx analysierten Klassengegens\u00e4tze nicht beseitigt, sondern lediglich unterdr\u00fcckt und vertagt worden waren.<\/p>\n<p>Habermas\u2019 theoretische Liquidierung des Marxismus kam in seinem Aufsatz \u201eZur Rekonstruktion des Historischen Materialismus\u201c am systematischsten zum Ausdruck. Er bedarf einer genauen Untersuchung.<\/p>\n<p><strong>V<\/strong><\/p>\n<p>Es w\u00e4re falsch zu sagen, dass Habermas den Marxismus einfach ignoriert habe. In seinem Aufsatz \u201eZur Rekonstruktion des Historischen Materialismus\u201c von 1975 setzte er sich direkt und ausf\u00fchrlich mit ihm auseinander. Doch der Charakter dieser Auseinandersetzung ist an sich schon \u00e4u\u00dferst aufschlussreich und wirft an einem entscheidenden Punkt ernsthafte Fragen hinsichtlich Habermas\u2019 intellektueller Integrit\u00e4t auf.<\/p>\n<p>Habermas beginnt den Aufsatz mit der Feststellung, dass Marx sich nur zweimal \u201ezusammenh\u00e4ngend und grunds\u00e4tzlich\u201c zur materialistischen Geschichtsauffassung ge\u00e4u\u00dfert habe, und macht dann einen bemerkenswerten Schritt. Er verk\u00fcndet: \u201e1938 hat Stalin den Historischen Materialismus in folgenreicher Weise kodifiziert. Die historisch-materialistischen Forschungen, die seither unternommen worden sind, bleiben diesem theoretischen Rahmen weitgehend verhaftet. Die mit Stalin festgeschriebene Fassung des Historischen Materialismus bedarf einer Rekonstruktion.\u201c Mit diesem einen Satz erkl\u00e4rt Habermas Stalins plumpe Brosch\u00fcre <em>Dialektischer und historischer Materialismus <\/em>von 1938 <em>\u2013<\/em> ein Dokument, das in einer Auflage von 200 Millionen Exemplaren als offizieller Katechismus der sowjetischen B\u00fcrokratie verteilt wurde \u2013 zum ma\u00dfgeblichen Rahmen des historischen Materialismus, dem alle nachfolgende Forschung \u201eweitgehend verhaftet\u201c geblieben sei.<\/p>\n<p>Dies muss als bewusste Entscheidung verstanden werden und ist nichts weniger als eine Provokation. Als Habermas diesen Aufsatz 1975 ver\u00f6ffentlichte, war es eine feststehende und allgemein anerkannte Tatsache, dass Stalin den Marxismus auf groteske Weise verf\u00e4lscht hatte. Chruschtschows Anklage gegen den Tyrannen auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Jahr 1956 hatte den offiziellen Mythos von Stalin als marxistischem Theoretiker zerschlagen. In den darauffolgenden 20 Jahren war eine enorme Menge an wissenschaftlicher Literatur entstanden, die die systematische Verzerrung des marxistischen Gedankenguts unter dem stalinistischen Regime dokumentierte. Stalin \u2013 ausgerechnet Stalin! \u2013 als zentrale theoretische Autorit\u00e4t des historischen Materialismus darzustellen, und das fast 20 Jahre nachdem sogar die sowjetische B\u00fcrokratie selbst gezwungen war, sich von seinen Verbrechen zu distanzieren, ist ein Akt, der sich nicht mit Unwissenheit erkl\u00e4ren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Habermas war sich sehr wohl bewusst, dass Lenins <em>Philosophische Hefte<\/em> \u2013 seine scharfsinnigen Anmerkungen zu Hegels <em>Wissenschaft der Logik<\/em> \u2013 ein Ma\u00df an philosophischer Auseinandersetzung mit der Dialektik zeigten, das Stalins Pamphlet als das entlarvte, was es war: einen st\u00fcmperhaften Betrug. Die <em>Philosophischen Hefte<\/em>, die Lenin 1914\u20131915 verfasst hatte, erschienen 1929\u20131930 auf Deutsch und fanden nach ihrer Ver\u00f6ffentlichung auf Englisch Anfang der 1960er Jahre weltweit gro\u00dfe Beachtung.<\/p>\n<p>Habermas war sich ebenso dar\u00fcber bewusst, dass Trotzki, der mit Lenin die Oktoberrevolution angef\u00fchrt hatte und danach zum wichtigsten marxistischen Gegner des Stalinismus wurde, in seinen Schriften \u00fcber den deutschen Faschismus, in seinem Werk<a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/library\/trotzki-verratene-revolution-revolution-betrayed\/00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Verratene Revolution<\/em><\/a> und in seiner umfangreichen philosophischen und politischen Korrespondenz einen Korpus an marxistischer Theorie und Analyse entwickelt hatte, der die lebendige Antithese zu allem darstellte, wof\u00fcr Stalin sowohl politisch als auch intellektuell stand.<\/p>\n<p>Lenin und Trotzki zu umgehen und Stalin als den repr\u00e4sentativen Theoretiker des historischen Materialismus hinzustellen, war kein wissenschaftliches Urteil. Es war ein politischer Akt. Dieser diente Habermas\u2019 Ziel, n\u00e4mlich eine Version des Marxismus zu konstruieren, die so primitiv war, dass ihre Zerst\u00f6rung als etwas erschien, das selbstverst\u00e4ndlich gerechtfertigt war. Seine Ablehnung des revolution\u00e4ren Marxismus war so tiefgehend, dass sie ihn dazu veranlasste, die Tradition, \u00fcber die er angeblich hinausgegangen war, falsch darzustellen.<\/p>\n<p>Nachdem er diese betr\u00fcgerische Basis als Ausgangspunkt konstruiert hatte, macht sich Habermas daran, den historischen Materialismus mit beachtlicher Gr\u00fcndlichkeit zu demontieren. Er beginnt damit, die Theorie der kapitalistischen Entwicklung, die Marx in den <em>Grundrissen <\/em>und im<em> Kapital <\/em>ausgearbeitet hat, als blo\u00dfe \u201eTeiltheorie\u201c abzutun, die sich in den umfassenderen Rahmen des historischen Materialismus einf\u00fcge \u2013 eine bemerkenswerte Herabw\u00fcrdigung dessen, was die meisten Marxisten als Marx\u2019 zentrale wissenschaftliche Errungenschaft betrachten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend argumentiert er, dass Marx die spezifisch menschliche Lebensweise f\u00e4lschlicherweise auf instrumentelles Einwirken auf die Natur \u2013 d. h. Arbeit \u2013 reduziert habe, wobei er die autonome und ebenso grundlegende Rolle der kommunikativen Interaktion vernachl\u00e4ssigt habe. Die Verteilung sozialer Produkte, betont Habermas, erfordere Normen, die \u201eintersubjektiv auf der Ebene sprachlicher Verst\u00e4ndigung festgelegt werden\u201c k\u00f6nnen und sich nicht aus der Organisation der Produktion ableiten lassen. Die \u201eRegeln des kommunikativen Handelns\u201c unterscheiden sich von den \u201eRegeln instrumentellen Handelns\u201c, und diesen Unterschied, so Habermas, habe Marx auf fatale Weise \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Dies ist der theoretische Kern des Aufsatzes: die Erhebung der Kommunikation auf denselben ontologischen Status wie die Produktion, letztlich sogar auf einen h\u00f6heren Status, da Habermas kommunikative Strukturen \u2013 und nicht Produktivkr\u00e4fte \u2013 als treibende Kraft der sozialen Evolution ausmacht.<\/p>\n<p>Mit Blick auf das Basis-\u00dcberbau-Theorem behauptet Habermas, dass dieses bestenfalls f\u00fcr \u00dcbergangsphasen in der Geschichte gelte, nicht jedoch als allgemeines Strukturprinzip des gesellschaftlichen Lebens. Er pr\u00e4sentiert zwei Versionen des Theorems, eine \u201e\u00f6konomistische\u201c und eine abgeschw\u00e4chte, und er argumentiert, dass keine von beiden als universelles Gesetz der gesellschaftlichen Entwicklung verteidigt werden kann. Hinsichtlich der dialektischen Beziehung zwischen Produktivkr\u00e4ften und Produktionsverh\u00e4ltnissen behauptet er, dass das Theorem, selbst in seiner ausgefeiltesten Formulierung, nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nne, wie Gesellschaften ihre Krisen l\u00f6sen, denn diese L\u00f6sung h\u00e4nge nicht von der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte ab, sondern von \u201eLernprozessen\u201c in der Dimension des \u201emoralisch-praktischen Bewusstseins\u201c. Nicht die materielle Produktion, sondern normative Strukturen seien die \u201eSchrittmacher\u201c der sozialen Evolution.<\/p>\n<p>Und er schl\u00e4gt vor, das marxistische Konzept einer Entwicklungsabfolge von Produktionsweisen \u2013 das er f\u00fcr unzureichend erkl\u00e4rt, um die \u201eallgemeing\u00fcltigen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung\u201c zu erfassen \u2013 durch \u201eGrunds\u00e4tze der sozialen Organisation\u201c zu ersetzen. Dabei st\u00fctzt er sich auf die Entwicklungspsychologie von Jean Piaget und Lawrence Kohlberg, die die kognitive und moralische Entwicklung von Kindern in Stufen eingeteilt haben. Habermas wendet dieses Modell der individuellen psychologischen Entwicklung auf die Evolution ganzer Gesellschaften an und argumentiert, dass Gesellschaftsformen nach dem Stadium des \u201emoralisch-praktischen Bewusstseins\u201c klassifiziert werden k\u00f6nnen, das sie erreicht haben.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist eine Theorie, die zwar den Namen \u201ehistorischer Materialismus\u201c beibeh\u00e4lt, jedoch aller Elemente beraubt wurde, die sie zu einer revolution\u00e4ren Kritik der kapitalistischen Gesellschaft machten. Habermas hat die Theorie des Klassenkampfs durch eine Theorie \u201eevolution\u00e4rer Lernprozesse\u201c ersetzt. An die Stelle einer Kritik der politischen \u00d6konomie trat die Entwicklungspsychologie. Die revolution\u00e4re Handlungsf\u00e4higkeit der Arbeiterklasse wurde durch den abstrakten Fortschritt des \u201emoralisch-praktischen Bewusstseins\u201c ersetzt. Er hat die Arbeitswerttheorie, das Basis-\u00dcberbau-Modell und das Konzept des Proletariats als universelle Klasse ausdr\u00fccklich aufgegeben. Die einzige Pers\u00f6nlichkeit der marxistischen Tradition, mit der sich Habermas eingehend auseinandersetzt, ist Karl Kautsky, den er zustimmend zitiert.<\/p>\n<p>Ob man dies als Rekonstruktion oder als Zur\u00fcckweisung des historischen Materialismus bezeichnet, ist eine semantische Frage. In der Sache war es eine Zur\u00fcckweisung \u2013 und sie ging von der Pr\u00e4misse im ersten Absatz des Aufsatzes aus, dass der historische Materialismus im Wesentlichen das ist, wozu Stalin ihn gemacht hat.<\/p>\n<p><strong>VI<\/strong><\/p>\n<p>Habermas\u2019 Abkehr vom Marxismus war untrennbar mit einem umfassenderen philosophischen R\u00fcckzug verbunden \u2013 von Hegel zur\u00fcck zu Kant, vom objektiven Idealismus zu einer Form des transzendentalen Subjektivismus und vom dialektischen Geschichtsverst\u00e4ndnis zu einer prozeduralen Theorie der Rationalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Er erbte von seinen Lehrern Max Horkheimer und Theodor Adorno eine Tradition der Kritischen Theorie, die in eine tiefe Sackgasse geraten war. In <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em> (1944) argumentierten sie, dass die instrumentelle Vernunft unausweichlich zur Herrschaft \u00fcber den Menschen f\u00fchre, was in der verwalteten Welt des Sp\u00e4tkapitalismus und den Schrecken des Faschismus gipfelte. Habermas erkannte die Sackgasse: Wenn alle Vernunft Herrschaft ist, von welchem Standpunkt aus spricht dann der Kritiker? Seine L\u00f6sung, die Hinwendung zur kommunikativen Rationalit\u00e4t, war die Antwort auf ein reales Problem.<\/p>\n<p>Seine Beziehung zur ersten Generation der Frankfurter Schule war komplex. Reibereien mit Horkheimer, der aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus durch und durch konservative Schlussfolgerungen gezogen hatte und \u00fcber das Interesse des jungen Habermas an den marxistischen Archiven des Instituts aus der Vorkriegszeit alarmiert war, f\u00fchrten dazu, dass Habermas seine Habilitation in Marburg statt in Frankfurt abschloss. Zu Adorno war das Verh\u00e4ltnis herzlicher, doch kam Habermas zu der Ansicht, dass der theoretische Pessimismus in <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em>, die er als \u201eihr schw\u00e4rzestes und nihilistischstes Buch\u201c bezeichnete, intellektuell unhaltbar sei. Was er jedoch mit beiden Mentoren gemeinsam hatte, war ihre Abneigung gegen den klassischen Marxismus und die revolution\u00e4re Rolle der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Der Preis f\u00fcr die Hinwendung zur kommunikativen Rationalit\u00e4t war enorm. Indem er von Hegel zu Kant zur\u00fcckging, gab Habermas genau jene Elemente von Hegels Denken auf, die Marx als besonders produktiv angesehen hatte: die Dialektik als Methode zum Erfassen realer Widerspr\u00fcche in der Wirklichkeit und das Verst\u00e4ndnis von Geschichte als ein Entwicklungsprozess, der von bestimmten Antagonismen angetrieben wird. Er ersetzte das dialektische Geschichtsverst\u00e4ndnis durch eine Theorie der sozialen Evolution, in der die Entwicklungsstufen keinen Bezug zu den materiellen Widerspr\u00fcchen und zum Klassenkampf haben.<\/p>\n<p>Engels argumentierte in <em>Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie<\/em>, dass die gro\u00dfe Grundfrage aller Philosophie das Verh\u00e4ltnis des Denkens zum Sein sei und dass sich die Philosophen in zwei Lager teilten: Materialisten, die die Natur als das Prim\u00e4re betrachten, und Idealisten, die den Vorrang des Geistes behaupten. Habermas hat sich nie mit dieser Formulierung auseinandergesetzt; die Unterscheidung zwischen Materialismus und Idealismus nimmt in seiner Theorie keinen zentralen Platz ein. Doch vom Standpunkt der marxistischen Philosophie aus gesehen steht er eindeutig auf der Seite des Idealismus.<\/p>\n<p>In seiner Erkenntnistheorie, die er in <em>Erkenntnis und Interesse <\/em>(1968) entwickelte, folgt er Kant, indem er davon ausgeht, dass das erkennende Subjekt die Objekte der Erfahrung durch bestimmte a priori gegebene Erkenntnisinteressen konstituiert. Grundlegender noch: Sein gesamtes theoretisches Projekt beruht auf dem Vorrang von Sprache und Kommunikation gegen\u00fcber materieller Produktion und gesellschaftlichem Sein. Marx hatte erkl\u00e4rt: \u201eEs ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein bestimmt, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.\u201c Habermas kehrte diesen Grundsatz um. Die grundlegende Kategorie von <em>Theorie des kommunikativen Handelns <\/em>ist nicht Arbeit, Produktion oder der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, sondern kommunikative Interaktion \u2013 der Austausch von Sprechakten, die auf gegenseitiges Verst\u00e4ndnis ausgerichtet sind. Das ist nicht einfach eine Verlagerung des Schwerpunkts, sondern eine philosophische Umkehrung, die direkte politische Konsequenzen nach sich zieht.<\/p>\n<p><strong>VII<\/strong><\/p>\n<p>Der idealistische Charakter von Habermas\u2019 Philosophie zeigt sich deutlich in der Debatte mit dem amerikanischen Pragmatiker Richard Rorty, die 30 Jahre dauerte. Oberfl\u00e4chlich betrachtet schienen die beiden im Gegensatz zueinander zu stehen: Rorty war ein bekennender Relativist, der die Vorstellung von einer objektiven Wahrheit beseitigen wollte; Habermas bestand darauf, ein Konzept rationaler G\u00fcltigkeit beizubehalten. Habermas kritisierte Rorty wegen eines \u201eperformativen Widerspruchs\u201c \u2013 der Verwendung rationaler Argumente, um die Autorit\u00e4t rationaler Argumente zu untergraben \u2013 und beharrte darauf, dass seine eigene Position die universalistische Dimension der Aufkl\u00e4rung bewahre.<\/p>\n<p>Doch aus Sicht der marxistischen Erkenntnistheorie sind ihre Gemeinsamkeiten bedeutender als die Unterschiede. Beide lehnen die Korrespondenztheorie der Wahrheit ab \u2013 die Ansicht, dass eine Aussage wahr ist, wenn sie mit einem Sachverhalt in der objektiven, vom Bewusstsein unabh\u00e4ngigen Realit\u00e4t \u00fcbereinstimmt. Rorty ersetzt Wahrheit durch Zurechtkommen (\u201ecoping\u201c); Habermas ersetzt sie durch Konsens unter idealisierten Bedingungen des Diskurses. Keiner von beiden begr\u00fcndet Wahrheit im praktischen Umgang des Menschen mit einer unabh\u00e4ngig vom Subjekt existierenden materiellen Welt, was die Position des dialektischen Materialismus ist. Marx kn\u00fcpfte an Feuerbachs Materialismus an, korrigierte aber dessen Passivit\u00e4t. Er erkl\u00e4rte in der zweiten Feuerbachthese: \u201eDie Frage, ob dem menschlichen Denken gegenst\u00e4ndliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit, d. h. die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen.\u201c<\/p>\n<p>In seiner direkten Art hatte Rorty selbst die wesentliche Gemeinsamkeit festgestellt: \u201eDie einzige ernsthafte oder interessante Meinungsverschiedenheit zwischen Habermas und mir betrifft die Frage, ob man Begriffe wie \u201aUnbedingtheit\u2018 und \u201auniverselle G\u00fcltigkeit\u2018 ben\u00f6tigt, um sozialdemokratische Institutionen zu rechtfertigen.\u201c Man beachte, wor\u00fcber kein Streit besteht: Beide sind sich einig, dass der Zweck der Philosophie darin besteht, sozialdemokratische Institutionen zu rechtfertigen. Sie sind nur geteilter Meinung dar\u00fcber, wie viel kantischer Begr\u00fcndungsapparat daf\u00fcr erforderlich ist.<\/p>\n<p>Die politischen Folgen sind nicht trivial. Indem Habermas den Begriff der objektiven Wahrheit in den Ablauf von Diskursen aufl\u00f6ste \u2013 wie idealisiert diese auch sein m\u00f6gen \u2013, hat er, ob er es wollte oder nicht, die T\u00fcr zu einem radikalen Subjektivismus und Irrationalismus offen gelassen, der heute das b\u00fcrgerliche intellektuelle Leben pr\u00e4gt. Wenn Wahrheit durch Diskurs entsteht und nicht durch die \u00dcbereinstimmung des Denkens mit der Wirklichkeit, dann verzerrt die Korrumpierung des Diskurses \u2013 durch Medienmanipulation, ideologische Beeinflussung und das schiere Gewicht wirtschaftlicher Macht \u2013 nicht nur unseren Zugang zur Wahrheit. Sie l\u00f6st die Wahrheit selbst auf. Habermas verbrachte seine Karriere damit, vor der \u201eKolonisierung der Lebenswelt\u201c durch systemische Kr\u00e4fte zu warnen, doch seine eigene Theorie bot keine Grundlage, um sich diesen Kr\u00e4ften entgegenzustellen. Eine Philosophie, die die Wahrheit nicht auf objektiver Realit\u00e4t gr\u00fcndet, ist nicht in der Lage, eine ernsthafte Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung zu \u00fcben. Sie kann lediglich Verbesserungen der Prozesse vorschlagen, was genau das politische Programm ist, das Habermas w\u00e4hrend seiner gesamten Karriere verfolgt hat.<\/p>\n<p><strong>VIII<\/strong><\/p>\n<p>Die Ereignisse von 1989\u20131991 \u2013 der Zusammenbruch der stalinistischen Regime in Osteuropa und die Aufl\u00f6sung der Sowjetunion \u2013 schienen Habermas\u2019 Theorie zu best\u00e4tigen. In seinem Aufsatz \u201eWas hei\u00dft Sozialismus heute?\u201c von 1990 erkl\u00e4rte er, der revolution\u00e4re Sozialismus sei eine Sackgasse und die einzig gangbare fortschrittliche Politik sei \u201edie radikal reformistische Selbstkritik einer kapitalistischen Gesellschaft, die sich in Form einer konstitutionellen Demokratie mit allgemeinem Wahlrecht und Wohlfahrtsstaat entwickelt hat und nicht nur Schw\u00e4chen, sondern auch St\u00e4rken besitzt\u201c. \u00dcber den \u201eBankrott des Staatssozialismus\u201c schrieb er: \u201eDies ist das Nadel\u00f6hr, durch das alles hindurchmuss.\u201c<\/p>\n<p>Das Argument beruhte auf einer gewaltigen Vermengung: der Gleichsetzung des Stalinismus mit Sozialismus und der daraus folgenden Behauptung, der Kapitalismus stelle den un\u00fcberwindbaren Horizont politischer M\u00f6glichkeiten des Menschen dar. Habermas setzte sich nie mit der Analyse auseinander, dass die stalinistische B\u00fcrokratie nicht die Verwirklichung des Sozialismus, sondern dessen Negation war \u2013 eine parasit\u00e4re Kaste, deren Herrschaft ein grundlegendes Hindernis f\u00fcr die sozialistische Entwicklung darstellte. Die Restauration des Kapitalismus durch die B\u00fcrokratie erwies sich f\u00fcr die Arbeiterklasse letztlich als Katastrophe. Habermas hatte nichts zu sagen \u00fcber die Folgen der kapitalistischen Restauration in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa: Massenarbeitslosigkeit, die sinkende Lebenserwartung, die Pl\u00fcnderung des staatlichen Eigentums durch die Oligarchen und die Zerst\u00f6rung der sozialen Infrastruktur.<\/p>\n<p>Die folgenden 30 Jahre haben gezeigt, dass das \u201eNadel\u00f6hr\u201c von 1990, durch das laut Habermas alles hindurchmusste, ein Tor zu verst\u00e4rkter Ausbeutung, wachsender Ungleichheit, Finanzkrise und der R\u00fcckkehr des Militarismus war. Er feierte den Wohlfahrtskapitalismus 1990 genau in dem Moment, als eben jene politischen Kr\u00e4fte, mit denen er sich identifizierte, begannen, den Sozialstaat abzubauen.<\/p>\n<p><strong>IX<\/strong><\/p>\n<p>Die letzten Kapitel von Habermas\u2019 politischer Biografie sind die verheerendsten. Es war die SPD-Gr\u00fcnen-Koalition, also die Regierung, zu deren theoretischer Vorbereitung er beigetragen hatte und deren Zustandekommen er als \u201eGl\u00fccksfall\u201c begr\u00fc\u00dfte, die mit ihrer Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Bombardierung Jugoslawiens durch die NATO 1999 den Weg f\u00fcr die Wiederbelebung des deutschen Militarismus ebnete. Habermas unterst\u00fctzte die v\u00f6lkerrechtswidrige Bombenkampagne und warb danach konsequent f\u00fcr deutsche Milit\u00e4raktionen auf der Basis einer \u201eVerteidigung der Menschenrechte\u201c.<\/p>\n<p>Die aktuellste Habermas-Biografie von Philipp Felsch bringt die Sache mit bemerkenswerter Direktheit auf den Punkt: \u201eWas die Frage der deutschen Beteiligung an milit\u00e4rischen Interventionen seit dem Ende des Kalten Krieges angeht, hat Habermas nicht nur 1999 im Fall des Kosovo, sondern auch in allen anderen F\u00e4llen die Linie der jeweils amtierenden Bundesregierung unterst\u00fctzt. In dieser Hinsicht erweist er sich als wahrhaft staatstragender Denker.\u201c<\/p>\n<p>Ein <em>staatstragender Denker<\/em>. Der Philosoph der kommunikativen Vernunft, der Theoretiker der idealen Sprechsituation, der Verfechter des Verfassungspatriotismus erwies sich in jeder konkreten politischen Krise als Verfechter der Politik des deutschen b\u00fcrgerlichen Staates \u2013 wie weit diese Politik auch immer von den Idealen abweichen mochte, auf die er sich zu ihrer Rechtfertigung berief.<\/p>\n<p>Dieser Werdegang erreichte seinen H\u00f6hepunkt in Habermas\u2019 letzten Lebensjahren. Im Jahr 2018 unterzeichnete er gemeinsam mit dem damaligen CDU-Vorsitzenden und ehemaligen BlackRock-Manager Friedrich Merz einen Aufruf, in dem der Aufbau einer neuen europ\u00e4ischen Armee gefordert wurde. Im Jahr 2022 unterst\u00fctzte er die Politik der deutschen Regierung im Ukraine-Krieg. In einem seiner letzten Artikel vom M\u00e4rz 2025 pl\u00e4dierte er f\u00fcr die Beschleunigung der Aufr\u00fcstung in Europa: \u201eDie Mitgliedstaaten der Europ\u00e4ischen Union m\u00fcssen ihre milit\u00e4rischen Kr\u00e4fte st\u00e4rken und konsolidieren, da sie sonst in einer geopolitisch in Bewegung geratenen Welt politisch nicht mehr z\u00e4hlen werden.\u201c<\/p>\n<p>Habermas\u2019 sp\u00e4te Hinwendung zur Religion als St\u00fctze des b\u00fcrgerlichen Staates verdient besondere Beachtung, nicht zuletzt, weil sie von seinen liberalen Bewunderern in den schw\u00fclstigsten Worten gefeiert wurde.<\/p>\n<p>Im Januar 2004 traf sich Habermas mit dem reaktion\u00e4ren katholischen Kardinal Joseph Ratzinger, der ein Jahr sp\u00e4ter Papst Benedikt XVI. werden und einen Kreuzzug zur Verteidigung der westlichen christlichen Zivilisation starten sollte. Sie sprachen \u00fcber die moralischen Grundlagen des liberalen Staates. Habermas machte ein bemerkenswertes Zugest\u00e4ndnis: Der freiheitliche demokratische Staat, so argumentierte er, sei auf ethische Ressourcen angewiesen, die er nicht selbst hervorbringen k\u00f6nne, und die Religion sei die Bewahrerin moralischer Intuitionen, die die s\u00e4kulare Vernunft nicht zu ersetzen vermocht habe. Die beiden M\u00e4nner waren sich einig, dass die christliche Lehre, laut der Menschen \u201enach dem Ebenbild Gottes\u201c geschaffen seien, im s\u00e4kularen Prinzip der gleichen Menschenw\u00fcrde ihre Entsprechung finde; Habermas bezeichnete dies als eine \u201erettende \u00dcbersetzung\u201c religi\u00f6ser Inhalte in s\u00e4kulare Begrifflichkeiten.<\/p>\n<p>Aus der Perspektive eines ernsthaften Bekenntnisses zum Rationalismus der Aufkl\u00e4rung war dies eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Kapitulation \u2013 ein Eingest\u00e4ndnis, dass das gesamte Gedankengeb\u00e4ude der kommunikativen Vernunft \u2013 das Lebenswerk von J\u00fcrgen Habermas \u2013 nicht ausreichte, um die politische Ordnung aufrechtzuerhalten, zu deren Verteidigung es errichtet worden war, und dass das Prinzip der menschlichen Gleichheit nicht allein auf der Vernunft gr\u00fcnden konnte, sondern im Grunde eine theologische Garantie erforderte.<\/p>\n<p>Doch der Nachruf, der am 18. M\u00e4rz 2026 im britischen <em>Guardian<\/em> erschien, sah in diesem Austausch keine philosophische Bankrotterkl\u00e4rung, sondern eine Quelle der Inspiration. Nachdem er zustimmend festgestellt hatte, dass \u201eeine der gro\u00dfz\u00fcgigsten W\u00fcrdigungen\u201c f\u00fcr Habermas aus dem Vatikan gekommen sei, lobte der <em>Guardian<\/em> Habermas daf\u00fcr, dass er \u201edas praktiziert habe, was er predigte\u201c, indem er mit dem katholischen Theologen eine \u201egemeinsame Basis\u201c gefunden habe. Die Zeitung erkl\u00e4rte den Dialog mit Ratzinger zu einer \u201enotwendigen philosophischen Grenze\u201c, die in \u201eilliberalen Zeiten\u201c gezogen werden m\u00fcsse. Man k\u00f6nnte sich kaum ein aufschlussreicheres Dokument \u00fcber den intellektuellen Zustand des zeitgen\u00f6ssischen Liberalismus w\u00fcnschen. Die \u201eGrenze\u201c, die <em>der Guardian <\/em>seinen Lesern ans Herz legt, ist die \u00dcbereinkunft zwischen dem Philosophen der kommunikativen Vernunft und dem damaligen Papst in spe, dass der s\u00e4kulare Egalitarismus nicht auf eigenen Beinen stehen kann, sondern auf die St\u00fctze der christlichen Theologie angewiesen ist \u2013 ein Argument, das der Kirche genau jene ideologische Autorit\u00e4t zugesteht, die die Aufkl\u00e4rung in ihrer Bl\u00fctezeit zu st\u00fcrzen suchte. Dass die liberale Presse in einem solchen Zugest\u00e4ndnis \u201eNahrung\u201c findet, das von einem Denker kommt, der seine letzten Jahrzehnte der Unterst\u00fctzung von NATO-Kriegen, EU-Sparma\u00dfnahmen, der europ\u00e4ischen Wiederaufr\u00fcstung und dem herzlichen Austausch mit dem intellektuellen Architekten der katholischen Reaktion widmete, sagt viel aus \u2013 nicht \u00fcber Habermas, sondern dar\u00fcber, wie tief der Liberalismus gesunken ist.<\/p>\n<p>Die drei politischen Kriterien, die Habermas 1986 im Historikerstreit vorgebracht hatte \u2013 Verfassungspatriotismus, Westorientierung und Anerkennung der Verbrechen von Auschwitz \u2013 liegen nun in Tr\u00fcmmern. Deutschlands Nachkriegsverfassung wurde durch \u00c4nderungen, von denen viele von der SPD eingebracht wurden, kontinuierlich ausgeh\u00f6hlt. Habermas\u2019 Freund Fischer berief sich zynisch auf Auschwitz, um die Wiederaufnahme deutscher Milit\u00e4roperationen zu rechtfertigen. Und Habermas\u2019 Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Westorientierung wurde durch den Aufstieg von Trumps faschistischem Regime der Boden entzogen \u2013 eine Entwicklung, die Habermas in seinen letzten Schriften drastisch untersch\u00e4tzt hatte, indem er darauf bestand, dass das Ph\u00e4nomen Trump \u201emit dem historisch bekannten Faschismus \u2026 keine \u00c4hnlichkeit\u201c habe. Ein Jahr nach dieser Einsch\u00e4tzung operieren maskierte Gruppen von ICE-Agenten ungestraft in den gesamten Vereinigten Staaten und die Trump-Regierung f\u00fchrt einen illegalen Angriffskrieg gegen den Iran.<\/p>\n<p><strong>X<\/strong><\/p>\n<p>Der Werdegang von J\u00fcrgen Habermas beleuchtet mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher Klarheit das Schicksal einer ganzen Str\u00f6mung des europ\u00e4ischen Nachkriegsdenkens und ein wiederkehrendes Muster in der Geschichte der deutschen Intelligenz. Der Denker, der sich anfangs mit dem Marxismus auseinandersetzt, stellt schlie\u00dflich seine intellektuellen Kr\u00e4fte in den Dienst des b\u00fcrgerlichen Staates. Das Vokabular des Verfassungspatriotismus und der kommunikativen Vernunft ist neu; der politische Inhalt ist es nicht. An jedem wichtigen Wendepunkt entscheidet sich der Intellektuelle f\u00fcr den Staat und gegen die unabh\u00e4ngige Bewegung der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Habermas war kein Schreiberling oder blo\u00dfer Propagandist. Sein theoretisches Projekt stellte einen beharrlichen Versuch dar, der reformistischen Politik nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts eine intellektuelle Basis zu verschaffen. Doch nachdem er die Kritik der politischen \u00d6konomie, die materialistische Geschichtsauffassung und die revolution\u00e4re Rolle der Arbeiterklasse aufgegeben hatte, war Habermas durch die Logik seiner eigenen Position gezwungen, eine alternative Grundlage f\u00fcr Sozialkritik in den Prozessen der b\u00fcrgerlichen Demokratie zu suchen \u2013 in der idealen Sprechsituation, im Verfassungspatriotismus, in den Normen des rationalen Diskurses. Als die Krisen kamen \u2013 Krieg, Sparpolitik, der Zerfall der liberalen Ordnung, deren Verteidigung er seine Karriere gewidmet hatte \u2013, blieb ihm nichts anderes \u00fcbrig, als sich hinter den Staat zu stellen und jener Politik das Prestige der Kritischen Theorie umzuh\u00e4ngen, der sich die Kritische Theorie urspr\u00fcnglich entgegenstellen wollte.<\/p>\n<p>Der politische Ursprung des Scheiterns ist derjenige, der zu Beginn dieses Aufsatzes benannt wurde. Angesichts seiner theoretischen wie politischen Feindschaft gegen\u00fcber dem Marxismus versuchte Habermas nie, sich mit den Ursachen der Katastrophe von 1933 auseinanderzusetzen. Alles andere folgte daraus: die Ablehnung des historischen Materialismus, der R\u00fcckzug von Hegel zu Kant, die Aufl\u00f6sung der objektiven Wahrheit in den Diskurs sowie der lange und entmutigende politische Niedergang vom jungen Kritiker von Heideggers Nazismus zum betagten Unterzeichner von Appellen \u2013 an der Seite eines ehemaligen BlackRock-Managers \u2013 f\u00fcr eine europ\u00e4ische Wiederaufr\u00fcstung.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: J\u00fcrgen Habermas in K\u00f6nigswinter am 7. November 2006 [AP Photo\/Hermann J. Knippertz, File]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2026\/04\/07\/habe-a07.html%20vom%209\">wsws.org&#8230;<\/a><\/em><em> vom 9. April 2026<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D. Szejnman &amp; Steve Long. I<br \/>\nJ\u00fcrgen Habermas, der am 14. 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