{"id":16241,"date":"2026-04-23T15:04:09","date_gmt":"2026-04-23T13:04:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16241"},"modified":"2026-04-23T15:04:10","modified_gmt":"2026-04-23T13:04:10","slug":"wie-china-sich-gegen-einen-oelausfall-wappnete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16241","title":{"rendered":"Wie China sich gegen einen \u00d6lausfall wappnete"},"content":{"rendered":"<p><em>Stephan Ossenkopp. <\/em>Die andauernde Sperrung der Stra\u00dfe von Hormus f\u00fchrt zu einem erheblichen Ausfall von \u00d6l- und Gaslieferungen und f\u00fcgt der Weltwirtschaft damit gro\u00dfen Schaden zu. Doch wie sieht es in China aus? Ist das industrielle Schwergewicht durch ausbleibende Erd\u00f6limporte schwer getroffen oder gar am Ende? Jenseits aller dramatischen Erwartungen sprechen die realen Fakten eine andere Sprache.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Chinas Energieabh\u00e4ngigkeit vom Persischen Golf: Fakten und Zahlen<\/strong><\/p>\n<p>Mitte April hielt sich der russische Au\u00dfenminister Sergej Lawrow in Peking zu Gespr\u00e4chen mit Staatspr\u00e4sident Xi Jinping und Au\u00dfenminister Wang Yi auf. Im Rahmen einer Pressekonferenz mit Lawrow wiesen Journalisten auf Chinas angebliche Energieknappheit hin und fragten, ob Russland diese Engp\u00e4sse ausgleichen k\u00f6nne. Lawrow antwortete selbstbewusst: \u201eRussland kann die Ressourcenengp\u00e4sse, mit denen die Volksrepublik China und andere L\u00e4nder konfrontiert sind, durchaus ausgleichen. Wir haben dies mehr als einmal er\u00f6rtert.\u201c Dieser kurze Austausch wirft mehr Fragen auf als er beantwortet. Gibt es in China aufgrund der geschlossenen Stra\u00dfe von Hormus tats\u00e4chlich eine Energieknappheit? Wie abh\u00e4ngig ist China von \u00d6l- und Gaslieferungen aus den L\u00e4ndern des Persischen Golfs? Und wie hat China Vorsorge getroffen, um einen m\u00f6glichen Ausfall der Energieimporte aus dieser Region abzufedern? Und welche Rolle spielt Russland beim Ausgleich fehlender \u00d6l- und Gasmengen? Die Antwort lautet: China hat wahrscheinlich kl\u00fcger gehandelt und einen l\u00e4ngeren Atem als viele glauben.<\/p>\n<p>Im Jahr 2025 lag die Importmenge Chinas an Roh\u00f6l bei elf Millionen Barrel pro Tag (bpd). Rund f\u00fcnf Millionen davon wurden bislang durch die Stra\u00dfe von Hormus importiert. Die gr\u00f6\u00dften Lieferanten waren der Iran, Saudi-Arabien und der Irak. Die Liefermengen von Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten lagen deutlich darunter. Der Iran war insbesondere auf China als Hauptabnehmer seines \u00d6ls angewiesen. Im August 2025 erreichten die gesamten iranischen \u00d6lexporte noch bis zu 3,15 Millionen Barrel pro Tag. Teheran konnte seine F\u00f6rdermengen trotz westlicher Sanktionen zuletzt immer weiter erh\u00f6hen und seine j\u00e4hrlichen Einnahmen auf insgesamt rund 45 Milliarden US-Dollar steigern. Dies entsprach 13 Prozent seines damaligen BIP. China war bis dahin der gr\u00f6\u00dfte Abnehmer iranischen \u00d6ls und importierte in der Hochphase \u00fcber 1,5 Millionen Barrel pro Tag, also rund 550 Millionen pro Jahr. Dabei erhielt es offenbar erhebliche Preisnachl\u00e4sse im Vergleich zu den vom Westen dominierten Marktpreisen. Somit hat sich der Iran auch in einem schwierigen Umfeld als bemerkenswert flexibel und widerstandsf\u00e4hig bei der Aufrechterhaltung seiner \u00d6lexporte und seiner Wirtschaft erwiesen. China profitierte von langen Liefervertr\u00e4gen und g\u00fcnstigen Preisen.<\/p>\n<p><strong>Russland als strategischer Partner: der Schwenk nach Osten<\/strong><\/p>\n<p>China hat seine \u00d6llieferanten diversifiziert. Russland seinerseits hat seine Energieexporte in die Volksrepublik nach dem Einsetzen westlicher Sanktionen nach oben gefahren und ist zum gr\u00f6\u00dften \u00d6llieferanten Chinas aufgestiegen. Das war nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Russland ein radikaler Schwenk weg von Europa hin nach Asien. So stiegen Russlands \u00d6lexporte nach China im Jahr 2023 um 24 Prozent, w\u00e4hrend die Exporte von Fl\u00fcssigerdgas (LNG) im selben Jahr um 47 Prozent zunahmen. Laut den neuesten Zahlen stiegen Chinas Importe von russischem Roh\u00f6l der Sorte \u201eEastern Siberia-Pacific Ocean\u201c (ESPO) im M\u00e4rz 2026 im Vergleich zum Vormonat erneut um 14 Prozent \u2013 mit weiter steigender Tendenz. Insofern hatte Lawrow recht, als er proklamierte, Russland k\u00f6nne den Ausgleich der ausgefallenen Importe nach China \u00fcbernehmen. \u00d6ffentlichen Angaben zufolge betrug der Gesamtimport russischen \u00d6ls, das per Schiff nach China geliefert wurde, 1,2 Millionen Fass pro Tag. Dieser Wert stieg seit Januar 2026 auf 1,8 Millionen Fass an. Gleichzeitig fiel der Anteil des \u00fcber die Stra\u00dfe von Hormus nach China importierten seew\u00e4rtigen \u00d6ls von rund 50 Prozent auf unter 45 Prozent. China machte sich also tendenziell bereits vor Beginn des Kriegs schrittweise unabh\u00e4ngiger vom \u00d6l der Golfstaaten und verl\u00e4sst sich zunehmend auf seinen engsten strategischen Partner Russland.<\/p>\n<p><strong>Selektiver Durchlass und strategische Reserven: Chinas Puffer gegen Schocks<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig ist die Stra\u00dfe von Hormus nicht vollst\u00e4ndig abgeriegelt, sondern es werden selektiv auch einige auf \u00d6ltransporte spezialisierte Schiffe durchgelassen \u2013 nicht selten mit Ziel China. Das zeigen Echtzeitdaten, wie sie beispielsweise auf der Website \u201e<a href=\"onenote:#Wie China sich gegen einen \u00d6lausfall wappnete&amp;section-id={D2D6904E-EDB4-4DA3-870E-2AD75666F3D9}&amp;page-id={0D43B094-D478-4CB8-93BE-4958AF74C346}&amp;object-id={75C39BED-B9B4-4769-BF02-C11A8444C58F}&amp;49&amp;base-path=C:\\Users\\Willy%20Eberle\\Documents\\OneNote-Notizb\u00fccher\\Post-It\\2026.one\">Strait of Hormuz Traffic Live Vessel Tracking<\/a>\u201d zu finden sind. Roh\u00f6l (crude oil) wird in Tankschiffen mit mehreren Hundert Metern L\u00e4nge \u00fcber die See transportiert. Ein einziger Riesentanker, der in der Fachsprache als Very Large Crude Carrier (VLCC) bezeichnet wird, kann zwischen 1,9 und 2,2 Millionen Barrel Roh\u00f6l transportieren. Das hei\u00dft, mit nur einem Tanker k\u00f6nnte der Iran beispielsweise seine t\u00e4gliche Exportmenge nach China aufrechterhalten. Wenn es nicht zu einer echten milit\u00e4rischen Blockade oder Verminung kommt, werden derzeit ein bis zwei, manchmal bis zu f\u00fcnf \u00d6ltanker t\u00e4glich durch das Nadel\u00f6hr gelassen. Kann es also sein, dass China gar keine so schockartige Disruption seiner \u00d6limporte aus dem Nahen Osten zu sp\u00fcren bekommt? Die Londoner Zeitung <em>The Economist<\/em> schrieb k\u00fcrzlich, dass viele davon ausgegangen waren, dass die Sperrung der Stra\u00dfe von Hormus besonders China treffen w\u00fcrde. Doch diese Logik sei fehlgeleitet und \u00fcbertrieben. Peking habe in der Vergangenheit alles getan, um sich darauf vorzubereiten, die Folgen eines Abrei\u00dfens von \u00d6l-Lieferketten abzufedern. So sei unter Pr\u00e4sident Xi Jinping die strategische Reserve von Roh\u00f6l auf 1,3 Milliarden Fass angewachsen.<\/p>\n<p>Die <em>Financial Times<\/em> titelte sogar, dass der Iran-Krieg den Superpower-Status Chinas festigen w\u00fcrde. China habe sich seit Jahren auf Krisen wie diese vorbereitet und sei nun in der Lage, den Konflikt zu seinem Vorteil zu nutzen. Laut der Zeitung k\u00e4me fast die H\u00e4lfte von Chinas importiertem Erdgas nun \u00fcber Pipelines aus Russland und Turkmenistan. Au\u00dferdem ist in China ein Drittel der Produktionskapazit\u00e4ten f\u00fcr erneuerbare Energien beheimatet. China k\u00f6nnte einen Konflikt nicht nur \u00fcber viele Monate \u00fcberstehen, sondern sich auch als Anbieter der letzten Instanz positionieren. Dies betr\u00e4fe dann nicht nur seltene Erden, sondern auch D\u00fcngemittel, Schwefel und mineral\u00f6lbasierte Produkte. Im Energiemix Chinas spielt \u00d6l ohnehin fast keine Rolle. Die bei Weitem wichtigsten S\u00e4ulen sind Kohle und Kohleprodukte, erneuerbare Energien und Kernenergie. Besonders wichtig ist, dass sich China bei der Stromerzeugung nicht, wie andere, von Erdgasimporten (LNG) abh\u00e4ngig gemacht hat. Dies steht im krassen Gegensatz zu beispielsweise Japan, S\u00fcdkorea und Taiwan, wo eine Knappheit von Fl\u00fcssiggasimporten sehr schnell zu Engp\u00e4ssen bei der Stromerzeugung in St\u00e4dten und bei Industriebetrieben f\u00fchren kann. Japan soll noch einen Monat lang LNG-Vorr\u00e4te haben, bevor es zu schmerzhaften Einschnitten kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Von \u00d6l zu Kohle und E-Mobilit\u00e4t: Chinas technologische Antwort<\/strong><\/p>\n<p>Auch die <em>New York Times<\/em> titelte, dass China auf den \u00d6lschock vorbereitet gewesen sei. Darin hei\u00dft es: Einst war China der gr\u00f6\u00dfte K\u00e4ufer von petrochemischen Produkten zur Herstellung von Kunststoffen, Metallen, Gummikomponenten und so weiter f\u00fcr seine Fabriken. Nun nutzt das Land \u00fcberwiegend heimische Kohle, um chemische Produkte wie Methanol und k\u00fcnstliches Ammoniak herzustellen. Drei Viertel des weltweit verwendeten Polyesters und Nylons werden in China produziert. F\u00fcr diese Fortschritte waren ein planerisches Vorgehen seitens der Regierung und Investitionen entscheidend. Bereits 2019 forderte der damalige Premier Li Keqiang in einem Dokument dazu auf, chemische Produkte und Elektrizit\u00e4t durch selbst produzierte Kohleprodukte herzustellen und die Abh\u00e4ngigkeit von Tankschiffen zu reduzieren. Seitdem die \u00d6llieferungen durch die Stra\u00dfe von Hormus ausblieben, habe sich China resilienter gezeigt als der Rest der Welt, so der Bericht. Heutzutage fahren die meisten Automobile und Z\u00fcge in China elektrisch, wodurch die Abh\u00e4ngigkeit von \u00d6l stark reduziert wurde. Die heimische Nachfrage nach raffinierten \u00d6lprodukten wie Benzin und Diesel ist bereits im zweiten Jahr in Folge gefallen. Die Nachrichtenagentur <em>CNBC<\/em> berichtet von Untersuchungen der Marktanalysefirma Rhodium Group, nach denen mehr als die H\u00e4lfte der neu verkauften Fahrzeuge in China einen elektrischen Antrieb haben. So seien bereits eine Million Fass \u00d6l pro Tag ersetzt worden, und diese Zahl werde sich voraussichtlich um weitere zwei Drittel erh\u00f6hen.<\/p>\n<p><strong>Fazit: Langfristiges Denken als strategischer Vorteil<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man \u00fcberhaupt ein Fazit aus den Informationen \u00fcber die Auswirkungen des Ausfalls der Stra\u00dfe von Hormus ziehen kann, dann dieses: China, der weltweit gr\u00f6\u00dfte K\u00e4ufer von \u00d6lprodukten, wird nicht automatisch der gr\u00f6\u00dfte Leidtragende dieses \u00d6lversorgungsschocks sein. China hat, wie auch die Agentur <em>Reuters<\/em> berichtet, \u00fcber einen Zeitraum von 20 Jahren Vorsorge getroffen, um seine Importquellen zu diversifizieren. Das zeigt einmal mehr, wie eine alte Zivilisation, deren Urspr\u00fcnge sich mehrere Tausend Jahre vor Christus datieren lassen, es gewohnt ist, langfristig und strategisch zu denken und Entscheidungen entsprechend ihrer Interessen zu treffen. Nat\u00fcrlich droht der globalen Wirtschaft insgesamt ein heftiger Schlag. Gerade die L\u00e4nder, die in ihren Kraftwerken Strom aus Erdgas aus den Golfstaaten erzeugen und damit ihre Industrie und St\u00e4dte antreiben, sind einem hohen kurzfristigen Risiko ausgesetzt. L\u00e4nder ohne gro\u00dfe Gas- und \u00d6lvorr\u00e4te beziehungsweise ohne weit diversifizierte Importquellen werden mit Einbr\u00fcchen ihrer Produktion und mit dauerhaft hohen Preisen bei der Kraftstoffversorgung rechnen m\u00fcssen. Dass sich diese Einbr\u00fcche durch die gesamte Lieferkette bis zu den Nahrungsmitteln, Medikamenten usw. durchschlagen, ist abzusehen. Die Warnung des Chefs der Internationalen Energieagentur, Herrn Fatih Birol, vor dem zur Neige gehenden Kerosin in Europa zeigt exemplarisch, wo wir stehen.<\/p>\n<p>Insgesamt steht China in vielen Punkten besser da als die vermeintlich so schlauen westlichen L\u00e4nder. Das Land verf\u00fcgt \u00fcber die gr\u00f6\u00dfte strategische Reserve an Roh\u00f6l, erzeugt Strom und petrochemische Produkte aus heimischen fossilen Quellen wie Kohle, investiert strategisch in Elektromobilit\u00e4t im \u00f6ffentlichen und privaten Verkehr und hat ein langfristiges strategisches Abkommen mit einem der gr\u00f6\u00dften Produzenten von Energie und anderen Rohstoffen, n\u00e4mlich Russland, abgeschlossen. Dar\u00fcber hinaus unterh\u00e4lt China strategische, langfristige Beziehungen zum Iran, zu Saudi-Arabien und zu den aufkommenden afrikanischen \u00d6ll\u00e4ndern. Es verf\u00fcgt \u00fcber die technischen und finanziellen Mittel zum Aufbau petrochemischer Industrien. Wenn der Spuk im Persischen Golf irgendwann hoffentlich beendet ist und irgendeine Art von Friedensabkommen geschlossen wird, wird China sicherlich eine wichtige Rolle dabei spielen, die \u00fcber 80 besch\u00e4digten Anlagen, die mit \u00d6l- und Gasf\u00f6rderung und -produktion in Verbindung stehen, wieder instand zu setzen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig werden die L\u00e4nder im Indopazifik, die eine Sicherheitspartnerschaft mit den USA haben, aber wirtschaftlich der Krise vollkommen ausgeliefert sind, sich nun ein Vorbild an Chinas Strategie nehmen m\u00fcssen. L\u00e4nder wie die Philippinen und Vietnam, die bereits von Versorgungsengp\u00e4ssen geplagt werden, haben sich bereits an China um Hilfe gewandt. Diejenigen, die dachten, durch die Sperrung der Stra\u00dfe von Hormus w\u00fcrde China besonders hart getroffen und der kriegf\u00fchrende Westen und seine Verb\u00fcndeten w\u00fcrden irgendwie als Sieger davonkommen, werden sich jedenfalls \u00fcberwiegend get\u00e4uscht sehen.<\/p>\n<p><em>Titelbild: QQMinh88 \/ shutterstock.com<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149439\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. April 2026<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stephan Ossenkopp. Die andauernde Sperrung der Stra\u00dfe von Hormus f\u00fchrt zu einem erheblichen Ausfall von \u00d6l- und Gaslieferungen und f\u00fcgt der Weltwirtschaft damit gro\u00dfen Schaden zu. Doch wie sieht es in China aus? 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