{"id":16489,"date":"2026-08-20T14:48:40","date_gmt":"2026-08-20T12:48:40","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16489"},"modified":"2026-08-20T14:48:41","modified_gmt":"2026-08-20T12:48:41","slug":"hier-spricht-minsk-wir-sind-keine-wilden-barbaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16489","title":{"rendered":"Hier spricht Minsk: \u201eWir sind keine wilden Barbaren\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ob an der belarussisch-lettischen Grenze oder im spanischen Ceuta: Die Migrationskrise erhitzt erneut die politische Debatte an den R\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union. Doch wie blickt die andere Seite auf das Geschehen? Ein im deutschsprachigen Raum seltenes Interview mit dem belarussischen Vize-Au\u00dfenminister Igor Sekreta liefert eine Innenansicht, die im Westen systematisch ausgeblendet wird.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Spitzendiplomat kontert den Vorwurf einer \u201ehybriden Aggression\u201c, kritisiert die verfehlte westliche Interventionspolitik im Nahen Osten und fragt provokant: Warum sollte Belarus die EU-Au\u00dfengrenzen sch\u00fctzen, w\u00e4hrend es selbst unter h\u00e4rtesten Sanktionen leidet? Ein erhellender, ungesch\u00f6nter Blick auf die Wurzeln der Krise, die Folgen der Sanktionspolitik und eine dringende Mahnung vor einer unkontrollierten milit\u00e4rischen Eskalation in Europa. Mit <strong>Igor Sekreta<\/strong> sprach und das Gespr\u00e4ch aus dem Russischen \u00fcbersetzte <strong>\u00c9va P\u00e9li<\/strong>.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00c9va P\u00e9li: Herr Sekreta, die Krise mit Migranten aus L\u00e4ndern Asiens, Afrikas und des Nahen Ostens bleibt eines der brisantesten Themen in den Beziehungen zwischen Minsk und Br\u00fcssel. Die EU beschuldigt Belarus, die illegale Migration zu einem Instrument des politischen Drucks gemacht zu haben. Was erwidern Sie auf diese Vorw\u00fcrfe?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Igor Sekreta:<\/strong> Bevor wir \u00fcber Vorw\u00fcrfe sprechen, lassen Sie uns die Ursachen betrachten. Europa hat diesen Magneten selbst geschaffen. Jeder wei\u00df genau, dass es in Deutschland ein sehr gro\u00dfz\u00fcgiges System sozialer Garantien gibt. Ich halte das im Grunde sogar f\u00fcr unfair gegen\u00fcber den Deutschen selbst. Aber das ist Ihre Wahl.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meiner Ansicht nach ist es falsch, einen Menschen, der in eine schwierige Lage geraten ist, dauerhaft auf Kosten der Steuern der eigenen B\u00fcrger sozial abzusichern. Aber das ist nur meine Meinung, das m\u00fcssen Sie entscheiden. Sie w\u00e4hlen selbst die Politik, die Sie brauchen, und daf\u00fcr stimmen die W\u00e4hler dann ab. Soweit ich der deutschen Presse entnehme, spricht sich eine wachsende Zahl von B\u00fcrgern in Deutschland gegen diesen Kurs aus. Sie sagen offen: \u201eWir wollen den Aufenthalt derer auf unserem Territorium nicht bezahlen, die nicht arbeiten wollen.\u201c Und ich stimme ihnen vollkommen zu.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Aber warum glauben Sie, dass das belarussische Integrationsmodell in der europ\u00e4ischen Realit\u00e4t besser funktionieren w\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir in Belarus haben einen v\u00f6llig anderen Ansatz: Wenn du die gleichen Rechte wie alle Belarussen haben willst, musst du wie ein Belarusse arbeiten. Du musst einer von uns werden: die Sprache lernen, die Gesetze einhalten, ein gesetzestreuer Mensch sein, Geld verdienen und Steuern zahlen. Dann wird man dich auch wie einen von uns behandeln. Alles klar, die Frage ist vom Tisch. Genau deshalb ziehen wir keinen riesigen Migrantenstrom an \u2013 sie wissen, dass man bei uns arbeiten muss. In Deutschland, Schweden oder anderen skandinavischen L\u00e4ndern hingegen wurden Bedingungen geschaffen, die diesen Zustrom buchst\u00e4blich stimulieren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In der EU wird jedoch argumentiert, dass Tausende von Menschen nicht zuf\u00e4llig an der Grenze gestrandet sind, sondern infolge gezielter logistischer Unterst\u00fctzung durch Minsk. Wie kommen diese Menschen nach Belarus?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn diese Menschen nach Belarus kommen, haben wir keinerlei Fragen an sie. Sie kommen absolut legal an \u2013 in der Regel aus Russland mit russischen Visa. Sie haben P\u00e4sse, Tickets, viele schlie\u00dfen Studienvertr\u00e4ge ab. F\u00fcr uns sind sie keine Illegalen, sondern legale Touristen. Sie lassen hier Geld, kaufen Produkte, wohnen in unseren Hotels und unterscheiden sich praktisch in nichts von gew\u00f6hnlichen Reisenden. Aber irgendwann beschlie\u00dfen sie, die Grenze zur Europ\u00e4ischen Union zu \u00fcberqueren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wie macht man das legal? Polnische und litauische Grenzschutzbeamte lassen sie \u00fcber offizielle Grenz\u00fcberg\u00e4nge nicht hinein und gew\u00e4hren ihnen kein Recht, Asyl zu beantragen. Am Ende nutzen die Menschen die gr\u00fcne Grenze und \u00fcberqueren sie dort, wo es keine Grenzpatrouillen gibt. Und dabei werden sie aktiv von genau denselben Litauern und Polen unterst\u00fctzt, die damit hervorragend verdienen. Sie transportieren die Migranten in ihren Autos weiter nach Deutschland, wo es innerhalb des Schengen-Raums keine Grenzen mehr gibt. \u00dcbrigens werden bei Menschenschmuggel am h\u00e4ufigsten B\u00fcrger Litauens und Polens erwischt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Unabh\u00e4ngige humanit\u00e4re Organisationen wie die polnische Grupa Granica dokumentieren Menschenrechtsverletzungen und Misshandlungen von Migranten auf beiden Seiten der Grenze \u2013 sowohl durch polnische Grenzsch\u00fctzer als auch durch belarussische Sicherheitsstrukturen. Warum schiebt Minsk die gesamte Verantwortung nur auf Warschau und Vilnius, wenn Menschenrechtsaktivisten von Gewalt und davon sprechen, dass Menschen auf beiden Seiten in den W\u00e4ldern festgehalten werden?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der belarussischen Seite liegen keine best\u00e4tigten Daten \u00fcber Misshandlungen von Migranten auf belarussischem Gebiet vor. Im Gegenteil, ich k\u00f6nnte zahlreiche Beispiele nennen, in denen unsere Grenzsch\u00fctzer und Mediziner ausl\u00e4ndischen Staatsb\u00fcrgern faktisch das Leben gerettet haben \u2013 Menschen, die auf der anderen Seite der Grenze gnadenlos zusammengeschlagen und zum Sterben bei uns abgeladen wurden. Ich bin mir nicht sicher, ob polnische humanit\u00e4re Organisationen solche F\u00e4lle dokumentieren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diejenigen, die \u00fcberleben, berichten von \u00e4hnlichen Verhaltensmustern uniformierter Personen auf dem Territorium der an Belarus angrenzenden L\u00e4nder: Fl\u00fcchtlinge werden festgenommen, Geld und pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde werden ihnen weggenommen, Mobiltelefone zertr\u00fcmmert und Dokumente vernichtet. Anschlie\u00dfend werden die Menschen in Kleinbusse gepfercht, wo sie mit Schlagst\u00f6cken und Elektroschockern geschlagen und manchmal mit Waffen bedroht werden. Danach werden die zugerichteten Menschen unter Todesdrohungen durch ein Tiergatter nach Belarus gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Westen wertet die Vorg\u00e4nge an der Grenze hart als \u201ehybriden Angriff\u201c. Wer tr\u00e4gt Ihrer Meinung nach die Hauptverantwortung f\u00fcr diese Krise?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welche hybride Bedrohung? Wir haben keinen Krieg im Irak oder in Afghanistan angefangen, unsere Soldaten waren nicht dort. Aber Ihre waren es. Deutsche, polnische und andere europ\u00e4ische Armeen waren in Afghanistan pr\u00e4sent, unterst\u00fctzten die USA im Irak und in Syrien. Die Menschen fliehen nun von dort zu Ihnen auf der Suche nach einem besseren Leben und finden schlie\u00dflich ihren Tod an der Grenze zwischen Polen, Litauen und Belarus.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um das Problem der illegalen Migration real zu l\u00f6sen, muss man erstens die Kriege beenden und normale Lebensbedingungen in den L\u00e4ndern schaffen, aus denen die Menschen fliehen. Wenn Deutschland, Europa im Allgemeinen und die USA keine Migranten m\u00f6gen, dann ist das Erste, was sie tun m\u00fcssen, in Syrien, im Irak und in Afghanistan f\u00fcr Ordnung zu sorgen. Man muss dort investieren, Unternehmen entwickeln, damit die Menschen zu Hause bleiben.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Aufgabe: Wenn wir uns sch\u00fctzen wollen, m\u00fcssen wir zivilisierte Bedingungen an der Grenze schaffen \u2013 Dokumente pr\u00fcfen, Identit\u00e4ten feststellen, Integrationsprogramme einf\u00fchren. Wenn das fehlt, werden die Menschen versuchen, weiterzukommen, und wir werden st\u00e4ndig mit Zusammenst\u00f6\u00dfen konfrontiert sein.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Lage direkt an der Grenzlinie hat sich bereits zu einer humanit\u00e4ren Katastrophe ausgeweitet. Was passiert dort im Moment?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben in all der Zeit eine sehr traurige Statistik erhalten. Litauische und polnische Sicherheitskr\u00e4fte haben fast hundert Leichen auf unser Territorium geworfen. Nach Angaben des Staatlichen Grenzkomitees der Republik Belarus wurden w\u00e4hrend der gesamten Migrationskrise an der Grenze zwischen Belarus und den L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union, das hei\u00dft seit 2021, 96 F\u00e4lle des Todes von Migranten festgestellt. Und das sind nur die dokumentierten F\u00e4lle.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Nachbarn schlagen sie, einige werden get\u00f6tet, andere sterben direkt an der Grenze an Unterk\u00fchlung und Hunger. Und das im 21. Jahrhundert! Wir sind gezwungen, uns mit leblosen K\u00f6rpern von Migranten zu befassen, die uns einfach \u00fcber den Zaun geworfen werden. Unsere Staatsanwaltschaft leitet Strafverfahren ein, aber die Verstorbenen haben oft keine Dokumente. Sie werden einfach hinter den Stacheldraht geworfen. Das ist schrecklich, unmenschlich, das erinnert an die Kriegsjahre. Ist das ein normales Niveau des zwischenstaatlichen Umgangs?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gibt es derzeit \u00fcberhaupt noch irgendwelche funktionierenden Kommunikationskan\u00e4le zu den westlichen EU-Nachbarn, um das Sterben von Menschen zu stoppen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider wollen unsere westlichen Nachbarn \u2013 Polen, Litauen, Lettland \u2013 nicht mit uns zusammenarbeiten, um diese Krise zu l\u00f6sen. Sie glauben aus irgendeinem Grund, dass wir bedingungslos f\u00fcr sie arbeiten m\u00fcssen \u2013 ihre Grenzen vor diesen Migranten zu sch\u00fctzen. Aber entschuldigen Sie, wir stehen unter Ihren Sanktionen. Man liebt uns in Europa nicht und will uns nicht sehen, und gleichzeitig sollen wir Sie besch\u00fctzen? Aus welchem Grund sollte unser Grenzsch\u00fctzer die Ruhe von Litauern oder Polen bewahren? Wenn die Beziehungen normal wiederhergestellt w\u00e4ren, k\u00f6nnte man \u00fcber alles verhandeln. Wenn nicht, verteidigen Sie sich selbst.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Migranten stellen f\u00fcr uns keine Bedrohung dar, sie begehen bei uns keine Verbrechen. Die Migrationssituation in unserem Land ist stabil und unter Kontrolle. Die Organe f\u00fcr innere Angelegenheiten wenden aktiv verwaltungsrechtliche Ma\u00dfnahmen gegen Migranten an, die die belarussischen Gesetze verletzen: Ihre Abschiebung wird durchgef\u00fchrt und Einreiseverbote werden verh\u00e4ngt. Allein im Jahr 2025 wurden mehr als 24.000 Ausl\u00e4ndern die Aufenthaltsgenehmigungen f\u00fcr die befristete und dauerhafte Niederlassung entzogen. Wegen grober Gesetzesverst\u00f6\u00dfe wurde die Ausweisung von 4.860 Personen aus dem Land beschlossen (2024 waren es 5.512), und 3.885 Personen wurde die Einreise verweigert.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Jahren 2021 bis 2025 haben die Grenzschutzorgane 129 Kan\u00e4le illegaler Transitmigration aufgedeckt und unterbunden, 296 Organisatoren und Helfer sowie \u00fcber 1.400 illegale Transitmigranten festgenommen. Die Ermittlungsbeh\u00f6rden haben 143 Strafverfahren wegen der Organisation illegaler Migration eingeleitet. Wegen Verletzung der Migrationsgesetzgebung wurden \u00fcber 9.000 Ausl\u00e4nder zur administrativen Verantwortung gezogen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig sehe ich aus Ihrer eigenen Presse, dass sich die Kriminalit\u00e4tssituation in Deutschland und Westeuropa stark verschlechtert hat. Ich lese Ihre Zeitungen und neige dazu zu glauben, was dort steht.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Aber wenn Sie unsere Presse lesen, wissen Sie doch, dass deutsche Medien die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik detailliert analysieren: \u00dcber 95 Prozent der in der Bundesrepublik lebenden Ausl\u00e4nder und Fl\u00fcchtlinge begehen niemals irgendwelche Straftaten.<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich h\u00e4ngen statistische Daten weitgehend von der Formulierung der Frage und der Methodik ab. Und es w\u00e4re ungerecht, pauschal irgendeine Bev\u00f6lkerungsgruppe zu beschuldigen. Aber wenn wir speziell \u00fcber Deutschland sprechen, k\u00f6nnen wir uns zumindest auf eine \u00c4u\u00dferung des Staatssekret\u00e4rs im Bundesministerium des Innern berufen, der Anfang dieses Jahres w\u00f6rtlich <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/politik\/auslaenderkriminalitaet-innenministerium-nennt-deutliche-statistik-zr-94262164.html\">Folgendes<\/a> erkl\u00e4rte: \u201eDie Zahlen sprechen f\u00fcr sich. Verd\u00e4chtige aus dem Ausland dominieren deutlich sowohl bei den Kategorien der Gewalttaten als auch bei den schweren Sexualstraftaten \u2013 mit 43,1 Prozent beziehungsweise 39,6 Prozent.\u201c Und das, obwohl in der deutschen Kriminalstatistik deutsche Staatsb\u00fcrger mit sogenanntem \u201eMigrationshintergrund\u201c prinzipiell nicht mitgez\u00e4hlt werden \u2013 es geht also ausschlie\u00dflich um Staatsangeh\u00f6rige anderer Staaten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00dcber geopolitische Fehler und die Wiederaufnahme des Dialogs<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wo sehen Sie in dieser \u00e4u\u00dferst schwierigen Situation M\u00f6glichkeiten zur Wiederherstellung des Dialogs zwischen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und Diplomaten?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unbedingt, damit muss etwas geschehen. Politiker, Diplomaten, das Milit\u00e4r, die Polizei und die Geheimdienste m\u00fcssen Kontakte herstellen. Das ist der Bereich, in dem reale Zusammenarbeit notwendig ist! Man muss nicht die Armeen vergr\u00f6\u00dfern, sondern klare Aufgaben stellen, damit die Polizei aller L\u00e4nder reibungslos zusammenarbeitet. Kriminelle und Schmugglernetzwerke arbeiten hervorragend, wenn man so will, ihre horizontalen Verbindungen sind weitaus besser etabliert als auf der Linie der Diplomaten. Sie haben sich untereinander nicht zerstritten und verdienen riesiges Geld. Wir staatlichen Strukturen haben uns dagegen zerstritten. Das schadet in erster Linie der \u00f6ffentlichen Sicherheit.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wenn man sich \u00fcber den Grenzkonflikt erhebt und auf die gro\u00dffl\u00e4chige Eskalation in Europa blickt: Wo liegen Ihrer Ansicht nach die fundamentalen Ursachen f\u00fcr das gegenw\u00e4rtige Misstrauen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem der heutigen politischen Eliten im Westen liegt meiner Meinung nach darin, dass sie sehr kurzfristig denken. Eine Perspektive von Jahrzehnten interessiert sie nicht mehr. Und zweitens sind sie oft zu schwach und willenlos, um mutige Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bedeutet eine mutige Entscheidung f\u00fcr einen Politiker? Es ist eine Entscheidung, f\u00fcr die man vielleicht mit der eigenen Karriere bezahlt, die aber in langfristiger Perspektive die friedliche Entwicklung des eigenen Landes sichert. Wenn wir auf die Geschichte des Nachkriegsdeutschlands schauen, gab es dort viele solcher F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten. Sie wurden scharf kritisiert, aber sie gingen bewusst auf eine Ann\u00e4herung an die Sowjetunion und Frankreich zu. Sie wurden von dem Verst\u00e4ndnis angetrieben, dass dies ein Prozess ist, der den deutschen B\u00fcrgern mehr bringt als ewige Feindschaft.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Glauben Sie, dass den modernen europ\u00e4ischen F\u00fchrern genau dieser strategische Mut fehlt?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja. Mir scheint, dass die Mehrheit der heutigen europ\u00e4ischen Eliten zu schwach ist. Sie k\u00f6nnen keine starke Tat vollbringen und sagen: \u201eNein, so geht es nicht weiter. Wir m\u00fcssen uns an einen Tisch setzen und die Beziehungen zu Russland und Belarus wiederherstellen.\u201c Wenn dieser Mut vorhanden w\u00e4re, h\u00e4tte man auch den Konflikt in der Ukraine viel schneller beenden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nehmen wir zum Beispiel den finnischen Pr\u00e4sidenten Alexander Stubb. Vor gar nicht allzu langer Zeit erkl\u00e4rte er, man werde sich mit Russland an einen Tisch setzen m\u00fcssen. Obwohl er zuvor dazu aufgerufen hatte, Waffen zu liefern und bis zum letzten Mann zu k\u00e4mpfen. Historische Argumente wurden bem\u00fcht. Aber zuvor, beim 50-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Schlussakte von Helsinki, hatte er v\u00f6llig anders gesprochen. Warum musste man ein ganzes Jahr verlieren? Wenn er damals ein starkes Signal gesendet h\u00e4tte, w\u00fcrden wir vielleicht schon am Verhandlungstisch sitzen und der Krieg w\u00e4re vorbei.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten wird derzeit aktiv \u00fcber die St\u00e4rkung der Verteidigung und die Vorbereitung auf einen m\u00f6glichen direkten Zusammensto\u00df mit dem Osten diskutiert. Wie real ist Ihrer Einsch\u00e4tzung nach die Gefahr eines gro\u00dfen Krieges in Europa?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist etwas, das bei mir und vielen meiner Kollegen gro\u00dfe Besorgnis ausl\u00f6st. Fr\u00fcher dachte ich: \u201eDas sind nur Worte.\u201c Aber heute sehe ich die reale Gefahr, dass dies bittere Realit\u00e4t wird. Ein neuer Krieg wird nicht nach Grenzen fragen. Belarus liegt im Zentrum Europas. Nach dem Ersten Weltkrieg war Europa m\u00e4chtig, nach dem Zweiten hat es immer noch \u00fcberlebt. Nach dem Dritten Weltkrieg wird nichts mehr \u00fcbrig bleiben. Ganz Europa wird vom Krieg zusammengeschossen werden \u2013 wie man bei Ihnen sagt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Gesellschaft entsteht der Eindruck, als sitze jeder vor dem Computer und spiele ein Spiel, das man einfach ausschalten kann. Das hat surreale Z\u00fcge. Aber in der Realit\u00e4t betrifft es deine Familie, dein Zuhause. Die wahre St\u00e4rke eines Staates und seiner Politiker liegt darin, die Weisheit und die F\u00e4higkeit zu besitzen, den Krieg zu verhindern. Willy Brandt hat das verstanden, weil er die Schrecken des Krieges pers\u00f6nlich kannte. Heute hat jedoch eine fatale Erosion des historischen Ged\u00e4chtnisses stattgefunden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche konkrete Alternative zur Sprache der Kriegsvorbereitungen kann Minsk anbieten? Was verstehen Sie unter dem Begriff \u201eeurasische Sicherheit\u201c?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir erfinden das Rad nicht neu. Es gibt die Prinzipien von Helsinki, die angepasst werden m\u00fcssen. Seit 2023 veranstalten wir j\u00e4hrlich die Minsker Konferenz zur eurasischen Sicherheit und treiben die Eurasische Charta der Vielfalt und Multipolarit\u00e4t im 21. Jahrhundert voran.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur \u00fcber \u201eeurop\u00e4ische\u201c Sicherheit zu sprechen, reicht heute nicht aus \u2013 Westeuropa ist geografisch klein und hat sich durch Sanktionen selbst isoliert. Wenn man jedoch Europa mit Eurasien verbindet und gemeinsame Prinzipien festlegt, wird dies ein gigantischer Schritt zum Frieden sein. Das ist keine Abstraktion: Wir halten in Minsk die Botschaft der Ukraine offen, laden ihre Diplomaten zu allen Veranstaltungen ein, weil wir verstehen \u2013 nach der n\u00e4chsten Regierung in Kiew wird man die Beziehungen wiederherstellen m\u00fcssen, und das Fundament wird schon jetzt gebraucht.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie passt das zusammen? Einerseits werden die Wirtschaftssanktionen im Westen immer weiter versch\u00e4rft, andererseits wird auf Dialog und Frieden gepocht \u2013 k\u00f6nnen die B\u00fcrger dort \u00fcberhaupt auf Entspannung hoffen, solange die wirtschaftliche Daumenschraube angezogen wird?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von dieser fatalen Praxis der Sanktionen muss endlich Abstand genommen werden. Sie bringen nichts und n\u00fctzen niemandem. Aber wir werden nicht um ihre Aufhebung betteln. Am effektivsten wird es sein, wenn diejenigen, die sie verh\u00e4ngt haben, selbst ihre Sinnlosigkeit erkennen. Wir werden unsere Gegensanktionen in derselben Sekunde aufheben, in der die andere Seite dies tut.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gesamte Geopolitik gleicht heute einem Fu\u00dfballspiel, bei dem jeder mit seinem eigenen Ball heruml\u00e4uft und die Regeln ignoriert. Daf\u00fcr zahlt der einfache europ\u00e4ische B\u00fcrger \u2013 mit seinen Steuern, Energierechnungen und steigenden Preisen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<strong>Wir sind keine wilden Barbaren\u201c: \u00dcber pers\u00f6nliche Erinnerungen und die Haltung zu Europa<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Herr Sekreta, bei den Regierungen in der EU schl\u00e4gt Ihnen tiefes Misstrauen entgegen. Wie wollen Sie dieses Misstrauen abbauen und Ihre Friedensabsichten glaubw\u00fcrdig untermauern?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wissen Sie, am wenigsten von allem w\u00fcrde ich in dem Gespr\u00e4ch mit Ihnen banale Propaganda oder trockene Protokolldiplomatie betreiben wollen. Mir lag daran, mich mit Ihnen ganz als Mensch zu unterhalten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine eigene Familiengeschichte ist eng mit diesen Trag\u00f6dien verflochten: Die Schwester meiner Gro\u00dfmutter wurde w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs zu Zwangsarbeiten nach Deutschland verschleppt. Sie durchlebte in ihrer Kindheit schwerste Pr\u00fcfungen, sah Hunger und Angst, aber sie \u00fcberlebte und kehrte nach Hause zur\u00fcck. Solche Geschichten gibt es in sehr vielen belarussischen Familien.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich selbst habe heute eine 16-j\u00e4hrige Tochter und einen 24-j\u00e4hrigen Sohn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Kinder heute in einen G\u00fcterwaggon verladen und tausende Kilometer weit weggebracht werden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und trotz alledem stehen wir den Deutschen, Ihrer Kultur, Ihren Dichtern bis heute mit enormer Sympathie gegen\u00fcber. Wir lernen die deutsche Sprache, singen Lieder, h\u00f6ren Musik. Mein Sohn lernte an der Willy-Brandt-Schule in Warschau und spielte dort in einer Fu\u00dfballmannschaft, in der Deutsche, Ukrainer, Russen, Belarussen und Amerikaner gemeinsam waren. Und dort gab es nicht einen einzigen nationalen Konflikt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sind keine wilden Barbaren. Wir sind in der Lage, das Sch\u00f6ne zu sch\u00e4tzen und verstehen sehr gut, wie die Welt funktioniert. Das Einzige, was wir wollen \u2013 dass man uns mit demselben Respekt behandelt. Daf\u00fcr muss man einfach die Kraft finden, innezuhalten, sich gegenseitig in die Augen zu schauen und anfangen, menschlich miteinander zu reden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=155074\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. August 2026<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob an der belarussisch-lettischen Grenze oder im spanischen Ceuta: Die Migrationskrise erhitzt erneut die politische Debatte an den R\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union. Doch wie blickt die andere Seite auf das Geschehen? Ein im deutschsprachigen Raum &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":16490,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[59,87,153,124,39,41,52,18,82,45,119,22,49,27,15],"class_list":["post-16489","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-international","tag-afghanistan","tag-arbeitswelt","tag-baltikum","tag-belarus","tag-deutschland","tag-europa","tag-fluechtlinge","tag-imperialismus","tag-irak","tag-neoliberalismus","tag-polen","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-russland","tag-syrien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16489","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16489"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16489\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16491,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16489\/revisions\/16491"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/16490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}