{"id":1651,"date":"2016-11-18T16:32:34","date_gmt":"2016-11-18T14:32:34","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1651"},"modified":"2018-01-19T18:24:14","modified_gmt":"2018-01-19T16:24:14","slug":"gianni-frizzo-ein-schweizer-arbeiterfuehrer-bilanziert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1651","title":{"rendered":"Gianni Frizzo: Ein Schweizer Arbeiterf\u00fchrer bilanziert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Samstag, den 22. Oktober 2016, fand in der <em>Pitturia<\/em> der Officine in Bellinzona das Abschiedsfest f\u00fcr Gianni Frizzo statt, der nach 34 Jahren Arbeit bei den SBB Werkst\u00e4tten in Pension ging. Ein denkw\u00fcrdiger Ort,<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> denn hier fanden im Fr\u00fchjahr 2008 und danach die regelm\u00e4ssigen Vollversammlungen der Arbeiterinnen, Arbeiter und der \u00d6ffentlichkeit statt, als in den Officine der seit eh und je erfolgreichste Arbeitskampf der Schweiz stattfand. Gianni Frizzo war der scharfsichtige F\u00fchrer der Streikbewegung. Mittlerweile allerdings scheint das Gewonnene unter dem andauernden Druck der SBB, der Komplizenschaft der politischen Beh\u00f6rden, der Gleichg\u00fcltigkeit der Gewerkschaftsf\u00fchrungen und der Ersch\u00f6pfung der Betroffenen hinwegzuschmelzen. <\/strong><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1063\"><strong>(Wir berichteten)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong>Das folgende Interview mit Gianni Frizzo wurde in der Oktoberausgabe der Zeitung <a href=\"http:\/\/www.mps-ti.ch\/index.php?option=com_content&amp;amp;view=article&amp;amp;id=595:ultima-edizione-giornale&amp;amp;catid=9:uncategorised\">Solidariet\u00e0<\/a> \u00a0publiziert. Die \u00dcbersetzung aus dem Italienischen erfolgte durch die Redaktion maulwuerfe.ch.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Du hast einen grossen Teil deines Lebens damit zugebracht, f\u00fcr die Rechte der Lohnabh\u00e4ngigen zu k\u00e4mpfen, der Klasse, der du angeh\u00f6rst. Du kannst also aus deiner Erfahrung eine Bilanz ziehen, wie sich dieser Kampf \u00fcber 34 Jahre ver\u00e4ndert hat, gerade in der Schweiz, die sich durch eine ausserordentliche politische und soziale Stabilit\u00e4t auszeichnet Was kannst du uns dar\u00fcber sagen?<\/strong><\/p>\n<p>Von meiner bescheidenen Warte aus und stark vereinfacht m\u00f6chte ich festhalten, dass die wirklichen Protagonisten des Wandels \u00fcber die vergangenen Jahrzehnte, der Revolution in der Arbeitswelt, die Unternehmer und die Tr\u00e4ger der neoliberalen Politik gewesen sind \u2013 und dies weiterhin sind. Sie haben, alles in allem, vor allem der Arbeiterklasse und den unteren und mittleren Schichten schweren Schaden zugef\u00fcgt; sie waren dabei fleissig auf ihre Mission bedacht, die sozialen, politischen und gewerkschaftlichen Errungenschaften zu zerschlagen. Sie haben somit einen aktiven Klassenkampf gef\u00fchrt! Sie beschleunigten das Tempo ihres Angriffs fortw\u00e4hrend, w\u00e4hrend diejenigen, die zur Verteidigung unserer Errungenschaften da w\u00e4ren \u2013 die Gewerkschaften usw. &#8211; , abgesehen von einigen Ausnahmen, unter immer st\u00e4rkeren Druck gerieten, kurzen Atem hatten, einen lahmen Schritt einnahmen und in einem hemmenden Pragmatismus verharrten. Sie sind keineswegs auf der H\u00f6he ihrer \u2013 oder besser: unserer &#8211;\u00a0 Gegner; diese werden immer frecher und f\u00fcgen uns immer schmerzhaftere Verluste zu!<\/p>\n<p>Deshalb sieht die Bilanz in den Augen derjenigen, die wirklich die Interessen der Lohnabh\u00e4ngigen verteidigen, sehr d\u00fcster aus!<\/p>\n<p>Jeder der unf\u00e4hig ist, ein Minimum von Selbstkritik zu entwickeln und eher die Bilanz sch\u00f6nt und eine Politik des geringeren \u00dcbels verfolgt \u2013 sich damit also \u00fcber alle hinwegsetzt, die schmerzhafte Niederlagen einstecken mussten -, behauptet auch weiterhin, dass es ausschliesslich den Weg des kleineren \u00dcbels g\u00e4be. In anderen Worten, wenn es nach denen ginge, sollten wir zufrieden sein und denken, dass es uns nach allem noch gut gegangen sei, und wir beispielsweise immerhin noch eine Arbeit h\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend deiner T\u00e4tigkeit hast du den Niedergang der Rolle der Gewerkschaften erlebt, des Willens (und der M\u00f6glichkeit) ihrer F\u00fchrungen, gegen die neoliberale Politik der Unternehmer, die sich \u00fcber die vergangenen Jahrzehnte entwickelt hat, einen Widerstand aufzubauen. Wie hast du diese Entwicklung der Gewerkschaften als Aktivist der Arbeiterbewegung erlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Das Wichtigste habe ich bereits gesagt. Dem m\u00f6chte ich noch beif\u00fcgen, dass f\u00fcr die Schaffung eines Widerstandes, der die Konfrontation mit den Unternehmern aufnehmen kann, der \u00fcber entsprechende Waffen verf\u00fcgt, w\u00e4re es vor allem anderen notwendig gewesen und ist es weiterhin notwendig, all die Mechanismen des Druckes und der Erpressung zu beseitigen, \u00fcber die die Unternehmer verf\u00fcgen, um den Lohnabh\u00e4ngigen Angst, Ungewissheit usw. einzufl\u00f6ssen; sie blockieren damit jede Handlungsm\u00f6glichkeit, die autonom von der Basis, von den Arbeiterinnen und Arbeitern ausgeht.<\/p>\n<p>Stattdessen bleibt den Lohnabh\u00e4ngigen letztendlich nichts anderes \u00fcbrig, als ihre Anliegen an die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie zu delegieren. Sich also auf diejenigen abzust\u00fctzen, die aller meistens \u00fcber Fragen entscheiden, \u00fcber die eigentlich die Arbeiterinnen und Arbeiter entscheiden m\u00fcssten. Eine Situation &#8211; man denke etwa an die Officine \u2013, die die Aufgabe der Firmenleitung nur noch mehr erleichtert; sie hat es nun mit Gespr\u00e4chspartnern zu tun \u2013 mit der Gewerkschaftsf\u00fchrung -, die aus einzelnen Personen besteht, die ideologisch zuordenbar, pragmatisch ist und sich auf derselben hierarchischen Ebene befindet, weit entfernt von der Alltagswirklichkeit der Arbeiterinnen und Arbeiter. Es fehlt nun das entscheidende Element, das man im Zusammenhang mit dem Streik von 2008 erlebt hat: die vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngende, kollektive Selbstorganisation, die Kraft der gemeinsamen Entscheidungen, die in den Versammlungen beschlossen wurden, der Geist der Improvisation (wo aus den Gewohnheiten ausgebrochen wurde), wo man sich als Teilnehmerin und deshalb als Vork\u00e4mpfer der eigenen Entscheidungen, im Guten wie im Schlechten, wahrnimmt. Somit ohne Wenn und Aber bis zur Erreichung der gemeinsamen vereinbarten Ziele voranschreitet!<\/p>\n<p><strong>Die Erfahrung des Kampfes der Officine ist sicher ein Wendepunkt in deinem Leben gewesen. Dieser hat in einem gewissen Sinne eine nun vor zwei Jahrzehnten begonnene Arbeit gekr\u00f6nt, die durch Niederlagen und Teilsiege gezeichnet war. Denkst du, dass die Erfahrungen des Kampfes in den Officine auch heute f\u00fcr die k\u00fcnftigen K\u00e4mpfe n\u00fctzlich sein k\u00f6nnen? Welches waren die wichtigen Punkte in den Kampferfahrungen, die weiterhin einen, sagen wir, allgemeinen Charakter haben und die sich in vielen anderen K\u00e4mpfen wiederfinden, vergangenen, gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen?<\/strong><\/p>\n<p>Mindestens m\u00fcssten alle \u2013 selbst die Kritischsten &#8211; damit einverstanden sein, dass der Kampf der Arbeiterinnen und Arbeiter der Officine gezeigt hat, dass es m\u00f6glich ist, sich erfolgreich den Restrukturierungspl\u00e4nen der Unternehmer zu widersetzen. Der Streik erwies sich als sehr demokratisches Instrument zur Verhinderung der Umsetzung der \u00fcblen Absichten der Unternehmer, die zerst\u00f6rerische gesellschaftliche Folgen h\u00e4tten. Wie in deiner Frage dargelegt, ging der Widerstand dann aus den Officine hervor; vor \u00fcber zwanzig Jahren hat sich ein Kern von Arbeitern gebildet, der getragen war von einem klaren, und ich wage zu sagen: mutigen, kritischen Geist gest\u00fctzt war, sowohl was die Absichten der Unternehmer als auch diejenigen der Berufsgewerkschaften angeht. Es war eine andauernde und geduldige Arbeit, gezeichnet auch von manchen Entt\u00e4uschungen und Niederlagen \u2013 ein Preis, den diejenigen leider zu zahlen haben, die gegen den Strom schwimmen wollen; diese sind eine Folge von Gutgl\u00e4ubigkeit und dem Festhalten an nicht verhandelbaren Grunds\u00e4tzen, wie die Gewerkschaftsrechte und vor allem die W\u00fcrde der Arbeiterinnen und Arbeiter.<\/p>\n<p>Die letzte Frage w\u00fcrde ich mit Ja beantworten! Mit einigen Anpassungen an die spezifischen Umst\u00e4nde w\u00fcrde ich bescheidener Weise annehmen, dass es mehr als m\u00f6glich, ja n\u00f6tig w\u00e4re, diese Kampferfahrungen wiederaufzunehmen und sie deshalb zu verallgemeinern. Dies nicht lediglich wegen der Wichtigkeit der erzielten Erfolge, sondern vor allem wegen der Frage, wie es m\u00f6glich war, diese zu erzielen. Es ging beim Kampf in den Officine um eine koh\u00e4rente Verwirklichung einer Gewerkschaftspolitik, die allen konkreten Erfahrungen Rechnung tr\u00e4gt, mit allen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, wo die Beteiligten in erster Linie die Arbeiterinnen und Arbeiter waren; dieser Kampf hatte zudem die F\u00e4higkeit, die \u00d6ffentlichkeit anzustecken und konnte somit die Sensibilit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung und der Institutionen einer ganzen Region und dar\u00fcber hinaus nutzen. Ein Kampf, der meiner Ansicht nach deshalb mehr Aufmerksamkeit, Vertiefung und Achtung seitens derjenigen n\u00f6tig h\u00e4tte, die sich als \u00abVork\u00e4mpfer\u00bb der Verteidigung der Lohnabh\u00e4ngigen ausgeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Samstag, den 22. Oktober 2016, fand in der Pitturia der Officine in Bellinzona das Abschiedsfest f\u00fcr Gianni Frizzo statt, der nach 34 Jahren Arbeit bei den SBB Werkst\u00e4tten in Pension ging. 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