{"id":16514,"date":"2026-09-01T15:14:46","date_gmt":"2026-09-01T13:14:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16514"},"modified":"2026-09-01T15:14:47","modified_gmt":"2026-09-01T13:14:47","slug":"sudan-von-der-revolution-in-die-barbarei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=16514","title":{"rendered":"Sudan: Von der Revolution in die Barbarei"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Thomas Soud. <\/em><strong>Die sudanesische Revolution von 2018\u201321 war eine der st\u00e4rksten Massenbewegungen dieses Jahrhunderts. In diesem Artikel beleuchten wir die Hintergr\u00fcnde der Revolution, ihr unglaubliches Potenzial und wie sie zerschlagen wurde \u2013 was zu der Barbarei f\u00fchrte, die wir heute in der Region erleben<\/strong>. <strong>Die Konterrevolution hat den Sudan in die Tiefen der Barbarei gest\u00fcrzt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 2019 hatten die Arbeiter die Macht in ihren H\u00e4nden, doch die reformistischen F\u00fchrer verrieten sie und \u00fcbergaben die Macht wieder an das Regime. Bis 2022 war die Revolution verloren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Jahr sp\u00e4ter richteten die Henker der Revolution ihre Waffen gegeneinander, wobei jeder von einer Konstellation verschiedener ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte unterst\u00fctzt wurde. Nun haben sie Khartum verw\u00fcstet, einen V\u00f6lkermord in Darfur ausgel\u00f6st und <a href=\"https:\/\/www.economist.com\/briefing\/2024\/08\/29\/anarchy-in-sudan-has-spawned-the-worlds-worst-famine-in-40-years\">die weltweit verheerendste Hungersnot seit 40 Jahren entfesselt.<\/a><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.cfr.org\/global-conflict-tracker\/conflict\/power-struggle-sudan\">Bis heute wurden mindestens 400&#8217;000 Menschen niedergemetzelt, 4&#8217;000&#8217;000 sind aus dem Land geflohen und weitere 7&#8217;000&#8217;000 wurden innerhalb des Landes vertrieben<\/a>. Mehr als 30&#8217;000&#8217;000 Menschen sind auf humanit\u00e4re Hilfe angewiesen, von denen <a href=\"https:\/\/www.npr.org\/2025\/11\/03\/g-s1-96318\/famine-spreads-to-two-more-areas-in-sudan-global-hunger-authority-says\">6.3 Millionen unter extremem Hunger leiden<\/a>. Zwei und ein halbes Jahr Krieg haben das Land faktisch in zwei H\u00e4lften gerissen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abSozialismus oder Barbarei\u00bb ist keine leere Floskel, sondern genau die Perspektive, vor der der Sudan im Jahr 2019 stand. Revolution\u00e4re m\u00fcssen die Lehren aus dem Sudan verinnerlichen, um sich auf zuk\u00fcnftige K\u00e4mpfe vorzubereiten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der sudanesische Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Briten eroberten den Sudan 1898 und machten sich im Zuge einer brutalen Besatzung daran, die sudanesische Wirtschaft umzugestalten. Vor der britischen Herrschaft gab es im Sudan keinen Kapitalismus. Durch ihre Herrschaft wurden die Subsistenzbauern des Landes in den Weltmarkt eingebunden und bauten im fruchtbaren Niltal Baumwolle und andere landwirtschaftliche Produkte an.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl ausserhalb der Hauptstadt Khartum keine Industrie existierte, trieb der Weltmarkt den Bau von Eisenbahnlinien voran, die die W\u00fcste durchzogen. Bis 1950 besch\u00e4ftigte der Eisenbahnsektor 100&#8217;000 Arbeiter, von denen allein 10&#8217;000 in der Zentrale in Atbara t\u00e4tig waren. Unter diesen Umst\u00e4nden schlossen sich die Eisenbahnarbeiter 1949, drei Jahre nach der Gr\u00fcndung der Sudanesischen Kommunistischen Partei, als Erste gewerkschaftlich zusammen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der britische Kapitalismus dominierte die sudanesische Wirtschaft. Die Briten kontrollierten die Eisenbahnen, die Industrien zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe f\u00fcr den Export sowie das Bankensystem. Eine einheimische sudanesische Kapitalistenklasse existierte so gut wie gar nicht. Um ihre Herrschaft zu stabilisieren, machten sich die Briten daran, eine solche Klasse k\u00fcnstlich aufzubauen. Sie er\u00f6ffneten die ersten Schulen im Sudan und f\u00f6rderten \u2013 nach einem im gesamten Empire verbreiteten Muster \u2013 eine Kompradoren-Bourgeoisie: eine Klasse, die vollst\u00e4ndig vom Imperialismus abh\u00e4ngig war und \u00fcber keine eigenst\u00e4ndige wirtschaftliche oder politische Basis verf\u00fcgte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So schwach und kraftlos war diese sudanesische Bourgeoisie, dass die erste b\u00fcrgerlich-demokratische Regierung, die nach der Unabh\u00e4ngigkeit 1956 an die Macht kam, schon bald das Milit\u00e4r aufforderte, die Macht zu \u00fcbernehmen, um das Land zu stabilisieren. Die imperialistische Vorherrschaft bedeutete, dass der Grossteil der begrenzten industriellen Infrastruktur entweder direkt von den Briten oder indirekt \u00fcber deren Einfluss auf den Finanzsektor kontrolliert wurde. Dies hemmte die Entwicklung einer unabh\u00e4ngigen Bourgeoisie, verst\u00e4rkte aber gleichzeitig die relative St\u00e4rke des Proletariats, das das Potenzial besass, die Massen zur Eroberung der Macht zu f\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Prozess war keineswegs einzigartig. Er stand im Einklang mit der Theorie der permanenten Revolution, wie sie Trotzki 1906 in Bezug auf Russland formulierte. Gem\u00e4ss dieser Theorie kann die Bourgeoisie in L\u00e4ndern mit versp\u00e4teter kapitalistischer Entwicklung keine fortschrittliche Rolle spielen. Dies best\u00e4tigte sich im Sudan voll und ganz. Das Land erlebte drei b\u00fcrgerlich-demokratische Regierungen: 1956\u20131958, 1964 \u20131969 sowie 1985\u20131989. In jedem Fall war die Bourgeoisie schwach, gespalten, korrupt und hatte panische Angst vor der Arbeiterklasse. Jede dieser Phasen endete in einer Milit\u00e4rdiktatur.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In allen drei F\u00e4llen h\u00e4tte die Arbeiterklasse die Macht \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Es waren die sudanesischen Arbeiter, die durch massive Generalstreiks das Milit\u00e4r in der Oktoberrevolution von 1964 st\u00fcrzten. Der Staatsstreich von 1969, angef\u00fchrt von Oberst Nimeiri, wurde von der Unzufriedenheit der kleinb\u00fcrgerlichen \u00abFreien Offiziere\u00bb angetrieben, die dem Beispiel Nassers in \u00c4gypten folgten und sich an die Sowjetunion als Vorbild wandten. Und wieder einmal war es die Arbeiterklasse, die Nimeiri 1985 st\u00fcrzte, als sein Regime zu einer islamistischen Diktatur verkam.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rolle der Sudanesischen Kommunistischen Partei (SCP) h\u00e4tte derjenigen der Bolschewiki im Jahr 1917 entsprechen sollen: den Massen zu zeigen, dass der Kapitalismus keine L\u00f6sung bietet und dass nur die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse im B\u00fcndnis mit der Bauernschaft einen Weg nach vorne bieten k\u00f6nnte. Doch die SCP versagte bei dieser historischen Aufgabe.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ende der 1960er Jahre war die SCP zur zweitgr\u00f6ssten kommunistischen Partei Afrikas geworden, mit \u00fcber 10&#8217;000 disziplinierten Mitgliedern. Sie f\u00fchrte sowohl die Gewerkschaften als auch die Studentenbewegung an. Doch dieses enorme Potenzial wurde aufgrund der Grenzen der stalinistischen Theorie verschwendet.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter der F\u00fchrung der sowjetischen B\u00fcrokratie hielt die SCP an der von den Menschewiki inspirierten \u00abZweistufentheorie\u00bb der Revolution fest, die besagte, dass die Revolution im Sudan nur b\u00fcrgerlich-demokratischer Natur sein k\u00f6nne. Daher wurde den Kommunisten befohlen, lediglich die Rolle zu spielen, einer \u00abfortschrittlichen\u00bb Bourgeoisie zur Machtverwirklichung zu verhelfen. Einige innerhalb der Partei bezeichneten sich sogar als \u00abrevolution\u00e4re Kapitalisten\u00bb und bildeten einen regelrechten b\u00fcrgerlichen Fl\u00fcgel.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Folge zerfiel die Partei unter den Hammerschl\u00e4gen der Ereignisse. Ihre Beteiligung an der Regierung von 1964 f\u00fchrte zu internen Spaltungen. Nimeiris Macht\u00fcbernahme im Jahr 1969 verursachte einen weiteren Bruch. Der gescheiterte, von den Kommunisten angef\u00fchrte Putsch von 1971 zerschlug das, was noch \u00fcbrig war.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Zeit der Revolution von 1985 war die SCP diskreditiert. Ihr Versagen als F\u00fchrungskraft, versch\u00e4rft durch den weltweiten R\u00fcckzug der Arbeiterbewegung, erm\u00f6glichte es der Diktatur von Omar al-Bashir, ihre Macht f\u00fcr die n\u00e4chsten 30 Jahre zu festigen, wodurch die Partei zu einem marginalen, alternden Restverband schrumpfte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die \u00abGlorreiche Revolution\u00bb von 2019 ausbrach, war die begrenzte Rolle, die die SCP spielte, nicht auf Massenunterst\u00fctzung zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern auf eine d\u00fcnne Schicht erfahrener F\u00fchrer, die es dank ihrer fr\u00fcheren Verbindungen rasch schafften, sich in einflussreiche Positionen innerhalb der Bewegung zu man\u00f6vrieren \u2013 und nicht aufgrund eines tats\u00e4chlichen Einflusses unter der revolution\u00e4ren Jugend.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Regime von Al-Bashir<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Al-Bashirs Staatsstreich von 1989 war der Sieg der Konterrevolution und beendete die Revolution von 1985. Eine dunkle Reaktion brach herein, als Al-Bashir Seite an Seite mit den Islamisten regierte. Die Gewerkschaften wurden in den Untergrund gedr\u00e4ngt, die Preise wurden in die H\u00f6he getrieben und der Mindestlohn drastisch gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Al-Bashir war klar, dass trotz der immensen Niederlage, die die Arbeiter 1989 erlitten hatten, die Herrschaft allein mit dem Schwert nicht ausreichte, um sein Regime aufrechtzuerhalten. Schliesslich \u2013 auch wenn es eine Generation dauern mochte \u2013 w\u00fcrde die Arbeiterklasse ihre St\u00e4rke zur\u00fcckgewinnen, das Regime w\u00fcrde sich spalten und seine Macht ins Wanken geraten. Die Lage f\u00fcr Al-Bashir war prek\u00e4r, doch steigende \u00d6lpreise verschafften ihm Handlungsspielraum.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ende der 1990er Jahre erm\u00f6glichte ein \u00d6lboom eine rasante Ausweitung der staatlichen Ausgaben. Teile von Khartum begannen, wie Dubai auszusehen, als \u00fcberall in der Stadt riesige Infrastrukturprojekte aus dem Boden schossen. Zwischen 1999 und 2013 vergr\u00f6sserte sich der Staatshaushalt um das Dreizehnfache. Den Arbeitern und Bauern wurden riesige Nahrungsmittelsubventionen gew\u00e4hrt, w\u00e4hrend die Armee mit Reicht\u00fcmern \u00fcberh\u00e4uft wurde. Al-Bashir schloss sich selbst darin ein und indem er bis 2019 angeblich 9&#8217;000&#8217;000&#8217;000 Dollar auf sein pers\u00f6nliches Konto abzweigte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig sch\u00fcrte er weiterhin ethnische Spannungen im Westen, <a href=\"https:\/\/marxist.com\/imperialist-rivalry-darfur-crisis041004.htm\">insbesondere in Darfur, was 2005 zum V\u00f6lkermord f\u00fchrte, bei dem \u00fcber 300&#8217;000 Menschen niedergemetzelt wurden<\/a>. Die T\u00e4ter waren die Janjaweed, auch bekannt als die \u00abTeufel zu Pferd\u00bb. Im Jahr 2013 wurde diese v\u00f6lkermordende Miliz in die Rapid Support Forces (RSF) umgewandelt: eine paramilit\u00e4rische Einheit, die speziell von Al-Bashir geschaffen wurde, um sich vor Putschversuchen zu sch\u00fctzen. Indem er zwischen den offiziellen sudanesischen Streitkr\u00e4ften (SAF) und der RSF lavierte, glaubte er, seine Herrschaft sei gesichert.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Annahmen waren falsch. <a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/what-interests-lie-behind-the-sudan-south-sudan-conflict.htm\">Im Jahr 2011 gelang es dem S\u00fcdsudan \u2013 mit Unterst\u00fctzung des US-Imperialismus \u2013, die Unabh\u00e4ngigkeit zu erlangen<\/a>. Die USA hatten ein angespanntes Verh\u00e4ltnis zu Al-Bashir.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die nationale Unabh\u00e4ngigkeit brachte dem S\u00fcden keine Befreiung. Stattdessen ebneten ethnische Spaltungen und imperialistische Einmischung den Weg f\u00fcr den B\u00fcrgerkrieg im S\u00fcdsudan. Zwischen 2013 und 2020 wurden 400&#8217;000 Menschen get\u00f6tet.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als 2013 die \u00d6leinnahmen aus dem S\u00fcdsudan wegfielen, leitete Al-Bashir eine Sparpolitik ein. Die Treibstoffsubventionen wurden gek\u00fcrzt, wodurch sich die Preise \u00fcber Nacht verdoppelten. <a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/new-intifada-against-dictatorship-in-sudan.htm\">Auf der Welle des Arabischen Fr\u00fchlings str\u00f6mten die sudanesischen Massen auf die Strassen<\/a>. Al-Bashir zeigte sofort seine R\u00fccksichtslosigkeit und liess 200 Menschen niedermetzeln, um seine Macht zu sichern. Da die Oppositionsparteien aus Angst vor dem Regime keine Rolle spielten und kein politisches Programm zur L\u00f6sung der tiefen Krise des Sudans nach einem Jahrhundert imperialistischer Ausbeutung vorlegten, wurde die Bewegung vor\u00fcbergehend eingesch\u00fcchtert.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vor\u00fcbergehende Niederlage der Bewegung im Jahr 2013 fiel mit der Entdeckung riesiger Goldvorkommen in ganz Darfur zusammen. F\u00fcr einen Moment schien es, als w\u00fcrde sich das Regime stabilisieren. Gold wurde rasch zum wichtigsten Exportgut des Landes und diente dazu, die enormen Zahlungen an die Armeen sowie die begrenzten Subventionen f\u00fcr die Arbeiterklasse aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch das sudanesische Gold erwies sich als vergifteter Kelch. Der \u00fcberwiegende Teil lag sehr nahe an der Oberfl\u00e4che und erstreckte sich \u00fcber ein grosses Gebiet. Anstatt eine stark zentralisierte Produktion zu f\u00f6rdern, die von grossen Monopolen und der Zentralregierung finanziert wurde, entstanden im Zuge der Goldf\u00f6rderung stattdessen unz\u00e4hlige kleine handwerkliche Minen. Diese wurden von verschiedenen Stammesf\u00fchrern kontrolliert, wobei S\u00f6ldnergruppen die entsetzlichsten Arbeitsbedingungen durchsetzten. Die Folge war, dass sich die Zentralregierung nicht ohne Weiteres bereichern konnte. Sch\u00e4tzungen zufolge werden 50 Prozent der Goldproduktion illegal aus dem Sudan geschmuggelt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch das blutgetr\u00e4nkte Gold von Darfur verwandelte sich die RSF in eine m\u00e4chtige Organisation. Als Goldh\u00e4ndler, Schmuggler, Grenzwache und konterrevolution\u00e4re Miliz in einem \u2013 sie geriet zunehmend in Konflikt mit den offiziellen sudanesischen Streitkr\u00e4ften (SAF) . Al-Bashir war es gelungen, zwischen diesen beiden bewaffneten Gruppen zu balancieren, doch seine Optionen gingen zur Neige.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das \u00d6l aus dem S\u00fcden war abgeschnitten worden, das Gold aus dem Westen gelangte nur selten nach Khartum, und die Weltwirtschaft taumelte von einer Krise in die n\u00e4chste. Bis 2016 befand sich die Wirtschaft im freien Fall: Das BIP pro Kopf sank um 31 Prozent, die Inflation stieg auf 122 Prozent, und die Regierung wandte sich mit dem Hut in der Hand an den IWF. Der IWF erkl\u00e4rte sich bereit, den Sudan zu retten, jedoch nur unter der Bedingung, dass die Subventionen f\u00fcr Grundnahrungsmittel gestrichen w\u00fcrden \u2013 mit anderen Worten: Die Krise musste an die Arbeiterklasse weitergegeben werden. Die Regierung kam dieser Forderung nach.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeitslosigkeit stieg auf 20 Prozent. Nach dem Wegfall der Subventionen verdreifachte sich der Brotpreis, und 45 Prozent der Bev\u00f6lkerung lebten nun unterhalb der Armutsgrenze. Und das alles, w\u00e4hrend sich die Armee \u2013 als Teil von Al-Bashirs Strategie zur Absicherung gegen Staatsstreiche \u2013 in Luxus schwelgte und bis zu 70 Prozent der Staatseinnahmen verschlang.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es waren diese Umst\u00e4nde, die im Dezember 2018 eine kleine Gruppe von Demonstranten dazu bewogen, auf die Strasse zu gehen. Sie waren der Funke, der ein Feuer entfachte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Revolution beginnt<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 13. Dezember 2018 marschierten einige Dutzend Demonstranten mutig durch die Stadt Ad-Damazin und forderten die Wiedereinf\u00fchrung der Subventionen f\u00fcr Brot. Sie standen unter der F\u00fchrung der Sudanese Professionals Association (SPA), einer kleinen Koalition aus sechs Gewerkschaften f\u00fcr Angestellte. Innerhalb eines Jahres sollten sie zur f\u00fchrenden Kraft der sudanesischen Revolution werden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Demonstranten wurden sofort verhaftet, und die \u00c4rztegewerkschaft, die der SPA angeh\u00f6rte, rief zu weiteren Protesten auf. Am 19. Dezember schlossen sich Arbeiter vor dem SPA-Sitz in Atbara dem Aufruf an und zeigten ihre Unterst\u00fctzung. Unter dem Symbol des Brotes marschierend riefen sie \u00abNieder mit der Herrschaft der Diebe!\u00bb<a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> und brannten das Parteihauptquartier von Al-Bashir in der Stadt nieder. Nun, da der Startschuss gefallen war, brachen im ganzen Land Demonstrationen aus.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Massenbewegung ersch\u00fctterte die Oppositionsparteien. Seit 2005 hatte die Diktatur die politischen Freiheiten geringf\u00fcgig ausgeweitet. Anstatt diesen Spielraum jedoch zu nutzen, um das Regime herauszufordern, passten sich die liberalen Parteien diesem an. Unterdessen h\u00e4ngte sich die Kommunistische Partei, die immer noch an der \u00abZweistufentheorie\u00bb festhielt, an die Liberalen an.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als 2012 und 2013 bereits spontane, von Jugendlichen angef\u00fchrte Proteste aufkamen, spielte die Opposition keine entscheidende Rolle. <a href=\"https:\/\/marxist.com\/new-intifada-against-dictatorship-in-sudan.htm\">Unter den Jugendlichen wurden diese Parteien als \u00abhoffnungslos und senil\u00bb<\/a> bezeichnet. Nun drohten die Ereignisse, sie v\u00f6llig irrelevant zu machen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So beschlossen sie am 1. Januar 2019, sich mit der SPA zu einer breiten Koalition namens \u00abKr\u00e4fte f\u00fcr Freiheit und Wandel\u00bb (FFC) zusammenzuschliessen. Dieser Koalition schlossen sich alle an, die nicht direkt Teil des Regimes waren \u2013 von der Kommunistischen Partei \u00fcber die Liberalen bis hin zu unzufriedenen Islamisten in Darfur.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl die SPA die gr\u00f6sste Kraft darstellte, war es die b\u00fcrgerliche Fraktion der FFC, die die Oberhand gewann. FFC-F\u00fchrer wie der ehemalige Premierminister und Aristokrat Sadiq Al-Mahdi, oder der Liebling der Grossunternehmen Al-Digair, waren im Fr\u00fchjahr 2019 nicht auf den Strassen anzutreffen, sondern in Sitzungss\u00e4len und Pal\u00e4sten in der gesamten arabischen Welt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Programm der FFC war vage und weit gefasst und beschr\u00e4nkte sich ausschliesslich auf jene Forderungen, die f\u00fcr die Kapitalistenklasse akzeptabel waren. Sie forderten eine \u00dcbergangsregierung, die Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit, Frauenrechte und wirtschaftliche Entwicklung gew\u00e4hrleisten sollte. Die Ohnmacht dieser Koalition zeigte sich jedoch in ihrer Unf\u00e4higkeit, sich auf konkrete Forderungen zu einigen \u2013 selbst die Frage der Aufhebung der Scharia blieb ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend die F\u00fchrung der Revolution damit besch\u00e4ftigt war, diese Koalition aufzubauen, verschwendete Al-Bashir keine Zeit. Am 17. Januar wurden staatliche Sicherheitskr\u00e4fte entsandt, um die Massen zu terrorisieren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Polizei packte Demonstranten und schlug ihre K\u00f6pfe auf den Asphalt. Es spielte keine Rolle, ob es sich um M\u00e4nner, Frauen, Kinder oder \u00e4ltere Menschen handelte \u2013 das Regime machte keine Unterschiede. Sicherheitskr\u00e4fte setzten Tr\u00e4nengas gegen Gl\u00e4ubige vor Moscheen ein, und als ein Arzt versuchte, Erste Hilfe zu leisten, erschiessen sie ihn auf offener Strasse. Doch die Bewegung wuchs weiter. F\u00fcnf&#8217;000 Menschen kamen zur Beerdigung der Get\u00f6teten, und die Rufe \u00abWeg! Weg! Weg!\u00bb hallten durch Khartum.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Al-Bashir verbot Demonstrationen, doch das hinderte sie nicht daran, an Gr\u00f6sse zu gewinnen. Die Massen hatten ihre Angst vor der Regierung verloren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frauen des Sudans gingen voran und machten bis zu 70 Prozent der Demonstranten aus, denn sie hatten die Hauptlast des Regimes zu tragen. Jedes Jahr wurden 40&#8217;000 bis 50&#8217;000 Frauen verhaftet und ausgepeitscht, weil sie \u00abobsz\u00f6ne\u00bb Kleidung trugen, wozu auch das Tragen von Hosen geh\u00f6rte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 8. M\u00e4rz, dem Internationalen Tag der arbeitenden Frauen, erinnerten die Frauen des Sudans die Welt an ihre wahren revolution\u00e4ren Traditionen. Zehntausende Frauen marschierten und skandierten: \u00abFrauen, seid stark!\u00bb und \u00abDiese Revolution ist eine Revolution der Frauen! \u201c Sie str\u00f6mten zum gr\u00f6ssten Frauengef\u00e4ngnis in Khartum und zwangen das Regime, alle weiblichen H\u00e4ftlinge freizulassen, die wegen ihrer Teilnahme an der Revolution verhaftet worden waren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Sieg erf\u00fcllte die Arbeiterklasse im ganzen Land mit Zuversicht. Bis Ende M\u00e4rz kam es in 15 der 18 Provinzen des Sudans zu Massenprotesten, da sich alle Schichten der arbeitenden und unterdr\u00fcckten Massen dem Kampf anschlossen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Sturz von Al-Bashir<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Revolution das ganze Land erfasste, war die SPA fest auf den Standpunkt gedr\u00e4ngt worden, dass Al-Bashir gest\u00fcrzt werden m\u00fcsse. Sie rief f\u00fcr den 6. April zu einer Massenbewegung auf, um zum Milit\u00e4rkomplex in Khartum zu marschieren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/sudan-uprising-has-ousted-dictator-but-the-regime-tries-to-stay-in-power.htm\">Der Morgen des 6. April begann eher verhalten<\/a>. Einige Demonstranten zweifelten daran, wie viele kommen w\u00fcrden, doch im Laufe des Tages str\u00f6mten immer mehr Arbeiter auf die Strassen. Als sich der Marsch dem Milit\u00e4rkomplex n\u00e4herte, hatten sich sch\u00e4tzungsweise 800&#8217;000 Menschen angeschlossen. Inspiriert von der \u00e4gyptischen Revolution von 2011 und der legend\u00e4ren Besetzung des Tahrir-Platzes rief die SPA zu einem Massen-Sit-in auf, bis das Regime gest\u00fcrzt sei:<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00abIn diesem historischen Moment fordern wir euch auf, auf den Strassen rund um das Hauptquartier der Streitkr\u00e4fte und an jedem Ort im ganzen Land standhaft zu bleiben, bis die Tyrannei ein f\u00fcr alle Mal beseitigt ist.\u00bb<\/em><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref2\"><em><sup>[2<\/sup><\/em><\/a><em>]<\/em><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch das Sit-in schufen die Revolution\u00e4re eine Stadt in der Stadt und sperrten die Regierung in ihren Pal\u00e4sten ein. Der Verkehr kam zum Erliegen, und die Massen jubelten. Auf einem Plakat stand: \u00abEntschuldigung f\u00fcr die [Verkehrs-]Verz\u00f6gerung. Wir entwurzeln ein Regime\u00bb. <a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Regime stand nun vor einer Entscheidung: Reformen, um die Bewegung zu beschwichtigen, oder Unterdr\u00fcckung, um sie zu zerschlagen. Al-Bashir entschied, dass brutalste Gewalt notwendig sei. Am Morgen des 10. April begann er, die RSF darauf vorzubereiten, die Massen niederzumetzeln. Sein oberster Geistlicher stand kurz davor, eine Fatwa zu erlassen, wonach es zul\u00e4ssig sei, 30 Prozent der Demonstranten zu t\u00f6ten, um die Ordnung wiederherzustellen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch an jenem Morgen z\u00f6gerte der Rest des Regimes. Sie wussten, dass ihnen die Macht aus den H\u00e4nden glitt und sich auf die Strasse verlagerte. Sie sp\u00fcrten, dass die Armee selbst zu br\u00f6ckeln begann, da die Verbr\u00fcderung zwischen Demonstranten und Soldaten von Tag zu Tag zunahm. Vielleicht h\u00e4tte die Regierung das Massaker an 30 Prozent der Revolution\u00e4re anordnen k\u00f6nnen, doch sie bef\u00fcrchtete, dass dies ihr letzter Befehl sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Vizepr\u00e4sident Ibn Auf erkannte, wie sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis verschob, traf er sich mit hochrangigen Gener\u00e4len sowohl der RSF als auch der SAF, und gemeinsam beschlossen sie, dass Al-Bashir gehen m\u00fcsse.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vizepr\u00e4sident verk\u00fcndete dem Land, dass Al-Bashirs 30-j\u00e4hrige Herrschaft zu Ende sei. Er ernannte sich selbst zum neuen Staatsoberhaupt und k\u00fcndigte an, dass das Milit\u00e4r zwei Jahre lang regieren werde, bis demokratische Wahlen abgehalten w\u00fcrden. Er forderte, dass das Lager aufgel\u00f6st werden m\u00fcsse, und dass eine milit\u00e4rische Ausgangssperre dies durchsetzen werde.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/no-trust-in-the-army-the-sudanese-revolution-must-take-power.htm\">Die Massen akzeptierten dies nicht<\/a>. Am Vortag, dem 9. April, hatten sie gefordert: \u00abWeg mit ihm, das ist alles\u00bb, und so skandierten sie am 10. April \u00abWieder weg!\u00bb Die Ausgangssperre wurde schlichtweg ignoriert. Die tats\u00e4chliche Machtverteilung war f\u00fcr alle offensichtlich. Der neue Pr\u00e4sident brachte nicht ein F\u00fcnklein mehr Stabilit\u00e4t. Also schritten die Gener\u00e4le am 11. April erneut ein. Der neue Pr\u00e4sident wurde abgesetzt, und der Milit\u00e4rische \u00dcbergangsrat, ein B\u00fcndnis zwischen den SAF und der RSF, \u00fcbernahm die Kontrolle.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerhalb von 24 Stunden waren zwei Diktatoren gest\u00fcrzt worden. Die Macht lag auf der Strasse, doch die SPA hatte es den Gener\u00e4len erm\u00f6glicht, sie wieder an sich zu reissen. Das Gesicht hatte sich zweimal gewandelt, doch das Regime blieb bestehen. Warum waren die Massen nicht in der Lage gewesen, die Macht selbst in die Hand zu nehmen? Warum hatten ihre F\u00fchrer es vers\u00e4umt, den Moment zu nutzen?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diese Frage zu beantworten, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst die verschiedenen Gruppen analysieren, aus denen sich die sudanesische Revolution zusammensetzte. Auf der Seite der Reaktion waren die RSF und die SAF die Hauptakteure. Auf der Seite der Revolution standen die FFC, die SPA und die spontanen Organisationen der Arbeiter.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Arbeiterstaat im Embryonalstadium<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das schlagende Herz der Revolution war der Arbeiter-Sit-in vor dem Milit\u00e4rkomplex. Er dauerte vom 6. April bis zum 3. Juni 2019.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Rahmen des Sit-ins wurden Schulr\u00e4ume eingerichtet, um politische Ideen und die Ziele der Revolution zu vermitteln. Gemeinschaftsk\u00fcchen sorgten f\u00fcr Mahlzeiten, die von Arbeitern von aussen bereitgestellt wurden, welche regelm\u00e4ssige Lebensmittellieferungen sicherstellten. \u00dcberall wurden Wasserstationen eingerichtet.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Sitzstreik war ein Ort lebhafter politischer Debatten. Den ganzen Tag \u00fcber wurden Reden gehalten, w\u00e4hrend die Menschen die n\u00e4chsten Schritte diskutierten. Ein riesiger Fernsehbildschirm wurde aufgestellt, auf dem Botschaften der internationalen Solidarit\u00e4t gezeigt wurden. Am Abend wurden auf demselben Bildschirm die neuesten Fussballspiele \u00fcbertragen. Trommeln, Poesie und Musik waren allgegenw\u00e4rtig, w\u00e4hrend K\u00fcnstler Wandmalereien an den W\u00e4nden anbrachten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die herrschende Klasse ist stets bestrebt, ihre Kontrolle durch \u00abTeile-und-herrsche\u00bb-Taktiken aufrechtzuerhalten. Sexismus, Rassismus und konfessionelle Spaltungen sind fester Bestandteil der kapitalistischen Herrschaft. Doch der Klassenkampf hat die Kraft, diese Spaltungen zu \u00fcberwinden. Innerhalb des Lagers konnten Frauen sich frei und ohne Kopftuch bewegen und sich unter M\u00e4nner ihres Alters mischen \u2013 ein Akt, der von der Regierung strengstens verboten war. Religi\u00f6se Spaltungen, die den Sudan zerrissen hatten, wurden \u00fcberwunden. Christliche Kopten hielten T\u00fccher \u00fcber betende Muslime, um sie vor der Mittagssonne zu sch\u00fctzen. Und als die Regierung versuchte, Spaltung zu sch\u00fcren, indem sie rassistische Propaganda \u00fcber die Darfurier verbreitete, antworteten die Revolution\u00e4re:<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00abAl-Bashir, du arroganter Rassist, wir sind alle Darfur\u00bb. <\/strong><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref4\"><strong><sup>[4]<\/sup><\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Sit-in zeigte in der Praxis, dass Arbeiter, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt, die r\u00fcckst\u00e4ndigen und reaktion\u00e4ren Ideen durchbrechen k\u00f6nnen, die von der herrschenden Klasse in die Gesellschaft gepumpt werden. Es wurde zu einem kulturellen Schmelztiegel und bot einen Einblick darin, was erreicht werden k\u00f6nnte, wenn die Arbeiter die Macht in ihren H\u00e4nden hielten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Sit-in selbst wurde von den Arbeiter*innen spontan organisiert. Es entstanden eine Reihe gew\u00e4hlter Komitees, um das t\u00e4gliche Leben zu regeln. Das Sicherheitskomitee sorgte f\u00fcr Ordnung, errichtete Barrikaden und \u00fcberwachte die Kontrollpunkte. Das Verpflegungskomitee koordinierte Essen und Trinken. Das medizinische Komitee versorgte die Verletzten. Die Aufkl\u00e4rungskomitees bildeten die Teilnehmenden in politischen Fragen weiter und versuchten bewusst, Themen wie Diskriminierung anzugehen. Schliesslich beaufsichtigte das Organisationskomitee alle anderen und verwaltete die Verteilung der Mitgliedschaften.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Organisation war so effektiv, dass die Strassen innerhalb des von der Sitzblockade kontrollierten Bereichs sauber, gut verwaltet und ordentlich waren. Unterdessen verfielen die noch von der Regierung kontrollierten Gebiete weiter und waren mit M\u00fcll \u00fcbers\u00e4t. Die Begeisterung, Kreativit\u00e4t und K\u00fchnheit der Arbeiterinnen und Arbeiter \u00fcberwanden jede Herausforderung, der sie gegen\u00fcberstanden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Sit-in war das schlagende Herz der Revolution, doch die Revolution hatte Arterien, Venen und Kapillaren. Das waren die Nachbarschafts-Widerstandskomitees. Jedes Komitee organisierte die Arbeiter auf lokaler Ebene. Sie wurden demokratisch gew\u00e4hlt, bestanden jeweils aus 40 bis 50 Personen, und pro Quartier gab es 7 bis 10 Komitees.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst traten sie als Organisatoren lokaler Proteste in Erscheinung: eine unverzichtbare Aufgabe, nachdem die sozialen Medien blockiert worden waren. Mitglieder der Widerstandskomitees gingen von T\u00fcr zu T\u00fcr, um die Arbeiter \u00fcber bevorstehende Demonstrationen zu informieren. Als die Repression zunahm, wurden traditionelle Versammlungsmethoden gef\u00e4hrlich, sodass sie mit lokalen Gesch\u00e4ften und Privathaushalten zusammenarbeiteten, um den Demonstranten im Vorfeld eines Marsches die M\u00f6glichkeit zu geben, sich in Hinterzimmern zu verstecken. Auf das Signal einer trommelnden Trommel hin str\u00f6mten die Demonstranten dann auf die Strassen und \u00fcberw\u00e4ltigten die Sicherheitskr\u00e4fte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zuge der Revolution und mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der Arbeiter erweiterten sich die Aufgaben der Komitees. Sie begannen, die Preise f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Verkehr zu regulieren, die Verteilung von Treibstoff zu organisieren und Lebensmittelm\u00e4rkte einzurichten, an denen Nahrungsmittel zum Selbstkostenpreis verkauft wurden. Sie organisierten Strassenreinigungsaktionen, Bauprojekte und andere lokale Initiativen und sammelten daf\u00fcr Spenden bei den Anwohnern. Das Ausmass war gewaltig. Allein in Khartum gab es 700 Komitees und landesweit \u00fcber 3\u2019000.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was die Sitzstreiks und die Nachbarschafts-Widerstandskomitees darstellten, war die Macht der Arbeiterklasse im Keim. Nenn sie Komitees, nenn sie Kommunen, nenn sie Sowjets (\u00abR\u00e4te\u00bb auf Russisch) \u2013 das spielt keine Rolle. Es waren die Massen, die die Macht in ihre eigenen H\u00e4nde nahmen, die auf die B\u00fchne der Geschichte traten, um \u00fcber ihr Schicksal zu entscheiden, und die darum k\u00e4mpften, eine neue Gesellschaft ins Leben zu rufen. Glaubt nicht einfach den Marxisten. Ein besonders <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/3b84079a-6684-11e9-a79d-04f350474d62\">klassenbewusster Autor der <em>Financial Times<\/em><\/a>, eines b\u00fcrgerlichen Sprachrohrs, schrieb:<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00abMan kann nicht mit Sicherheit wissen, wie es sich 1917 in Russland anf\u00fchlte, als der Zar gest\u00fcrzt wurde, oder 1871 in Frankreich in den berauschenden, idealistischen Tagen der kurzlebigen Pariser Kommune. Aber es muss sich in etwa so angef\u00fchlt haben wie in Khartum im April 2019.\u00bb <\/em><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref5\"><em><sup>[5]<\/sup><\/em><\/a><em><\/em><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die sich im Sudan abzeichnende Situation war eine der \u00abDoppelmacht\u00bb, in der der b\u00fcrgerliche Staat mit aufkommenden Organen der Arbeitermacht konfrontiert war, die in der Lage waren, die Kontrolle \u00fcber die Gesellschaft zu \u00fcbernehmen. Doch diese aufkommende Arbeitermacht befand sich erst in einem embryonalen Stadium.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Aufruf an die Nachbarschafts-Widerstandskomitees, sich zu verb\u00fcnden, wurde nicht ergriffen. Er stiess auf aktiven Widerstand seitens der SPA, die den Horizontalismus fetischisierte. Sie verfehlten es zu begreifen, dass eine Situation der Doppelmacht eine \u00e4usserst labile Angelegenheit ist. Sie kann nicht auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten werden. Entweder werden die Arbeiter ihre Kr\u00e4fte b\u00fcndeln, den b\u00fcrgerlichen Staat zerschlagen und zur souver\u00e4nen Macht der Gesellschaft werden. Oder die Initiative geht an die Konterrevolution \u00fcber.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Sit-in war die Parole \u00abAlle Macht den Widerstandskomitees\u00bb nie zu h\u00f6ren; der Gedanke, den kapitalistischen Staat zu st\u00fcrzen und die Widerstandskomitees als Fundament eines Arbeiterstaates zu nutzen, kam keinem der beteiligten Parteien \u00fcber die Lippen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst im Jahr 2022 sollte es erste schwache und r\u00fcckw\u00e4rtsgerichtete Versuche geben, die Widerstandskomitees zu vereinen. Lange zuvor hatten die Konterrevolution\u00e4re das Sit-in bis auf die Grundmauern niedergebrannt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine kleinb\u00fcrgerliche F\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgrund der Zur\u00fcckhaltung der politischen Opposition fand die brodelnde Wut der Massen keinen politischen Ausdruck. An der industriellen Front waren die traditionellen Gewerkschaften vollst\u00e4ndig vom Milit\u00e4rregime kooptiert worden. Die militantesten Schichten mussten daher neue Kampforganisationen finden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die SPA war eine dieser kleinen, aber militanten Gruppen. Ihre Wurzeln reichen bis zur Bewegung von 2012 zur\u00fcck; die SPA wurde im Sommer 2018 offiziell als Untergrundkoalition von sechs Gewerkschaften der Anw\u00e4lte, \u00c4rzte, Professoren, Ingenieure und Lehrer gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Kampf 2018 ausbrach, bewies die SPA beachtliche Hartn\u00e4ckigkeit und weigerte sich, angesichts der staatlichen Repression nachzugeben, was ihre politische Autorit\u00e4t in den Augen der Massen st\u00e4rkte. Auf diese Weise wurde die SPA zur unbestrittenen <em>de facto<\/em>-F\u00fchrung in den ersten Phasen der Revolution.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Reihen der SPA gab es viele entschlossene und aufopferungsvolle Aktivisten, doch je h\u00f6her man in der Hierarchie stieg, desto mehr dominierten Angestellte und Angeh\u00f6rige der Mittelschicht. Dies spiegelte sich in der Gesinnung und den Methoden der Organisationsf\u00fchrung wider. Sie war bewusst auf Konsens ausgerichtet, mit einer \u00abf\u00fchrerlosen\u00bb Struktur, was bedeutete, dass gr\u00f6ssere Meinungsverschiedenheiten schlicht ungel\u00f6st blieben. Wie bei jeder \u00abf\u00fchrerlosen\u00bb Organisation w\u00fcrden jene Schichten dominieren, die \u00fcber die meiste Zeit und die meisten Ressourcen verf\u00fcgten, d. h. vor allem die Mittelschicht.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die kleinb\u00fcrgerliche, reformistische Haltung der SPA-F\u00fchrung sollte eine verh\u00e4ngnisvolle Rolle spielen. Da sie die Notwendigkeit des sudanesischen Kapitalismus voll und ganz akzeptierte, akzeptierte sie damit auch die Notwendigkeit des b\u00fcrgerlichen Staates. Im Sudan bedeutete dies, die Macht des Milit\u00e4rs zu akzeptieren, das ein integraler Bestandteil sowohl des Staates als auch der herrschenden Klasse war.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daher war die F\u00fchrung der SPA im Gegensatz zu den Massen von Anfang an von Pessimismus gepr\u00e4gt. Sie war fest davon \u00fcberzeugt, dass die Revolution scheitern w\u00fcrde, und sprach noch in Interviews im M\u00e4rz 2019 davon, wie wenig Hoffnung sie hatte, dass die Proteste Al-Bashir st\u00fcrzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Konsenspolitik bedeutete, dass eine Position erst dann eingenommen wurde, wenn sie f\u00fcr alle offensichtlich war. Das war keine F\u00fchrung, die die Bewegung vorantrieb, sondern eine, die ihr hinterherlief.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Konsensf\u00fchrung wurde mit der Versch\u00e4rfung der Revolution immer schwieriger. Auf der linken Seite traten neue Kr\u00e4fte, die durch die Revolution geweckt worden waren, in die Reihen der SPA ein. Unterdessen kehrte die alte F\u00fchrung, die im Gef\u00e4ngnis oder im Exil gewesen war, nun mit dem Voranschreiten der Revolution zur\u00fcck. Doch dies waren vor allem Schichten aus der Mittelschicht, die mit der Schattenf\u00fchrung aneinandergerieten, die die Revolution von Dezember bis April tats\u00e4chlich angef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der rechte Fl\u00fcgel der SPA forderte sogar, dass sie jegliche f\u00fchrende Rolle in der Revolution aufgeben solle. Sie sagten: \u00abWir sind Gewerkschafter und keine Politiker\u00bb, und es sei das Recht der politischen Parteien, \u00fcber den weiteren Weg zu entscheiden. Diese Haltung l\u00e4sst sich nur verstehen, wenn man bedenkt, dass viele, die dies vorbrachten, Mitglieder anderer politischer Parteien waren, die davon profitieren w\u00fcrden, wenn die SPA ihre f\u00fchrende politische Rolle aufgeben w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem war, dass die Kritik der Rechten einen Funken Wahrheit enthielt. Wenn die SPA eine f\u00fchrende politische Rolle spielte, dann konnte sie sich nicht darauf beschr\u00e4nken, blosse Gewerkschafter zu sein. Es bedurfte einer politischen Partei mit einem eigenen politischen Programm zur Umgestaltung der Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Syndikalismus \u2013 die Vorstellung, dass die Arbeiterklasse keine politische Partei brauche \u2013 wurde immer wieder widerlegt. Die Zerschlagung der Staatsmacht ist politisch. Die Schaffung eines Arbeiterstaates und das Programm, das dieser umsetzen muss, sind die politischsten Handlungen \u00fcberhaupt. Da es der SPA nicht gelang, vollst\u00e4ndig mit diesen Methoden zu brechen, behinderte sie die Revolution \u00f6fter, als dass sie sie anf\u00fchrte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Al-Bashir am 10. April gest\u00fcrzt wurde, war die SPA \u00fcberrumpelt und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Anstatt sofort zu fordern, dass die Widerstandskomitees die Macht \u00fcbernehmen, dass die einfachen Soldaten der Armee mit den Gener\u00e4len brechen und diese absetzen und dass Massen-Generalstreiks dies verwirklichen, z\u00f6gerten die F\u00fchrer und debattierten untereinander.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gener\u00e4le hingegen verloren keine Zeit. Die SAF und die RSF \u00fcbernahmen die Macht direkt von der Strasse und f\u00fchrten das alte Regime fort, wobei sie lediglich zwei Galionsfiguren verloren. Anstatt deren Sturz zu fordern, erkl\u00e4rte die SPA, man m\u00fcsse mit jenen verhandeln, die den Massen gerade die Macht geraubt hatten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Logik, die Politik aus den Arbeiter- und Massenk\u00e4mpfen herauszul\u00f6sen und gleichzeitig einen breiten Konsens anzustreben, m\u00fcndete direkt in die Fehler der \u00abVolksfront\u00bb-Politik. Auch wenn dies nicht unbedingt bewusst verstanden wurde, war die Gr\u00fcndung der \u00abForces for Freedom and Change\u00bb (FFC) ein Echo der katastrophalen \u00abVolksfront\u00bb der Spanischen Republik in den 1930er-Jahren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Idee der Volksfront besteht darin, dass sich die Arbeiter mit der \u00abprogressiven\u00bb Bourgeoisie verb\u00fcnden m\u00fcssen, um liberaldemokratische Errungenschaften zu erreichen und zu verteidigen. Diese Taktik war in den 1930er Jahren ein v\u00f6lliger Misserfolg, sie war in den 1960er Jahren im Sudan ein Misserfolg, und sie w\u00fcrde es 2019 erneut sein.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die FFC reichte von der SPA \u00fcber die Kommunistische Partei bis hin zu den Liberalen und den dissidenten Islamisten. Der einzige verbindende Faktor war, dass Al-Bashir gest\u00fcrzt werden musste; sobald dies erreicht war, begann sie sich in ihre einzelnen Bestandteile aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die FFC verhandelte im Mai heimlich mit dem Milit\u00e4rischen \u00dcbergangsrat, hinter dem R\u00fccken der Massen. Die Liberalen vertraten die Position einer gemeinsamen Milit\u00e4r- und Zivilregierung, w\u00e4hrend sie zuliessen, dass Themen wie die Unterdr\u00fcckung der Frauen und das wirtschaftliche Elend der Bev\u00f6lkerung ausser Acht gelassen wurden. Dies ergab sich aus der Klassenposition der Bourgeoisie, die nach Recht und Ordnung strebte, aus Angst, dass der Geist der Revolution nun aus der Flasche entweicht sei und nicht mehr zur\u00fcckkehren w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Milit\u00e4r verstand die innewohnenden Spaltungen viel besser als die Arbeiterf\u00fchrer. Es spielte w\u00e4hrend der gesamten Revolution verschiedene Teile des FFC gegeneinander aus und sicherte sich auf diese Weise seine eigene Herrschaft. Das Fehlen eines entschlossenen und klaren politischen Programms auf der Linken f\u00fchrte schliesslich dazu, dass alle nach rechts blickten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Massen wandten sich an die SPA, da im Vorfeld keine andere politische Alternative aufgebaut worden war. Die SPA wandte sich an die FFC und behauptete, dass diese, da sie keine Politiker seien, kein Recht h\u00e4tten zu f\u00fchren. Die kleinb\u00fcrgerlichen F\u00fchrer der FFC wandten sich an die Liberalen und deren Vision eines demokratischen, aber kapitalistischen Sudans. Die Liberalen wandten sich an die Konservativen, um sicherzustellen, dass die Revolution nicht zu weit ging und das Privateigentum nicht in Frage stellte. Und die Konservativen wandten sich an den Milit\u00e4rischen \u00dcbergangsrat, der vorhatte, die gesamte Revolution im Blut zu ertr\u00e4nken.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Armee beginnt zu zerfallen<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Milit\u00e4rische \u00dcbergangsrat setzte sich aus zwei Teilen zusammen: den Sudanesischen Streitkr\u00e4ften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF).<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die SAF waren die offizielle sudanesische Armee unter der F\u00fchrung von General Al-Burhan. Al-Burhan fehlte jegliches nat\u00fcrliches Charisma, und er war eher zuf\u00e4llig zum <em>de facto<\/em>-Staatsoberhaupt nach dem Sturz von Al-Bashir geworden. Er war durch und durch General. Als er am 11. April die Milit\u00e4rherrschaft verk\u00fcndete, war dies keine Rede eines Politikers, sondern das bellende Befehlsgebr\u00fcll eines Exerziermeisters.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gr\u00f6sste Schw\u00e4che der SAF lag in ihrer Zusammensetzung. Die Gener\u00e4le waren ein wesentlicher Bestandteil der herrschenden Klasse, doch die einfachen Soldaten waren Arbeiter. Dieselbe Flut sozialer Kr\u00e4fte, die die Massen zum Handeln bewegt hatte, musste zwangsl\u00e4ufig auch in den Reihen der SAF Widerhall finden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Bewusstsein der Armee unterscheidet sich von dem der Polizei. Der Armee wird beigebracht, dass sie die Nation verteidigt und ihr Leben f\u00fcr die Menschen in der Heimat opfert. Sobald die Gener\u00e4le ihnen also befehlen, ihre Waffen gegen das Volk zu richten, kann sich die Armee entlang der Klassengrenzen spalten und sogar vollst\u00e4ndig auseinanderbrechen. Genau das war 1985 geschehen und hatte zum Sturz von Nimeiri gef\u00fchrt. Nun vollzog sich derselbe Prozess erneut.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nachbarschafts-Widerstandskomitees riefen die Soldaten dazu auf, zu desertieren. Desertierte Soldaten fanden anschliessend in Privath\u00e4usern Zuflucht, um sich vor Offizieren zu verstecken, die Rache suchten. Die Widerstandskomitees hiessen die desertierten Soldaten als Helden willkommen, und als sich dies in den Reihen herumsprach, folgten immer mehr ihrem Beispiel.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Schichten der Revolution \u00fcbten Druck auf die Armee aus. Als ein General nach Hause kam, stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass sich seine Tochter der Revolution angeschlossen hatte. Beim Nachtessen flehte sie ihn an: \u00ab Schiess nicht auf uns, Papa!\u201c. <a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die spontanen Appelle der Massen ersch\u00fctterten die Armee von Kopf bis Fuss. Soldaten verhafteten Aktivisten vor den Augen ihrer Kommandanten, f\u00fchrten sie in eine Gasse und liessen sie dann, sobald sie ausser Sichtweite waren, frei, wobei sie ihren Kommandanten mitteilten, dass die Revolution\u00e4re fliehen konnten. Wenn sie aufgefordert wurden, ihre Positionen einzunehmen, z\u00f6gerten sie und tr\u00f6delten herum, in manchen F\u00e4llen weigerten sie sich sogar rundweg.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gener\u00e4le wussten, dass ein einziger klarer und entschiedener Befehl der Revolutionsf\u00fchrung ausreichen w\u00fcrde, um die gesamte SAF zum Einsturz zu bringen, da die Soldaten <em>en masse<\/em> \u00fcberlaufen w\u00fcrden. Doch dieser Aufruf kam nie. Die \u00dcberl\u00e4ufe blieben eine lokale und spontane Angelegenheit. Die SPA und die FFC f\u00fchrten keine massenhafte und systematische Kampagne innerhalb der Truppe durch, um zum \u00dcberlaufen zu bewegen und das Milit\u00e4r entlang der Klassengrenzen zu spalten. Stattdessen versuchten sie, mit ihm zu verhandeln.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch bedeutete die Stimmung innerhalb der SAF, dass sie nicht vollst\u00e4ndig als Waffe der Reaktion eingesetzt werden konnte. Aus diesem Grund st\u00fctzte sich die herrschende Klasse auf die andere H\u00e4lfte des Milit\u00e4rischen \u00dcbergangsrats, die RSF.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Schwarze Reaktion<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die RSF war im Grunde eine S\u00f6ldnerorganisation. Sie st\u00fctzte sich auf arabische Nomaden, die das Gef\u00fchl hatten, ihre gesamte Lebensweise w\u00fcrde ausgel\u00f6scht, da der Klimawandel die Grenzen der Sahara ausdehnte. Durch den Beitritt zur RSF konnten sie gutes Geld verdienen, indem sie die brutale Ausbeutung der neu entdeckten Goldminen, die nun \u00fcber den Darfur verstreut lagen, r\u00fccksichtslos durchsetzten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Revolution ver\u00e4nderte die RSF in zweierlei Hinsicht. Erstens boten die Forderungen der Revolution \u2013 Frauenrechte, Arbeiterrechte und die Abschaffung der Scharia \u2013 einer grossen Zahl von Bauern und Hirten, die mit der sich im gesamten \u00f6stlichen Sahelgebiet ausbreitenden Wirtschafts- und Umweltkatastrophe konfrontiert waren, keinerlei materielle Verbesserung. Ein mutiges sozialistisches Programm zur Linderung der Armut der l\u00e4ndlichen Massen w\u00e4re n\u00f6tig gewesen, um sie f\u00fcr sich zu gewinnen, doch die Liberalen in Khartum propagierten \u00abDemokratie\u00bb und \u00abMenschenrechte\u00bb gegen\u00fcber Schichten, die der Staat selbst kaum erreichen konnte. Reaktion\u00e4re Stammesf\u00fchrer nutzten dieses Vakuum aus und hetzten ihre Anh\u00e4ngerschaft gegen die Revolution auf. W\u00e4hrend sich die einfachen Soldaten der SAF mit den Revolution\u00e4ren verb\u00fcndeten, wurde die RSF zur hartgesottenen Stosstruppe der Konterrevolution.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens witterte ihr Anf\u00fchrer, Mohamed Hamdan Dagalo, alias \u00abHemedti\u00bb, eine noch gr\u00f6ssere Chance. Als einfacher Kamelhirte begonnen, hatte er die RSF genutzt, um zu einem der m\u00e4chtigsten M\u00e4nner des Landes aufzusteigen. Von der \u00fcbrigen herrschenden Klasse in Khartum stets untersch\u00e4tzt, sicherte sich Hemedti die Herrschaft \u00fcber Darfur. Von dort aus gewann er durch die Brutalit\u00e4t der RSF die Unterst\u00fctzung der herrschenden Klasse und ging bald darauf B\u00fcndnisse mit verschiedenen ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten ein, um seine Position noch weiter zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab 2013 fand er in der EU einen unerwarteten Verb\u00fcndeten. Die EU war verzweifelt bem\u00fcht, den Migrantenstrom aus Ostafrika zu stoppen, und der Sudan war eine wichtige Transitroute. Hemedti pr\u00e4sentierte sich als \u00abMr. Migration\u00bb, die einzige Kraft, die die Westgrenze kontrollieren konnte, und die EU schluckte das bereitwillig. <a href=\"https:\/\/migration-control.info\/en\/blog\/how-the-european-union-finances-oppression\/\">Im Rahmen dieses faustischen Pakts fliessen in den 2010er Jahren Hunderte Millionen Euro in die Taschen der RSF<\/a>. Noch im Jahr 2022 wurde bekannt, dass italienische Milit\u00e4rausbilder RSF-Soldaten ausbildeten, um die Fl\u00fcchtlinge aus Europa fernzuhalten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die F\u00fchrer der SAF verabscheuten es, dass ihre Macht und ihr Ansehen nun durch diese Stammesnomaden bedroht waren. Doch trotz des brennenden Hasses zwischen den beiden Gruppen bildeten sie stets eine Einheitsfront, um die Revolution zu zerschlagen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es waren die RSF und die SAF, die sich verb\u00fcndeten, um Al-Bashir zu st\u00fcrzen. Sie sollten in verschiedenen Konstellationen gemeinsam regieren, bis sie im April 2023 schliesslich ihre Waffen gegeneinander richteten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Generalstreik im Mai 2019<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sah die Lage im April 2019 aus: Die Massen gewannen an Selbstvertrauen und Macht; sie hatten Al-Bashir gest\u00fcrzt, und die Nachbarschafts-Widerstandskomitees breiteten sich weit und breit aus. Und das trotz der kleinb\u00fcrgerlichen F\u00fchrung der SPA, die sich selbst mit der vollbrachten Revolution \u00fcberrumpelt hatte. Von Schwindelgef\u00fchlen geplagt, hatte die SPA im Rahmen der FFC eine Volksfront gebildet, deren b\u00fcrgerliche F\u00fchrer bereits versuchten, einen Deal mit dem Milit\u00e4r auszuhandeln und die Revolution im Keim zu ersticken.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die SAF und die RSF hatten nach dem Sturz von Al-Bashir rasch gehandelt. Sie richteten den Milit\u00e4rischen \u00dcbergangsrat ein und unterbreiteten verschiedenen Teilen der FFC unterschiedliche Vorschl\u00e4ge, um diese gegeneinander auszuspielen. Sie hofften, Zeit zu gewinnen, um die Herrschaft der Konterrevolution zu festigen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Milit\u00e4rische \u00dcbergangsrat hatte f\u00fcr seine Verz\u00f6gerungstaktik sogar einen Begriff gepr\u00e4gt: \u00abTagility\u00bb. Sie hofften, alles hinauszuz\u00f6gern, damit die Revolution an Schwung verlieren w\u00fcrde. Ihnen war klar, dass das Sit-in nicht unbegrenzt andauern konnte. Als der April in den Mai \u00fcberging, sank die Zahl der Demonstranten von Hunderttausenden auf Zehntausende.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unterdessen inszenierte die herrschende Klasse eine b\u00f6sartige Verleumdungskampagne gegen das Zeltlager. Sie behaupteten, dort herrsche weitverbreitete Prostitution, es wimmle von Drogen- und Alkoholverk\u00e4ufern, und Recht und Ordnung seien zusammengebrochen. Doch was zusammenbrach, waren das b\u00fcrgerliche Recht und die b\u00fcrgerliche Ordnung. Im Schutz der Nacht schikanierte die RSF das Lager, misshandelte und t\u00f6tete Arbeiter, wann immer sich die Gelegenheit bot.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/sudan-a-new-stage-opens-up-time-for-a-workers-offensive.htm\">Am 14. Mai gab der Milit\u00e4rische \u00dcbergangsrat bekannt, dass die Verhandlungen mit der FFC zu einer Einigung gef\u00fchrt h\u00e4tten.<\/a> Es sollte eine dreij\u00e4hrige \u00dcbergangsphase mit gemeinsamer milit\u00e4risch-ziviler Herrschaft geben, gefolgt von Wahlen, bei denen ein Drittel der Sitze im Voraus f\u00fcr konterrevolution\u00e4re Kr\u00e4fte reserviert werden sollte. Als Teil der Vereinbarung forderte der Milit\u00e4rrat die Aufl\u00f6sung des Sit-ins.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeiter waren w\u00fctend. Man wies sie an, die Revolution vollst\u00e4ndig aufzugeben. Unter enormem Druck der Massen verurteilte die SPA das Abkommen, dem der Rest der FFC nachgegeben hatte, und erkl\u00e4rte sich bereit, einen massiven zweit\u00e4gigen Generalstreik als Demonstration der St\u00e4rke und Entschlossenheit zu organisieren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 28. Mai stand der Sudan still.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/powerful-general-strike-in-sudan-now-kick-out-the-junta.htm\">Die SPA l\u00f6ste einen Streik aus, der als eine der m\u00e4chtigsten Demonstrationen der St\u00e4rke der Arbeiterklasse in die Geschichte eingehen wird<\/a>. In der Hauptstadt lag die Beteiligung bei fast 100 Prozent. Im ganzen Land spielte es keine Rolle, ob es sich um Spit\u00e4ler oder \u00d6lraffinerien, Banken oder Regierungsdepartemente, Flugh\u00e4fen oder Getreidem\u00fchlen handelte; alle Sektoren waren betroffen, sobald die Arbeiter entschlossen handelten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Streik genoss auch immense Unterst\u00fctzung unter den Staatsangestellten, von der Zentralbank \u00fcber die Steuerverwaltung bis hin zum Arbeitsdepartement. Dies wirft ganz konkret die Frage nach der Macht auf: Wenn die Menschen, die den Staatsapparat leiten, den Streikf\u00fchrern und nicht der Regierung Rechenschaft ablegen, wer ist dann die Regierung?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Streikkomitee nach dem anderen ver\u00f6ffentlichte Resolutionen, in denen es seine Bereitschaft bekundete, bis zum Ende zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Streikkomitee in Port Sudan erkl\u00e4rte:<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00abWir bekr\u00e4ftigen unsere Bereitschaft und unsere Entschlossenheit, auf alle Beschl\u00fcsse der SPA im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der vollen zivilen Autorit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t zu reagieren, und erkl\u00e4ren unsere Bereitschaft zu zivilem Ungehorsam und einem offenen politischen Streik bis zur \u00dcbergabe der Macht an zivile H\u00e4nde. Und wie wir bereits gesagt haben: Die Anweisungen liegen bei euch, und die [Tat] liegt bei uns.\u201c <\/em><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref7\"><em><sup>[7]<\/sup><\/em><\/a><em><\/em><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Streikposten am Morgen verwandelten sich am Nachmittag in Massenkundgebungen. Die Einsch\u00fcchterungsversuche des Staates erwiesen sich als wirkungslos. Die Kraft der Arbeiterklasse schien unaufhaltsam.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die RSF versuchte, durch Terror die Kontrolle \u00fcber die Lage zur\u00fcckzugewinnen. Sie st\u00fcrmten das Elektrizit\u00e4tswerk, um die streikenden Arbeiter zu zerschlagen und ihre Anf\u00fchrer zu verhaften. Doch die Arbeiter traten hervor und erkl\u00e4rten, sollten sie die Verhaftungen durchf\u00fchren, w\u00fcrden sie die gesamte Stromversorgung der RSF-Geb\u00e4ude und -R\u00e4umlichkeiten unterbrechen. Die Reaktion\u00e4re waren gezwungen, sich zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lehre war klar: Kein Rad dreht sich, keine Gl\u00fchbirne flackert, kein Telefon klingelt ohne die freundliche Erlaubnis der Arbeiterklasse. Sobald diese Kraft einmal voll entfesselt ist, kann nichts sie mehr aufhalten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch diese Kraft wurde nicht vollst\u00e4ndig entfesselt. Der Streik war nicht Teil einer Kampagne und einer Strategie zur gewaltsamen Absetzung der Milit\u00e4rf\u00fchrer und des gesamten b\u00fcrgerlichen Staates, auf dem diese ruhten. Stattdessen war er Teil eines Appells, die Milit\u00e4rf\u00fchrer zum R\u00fccktritt zu bewegen und durch eine liberaldemokratische Regierung zu ersetzen. Doch die Liberalen in der FFC hatten bereits eine Vereinbarung getroffen. Genau gegen diese Vereinbarung wandte sich die Arbeiterklasse.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die F\u00fchrung der SPA legte kein eigenst\u00e4ndiges politisches Programm der Arbeiterklasse vor. Stattdessen hielt sie sich stets innerhalb der Grenzen der b\u00fcrgerlichen Demokratie, was im Falle des Sudan eine Milit\u00e4rherrschaft bedeutete, bestenfalls mit einer zivilen Galionsfigur. Das Milit\u00e4r verstand dies; es f\u00fcrchtete weder die FFC noch die F\u00fchrer der SPA. Was es f\u00fcrchtete, waren die Massen, die den Motor der gesamten Revolution bildeten. Der Generalstreik im Mai hatte sie nicht gest\u00fcrzt, doch das Milit\u00e4r war bestrebt, der Arbeiterklasse keine weitere Chance zu geben.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Peitsche der Konterrevolution<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeiter*innen hatten es im Mai gewagt, ihre St\u00e4rke zu zeigen; nun kam das Milit\u00e4r zum Schluss, dass man ihnen durch Terror eine Lektion erteilen m\u00fcsse. Das Sit-in musste weg.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/counter-revolution-raises-its-head-in-sudan.htm\">Es war 5 Uhr morgens am 3. Juni 2019<\/a>. Tausende von Polizisten und RSF-Soldaten versammelten sich vor dem Sit-in. Sie waren einerseits mit AK-47, andererseits mit Peitschen und Schlagst\u00f6cken bewaffnet. Das Signal wurde gegeben, und der Terror wurde entfesselt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Laufe von zwei Stunden w\u00fctete die RSF durch den Sitzstreik. M\u00e4nner, Frauen und Kinder wurden kaltbl\u00fctig erschossen. Andere wurden als Zeichen der Dem\u00fctigung zu Tode ausgepeitscht. Frauen wurden gnadenlos vergewaltigt. Denjenigen, die am Rande des Todes standen, wurden Steine umgebunden und sie wurden in den Nil geworfen. Andere wurden auf der Stelle mit Macheten erschlagen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis 7 Uhr morgens waren \u00fcber 200 Revolution\u00e4re niedergemetzelt worden. Das Lager wurde mit Benzin \u00fcbergossen und bis auf die Asche niedergebrannt. Rauch stieg hoch \u00fcber Khartum auf \u2013 als klare Botschaft an alle, was dort geschehen war .<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun verteilten sich die RSF auf Motorr\u00e4dern und verbreiteten \u00fcberall, wo sie hinkamen, Terror. Sie peitschten Demonstranten zu Tode, pl\u00fcnderten L\u00e4den und z\u00fcndeten \u00fcberall in der Stadt Feuer an und randalierten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz des Anscheins wird Terror nicht gedankenlos ausge\u00fcbt. Er ist eine politische Strategie der herrschenden Klasse, um die Arbeiterklasse durch Angst zur Unterwerfung zu zwingen. Die herrschende Klasse versucht, den Arbeitern zu verdeutlichen: Wir sind stark, ihr seid schwach, ihr habt keine andere Wahl, als euch zu unterwerfen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend die RSF in der einen Hand die Peitsche trug, hielt die SAF in der anderen die Karotte. Die SAF gab bekannt, dass sie die Verhandlungen mit der FFC abgebrochen habe. Sie behauptete, die FFC habe einen Fehler begangen, indem sie Wahlen in vier Jahren akzeptiert habe, und erkl\u00e4rte stattdessen dass es in neun Monaten Wahlen geben w\u00fcrde, f\u00fcr die sie mit den Vorbereitungen beginnen w\u00fcrden. Sie hofften, dass die Arbeiter nun ein scheinbares Zugest\u00e4ndnis akzeptieren w\u00fcrden, aus Angst vor noch gr\u00f6sserem Terror, der vor ihnen liege.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/sudan-the-whip-of-the-counter-revolution-spurs-on-the-revolution.htm\">Doch die Arbeiter liessen sich nicht einsch\u00fcchtern<\/a>. Nach dem Freitagsgebet am 7. str\u00f6mten sie auf die Strassen und forderten nichts Geringeres als den Sturz der Milit\u00e4rjunta, wobei viele die Parole eines Generalstreiks erhoben. Unter diesen Umst\u00e4nden lehnte die SPA das Abkommen ab und k\u00fcndigte nun an, dass sie am 30. Juni, genau 30 Jahre nach Al-Bashirs Macht\u00fcbernahme, den gr\u00f6ssten Marsch organisieren werde, den der Sudan je gesehen hatte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die sozialen Medien abgeschaltet waren, reisten die SPA-F\u00fchrer durch das Land, um den Marsch bekannt zu machen. Da Demonstrationen unterdr\u00fcckt wurden, trafen sie sich mit lokalen Nachbarschafts-Widerstandskomitees und arbeiteten mit diesen zusammen, um die Organisation voranzutreiben. Mahnwachen und Beerdigungen waren zentrale Orte der politischen Organisation.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 9. Juni wurde zu einem massiven Generalstreik aufgerufen, und erneut kam der Betrieb an Flugh\u00e4fen, in Banken, Spit\u00e4lern und Fabriken zum Erliegen. Es wurden Massenkundgebungen einberufen, und die Menschen streikten, trotz Tr\u00e4nengas und scharfer Munition, mit der sie konfrontiert waren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/what-next-after-sudan-s-million-man-march.htm\">Am 30. Juni marschierten 1 Million Menschen<\/a>. Sie skandierten:<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00abFreiheit! Zivile Herrschaft! Die Revolution hat gerade erst begonnen!\u00bb<\/em><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00abDie Kugel t\u00f6tet nicht \u2013 was t\u00f6tet, ist das eigene Schweigen!\u00bb <\/em><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref8\"><em><sup>[8]<\/sup><\/em><\/a><em><\/em><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gewaltige Massenbewegung hatte trotz aller Unterdr\u00fcckungsversuche die Konterrevolution im Keim erstickt. Macht und Initiative lagen wieder auf der Seite der Revolution\u00e4re. Doch Initiative braucht Strategie und F\u00fchrung. Diese fehlten noch immer.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Verrat im Juli<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab keinen Grund, warum der 30. Juni 2019 nicht der Tag h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, an dem das Milit\u00e4r gest\u00fcrzt wurde. Erneut bot sich die Gelegenheit, die Macht in die H\u00e4nde der Arbeiter zu legen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die SPA war jedoch fest davon \u00fcberzeugt, dass eine breite Koalition mit den Liberalen notwendig sei, was in der Praxis eine Koalition mit der Armee bedeutete. W\u00e4hrend der gesamten Revolution hatten die F\u00fchrer der SPA panische Angst vor der Aussicht auf einen B\u00fcrgerkrieg. Sie klammerten sich stets an den Pazifismus und begr\u00fcssten und feierten die Tatsache, dass sich die Revolution\u00e4re selbst angesichts brutalster Gewalt nicht bewaffneten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Aufruf zum Pazifismus war keine Strategie f\u00fcr den Frieden, sondern ein Rezept f\u00fcr Niederlage und Tod in noch gr\u00f6sserem Ausmass. Wie wir damals warnten:<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00abSollte die Revolution entgleisen, h\u00e4tte die RSF keine Skrupel, den blutigsten aller B\u00fcrgerkriege zu entfesseln, wenn dies dem Zweck diente, die privilegierte Elite des Sudans an der Macht zu halten.\u00bb<\/em><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Worte erwiesen sich als prophetisch. Das Scheitern beim Sturz des Milit\u00e4rs legte den Grundstein f\u00fcr den Dritten sudanesischen B\u00fcrgerkrieg, die bislang blutigste Katastrophe des Sudans. Gewalt ist keine Politik, sondern eine logische Folge des Klassenkampfs. Wer Gewalt jeglicher Art und zu jeder Zeit ablehnt, entwaffnet die Revolution und l\u00e4sst zu, dass die Massen von der herrschenden Klasse mit F\u00fcssen getreten und ermordet werden. In der entscheidenden Phase, die im Sudan gerade erreicht wurde, war dies unverzeihlich.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moralische Plattit\u00fcden reichten nicht aus. Was n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, war, das Gewaltmonopol des kapitalistischen Staates zu brechen \u2013 durch die Bildung von Arbeiterverteidigungsmilizen durch die Widerstandskomitees. Solche Milizen h\u00e4tten die Grundlage f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Macht\u00fcbergabe an die Arbeiterklasse gelegt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ironischerweise w\u00e4re das gesamte Blutvergiessen mit ziemlicher Sicherheit geringer ausgefallen, h\u00e4tte die F\u00fchrung weniger Illusionen in den Pazifismus gehegt. Stattdessen legte ihr ideologisches Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit Gewalt als die Grundlage f\u00fcr den Verrat im Juli und schliesslich f\u00fcr den aktuellen B\u00fcrgerkrieg.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Fetischisierung des Pazifismus war nicht in einer langj\u00e4hrigen Tradition der sudanesischen Massen verwurzelt. Vielmehr wurde sie von westlichen Liberalen nach dem gescheiterten Aufstand von 2013 sorgf\u00e4ltig gepflegt. NGOs wie Freedom House und das United States Institute of Peace \u2013 zentrale Instrumente der US-amerikanischen Soft Power \u2013 versuchten, sich mit liberalen \u00abRevolution\u00e4ren\u00bb zu verb\u00fcnden. Nachdem die USA nach ihrer Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Abspaltung des S\u00fcdsudans einen Grossteil ihres Einflusses im Sudan verloren hatten, versuchten sie nun, sich bei den wahrscheinlichen Nachfolgern des Regimes in ein gutes Licht zu r\u00fccken.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/freedomhouse.org\/sites\/default\/files\/2022-11\/FHPrecursorsSudan11302022.pdf\">Sechs Jahre lang arbeiteten Organisationen wie Freedom House daran, aufstrebende F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten aus den Reihen der Massen zu identifizieren und auszubilden<\/a>. Sie organisierten Workshops, die sich auf gewaltfreie Taktiken und liberale politische Ideale konzentrierten. Ausgew\u00e4hlte Teilnehmer wurden ins Ausland geflogen, umworben und auf ihre zuk\u00fcnftige Einflussnahme vorbereitet. Das Ziel war klar: eine neue Generation von F\u00fchrungskr\u00e4ften heranzubilden, die dem Liberalismus und dem Westen treu ergeben waren. Und angesichts des v\u00f6lligen Mangels an F\u00fchrung seitens der Linken gelang ihnen dies auch. Viele prominente Pers\u00f6nlichkeiten innerhalb der SPA und der FFC wurden vom US-Imperialismus bewusst zu liberalen Kadern geformt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Beginn der Revolution, als die SPA dar\u00fcber debattierte, ob ein Regimewechsel oder einfach h\u00f6here L\u00f6hne gefordert werden sollten, waren es diese im Ausland ausgebildeten Agenten, die daf\u00fcr sorgten, dass Letzteres durchgesetzt wurde. Sie wurden zu den leidenschaftlichsten Verfechtern des Pazifismus und zu den entschlossensten Gegnern der Selbstverteidigung der Arbeiter.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unterdessen \u00fcbten die Imperialisten auch \u00fcber andere Wege Druck aus. Die USA, die VAE, Grossbritannien und Saudi-Arabien waren verzweifelt bem\u00fcht, die revolution\u00e4re Welle zu beenden, da sie bef\u00fcrchteten, dass sie sich in der gesamten Region ausbreiten k\u00f6nnte. Die FFC argumentierte, dass nur eine Vereinbarung zur Machtteilung mit der Armee einen B\u00fcrgerkrieg verhindern k\u00f6nne. Die F\u00fchrer der SPA warfen die H\u00e4nde hoch und erkl\u00e4rten: \u00abWir haben keine andere Wahl [als das Abkommen zu akzeptieren]\u00bb<a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a>, da sie ohne die Zustimmung zumindest eines Teils der Bourgeoisie keinen Weg nach vorne sahen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-no-to-a-rotten-compromise.htm\">So stimmte die FFC am 9. Juli 2019 der Bildung einer \u00abtechnokratischen\u00bb \u00dcbergangsregierung zu<\/a>. Diese sollte aus f\u00fcnf zivilen Vertretern der FFC, f\u00fcnf Milit\u00e4roffizieren und einem angeblich \u00abneutralen\u00bb Mitglied bestehen, die zusammen einen Souver\u00e4nen Rat bilden sollten. Diese \u00abneutrale\u00bb Person entpuppte sich sp\u00e4ter als pensionierter Armeegeneral. An der Spitze des Rates sollte ein vom Milit\u00e4r ernannter Vertreter stehen, wobei Wahlen in drei Jahren angesetzt waren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sechs Monate heldenhaften Kampfes der sudanesischen Arbeiterklasse f\u00fchrten zu nichts weiter als einer oberfl\u00e4chlichen Umbesetzung an der Spitze. Omar al-Bashir wurde durch Abdalla Hamdok ersetzt, einen liberalen \u00d6konomen, der fr\u00fcher bei den Vereinten Nationen besch\u00e4ftigt war und bis zu diesem Zeitpunkt absolut keine Rolle in der Revolution gespielt hatte. Doch die Maschinerie des kapitalistischen Staates blieb v\u00f6llig intakt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hamdok sollte zweieinhalb Jahre lang regieren. Er erreichte nichts.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hamdok: der machtlose Liberale<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abdalla Hamdok war ausgew\u00e4hlt worden, weil er den Anschein erweckte, es allen recht zu machen. In seiner Jugend war er Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen. Doch schon vor langer Zeit hatte er seinen Parteiausweis gegen den Anzug und die Krawatte eines UNO-Kommissars eingetauscht. Das Milit\u00e4r erkannte, dass Hamdok keinerlei Bedrohung darstellte. Er galt sogar als so umg\u00e4nglich, dass Al-Bashir 2018 erwogen hatte, ihn als Wirtschaftsberater einzustellen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Massen feierten dies als grossen Sieg, doch das Milit\u00e4r wusste: Selbst wenn Hamdok radikalere Ver\u00e4nderungen anstreben sollte, hielt es alle Tr\u00fcmpfe in der Hand. Um dies zu unterstreichen, weigerte sich das Milit\u00e4r bei Hamdoks Ankunft in Khartum, ihm eine Unterkunft zur Verf\u00fcgung zu stellen. Als Premierminister war er gezwungen, in den ersten Monaten seiner Amtszeit von der Wohnung eines Freundes aus zu arbeiten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Wirtschaftsfragen unterschied sich Hamdok nicht von Al-Bashir. Er war bestrebt, die Subventionen f\u00fcr die Arbeiterklasse zu k\u00fcrzen, die er als Belastung f\u00fcr die Wirtschaft ansah, w\u00e4hrend er nicht bereit war, auch nur einen Rappen von den enormen Milit\u00e4rausgaben abzuziehen. Er \u00fcberliess die Wirtschaft den privaten und korrupten H\u00e4nden der lokalen und internationalen Kapitalisten. So kam es, dass sich in Khartum lange Schlangen vor den Brotverteilstellen bildeten, da die Stromversorger die Stadt mit langen Stromausf\u00e4llen belegen mussten, w\u00e4hrend im Brotkorb des Nils die Traktoren wegen Treibstoffmangels stillstanden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Inflation stieg bald auf 363 Prozent, und die Staatsverschuldung im Verh\u00e4ltnis zum BIP \u00fcberschritt die 200-Prozent-Marke.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Sachen B\u00fcrgerrechte beugte sich Hamdok dem Milit\u00e4r. Er zensierte weiterhin die Presse, nutzte den Staatsapparat, um einige der prominentesten Aktivisten der Revolution auszuspionieren, und lehnte jegliche Untersuchungen zum Massaker vom 3. Juni ab.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Widerstandskomitees stellten zwar nach wie vor eine potenzielle Herausforderung dar, waren jedoch zunehmend demoralisiert \u2013 und Hamdok spielte sie geschickt gegeneinander aus. Die Vorstellung, dass die Widerstandskomitees in erster Linie als Organe der gegenseitigen Hilfe und nicht als Instrumente zum Aufbau eines neuen Arbeiterstaates fungieren sollten, gewann an Boden. Ihre Rolle, so hiess es, bestehe nicht darin, die Grundlagen der Arbeitermacht zu legen, sondern die Grundlagen eines neuen Sozialstaates.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00dcbergangsregierung f\u00f6rderte diesen Fokuswechsel aktiv. Sie legitimierte die Komitees als dem Staat unterstellte administrative Hilfsorgane. Sie forderte die Bev\u00f6lkerung auf, sich an sie zu wenden, um lebenswichtige G\u00fcter \u2013 Treibstoff, Lebensmittel und Medikamente \u2013 zu erhalten, insbesondere w\u00e4hrend der Pandemie, die allein in Khartum 16&#8217;000 Menschenleben forderte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Infolgedessen waren die Widerstandskomitees \u00fcberfordert. Anstatt geduldig die wahre Rolle von Hamdok zu erkl\u00e4ren und ein Programm vorzulegen, das ihn durch Arbeiterkontrolle ersetzte, wurden die engagiertesten Revolution\u00e4re in die Rolle von Sozialhelfern hineingezogen. Was einst die Keimzellen eines Arbeiterstaates gewesen waren, versank im t\u00e4glichen Kampf um die Deckung der Grundbed\u00fcrfnisse einer zusammenbrechenden Gesellschaft. Ihr revolution\u00e4res Potenzial wurde langsam erstickt, w\u00e4hrend sie versuchten, die Last einer sich ausbreitenden humanit\u00e4ren Katastrophe zu tragen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der sogenannte \u00abKompromiss\u00bb mit der SAF und der RSF war eine v\u00f6llige Kapitulation gewesen, da die Gener\u00e4le die gesamte Macht in ihren H\u00e4nden hielten. Hamdok war eine machtlose Galionsfigur an der Spitze einer riesigen Staatsmaschinerie, \u00fcber die er keine Kontrolle hatte. Im Wirtschaftskrise-Komitee musste Hamdok, der \u00abDoktor der Wirtschaftswissenschaften\u00bb, schweigen, w\u00e4hrend der als Kamelhirte getarnte Hemedti das Sagen hatte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Ohnmacht war weder ein Ergebnis von Hamdoks Pers\u00f6nlichkeit noch der immensen St\u00e4rke des Milit\u00e4rs, sondern ergab sich direkt aus seiner Klassenposition. Die Liberalen wussten, dass ein entschlossener Kampf zur Entmachtung des Milit\u00e4rs und zur Errichtung eines liberal-demokratischen Staates nur durch die Mobilisierung der Arbeiter und der Jugend gelingen konnte. Doch die Kraft der Massen w\u00fcrde nicht bei der Errichtung einer formalen Demokratie Halt machen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Massen w\u00e4re Demokratie in erster Linie ein Mittel zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Doch die Liberalen konnten die Arbeiterklasse nicht zufriedenstellen, gerade weil der Sudan im Griff einer kapitalistischen Krise war, der er nicht entkommen konnte. So w\u00fcrde die Revolution, sofern sie nicht verhindert w\u00fcrde, nicht bei der liberalen Demokratie Halt machen, sondern unter dem Druck der Massen zu Angriffen auf das Privateigentum und die Kapitalistenklasse selbst \u00fcbergehen. Angriffe, die nur das Milit\u00e4r abwehren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Liberalen standen somit vor folgender Wahl: eine Demokratie errichten, aber bald Gefahr laufen, unter die Arbeiter zu geraten; oder weiterhin zulassen, dass das Milit\u00e4r auf ihre Schultern klettert, ihnen den Stiefelabsatz in den Nacken dr\u00fcckt und ihm zu gestatten, die Gesellschaft nach Belieben zu regieren und dabei Milliarden abzuzweigen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schw\u00e4che der Kapitalisten, ihre Unf\u00e4higkeit, die Gesellschaft auch nur einen Zentimeter voranzubringen, gepaart mit der enormen St\u00e4rke der Arbeiter, machte die Kapitalisten umso williger, ihre Rettung in einem milit\u00e4rischen \u00abstarken Mann\u00bb zu suchen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Putsch von 2021<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Jahre waren nun unter Hamdok vergangen, ohne dass irgendetwas gel\u00f6st worden w\u00e4re. Gem\u00e4ss dem Ausverkauf im Juli 2019 sollten im Fr\u00fchjahr 2022 Wahlen stattfinden. Doch das Milit\u00e4r war nicht bereit, das Risiko einzugehen, dass sich die Massen durch Wahlen durchsetzen k\u00f6nnten. <a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-revolution-raises-its-head-in-response-to-military-coup.htm\">Am Montag, dem 25. Oktober 2021, bat Al-Burhan von den SAF Hamdok, sich ihm als Premierminister einer neu gebildeten Regierung anzuschliessen<\/a>, die die Wahlen abschaffen und den Sudan fest unter eine Milit\u00e4rdiktatur stellen sollte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur \u00dcberraschung von Al-Burhan lehnte Hamdok ab. Er ging davon aus, dass Al-Burhan den Putsch ohne die Unterst\u00fctzung der USA nicht durchziehen w\u00fcrde. Am Wochenende hatte der US-Botschafter Al-Burhan mitgeteilt, dass die USA im Falle eines Putsches 700&#8217;000&#8217;000 Dollar an Hilfsgeldern streichen und dem Sudan den Zugang zur Weltbank entziehen w\u00fcrden, zusammen mit mehreren weiteren Sanktionen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Al-Burhan liess sich davon nicht beirren. Mit R\u00fcckendeckung von Al-Sisi in \u00c4gypten, der acht Jahre zuvor dasselbe getan hatte, um die \u00e4gyptische Revolution niederzuschlagen, durchschaute er den Bluff der USA und ergriff die Macht.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Al-Burhan entf\u00fchrte Hamdok und verk\u00fcndete anschliessend im nationalen Fernsehen, dass alle Fl\u00fcge ausgesetzt seien; das Internet abgeschaltet worden sei; und dass bis Juli 2023, wenn Neuwahlen angesetzt w\u00fcrden, der Ausnahmezustand gelte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Al-Burhan hatte dies als <em>fait accompli<\/em> darstellen wollen. Doch die Arbeiterklasse hatte andere Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-coup-falters-as-masses-rise-the-people-are-stronger-do-not-retreat.htm\">Mit der Ank\u00fcndigung des Staatsstreichs entfachte sich die Revolution erneut<\/a>. Die Nachbarschafts-Widerstandskomitees erhielten neuen Auftrieb. Die SPA und die Kommunistische Partei riefen zu massiven Generalstreiks auf. Eine Million Menschen folgten dem Aufruf, als die Gewerkschaften zu massivem zivilem Ungehorsam aufriefen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Al-Burhan verk\u00fcndete, dass wegen ihres Widerstands alle Gewerkschaften aufgel\u00f6st w\u00fcrden. Die RSF wurde erneut mobilisiert, um in den Menschenmengen Angst und Schrecken zu verbreiten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die Massen waren entschlossen zu k\u00e4mpfen. Sie antworteten mit den Parolen \u00abRevolution\u00e4re und freie Menschen werden den Weg fortsetzen!\u00bb, \u00abDie Revolution\u00e4re f\u00fcrchten keine Kugeln!\u00bb, \u00abDas Volk ist st\u00e4rker!\u00bb und \u00abR\u00fcckzug ist keine Option!\u00bb<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-march-of-millions-meets-the-whip-of-reaction-the-masses-must-fight-back.htm\">Innerhalb von f\u00fcnf Tagen nach der Ank\u00fcndigung des Staatsstreichs befanden sich 4&#8217;000&#8217;000 Arbeiter im Streik<\/a>, entschlossen, die Gener\u00e4le aufzuhalten. Das Regime reagierte mit der Verhaftung von Tausenden, die unter Beschuss mit scharfer Munition auf die Strasse gingen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter dem enormen Druck der Ereignisse nahm die SPA nun ihre bisher radikalste Position ein. Sie forderte den vollst\u00e4ndigen Sturz des Milit\u00e4rs; eine vollumf\u00e4ngliche zivile Regierung als Ersatz, die sich ausschliesslich aus revolution\u00e4ren Kr\u00e4ften zusammensetzte; sowie die Aufl\u00f6sung der SAF und der RSF und die Anklage ihrer Anf\u00fchrer wegen Verbrechen gegen die Revolution.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch schon damals zeigte sich ihr Mangel an politischer Klarheit. Die Frage, wie dies ohne einen Arbeiteraufstand, ohne Waffen und ohne einen neuen Staat, der den alten abl\u00f6sen sollte, erreicht werden sollte, blieb v\u00f6llig unbeantwortet. Stattdessen gratulierten sie Hamdok daf\u00fcr, dass er sich geweigert hatte, den Putsch zu unterst\u00fctzen, und verschafften ihm als potenziellen F\u00fchrer eine linke Deckung. Dies sollte sich als verh\u00e4ngnisvoll erweisen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 21. November, einen Monat nach seiner Entf\u00fchrung, trat ein wankender und desorientierter Hamdok gemeinsam mit Hemedti und Al-Burhan auf und erkl\u00e4rte, man habe eine Einigung erzielt. Er w\u00fcrde eine neue technokratische Regierung f\u00fchren, wobei die Wahlen auf Juni 2023 verschoben w\u00fcrden, doch der Widerstand m\u00fcsse eingestellt werden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sofort sprach sich der rechte Fl\u00fcgel der FFC f\u00fcr das Abkommen aus. Die Linke lehnte dies ab, gab jedoch keine Perspektive daf\u00fcr, wie die Gesellschaft ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnte. Sie forderte weiterhin m\u00f6glichst friedliche Methoden und weigerte sich, die Arbeiter zu bewaffnen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nachbarschafts-Widerstandskomitees von Khartum verk\u00fcndeten: \u00abEs ist unsere Pflicht, [den Gener\u00e4len] Widerstand zu leisten, bis wir siegreich sind oder bis sie \u00fcber ein leeres Land herrschen, nachdem sie uns alle get\u00f6tet haben\u00bb<a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a>. Doch da nach wie vor keine Perspektive bestand, wie man sich wirksam wehren k\u00f6nnte, wurden die Massen wie L\u00e4mmer zur Schlachtbank gef\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die F\u00fchrung keinerlei Perspektive bot, liess die Resonanz auf die Streikmassnahmen nach. Menschen setzen ihr Leben nicht aus reinem guten Willen aufs Spiel; sie m\u00fcssen an die \u00dcberzeugung glauben, dass ihr Handeln die Geschichte ver\u00e4ndern kann. Drei Jahre pazifistischer F\u00fchrung durch die Mittelschicht hatten diesen Glauben verspielt, und es gab keine revolution\u00e4re Partei, die einen Ausweg aufzeigen konnte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/sudan-prime-minister-s-reinstament-is-a-sham-keep-up-the-fight.htm\">Am 3. Januar 2022, nachdem die Massen nach Hause gegangen waren, trat Hamdok offiziell zur\u00fcck<\/a>. Die SAF und die RSF erhielten die volle Kontrolle. Alle Forderungen und K\u00e4mpfe f\u00fcr eine zivile Regierung hatten zu nichts anderem gef\u00fchrt als zur gefestigten Herrschaft der Milit\u00e4rdiktatur. Die Illusionen vom Pazifismus w\u00fcrden direkt in den blutigsten B\u00fcrgerkrieg m\u00fcnden, den der Sudan je gesehen hat, da diese Tyrannen an der Macht blieben.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeiter waren in eine Sackgasse gef\u00fchrt worden. Ohne eine Perspektive, wie sie entkommen k\u00f6nnten, f\u00fchrten all ihre Anstrengungen zu nichts anderem als weiterer Demoralisierung. Die RSF setzte ihre Terrorkampagne fort. Sie griff Arbeiter mit Tr\u00e4nengas, Schlagst\u00f6cken, scharfer Munition und Flugabwehrgesch\u00fctzen an. Arbeiter, die an Beerdigungen um die Toten trauerten, galten als legitime Ziele, da gepanzerte Fahrzeuge die Menschen \u00fcberfuhren und hin und her fuhren, um sie zu \u00fcberrollen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ausmass des Terrors war nicht das entscheidende Element des Putsches im Oktober, sondern vielmehr das Fehlen einer entschlossenen F\u00fchrung mit einer klaren Perspektive f\u00fcr den Gegenangriff. Das war es, was die Arbeiter schlussendlich zur Ersch\u00f6pfung trieb.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Sieg der Konterrevolution<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Januar 2022 war der H\u00f6hepunkt der Konterrevolution. Die Arbeiterklasse im Sudan war von den Gener\u00e4len zwar nicht physisch zerschlagen worden, doch ihre F\u00fchrer hatten sie wiederholt in eine Sackgasse gef\u00fchrt. Nach drei Jahren immensen Mutes und grosser Opfer war das Ergebnis ein weiterer Milit\u00e4rputsch.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Jahre voller Anstrengungen hatten die Massen ersch\u00f6pft und demoralisiert. Im fr\u00fchen Fr\u00fchling 2022 wurde eine ganze Reihe von Aktionen aufgerufen, doch es kamen immer weniger Menschen, da die Hoffnung aus ihren Herzen schwand. Niemand war in der Lage, die aktuellen Ereignisse klar zu erkl\u00e4ren oder einen \u00fcberzeugenden Weg nach vorne aufzuzeigen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den SAF und der RSF war es gelungen, Liberale und Revolution\u00e4re gleichermassen zu unterdr\u00fccken. Sie hatten die Herrschaft des Schwertes gefestigt. Die einzige Frage war, welche Fraktion es schwingen w\u00fcrde. Nachdem die Arbeiterklasse ins Abseits gedr\u00e4ngt worden war, wandten sich die Gener\u00e4le gegeneinander und dr\u00e4ngelten um die blutbefleckte Beute des sudanesischen Volkes. Je mehr vollst\u00e4ndiger die Niederlage der Massen war, desto heftiger wurden die internen Machtk\u00e4mpfe unter den Siegern.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Al-Burhan streckte der RSF einen vergifteten Olivenzweig entgegen und schlug vor, sie unter seinem Kommando in die SAF zu integrieren. Trotz der Dienste, die die RSF der Konterrevolution geleistet hatte, betrachtete die Klicke in Khartum sie immer noch als r\u00fcckst\u00e4ndige Stammeshirten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Hemedti hatte nicht die Absicht, nachzugeben. Er hatte seine Basis in Darfur gefestigt und sich durch die riesigen Goldminen im Westen bereichert. Er hatte sich als Sp\u00fcrhund der Konterrevolution bew\u00e4hrt und war eifrig dabei, internationale Unterst\u00fctzer zu umwerben, insbesondere die VAE, deren Ambitionen sich \u00fcber das Horn von Afrika erstreckten. Bis Januar 2022 war Hemedti vom unbedeutenden Kamelhirten zum m\u00e4chtigsten Mann im Sudan aufgestiegen. Er w\u00fcrde nicht zulassen, dass Al-Burhan seine Position bedrohte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kampf um den \u00abobersten Bonaparte\u00bb des Sudans hatte begonnen. Die Grundlagen f\u00fcr den B\u00fcrgerkrieg waren nun festgelegt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/sudan-bloody-clash-erupts-within-counter-revolution.htm\">Am 16. April 2023 f\u00fchlte sich die RSF stark genug, um gegen die SAF vorzugehen<\/a>. Mit Kampfflugzeugen und Panzern wurde die erste Salve des Dritten sudanesischen B\u00fcrgerkriegs abgefeuert. Innerhalb von zwei Wochen flohen 800\u2019000 Fl\u00fcchtlinge aus dem Sudan, w\u00e4hrend die Hungersnot das Land heimsuchte. Schwangere Frauen hungerten aufgrund von Nahrungsmittelknappheit. Die weltweit schlimmste Hungersnot seit 40 Jahren brach aus: 24&#8217;600&#8217;000 Menschen waren von \u00abakutem Hunger\u00bb betroffen, und 2&#8217;000&#8217;000 waren von Hungersnot oder der Gefahr einer Hungersnot bedroht<a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm#Ref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a>. Bis Januar 2025 sch\u00e4tzte die sudanesische \u00c4rztevereinigung, dass bereits \u00fcber 522&#8217;000 Kinder an Unterern\u00e4hrung gestorben waren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit \u00fcber zwei Jahren \u00fcberbieten sich beide Seiten gegenseitig, um die Grausamkeiten auf ein neues Niveau zu heben. Folter, Kastrationen, Enthauptungen und Sklaverei sind an der Tagesordnung. Selbst Babys im Alter von nur einem Jahr wurden vergewaltigt. Sexuelle \u00dcbergriffe wurden zu einer Kriegswaffe gemacht.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Westen hat die RSF ihre Herrschaft gefestigt. Sie hat ihre V\u00f6lkermordkampagne in Darfur gegen das Volk der Masalit wieder aufgenommen, angesch\u00fcrt durch die Spaltungen zwischen den arabischen Nomadenhirten und den schwarzafrikanischen Viehz\u00fcchtern. Im Jahr 2005 hatten sie eine systematische Politik der Massenvergewaltigungen betrieben, um die afrikanische Bev\u00f6lkerung auszul\u00f6schen. Nun schlug die RSF einen direkteren Weg ein. Alle schwarzafrikanischen M\u00e4nner sollten hingerichtet werden, unabh\u00e4ngig von ihrem Alter. <a href=\"https:\/\/www.economist.com\/middle-east-and-africa\/2023\/10\/05\/genocide-returns-to-darfur\">Frauen flohen mit ihren kleinen S\u00f6hnen in den Tschad, die leblos auf ihrem R\u00fccken lagen, weil Kugeln ihre K\u00f6pfe durchschlagen hatten<\/a>.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr\u00fcher w\u00e4re ein Konflikt dieser Gr\u00f6ssenordnung ebenso sehr in den Korridoren Washingtons wie auf dem Schlachtfeld gepr\u00e4gt worden. Schliesslich waren es die Vereinigten Staaten, die das Umfassende Friedensabkommen von 2005 vermittelt hatten, das den Zweiten sudanesischen B\u00fcrgerkrieg beendete und das Land schliesslich in zwei Teile spaltete. Doch der relative Niedergang des US-Imperialismus hat es einer Reihe kleinerer M\u00e4chte erm\u00f6glicht, ihre Interessen in der Region durchzusetzen, unabh\u00e4ngig von der US-Aussenpolitik. Im Sudan streben sie nach der Kontrolle \u00fcber die Handelsrouten am Roten Meer im Osten, fruchtbares Land entlang des Nils und Gold im Westen \u2013 dessen Wert derzeit stark steigt, da die Dominanz des Dollars schwindet.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine schwindelerregende Vielzahl von M\u00e4chten hat sich eingemischt. Die Saudis haben die SAF konsequent unterst\u00fctzt, w\u00e4hrend die VAE, ein aufstrebender imperialistischer Konkurrent, zum Hauptunterst\u00fctzer der RSF geworden sind. Die Liste der ausl\u00e4ndischen Akteure scheint endlos: Katar, \u00c4gypten, die T\u00fcrkei, \u00c4thiopien, Eritrea und der Tschad haben alle ihre Rolle gespielt. Die Nachwirkungen drohen, den vierj\u00e4hrigen Frieden im S\u00fcdsudan in einen weiteren B\u00fcrgerkrieg zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu dieser \u00abTeeparty der verr\u00fcckten Hutmacher\u00bb kam hinzu, dass Russland zun\u00e4chst auf der Seite der RSF intervenierte, um sich Gold zu sichern und westliche Sanktionen zu umgehen. Um Russlands Versuch, die Sanktionen zu unterlaufen, entgegenzuwirken, hat die ukrainische Armee auf der Seite der SAF eingegriffen, was zu spektakul\u00e4ren Szenen f\u00fchrte, in denen <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2024\/feb\/06\/ukrainian-special-forces-sudan-russian-mercenaries-wagner\">russische S\u00f6ldner in den Strassen von Khartum gegen ukrainische Spezialeinheiten k\u00e4mpften<\/a>.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun haben die russischen Imperialisten jedoch die Seiten gewechselt und legen den Schwerpunkt auf den Zugang zum Hafen von Sudan. So wurde die RSF fallen gelassen und die SAF sind Russlands neue Verb\u00fcndete, was zu noch spektakul\u00e4reren Szenen gef\u00fchrt hat, in denen <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/e581fc02-ef80-4a00-bdf1-1be4b5e0a916\">russische S\u00f6ldner mit ukrainischen Spezialeinheiten zusammenarbeiten<\/a>.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine umfassende Analyse des Dritten sudanesischen B\u00fcrgerkriegs w\u00fcrde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Sicher <em>ist<\/em> jedoch, dass die sudanesische Arbeiterklasse eine katastrophale Niederlage erlitten hat. Es wird Jahre \u2013 vielleicht Jahrzehnte \u2013 und massive Entwicklungen nicht nur im Sudan, sondern auch international erfordern, bis sie ihre St\u00e4rke wiedererlangt hat.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Zwischenzeit hat die Barbarei Einzug gehalten \u2013 und sie breitet sich Tag f\u00fcr Tag \u00fcber die Grenzen des Sudans hinaus aus.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sozialismus oder Barbarei<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pazifisten und Feiglinge m\u00f6gen behaupten: \u00ab H\u00e4tten wir nie f\u00fcr die Freiheit gek\u00e4mpft, w\u00e4ren uns solche Schrecken erspart geblieben.\u201c Doch der Kapitalismus selbst ist ein Schrecken ohne Ende. Die Krise im Sudan war nicht das Ergebnis der Revolution \u2013 es war die tiefe Krise der sudanesischen Gesellschaft, die <em>die Revolution hervorbrachte<\/em>.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H\u00e4tten die Arbeiter nie die Strassen erobert, h\u00e4tte das den wirtschaftlichen Zusammenbruch aufgehalten, als die Inflation bereits 2018 \u00fcber 100 Prozent geschossen war? H\u00e4tte es die Spaltung der herrschenden Klasse verhindert, als der Diktator bereits zwei rivalisierende Armeen geschaffen hatte, um seinen Machtanspruch zu sichern? H\u00e4tte es die Regionalm\u00e4chte davon abgehalten, einzugreifen \u2013 dieselben, die bereits die Zerst\u00f6rung im <a href=\"https:\/\/marxist.com\/yemen-imperialist-powers-twist-the-knife-as-covid-19-worries-escalate.htm\">Jemen<\/a>, in <a href=\"https:\/\/marxist.com\/ethiopia-s-tigray-crisis-socialism-or-barbarism.htm\">Tigray<\/a>, im S\u00fcdsudan und in der <a href=\"https:\/\/marxist.com\/crisis-in-the-congo.htm\">DRK<\/a> sch\u00fcren?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All diese Entwicklungen sind auf die globale, systemische Krise zur\u00fcckzuf\u00fchren, mit der der Kapitalismus seit dem Crash von 2008 konfrontiert ist.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Krise l\u00e4utete eine historische \u00c4ra der Instabilit\u00e4t ein \u2013 eine Zeit, die durch den langwierigen Stillstand zwischen einer Kapitalistenklasse, die unf\u00e4hig ist, die Produktivkr\u00e4fte weiterzuentwickeln, und einer Arbeiterklasse, die wiederholt von ihrer eigenen F\u00fchrung verraten wurde, gepr\u00e4gt ist. Die heutige Welt ist von organischer Instabilit\u00e4t gepr\u00e4gt, gekennzeichnet durch starke Schwankungen und abrupte Umw\u00e4lzungen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Sudan kam diesem Patt n\u00e4her als jede andere Bewegung der j\u00fcngeren Vergangenheit \u2013 der Errichtung einer Arbeiterregierung. An Mut, Entschlossenheit und Durchhalteverm\u00f6gen h\u00e4tte die sudanesische Arbeiterklasse nicht mehr tun k\u00f6nnen. Was fehlte, war eine genuin revolution\u00e4re F\u00fchrung. Immer wieder ergab sich die Bewegung b\u00fcrgerlichen und kleinb\u00fcrgerlichen Illusionen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Scheitern war nicht auf pers\u00f6nliche Unzul\u00e4nglichkeiten einzelner F\u00fchrer zur\u00fcckzuf\u00fchren. Es war das unvermeidliche Ergebnis des Fehlens einer <em>im Voraus<\/em> aufgebauten revolution\u00e4ren Partei \u2013 einer Partei, die gegen den Druck der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft gest\u00e4hlt ist, mit geschulten Kadern, die im ganzen Land verwurzelt sind und in der Lage sind, die arbeitenden Massen um ein schl\u00fcssiges revolution\u00e4res Programm zu vereinen. Ohne eine solche Partei wird selbst der heldenhafteste Aufstand unter dem Gewicht der herrschenden Klasse zusammenbrechen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Scheitern der sudanesischen Revolution \u00f6ffnete den Schleusen f\u00fcr unvorstellbare Schrecken. Doch der Sudan ist keine Ausnahme \u2013 er ist eine Warnung. Die Parole \u00abSozialismus oder Barbarei\u00bb ist kein fernes theoretisches Postulat; sie war die reale, konkrete Wahl, vor der der Sudan 2019 stand. In Ermangelung einer revolution\u00e4ren F\u00fchrung war das Ergebnis Barbarei. Diese Frage wird sich immer wieder stellen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der alte Maulwurf der Revolution gr\u00e4bt sich \u2013 nicht nur quer durch Afrika und den Nahen Osten, sondern auch nach Norden, in Richtung der Hochburgen des Imperialismus. Die Ersch\u00fctterungen, die Khartum im Jahr 2019 ersch\u00fctterten, werden mit der Zeit auch die Zentren des globalen Kapitalismus ersch\u00fcttern.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die einzige Frage ist: Werden die Kr\u00e4fte der Revolution vorbereitet sein \u2013 oder werden sie zulassen, dass sich die Geschichte wiederholt?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die sudanesische Revolution bietet eine F\u00fclle von Lehren. Es w\u00e4re unverzeihlich, ihr Verm\u00e4chtnis vergeblich verstreichen zu lassen. Der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution wird immer wieder ausbrechen, in immer gr\u00f6sserem Ausmass. Es kann keinen Zweifel am endg\u00fcltigen Sieger geben \u2013 <em>wenn<\/em>, und nur wenn, wir uns im Voraus vorbereiten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zeitleiste<\/strong><\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>1899: Der Sudan wird offiziell britische Kolonie<\/li>\n<li>1955\u20131972: Erster sudanesischer B\u00fcrgerkrieg<\/li>\n<li>1956: Unabh\u00e4ngigkeit des Sudans; erste parlamentarische Regierung<\/li>\n<li>1958: Erster Milit\u00e4rputsch<\/li>\n<li>1964: Die Oktoberrevolution beendet die Milit\u00e4rherrschaft; zweite parlamentarische Regierung<\/li>\n<li>1965: Verbot der Kommunistischen Partei<\/li>\n<li>1969: Milit\u00e4rputsch durch Nimeiri; Eingriffe in das Privateigentum, Legalisierung der Kommunistischen Partei<\/li>\n<li>1971: Gescheiterter Aufstand der Kommunistischen Partei; Verhaftung von Mitgliedern der Kommunistischen Partei<\/li>\n<li>1983: Nimeiri f\u00fchrt die Scharia ein; Beginn des Zweiten sudanesischen B\u00fcrgerkriegs<\/li>\n<li>1983\u20132005: Zweiter sudanesischer B\u00fcrgerkrieg<\/li>\n<li>1985: Eine Revolution beendet die Herrschaft von Nimeiri; dritte parlamentarische Regierung<\/li>\n<li>1989: Omar al-Bashir \u00fcbernimmt mit Unterst\u00fctzung von Islamisten durch einen Milit\u00e4rputsch die Macht<\/li>\n<li>2003\u20132005: al-Bashir ver\u00fcbt mit Hilfe der Janjaweed einen V\u00f6lkermord in Darfur<\/li>\n<li>2011: Der S\u00fcdsudan erlangt die Unabh\u00e4ngigkeit<\/li>\n<li>2013: Die Janjaweed werden als \u00abRapid Support Forces\u00bb (RSF) neu organisiert<\/li>\n<li>Dezember 2018: Es brechen Proteste gegen Al-Bashir aus<\/li>\n<li>6. April 2019: Beginn des Sit-ins am Milit\u00e4rhauptquartier in Khartum<\/li>\n<li>11. April 2019: Al-Bashir wird gest\u00fcrzt<\/li>\n<li>3. Juni 2019: Massaker am Sit-in durch den Milit\u00e4rischen \u00dcbergangsrat\/RSF<\/li>\n<li>30. Juni 2019: Millionenmarsch gegen die SAF und die RSF<\/li>\n<li>3. Juli 2019: Einigung \u00fcber die Machtteilung zwischen dem Milit\u00e4rischen \u00dcbergangsrat und der SPA<\/li>\n<li>25. Oktober 2021: Die SAF setzt die zivile \u00dcbergangsregierung ab<\/li>\n<li>27. Oktober 2021: Vier Millionen Arbeiter treten in den Streik<\/li>\n<li>Januar 2022: Die SAF vollendet den Staatsstreich<\/li>\n<li>16. April 2023: Die RSF unternimmt einen Putschversuch gegen die SAF und l\u00f6st damit den dritten sudanesischen B\u00fcrgerkrieg aus<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellenangaben<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] Zitiert in: W. Berridge et al., <em>Sudan\u2019s Unfinished Democracy<\/em>, Oxford University Press, 2022, S. 46<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[2] Zitiert in S. Zunes, \u00abSudan\u2019s 2019 Revolution\u00bb, <em>ICNC Special Report Series<\/em>, Bd. 5, April 2021, S. 7<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[3] Zitiert in W. Berridge et al., <em>Sudan\u2019s Unfinished Democracy<\/em>, Oxford University Press, 2022, S. 32<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[4] ebenda, S. 112<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[5] D. Pilling, \u00abSudans Proteste f\u00fchlen sich an wie eine Reise zur\u00fcck ins revolution\u00e4re Russland\u00bb, <em>Financial Times<\/em>, 24. April 2019<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[6] Zitiert in W. Berridge et al., <em>Sudan\u2019s Unfinished Democracy<\/em>, Oxford University Press, 2022, S. 33<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[7] H. Alizadeh, \u00abM\u00e4chtiger Generalstreik im Sudan: Jetzt die Junta rauswerfen!\u00bb, <em>marxist.com<\/em>, 31. Mai 2019<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[8] H. Alizadeh, \u00abWie geht es weiter nach dem Millionenmarsch im Sudan?\u00bb, <em>marxist.com<\/em>, 1. Juli 2019<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[9] F. Weston, \u00abSudan: Die Peitsche der Konterrevolution spornt die Revolution an\u00bb, <em>marxist.com<\/em>, 10. Juni 2019<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[10] Zitiert in W. Berridge et al., <em>Sudans unvollendete Demokratie<\/em>, Oxford University Press, 2022, S. 67<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[11] J. Attard, \u00abDie sudanesische Revolution ist in Gefahr\u00bb, <em>marxist.com<\/em>, 19. Januar 2022<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[12] Weltern\u00e4hrungsprogramm, \u00abHungersnot im Sudan\u00bb, <em>wfp.org<\/em><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/marxist.com\/sudan-from-revolution-to-barbarism.htm\"><em>marxist.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. August 2026; \u00dcbersetzung durch die Redaktion maulwuerfe.ch mithilfe von DeepL<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Soud. Die sudanesische Revolution von 2018\u201321 war eine der st\u00e4rksten Massenbewegungen dieses Jahrhunderts. 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