{"id":1653,"date":"2016-11-18T17:45:54","date_gmt":"2016-11-18T15:45:54","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1653"},"modified":"2016-11-18T17:45:54","modified_gmt":"2016-11-18T15:45:54","slug":"trumps-trumpf-kulturkampf-und-soziale-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1653","title":{"rendered":"Trumps Trumpf: Kulturkampf und soziale Frage"},"content":{"rendered":"<p><em>Sebastian Friedrich. <\/em>Nach dem Sieg von Donald Trump bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen l\u00e4uft die Ursachensuche unter Linken auf Hochtouren. Die einen verweisen auf die sozialen Umw\u00e4lzungen im Zuge des neoliberalen Klassenkampfs von oben.<!--more--> Andere f\u00fchren den Erfolg des Vielfachchauvinisten auf einen rechten Kulturkampf zur\u00fcck, bei dem es um den Erhalt der Privilegien der Wei\u00dfen geht.<\/p>\n<p>Wie bei vielen anderen Diskussionen der vergangenen Monate innerhalb der Linken ist auch bei der Analyse der US-Wahlen die Schl\u00fcsselfrage, ob wir es mittlerweile mit einer rechts w\u00e4hlenden Arbeiterklasse zu tun haben. Wie beim Brexit (ak 618) und den Stimmen f\u00fcr die AfD (ak 615) gilt auch in Bezug auf die Pr\u00e4sidentschaftswahlen: Es w\u00e4re verk\u00fcrzt davon zu sprechen, \u00bbdie\u00ab Arbeiterklasse w\u00fcrde sich rechten Projekten anschlie\u00dfen. Auch Trump wurde nicht von allen Teilen der Arbeiterklasse gleicherma\u00dfen gew\u00e4hlt, sondern vor allem von wei\u00dfen Arbeiter_innen, die &#8211; zumindest, was das Einkommen angeht &#8211; eher zu den Bessergestellten z\u00e4hlen. Laut der New York Times lag Hillary Clinton bei W\u00e4hler_innen mit einem Jahreseinkommen von unter 50.000 Dollar vorne, Trump bei allen Einkommensgruppen dar\u00fcber. Gleichzeitig gewann er vier F\u00fcnftel der Stimmen der W\u00e4hler_innen, die ihre eigene finanzielle Situation heute schlechter einsch\u00e4tzen als fr\u00fcher. Der Kandidat der Republikaner konnte auch bei jenen punkten, die erwarten, dass es den zuk\u00fcnftigen Generationen schlechter gehen wird als ihnen. Trump fischte also vor allem bei jenen, die sich keinen Aufstieg mehr vom Neoliberalismus erwarten, sondern das Hab-und-Gut, das sie sich erarbeitet haben, sch\u00fctzen wollen.<\/p>\n<p>Was bei der Diskussion um das Wahlverhalten der einkommens\u00e4rmsten Gruppen gerne vergessen wird: In den USA wie in Deutschland gehen die \u00bbAbgeh\u00e4ngten\u00ab, die \u00c4rmsten der Armen, meist gar nicht zur Wahl. So sinkt etwa in Deutschland die Wahlbeteiligung seit 40 Jahren kontinuierlich, allerdings nicht in allen Statusgruppen im gleichem Ma\u00dfe, sondern vor allem bei Menschen aus der Unterklasse. In den USA kommt erschwerend hinzu: Eine betr\u00e4chtliche Zahl an Menschen sind vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil sie Probleme mit der Strafjustiz hatten. So durften in Swing States wie Virginia und Florida 30 bis 40 Prozent der schwarzen M\u00e4nner gar nicht erst w\u00e4hlen. Der absolute Anteil der Stimmen aus der Unterklasse f\u00fcr Trump d\u00fcrfte angesichts einer in den USA ohnehin traditionell relativ niedrigen Wahlbeteiligung \u00e4u\u00dferst gering sein.<\/p>\n<p>Doch wenn die Erkl\u00e4rung nach der Polarisierung zwischen Arm und Reich unzureichend ist, um Trumps Sieg zu verstehen, was polarisiert sich denn gerade? Diese Frage stellen sich Linke auch mit dem Aufstieg der AfD in Deutschland und angesichts der Fl\u00fcchtlingsdebatte, die seit \u00fcber einem Jahr l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Einer Antwort kommt man bei der Analyse des zur\u00fcckliegenden Pr\u00e4sidentschaftswahlkampfs n\u00e4her. Clinton war nicht nur die Kandidatin des politischen Establishments, sondern auch &#8211; wenngleich als kleineres \u00dcbel &#8211; eines tendenziell j\u00fcngeren kosmopolitischen urbanen B\u00fcrgertums; derer, die in den gro\u00dfen St\u00e4dten an den K\u00fcsten leben, weltweit vernetzt und gesellschaftspolitisch liberal gesinnt sind, jener Postmaterialist_innen, die sich nicht so sehr f\u00fcr materielle Fragen interessieren m\u00fcssen. In St\u00e4dten mit \u00fcber 50.000 Einwohner_innen holte Clinton 59 Prozent, Trump hingegen lag in Kleinst\u00e4dten und l\u00e4ndlichen Gebieten mit 62 Prozent der Stimmen vorne.<\/p>\n<p>Doch Trump ist in erster Linie Pr\u00e4sident derjenigen, die zum einen Sorge haben, \u00f6konomisch weiter Schritt halten zu k\u00f6nnen, und sich zum anderen kulturell abgeh\u00e4ngt f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Es sind W\u00e4hler_innen mit niedriger bis mittlerer formaler Bildung, mit Hang zu Nationalismus, Rassismus, Antifeminismus, die sich gegen Minderheitenrechte, gegen Einwanderung, gegen den weiteren Kampf f\u00fcr Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Clinton gegen Trump: Das war auch ein Kampf von Diversity gegen Monokultur &#8211; ein Kampf, der nicht nur in den USA stattfindet.<\/p>\n<p>Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht in diesem Zusammenhang von einem weltweiten Widerstreit zweier kultureller Orientierungen. Es gebe auf der einen Seite \u00bbeine historisch au\u00dfergew\u00f6hnliche kulturelle \u00d6ffnung der Lebensformen\u00ab: Geschlechternormen werden in Frage gestellt, und Lebensstile differenzieren sich aus. Dieses kosmopolitische Milieu ist hochindividualisiert und feiert die Selbstentfaltung und die Kreativit\u00e4t. Wir treffen es in den Metropolen dieser Welt, keineswegs nur an den K\u00fcsten der USA und in europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten, sondern auch in Beirut, Istanbul und Jakarta. Demgegen\u00fcber beobachtet Reckwitz &#8211; ebenfalls weltweit &#8211; Tendenzen der \u00bbkulturellen Schlie\u00dfung von Lebensformen, in denen eine neue rigide Moralisierung wirksam ist\u00ab. Diese Schlie\u00dfung sei kollektivistisch in einem identit\u00e4ren Sinne; Reckwitz z\u00e4hlt Nationalismus und Rechtspopulismus ebenso wie religi\u00f6sen Fundamentalismus zu der Str\u00f6mung der Kulturessenzialisten.<\/p>\n<p>Dieser Kulturkrieg d\u00fcrfte tats\u00e4chlich die entscheidende Polarisierung dieser Tage sein, eine Polarisierung, die auch von Teilen der Linken mitgetragen wird: Wirtschaftliberale, Sozialdemokraten, linksliberale Akademiker_innen bilden eine Front gegen die Bedrohung durch die Rechten und Fundis. In diesem kulturellen B\u00fcrgerkrieg bewegen sich Liberale wie Rechte im Rahmen der Kulturalisierung. Es ist ein Rahmen, in dem Emotionen eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen als Fakten. Doch die Wahl von Trump zeigt auch: Neben dem Kulturkrieg gibt es durchaus \u00bbrationale\u00ab Erw\u00e4gungen f\u00fcr Teile der Arbeiterklasse, es mal mit Trump zu versuchen.<\/p>\n<p>Trumps Erfolg in den Swing States am Rostg\u00fcrtel, der \u00e4ltesten Industrieregion der USA an den gro\u00dfen Seen, ist daf\u00fcr bezeichnend. Dort leben die Reste des fordistischen Industrieproletariats, die entweder bereits in den vergangenen Jahrzehnten sozial abgestiegen sind oder sich zumindest um ihren erk\u00e4mpften Besitzstand sorgen. Speziell f\u00fcr Industriearbeiter_innen im produktionsnahen Bereich k\u00f6nnen nationalistische Antworten auf ihre Problemlagen durchaus plausibel sein. In der Fabrik kommt ein festangestellter Arbeiter aufgrund der Vervielf\u00e4ltigung der prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnisse h\u00e4ufig in Kontakt mit Menschen, die zwar die gleiche Arbeit leisten, aber viel schneller je nach konjunktureller Lage entlassen werden k\u00f6nnen oder deutlich weniger Lohn erhalten. Der drohende Abstieg betritt personifiziert in Gestalt der Zeitarbeiterkollegen in jeder Pause die Kantine. Dass diese Abstiegsangst vor allem bei den Resten des Industrieproletariats rassistisch gewendet werden kann, hat zwei Gr\u00fcnde: Erstens finden vor allem im Industriebereich Standortverlagerungen statt. Das protektionistische Angebot eines Donald Trump kann bei denen wirken, deren fr\u00fcherer Arbeitsplatz sich jetzt in Mexiko oder S\u00fcdostasien befindet &#8211; oder die sich um eine Verlagerung der Produktion ihres sogenannten Arbeitgebers sorgen.<\/p>\n<p>Zweitens hat sich zwar die Ungleichheit zwischen oben und unten in den vergangenen Jahrzehnten zugespitzt, gleichzeitig hat die vertikale \u00f6konomische Ungleichheit anhand von Geschlecht und \u00bbEthnie\u00ab zumindest gef\u00fchlt abgenommen. So haben etwa Frauen, \u00bbethnische Minderheiten\u00ab und Migrant_innen zu Zeiten des wei\u00df-m\u00e4nnlichen Ern\u00e4hrermodells der 1950er- und 1960er-Jahre in den einstigen Industriestaaten aufgeholt &#8211; eben auch durch K\u00e4mpfe von Linken und Liberalen insbesondere nach 1968. Das hat den Druck auf die etablierten h\u00f6heren Fraktionen der Arbeiterklasse verst\u00e4rkt. Kulturkonservatismus und tief verankerter Rassismus treffen hier auf versch\u00e4rfte Konkurrenzprinzipien im Kapitalismus.<\/p>\n<p>So kommt die explosive Mischung zusammen: Der rechte Kulturkampf und die berechtigten materiellen Sorgen von Teilen der Arbeiterklasse bilden eine ausgezeichnete Grundlage f\u00fcr eine reaktion\u00e4re Verarbeitung von Abstiegs\u00e4ngsten. Reaktion\u00e4r sind diese, da sich nach einer Zeit zur\u00fcckgesehnt wird, in der die eigene Stellung unter den Ausgebeuteten im Vergleich zu den anderen Ausgebeuteten besser war; reaktion\u00e4r sind sie auch, weil sie letztlich nur eine Krisenverarbeitung innerhalb des neoliberalen Paradigmas sind. Nicht K\u00e4mpfe um h\u00f6here L\u00f6hne, gegen prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, f\u00fcr Umverteilung stehen auf der Tagesordnung, sondern der Kampf gegen andere Gruppen, die sich auf dem nationalen &#8211; und weltweiten &#8211; Arbeitsmarkt wiederfinden. Trump hat es bestens verstanden, diese Nachfrage zu bedienen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak621\/42.htm\">ak &#8211; analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis \/ Nr. 621 \/ 15.11.2016<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian Friedrich. Nach dem Sieg von Donald Trump bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen l\u00e4uft die Ursachensuche unter Linken auf Hochtouren. 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