{"id":1669,"date":"2016-11-23T09:13:23","date_gmt":"2016-11-23T07:13:23","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1669"},"modified":"2016-11-23T09:13:23","modified_gmt":"2016-11-23T07:13:23","slug":"steigende-armut-in-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1669","title":{"rendered":"Steigende Armut in Europa"},"content":{"rendered":"<p><em>Elisabeth Zimmermann<\/em>. Letzte Woche ver\u00f6ffentlichte die Bertelsmanns-Stiftung die Ergebnisse des \u201eSocial Justice Index 2016\u201c. Es handelt sich dabei um eine j\u00e4hrliche Untersuchung zur sozialen Situation in Europa, die seit mehreren Jahren durchgef\u00fchrt wird.<!--more--> Ihre Ergebnisse sind ein vernichtendes Urteil \u00fcber die brutale Spar- und Austerit\u00e4tspolitik, die die Europ\u00e4ische Union angef\u00fchrt von Deutschland seit der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 gegen breiten Widerstand durchsetzt.<\/p>\n<p>Laut der Studie ist jeder vierte EU-B\u00fcrger von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Das sind insgesamt 118 Millionen Menschen. Der Anteil der Menschen, die arm sind, obwohl sie einen Vollzeitjob haben, ist im Jahr 2015 auf 7,8 Prozent gestiegen \u2013 ein Anstieg um 0,6 Prozent seit 2013, als ihr Anteil 7,2 Prozent betrug. Das bedeutet, dass immer mehr Menschen im Niedriglohnbereich besch\u00e4ftigt sind.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung gilt auch f\u00fcr Deutschland, das auf Rang 7 des Social Justice Index gelandet ist, obwohl es in der EU \u00fcber die gr\u00f6\u00dfte Wirtschaftskraft verf\u00fcgt. Hier ist der Anteil der von Armut betroffenen Vollzeitbesch\u00e4ftigten von 5,1 Prozent im Jahr 2009 auf 7,1 Prozent im Jahr 2015 gestiegen, eine Folge des riesigen Niedriglohnbereichs, der durch die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze der SPD\/Gr\u00fcnen-Regierung von Gerhard Schr\u00f6der und Joschka Fischer entstanden ist.<\/p>\n<p>Das Zunahme der sogenannten Working Poor, also derjenigen, die von ihrer Arbeit nicht leben k\u00f6nnen, und die Gefahr einer sozialen Revolte wird von den Herausgebern der Studie mit Sorge verfolgt. So kommentierte der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Aart De Geus: \u201eEin steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben k\u00f6nnen, untergr\u00e4bt die Legitimit\u00e4t unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Autoren der Studien bem\u00fchen, auch einige geringf\u00fcgige Verbesserungen festzustellen \u2013 so ist die offizielle Arbeitslosenquote in der EU von 10,4 Prozent im Jahr 2014 auf 9,6 Prozent im folgenden Jahr gesunken und die Besch\u00e4ftigungsquote von 64,8 auf 65,8 Prozent gestiegen \u2013 zeigen die erhobenen Zahlen zu Arbeitslosigkeit und Armut einen anderen Trend.<\/p>\n<p>In einer kurzen \u00dcbersicht der Ergebnisse der Studie hei\u00dft es deshalb auch: \u201eSoziale Gerechtigkeit in Europa im Jahr 2016: Aufschwung auf wackeligen Beinen.\u201c<\/p>\n<p>Das Armutsrisiko in der EU bleibt hoch. Es lag sowohl im Jahr 2008 als auch im Jahr 2015 bei 23,7 Prozent. Besonders kritisch ist die Lage von Kindern und Jugendlichen, insbesondere in S\u00fcdeuropa. In der Studie hei\u00dft es: \u201eAllerdings sind auch sieben Jahre nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise die Teilhabechancen der Menschen in den allermeisten EU-Staaten \u2013 von wenigen Ausnahmen abgesehen \u2013 noch immer deutlich schlechter ausgepr\u00e4gt als vor der Krise.\u201c<\/p>\n<p>Im Vergleich aller 28 EU-Staaten bleibt Griechenland das klare Schlusslicht im Social Justice-Index der Bertelsmann-Studie. Sein Abstand zu Rum\u00e4nien (Rang 27) und Bulgarien (Rang 26) hat sich sogar vergr\u00f6\u00dfert.<\/p>\n<p>Aber auch die Lage in den nordeurop\u00e4ischen Staaten Schweden, Finnland und D\u00e4nemark, die Rang 1 bis 3 auf dem Index einnehmen, hat sich verschlechtert. \u201eGemessen an der Situation in den Jahren 2007\/2008 haben auch diese Staaten insgesamt Einbu\u00dfen in Sachen sozialer Gerechtigkeit hinnehmen m\u00fcssen\u201c, hei\u00dft es in der Studie.<\/p>\n<p>Die soziale Kluft zwischen Nord- und S\u00fcdeuropa ist und bleibt immens. Das liegt vor allem an den erschreckend hohen Armutszahlen in Griechenland und Spanien. In Spanien liegt die Armutsquote bei 28,6 Prozent, in Griechenland bei 35,7 Prozent. Die Quote der von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen Kinder und Jugendlichen in diesen L\u00e4ndern ist noch h\u00f6her.<\/p>\n<p>Ein besonderer Schwerpunkt der Studie ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit. 4,6 Millionen Jugendliche sind innerhalb der EU arbeitslos. 2015 hatten 20,4 Prozent der jungen Europ\u00e4er keine Arbeit, ein Anstieg von fast f\u00fcnf Prozentpunkten seit 2008.<\/p>\n<p>Kinder und Jugendliche sind auch am st\u00e4rksten von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. Europaweit gilt das f\u00fcr 25 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. \u201eIn der gro\u00dfen Mehrzahl der EU-Mitgliedsstaaten haben sich die Chancen von Kindern und Jugendlichen seit 2007\/2008 \u2013 teils erheblich \u2013 verschlechtert\u201c, hei\u00dft es in der Studie. \u201eBesonders die Situation in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen Krisenstaaten Italien, Griechenland und Spanien sowie in den s\u00fcdosteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern Bulgarien und Rum\u00e4nien bleibt weiterhin sehr kritisch.\u201c<\/p>\n<p>Spitzenreiter bei den von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ist mit 46,8 Prozent Rum\u00e4nien, gefolgt von Bulgarien (43,7), Griechenland (37,8) und Ungarn (36,1). Aber auch in Spanien (34,4), Italien (33,5), Gro\u00dfbritannien (30,3) und Portugal (29,6) liegt die Quote sehr hoch. In Griechenland hat sich der Anteil der von schwerwiegender materieller Deprivation (Entbehrung) betroffenen Kinder seit 2007 fast verdreifacht. Sie ist von 9,7 auf 25,7 Prozent gestiegen \u2013 eine Folge des Spardiktats der Troika.<\/p>\n<p>Die Studie erl\u00e4utert: \u201eMaterielle Deprivation bedeutet, dass betroffene Menschen schwerwiegende Entbehrungen hinnehmen m\u00fcssen und sich grundlegende Bed\u00fcrfnisse des t\u00e4glichen Lebens aus finanziellen Gr\u00fcnden nicht mehr leisten k\u00f6nnen (z.B. eine angemessen beheizte Wohnung oder ein Telefon).\u201c Oftmals bedeutet es auch, dass Familien sich nicht mehr ausreichend ern\u00e4hren und medizinisch versorgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Allein in den vier besonders schwer von der Wirtschafts- und Eurokrise betroffenen L\u00e4ndern Spanien, Griechenland, Portugal und Italien ist die Zahl der armen und sozial ausgegrenzten Kinder und Jugendlichen seit 2008 um 1,1 Millionen gestiegen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Abschnitt der Studie besch\u00e4ftigt sich mit den sogenannten NEETs (Not in Education, Employment or Training). Es handelt sich um junge Menschen zwischen 20 und 24 Jahren, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich nicht in beruflicher Ausbildung befinden. Ihr Anteil betrug 2015 im EU-Durchschnitt 17,3 Prozent gegen\u00fcber 15 Prozent im Jahr 2008. Italien (31,1) und Spanien (22,8 Prozent) liegen dabei weit \u00fcber dem EU-Durchschnitt.<\/p>\n<p>Die Gesamtzahl der arbeitslosen Jugendlichen liegt in Spanien und Griechenland bei fast 50 Prozent und in Italien, trotz eines leichten R\u00fcckgangs, bei 40,3 Prozent.<\/p>\n<p>Die hohe Zahl arbeitsloser und armer Jugendlicher ohne Zukunftsperspektive ist ein vernichtendes Urteil \u00fcber die seit Jahren verfolgte Sparpolitik der EU. Die europ\u00e4ischen Regierungen, unabh\u00e4ngig von ihrer Parteizugeh\u00f6rigkeit, kennen keine andere Politik als die Abw\u00e4lzung der Wirtschaftskrise auf die Arbeiterklasse. Sie treiben hunderte Milliarden Euro, die sie zur Rettung von Banken und Konzernen eingesetzt haben, durch die Zerst\u00f6rung von Arbeitspl\u00e4tzen, die Senkung von L\u00f6hnen und den Abbau sozialer Leistungen wieder ein. Besonders brutal geht dabei die pseudolinke Syriza-Regierung in Griechenland vor.<\/p>\n<p>Die Studie der Bertelsmann-Stiftung dokumentiert den Anstieg der Armut innerhalb der EU, sagt aber nichts \u00fcber die Ursachen und die politisch Verantwortlichen. Stattdessen appelliert sie an die EU-Kommission und die Regierungen der EU-Staaten, f\u00fcr mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Doch nichts k\u00f6nnte illusorischer sein, als von den kapitalistischen Regierungen Europas eine sozialere Politik zu erwarten. Hauptsto\u00dfrichtung ihrer Politik ist die innere und \u00e4u\u00dfere Aufr\u00fcstung und die Vorbereitung neuer Kriege. Sie reagieren damit auf die sozialen Spannungen und die Wut \u00fcber die soziale Ungleichheit.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2016\/11\/23\/armu-n23.html%20vom%2023\">wsws.org&#8230;<\/a>. vom 23. November 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elisabeth Zimmermann. Letzte Woche ver\u00f6ffentlichte die Bertelsmanns-Stiftung die Ergebnisse des \u201eSocial Justice Index 2016\u201c. 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