{"id":1685,"date":"2016-11-30T17:47:49","date_gmt":"2016-11-30T15:47:49","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1685"},"modified":"2018-01-19T18:23:37","modified_gmt":"2018-01-19T16:23:37","slug":"das-toedliche-system-k-loachs-i-daniel-blake","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1685","title":{"rendered":"Das t\u00f6dliche System: K. Loachs \u201eI, Daniel Blake\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Ren\u00e9 Dup\u00e9.<\/em> Daniel Blake ist ein \u00e4lterer Mann, der nach einem Herzinfarkt nicht arbeiten darf. Sozialhilfe kriegt er allerdings auch nicht. Die gesichtslose Mitarbeiterin einer privaten Gesundheitsdienstleistungsfirma, die im Auftrag<!--more--> der Regierung \u00fcber Arbeitsf\u00e4higkeit befindet, sieht keinen Grund, weshalb Daniel nicht arbeiten k\u00f6nnte. Immerhin hat er ja die H\u00e4nde heben k\u00f6nnen und macht sich nicht in die Hose \u2013 laut den Kriterien ihres standardisierten Fragebogens ist er also arbeitsf\u00e4hig. Gut keine Sozialhilfe, also sucht Daniel um Arbeitslosenunterst\u00fctzung an. Die Arbeitsamtsmitarbeiterin steckt ihn gleich mal in einen Bewerbungskurs. Dort erz\u00e4hlt der Kursleiter, dass sich auf jeden Job dutzende oder hunderte Menschen bewerben. Wer da erfolgreich sein will, der m\u00fcsse herausstechen und besonders engagiert sein, dann klappe das auch. Man sieht dem Mann an, dass er seinen eigenen Phrasen l\u00e4ngst nicht mehr glaubt.<\/p>\n<p><strong>Simple Logik: selber schuld<\/strong><\/p>\n<p>Doch Daniel darf ja ohnehin nicht arbeiten \u2013 seine \u00c4rzte haben ihm Ruhe verordnet. In einem einzigen Satz, in dem er der Arbeitsamtsangestellten die Situation erkl\u00e4rt, wird der irrsinnige Zusammenhang deutlich: er m\u00fcsse sich um Jobs bewerben, die es gar nicht gibt und verschwende damit ihre Zeit, seine Zeit und die Zeit derer, bei denen er sich bewirbt. Und arbeiten d\u00fcrfe er ja ohnehin nicht \u2013 selbst wenn es einen Job g\u00e4be. Die Angestellte deutete auf die Formulare. So sind nun mal die Regeln. Endlose Telefonschleifen, um Verantwortliche in den \u00c4mtern zu erreichen; Online-Formulare, die f\u00fcr den computer-unerfahrenen Daniel eine kaum zu \u00fcberwindende H\u00fcrde bedeuten; kopfsch\u00fcttelnde Beh\u00f6rdenangestellte, die auf die Regeln verweisen. Ken Loach beschreibt in solchen Szenen, wie die Zerst\u00f6rung der sozialen Sicherungssysteme gehandhabt wird. Es wird nicht einfach alles abgeschafft \u2013 immerhin existieren ja noch Unterst\u00fctzungsleistungen. Doch es werden b\u00fcrokratische H\u00fcrden errichtet, die die Antragsteller in die Resignation treiben und den ausgehungerten Sozialsystemen Geld sparen sollen. Die Angestellten am Arbeitsamt sind keine b\u00f6sartigen Kreaturen, einige versuchen sogar, Daniel zu helfen \u2013 doch selbst kleine Sympathiebekundungen werden von den Vorgesetzten beanstandet. Man d\u00fcrfe niemanden bevorzugen. Das zusammenkrachende System hat daf\u00fcr keine Kapazit\u00e4ten mehr. Wenn also jemand wie Katie \u2013 die zweite Protagonistin in dem Film \u2013 ein paar Minuten zu sp\u00e4t zum Amtstermin kommt, weil sie neu in der Gegend ist, hat sie Pech gehabt: Termin verpasst, als Sanktion wird erst mal die Unterst\u00fctzung gestrichen. Wer zu sp\u00e4t kommt, ist schlie\u00dflich selbst schuld. Das ist auch schon die ganze simple Logik, nach der das System funktioniert, und das den Leuten eingepaukt werden soll: wem es schlecht geht, der ist selber schuld. Denn es gibt ja Jobs \u2013 man muss nur besser, motivierter, herausstechender und billiger sein als alle andern, dann bekommt man den auch. Und wenn nicht: es gibt ja Sozialunterst\u00fctzung \u2013 man muss nur unterw\u00fcrfig alle H\u00fcrden meistern, die einem in den Weg gestellt werden, um das bisschen Geld zu bekommen, das einen gerade nicht verhungern l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Armut per Gesetz<\/strong><\/p>\n<p>In den meisten Besprechungen zu \u201eI, Daniel Blake\u201c in deutschsprachigen Medien hie\u00df es, Ken Loach klage den britischen Sozialstaat an \u2013 ein krasses Missverst\u00e4ndnis oder gewollte Ignoranz. Denn \u201eI, Daniel Blake\u201c ist zwar entlang der Mechanismen des britischen Sozialsystems erz\u00e4hlt, Loach thematisiert aber die Demontage sozialer Sicherungssysteme nach den Ma\u00dfgaben neoliberaler Politikkonzepte allgemein. Und diese passiert so ziemlich \u00fcberall, ganz gewiss aber \u00fcberall in der EU, wenn auch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Das bundesdeutsche Hartz-IV-Modell hat die Armut per Gesetz inklusive restriktiver Sanktionsmechanismen gegen Empf\u00e4nger dieser Hungerhilfe seit Jahren perfektioniert. In \u00d6sterreich kann man derzeit quasi in Zeitlupe beobachten, wie das bisher relativ gute Sozialhilfesystem in Form der \u201eMindestsicherung\u201c zerlegt\u00a0wird. Wie in Loachs Film werden auch hier jene H\u00fcrden eingebaut, durch die Unterst\u00fctzung f\u00fcr viele Bed\u00fcrftige faktisch abgeschafft wird, die es den politischen Verantwortlichen jedoch erlauben, weiterhin so zu tun, als g\u00e4be es eine funktionierende soziale Sicherung. Und was die Situation des \u201eArbeitsmarktes\u201c ingesamt betrifft. Egal wo auf dieser Welt: jedeR, der oder die schon mal auf Arbeitssuche war, wei\u00df: es gibt die Jobs nicht \u2013 egal wie motiviert und herausragend man sein mag.<\/p>\n<p>Wie immer bei Ken Loach erw\u00e4chst die Hoffnung aus der allt\u00e4glichen Solidarit\u00e4t der Schwachen. Daniel hilft der alleinerziehenden Katie bei kleinen Alltagsproblemen. Sein\u00a0jugendlicher Underdog-Nachbar erkundigt sich ehrlich besorgt nach Daniels\u00a0Befinden. Man ist freundlich zueinander, versucht sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen, um das alles irgendwie zu meistern. Kleinigkeiten wie die Begleitung bei Beh\u00f6rdenwegen oder zur Essensausgabe sind ein kleiner Spalt, durch den etwas Licht in die sp\u00e4tkapitalistische Dunkelheit dringt. Einen Ausweg aus dem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, kaputtgemachten Sozialsystemen und neoliberaler Politik bietet das freilich nicht \u2013 aber einen Hinweis darauf, wie und wo dieser gefunden werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Quelle\u00a0: <a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2016\/11\/das-toedliche-system\/\">lowerclassmag.com&#8230;<\/a> vom 28. November 2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ren\u00e9 Dup\u00e9. Daniel Blake ist ein \u00e4lterer Mann, der nach einem Herzinfarkt nicht arbeiten darf. Sozialhilfe kriegt er allerdings auch nicht. 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