{"id":1687,"date":"2016-12-02T11:52:38","date_gmt":"2016-12-02T09:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1687"},"modified":"2018-01-19T18:19:46","modified_gmt":"2018-01-19T16:19:46","slug":"zanon-in-argentinien-der-sozialismus-ist-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1687","title":{"rendered":"Zanon in Argentinien: der Sozialismus ist m\u00f6glich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit 15 Jahren steht die Keramikfabrik Zanon im argentinischen Neuqu<\/strong><strong>\u00e9<\/strong><strong>n unter Selbstverwaltung der Arbeiter*innen. Wladek Flakin besuchte vor vielen Jahre Zanon, um diese <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>einzigartige Erfahrung mit eigenen Augen zu erleben. <\/strong><\/p>\n<p><em>Wladek Flakin<\/em>. Ich hatte gerade 18 Stunden im Reisebus verbracht, um aus Buenos Aires zu kommen. Endlich war ich in der patagonischen Stadt Neuqu\u00e9n angekommen. Staub, Steppe, im Hintergrund die Anden \u2013 wie im Wilden Westen f\u00fchlte sich das an, aber auf der falschen Erdhalbkugel, im s\u00fcdlichen wilden Westen.<\/p>\n<p>Nach einer weiteren Busfahrt kam ich dann zum Ziel meiner Reise: Die Fabrik Zanon. Auf dem Schild vor dem Tor prangte das alte wei\u00df-rot-gr\u00fcne Logo. Doch dem Namen \u201eZanon\u201c war ein Graffiti hinzugef\u00fcgt: \u201e\u2026 geh\u00f6rt den Arbeiter*innen\u201c.<\/p>\n<p>Auf einer Tour sah die Fabrik nicht besonders aus. Eine riesige Halle \u2013 ich habe vergessen, wieviele Fu\u00dfballfelder da reinpassen w\u00fcrden \u2013 mit massiven \u00d6fen, Laufb\u00e4ndern und Roboterarmen. Zanon war besonders, weil etwas fehlte. Ein*e Besitzer*in. Ein*e Chef*in.<\/p>\n<p>Wie es zur Besetzung und zur Produktion unter Arbeiter*innenkontrolle kam, k\u00f6nnt ihr am Besten in einem <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/interview-zanon-ist-ein-schutzengraben-des-klassenkampfes\/\">Interview mit dem Genossen Ra\u00fal Godoy<\/a> nachlesen.<\/p>\n<p>Was mich am meisten beeindruckte, waren die normalen Arbeiter*innen der Fabrik. Also klar gab es einige, die seit Jahren oder Jahrzehnten Trotzkist*innen waren und immer von der Enteignung der Produktionsmittel \u2013 ganz im Sinne von <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/leo-trotzki-das-ubergangsprogramm-1938\/\">Trotzkis \u00dcbergangsprogramm<\/a> \u2013 getr\u00e4umt hatten. Aber die allermeisten hatten aus der einfachen Not gehandelt.<\/p>\n<p>Ein Arbeiter hat das f\u00fcr mich auf den Punkt gebracht \u2013 nach so vielen Jahren versuche ich, seine Aussage zu rekonstruieren:<\/p>\n<p><em>Fr<\/em><em>\u00fc<\/em><em>her habe ich mich nicht f<\/em><em>\u00fc<\/em><em>r Politik interessiert. Die militanten Arbeitslosen (piqueteros) haben immer wieder die Autobahn blockiert. Mich hat das tierisch aufgeregt <\/em><em>\u2013<\/em><em> ich kam ja zu sp<\/em><em>\u00e4<\/em><em>t zur Arbeit. Sie wollten uns Flyer geben, aber ihre Zettel habe ich vor ihren Augen zerrissen.<\/em><\/p>\n<p><em>Erst als die Fabrik uns geh<\/em><em>\u00f6r<\/em><em>te, habe ich mir das neu <\/em><em>\u00fc<\/em><em>berlegt. Wer sind die Piqueteros? Sind das nicht teilweise sogar Arbeiter*innen, die fr<\/em><em>\u00fc<\/em><em>her hier entlassen wurden? Und wenn wir die Fabrik verteidigen m<\/em><em>\u00fc<\/em><em>ssen, brauchen wir nicht ein B<\/em><em>\u00fc<\/em><em>ndnis mit Ihnen? Da war mir klar, dass wir neue Arbeitspl<\/em><em>\u00e4<\/em><em>tze schaffen m<\/em><em>\u00fc<\/em><em>ssen, und zwar f<\/em><em>\u00fc<\/em><em>r die Arbeitslosen.<\/em><\/p>\n<p>Warum ist das Proletariat jene soziale Klasse, die dazu bestimmt ist, die soziale Revolution anzuf\u00fchren? Nicht einfach, weil Proletarier*innen unter Armut und Unterdr\u00fcckung leiden \u2013 au\u00dferhalb des Proletariats finden wir Schichten, die noch \u00e4rmer und unterdr\u00fcckter sind. Nein, das Proletariat ist die Klasse, die seine Partikularinteressen nur als die Universalinteressen aller Unterdr\u00fcckten durchsetzen kann. Anders gesagt: Das Proletariat kann sich nur selbst befreien, in dem es alle Unterdr\u00fcckten befreit.<\/p>\n<p><em>Das Proletariat <\/em><em>\u201e<\/em><em>kann und mu<\/em><em>\u00df<\/em><em> (<\/em><em>\u2026<\/em><em>)<\/em><em>\u00a0<\/em><em>sich selbst befreien. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben.\u201c (Karl Marx \/ Friedrich Engels: <\/em><a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me02\/me02_019.htm\"><em>Die Heilige Familie<\/em><\/a><em>.)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Not braucht die Arbeiter*innenklasse Solidarit\u00e4t, um zu \u00fcberleben. Unsere Klasse mag von allen m\u00f6glichen reaktion\u00e4ren Ideologien \u2013 Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie \u2013 verseucht sein. Aber unsere objektiven Interessen dr\u00e4ngen uns zu Solidarit\u00e4t. Das habe ich bei Zanon zum ersten Mal richtig verstanden.<\/p>\n<p>Und wenn eine Fabrik ohne Chefs funktioniert \u2013 warum sollten Industrien ohne Chefs nicht funktionieren? Oder eine ganze Welt? Dagegen wird eingewendet, Arbeiter*innen seien zu dumm, oder zu faul, oder zu desinteressiert. Aber erst wenn Menschen Verantwortung f\u00fcr ihre Lebensumst\u00e4nde \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, werden wir lernen, wozu wir alles f\u00e4hig sind. Erst da lernen wir, wie wir solidarisch handeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr steht Zanon. Und dieses Beispiel inspiriert mich als Marxist*in fast 15 Jahre sp\u00e4ter immer noch.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/zanon-ist-ein-kleines-beispiel-dafuer-dass-der-sozialismus-moeglich-ist-erinnerungen-von-wladek-flakin\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 1. Dezember 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 15 Jahren steht die Keramikfabrik Zanon im argentinischen Neuqu\u00e9n unter Selbstverwaltung der Arbeiter*innen. Wladek Flakin besuchte vor vielen Jahre Zanon, um diese <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,29,87,71,17],"class_list":["post-1687","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-lateinamerika","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1687","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1687"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1687\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1689,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1687\/revisions\/1689"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}