{"id":1728,"date":"2016-12-11T10:56:31","date_gmt":"2016-12-11T08:56:31","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1728"},"modified":"2016-12-11T10:56:31","modified_gmt":"2016-12-11T08:56:31","slug":"fidel-castro-aus-seinen-erfolgen-und-fehlern-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1728","title":{"rendered":"Fidel Castro: Aus seinen Erfolgen und Fehlern lernen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fidel Castro ist ein Vorbild f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r Millionen, nicht nur, weil er ma<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>geblich dazu beitrug Kuba von der Diktatur zu befreien, auch sein Einsatz im Kampf gegen Armut und Kapitalismus werden weltweit geehrt. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Doch die Grenzen und Fehler seiner Version des Sozialismus schr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>nken seinen Vorbildcharakter ein.<\/strong><\/p>\n<p>Fidel Castro war nach allen Ma\u00dfst\u00e4ben eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit. Noch als gebrechlicher Mann blieb er in Lateinamerika eine popul\u00e4re Figur, sogar unter j\u00fcngeren Menschen, die die aufr\u00fcttelnden Ereignisse der kubanischen Revolution von 1959 nicht erlebt hatten. Vor der Revolution war Kuba der Inbegriff der schlimmsten Ausw\u00fcchse des Kolonialismus. Den Erfolg seines Befreiungskriegs gegen Spanien Ende des 19. Jahrhunderts kassierten die USA, die sich sofort daran machten, die Verfassung des unabh\u00e4ngigen Landes in ihrem Sinne umzuschreiben.<\/p>\n<p>Kubas Zucker diente fortan dazu, die Staatss\u00e4ckel ihrer neuen imperialistischen Herren zu f\u00fcllen, w\u00e4hrend seine Kultur \u2013 die authentische, nicht verstummen wollende Stimme der Sklaven \u2013 seines Inhalts beraubt und den Touristen als Folklore dargeboten wurde.<\/p>\n<p><strong>David gegen Goliath<\/strong><\/p>\n<p>Damit war am 1. Januar 1959 Schluss, als die ihrer globalen Herrschaft so sicheren Vereinigten Staaten von dieser kleinen Insel in der Karibik zur gro\u00dfen Genugtuung aller besetzten L\u00e4nder und Befreiungsbewegungen weltweit erfolgreich herausgefordert wurde. Der Gigant stand anscheinend auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Castro weigerte sich standhaft zu kapitulieren. Allen Erpressungsversuchen trotzte er. Seine Unnachgiebigkeit und die Ineffektivit\u00e4t ihrer sechs Jahrzehnte dauernden Blockade lie\u00df seine Feinde, Republikaner wie Demokraten, fassungslos in Rage geraten.<\/p>\n<p>Die von den USA gesteuerte Invasion in der Schweinebucht im Fr\u00fchjahr 1961 wurde durch kollektiven Widerstand vereitelt. Die Raketenkrise von 1962 machte der F\u00fchrung in Havanna allerdings klar, dass die Unterst\u00fctzung seitens der Sowjetunion an Bedingungen gekn\u00fcpft war und dass Kuba nur eine Bauernfigur im globalen Machtkampf darstellte.<\/p>\n<p><strong>Wendepunkt der kubanischen Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Eine kurze \u00dcbergangszeit der Distanzierung von Moskau und der Hinwendung zu den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, von Lateinamerika bis nach Vietnam, stellte die radikalste Phase der Revolution dar. Es war die Zeit, als Kuba in der Symbolfigur Che Guevaras den Aufstand der Unterdr\u00fcckten weltweit inspirierte.<\/p>\n<p>Guevaras Tod im Oktober 1967 steht jedoch f\u00fcr einen Wendepunkt in der Revolution. In Peru, Guatemala, auch in Venezuela, waren Versuche, die kubanische Erfahrung zu wiederholen, kl\u00e4glich gescheitert. Castro, der sich schon immer zuerst um das \u00dcberleben des unter der erdr\u00fcckenden Last der Totalblockade schw\u00e4chelnden Landes gesorgt hatte, kehrte der Guerillastrategie den R\u00fccken.<\/p>\n<p>Das Jahr 1969, als die Zuckerernte die illusorische Zielmarke von zehn Millionen Tonnen verfehlte, markierte diese Wendung. Kuba geriet nun endg\u00fcltig in die Umarmung Moskaus und identifizierte sich fortan mit dessen Strategie von Dritte-Welt-B\u00fcndnissen und Kompromissen. Als Castro 1971 Chile besuchte, um dem neugew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Salvador Allende zu seinem parlamentarischen Weg zum Sozialismus zu gratulieren, wurde er von den zuk\u00fcnftigen Anh\u00e4ngern Pinochets mit Stra\u00dfenprotesten und Topfschlagen empfangen.<\/p>\n<p><strong>Welcher Sozialismus?<\/strong><\/p>\n<p>Castro, von der politischen Herkunft her Radikalnationalist, bezeichnete die kubanische Revolution erst nach der Schweinebucht-Invasion als sozialistisch. Seine Verk\u00fcndung war das Eingest\u00e4ndnis der wirtschaftlichen Abh\u00e4ngigkeit Kubas von der Sowjetunion und auch der zentralen Rolle, die die bald neu zu gr\u00fcndende Kommunistische Partei zuk\u00fcnftig spielen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In diesem Kontext verstand man unter \u201eSozialismus\u201c einen nach sowjetischem Muster stark zentralisierten Staat. Das entsprach sowohl Castros als auch Guevaras Vorstellung davon, wie Revolutionen siegen: durch die Aktion kleiner, opferbereiter Kadergruppen, die stellvertretend f\u00fcr die Massen handeln.<\/p>\n<p>Den Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei im Jahr 1968 begr\u00fc\u00dfte Castro \u2013 ein weiterer klarer Beleg f\u00fcr Kubas Abh\u00e4ngigkeit von der Sowjetunion und den Charakter des kubanischen Staats nach Guevaras Tod. Nur im s\u00fcdlichen Afrika wagte das Land eine offensivere internationale Politik.<\/p>\n<p><strong>Antiimperialistischer Ruf<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der 1970er Jahre spielten die kubanischen Streitkr\u00e4fte eine Schl\u00fcsselrolle bei der Niederschlagung rechter Aufst\u00e4nde, was Castros antiimperialistischen Ruf st\u00fctzte. Es ist nicht zu bezweifeln, dass sein Einschreiten das Ende der Apartheid beschleunigte. Am Horn von Afrika allerdings k\u00e4mpften kubanische Truppen auf der Seite von mit Russland verb\u00fcndeten Regierungen bei der brutalen Niederschlagung der dort k\u00e4mpfenden Befreiungsbewegungen.<\/p>\n<p>Fidel war aber nicht einfach ein williger Untergebener. Er setzte sein gro\u00dfes Charisma und seine Schlagkraft ein, auch um in Richtung Moskau Warnsch\u00fcsse abzufeuern, zugleich aber um seine pers\u00f6nliche Kontrolle \u00fcber den Staat zu festigen. Die Guerilla-Veteranen der \u00dcberfahrt auf dem Motorboot \u201eGranma\u201c nach Kuba im Jahr 1956, die das Batista-Regime gest\u00fcrzt hatten, bildeten in ihrer Mehrzahl die folgenden f\u00fcnf Jahrzehnte das Machtzentrum.<\/p>\n<p><strong>Fehlende Selbstemanzipation<\/strong><\/p>\n<p>Der Sozialismus Castros hatte wenig \u00c4hnlichkeit mit Marx\u2019 \u201eS<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/eine-andere-welt-ist-moeglich-wie-waers-mit-sozialismus\/\">elbstemanzipation der Arbeiterklasse<\/a>\u201e. Es war ein Kommando-Sozialismus nach dem Muster der Guerilla-Armee, die Fidel als Oberbefehlshaber angef\u00fchrt hatte. Zusammengehalten wurde er zum einen durch Fidels unanfechtbare Autorit\u00e4t und zum anderen durch die unerbittliche Feindschaft der USA, die nicht nur hunderte Male versucht hatten, ihn zu ermorden, sondern nicht davor zur\u00fcckscheuten, das kubanische Volk bis zur Unterwerfung hungern zu lassen.<\/p>\n<p>Das unter diesen schwierigen Bedingungen von den Revolution\u00e4ren aufgebaute System brachte ganz reale Verbesserungen mit sich. Die am meisten gefeierten waren das effiziente und universelle Gesundheitssystem und Bildungswesen. Ansonsten war das allt\u00e4gliche Leben \u2013 bereits vor dem Entzug der sowjetischen Hilfe und der daran anschlie\u00dfenden \u201eSonderperiode\u201c, die das Land in den 1990ern an den Rand der Katastrophe brachte \u2013 einfach karg.<\/p>\n<p><strong>Solidarit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>t und Opferbereitschaft<\/strong><\/p>\n<p>Dass es nicht zu einem vollst\u00e4ndigen Zusammenbruch kam, ist nur der kollektiven Solidarit\u00e4t und Opferbereitschaft zu verdanken, wobei es auch deutliche Zeichen tiefsitzender Unzufriedenheit gab, die sich in Blaumachen, Widerstand am Arbeitsplatz, Ern\u00fcchterung der Afrika-Veteranen und anderem \u00e4u\u00dferte. Viele der mit der Revolution verbundenen Hoffnungen waren entt\u00e4uscht worden. Zwar wurden die Grundbed\u00fcrfnisse gedeckt, aber Konsumg\u00fcter blieben Mangelware und jede Form des Dissens wurde hart bestraft.<\/p>\n<p>Die extreme Machtkonzentration (die Staatsorgane standen alle unter der Kontrolle einiger dutzend \u201ehistorischer\u201c F\u00fchrer um Castro) an der Spitze der Pyramide schloss jede sozialistische Demokratie aus. Politische Institutionen wurden auf allen Ebenen zentral gelenkt, lokale Organe wie die Komitees f\u00fcr die Verteidigung der Revolution hielten systematisch Ausschau nach Anzeichen von Dissens. Und gelegentlich, wenn die Unzufriedenheit zu lautstark wurde, wurden einfach tausende Kubaner, unter Begleitung tosender, sie als \u201eAbschaum\u201c beschimpfender Demonstrationen, nach Miami bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p><strong>Eingeschr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>nkt <\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>bertragbar<\/strong><\/p>\n<p>Es war relativ einfach, die Rufe nach Demokratie seitens der Kritiker im Lande als imperialistische Propaganda abzutun und nicht als legitimen Anspruch arbeitender Menschen, dass ein Sozialismus, der diesen Namen verdient, sie zu Subjekten der eigenen Geschichte erheben m\u00fcsste. \u00d6ffentliche Informationen lagen nur in der unzug\u00e4nglichen Gestalt der Staatszeitung Granma vor, und die staatlichen Institutionen waren auf allen Ebenen kaum mehr als Kommunikationskan\u00e4le zur Verk\u00fcndung der Entscheidungen der F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Eine abgeschottete, nur sich selbst rechenschaftspflichtige B\u00fcrokratie mit privilegiertem Zugang zu den knappen Waren und Dienstleistungen einer schmalbr\u00fcstigen Wirtschaft versank zunehmend in Korruption. Castros gelegentliche Aufrufe zur \u201eBesserung\u201c lie\u00dfen einige problematische Individuen \u00fcber die Klinge springen, ohne aber das System anzutasten.<\/p>\n<p>Kuba \u00fcberlebte dennoch, nicht zuletzt dank Fidels scharfem politischem Instinkt und seiner Bereitschaft, nach dem Fall Osteuropas neue Verb\u00fcndete wo nur m\u00f6glich zu finden. Aber auch wenn lateinamerikanische Politiker wie Rafael Correa oder Evo Morales Castros Verm\u00e4chtnis feieren, k\u00f6nnen die neuen antikapitalistischen Bewegungen seit der Jahrtausendwende mit ihrer Betonung auf Demokratie und Beteiligung nicht viel von Kuba lernen.<\/p>\n<p><strong>Kein Sozialismus ohne Demokratie<\/strong><\/p>\n<p>Denn in Wirklichkeit lebte die Insel eine \u00e4u\u00dferst autorit\u00e4re Interpretation des Sozialismus aus, die lange Zeit die Unterdr\u00fcckung von Schwulen duldete, jede Kritik von sich wies und schlie\u00dflich im heutigen kubanischen Regime m\u00fcndete, in dem eine Clique von B\u00fcrokraten und Milit\u00e4rkommandeuren die Wirtschaft managen und kontrollieren. Sie werden es sein, die von Kubas Wiedereintritt in den Weltmarkt profitieren werden, nicht die Mehrheit der Kubaner.<\/p>\n<p>Fidel erkrankte im Jahr 2006 und meldete sich seitdem kaum noch \u00f6ffentlich. Sein Tod wird quer durch die dritte Welt betrauert, weil Kuba so lange Zeit die M\u00f6glichkeit der Befreiung vom imperialistischen Joch symbolisierte. Der Staat, den Castro aufbaute, ermahnt uns jedoch, dass der Sozialismus, ein wirklicher Sozialismus, einer tiefen und radikalen Demokratie bedarf.<\/p>\n<p><em>Zuerst erscheinen auf jacobinmag.com. Aus dem Englischen von David Paenson.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/fidel-castro-aus-seinen-erfolgen-und-fehlern-lernen\/\">diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 10. Dezember 2016<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fidel Castro ist ein Vorbild f\u00fcr Millionen, nicht nur, weil er ma\u00dfgeblich dazu beitrug Kuba von der Diktatur zu befreien, auch sein Einsatz im Kampf gegen Armut und Kapitalismus werden weltweit geehrt. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[18,71,17],"class_list":["post-1728","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-imperialismus","tag-lateinamerika","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1728"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1728\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1729,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1728\/revisions\/1729"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}