{"id":1730,"date":"2016-12-12T09:52:30","date_gmt":"2016-12-12T07:52:30","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1730"},"modified":"2016-12-12T09:54:19","modified_gmt":"2016-12-12T07:54:19","slug":"rifondazione-comunista-als-proletarisches-trauerspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1730","title":{"rendered":"Rifondazione Comunista als proletarisches Trauerspiel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor 25 Jahren wurde der Partito della Rifondazione Comunista gegr<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ndet. Die Frage mitregieren oder nicht besch<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ftigt momentan die Mitglieder der Linkspartei. Das Thema <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>Rot-Rot-Gr<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>n<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong> ist derzeit in aller Munde.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> Was daran gut sein soll oder vielmehr schlecht sein wird, ist Gegenstand der Podiumsdiskussion der kommenden <\/strong><a href=\"http:\/\/www.rosa-luxemburg-konferenz.de\/\"><strong>Rosa-Luxemburg-Konferenz im Januar<\/strong><\/a><strong>. Dass Mitregieren in der Regel den eigenen Untergang beschleunigt, vermag auch das Beispiel der italienischen Partei der kommunistischen Neugr\u00fcndung zu zeigen. <\/strong><strong>\u00dc<\/strong><strong>ber den traurigen Niedergang der italienischen Arbeiterbewegung. Ein Nachruf.<\/strong><\/p>\n<p><em>Stefano G. Azzar<\/em><em>\u00e0.<\/em> Als 1991 der Kalte Krieg endete, wurde auf dem 20. Parteitag auch das Kapitel der siebzig Jahre des Partito Comunista Italiano (PCI) beschlossen. Im selben Jahr jedoch entstand auf Initiative einiger ma\u00dfgeblicher Exponenten \u2013 vor allem dank der rechtzeitigen, im verborgenen stattfindenden Arbeit des Anf\u00fchrers der \u00bbprosowjetischen\u00ab Str\u00f6mung innerhalb des PCI, Armando Cossutta \u2013 die Bewegung und sp\u00e4ter dann die Partei der Kommunistischen Neugr\u00fcndung (Partito della Rifondazione Comunista, PRC). Diesem ersten Gr\u00fcnderkern, dessen Mitglieder sich bei aller unterschiedlichen Orien\u00adtierung doch zumindest auf die Mutterpartei beriefen, schloss sich bald ein kleiner Trupp von Anh\u00e4ngern der eher linksradikalen Democrazia Proletaria an.<\/p>\n<p>Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte dieser Partei detailliert zu rekonstruieren. Erinnert sei aber an die ersten, halb geheimen Zusammenk\u00fcnfte und an den aufgeregten Wahlkampf zu den Regionalwahlen in Sizilien, bei dem zum ersten Mal das Parteisymbol auftauchte und bei denen der PRC \u00fcberraschende sechs Prozent holte. Erinnert sei aber vor allem daran, dass der PRC es schaffte, die Zustimmung desjenigen Teils der W\u00e4hlerschaft des Ex-PCI zu erhalten, der sich nicht mit der Namens\u00e4nderung dieser Partei und noch viel weniger mit deren politischer Neuausrichtung abfinden wollte. Der PRC erreichte vor allem im industriellen Norditalien gute Ergebnisse (die in St\u00e4dten wie Mailand und Turin oberhalb der zehn Prozent lagen). Damit l\u00e4sst sich zeigen, dass eine Linke, die sich nicht dem Zeitgeist angepasst hatte, bei Lohnarbeitern und Teilen der Mittelschicht noch eine Chance hatte.<\/p>\n<p>25 Jahre sp\u00e4ter und nachdem er sich direkt oder indirekt an den beiden seitherigen Mitte-links-Regierungen beteiligt und unz\u00e4hlige Koalitionen auf lokaler Ebene unterst\u00fctzt hat, ist der PRC heute im Grunde genommen verschwunden. Mitverantwortlich f\u00fcr unpopul\u00e4re Entscheidungen, die mit der Notwendigkeit begr\u00fcndet wurden, einen inexistenten \u00bbBerlusconi-Faschismus\u00ab zu stoppen, aber zugleich den Klassenunterschied vergr\u00f6\u00dferten, verlor er Mitglieder und Sympathisanten und war nicht mehr in der Lage, sich zu den Wahlen autonom, mit eigenem Namen und eigenem Symbol aufzustellen. Sp\u00e4testens seit 2008, als die Partei mangels Zustimmung aus dem Parlament flog, konnte sie nicht mehr konstruktiv agieren und war von den politischen und kulturellen Debatten des Landes fortan ausgeschlossen. Der Partito Democratico della Sinistra (PDS) ging 1991 aus dem Partito Comunista Italiano hervor und verstand sich als moderate Linkspartei. 1998 entstanden die Democratici di Sinistra als Zusammenschluss des PDS mit einigen kleineren Linksgruppen, wie den Christsozialen, der Arbeiterpartei und den Vereinigten Kommunisten. Im Oktober 2007 gr\u00fcndete sich der Partito Democratico als Vereinigung von DS und der Partei La Margherita \u2013 einer Nachfolgepartei der ehemaligen christdemokratischen Regierungspartei Democrazia Cristiana. Dieser Paolo Ferrero besitzt heute, nachdem er stets ein Zusammengehen mit PDS-DS-PD<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> bef\u00fcrwortet hatte und w\u00e4hrend der zweiten Regierung Prodi zum Minister f\u00fcr Nichts (n\u00e4mlich \u00bbf\u00fcr soziale Solidarit\u00e4t\u00ab) ernannt worden war, nicht mehr die notwendige Glaubw\u00fcrdigkeit, zu den Volksklassen zu sprechen und vermag keinen rechten Daseinsgrund mehr f\u00fcr die eigene politische Organisation anzugeben.<\/p>\n<p><strong>Anh<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ngsel von Mitte-links <\/strong><\/p>\n<p>Warum nahm die Entwicklung der Partei diesen Verlauf? Wie war es m\u00f6glich, dass der gesamte Reichtum an Ideen, an Leidenschaft und Engagement, zusammengetragen von Frauen und M\u00e4nnern, die sich in der Tradition der historischen Arbeiterbewegung sahen, in relativ kurzer Zeit so sch\u00e4ndlich und gleichg\u00fcltig vergeudet wurde? Wie, dass dieser Reichtum in mehrere Teile zerbrach, mit denen sich nichts mehr anfangen lie\u00df?<\/p>\n<p>Eine eindeutige Verantwortlichkeit existiert nicht. Die objektive Situation, gekennzeichnet durch eine historische Niederlage der subalternen Klassen, war so hoffnungslos, dass die Herausforderung des Wiederaufbaus einer kommunistischen Partei am Ende des 20. Jahrhunderts auch mit den besten Absichten zu ambiti\u00f6s gewesen w\u00e4re. Ein aussichtsloses Unterfangen also. Doch ebenso richtig ist eine auf das Gegenteil zielende Frage: Wie konnte sich eine politische Kraft, die zu keiner Zeit bedeutsame Neuerungen hervorgebracht hat, 20 Jahre lang auf den Lorbeeren des historischen Kommunismus ausruhen? Die Wahrheit ist, die kommunistische Tradition in Italien war so verwurzelt, dass auch dieses halbe Wunder m\u00f6glich war. So sehr, dass wir unter gewissen Gesichtspunkten in diesem Land erst heute die Folgen des Falls der Berliner Mauer vollumf\u00e4nglich erleben.<\/p>\n<p>Es gibt da einen weiteren objektiven Aspekt, der zu ber\u00fccksichtigen ist: die fortschreitende Machtkonzentration der Exekutive zum Nachteil der Parlamente und der Repr\u00e4sentation, die sich in ganz Europa beobachten lie\u00df und die schon bald Formen eines bis dahin unbekannten postmodernen Bonapartismus annehmen w\u00fcrde. Dieser Prozess verfestigte sich in Italien nicht in der \u00c4ra des Dezisionismus, wie er von Bettino Craxi, dem Anf\u00fchrer des Partito Socialista Italiana, betrieben wurde, sondern gegen diesen mit der Einf\u00fchrung des Mehrheitswahlrechts 1991. Das hei\u00dft, mit der Beseitigung des reinen Verh\u00e4ltniswahlrechts, das seit 1946 das politische Feld in Italien geordnet hatte. Daran tr\u00e4gt der PDS, hervorgegangen aus der Asche des PCI, ma\u00dfgeblich Verantwortung. Denn er brachte ein Referendum f\u00fcr das Mehrheitswahlrecht auf den Weg, mit dem die Exkommunisten sich der Mittel des Subversivismus der herrschenden Klassen Italiens<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> bedienten und die Parteien des Zentrums zum B\u00fcndnis zwangen, weil sie darin den k\u00fcrzesten Weg zur Machterlangung in einem im wesentlichen moderaten Land sahen. Diese Umst\u00e4nde haben daf\u00fcr gesorgt, dass Rifondazione Comunista zum linken Fl\u00fcgel von Mitte-links werden konnte, noch bevor die Partei ein eigenes Programm ausgearbeitet hatte. Sie geriet damit zu einer politischen Kraft, die aus systemischen Gr\u00fcnden dazu verdammt war, immerzu die \u00bbradikale\u00ab Flanke im B\u00fcndnis mit der gem\u00e4\u00dfigten Linken abzudecken, mithin ohne substantielle Autonomie blieb und andernfalls untergegangen w\u00e4re. Sie begann sich genau in dem Moment aufzul\u00f6sen, als Walter Veltroni mit der Gr\u00fcndung des PD der Phase der Zusammenarbeit auf nationaler Ebene ein Ende setzte.<\/p>\n<p><strong>Glaube und Ablehnung <\/strong><\/p>\n<p>Wenngleich unerl\u00e4sslich, reichen diese Erw\u00e4gungen doch nicht hin. Sie w\u00e4ren gar tr\u00f6stlich, wenn man vor den subjektiven Aspekten der Geschichte die Augen verschl\u00f6sse. Das Profil des Partito della Rifondazione Comunista war von der Gr\u00fcndung an n\u00e4mlich nur \u00e4u\u00dferst schwach ausgepr\u00e4gt, es fehlten Fundament und Perspektiven. Im PRC kamen zun\u00e4chst die am st\u00e4rksten ideologisierten Erben des PCI zusammen \u2013 einer Partei, deren Geschichte auch deshalb ruhmreich genannt werden muss, weil sie die moderne Demokratie in Italien mit dem Blut ihrer Partisanen im Krieg gegen die Faschisten &#8230; bei Kriegsende aufgebaut hatte. Zugleich jedoch eine Partei, die zu verschiedenen Zeiten blo\u00df dem Namen nach eine kommunistische war. Denn sie verband sich in vielerlei Hinsicht mit der Idee, derzufolge sich der soziale Fortschritt einzig und allein auf die Modernisierung des heimischen Kapitalismus zu reduzieren habe, eines Kapitalismus, der vor seiner eigenen zerst\u00f6rerischen und parasit\u00e4ren Natur zu sch\u00fctzen sei. Ein solch falsch verstandener nationaler Verantwortungssinn, mit dem diese Modernisierung durch die Opfer der unteren Klassen und durch Zur\u00fcckhaltung bei den Lohnforderungen realisiert wurde, war einem vorherrschend falschen Bewusstsein bei den Kadern von Partei und Gewerkschaft geschuldet und verdichtete sich unter den Funktion\u00e4ren der mittleren Parteiebene allzu leicht zur unausgesprochenen Geschichtsphilosophie. Wie bereits im 19. und in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts war man \u00fcberzeugt, auf der Seite der Vernunft zu stehen, und davon, dass eine immanente Notwendigkeit fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu einer gerechteren und gleichen Gesellschaft f\u00fchren werde, was auch immer die zuf\u00e4lligen Entscheidungen der Parteikirche seien.<\/p>\n<p>Wer von der Tradition des PCI herkommt, hatte, so l\u00e4sst sich sagen, schon mit der Muttermilch eine Haltung aufgenommen, die auf Schadensbegrenzung aus war. Diese Mentalit\u00e4t strebte stets das angeblich kleinere \u00dcbel in der Angst an, dass alle Alternativen schlechter sein k\u00f6nnten, w\u00e4hrend das \u00bbGro\u00dfe und Gute\u00ab lediglich vage und unbestimmt in den Predigten der sonnt\u00e4glichen Versammlungen aufschien \u2013 ein Realismus, der zum Surrealismus wurde.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den ehemaligen PCI-Mitgliedern standen innerhalb des PRC die \u00bblibert\u00e4ren\u00ab Erben der Neuen Linken aus der Zeit zwischen 1968 und 1977 und damit der Phase jener gro\u00dfen Modernisierung der italienischen Gesellschaft, die nach den Jahren des \u00f6konomischen Booms vonstatten ging. Sie erfolgte im Kampf gegen die rigiden famili\u00e4ren und sozialen Hierarchien des agrarischen und patriarchalischen Italiens sowie durch den \u00dcbergang von einer strengen, dem Konsum feindlich gegen\u00fcberstehenden Moral zu einer dem Zeitalter der Massenproduktion angemessenen liberalen. Diese Modernisierung trat lange im Gewand einer ultraradikalen Revolution auf, deren Anh\u00e4nger die \u00bbb\u00fcrgerliche\u00ab Natur des prosowjetischen Kommunismus im Namen eines vom Maoismus inspirierten egalit\u00e4ren Ideals angriffen, die allerdings nichts als imaginiert war. Damit aber wurde der moderne Begriff von Freiheit, die auf politischem Terrain bewusst, kollektiv und organisiert anzustreben war, abgel\u00f6st durch einen postmodernen, der sich auf die Forderung nach b\u00fcrgerlichen Rechten und in der beliebigen Wahl von Lifestyle und Konsum beschr\u00e4nkte, mithin Freiheit zur Privatangelegenheit degradierte.<\/p>\n<p>Diese Str\u00f6mung innerhalb des PRC war ziemlich nah an dem, was Ernst Bloch den \u00bbW\u00e4rmestrom\u00ab des Marxismus nannte, allerdings mit einem ausgepr\u00e4gten Hang zur Poesie und zur phantastischen Vorstellung von \u00bbneuen Subjekten\u00ab und einer neuen \u00bbMultitude\u00ab (Antonio Negri). Hinzu kam die f\u00fcr die auf Bewegungen Fixierten so typische Neigung, allem, was gesellschaftlich raschelt und hustet, hinterherzujagen, ohne je die Sache materialistisch zu analysieren. Diese Str\u00f6mung verf\u00fcgte \u00fcber ein d\u00fcrftiges Konzept und zeichnete sich durch eine stumpfsinnige Ablehnung des Marxismus aus, der als dogmatische und \u00f6konomistische Ideologie denunziert wurde und von dem es hie\u00df, er wisse mit den neuen gesellschaftlichen Fragestellungen (Feminismus, Jugendfrage, \u00d6kologie) nichts anzufangen. Den Marxismus tauschten sie gegen einen dilettantischen Synkretismus, der sich als veredelter \u00bbPluralismus\u00ab und als \u00bbHybridisierung\u00ab ausgab. So entstand ein Palimpsest, in dem der konstitutive Auftrag von der Verteidigung der Arbeit schrittweise durch einen radikalen Eigensinn im Namen der absoluten individuellen Begehrlichkeiten und Freiheiten ersetzt und der Charakter einer Linken postmodern und losgel\u00f6st bestimmt. Eine solche Linke war dann bereit zum opportunistischen Kompromiss, weil sie die Momente der neoliberalen passiven Revolution als tats\u00e4chlich revolution\u00e4r umdeutete. Genannt seien zum Beispiel die Demontage des Wohlfahrtsstaates und die gleichzeitige Ausdehnung des terti\u00e4ren Sektors, die als Absterben des Staates und als Unabh\u00e4ngigkeit der Zivilgesellschaft gepriesen wurden.<\/p>\n<p><strong>Eine emblematische Figur <\/strong><\/p>\n<p>Nicht, dass diese beiden Str\u00f6mungen des PRC nichts miteinander zu tun haben wollten. Im Gegenteil. Mehrere Male vereinigten sie sich aus Gr\u00fcnden machttaktischer Erw\u00e4gungen, vollzogen allerdings auch zahllose Kehrtwenden und Spaltungen, trugen Fehden aus oder schlossen Allianzen. Auf diese Weise aber ergab sich nicht mehr, sondern weniger als die Summe ihrer Teile. Man war vereint im programmatischen Mangel einer politischen und kulturellen Autonomie, dessen Verk\u00f6rperung Fausto Bertinotti abgab. Wie Gorbatschow f\u00fcr Russland war er, von Cossuttas PRC als Sekret\u00e4r eingesetzt, f\u00fcr das unr\u00fchmliche Ende des Kommunismus in Italien die geradezu emblematische Figur.<\/p>\n<p>Angesichts eines wachsenden Unbehagens unter den schw\u00e4chsten Gesellschaftsschichten zog es Bertinotti vor, an den n\u00e4chtlichen Festen des bessergestellten B\u00fcrgertums auf den D\u00e4chern Roms teilzunehmen. In seinem Narzissmus erschien ihm das politisch vorteilhaft. Vor allem aber z\u00f6gerte Bertinotti nicht, die eigene Partei auf dem Altar einer \u00bbradikalen\u00ab, postmodernen und definitiv postkommunistischen Linken zu opfern. Diese Wende verstand er als gro\u00dfes Projekt der \u00bbModernisierung\u00ab, die, indem sie die Sozialdemokratie verdr\u00e4ngte, das nationale und sogar internationale politische Feld h\u00e4tte ver\u00e4ndern sollen (nicht unwichtig und nicht zuf\u00e4llig war seine Rolle bei der Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Linken). Er war es, der der italienischen Linken vor dem Hintergrund einer bonapartistischen politischen Praxis einen zutiefst antidemokratischen Geist einimpfte. Tats\u00e4chlich begannen mit Bertinotti in dem PRC Experimente mit einigen typischen Elementen der Postdemokratie, die daraufhin auch von anderen politischen Kr\u00e4ften \u00fcbernommen wurden: von der Auswahl der F\u00fchrungskader durch das US-amerikanische System der Primaries bis hin zu einer Parteif\u00fchrung, die sich nicht mehr durch die Synthese der verschiedenen Str\u00f6mungen definierte, sondern durch den Willen des Chefs und dessen h\u00f6fisch gehorsamen Anh\u00e4ngern.<\/p>\n<p>Von der Mitte der 90er Jahre bis 2008 durchzog den PRC ein scharfer interner Kampf. Aus diesem Konflikt, der ohne Pardon gef\u00fchrt wurde, ging der Partito della Rifondazione Comunista \u2013 trotz der M\u00fchen einiger Str\u00f6mungen wie jener, die sich um die Zeitschrift <em>l\u2019Ernesto<\/em> gruppierte \u2013 reichlich ramponiert hervor. Die Partei erwies sich auf diese Weise als ein kleines Laboratorium f\u00fcr jene unheilvolle Rechtswende, die in der Zwischenzeit das ganze Land erfasst hatte und f\u00fcr die dann die Mitte-links-Kr\u00e4fte nicht weniger verantwortlich waren als jene Silvio Berlusconis.<\/p>\n<p>Nach ihm dann das Nichts: Indem sie sich uneingeschr\u00e4nkt mit ihrem charismatischen F\u00fchrer identifizierte, begann sich Rifondazione in dem Moment aufzul\u00f6sen, als Bertinotti seinen Posten als Pr\u00e4sident der Abgeordnetenkammer verlie\u00df. Zwar verharrt er weiterhin in der Partei, scheint aber nichts aus den eigenen katastrophalen Erfahrungen gelernt zu haben. Das zeigt seine mehrfach demonstrierte Unf\u00e4higkeit, den historischen Bruch, der sich mit der Systemniederlage von 1989\/91 ereignete, anzuerkennen. Den negiert er (der reale Sozialismus war nichts Anderes als \u00bbTotalitarismus\u00ab, und dessen Kollaps betrifft uns nicht) oder kompensiert ihn durch Phantasien, die eine bevorstehende Linkswende der europ\u00e4ischen V\u00f6lker beschw\u00f6ren. Bertinotti hat den Zusammenhang zwischen dem internationalen und dem nationalen Klassenkonflikt nie begriffen, und folglich auch nicht den Zusammenhang zwischen dem Ende der UdSSR und dem Sieg des Neoliberalismus im Westen: Immer hat er daher die Globalisierung als m\u00f6glichen idealen Anbruch einer \u00bbanderen Welt\u00ab ausgelegt, ohne zu sehen, dass sie beileibe nicht das universelle Bauwerk der Gattung Mensch war, sondern einzig das Hegemonieprojekt f\u00fcr ein amerikanisches 21. Jahrhundert. Ausgehend von \u00e4hnlichen Fehl\u00fcberlegungen identifiziert der PRC den Prozess kontinentaler Ann\u00e4herungen, der zur Herausbildung eines einheitlichen europ\u00e4ischen Raums f\u00fchren k\u00f6nnte und der an sich progressiv w\u00e4re, unkritisch mit den politischen und \u00f6konomischen Institutionen der EU. Es sei in deren Inneren m\u00f6glich, zusammen mit solchen Kr\u00e4ften wie Syriza und Podemos sowie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit einer \u00bbreformierten\u00ab Sozialdemokratischen Partei Europas einen Reformweg einzuschlagen von dem man glaubt, er f\u00fchre zu einem \u00bbanderen Europa\u00ab, das aber in Wahrheit unauffindbar ist.<\/p>\n<p><strong>Langwieriger Neuanfang <\/strong><\/p>\n<p>Diese Haltung teilt der PRC mit seiner Zwillingspartei, mit dem nostalgischen, in nicht geringeren Schwierigkeiten steckenden PdCI. Die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, beg\u00fcnstigt die Hegemonie der Rechten enorm. Die strukturelle Krise hat die Mittelschichten getroffen, die, verarmt und verunsichert, der Unternehmens- und Finanzbourgeoisie, aber auch dem kulturellen, akademischen und medienpr\u00e4senten B\u00fcrgertum das politische Mandat aufgek\u00fcndigt haben und nun glauben, die Dinge selbst richten zu k\u00f6nnen. Den S\u00fcndenbock erblicken sie in den Migranten und im vagen Begriff von \u00bbEstablishment\u00ab, die L\u00f6sung in den Rezepten von Autarkie und Protektionismus. Daher haben in Italien wie in allen anderen L\u00e4ndern Europas die reaktion\u00e4rsten Kr\u00e4fte innerhalb der herrschenden Klassen leichtes Spiel. Sie sind dadurch in der Lage, sich hinter dem \u00bbpopulistischen\u00ab Konzept einer \u00dcberwindung der politischen Kategorien von links und rechts zu verstecken, sich als das Neue auszugeben und sich die Unzufriedenheit und die Wut des Kleinb\u00fcrgertums zunutze zu machen. Unter diesen Umst\u00e4nden ist die Unterwerfungsbereitschaft der Kommunisten unter die Weltauffassung einer liberalen Linken, die zugleich eine imperiale und neokoloniale Linke ist \u2013 man denke an die Kriminalisierung des Nationalstaats, den Export von \u00bbDemokratie und Menschenrechten\u00ab verm\u00f6ge des Krieges, den Primat der negativen Freiheit gegen\u00fcber der positiven und gegen\u00fcber den Grundrechten \u2026 \u2013 der sicherste Weg, endg\u00fcltig hinweggefegt zu werden.<\/p>\n<p>Man wird dagegen zur Kenntnis zu nehmen haben, dass die Zeit der modernen Demokratie, also jenes historischen Regimes, das die politischen Rechte mit den \u00f6konomischen und sozialen Rechten vereinte, f\u00fcr immer vorbei ist. Durch die Niederlage der lohnabh\u00e4ngigen Klasse ist die Einheit der Arbeitswelt, die die Voraussetzung des sozialen Ausgleichs der europ\u00e4ischen Gesellschaften wie der Demokratie war, zertr\u00fcmmert worden. Damit begann eine neue Phase, in der die Privatisierung des Sozialstaates begleitet wurde von einer vollst\u00e4ndigen Neubestimmung der Machtstrukturen und der Regierungs- bzw. Verwaltungskompetenzen auf nationaler und supranationaler Ebene. Noch haben wir nichts von dem gesehen, was sich noch ereignen k\u00f6nnte, und angesichts der dramatischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse, die eine weitere Offensive der herrschenden Klassen nahelegen, gibt es keine Abk\u00fcrzungen mittels Wahlen, die eine strukturelle Krise verschleiern k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Vereinen, was getrennt war, die Arbeitswelt auf der Basis eines fortschrittlichen und autonomen Projekts wieder zusammenf\u00fchren, die Wiederherstellung einer Widerstandsfront der unteren Klassen: Dies w\u00e4re heute die Aufgabe der Linken und der Kommunisten, so sehr sie auch zurzeit in etliche Splitter zerfallen sein m\u00f6gen. Um das zu erreichen, wird es notwendig sein, unter ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden und in neuen Formen denselben Weg einzuschlagen, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts beschritten wurde. Das bedeutet, anders gesagt, ein unterirdisches und verborgenes kulturelles, politisches wie gewerkschaftliches Engagement in den wichtigsten gesellschaftlichen Bereichen in Gang zu setzen, das Jahrzehnte dauern wird. Wohlwissend, dass im Rahmen einer Strategie des R\u00fcckzugs die Taktik eine ganz andere sein muss als jene \u00bbhegemoniale\u00ab w\u00e4hrend einer Aufstiegsphase. Und weil es nicht an uns ist, die Prozesse zu lenken, w\u00e4re jeder Kompromiss, der von der Unnachgiebigkeit abweicht \u2013 soll hei\u00dfen von der Notwendigkeit einer grundlegenden Neubestimmung dessen, was heute \u00bblinks\u00ab ist, indem man sich von der Mentalit\u00e4t des \u00bbkleineren \u00dcbels\u00ab klar abgrenzt \u2013 mitnichten gleichzusetzen mit taktischem Geschick oder Verantwortungsethik, sondern schlicht mit Unterw\u00fcrfigkeit. Damit machte man sich angesichts der neoliberalen Hegemonie zum Komplizen einer b\u00fcrgerlichen Restauration und wehrlos gegen\u00fcber dem Rechtspopulismus.<\/p>\n<p>Aber auch diese Anstrengung wird zu nichts f\u00fchren, wenn es letztlich nicht gelingt, den Begriff der Moderne neu zu interpretieren. Das hei\u00dft, von neuem jenes Versprechen des umfassenden Wohls und des Reichtums f\u00fcr alle zu verk\u00f6rpern, ohne das die Kommunisten und Linken \u2013 im Unterschied zu dem, was in anderen Weltregionen geschieht, in denen der Sozialismus zum Gl\u00fcck noch immer der Name ist, der eine neue Welt verhei\u00dft \u2013 f\u00fcr immer als historische Relikte erachtet werden.<\/p>\n<p><em>Aus dem Italienischen \u00fcbersetzt von Daniel Bratanovic.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle:\u00a0<\/em><cite><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Quelle: <\/span><\/span><\/cite><cite><span lang=\"FR-CH\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/12-12\/056.php%20vom%2012\"><span lang=\"DE-CH\"><span style=\"color: #0000ff;\">Junge Welt&#8230;<\/span><\/span><\/a><\/span><\/cite><cite><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">. vom 12. Dezember 2016<\/span><\/span><\/cite><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Der Partito Democratico della Sinistra (PDS) ging 1991 aus dem Partito Comunista Italiano hervor und verstand sich als moderate Linkspartei. 1998 entstanden die Democratici di Sinistra als Zusammenschluss des PDS mit einigen kleineren Linksgruppen, wie den Christsozialen, der Arbeiterpartei und den Vereinigten Kommunisten. Im Oktober 2007 gr\u00fcndete sich der Partito Democratico als Vereinigung von DS und der Partei La Margherita \u2013 einer Nachfolgepartei der ehemaligen christdemokratischen Regierungspartei Democrazia Cristiana.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Als \u00bbSubersivismus\u00ab der herrschenden Klassen bestimmte der italienische Marxist Antonio Gramsci die Neigung dominanter gesellschaftlicher Gruppen, bestimmte Regeln und demokratische Prozeduren zu missachten, um Minderheiten zu unterdr\u00fccken und die eigenen Machtpositionen zu verteidigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren wurde der Partito della Rifondazione Comunista gegr\u00fcndet. Die Frage mitregieren oder nicht besch\u00e4ftigt momentan die Mitglieder der Linkspartei. 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