{"id":1764,"date":"2016-12-19T17:54:12","date_gmt":"2016-12-19T15:54:12","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1764"},"modified":"2016-12-19T17:54:12","modified_gmt":"2016-12-19T15:54:12","slug":"wieso-antirassismus-immer-auch-antikapitalistisch-sein-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1764","title":{"rendered":"Wieso Antirassismus immer auch antikapitalistisch sein muss"},"content":{"rendered":"<p><em>BFS Z<\/em><em>\u00fc<\/em><em>rich<\/em><strong>. Die folgenden Ausf<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>hrungen versuchen der stark ideologisch aufgeladenen Diskussion um Rassismus eine materialistische Grundlage zu geben, von welcher aus einige institutionelle Aspekte des Rassismus analysiert und erkl<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>rt werden k<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>nnen. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der moderne Rassismus kann nicht im luftleeren Raum verstanden werden, sondern muss im Kontext des globalen Kapitalismus betrachtet werden, von welchem er in vielen seiner Auspr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>gungen eine Funktion darstellt. Nur so kann die notwendige Verflechtung von antirassistischer Arbeit mit antikapitalistischer Praxis aufgezeigt werden. Parallel zu der marxistischen Faschismusanalyse, welche den Faschismus als <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Waffe der Selbstverteidigung<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> der Bourgeoisie beschreibt, l<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>sst sich Rassismus als Werkzeug der Festigung der Herrschaft der Bourgeoisie verstehen <\/strong><strong>\u2013<\/strong><strong> und zwar bis heute, wie uns die rechte Hetze und S<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ndenbockrhetorik gegen Gefl<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>chtete zeigen. Dieser Ansatz m\u00f6chte den Fokus weg vom Individuellen hin zum Strukturellen legen, und soll erg\u00e4nzend zu weiteren Erkl\u00e4rungsmustern von Rassismus angesehen werden. Keinesfalls geht es um einen Anspruch auf Alleing\u00fcltigkeit, oder darum, das \u00fcberaus komplexe und dynamische Ph\u00e4nomen des Rassismus in ein statisches Erkl\u00e4rungsmuster zu zw\u00e4ngen.<\/strong><\/p>\n<p>von<\/p>\n<p>Die verschiedenen Formen von Rassismus, die wir heute kennen \u2013 staatlich-institutionell, pseudowissenschaftlich, wie auch individuell \u2013, sind in vielerlei Hinsicht ein historisches Produkt des Kapitalismus. Zwar wird versucht, Rassismus als urmenschlich zu beschreiben, doch es gilt zu erkennen, dass dies bereits rassistisch motiviert ist, um die Idee von Rasse zu legitimieren und ihr einen Ursprung zuzuweisen.<\/p>\n<p>Denn entsprechend materialistischer Betrachtungsweise wurde Rassismus nicht als abstrakte Ideologie erdacht und dann gesellschaftlich angewandt, sondern ist als institutionelle Praxis zur Generierung von Profit im Wandel zur kapitalistischen Produktionsweise historisch erwachsen, und hatte dann soziale Auswirkungen, schaffte soziale Realit\u00e4ten. Nur dadurch, dass er in seiner systemst\u00fctzenden Funktion derart erfolgreich war, wurde er zu einer gesellschaftlichen Konstante. Denn den Rassismus als ein pseudowissenschaftliches Hirngespinst abzutun, welches durch die reine Ablehnung von Rassenkonzepten in \u00f6ffentlichen Debatten bek\u00e4mpft werden kann, verschleiert die engen Zusammenh\u00e4nge zwischen rassistischer Diskriminierung und den sozialen und \u00f6konomischen Dynamiken des Kapitalismus in denen diese Diskriminierung stattfindet.<\/p>\n<p><strong>Rassimsus und Sklaverei<\/strong><\/p>\n<p>Ein Blick auf die materiellen Umst\u00e4nde, unter welchen der wissenschaftliche Rassismus formuliert wurde, kann als Beispiel daf\u00fcr dienen, wie soziale und \u00f6konomische Einfl\u00fcsse mit rassistischer Ideologie und Praxis zusammenh\u00e4ngen: Auf den als Privatunternehmen gef\u00fchrten Plantagen der fr\u00fchen Kolonien der \u201eneuen Welt\u201d war unfreie Arbeit zun\u00e4chst nicht auf Menschen einer gewissen Rasse beschr\u00e4nkt, haupts\u00e4chlich wurden weisse Unfreie eingesetzt. Im 17. Jahrhundert kam im Zuge der Aufkl\u00e4rung das Konzept der Menschenrechte auf, welches mit unfreier Arbeit unvereinbar war. Die Plantagenwirtschaft in den Kolonien war aber weiterhin auf Sklaverei angewiesen.<\/p>\n<p>Aus diesem Widerspruch resultierte ein auf Rassen gest\u00fctztes Konzept von Sklaverei, und die parallele Formulierung eines wissenschaftlichen Rassismus, der die Entmenschlichung nicht-europ\u00e4ischer Menschen mit dem Ziel der Profitakkumulation legitimierte. Bei diesem Prozess handelt es sich nicht um einen koordinierten \u201eMasterplan\u201c, sondern um ein Zusammenspiel von wissenschaftlichen, ideologischen und \u00f6konomischen Faktoren im Prozess der imperialistischen Expansion des europ\u00e4ischen Kapitals.<\/p>\n<p><strong>Rassismus als Element der Spaltung der Lohnabh<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ngigen<\/strong><\/p>\n<p>Und auch heute nehmen strukturelle Formen von Rassismus wichtige Funktionen im Kapitalismus ein: Zun\u00e4chst lenkt rassistische Hetze von Problemen ab und bindet Energie und Wut von Menschen, die sich am Status Quo st\u00f6ren. Rassistische Angriffe auf die Arbeits- und Lebensbedingungen von Minderheiten verschleiern weitere Angriffe von oben auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der lohnabh\u00e4ngigen Mehrheit. Die Ursachen f\u00fcr die real existierenden, sozialen Unsicherheiten und \u00c4ngste (Arbeitsplatzverlust, Abbau des Sozialstaates etc.) werden durch die neoliberale Umstrukturierung der Gesellschaft verursacht, und mit den rassistischen Angriffen versch\u00e4rft. Rassistische Hetze dient als spaltendes Element, das die verschiedenen Schichten der Lohnabh\u00e4ngigen gegeneinander ausspielt und so einem solidarischen, kollektiven Kampf im Interesse aller Lohnabh\u00e4ngigen entgegenwirkt.<\/p>\n<p><strong>Rassismus in der Migrationspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Antirassistische Solidarit\u00e4t muss somit ein Grundpfeiler linker Politik sein. Zurzeit fokussiert sich ein Grossteil des antirassistischen Kampfes gegen die \u201eFestung Europa\u201c. Europa schottet sich aber nicht komplett ab. Denn die Grenzen sind offen f\u00fcr alles, was der europ\u00e4ischen Wirtschaft n\u00fctzt. Die \u201eFestung\u201c versperrt weder den wirtschaftlich verwertbaren Arbeitskr\u00e4ften, noch dem weltweiten Kapitalverkehr (Investitionen u.a.) den Weg. Sie richtet sich nur gegen die Vertriebenen, versucht die Migration zu kontrollieren und zu kanalisieren, und sichert somit die europ\u00e4ischen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Diese \u201eGrenzsicherung\u201c verursacht ein Massengrab an der EU-Aussengrenze, welches bewusst in Kauf genommen wird. W\u00e4hrend die EU fr\u00fcher auf den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi setzte, so werden heute Milliarden der t\u00fcrkischen Regierung zugeschoben, damit die Menschen dort zur\u00fcckgehalten oder gar in Kriegsgebiete zur\u00fcckgeschickt werden.<\/p>\n<p>Dennoch ist die \u201eFestung\u201c Europa aus verschiedenen Gr\u00fcnden gezwungen eine gewisse Anzahl Gefl\u00fcchtete hinein zu lassen. Sind sie in Europa angekommen, werden sie gem\u00e4ss der kapitalistischen Logik als billige Arbeitskraft verwertet. Der Zugang zu gleichen Lohn- und Arbeitsbedingungen, Bildungsm\u00f6glichkeiten oder gleichen Sozialhilfestandards bleibt ihnen verwehrt. Hingegen wird ihnen in der Schweiz angeboten, in sogenannten Besch\u00e4ftigungsprogrammen zu arbeiten. Diese Besch\u00e4ftigung ist f\u00fcr viele Gefl\u00fcchtete eine willkommene Ablenkung von den Erinnerungen an Flucht und Krieg oder dem eint\u00f6nigen Alltag in Asylunterk\u00fcnften. Doch anstatt angemessen entlohnt zu werden, verdienen sie im Normalfall 150 Franken im Monat. Diese \u201eIntegration\u201c in die Arbeitswelt entspricht in Tat und Wahrheit schlicht einer krassen Ausbeutung migrantischer Lohnabh\u00e4ngiger.<\/p>\n<p>Da die migrantische Arbeitskraft in dieser Form viel weniger \u201ekostet\u201c, werden gezielt staatliche Angebote, wie beispielsweise die Reinigung von \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, als Besch\u00e4ftigungsprogramme ausgelagert. So werden Asylsuchende gegen andere Arbeitskr\u00e4fte ausgespielt, welche zuvor f\u00fcr diese Arbeit normal entlohnt wurden. Gerade in einem Bereich, wo die L\u00f6hne sowieso schon zu tief sind, werden Gefl\u00fcchtete als Lohndr\u00fccker*innen missbraucht. Dies ist weder im Interesse der Gefl\u00fcchteten, noch im Interesse der \u00fcbrigen Lohnabh\u00e4ngigen.<\/p>\n<p><strong>Antikapitalistische Perspektive<\/strong><\/p>\n<p>Somit wird auch ein struktureller Moment bei der Betrachtung der Anstellungsbedingungen von migrantischen Arbeitskr\u00e4ften in den heutigen Rassismusdiskursen offensichtlich: Ganz dem kapitalistischen Prinzip der Konkurrenz der Arbeitskr\u00e4fte verhaftet, bef\u00f6rdert er die Entsolidarisierung und Spaltung der Lohnabh\u00e4ngigen, und stabilisiert die Kontrolle der besitzenden Minderheit \u00fcber die lohnabh\u00e4ngige Mehrheit. Die Erarbeitung antikapitalistischer Perspektiven muss also immer mit antirassistischer Arbeit verkn\u00fcpft sein \u2013 und umgekehrt. Dar\u00fcber hinaus muss das Zusammenwirken von Rassismus mit anderen Formen spezifischer Unterdr\u00fcckungsmomente, etwa dem Patriarchat oder der Heteronormativit\u00e4t, analysiert und gemeinsam bek\u00e4mpft werden. Nur wenn wir diese K\u00e4mpfe verbinden, k\u00f6nnen wir den Spaltungsversuchen von oben etwas entgegensetzen!<\/p>\n<p><em>Text aus der Brosch<\/em><em>\u00fc<\/em><em>re der BFS Z<\/em><em>\u00fc<\/em><em>rich <\/em><em>\u201c<\/em><em>Die Schweiz, das Asylwesen und der Rechtsrutsch <\/em><em>\u2013<\/em><em> kritische Analysen aus linker Perspektive<\/em><em>\u201d<\/em><em>.<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2016\/migration-systematik-von-rassismus-oder-wieso-antirassismus-immer-auch-antikapitalistisch-sein-muss\/\">sozialismus.ch&#8230;<\/a> vom 18. Dezember 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFS Z\u00fcrich. 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