{"id":1791,"date":"2016-12-30T09:12:50","date_gmt":"2016-12-30T07:12:50","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1791"},"modified":"2016-12-30T09:12:50","modified_gmt":"2016-12-30T07:12:50","slug":"die-us-gesellschaft-ist-zum-zerreissen-gespannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1791","title":{"rendered":"Die US-Gesellschaft ist zum Zerrei\u00dfen gespannt"},"content":{"rendered":"<p><em>Eric London<strong>. <\/strong><\/em><strong>In mindestens 15 Malls spielten sich \u00fcberall in den USA am Montag Szenen von Chaos und Panik ab. Sichtbar wird dadurch, wie angespannt und explosiv das gesellschaftliche Lebens in den USA gegen Ende des Jahres 2016 ist.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Tag begann als einer der umsatzst\u00e4rksten f\u00fcr den Einzelhandel und endete mit gro\u00dfr\u00e4umigen Evakuierungen, zahlreichen Verhaftungen, Verletzten und der polizeilichen Abriegelung ganzer Einkaufszentren.<\/p>\n<p>Schwer bewaffnete Polizisten f\u00fchrten Gruppen von Jugendlichen aus mehrere Einkaufszentren ab, gr\u00f6\u00dftenteils aus eher nicht-wohlhabenden Stadtvierteln. Handyvideos von zuf\u00e4llig Anwesenden zeigen hysterisch weglaufende Eink\u00e4ufer, als Polizisten mit Sturmgewehren und in Kampfmontur anr\u00fcckten, um gegen gr\u00f6\u00dfere Jugendgruppen vorzugehen.<\/p>\n<p>Es gibt keinerlei Hinweise, dass das Zusammentreffen der Jugendlichen abgestimmt war. Doch wenn man die einzelnen Vorkommnisse zusammenf\u00fcgt, l\u00e4sst sich ein bestimmtes Muster erkennen.<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen Abendstunden, als die Malls am vollsten sind, beginnen \u201eK\u00e4mpfe\u201c, wie es in Social- Media-Eintr\u00e4gen hei\u00dft, an denen sich Hunderte Jugendlichen beteiligen. Einzelne Jugendlichen, die sich derzeit zumeist in den Winterferien befinden, fangen Rangeleien an und die Menge der Beteiligten w\u00e4chst kontinuierlich.<\/p>\n<p>Schnell macht die Nachricht von der Schl\u00e4gerei die Runde und Panik breitet sich aus. Rasch verbreiten sich Ger\u00fcchte \u00fcber Schie\u00dfereien. Nerv\u00f6se Schaulustige interpretieren laute Ger\u00e4usche als Sch\u00fcsse. In vielen Berichten hei\u00dft es, Leute h\u00e4tten gerufen, dass geschossen wird. Menschen werden verletzt, als Tausende versuchen, aus den \u00fcberf\u00fcllten Einkaufszentren in ihre sicheren Autos zu fliehen.<\/p>\n<p>Aus einem Einkaufszentrum in Elizabeth, New Jersey, berichtete ein lokales Nachrichtenprogramm von \u201echaotischer Panik, und alle rennen gleichzeitig\u201c, nachdem das Ger\u00e4usch von einem niederkrachenden Stuhl irrt\u00fcmlich f\u00fcr Pistolensch\u00fcsse gehalten wurde. Ein Acht- und ein Zw\u00f6lfj\u00e4hriger wurden w\u00e4hrend der Evakuierung verletzt, als die Polizei die Mall umstellte und vorr\u00fcckte.<\/p>\n<p>In Garden City, New York, wo sieben Menschen verletzt wurden, berichteten Augenzeugen von einer \u201eMassenflucht\u201c, nachdem Dutzende Menschen die Polizei gerufen hatten, weil sie irrt\u00fcmlicherweise von einer Schie\u00dferei ausgingen. In Newport News, Virginia, berichtete eine lokale Nachrichtenagentur, dass Menschen \u201eschreiend aus dem Einkaufszentrum rannten; einige hatten Angst um ihr Leben, nachdem sie Ger\u00fcchte geh\u00f6rt hatten, jemand w\u00fcrde mit einer Schusswaffe durch das Einkaufszentrum laufen\u201c.<\/p>\n<p>Polizisten r\u00e4umten zwei Einkaufszentren in Memphis, Tennessee, und verhafteten sieben Jugendliche nach Raufereien und falschen Berichten \u00fcber Schie\u00dfereien. In Chattanooga, Tennessee, z\u00fcndeten Jugendliche Feuerwerksk\u00f6rper und l\u00f6sten damit laut einem CNN-Bericht \u201eeine Panikwelle\u201c aus. In Brentwood, Ohio riegelte die Polizei ein Einkaufszentrum vollst\u00e4ndig ab und verhaftete einen Jugendlichen \u201eweil er versucht hatte, einen Polizisten zu schlagen, der mit einem weiteren Ruhest\u00f6rer besch\u00e4ftigt war\u201c. Die Polizisten setzten Pfefferspray ein, um die Menge zu zerstreuen.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jugendliche im Alter von 14 bis 16 aus dem verarmten Hartford, Connecticut wurden im Einkaufszentrum des nahe gelegenen Manchesters verhaftet. Polizisten hatten aus benachbarten Bezirken Verst\u00e4rkung angefordert und drangen in die Mall ein, um Hunderte Jugendliche zu verjagen. \u00c4hnliche Vorkommnisse gab es in Farmington, Connecticut; Aurora, Illinois; Fort Worth, Texas; Syracuse, New York; Monroeville, Pennsylvania; Tempe, Arizona; Indianapolis, Indiana und in Aurora, Colorado. Im letztgenannten Ort berichtete die Polizei von 500 Jugendlichen, die \u201eeinen Polizisten, der nicht dienstlich vor Ort war, umringten\u201c. Der Polizist soll versucht haben, einen Jugendlichen zu verhaften.<\/p>\n<p>Die Stadt Chicago erlebte gleichzeitig das schlimmste Blutbad seit zwanzig Jahren, als bei Schie\u00dfereien an Weihnachten 53 Menschen verwundet und 11 get\u00f6tet wurden. Wie <em>DNAInfo <\/em>berichtete: \u201eHinter der Welle in diesem Jahr steht eine toxische Mischung aus Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Nur wenige Stunden vor den Ereignissen in den Malls und nach dem schrecklichen Wochenende in Chicago wurde Obama auf CNN von David Axelrod, seinem ehemaligen Wahlkampfmanager, interviewt. Unter viel Gel\u00e4chter und gegenseitigem Schulterklopfen lobte sich Obama selbst f\u00fcr seine Zeit als Pr\u00e4sident und pr\u00e4sentierte sich als K\u00e4mpfer f\u00fcr soziale Gerechtigkeit. Er erkl\u00e4rte: \u201eIch w\u00fcrde behaupten, dass in den gesamten acht Jahren meiner Pr\u00e4sidentschaft der Geist Amerikas in vielerlei Hinsicht pr\u00e4sent war.\u201c<\/p>\n<p>In seiner Pressekonferenz zum Jahresende am 16. Dezember sprach Obama davon, \u201ewie weit wir in den letzten acht Jahren gekommen sind\u201c. Dann f\u00fcgte er hinzu: \u201eIn vielerlei Hinsicht ist unser Land st\u00e4rker und wohlhabender als zuvor. Das ist die Lage, die ich mit Stolz meinem Nachfolger \u00fcbergebe.\u201c<\/p>\n<p>Die Ereignisse in den Einkaufszentren entlarven das zuckers\u00fc\u00dfe Bild von Amerika als L\u00fcge, das von den Leitmedien und Obama am Ende seiner Amtszeit gezeichnet wird. An f\u00fcnfzehn verschiedenen Orten, die Hunderte von Kilometern voneinander entfernt liegen, brechen gleichzeitig kleine Unruhen aus \u2013 offensichtlich l\u00e4uft etwas grundlegend schief in Amerika.<\/p>\n<p>Die Massenschl\u00e4gerei in Aurora, Colorado am Montag fand in demselben Einkaufszentrum statt, in dem James Holmes im Juli 2012 zw\u00f6lf Menschen umbrachte und 70 weitere verletzte. Seit Obamas Amtsantritt wurden alleine bei Schie\u00dfereien in Schulen 122 Menschen get\u00f6tet. Die Regierung reagierte auf zweierlei Weise: mit leeren Banalit\u00e4ten und Polizeiaufr\u00fcstung.<\/p>\n<p>Sorge um ihre unmittelbare Sicherheit hat die K\u00e4ufer zwar zur Flucht bewogen, die dahinterliegenden \u00c4ngste haben ihre Wurzeln aber in den sozialen Beziehungen. Und diese wiederum werden von der enormen Ungleichheit beherrscht, die jeden Aspekt des Lebens in den Vereinigten Staaten bestimmt.<\/p>\n<p>Die Ausbr\u00fcche von Angst und Gewalt fanden an den Feiertagen statt. Gerade die Medien huldigen Weihnachten als Fest, um die brutale Tatsache zu vertuschen, dass alle menschlichen Beziehungen durch den Kauf und Verkauf von Waren vermittelt werden. Dies erreicht an Weihnachten \u2013 der entscheidenden Zeit f\u00fcr die Profite des Einzelhandels \u2013 zwar einen H\u00f6hepunkt; doch das \u201eZur-Ware-Werden\u201c menschlicher Beziehungen \u2013 mit all den Spannungen und Frustrationen, das es hervorbringt \u2013 liegt im Kapitalismus allen sozialen Beziehungen zugrunde.<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten werden sowohl wirtschaftlich als auch politisch von einer Finanzoligarchie beherrscht. Die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung hat keine M\u00f6glichkeit, ihre eigenen sozialen Interessen zum Ausdruck zu bringen. Die Leitmedien ebenso wie die beiden gro\u00dfen Parteien und die Gewerkschaften arbeiten daran, jeden gesellschaftlichen Widerstand zu ersticken und steigende Unternehmensprofite zu sichern.<\/p>\n<p>Die H\u00e4lfte aller Highschool-Sch\u00fcler in den Vereinigten Staaten \u2013 alle, die 15 Jahre oder j\u00fcnger sind \u2013 haben noch keinen Tag erlebt, an dem die USA keinen Krieg gef\u00fchrt haben. Die Jugendlichen sind v\u00f6llig getrennt vom politischen Establishment und hassen die Kriege, die Armut, die staatliche \u00dcberwachung und die Polizeigewalt, die ihr gesamtes bewusstes Leben beherrscht haben. Diejenigen von ihnen, die bei den Vorwahlen der Demokraten ihre Stimme abgaben, haben zu 90 Prozent f\u00fcr den selbsternannten \u201eSozialisten\u201c Bernie Sanders und gegen Hillary Clinton gestimmt.<\/p>\n<p>Trump wird in K\u00fcrze wohl die reaktion\u00e4rste Regierung in der Geschichte Vereinigten Staaten anf\u00fchren (in seinem Interview mit Axelrod hat Obama den Charakter der neuen Regierung nicht einmal erw\u00e4hnt). In drei Wochen kontrollieren Trump und sein Kabinett aus Milliard\u00e4ren, Evangelikalen, Gener\u00e4len, Faschisten und engen Verwandten die Exekutive. Die neue Regierung hat ein atomares Wettr\u00fcsten, Angriffe auf das Sozialversicherungssystem, die Krankenversicherung und das \u00f6ffentliche Schulwesen sowie die Abschiebung von Millionen eingewanderter Arbeiter und ihrer Familien angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Zum Jahresende 2016 teilt die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeiter weder den selbstgef\u00e4lligen und zynischen Optimismus von Obama noch die blinde Sturheit der B\u00f6rse. Die Ereignisse in den Einkaufszentren Amerikas von Montag vermitteln eine Ahnung von den tiefen sozialen Schocks, die sich f\u00fcr 2017 am Horizont abzeichnen.<\/p>\n<p>Die Stimmung, die in Amerika zum Jahresende vorherrscht, wird dominiert von Nervosit\u00e4t und Frustration, kombiniert mit einer wachsenden Kampfbereitschaft, die erst noch einen progressiven politischen Ausdruck finden muss. Notwendig ist jetzt eine Bewegung der Arbeiterklasse, um die kommende soziale Explosion in eine revolution\u00e4re und sozialistische Richtung zu lenken.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2016\/12\/30\/pers-d30.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 30. Dezember 2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eric London. In mindestens 15 Malls spielten sich \u00fcberall in den USA am Montag Szenen von Chaos und Panik ab. 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