{"id":1820,"date":"2017-01-06T11:31:36","date_gmt":"2017-01-06T09:31:36","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1820"},"modified":"2017-01-06T11:32:22","modified_gmt":"2017-01-06T09:32:22","slug":"das-jahr-2016-in-kurdistan-eine-bilanz-aus-sicht-der-pkk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1820","title":{"rendered":"Das Jahr 2016 in Kurdistan \u2013 eine Bilanz aus Sicht der PKK"},"content":{"rendered":"<p><strong>Angriffe des t<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkischen Staates und erfolgreicher Widerstand.<\/strong> <strong>\u00bb<\/strong><strong>Wir sind hoffnungsvoll<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong>. Gespr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ch mit Cemil <\/strong><strong>Bayik. <\/strong><strong>Cemil Bayik ist Gr<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ndungsmitglied der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> 1976 schloss er sich dem Zirkel um Abdullah <\/strong><strong>\u00d6<\/strong><strong>calan an, seitdem hat er wichtige Funktionen in der kurdischen Befreiungsbewegung inne. Heute f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>hrt er zusammen mit Bese Hozat den Dachverband Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK), in dem auch die PKK Mitglied ist. <\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;- <\/strong><\/p>\n<p><strong>W<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>hrend des gesamten Jahres 2016 versuchten der t<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkische Staatspr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>sident Erdogan und die Regierungspartei AKP, ihr Regime als sehr gefestigt und stabil zu pr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>sentieren. Im Osten der T<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkei wurde gegen die kurdische Bewegung mit brutaler Gewalt vorgegangen. Nach dem gescheiterten Putsch im Juli wurden Zehntausende Menschen verhaftet. Dennoch haben Sie im Dezember 2016 gesagt: <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>Die AKP-Regierung versucht, sich als m<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>chtig darzustellen, sie ist es aber nicht.<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong> Warum ist sie nicht m<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>chtig, und wie kann sie besiegt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Wie man wei\u00df, lie\u00df die AKP im vergangenen Jahr Armee und Polizei auf jene St\u00e4dte los, in denen das kurdische Volk am st\u00e4rksten organisiert und dessen Selbstbewusstsein am ausgepr\u00e4gtesten ist. Die Verwaltungsstrukturen des t\u00fcrkischen Staates sind hier abwesend, und die Praxis eines genozidalen Kolonialismus kann nicht betrieben werden.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkische Regierung hetzte in diesen Gebieten das Milit\u00e4r und die Polizei auf die Bev\u00f6lkerung. Das Verlangen nach einem freien und demokratischen Leben sollte schlicht unterdr\u00fcckt werden. Diese Offensive erfolgte, weil der t\u00fcrkische Staat erkannt hat, dass die Kurden sowohl im ganzen Nahen Osten als auch in Bakure Kurdistan (Nordkurdistan, kurdische Gebiete im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei, d. Red.) st\u00e4rker werden. Diese St\u00e4rke will man bek\u00e4mpfen. Bei diesen Angriffen sind mehr als zehn kurdische St\u00e4dte dem Erdboden gleichgemacht worden. Damit aber stellte die Regierung zugleich ihren ideologischen und politischen Bankrott in Kurdistan unter Beweis. Die Zahl der Attacken und Hunderte ermordete Zivilisten demonstrieren die Schw\u00e4che des t\u00fcrkischen Staates.<\/p>\n<p>Wenn man Widerstand leistet, droht der AKP der Machtverlust. Mag sein, dass ihre Attacken im Inneren unter Einsatz staatlicher Mittel sehr intensiv sind, aber wenn man ihr Paroli bietet, kann sie diesen Krieg nicht lange fortsetzen.<\/p>\n<p><strong>Die Brutalit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>t des t<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkischen Staates nahm 2016 neue Dimensionen an. Die Guerilla stellte sich vielerorts den t<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkischen Milit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>r- und Polizeikr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ften entgegen. W<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>hrend einerseits die t<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkischen Kr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>fte gro<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>e Verluste erlitten, zogen die Zivilverteidigungseinheiten (YPS) sich andererseits aus St<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>dten wie Cizre, Sur, Nusaybin und <\/strong><strong>\u015e\u0131<\/strong><strong>rnak zur<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ck. Sch<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>tzen Sie die Aktionen als erfolgreich ein, und wird die Guerilla ihre Strategie, Milit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>r- und Polizeistationen zu besch<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>digen, fortsetzen?<\/strong><\/p>\n<p>Als der t\u00fcrkische Staat unsere St\u00e4dte mit Panzern, Kanonen, Hubschraubern und allen m\u00f6glichen anderen schweren Waffen angriff und sie ohne R\u00fccksicht auf die Bev\u00f6lkerung dem Erdboden gleichmachte, entstand im Fr\u00fchling 2016 die Notwendigkeit, den Widerstand mit anderen Methoden fortzusetzen.<\/p>\n<p>Also verlie\u00dfen die Jugendlichen und die YPS-Kr\u00e4fte die St\u00e4dte oder setzten den Widerstand dort in neuer Form fort, indem sie als sehr kleine geheime Einheiten agierten. Im Winter noch sah man sich mit ernsthaften Problemen konfrontiert. Mit Beginn des Fr\u00fchlings entstand allerdings die M\u00f6glichkeit, den selbstverwalteten Widerstand der Bev\u00f6lkerung in ganz anderen Formen zu \u00fcberf\u00fchren. Seither zielten die Guerillaattacken insbesondere auf die Polizei- und Milit\u00e4rbasen in den Innenst\u00e4dten und entlang der Landstra\u00dfen, die in gro\u00dfer Zahl zerst\u00f6rt wurden. Die noch verbleibenden sind jetzt mit Betonbarrieren ummauert. Das verdeutlicht, dass Polizei und Armee in den Fr\u00fchlings- und Sommermonaten sehr schwere Schl\u00e4ge erlitten haben.<\/p>\n<p>Die Guerillaaktionen werden mit Sicherheit auf vielerlei Weise fortgesetzt. Es wird weiter Anschl\u00e4ge auf Einrichtungen und Fahrzeuge geben. Und manchmal ereignen sie sich auch in den t\u00fcrkischen Metropolen. Sie werden dabei entsprechend den Ma\u00dfnahmen des t\u00fcrkischen Staates variieren. Auch wenn Armee und Polizei neue Wege und Methoden entwickeln, um sich zu verteidigen, wird die Guerilla deren Schwachpunkte herausfinden, um sie genau dort zu treffen. Das zeichnet den Guerillakrieg seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden aus: den Feind beobachten, seine Schwachpunkte erkennen, zuschlagen.<\/p>\n<p>Die Kurden wollen dabei die T\u00fcrkei nicht spalten. Die Absicht ist nicht, dem Land zu schaden. Sie fordern allerdings ihre Grundrechte und eine Autonomie ein. Die AKP-Regierung betreibt hingegen eine Politik des Genozids. Sie sagt: Wir werden die Kurden beseitigen und eine Nation, ein Vaterland schaffen. Sie duldet weder verschiedene Identit\u00e4ten noch ein gemeinsames Vaterland. Sie sagt: Wir akzeptieren nichts au\u00dfer den Zentralstaat. G\u00e4be Ankara diese Politik auf, dann herrschte von einem Tag auf den anderen Frieden. Alle Probleme w\u00fcrden rasch gel\u00f6st.<\/p>\n<p><strong>Ankara hat Tausende Kurden, die legal agierten, attackiert. B<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rgermeister von der Demokratischen Partei der V<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>lker (Halklarin Demokratik Partisi, HDP) und der Demokratischen Partei der Regionen (Demokratik B<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>lgeler Partisi, DBP) wurden verhaftet, Lehrer aus dem Dienst entlassen, selbst Hilfsorganisationen wie der Rojava-Verein werden drangsaliert. Wohin f\u00fchrt diese Strategie? Wie glaubt Erdogan die Kurdenfrage l\u00f6sen zu k\u00f6nnen? Welche M\u00f6glichkeiten haben Kurden und Linke in der T\u00fcrkei noch, auf legale Weise Politik zu machen?<\/strong><\/p>\n<p>Die AKP-Regierung bek\u00e4mpft nicht nur die Kurden, sondern auch andere demokratische Kr\u00e4fte sehr massiv. Mittlerweile hat sie alle demokratischen M\u00f6glichkeiten abgeschafft. Zur Zeit herrscht in der T\u00fcrkei ein durch und durch faschistisches System. Einzig um Europa und die Welt zu t\u00e4uschen, hat sie ein paar Vereine, Parteien und Institutionen unangetastet gelassen; die aber sind weder in der Bev\u00f6lkerung verankert noch verf\u00fcgen sie \u00fcber Schlagkraft. Alle Organisationen jedoch, die einen effektiven Kampf f\u00fchren bzw. die Politik des t\u00fcrkischen Staates empfindlich st\u00f6ren k\u00f6nnten, wurden verboten und zerschlagen, ihre f\u00fchrenden Kader in den Kerker geworfen. Schriftsteller und Akademiker wurden eingesperrt. Wenn sogar Schriftstellerinnen wie Asli Erdogan und Necmiye Alpay verfolgt werden, beweist dies, dass in der T\u00fcrkei niemand mehr sicher ist.<\/p>\n<p>Im Moment erfordert es Mut, in der T\u00fcrkei von den Rechten der Kurden zu sprechen. Denn alle, die sich daf\u00fcr aussprechen, erwartet der Kerker. Wer statt dessen dar\u00fcber schweigt oder gar zum Ausdruck bringt, dass er gegen die Befreiungsbewegung der Kurden ist, der hat nichts zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Die demokratischen Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei sind starker Repression ausgesetzt. Elementare Rechte sind abgeschafft. Alle M\u00f6glichkeiten, den Kampf auf demokratische Weise zu f\u00fchren, existieren nicht mehr. Trotzdem bestehen die Kurden darauf, auf diese Art zu k\u00e4mpfen. Obwohl es nicht mehr m\u00f6glich ist, im Parlament angemessen zu agieren, harren sie dort aus. Allerdings w\u00e4re es Selbstbetrug zu glauben, unter den bestehenden Bedingungen lie\u00dfe sich auf dieser Ebene noch irgendetwas ausrichten.<\/p>\n<p>Aber auch der legale au\u00dferparlamentarische Kampf wird unm\u00f6glich gemacht. Es d\u00fcrfen nicht einmal Presseerkl\u00e4rungen verbreitet werden. Wenn der Widerstand daher illegal und auch bewaffnet erfolgt, bedeutet das mitnichten, dass nicht versucht wird, bis zuletzt um legale Mittel zu ringen, m\u00f6gen die Menschen daf\u00fcr auch einen hohen Preis zahlen, im Gef\u00e4ngnis landen oder gar ermordet werden.<\/p>\n<p><strong>Die t<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkische Armee marschierte im August 2016 in Syrien ein, um zu verhindern, dass die <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>Demokratischen Kr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>fte Syriens<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong> (ein im Oktober 2015 gebildetes, s<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>kular ausgerichtetes Milit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>rb<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ndnis kurdischer, arabischer und aram<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ischer Kr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>fte, Anm. d. Red.) und YPG einen Korridor zwischen den St\u00e4dten Afrin und Kobani \u00f6ffnen &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Der Angriff des t\u00fcrkischen Staates auf Syrien und Rojava hat definitiv das Ziel, zu verhindern, dass die Kurden ihre demokratischen Rechte erstreiten. Die Offensive hat mit der Bek\u00e4mpfung des IS oder irgendeiner anderen Gruppierung nichts zu tun. Mittlerweile haben sie auch mit dem syrischen Regime kein Problem mehr. Auch wenn behauptet wird, nach wie vor gegen Assad zu sein, wurde Damaskus der Vorschlag unterbreitet, gemeinsam gegen PYD und YPG zu k\u00e4mpfen. Allerdings lehnte die syrische Regierung diesen Vorschlag ab. Denn Syrien steht der t\u00fcrkischen Politik skeptisch gegen\u00fcber, da Ankara noch immer Kontakte zu den Rebellen pflegt. Ohnehin hat der t\u00fcrkische Staat nicht vor, gegen den Islamischen Staat einen Krieg zu f\u00fchren. Als die Kurden in Cerablus (Dscharabulus), Minbic (Manbidsch) und Al-Bab gegen den IS vorgehen wollten, war er es, der das verhinderte. Die Tatsache, dass der IS noch existiert, ist der Politik Ankaras geschuldet. Andernfalls h\u00e4tte man die islamische Terrormiliz in Syrien viel fr\u00fcher zerschlagen. Aber die AKP hat mittlerweile gemerkt, dass sie den kurdischen Befreiungskampf in Syrien nicht mit Hilfe des IS oder irgendeiner anderen Kraft aufhalten kann, und interveniert nun direkt.<\/p>\n<p>Die AKP benutzte zuerst Al-Nusra, dann den IS. Mit deren Hilfe wollte sie die Revolution in Rojava aufhalten und sich in Syrien und im ganzen Nahen Osten Einfluss sichern. Warum sich selbst in den Hexenkessel begeben, so das Kalk\u00fcl der AKP, wenn man Handlanger hat? Erst als der Kampf der Kurden von der ganzen Welt als legitim angesehen wurde, intervenierte der t\u00fcrkische Staat in Syrien direkt.<\/p>\n<p>Er einigte sich zuerst mit dem IS, so dass dieser widerstandslos die Stadt Cerablus verlie\u00df. Die von Ankara unterst\u00fctzten Banden haben nicht die Kraft, gegen den IS zu k\u00e4mpfen. Ankara marschierte mit seinen Panzern, Gesch\u00fctzen und Spezialeinheiten in Cerablus ein. Die Banden der \u00bbFreien Syrischen Armee\u00ab setzte er nur zum Schein ein. Jetzt erfolgt der Vorsto\u00df auf das weiter s\u00fcdwestlich gelegene Al-Bab. Doch dabei st\u00f6\u00dft das t\u00fcrkische Milit\u00e4r auf Hindernisse. Beabsichtigt war, die von ihm unterhaltenen Banden als Bodentruppen einzusetzen und mit Spezial- und Kommandoeinheiten und der Unterst\u00fctzung durch Flugzeuge, Hubschrauber, Panzer und Kanonen innerhalb von zwei Wochen in Al-Bab einzumarschieren. Dieses Ziel wurde verfehlt.<\/p>\n<p>Die AKP will nicht, dass die \u00bbDemokratischen Kr\u00e4fte Syriens\u00ab zwischen Afrin und Kobani aktiv werden. Sie will dort keine Gruppen dulden, die mit den Kurden befreundet sind. In dieser Region namens Sehpa leben Kurden, Araber, Turkmenen und Tschetschenen zusammen. Die Kurden beabsichtigen mitnichten in Al-Bab einzumarschieren, die Araber zu vertreiben und die Stadt zu kurdisieren. Minbic und Al-Bab sollen von ihren eigenen Bev\u00f6lkerungen selbst verwaltet werden.<\/p>\n<p><strong>Wie sch<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>tzen Sie die Rolle der USA und Russlands bei diesen illegalen Angriffen auf Rojava ein? Lassen sie Erdogan in Syrien freie Hand?<\/strong><\/p>\n<p>Es besteht kein Zweifel daran, dass die USA und Russland den Einmarsch der T\u00fcrkei dulden. Ankara ist Verb\u00fcndeter Washingtons und NATO-Mitglied. Aus diesem Grund werden die Vereinigten Staaten sich nicht komplett der T\u00fcrkei entgegenstellen, auch wenn sie die Politik der AKP st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Zweifellos hat auch Russland ein Auge zugedr\u00fcckt und verhandelte. Jetzt versteht man, dass Moskau dem Einmarsch unter der Bedingung zustimmte, dass die Rebellen Aleppo verlassen und v\u00f6llig evakuieren. Zun\u00e4chst lie\u00df Moskau zu, dass die T\u00fcrkei in beschr\u00e4nktem Ausma\u00df einen Korridor auf syrischem Territorium errichtete. Die T\u00fcrkei argumentierte mit dem Fl\u00fcchtlingsthema. Sie sagte, sie w\u00fcrde die Gefl\u00fcchteten dort unterbringen. Ankara marschierte mit milit\u00e4rischen Einheiten in Syrien ein, nachdem man sich mit Russland geeinigt und gesehen hatte, dass auch die USA sie gew\u00e4hren lassen w\u00fcrde. Wie es aussieht, erlaubte das indirekt auch Syrien.<\/p>\n<p>In diesem Sinne lie\u00dfen die USA und Russland Erdogan freie Hand. Aber das taten sie innerhalb bestimmter Grenzen. Die T\u00fcrkei marschierte im Rahmen dieser beschr\u00e4nkten Erlaubnis in Syrien ein, aber nachdem Erdogan in Cerablus und einigen anderen Orten Fu\u00df gefasst hatte, versuchte er seinen Einmarsch in Al-Bab und Minbic zu erzwingen.<\/p>\n<p>Durch die Eroberung von Al-Bab wollte er eigentlich in Reichweite Aleppos gelangen. Doch die Oppositionellen erlitten dort eine Niederlage. So ging die Rechnung, die eigene Position in Syrien zu st\u00e4rken, nicht auf. Erdogan nahm an, dass sich die Situation \u00e4ndern k\u00f6nnte, wenn Al-Bab erobert w\u00e4re, bevor syrische Truppen in Aleppo einmarschierten. Aber Moskau lie\u00df das nicht zu.<\/p>\n<p>Man sieht, dass die USA und Russland aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden der T\u00fcrkei gestatteten, in Bab einzumarschieren \u2013 auch wenn die Umst\u00e4nde dieser Erlaubnis nicht n\u00e4her bekannt sind.<\/p>\n<p><strong>Was erhoffen Sie sich von 2017? Was bef<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rchten Sie?<\/strong><\/p>\n<p>2017 ist zweifellos ein Jahr, das Anlass zur Hoffnung wie auch zur Sorge gibt. Im Nahen Osten geht ein dritter Weltkrieg weiter. Zugleich wird in dieser Region das f\u00fcnftausendj\u00e4hrige etatistische System in Frage gestellt. Die Probleme, die von diesem System Schicht f\u00fcr Schicht angeh\u00e4uft wurden, werden mehr und mehr sichtbar. Sie zeigen sich sowohl in politischer als auch in sozialer und \u00f6konomischer Hinsicht. Die Probleme des Nahen Ostens lassen sich jetzt nicht mehr wie in der Vergangenheit verbergen, ohne deren L\u00f6sung wird sich nicht mehr weiter leben lassen. Dies zu erkennen, schafft auch Hoffnung.<\/p>\n<p>Unser Ansatz der \u00bbdemokratischen Nation\u00ab ist sehr wichtig. Wir schlagen f\u00fcr die L\u00f6sung der Probleme im Nahen Osten dieses Konzept vor. Wir sagen, dass das etatistische Nationenverst\u00e4ndnis und der Nationalstaat die Brutst\u00e4tte von allerhand \u00dcbel sind. Der nationalstaatliche Ansatz sch\u00fcrt den religi\u00f6sen Fundamentalismus, den Nationalismus sowie den Monismus (d.i. in der kurdischen Bewegung ein stehender Begriff, der f\u00fcr etatistische Systeme, die nur eine staatstragende Identit\u00e4t anerkennen und alle anderen Identit\u00e4ten leugnen bzw. unterdr\u00fccken; Anm. d.\u00a0Red.) und lehnt jeden anderen Ansatz ab.<\/p>\n<p>Im Nahen Osten ist das nationalstaatliche Prinzip noch problematischer. Doch die V\u00f6lker der Region sind erwacht. Nun werden sie nicht mehr die Staaten akzeptieren, die den Status quo repr\u00e4sentieren. Sie werden aber auch nicht die Herrschaft anderer Ausbeutungs- und Unterdr\u00fcckungssysteme akzeptieren.<\/p>\n<p>Da in dieser Phase des Erwachens der Bev\u00f6lkerung die richtigen L\u00f6sungen und Alternativen nicht rechtzeitig aufgezeigt werden konnten, versuchten reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte die Sehns\u00fcchte des Volkes ihren Zwecken dienstbar zu machen.<\/p>\n<p>Doch die kurdische Befreiungsbewegung zeigt alternative L\u00f6sungen auf. Wir sind der Auffassung, dass der Islamische Staat 2017 v\u00f6llig zerschlagen werden wird. Im Grunde begann sein Niedergang mit dem Widerstand in Kobani. Doch er wird nicht nur milit\u00e4risch besiegt werden m\u00fcssen, sondern auch ideologisch und politisch.<\/p>\n<p>Dabei beruht der Erfolg der Kurden ohnehin nicht einzig auf milit\u00e4rischen Siegen. Der politische und ideologische Aspekt war ma\u00dfgeblich bei der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des IS. Es wird ihm nirgendwo mehr gelingen, sich als Alternative zu pr\u00e4sentieren. Dieser R\u00fcckschlag sowohl in Syrien wie im Irak wird sich auch auf Stellung in Nordafrika auswirken.<\/p>\n<p>Auch wenn die AKP-Regierung diese demokratischen Entwicklungen r\u00fcckg\u00e4ngig machen und den Ansatz der \u00bbdemokratischen Nation\u00ab sowie die politische und soziale Ordnung, die auf freiem und demokratischem Zusammenleben verschiedener Identit\u00e4ten basiert, unterdr\u00fccken will, wird ihre Kraft dazu nicht reichen. Mit der Niederlage des IS wird auch die AKP mit ihrem monistischen Ansatz besiegt werden. Auch wenn Ankara mit seiner milit\u00e4rischen Gewalt diese Entwicklungen behindern sollte, wird es im Nahen Osten, dessen Probleme so schwerwiegend geworden sind, nicht m\u00f6glich sein, das demokratische Nationenverst\u00e4ndnis und alternative Meinungen zu unterdr\u00fccken. In diesem Sinne blicken wir hoffnungsvoll auf die Entwicklungen im Nahen Osten.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/2017\/01-06\/051.php\"><em>Junge Welt&#8230;<\/em><\/a> vom 6. Januar 2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angriffe des t\u00fcrkischen Staates und erfolgreicher Widerstand. \u00bbWir sind hoffnungsvoll\u00ab. Gespr\u00e4ch mit Cemil Bayik. 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