{"id":1847,"date":"2017-01-14T12:00:40","date_gmt":"2017-01-14T10:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1847"},"modified":"2017-01-14T12:07:02","modified_gmt":"2017-01-14T10:07:02","slug":"1847","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1847","title":{"rendered":"Trump: Der Untergang des neoliberalen Narrativs"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dc<\/strong><strong>ber die konservative Lawine, die bei der Wahl im November so viele Staaten republikanisch machte, wurde viel geschrieben. Sogar die Drehbuchautor*innen von <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>House of Cards<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> waren nicht fantasievoll genug,<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> um vorherzusagen, was die Zukunft f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r das Wei<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>e Haus bereith<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>lt. Die <\/strong><strong>\u00dc<\/strong><strong>bergabe der Regierungsgesch<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>fte begann im Trump-Tower mit einer scharfen Wende hin zur konservativen Rechten.<\/strong><\/p>\n<p><em>Claudia Cinatti.<\/em> Die Massenmedien, die sich hinter Hillary Clinton versammelten, griffen zur Erkl\u00e4rung von Trumps beunruhigendem Sieg auf das Bild des schwarzen Schwans zur\u00fcck. Aber wenn schwarze Schw\u00e4ne in Schw\u00e4rmen kommen, wie es dieses Jahr mit dem Brexit-Sieg, den US-Wahlen, dem Aufstieg der UKIP, des Front National und anderen Varianten der Europ\u00e4ischen Rechten der Fall war, reicht die Theorie des vereinzelten Vogels zur Erkl\u00e4rung nicht mehr.<\/p>\n<p>Auch wenn es nationale Besonderheiten und einige gemeinsame Ursachen gibt \u2013 \u00f6konomische, aber auch ethnische, religi\u00f6se, gender-bezogene, geografische, kulturelle und generationelle \u2013 existieren die tats\u00e4chlichen Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Art von rechter \u201epopulistischer Internationale\u201c schon seit einer Weile. Sie liegen in den Bedingungen der sozialen Polarisierung, welche die kapitalistische Krise von 2008 hervorgerufen hat, die ihr Epizentrum in den zentralen L\u00e4ndern hatte. Allgemeiner gesagt sind ihre Urspr\u00fcnge auch in den Jahrzehnten der Globalisierung und Neoliberalismus zu finden, die obsz\u00f6ne Ungleichheit zur Folge hatten. Sie schufen auf der einen Seite eine Handvoll gro\u00dfer Gewinner*innen, Firmen und Banken und auf der anderen Seite eine \u00fcber alle Ma\u00dfen riesige Menge von Verlierer*innen. Unter Letzteren befinden sich im Endeffekt die Mittelklassen mit niedrigem bis mittlerem Bildungsstand, zu denen sich teilweise auch industrielle Sektoren der Arbeiter*innenklasse z\u00e4hlen, wie auch Segmente des nicht-globalisierten Kapitals, Micro-Unternehmer*innen und Klein-Ausbeuter*innen, die sich angesichts der Kr\u00e4fte, die sie nicht beherrschen k\u00f6nnen, machtlos f\u00fchlen. Diese dr\u00fcckten sich auch im Pro-Brexit-Slogan aus, sie wollen \u201ewieder die Kontrolle \u00fcbernehmen\u201c.<\/p>\n<p>Dieses heterogene soziale Konglomerat ist, was hinter der Revolte gegen das \u201eEstablishment\u201c und die Altparteien \u2013 egal ob konservativ, sozialdemokratisch oder liberal \u2013 steht. Diese Kr\u00e4fte bildeten die \u201eextreme Mitte\u201c<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> des neoliberalen Konsenses, um Tariq Alis treffende Bezeichnung zu verwenden.<\/p>\n<p>Im langen Wahlkampf in den USA, welcher mit den Vorwahlen der beiden Parteien begann, nahm diese Ablehnung der politischen Kaste verschiedene Formen an: die extrem gro\u00dfe Unbeliebtheit sowohl von Trump, als auch von Clinton, das Erscheinen der Jugend auf der politischen Bildfl\u00e4che mit der Kampagne von Sanders, die geringe Wahlbeteiligung und fast 7 Millionen Stimmen f\u00fcr die Drittparteien. Letztere gingen unter anderem an die Green Party, die sich als linke Alternative pr\u00e4sentierte. Die Anzahl der Drittparteistimmen hat sich im Vergleich zu 2012 verdreifacht und konzentrierte sich vor allem unter jungen W\u00e4hler*innen.<\/p>\n<p>Trump hat die Ausz\u00e4hlung aller abgegebenen Stimmen mit einem historisch beispiellosen Abstand verloren. Hillarys Vorsprung lag bei fast drei Millionen Stimmen. Das n\u00e4chste Beispiel ist die Wahl 2000, als George W. Bush, mit 540 000 Stimmen weniger, gegen Al Gore bei der Ausz\u00e4hlung aller abgegebenen Stimmen verlor. Damals machte der Oberste Gerichtshof Bush zum Pr\u00e4sidenten, indem er eine Neuausz\u00e4hlung der Stimmen verhinderte. Dies zeigt die zutiefst antidemokratische Natur des politischen Systems der USA, wo die l\u00e4ndlichen Gegenden im Electoral College \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind. Auch wenn es inzwischen nur noch eine Anekdote ist, zeigt es, wie sehr die Grundfesten des Zwei-Parteien-Systems ersch\u00fcttert sind.<\/p>\n<p>Um es kurz zu fassen, best\u00e4tigt und vertieft Trumps Triumph den Trend hin zu einer organischen Krise und ist mehr als nur das letzte Ereignis in einer Serie von unangenehmen \u00dcberraschungen. Diese organische Krise ist seit der gro\u00dfen Rezession von 2008 in den Kernl\u00e4ndern offensichtlich geworden und kann nach Antonio Gramsci als eines dieser \u201eanomalen Ph\u00e4nomene\u201c interpretiert werden, welche in Zwischenphasen auftreten, wenn das Alte nicht fortgesetzt werden kann und man noch nicht wei\u00df, wie das Neue aussehen wird. Diese Ver\u00e4nderung der US-Politik k\u00fcndigt den Anfang einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Zeit an \u2013 einer Zeit voll von gro\u00dfen Spannungen zwischen Staaten, Handelskriegen, milit\u00e4rischen Konflikten, verst\u00e4rkten Klassenk\u00e4mpfen und Antworten der Bourgeoisie von zumindest c\u00e4saristischer Natur.<\/p>\n<p><strong>Die Regierung und die Welt in der Zukunft<\/strong><\/p>\n<p>Die blo\u00dfe Tatsache, dass ein fremdenfeindlicher Milliard\u00e4r, der mit Protektionismus und Nationalismus lieb\u00e4ugelt, zum Pr\u00e4sidenten der st\u00e4rksten Weltmacht gew\u00e4hlt wurde, zeigt, dass die neoliberale Ordnung unter Dominanz der Vereinigten Staaten, welche nach dem Fall der Sowjetunion die Herrschaft des freien Marktes und der Globalisierung ohne jegliche Alternativen (das gescheiterte \u201eEnde der Geschichte\u201c) prophezeite, implodiert.<\/p>\n<p>Weder Verb\u00fcndete noch Feinde oder Konkurrenten der Vereinigten Staaten wissen sicher, was nach dem 20. Januar zu erwarten ist, wenn Trump offiziell der 45. US-Pr\u00e4sident wird und die Republikaner volle Kontrolle der Staatsgewalt \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Das Establishment, oder was Howard Zinn als den \u201ebeklommenen Club von Gesch\u00e4ftsf\u00fchrern, Gener\u00e4len und Politikern\u201c definiert, welches fast geschlossen auf die von Clinton angebotene Kontinuit\u00e4t gesetzt hat, verfiel nach dem ersten Schock in Pragmatismus. Alle politischen Zeichen weisen darauf hin, dass das Zweiparteiensystem gewillt ist, das \u201ePh\u00e4nomen Trump\u201c zu verdauen und die apokalyptische Anspannung zu einer gem\u00e4\u00dfigten \u201e\u00dcbergabe der Pr\u00e4sidentschaft\u201c herunterzufahren.<\/p>\n<p>Noch ist nicht klar, ob ihnen das gelingen wird. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass das Regieren einer komplexen Verhandlung zwischen den verschiedenen Sektoren und Interessengruppen, die die republikanische Partei bilden, bed\u00fcrfen wird. Die gem\u00e4\u00dfigten Konservativen haben die Hegemonie zugunsten der (extrem) rassistischen, sexistischen, fremdenfeindlichen und homophoben Rechten verloren.<\/p>\n<p>Vielleicht wird die Begeisterung \u00fcber die R\u00fcckkehr ins Wei\u00dfe Haus und die Notwendigkeit, Einfluss auf die Entscheidungen des n\u00e4chsten Pr\u00e4sidenten auszu\u00fcben, die Republikanische Partei dazu bringen, den Slogan #NeverTrump fallen zu lassen und sich geschlossen hinter den Tycoon zu stellen. Zus\u00e4tzlich zu Rassist*innen und Mitgliedern der sogenannten \u201eAlt-Right\u201c<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> wurden einige Namen als m\u00f6gliche Kandidaten f\u00fcr das kommende Kabinett genannt: Unter anderem Newt Gingrich, Anf\u00fchrer der \u201ekonservativen Revolution\u201c von 1994, Rudolph Giuliani, der ehemalige \u201eNull-Toleranz\u201c-B\u00fcrgermeister und Quasi-Polizist von New York City, und Reince Priebus, Vorsitzender des Republikanischen Nationalkomitees. Auch Gener\u00e4le im Ruhestand und sogar gem\u00e4\u00dfigte Konservative wie Mitt Romney gaben sich im Trump-Tower die Klinke in die Hand. Von dort aus befehligt der Gesch\u00e4ftsmann die \u00dcbergabe der Gesch\u00e4fte und plant seine Regierung. Sogar die Neokonservativen, derjenige Sektor von Kriegstreibern, der sich am meisten gegen Trumps F\u00fchrung str\u00e4ubt und Clinton au\u00dfenpolitischen am n\u00e4chsten steht, bem\u00fcht sich, Teil der neuen Regierung zu sein.<\/p>\n<p>Auch wenn ihre Perspektiven schwer vereinbar scheinen gibt es keine scharfe Grenze zwischen dem selektiven Isolationismus, den Trump propagiert, und dem Unilaterismus der Neokonservativen w\u00e4hrend der beiden Bush-Regierungen. Beide glauben, dass es notwendig ist, die Rolle der Institutionen der \u201einternationalen Gemeinschaft\u201c, wie der Vereinten Nationen und der NATO, neu zu definieren. Sie sehen diese Institutionen als relative H\u00fcrden in der Verteidigung der nationalen Interessen der USA.<\/p>\n<p>Der Mainstream setzt darauf, dass Trumps Pr\u00e4sidentschaft innerhalb der Parameter einer innovativen republikanischen Regierung wie der von Ronald Reagan bleibt. Darin steckt ein St\u00fcck Wahrheit. Auf eine Art kann der \u201eTrumpismus\u201c als \u201eReaganomics\u201c (geringere Besteuerung der Reichen, Deregulierung und h\u00f6here Zinsen) plus Protektionismus definiert werden. Im Inland bleibt die Reindustrialisierung ein Luftschloss, aber Trump scheint entschlossen, einen Teil des im Ausland operierenden US-Kapitals zur\u00fcck nach Hause zu holen. Seine haupts\u00e4chlichen Druckmittel sind die Aushandlung einer geringeren K\u00f6rperschaftssteuer von nur noch 15% statt 35%, die Deregulierung und weitere K\u00fcrzungen, wie zum Beispiel die Aufhebung von Obamacare, was Gesch\u00e4ftsleute von der Beteiligung an den Kosten des Gesundheitswesens befreien w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr den Moment ist sein konkretester Vorschlag ein Plan f\u00fcr \u00f6ffentliche Bauprojekte, der allerdings nicht ausreichend erscheint, um die verlorenen Vorteile einer Umsiedlung in Gebiete mit niedrigeren L\u00f6hnen auszugleichen.<\/p>\n<p>Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, wie \u201eAmerica great again\u201c gemacht werden soll. Was aber bereits angenommen werden kann, ist, dass ein gewisser Teil von Trumps Slogans sich als mehr als nur Wahlkampfdemagogie herausstellen wird. Einige Analyst*innen glauben, dass dieser scharfe Kurswechsel der US-Politik das Potential besitzt, geopolitische und wirtschaftliche Ver\u00e4nderungen hervorzurufen, die mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 vergleichbar sind, wenn auch in die entgegengesetzte Richtung.<\/p>\n<p>Trumps Au\u00dfenpolitik wird sich deutlich von der seines Vorg\u00e4ngers abheben. Barack Obama hatte eine \u201ezentristische\u201c Politik eingef\u00fchrt, um die globale F\u00fchrungsrolle der USA wiederherzustellen. Es war der Versuch gewesen, mit diplomatischen Mittel die direkten milit\u00e4rischen Anstrengungen zu verringern und das Scheitern der militaristischen und unilateralen Strategie unter Bush und den Neokonservativen hinter sich zu lassen, die zu den Kriegen und Besetzungen im Irak und in Afghanistan gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p>In seiner offiziellen Erkl\u00e4rung \u00fcber die m\u00f6glichen Pl\u00e4ne der ersten einhundert Tage seiner Regierung, verk\u00fcndete der designierte Pr\u00e4sident Ma\u00dfnahmen, die bereits vorgeschlagen worden waren: der R\u00fcckzug der Vereinigten Staaten aus dem Transpazifischen Abkommen TPP und die Neuverhandlung der Bedingungen des NAFTA-Vertrags mit Mexiko und eventuell auch der Welthandelsorganisation mit der Drohung, Absprachen platzen zu lassen, wenn sie f\u00fcr die USA nicht vorteilhafter sind; die Ann\u00e4herung an eine Zusammenarbeit mit Russland im Kampf gegen den IS und in der Suche nach einer L\u00f6sung f\u00fcr die Syrienkrise, was impliziert, dass Assad an der Macht bleiben soll; die Verhandlung von gr\u00f6\u00dferen Beitr\u00e4gen der Verb\u00fcndeten der USA zur Finanzierung der Nato und die Aufstellung neuer Konditionen f\u00fcr den Unterhalt von US-Basen in anderen L\u00e4ndern wie Japan und S\u00fcdkorea.<\/p>\n<p>Im Nahen Osten scheint seine Politik die St\u00e4rkung traditioneller B\u00fcndnisse zu sein, wie die zwischen den Vereinigten Staaten und Israel sowie den Golfmonarchien, was zu einer Ablehnung oder wenigstens einem \u00dcberdenken des Abkommens mit dem Iran f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u00dcber die Beziehung zu Russland und China wird noch spekuliert. Es scheint unwahrscheinlich, dass Trump zwei Jahrzehnte der US-Politik umkehren kann, die von Feindseligkeit gegen\u00fcber Russland gepr\u00e4gt waren. Diese Strategie ist grundlegend auf das langfristige Interesse ausgerichtet, Russland auf den Status einer Halbkolonie zu reduzieren. Doch Trumps freundliche Aussagen bez\u00fcglich Putin haben bereits Besorgnis in den baltischen und osteurop\u00e4ischen Staaten ausgel\u00f6st, die in die Nato inkorporiert wurden und nun an der Frontlinie westlicher Gesch\u00fctzstellungen gegen Russland liegen. Manche glauben, dass Trump eine h\u00e4rtere Linie fahren wird, wenn auch nur am Verhandlungstisch. Andere betonen, dass ein risikofreudigerer Ansatz nicht ausgeschlossen werden kann. Alle Optionen sind offen. Doch im Kontext verschiedener Formen des ansteigenden Nationalismus, der Aussicht auf Handelskriege oder wenigstens harter Konkurrenz und des best\u00e4ndigen Niedergangs der US-Hegemonie k\u00f6nnte jede unilaterale Aktion der Vereinigten Staaten zu einer Krise unvorhersehbaren Ausma\u00dfes f\u00fchren. Das ist es, worauf sich die Welt vorzubereiten scheint.<\/p>\n<p><strong>Bonapartismus, Faschismus und die Debatte der Linken<\/strong><\/p>\n<p>Die besondere soziale und politische Natur des Trump-Ph\u00e4nomens wird noch debattiert. In der Analyse von Trumps W\u00e4hler*innenschaft erregten besonders zwei Gruppen besondere Aufmerksamkeit. Einerseits die unerwartet hohe Prozentzahl an Frauen in Anbetracht der offensichtlichen Misogynie des designierten Pr\u00e4sidenten und andererseits das Wahlverhalten von Sektoren der alten wei\u00dfen Industriearbeiter*innenschaft: das \u201eTrumpenproletariat\u201c, das von politischer R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und einer gewissen rassistischen und xenophoben Sensibilit\u00e4t charakterisiert wird. Dieses Ph\u00e4nomen verdient es, tiefer analysiert zu werden.<\/p>\n<p>Es ist eine Tatsache, dass in den umk\u00e4mpften Staaten eine gro\u00dfe Mehrheit der industriellen Arbeiter*innen von Trumps Demagogie angezogen wurde. Trump betrieb in den ehemaligen industriellen Zentren des Rust Belts einen Wahlkampf wie nie zuvor mit dem Versprechen, verlorene Arbeitspl\u00e4tze wiederzubringen. Entgegen allen Vorhersagen ging seine W\u00e4hler*innenschaft weit \u00fcber die traditionelle Basis der Republikanischen Partei hinaus. Doch der Kern von Trumps sozialer Basis besteht im Grunde aus kleinen Unternehmer*innen und selbstst\u00e4ndigen Arbeiter*innen, die anders als gro\u00dfe Unternehmen nicht von den Freihandelsabkommen und Importen profitieren und deshalb von einer Rhetorik angezogen werden, die wirtschaftlichen Protektionismus mit einem traditionell republikanischen Programm der Steuererleichterungen und der Aufhebung staatlicher Regulierungen (auch im Gesundheitswesen, in welchem sie unter jetzigem Recht zur anteiligen Finanzierung verpflichtet sind) im Stile Ronald Reagans kombiniert. Wie ein <a href=\"https:\/\/www.jacobinmag.com\/2016\/10\/trump-small-business-whites-xenophobia-immigration\/\"><strong>Artikel des Jacobin<\/strong><\/a> darlegt, repr\u00e4sentiert Trump nicht eine Revolte der Arbeiter*innenklasse, sondern in Anspielung auf einen konservativen Aktivisten \u201edie Rache von Joe dem Klempner\u201c, der Obama w\u00e4hrend der Vorwahlen in Ohio 2008 konfrontierte und zu einem Symbol der Frustration des Kleinb\u00fcrger*innentums wurde.<\/p>\n<p>Auch wenn Trump einen gr\u00f6\u00dferen Anteil derjenigen Haushalte mit Gewerkschaftsmitgliedern gewann als Reagan, bek\u00e4mpfte er als Unternehmer aktiv die gewerkschaftliche Organisierung und f\u00e4hrt eine klar gewerkschaftsfeindliche Politik, wie sie f\u00fcr die Republikanische Partei \u00fcblich ist. Diese schlie\u00dft die St\u00e4rkung von so genannten \u201eright-to-work\u201c-Gesetzen ein, die Spielr\u00e4ume f\u00fcr Gewerkschaften verengen, sowie die Aufhebung der raren Regulierungen, die unter Obama eingef\u00fchrt wurden. Das bedeutet nahezu ein Verbot der Gewerkschaften im privaten Sektor und eskaliert den Angriff auf Gewerkschaften im \u00f6ffentlichen Sektor.<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a><\/p>\n<p>Trumps Aufstieg hat eine ausgedehnte Strategiedebatte in der Linken ausgel\u00f6st. Verschiedene liberale, linke und sozialdemokratische Intellektuelle haben ihre Interpretationen vorgebracht.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Habermas definiert Trump als Teil einer populistischen Welle, als eine Art Zusammenbruch politischer Rationalit\u00e4t. Dem polnischen Soziologen Zygmunt Bauman zufolge werden wir Zeug*innen des Aufstiegs eines \u201edezisionistischen Anf\u00fchrers\u201c, ein aus Carl Schmitts klassischer Definition der souver\u00e4nen Macht stammender Begriff, der sehr akkurat die erste Phase des \u201edemokratischen Faschismus\u201c erkl\u00e4rte. Alain Badiou ist der Ansicht, dass es sich um eine Art des \u201edemokratischen Faschismus\u201c handelt, ein Widerspruch in sich, den der franz\u00f6sische Philosoph auf seine eigene Art aufl\u00f6st, indem er darauf hinweist, dass Trump sich innerhalb des demokratischen Systems befindet und nicht die Feinde konfrontiert, die der Faschismus der Drei\u00dfiger konfrontierte: die Arbeiter*innenbewegung und die Kommunistischen Parteien. Zus\u00e4tzlich werden reichlich Vergleiche mit dem 18. Brumaire und den Wahlen in Deutschland 1933 gezogen, um das reaktion\u00e4re Potential von Trumps Triumph zu messen.<\/p>\n<p>Um genau zu sein, dr\u00fcckt Trumps Sieg eine Verschiebung hin zu einem st\u00e4rker bonapartistischen und autorit\u00e4ren Regime statt den unmittelbaren Aufstieg des Faschismus aus. Doch beinhaltet er ohne Zweifel faschistoide Elemente wie den KKK und die rassistischen Gruppen der \u201eAlt-Right\u201c innerhalb eines Kontextes, in dem es de facto einen latenten B\u00fcrger*innenkrieg gegen die afroamerikanische Bev\u00f6lkerung gibt.<\/p>\n<p>Wie schon beim Brexit betont eine Minderheit der linken Parteien und progressiven Intellektuellen, dass es im Endeffekt einen Hoffnungsschimmer in Trumps Triumph gibt, weil er die herrschende Klasse destabilisieren k\u00f6nnte und weil er auf grobe Weise die despotische Natur der kapitalistischen Macht zum Ausdruck bringt. Diese Sektoren neigen dazu die Tatsache zu verharmlosen, dass sich signifikante Sektoren der Arbeiter*innenklasse f\u00fcr einen \u201eRetter\u201c entschieden haben, einen rassistischen und xenophoben Milliard\u00e4r, der verspricht die Macht des US-Imperialismus wiederherzustellen. Trumps Regierung wird eine des rechten Fl\u00fcgels der Bourgeoisie sein. Sie wird keine Arbeitspl\u00e4tze oder L\u00f6hne zur\u00fcckbringen und wird stattdessen einen Angriff auf demokratische Rechte wie das Abtreibungsrecht starten. Sein Sieg hat bereits jetzt die widerlichen Gruppen der extremen Rechten gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Jedoch w\u00e4re es falsch zu behaupten, dass das einzige Ph\u00e4nomen ein gleichm\u00e4\u00dfiger und ausschlie\u00dflicher Rechtsruck ist. Da ist auch das Aufkommen eines gewissen Neoreformismus, der, wie Sanders Unterordnung unter die Demokratische Partei gezeigt hat, machtlos ist im Angesicht des Aufstiegs der extremen Rechten. Das vielversprechendste Ph\u00e4nomen ist der Prozess der Mobilisierungen, der noch in der Nacht von Trumps Sieg begann. Zehntausende Jugendliche, Arbeiter*innen, Sch\u00fcler*innen, Studierende und Frauen gingen auf die Stra\u00dfe oder besetzten Universit\u00e4tscampus, um zu zeigen, dass sie die Abschiebung undokumentierter Immigrant*innen nicht hinnehmen und Widerstand leisten werden.<\/p>\n<p>Die Arbeiter*innenklasse hat sich noch nicht von den Niederlagen in der Reagan-\u00c4ra erholt, doch in den vergangenen Jahren sind neue Formen des Kampfes und der Organisierung aufgekommen. Dazu z\u00e4hlen Black Lives Matter, der Fight for 15 und die Streiks in den Fast-Food-Restaurants und den gro\u00dfen Supermarktketten, ganz zu schweigen von der Antikriegsbewegung, Occupy Wall Street und zuvor die Antiglobalisierungsbewegung, die 1999 in Seattle ausbrach.<\/p>\n<p>Trump repr\u00e4sentiert die Gefahr einer Spaltung zwischen der Arbeiter*innenklasse und ihren Verb\u00fcndeten unter den Afroamerikaner*innen, migrantischen Minderheiten und Frauen. Deshalb ist es essentiell, eine \u201eDrittpartei\u201c aufzubauen, welche eine revolution\u00e4re Partei der Linken und der Arbeiter*innenklasse sein muss mit dem Programm die Kr\u00e4fte der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten gegen das Kapital zu vereinigen, sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb der Vereinigten Staaten. Die Uhr tickt.<\/p>\n<p>Dieser Artikel erschien am 10. Dezember auf Spanisch in der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.laizquierdadiario.com\/ideasdeizquierda\/trump-la-caida-del-relato-neoliberal\/\"><strong>Ideas de Izquierda<\/strong><\/a> und am 29. Dezember auf Englisch auf <a href=\"http:\/\/www.leftvoice.org\/Trump-The-Fall-of-the-Neoliberal-Narrative\"><strong>Left Voice<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/trump-der-untergang-des-neoliberalen-narrativs\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 14. Januar 2017<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Tariq Ali, \u201cThe Extreme Centre,\u201d Verso Books, 2015.<\/p>\n<p>Auf \u00e4hnliche Weise machte Peter Mair eine tiefe Analyse der Krise der traditionellen Parteien und der kapitalistischen Demokratie generell nach dem Fall der Berliner Mauer und dessen Beziehung mit dem Aufkommen der \u201eAnti-Politik\u201c. Vgl.: \u201cRuling the Void? The Hollowing of Western Democracy,\u201d New Left Review 42, 2006.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Die sogenannte \u201eAlt-Right\u201c (alternative Rechte) ist ein loses und heterogenes Konglomerat von Gruppen und Individuen der extremen Rechten, die eine \u201ewei\u00dfe Identit\u00e4t\u201c und die \u201ewestliche Zivilisation\u201c verteidigen und die das traditionelle konservative Establishment ablehnen. Steve Bannon, der von Trump zum Chefstrategen ernannt wurde, wird vorgeworfen zu dieser Gruppe zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> R. Verbruggen, \u201cTrump and the Unions,\u201d The American Conservative, November 20, 2016.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die konservative Lawine, die bei der Wahl im November so viele Staaten republikanisch machte, wurde viel geschrieben. 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