{"id":1869,"date":"2017-01-23T10:14:23","date_gmt":"2017-01-23T08:14:23","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1869"},"modified":"2017-01-23T10:14:23","modified_gmt":"2017-01-23T08:14:23","slug":"wef-in-davos-eine-gesellschaftsordnung-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1869","title":{"rendered":"WEF in Davos: Eine Gesellschaftsordnung in der Krise"},"content":{"rendered":"<p><em>Nick Beams<\/em>. Es ist hinl\u00e4nglich bekannt, dass das <em>Ancien regime<\/em> vor der Franz\u00f6sischen Revolution von 1789 weder willens noch in der Lage war, den feindlichen Ausbruch aktiv zu verhindern, der es schlie\u00dflich hinwegfegen sollte. Diese Unf\u00e4higkeit<!--more--> war nicht das Ergebnis psychologischer oder pers\u00f6nlicher Unzul\u00e4nglichkeiten einzelner Mitglieder der herrschenden Klasse. Sie wurzelte vielmehr in der Klassenstruktur der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen lie\u00df sich auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos beobachten, das am letzten Freitag zu Ende ging. In dem Schweizer Nobelskiort versammeln sich allj\u00e4hrlich Vertreter der f\u00fchrenden wirtschaftlichen und politischen Eliten des Weltkapitalismus.<\/p>\n<p>Das Treffen war dem Anstieg sozialer Ungleichheit gewidmet, wie auch der zunehmenden Revolte gegen die soziale, wirtschaftliche und politische Ordnung, f\u00fcr welche die Damen und Herren in Davos verantwortlich zeichnen.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re war eine Mischung aus Fassungslosigkeit \u00fcber den anhaltenden Zerfall der globalen Ordnung und Angst vor den Konsequenzen. Kein Teilnehmer hatte irgendwelche Ma\u00dfnahmen anzubieten, die geeignet w\u00e4ren, eine Verbesserung herbeizuf\u00fchren. Dazu waren die Anwesenden viel zu sehr bem\u00fcht, sicherzustellen, dass nichts und niemand ihren Interessen zu nahe kommt.<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige Teilnehmer William Browder, Mitgr\u00fcnder der Fondsgesellschaft Hermitage Capital Management, brachte die kollektive Verunsicherung \u00fcber den weiteren Lauf der Dinge auf den Punkt, als er sagte: \u201eZum ersten Mal gibt es absolut keinen Konsens. Alle starren gebannt in den Abgrund.\u201c<\/p>\n<p>Die <em>New York Times<\/em> ver\u00f6ffentlichte einen Artikel von Peter Goodman mit der \u00dcberschrift: \u201eDavos: Elite sorgt sich bei Qualit\u00e4tswein und H\u00e4ppchen um die Ungleichheit.\u201c Er enthielt einige scharfe Beobachtungen und eine lebhafte Schilderung der Veranstaltung. Bei zahllosen Diskussionsrunden ging es darum, wie sich der Kapitalismus \u201ereformieren\u201c l\u00e4sst, und wie man es schafft, dass die Globalisierung funktioniert.<\/p>\n<p>Goodman schrieb: \u201eBezeichnenderweise gab es ein Thema, \u00fcber das niemand sprach: wie Arbeiter zu ermutigen seien, bessere L\u00f6hne auszuhandeln und den Reichtum von oben nach unten zu verteilen.\u201c<\/p>\n<p>Goodman gab einen Grund f\u00fcr die Furcht an, die die Diskussionen in Davos beherrschte: \u201eWenn es stimmt, dass sich die Welt in der Gewalt einer populistischen Bewegung befindet, dann werden die Mistgabeln sich wohl nicht damit begn\u00fcgen, nur auf uns zu zeigen.\u201c Wie er schrieb, erfreuen sich die Eliten in Davos eines immer gr\u00f6\u00dferen Teils des Gesamtreichtums, w\u00e4hrend \u201edie Einkommen der armen Haushalte und der Mittelschicht stagnieren und sinken\u201c.<\/p>\n<p>\u201eDoch die L\u00f6sungen, die Anklang finden\u201c, hei\u00dft es weiter bei Goodman, \u201esind offenbar darauf ausgelegt, den Konzernen und den reichsten Personen jedes Opfer zu ersparen. Als sei es m\u00f6glich, die Ungleichheit zu verringern und gleichzeitig jenen an der Spitze alles, was sie heute besitzen, zu belassen.\u201c<\/p>\n<p>Ian Goldin, Professor f\u00fcr Globalisierung an der Universit\u00e4t Oxford, formulierte in seiner Rede den Tenor, der die Foren und Seminare der viert\u00e4gigen Veranstaltung bestimmte.<\/p>\n<p>Er erkl\u00e4rte, niemals habe es \u201eeine bessere Zeit gegeben, um darin zu leben, und trotzdem f\u00fchlen wir uns so niedergeschlagen\u201c. Viele Menschen bef\u00fcrchteten, die heutige Zeit sei \u201ebesonders gef\u00e4hrlich\u201c. Seine Rede erinnerte an den ber\u00fchmten Einleitungssatz von Charles Dickens\u2018 Roman \u00fcber die Franz\u00f6sische Revolution, <em>Eine Geschichte aus zwei St\u00e4dten<\/em>: \u201eEs war die beste und die schlimmste Zeit\u2026\u201c<\/p>\n<p>Goldin gab der Diskussion die Worte auf den Weg, in diesem \u201ekostbarsten Moment\u201c der Menschheitsgeschichte bestehe die Aufgabe darin, die Globalisierung nachhaltig zu befestigen und sicherzustellen, dass \u201ewir die hartn\u00e4ckigen Probleme bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, die den Menschen Sorgen bereiten\u201c.<\/p>\n<p>Doch Goodman schrieb in seiner Zusammenfassung der anschlie\u00dfenden Diskussion: \u201eDie Antwort der Unternehmensvorst\u00e4nde, die an der Diskussion teilnahmen, l\u00e4sst sich grob auf folgende These reduzieren: Wer nicht von der Globalisierung profitiert hat, der muss sich eben mehr anstrengen und den Erfolgreichen nacheifern.\u201c<\/p>\n<p>Am zweiten Tag der Versammlung hielt Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen W\u00e4hrungsfonds, eine Rede \u00fcber die Krise in den Mittelschichten. Laut Goldman griff sie darin zu einem Wort, das man sonst kaum h\u00f6rte: Umverteilung.<\/p>\n<p>Sie erkl\u00e4rte: \u201eEs gibt einiges, was man tun kann. Es erfordert vermutlich mehr Umverteilung, als im Moment stattfindet.\u201c<\/p>\n<p>Doch nach ihrer Intervention wandte sich die Unterhaltung laut Goodman \u201eanderen Themen\u201c zu.<\/p>\n<p>\u201eDer Gr\u00fcnder der amerikanischen Investmentfirma Bridgewater Associates, Ray Dalio (der im Jahr 2015 l\u00e4cherliche 1,4 Milliarden Dollar kassiert hatte), nannte als wichtigstes Mittel zur Belebung der Mittelschichten die ,Schaffung einer Atmosph\u00e4re, in der sich leicht Geld verdienen l\u00e4sst&#8216;. Er propagierte vor allem den Abbau von Vorschriften, um die ,Lebensgeister&#8216; zu wecken.\u201c<\/p>\n<p>Das Ganze erinnert an die franz\u00f6sische K\u00f6nigin Marie Antoinette, die als Reaktion auf die Brotunruhen vor der Revolution ge\u00e4u\u00dfert haben soll, die Bev\u00f6lkerung solle doch Kuchen essen.<\/p>\n<p>Das zweite wichtige Thema war die Amts\u00fcbernahme von US-Pr\u00e4sident Donald Trump und deren Auswirkungen. Im Wahlkampf hatten sich mehrere amerikanische Finanziers und regelm\u00e4\u00dfige Teilnehmer in Davos noch gegen Trump ausgesprochen. Inzwischen haben sie ihre Haltung ge\u00e4ndert. Nichts ist st\u00e4rker als der Geruch des Geldes, und Trump hat versprochen, die Regulierung des Bank- und Finanzwesen abzuschaffen.<\/p>\n<p>Anthony Scaramucci, ein Hedgefonds-Betreiber, Stammgast in Davos und fr\u00fcherer Kritiker Trumps, hat sich der Trump-Regierung jetzt als \u00f6ffentlicher Kontaktmann und Berater angeschlossen. Er musste vorzeitig aus Davos abreisen, um an der Amtseinf\u00fchrung teilzunehmen. Der milliardenschwere Investor Paul Singer, der sich bisher als \u201elautstarker\u201c Trump-Kritiker hervorgetan hatte, ist dieses Jahr erst gar nicht nach Davos gekommen, sondern blieb wegen der Amtseinf\u00fchrung in Amerika. Er hat eine Million Dollar daf\u00fcr gespendet.<\/p>\n<p>Die soziale und wirtschaftliche Ordnung der in Davos versammelten Oberh\u00e4upter verf\u00e4llt zusehends, und das vielleicht beste Beispiel daf\u00fcr war die Rede des chinesischen Pr\u00e4sidenten Xi Jinping. Man hatte ihn zum Standartentr\u00e4ger der kapitalistischen Globalisierung und des \u201efreien Marktes\u201c bestimmt, da angesichts von Trumps Kurs auf Protektionismus und Wirtschaftsnationalismus kein anderes Staatsoberhaupt bereit war, den Anfang zu machen. \u201eIch war mir nicht sicher, ob das Pr\u00e4sident Xi oder Ronald Reagan war\u201c, kommentierte Thomas Farley, Pr\u00e4sident der New Yorker B\u00f6rse, anschlie\u00dfend die Rede.<\/p>\n<p>Goodman fasste das Treffen mit den Worten zusammen: \u201eDer Slogan des Weltwirtschaftsforums lautet: ,Lasst uns die Welt verbessern.&#8216; Wie jedes Jahr ist dieser Slogan in Davos allgegenw\u00e4rtig. Doch aller potentiellen Verbesserungen zum Trotz kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Teilnehmer den derzeitigen Zustand der Welt auch weiterhin mit H\u00e4ppchen und reifem Bordeaux genie\u00dfen werden, w\u00e4hrend ihre Privatjets startbereit auf sie warten. Soll hei\u00dfen: die weltweite Populismus-Welle wird so schnell nicht an Kraft verlieren.\u201c<\/p>\n<p>Wie die herrschende Klasse auf der ganzen Welt, f\u00fcrchten die Eliten in Davos, dass aus der aktuellen populistischen Wut ein bewusster politischer Kampf f\u00fcr das Programm des internationalen Sozialismus werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/01\/23\/davo-j23.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 23. Januar 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nick Beams. Es ist hinl\u00e4nglich bekannt, dass das Ancien regime vor der Franz\u00f6sischen Revolution von 1789 weder willens noch in der Lage war, den feindlichen Ausbruch aktiv zu verhindern, der es schlie\u00dflich hinwegfegen sollte. Diese &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[16,18,45,46],"class_list":["post-1869","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-freihandel","tag-imperialismus","tag-neoliberalismus","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1869","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1869"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1869\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1870,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1869\/revisions\/1870"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1869"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1869"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}