{"id":1954,"date":"2017-02-27T17:12:18","date_gmt":"2017-02-27T15:12:18","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1954"},"modified":"2017-02-27T17:12:18","modified_gmt":"2017-02-27T15:12:18","slug":"frankreich-der-tanz-auf-dem-vulkan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1954","title":{"rendered":"Frankreich &#8211; der Tanz auf dem Vulkan"},"content":{"rendered":"<p><em>Hovhannes Gevorkian.<\/em><strong> Frankreich ist im Aufruhr. Nach dem Kampf gegen das Loi Travail, Korruptionsskandalen und erneuten Banlieue-Aufst<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>nden befindet sich das politische Regime vor den Pr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>sidentschaftswahlen <\/strong><strong>in einer tiefen Krise. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Wer sind die Pr\u00e4sidentschaftskandidat*innen, die die Situation ver\u00e4ndern wollen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Bourgeoisie ist eine untergehende Klasse. Sie hat weder eine Zukunft noch kann sie eine fortschrittliche Rolle spielen. Dies gilt erst recht f\u00fcr die franz\u00f6sische Bourgeoisie, die eine besonders \u201etraditionsreiche\u201c Geschichte hat. Ihre imperialistische Herrschaftsgeschichte zeichnet sich als besonders grausam und m\u00f6rderisch aus: Zahlreiche Unterwerfungen, Massaker und Kriege gegen die ehemals kolonisierten V\u00f6lker stehen ihr zu Buche.<\/p>\n<p>Auch heute zeichnet sich der franz\u00f6sische Staat durch imperialistische Interventionen wie in Mali oder Syrien aus. Immer noch hat er St\u00fctzpunkte in \u00dcbersee wie auf Martinique. In Frankreich selbst befindet sich die Bourgeoisie in einem hartn\u00e4ckigen permanenten Klassenkrieg gegen die Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten. Erstere \u2013 die Arbeiter*innenklasse \u2013 greift der b\u00fcrgerliche Staat mit Entlassungen und der Beschneidung der gewerkschaftlichen Rechte an. Letztere \u2013 die Migrant*innen, Frauen und Jugendliche, die ebenfalls mit gro\u00dfer Mehrheit dem Proletariat zuzurechnen sind \u2013 schikaniert und mordet er mit seinen eigenen bezahlten Banden in Uniform: der Polizei.<\/p>\n<p><strong>Ein tiefer Riss<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Jugendlichen in den Banlieues geh\u00f6rt rassistische Polizeigewalt nicht erst seit dem Ausnahmezustand zum Alltag. Jederzeit und \u00fcberall <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/eine-bande-von-vergewaltigern-proteste-gegen-polizeigewalt-in-frankreich\/\"><strong>kann es einen wie Theo<\/strong><\/a> erwischen. Dass sich dagegen allerdings auch Widerstand formiert, zeigen die Proteste, die besonders in der Pariser Vorstadt Bobigny hart ausgetragen wurden. Seit der Revolte der Jugend 2005 hat es kein franz\u00f6sischer Staatspr\u00e4sident geschafft, die Lage zu beruhigen. Im Gegenteil: Alle Pr\u00e4sidenten von Jacques Chirac \u00fcber Nicolas Sarkozy bis hin zu Fran\u00e7ois Hollande weiteten die Befugnisse der Polizei aus. Hollande war dabei 2012 auch noch mit einem Programm angetreten, wo er ein Ende der andauernden Polizeigewalt versprach. Ge\u00e4ndert hat sich nicht viel \u2013 die Unterdr\u00fcckung der mehrheitlich migrantischen Jugendlichen ist vielmehr integraler Bestandteil der franz\u00f6sischen Staatsdoktrin.<\/p>\n<p>Der diesj\u00e4hrige Wahlkampf um das Pr\u00e4sidentenamt zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass viele Ex-Minister bereits das Handtuch warfen und einer nach dem anderen sich aus dem Rennen verabschiedete: Nicolas Sarkozy (ehem. Staatspr\u00e4sident), Manuel Valls (ehem. Ministerpr\u00e4sident), Alain Juppe (ehem. Ministerpr\u00e4sident), Arnaud Montebourg (ehem. Arbeitsminister) sowie der derzeitige Staatspr\u00e4sident Fran\u00e7ois Hollande, der mit Blick auf seine desastr\u00f6sen Umfragewerte ebenfalls auf eine weitere Kandidatur verzichtete.<\/p>\n<p>Doch auch die verblieben Kandidat*innen (und Ex-Minister*innen\u2026) k\u00e4mpfen mit Korruptionsskandalen, schwachen Umfragewerten oder mit mangelnder Erfahrung. Ein besonderes Erdbeben ist dabei die Korruptionsaff\u00e4re um den konservativen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Fran\u00e7ois Fillon: Im <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/fillon-wegen-penelope-gate-staerker-in-bedraengnis-14808189.html\"><strong>\u201ePenelopegate\u201c<\/strong><\/a> genannten Skandal kam heraus, dass Fillon seine Frau und seine Kinder als fiktive Mitarbeiter*innen eingestellt hat, um ihnen insgesamt fast eine Million Euro zukommen zu lassen. Am Freitag \u00fcbergab die <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article162371167\/Staatsanwaltschaft-eroeffnet-Verfahren-gegen-Fillon.html\"><strong>franz\u00f6sische Staatsanwaltschaft den Fall dem Untersuchungsrichter<\/strong><\/a> \u2013 der bisherige H\u00f6hepunkt des Korruptionsskandals.<\/p>\n<p>Doch in der Verfaultheit der herrschenden Klasse ist Fillon nicht allein, auch Front National-Kandidatin Marine Le Pen weist einen Skandal um fiktive Angestellte auf: Mehrere ihrer Mitarbeiter*innen sollen 340.000 Euro von der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr national-politische Zwecke verwendet haben, obwohl diese Gelder f\u00fcr rein EU-politische Zwecke bestimmt waren. Im Zuge dessen wurde das Parteigeb\u00e4ude des FN von der Polizei durchsucht und zwei ihrer Mitarbeiter vorl\u00e4ufig zur Befragung in Gewahrsam genommen.<\/p>\n<p><strong>Eine besondere Fragilit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>t<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201c<\/em><em>Nichts ist stabil. Es ist ein gro<\/em><em>\u00df<\/em><em>es Chaos<\/em><em>\u201d<\/em>, sagte der Staatssekret\u00e4r und Valls-Anh\u00e4nger Jean-Marie Le Guen. Auch bei den Vertreter*innen der herrschenden Klasse ist schon l\u00e4ngst zur Gewissheit geworden, dass die diesj\u00e4hrigen Wahlen alles andere als gew\u00f6hnlich sind. In der Geschichte der V. Republik (nach der Verfassungsreform von Charles de Gaulle 1958) ist es zum ersten Mal m\u00f6glich, dass keine der beiden gro\u00dfen Parteien in der entscheidenden Stichwahl vertreten sein werden. Das w\u00fcrde das franz\u00f6sische Parteiensystem stark ersch\u00fcttern.<\/p>\n<p>Diese Fragilit\u00e4t des b\u00fcrgerlichen Parteiensystems erkl\u00e4rt sich zum einen durch die Unzufriedenheit der Massen mit der derzeitigen perspektivlosen Lage (es herrscht Rekordarbeitslosigkeit). Zum anderen ist sie ein internationales Ph\u00e4nomen, das \u00fcber die franz\u00f6sische Konjunktur hinausgeht. In mehreren L\u00e4ndern dr\u00fcckt sich das in einer tiefen Entfremdung von den traditionellen Institutionen des politischen Regimes aus, so auch gegen\u00fcber dem antidemokratischen System der V. Republik mit seinen \u00fcbertriebenen Machtbefugnissen f\u00fcr den Staatspr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Keine*r der Kandidat*innen wird es schaffen, mit gew\u00f6hnlichen Mitteln der tiefen Unzufriedenheit der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten Einhalt zu gebieten. Die Analyse ihrer Programme zeigt, dass weitere, versch\u00e4rfte Klassenk\u00e4mpfe \u00fcber die Wahlen hinaus zu erwarten sind. Die Bourgeoisie wird es dabei nicht belassen, die herk\u00f6mmlichen Mittel anzuwenden, um besonders dem Kampfgeist des franz\u00f6sischen Proletariats etwas entgegen zu setzen \u2013 die Anwendung des Verfassungsartikels 49 Absatz 3 im Mai 2016 zur Durchsetzung der Arbeitsrechtsreform per Dekret war nur ein Vorgeschmack auf die Wahl ihrer Mittel f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p><strong>Emmanuel Macron: Der Neoliberale <\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong>ohne Programm<\/strong><strong>\u201d<\/strong><strong>?<\/strong><\/p>\n<p>Vielfach wird am Kandidaten, der sich \u201cweder rechts noch links\u201d einordnet, kritisiert, dass er kein Programm habe bzw. \u00fcber Allgemeinpl\u00e4tze nicht hinaus gehen w\u00fcrde. Das ist falsch. Macron verk\u00f6rpert sehr wohl den neoliberalen Kandidaten<em> par excellence<\/em>, der schon w\u00e4hrend seiner knapp zweij\u00e4hrigen Amtszeit als Finanzminister unter Fran\u00e7ois Hollande Steuererleichterungen zwischen 30 und 40 Milliarden Euro f\u00fcr die Unternehmen durchsetzte. Als ehemaliger Investmentbanker der Rothschild-Bank wusste er, bei wem er sich g\u00fctigst revanchieren konnte. Macron tritt eigenst\u00e4ndig an, d.h. seine Basis rekrutiert sich nicht aus einer der traditionellen Parteien, sondern aus einer \u201cBewegung\u201d namens <em>En Marche<\/em>. Wie fast alle b\u00fcrgerlichen Politiker*innen wird er nicht m\u00fcde, dass Erbe des Gaullismus zu preisen, um im gleichen Atemzug \u2026 Angela Merkel zu loben, von der er meint, sie habe im Zuge der Migrationskrise die \u201cEhre Europas gerettet\u201d.<\/p>\n<p>Als tiefer Verehrer des EU-B\u00fcrokratismus m\u00f6chte Macron das Haushaltdefizit \u2013 derzeit bei 3,4 Prozent \u2013 so schnell wie m\u00f6glich auf 2,9 Prozent herunterschrauben. Laut Macron soll das dadurch geschehen, dass bis 2020 u.a. 15 Milliarden Euro bei der staatlichen Krankenversicherung und 10 Milliarden Euro bei der Arbeitslosenversicherung eingespart werden. Klarer kann ein Kandidat sein Faible zum Neoliberalismus kaum ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Derzeit profitiert er von der Schw\u00e4che der anderen Kandidat*innen. W\u00e4hrend es erst so schien, als sei der 39-j\u00e4hrige eher das Langzeitprojekt der Bourgeoisie f\u00fcr kommende Wahlen \u00fcber 2017 hinaus, \u201czwingen\u201d die Enth\u00fcllungen \u00fcber die fiktiven Angestellten Fran\u00e7ois Fillons die herrschende Klasse nun endg\u00fcltig, ihre Karten auf Macron zu setzen. Er f\u00fchrt nicht nur die Umfragen an, sondern h\u00e4tte auch in einer etwaigen Stichwahl gegen Marine Le Pen gute Chancen, zu gewinnen. Hinzu kommt ebenfalls, dass der ehemalige Kandidat des Zentrums, Fran\u00e7ois Bayrou, ihm nun eine Allianz anbot und so weitere, wichtige Prozentpunkte (in Umfragen lag er bei f\u00fcnf bis sechs Prozent) f\u00fcr Macron sichern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Marine Le Pen: Angekommen im Establishment<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr b\u00fcrgerliche Politiker*innen in Frankreich kann es wohl keine gr\u00f6\u00dfere Wertsch\u00e4tzung geben als eine Einladung zu Pierre Gattaz. Pierre Gattaz ist Vorsitzender des wichtigsten Unternehmer*innenverbandes Medef, welcher \u2013 anders als deutsche Kapitalvereinigungen \u2013 immer wieder \u00f6ffentlichkeitswirksam interveniert. Im Fr\u00fchjahr 2016 verglich Gattaz die protestierenden Gewerkschafter*innen der CGT mit \u201cTerrorist*innen\u201d, was besonders nach den IS-Anschl\u00e4gen in Paris und Nizza nicht nur zynisch, sondern geradezu verleumderisch ist. Marine Le Pen wurde als erste*r Vertreter*in der FN zum Medef eingeladen. In Zeiten der organische Krise ist damit der franz\u00f6sischen Bourgeoisie eine weitere Alternative entstanden; die einer protektionistischen Wirtschaftspolitik gepaart mit einem Referendum \u00fcber einen \u201cFrexit\u201d. Dieses Programm stellte Marine Le Pen auf dem Parteitag in Lyon vor.<\/p>\n<p>Anders als ihr Vorg\u00e4nger und Vater, Jean-Marine Le Pen, will die derzeitige Vorsitzende die Partei von den schrillen antisemitischen T\u00f6nen ihres Vaters befreien und die rassistische Partei \u201cnormalisieren\u201d. Ihre Taktik zielt deshalb gerade darauf ab, sich selbst in der Vordergrund zu r\u00fccken und einen klassischen Pers\u00f6nlichkeitswahlkampf zu f\u00fchren. W\u00e4hrend von liberaler Seite zu einer Anti-Le Pen-Front aufgerufen wird, wird gleichzeitig verkannt, dass der FN selbst auf instabiler Grundlage steht: Ohne die finanzielle Hilfe Jean-Marine Le Pens w\u00e4re die Organisierung des Parteitags gar nicht m\u00f6glich gewesen. Hinzukommt, dass der FN (noch) nicht \u00fcber die ausgebildete Basis verf\u00fcgt, um einen Staat zu verwalten.<\/p>\n<p><strong>Fran<\/strong><strong>\u00e7<\/strong><strong>ois Fillon: Wer <\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong>arbeitete<\/strong><strong>\u201d<\/strong><strong> noch f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r ihn?<\/strong><\/p>\n<p>Erst schien es, als k\u00f6nnte Fran\u00e7ois Fillon nichts und niemand mehr von dem Einzug in den Elys\u00e9e-Palast stoppen. Dann kam <em>Le Canard Enchain\u00e9<\/em>. Die Zeitschrift enth\u00fcllte die fiktiven T\u00e4tigkeiten seiner Frau Penelope und seiner zwei Kinder, die angeblich w\u00e4hrend seiner Zeit im Senat seine \u201cMitarbeiter*innen\u201d waren. Da sie niemals arbeiteten, aber flei\u00dfig und f\u00fcrstlich entlohnt wurden, betrug sich die Raubbeute der Familie insgesamt auf stolze 830.000 Euro. Die Rechnung folgte prompt, als die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm und Fillon in den Umfragen vom ersten auf den dritten Rang st\u00fcrzte. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft den Fall vor den Untersuchungsrichter gebracht.<\/p>\n<p>Die Weiterleitung an den Untersuchungsrichter ist dabei wie ein kleiner Erfolg f\u00fcr das Team Fillon: Er kann zwar nun jederzeit als Zeuge verh\u00f6rt werden, jedoch h\u00f6chstwahrscheinlich nur bis zum 17. M\u00e4rz. Dann n\u00e4mlich werden die Kandidaturen offiziell registriert und es wird fortan seitens der b\u00fcrgerlichen Justiz eher unwahrscheinlich sein, dass sie w\u00e4hrend des Wahlkampfes gegen ihn weiterermittelt \u2013 um damit von au\u00dfen das Wahlverfahren nicht zu beeinflussen.<\/p>\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re es gewesen, den Fall direkt an das Schwurgericht weiterzuleiten und eine Klage damit zu erzwingen. Doch Fillon selbst, der zun\u00e4chst davon sprach, im Falle eines Strafverfahrens zur\u00fcckzutreten, nahm in den vergangenen Wochen dieses Versprechen zur\u00fcck und attackierte seither die Justiz. Er stufte die Ermittlungen als \u201cpolitisch motiviert\u201d ein und deklarierte vor aller \u00d6ffentlichkeit, dass \u201cdas Volk mein Richter sein werde.\u201d \u00c4hnlich wie Sarkozy vor f\u00fcnf Jahren scheint er seinen Wahlkampf wohl auch aus einem Grunde fortsetzen zu wollen: juristische Immunit\u00e4t als Staatspr\u00e4sident.<\/p>\n<p>Fillons Aff\u00e4re macht nichtsdestotrotz noch einmal deutlich, wie korrupt und verfault die herrschende Klasse ist. \u00d6ffentliche Gelder werden wie selbstverst\u00e4ndlich in die eigenen Taschen eingef\u00fchrt. Gleichzeitig werden zutiefst arbeiter*innenfeindliche Konterreformen angek\u00fcndigt: Fillon will beispielsweise 500.000 Stellen im \u00d6ffentlichen Dienst streichen.<\/p>\n<p><strong>Benoit Hamon und Jean-Luc M<\/strong><strong>\u00e9<\/strong><strong>lenchon: Aus der gleichen Familie stammend<\/strong><\/p>\n<p>M\u00e9lenchon ist von linker Seite her bislang der Einzige, der von der Regimekrise profitiert. Das ehemalige Mitglied der Parti Socialiste (PS, bis 2008 war er Teil dessen) versucht mit seiner Bewegung <em>La France Insoumise<\/em> (widerspenstiges Frankreich) alle Kr\u00e4fte links des Zentrum unter einem sozialchauvinistischen Banner zu sammeln. Er k\u00f6nnte auf rund 15 Prozent kommen, wobei sein \u00e4rgster Widersacher der ehemalige Bildungsminister Benoit Hamon ist. Hamon, der einst das Kabinett Valls I aus Protest gegen das Loi Travail verlie\u00df, ist dem linken Parteifl\u00fcgel des PS zuzurechnen und d\u00fcrfte wohl nach 2002 das schlechteste Ergebnis f\u00fcr die Sozialist*innen holen \u2013 nicht einmal die Gesamtheit der eigenen Partei hat er hinter sich. Wenigstens die Gr\u00fcnen um Yannick Jadot unterst\u00fctzen ihn, weil er einen Atomausstieg bef\u00fcrwortet; mehr als ein bis zwei Prozent zus\u00e4tzlich werden sie ihm aber auch nicht bringen.<\/p>\n<p>M\u00e9lenchon derweil strebt besonders bzgl. der EU einen linksnationalistischen Kurs an: Die EU m\u00f6chte er entweder \u201cver\u00e4ndern oder verlassen\u201d. Das steht in direkter Verbindung mit seinem sozialliberal-protektionistischen Programm, das an die ersten Regierungsjahre von Fran\u00e7ois Mitterand in den fr\u00fchen 80er Jahren erinnert. Doch besonders auf dem H\u00f6hepunkt der Migrationskrise (\u201cDie Migranten stehlen den franz\u00f6sischen Arbeitern das Brot weg\u201d) zeigte er einmal mehr sein wahres Gesicht. Nun wird er gegen Hamon um die Gunst der W\u00e4hler*innen des Linksreformismus k\u00e4mpfen. M\u00e9lenchon und Hamon \u2013 ein Geschwisterpaar, das sich im Wahlkampf gegenseitig auf die F\u00fc\u00dfe treten wird.<\/p>\n<p><strong>Nathalie Arthaud und Phillipe Poutou: Der Trotzkismus am Wendepunkt<\/strong><\/p>\n<p>Es ist besonders frappierend, dass im Zuge einer starken Bewegung seitens der Arbeiter*innen und Jugend weder die NPA noch die LO im letzten Jahr davon profitieren konnten. Die NPA stellt mit Poutou den einzigen Arbeiterkandidaten weit und breit und hat gro\u00dfe Probleme, die notwendigen 500 Unterschriften der Amtstr\u00e4ger*innen zu bekommen, um \u00fcberhaupt antreten zu k\u00f6nnen. Mit Nathalie Artaud setzt sich auf der anderen Seite der sektiererische Kurs der LO fort, die seit Jahrzehnten weder ihre Basis vergr\u00f6\u00dfern kann noch an Einfluss gewinnt. Gefangen im Syndikalismus, hat sie besonders den k\u00e4mpfenden Unterdr\u00fcckten wenig anzubieten: W\u00e4hrend es offensichtlich ist, dass die rassistische Institution Polizei zerschlagen werden muss, beschwichtigt sie, dass nur \u201cein Teil der Polizei\u201d rassistisch sei.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Trotzkismus in Frankreich k\u00f6nnten die Wahlen inmitten der Unruhen in Banlieus, den sektoralen Streiks der Arbeiter*innenklasse sowie einer nie dagewesenen Schw\u00e4che der b\u00fcrgerlichen Kandidaten zu einem Desaster werden, wenn Poutou nicht antreten kann. Ein solches Debakel k\u00f6nnte der letzte Nagel im Sarg der dauerkriselnden NPA werden. Mehr noch: Kein*e Arbeiter*in w\u00fcrde zur Wahl antreten k\u00f6nnen und unsere Klasse w\u00fcrde nach dem Loi Travail die n\u00e4chste schwere Niederlage einstecken m\u00fcssen. Nur eine Kandidatur Poutous w\u00e4re eine vorzeigbare Alternative; Diese ist noch m\u00f6glich, schaffte es die NPA doch auch 2012 im letzten verbliebenen Monat (bis zum 17. M\u00e4rz muss sie ihre Unterschriften vorlegen) mehr als 150 Unterschriften zu sammeln und den Antritt des streikenden Ford-Arbeiters zu sichern. Das macht Hoffnung, gleichzeitig kann die Kampagne nicht verdecken, dass der Trotzkismus in Frankreich vor einer Neuformierung steht.<\/p>\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Durchsetzung des Loi Travail wurde endg\u00fcltig ein neues Kapitel im franz\u00f6sischen Klassenkrieg aufgeschlagen. Von einer \u201csozialistischen\u201d Regierung im Ausnahmezustand durchgepeitscht, ist das Gesetz das Pendant zur Agenda 2010 in Deutschland. Jene ist bis heute die Grundlage daf\u00fcr, dass in Deutschland der gr\u00f6\u00dfte Niedriglohnsektor Europas existiert. Es waren diese Konterreformen, welche f\u00fcr eine Versch\u00e4rfung der Prekarisierung sorgten und damit die Organisation und Kampfst\u00e4rke massiv schw\u00e4chten. Die franz\u00f6sische Arbeiter*innenklasse hat einen anderen, radikaleren historischen Hintergrund und ihr heroischer Kampf im Fr\u00fchjahr 2016 inmitten einer internationalen reaktion\u00e4ren Situation des Rechtsrucks war ein Vorbild \u2013 sie war aber auch eine Antizipation dessen, wozu unsere Klasse f\u00e4hig ist, wenn sie organisiert ist und k\u00e4mpft. Sie ist in der Lage, mit ihren Streiks und Mobilisierungen das gesamte Land lahmzulegen.<\/p>\n<p>Vor ihr stehen nun unvermeidlich h\u00e4rtere und unvers\u00f6hnlichere Schlachten, die nicht nur ihre Zukunft, sondern mit ihr als Avantgarde der europ\u00e4ischen Arbeiter*innenklasse, die Zukunft des internationalen Proletariats bestimmen werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/frankreich-der-tanz-auf-dem-vulkan-teil-2-wer-ist-wer-in-der-praesidentschaftswahl\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 27. Februar 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hovhannes Gevorkian. Frankreich ist im Aufruhr. 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