{"id":1983,"date":"2017-03-18T11:01:46","date_gmt":"2017-03-18T09:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1983"},"modified":"2017-03-19T10:25:54","modified_gmt":"2017-03-19T08:25:54","slug":"leo-trotzki-1917-die-lehren-des-oktobers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1983","title":{"rendered":"Leo Trotzki. 1917. Die Lehren des Oktobers"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Russische Revolution bleibt weiterhin eine unersch\u00f6pfliche Quelle von Fragestellungen und Lehren f\u00fcr politisch-organisatorische Projekte und revolution\u00e4re Strategien, die sich auf die revolution\u00e4ren Potentiale in der Arbeiterklasse, der Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen, abst\u00fctzen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> Viele dazugeh\u00f6rigen Aspekte, theoretische und historische, wurden im Laufe der vergangenen hundert Jahre mittlerweile herausgearbeitet; die n\u00fctzlichsten und tiefsch\u00fcrfendsten stammen meist aus der Tradition der \u00abLinken Opposition\u00bb und ihrer Sympathisanten, deren Hauptvertreter Leo Trotzki war. Seine Generation der bolschewistischen F\u00fchrung wurde vom thermidorianischen Regime in der Sowjetunion, das sich in der zweiten H\u00e4lfte der 1920er-Jahre herauszubilden begann, marginalisiert und dann ab den 1930er-Jahren umgebracht. Die Urspr\u00fcnge der \u00abLinken Opposition\u00bb reichen weit zur\u00fcck, eigentlich bis in die sehr heftigen parteiinternen Debatten, die dem Oktoberumsturz vorangingen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>In diesem brillanten Text zeichnet Trotzki diese Debatten anhand wichtiger Wendepunkte der Entwicklung zwischen der Februarrevolution und dem Oktoberumsturz nach. F\u00fcr einen Beitrag zur Debatte um den Thermidor anhand auch aktueller Literatur sei auf <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1882\">1917 bis 1989: Revolution und Thermidor<\/a> verwiesen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;- <\/strong><\/p>\n<p><strong>Es ist notwendig, den Oktoberumsturz zu studieren<\/strong><\/p>\n<p>Obschon wir in der Oktoberrevolution Gl\u00fcck hatten, hatte diese in unserer Presse kein Gl\u00fcck. Wir besitzen bis jetzt kein einziges Werk, das ein Gesamtbild des Oktoberumsturzes geben und seine wichtigsten politischen und organisatorischen Momente herausheben w\u00fcrde. Nicht nur das, sogar die Dokumente, welche die einzelnen Stadien der Vorbereitung des Umsturzes und des eigentlichen Umsturzes unmittelbar charakterisieren \u2013 und dabei die wichtigsten Dokumente \u2013 sind bisher noch nicht ver\u00f6ffentlicht worden. Wir geben viele historisch-revolution\u00e4re und parteigeschichtliche Dokumente und Materialien, die sich auf den Zeitabschnitt vor dem Oktoberumsturz beziehen, heraus, wir ver\u00f6ffentlichen nicht wenig Material \u00fcber den Zeitabschnitt, der dem Oktoberumsturz folgte, aber dem eigentlichen Oktober erweisen wir eine viel geringere Aufmerksamkeit. Nach vollbrachtem Umsturz schien es uns, als ob wir mit der M\u00f6glichkeit einer Wiederholung nicht zu rechnen h\u00e4tten. Es war, als ob wir vom Studium des Oktoberumsturzes, der Bedingungen seiner unmittelbaren Vorbereitung, Ausf\u00fchrung und der ersten Wochen seiner Befestigung keinen unmittelbaren Nutzen f\u00fcr die dringenden Aufgaben des Aufbaues erwarten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Und doch stellt diese Beurteilung, wenn sie auch halb unbewu\u00dft ist, einen gro\u00dfen Fehler dar und ist au\u00dferdem national-beschr\u00e4nkt. Wenn wir auch nicht in die Lage kommen werden, die Oktoberrevolution zu wiederholen, so bedeutet das noch nicht, da\u00df wir an diesem Beispiel nichts lernen k\u00f6nnen. Wir sind ein Teil der Internationale, aber das Proletariat aller anderen L\u00e4nder steht erst vor der L\u00f6sung seiner \u201eOktober\u201c-Aufgaben. Auch haben wir im letzten Jahre gen\u00fcgend \u00fcberzeugende Beispiele gehabt, da\u00df unsere Oktober-Erfahrung noch nicht einmal den reifsten kommunistischen Parteien im Westen in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen und da\u00df ihnen nicht einmal die einfachsten Tatsachen bekannt sind.<\/p>\n<p>Wohl kann darauf hingewiesen werden, da\u00df es unm\u00f6glich sei, den Oktober zu studieren oder auch nur das Dokumentenmaterial herauszugeben, ohne alte Meinungsverschiedenheiten aufzuw\u00fchlen. Aber eine solche Einstellung zu dieser Frage w\u00e4re schon zu kleinlich. Es versteht sich, da\u00df die Meinungsverschiedenheiten im Jahre 1917 sehr tiefer Natur und durchaus keine zuf\u00e4lligen waren. Aber es w\u00e4re sehr kleinlich, wollte man jetzt, nachdem einige Jahre verstrichen sind, aus ihnen Waffen schmieden gegen diejenigen, die sich damals geirrt haben. Noch weniger zul\u00e4ssig w\u00e4re es aber, w\u00fcrde man wegen dieser untergeordneten Erw\u00e4gungen pers\u00f6nlichen Charakters die wichtigsten Probleme des Oktoberumsturzes von internationaler Bedeutung verschweigen.<\/p>\n<p>Wir haben im vorigen Jahre (1923) zwei niederschmetternde Niederlagen erlitten; zuerst hatte die Partei aus doktrin\u00e4r-fatalistischen Erw\u00e4gungen heraus einen selten g\u00fcnstigen Moment f\u00fcr eine revolution\u00e4re Aktion verpa\u00dft (Aufstand der Bauern nach dem Juniumsturz Zankows) und dann, um diesen Fehler wieder gutzumachen, sich in den Septemberaufstand hineingest\u00fcrzt, ohne daf\u00fcr die politischen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen. Die bulgarische Revolution sollte der Auftakt zu der deutschen sein. Zum Ungl\u00fcck ist dem schlechten Auftakt in Bulgarien eine noch schlimmere Entwicklung in Deutschland gefolgt. Wir haben dort in der zweiten H\u00e4lfte des vorigen Jahres ein klassisches Beispiel vor Augen gehabt, wie man eine ganz au\u00dfergew\u00f6hnliche revolution\u00e4re Situation von welthistorischer Bedeutung verpassen kann. Und wiederum: weder das bulgarische noch das deutsche Experiment des vorigen Jahres hat bis heute eine eingehende und konkrete Beurteilung gefunden. Der Verfasser hat ein allgemeines Schema der Entwicklung der vorj\u00e4hrigen Vorg\u00e4nge in Deutschland aufgestellt <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Alles, was seither vorgegangen ist, hat die Richtigkeit dieses Schemas vollst\u00e4ndig best\u00e4tigt; eine andere Erkl\u00e4rung ist von keiner Seite versucht worden. Aber ein Schema gen\u00fcgt uns nicht: wir brauchen eine Darstellung, die tats\u00e4chliches Material enth\u00e4lt, ein genaues Bild der vorj\u00e4hrigen Ereignisse in Deutschland, das uns die wahrheitsgetreue Ursache der katastrophalen Niederlage zeigt. Es ist schwierig, die Ereignisse in Bulgarien und Deutschland zu analysieren, ohne zuvor eine politische und taktische Darstellung der Oktoberrevolution gebracht zu haben. Wir sind uns selbst nicht einmal klar dar\u00fcber, was wir verrichteten und wie wir es verrichteten. Nach dem Oktoberumsturz nahmen wir an, da\u00df die n\u00e4chsten Ereignisse in Europa sich von selbst entfesseln w\u00fcrden und zwar in so kurzer Zeit, da\u00df es zu einer theoretischen Erfassung der Oktoberlehren gar nicht kommen w\u00fcrde. Aber es erwies sich, da\u00df durch das Nichtvorhandensein einer Partei, die in der Lage gewesen w\u00e4re, einen proletarischen Aufstand zu leiten, dieser selbst unm\u00f6glich wurde. Durch einen elementaren Aufstand kann das Proletariat die Macht nicht erobern; selbst in dem hochkulturellen und industriellen Deutschland hat der elementare Aufstand vom November 1918 nur zur Folge gehabt, da\u00df die Macht in die H\u00e4nde der Bourgeoisie gelangte. Eine besitzende Klasse ist imstande, die Macht, die einer anderen besitzenden Klasse entrissen wurde, zu erobern, indem sie sich auf ihren Reichtum, ihre \u201eKultur\u201c, ihre unz\u00e4hligen Verbindungen mit dem alten Staatsapparat st\u00fctzt. Dem Proletariat jedoch kann seine Partei durch nichts ersetzt werden.<\/p>\n<p>Um die Mitte des Jahres 1921 beginnt eigentlich erst die Periode des wirklich organischen Aufbaues der kommunistischen Parteien (\u201eKampf um die Masse\u201c, \u201eEinheitsfront\u201c). Die \u201eOktoberaufgaben\u201c werden zur\u00fcckgestellt und gleichzeitig auch das Studium des Oktoberumsturzes. Das vorige Jahr jedoch hat uns den Aufgaben des proletarischen Aufstandes wieder gegen\u00fcbergestellt und es ist an der Zeit, alle Dokumente zu ver\u00f6ffentlichen, das Material herauszugeben und an das Studium dieser Dinge heranzutreten.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich wissen wir, da\u00df jede Klasse, ja sogar jede Partei haupts\u00e4chlich an ihren eigenen Erfahrungen lernt; das bedeutet aber gar nicht, da\u00df die Erfahrungen anderer L\u00e4nder, anderer Klassen und anderer Parteien eine nebens\u00e4chliche Bedeutung haben. Ohne Studium der gro\u00dfen franz\u00f6sischen Revolution, der Revolution von 1848, der Pariser Kommune h\u00e4tten wir nie den Oktoberumsturz ausf\u00fchren k\u00f6nnen, obwohl wir unsere eigene Erfahrung von 1905 besa\u00dfen: wurde doch selbst dieses unser \u201enationales\u201c Experiment gemacht, indem wir uns auf die Ergebnisse der fr\u00fcheren Revolutionen st\u00fctzten und ihre historische Linie weiterf\u00fchrten. Die Periode der Konterrevolution war f\u00fcr uns eine Zeit, in der wir die Ergebnisse und Lehren des Jahres 1905 pr\u00fcften. Dagegen haben wir f\u00fcr die Erforschung der siegreichen Revolution von 1917 nicht einmal den zehnten Teil einer solchen Arbeit aufgewandt. Gewi\u00df: wir leben nicht in der Zeit der Reaktion und der Emigration. Daf\u00fcr aber stehen die Mittel und Kr\u00e4fte, die uns jetzt zur Verf\u00fcgung stehen, in keinem Verh\u00e4ltnis zu denen, \u00fcber die wir in jener schweren Zeit verf\u00fcgten. Es handelt sich nur darum, das Problem des Studiums der Oktoberrevolution innerhalb der Partei und innerhalb der ganzen Internationale klar und deutlich aufzustellen. Es ist w\u00fcnschenswert, da\u00df die gesamte Partei und besonders die junge Generation Schritt f\u00fcr Schritt den Oktoberumsturz erfa\u00dft; die Erfahrungen dieser Revolution stellen die tiefste und unbestrittenste Pr\u00fcfung der Vergangenheit dar und \u00f6ffnen weite Perspektiven f\u00fcr die Zukunft. Die Lehren der Ereignisse in Deutschland im vorigen Jahre sind f\u00fcr uns nicht nur eine ernste Mahnung, sondern auch eine eindringliche Warnung.<\/p>\n<p>Gewi\u00df kann gesagt werden, da\u00df auch ein Vertrautsein mit dem Gang der Oktoberrevolution noch keine Garantie f\u00fcr den Sieg unserer deutschen Bruderpartei geboten h\u00e4tte. Aber was n\u00fctzt jetzt ein derartiges nebens\u00e4chliches R\u00e4sonieren, das im Grunde philistr\u00f6s ist und uns keinen Schritt weiter bringt. Das Studium des Oktobers allein f\u00fchrt nat\u00fcrlich nicht zum Siege in den anderen L\u00e4ndern, aber es kann Situationen geben, wo alle Voraussetzungen f\u00fcr eine Revolution offensichtlich vorliegen und nur eine weitsichtige und entschlossene F\u00fchrung fehlt. Diese erw\u00e4chst aus einem Verstehen der Gesetze und Methoden der Revolution. Gerade so lag die Situation im vorigen Jahre in Deutschland, und das Gleiche kann sich auch in anderen L\u00e4ndern wiederholen. Zum Studium der Gesetze und Methoden der proletarischen Revolution gibt es bis heute keine wichtigere und tiefere Quelle als unser Oktober-Experiment. Die F\u00fchrer der anderen kommunistischen europ\u00e4ischen Parteien, die nicht kritisch und eingehend die Geschichte des Oktoberumsturzes studiert haben, gleichen Heerf\u00fchrern, die sich unter den jetzigen Verh\u00e4ltnissen zu einem neuen Kriege vorbereiten, ohne sich mit den Erfahrungen auf strategischem, taktischem und technischem Gebiete des letzten imperialistischen Krieges vertraut gemacht zu haben. Solche Feldherrn w\u00fcrden ihre Truppen unbedingt in eine Niederlage f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das Hauptmittel des proletarischen Umsturzes ist die Partei. Schon auf Grund unserer einj\u00e4hrigen Erfahrung (vom Februar 1917 bis zum Februar 1918) und erg\u00e4nzt durch die Ereignisse in Finnland, Ungarn, Italien, Bulgarien und Deutschland kann man es als ein fast allg\u00fcltiges Gesetz ansehen, da\u00df beim \u00dcbergang von der revolution\u00e4ren Vorbereitungsarbeit zum unmittelbaren Kampf um die Machtergreifung eine Parteikrisis ausbricht. Die Krisen innerhalb der Partei treten im allgemeinen bei jedem ernsten Wendepunkt der Entwicklung der Partei als Vorbote oder Folgeerscheinung derselben auf. Das erkl\u00e4rt sich daraus, da\u00df jede Entwicklungsperiode der Partei ihre eigenen charakteristischen Z\u00fcge tr\u00e4gt und die Arbeit nach bestimmten Methoden und Gepflogenheiten geleistet wird. Eine taktische Neuorientierung bedeutet immer einen Bruch mit den bisherigen Methoden und Gepflogenheiten. Hier liegt die n\u00e4chste und unmittelbarste Ursache zu allen innerparteilichen Reibungen und Krisen.<\/p>\n<p><em>\u201eZu oft ist es vorgekommen\u201c<\/em> \u2013 schrieb Lenin im Juli 1917 \u2013 <em>\u201eda\u00df bei j\u00e4hen geschichtlichen Ereignissen selbst die fortgeschrittensten Parteien l\u00e4ngere Zeit gebraucht haben, sich in die neue Lage hineinzufinden, alte Losungen wiederholt haben, die gestern richtig waren, aber heute jeden Sinn verloren und zwar so &amp;bsquo;j\u00e4h\u2018 verloren haben, wie die geschichtliche Wendung &amp;bsquo;j\u00e4h\u2018 eintraf.\u201c<\/em> (Band 14, Teil 2, Seite 12 der russischen Ausgabe der <strong>Gesammelten Werke<\/strong> Lenins.)<\/p>\n<p>Hierdurch erw\u00e4chst die Gefahr: kommt der Umsturz sehr pl\u00f6tzlich und hat die vorhergehende Periode viele konservative Elemente in den f\u00fchrenden Organen der Partei angesammelt, so wird sie sich im entscheidenden Moment als unf\u00e4hig erweisen, ihre F\u00fchrerrolle zu erf\u00fcllen, zu der sie sich im Laufe vieler Jahre und Jahrzehnte vorbereitet hat. Die Partei wird von Krisen zersetzt, die Bewegung geht an ihr vor\u00fcber \u2013 zur Niederlage.<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4re Partei befindet sich unter dem Druck fremder politischer Kr\u00e4fte; in jeder Periode ihres Bestehens entwickelt sie andere Mittel, diesen Kr\u00e4ften zu widerstehen und sich ihnen entgegenzusetzen. Bei einer taktischen Neuorientierung und den damit verbundenen inneren Reibungen schwindet die Kraft, sich den zerst\u00f6renden \u00e4u\u00dferen Kr\u00e4ften zu widersetzen. Es besteht daher die Gefahr, da\u00df innere Umgestaltungen der Partei, die im Hinblick auf die Notwendigkeit der taktischen Neuorientierung entstehen, \u00fcber das Ziel hinauswachsen und verschiedenen Klassentendenzen als St\u00fctzpunkt dienen. Einfacher ausgedr\u00fcckt: eine Partei, die mit den historischen Aufgaben ihrer Klasse nicht Schritt h\u00e4lt, l\u00e4uft Gefahr, zum indirekten Werkzeug anderer Klassen zu werden oder wird es auch tats\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Wenn das eben Gesagte im Hinblick auf jede ernsthafte innere, taktische Umstellung richtig ist, so gilt das noch viel mehr in bezug auf die gro\u00dfen strategischen Wendungen. Unter Taktik im Klassenkampf verstehen wir \u2013 analog dem Kriegshandwerk \u2013 die Kunst, einzelne Operationen zu f\u00fchren, unter Strategie, die Kunst zu siegen, das hei\u00dft: die Eroberung der Macht. Diesen Unterschied haben wir im allgemeinen bis zum Kriege und in der Epoche der zweiten Internationale nicht gemacht. Wir haben uns auf den Begriff der sozialdemokratischen Taktik beschr\u00e4nkt. Dies war kein Zufall: die Sozialdemokratie besa\u00df eine parlamentarische Taktik, eine gewerkschaftliche, eine munizipale, eine genossenschaftliche usw. Der Gedanke jedoch, alle diese Kr\u00e4fte zusammenzufassen, durch Zusammenschlu\u00df aller Kampfmittel den Sieg \u00fcber den Feind herbeizuf\u00fchren, wurde in Wirklichkeit w\u00e4hrend der Epoche der zweiten Internationale nicht erwogen, wie auch die Aufgabe, die Macht tats\u00e4chlich zu erobern, nicht auftauchte.<\/p>\n<p>Erst die Revolution von 1905 hat zum erstenmal nach l\u00e4ngerer Unterbrechung die grundlegenden, strategischen Fragen des proletarischen Kampfes in den Vordergrund ger\u00fcckt. Damit haben sich die russischen revolution\u00e4ren Sozialdemokraten, das hei\u00dft die Bolschewisten, ein gro\u00dfes Verdienst erworben. Die gro\u00dfe Epoche der revolution\u00e4ren Strategie beginnt im Jahre 1917 zun\u00e4chst f\u00fcr Ru\u00dfland, dann aber f\u00fcr ganz Europa. Die Strategie beseitigt nicht die Taktik; die Fragen der Gewerkschaftsbewegung, der parlamentarischen T\u00e4tigkeit usw. finden nach wie vor unsere Aufmerksamkeit, aber sie erhalten eine v\u00f6llig neue Bedeutung und werden zu untergeordneten Methoden des kombinierten Kampfes um die Macht. Die Taktik unterwirft sich der Strategie.<\/p>\n<p>Wenn schon die taktische Umstellung meist zu inneren Krisen f\u00fchrt, wieviel st\u00e4rker und nachhaltiger m\u00fcssen die Reibungen bei einem strategischen Wendepunkt sein! Die gewaltigste Umstellung ist aber die, wenn die proletarische Partei von der Vorbereitung, der Propaganda, der Organisation, der Agitation \u00fcbergeht zum unmittelbaren Kampf um die Macht, zum bewaffneten Aufstand gegen die Bourgeoisie. Alles, was in der Partei vorhanden ist an unentschlossenen, skeptischen, opportunistischen, menschewistischen Elementen, erhebt sich gegen den Aufstand, sucht f\u00fcr seine Opposition nach theoretischen Formeln und findet sie \u2013 bei den gestrigen Feinden \u2013 den Opportunisten. Diese Erscheinung werden wir noch \u00f6fter beobachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Zeit von Februar bis Oktober 1917 erfolgte nach einer Agitationsarbeit auf breitester Grundlage unter den Massen eine Truppenschau und Pr\u00fcfung der Schlagkraft vor der Entscheidungsschlacht. Im und nach dem Oktober wurde die Kampfkraft durch gigantische, historische Taten erprobt. Wollte man jetzt \u2013 einige Jahre nach dem Oktober 1917 \u2013 sich mit der Beurteilung der Revolution und speziell der russischen befassen und die Erfahrungen des Jahres 1917 umgehen, so w\u00e4re dies unfruchtbare Scholastik und keinesfalls marxistische Analyse der Politik. Es w\u00e4re dasselbe, wollte man sich in eine Auseinandersetzung \u00fcber die verschiedenen Methoden des Schwimmens einlassen, krampfhaft bem\u00fcht, dabei nicht auf den Flu\u00df zu schauen, wo Badende diese Methoden praktisch anwenden. Es gibt kein besseres Mittel, die Anschauungen \u00fcber die Revolution zu pr\u00fcfen, als durch ihre Anwendung in der Revolution selbst, wie ja auch die Schwimmmethoden sich am leichtesten durch den Sprung ins Wasser erproben lassen.<\/p>\n<p><strong>\u201eDie demokratische Diktatur des Proletariats und des Bauerntums\u201c. Februar und Oktober<\/strong><\/p>\n<p>Der Verlauf und Ausklang der Oktoberrevolution hat jener scholastischen Parodie auf den Marxismus, welche in den russischen sozialdemokratischen Kreisen, angefangen bei der Gruppe \u201eBefreiung der Arbeit\u201c, am weitesten verbreitet bei den Menschewiki und auch am vollendetsten dort ausgedr\u00fcckt, \u00fcberaus weit verbreitet war, einen t\u00f6dlichen Schlag versetzt. Der Sinn dieses Pseudo-Marxismus bestand darin, da\u00df er den bedingten und umgrenzten Gedanken von Marx <em>\u201eDie fortgeschrittenen L\u00e4nder zeigen den zur\u00fcckgebliebenen ihre zuk\u00fcnftige Entwicklung\u201c<\/em> verwandelt hat in ein absolutes \u2013 wie es Marx genannt hat \u2013 \u00fcberhistorisches Gesetz, und auf dieses Gesetz waren die Anh\u00e4nger des Pseudo-Marxismus bestrebt, die Taktik der Arbeiterpartei zu gr\u00fcnden. So betrachtet, konnte das Proletariat in Ru\u00dfland den Kampf um die Macht nicht eher beginnen, bis die \u00f6konomisch entwickelteren L\u00e4nder einen \u201ePr\u00e4zedenzfall\u201c aufgestellt hatten. Gewi\u00df, es l\u00e4\u00dft sich nicht bestreiten, da\u00df jedes zur\u00fcckgebliebene Land in der Geschichte der vorgeschritteneren L\u00e4nder einiges findet, was auf die eigene zuk\u00fcnftige Entwicklung hinweist, von einer Wiederholung im ganzen kann jedoch keine Rede sein. Im Gegenteil, je mehr die kapitalistische Wirtschaft zur Weltwirtschaft wurde, um so eigenartiger gestaltete sich das Schicksal der zur\u00fcckgebliebenen L\u00e4nder, in denen die Elemente der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit mit den letzten Errungenschaften der kapitalistischen Entwicklung Hand in Hand gingen. Engels schrieb in seinem Vorwort zu seinem Buche <strong>Bauernkrieg<\/strong>: <em>\u201eIn einer gewissen Etappe, welche nicht \u00fcberall gleichzeitig oder auf denselben Entwicklungsstufen einzutreten braucht, bemerkt die Bourgeoisie, da\u00df ihr der proletarische Weggenosse \u00fcber den Kopf w\u00e4chst\u201c<\/em>. Durch die geschichtliche Entwicklung hat die russische Bourgeoisie und sie mehr als jede andere, diese Tatsache fr\u00fcher und im vollsten Umfange erfahren. Lenin hat schon am Vorabend der Revolution von 1905 die Eigenartigkeit der russischen Revolution in der Formel \u201eDemokratische Diktatur des Proletariats und des Bauerntums\u201c ausgedr\u00fcckt. Die Formel an sich, das hat die weitere Entwicklung gezeigt, konnte nur als eine Etappe zur sozialistischen Diktatur des Proletariats, das sich auf das Bauerntum st\u00fctzt, angesehen werden. Die Lenin\u2019sche Formel war durch und durch revolution\u00e4r, dynamisch, sie war dem menschewistischen Schema vollkommen entgegengesetzt; diesem Schema zufolge konnte f\u00fcr Ru\u00dfland nur eine Wiederholung der Geschichte der fortgeschritteneren L\u00e4nder in Betracht kommen, in denen die Bourgeoisie die Herrschaft und die Sozialdemokraten die Opposition vertreten. In bestimmten Kreisen unserer Partei wurde in der Lenin\u2019schen Formel die Betonung nicht auf die Diktatur des Proletariats und der Bauern gelegt, sondern auf ihren demokratischen Charakter, als Gegensatz zu dem sozialistischen Charakter, was so viel hie\u00df: in Ru\u00dfland, einem zur\u00fcckgebliebenen Land, ist nur eine demokratische Revolution denkbar. Die sozialistische Revolution h\u00e4tte also demzufolge im Westen ihren Anfang nehmen m\u00fcssen: der Weg zum Sozialismus f\u00fchrt \u00fcber England, Frankreich und Deutschland. Eine solche Auffassung mu\u00dfte aber unbedingt zum Menschewismus hin\u00fcbergleiten und das zeigte sich auch offensichtlich im Jahre 1917, als die Aufgaben der Revolution nicht mehr Prognosen waren, sondern Fragen der Tat.<\/p>\n<p>Sich inmitten einer realen revolution\u00e4ren Lage auf den bis zu seinen letzten Konsequenzen durchgef\u00fchrten Standpunkt der Demokratie gegen den Sozialismus als einer verfr\u00fchten Erscheinung stellen, hie\u00df, politisch die proletarische Position mit der kleinb\u00fcrgerlichen zu vertauschen und zum linken Fl\u00fcgel der nationalen Revolution \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p>Die Februarrevolution, wenn man sie als selbst\u00e4ndige betrachtet, war eine b\u00fcrgerliche Revolution. Aber als solche kam sie viel zu sp\u00e4t und hatte keinen Bestand. Sie verstrickte sich in Widerspr\u00fcche, welche sofort ihren Ausdruck in einer Doppelregierung fanden und mu\u00dfte entweder zur proletarischen Revolution auswachsen \u2013 was auch geschah \u2013 oder aber Ru\u00dfland unter irgendein b\u00fcrgerlich-oligarchisches Regime zur\u00fcckversetzen, in ein halbkoloniales Gebilde umwandeln. Die Periode, die dem Februarumsturz folgte, kann man entweder als eine Zeit der Befestigung und Vertiefung der \u201edemokratischen\u201c Revolution ansehen, oder als eine Vorbereitung zu dem proletarischen Umsturz. Auf dem ersten Standpunkt standen nicht nur die Menschewiki und Sozial-Revolution\u00e4re, sondern auch ein gewisser Teil f\u00fchrender Elemente unserer eigenen Partei. Der Unterschied war, da\u00df letztere tats\u00e4chlich bestrebt waren, die demokratische Revolution m\u00f6glichst nach links zu treiben. Aber die Methode war im Grunde genommen dieselbe: \u201eDruck\u201c auf die herrschende Bourgeoisie, in der Voraussetzung, da\u00df dieser Druck nicht \u00fcber den Rahmen des b\u00fcrgerlich-demokratischen Regimes hinausf\u00fchren w\u00fcrde. Wenn diese Politik \u00fcberwogen h\u00e4tte, w\u00e4re die Revolution \u00fcber unsere Partei hinweggegangen und wir h\u00e4tten zum Schlu\u00df einen Aufstand der Arbeiter- und Bauernmassen ohne Parteif\u00fchrung erlebt, mit anderen Worten \u2013 die Julitage im gigantischen Ma\u00dfstab schon nicht als Episode, sondern als Katastrophe.<\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, da\u00df die unmittelbare Folge dieser Katastrophe die Zertr\u00fcmmerung der Partei gewesen w\u00e4re. Dies zeigt den ganzen Umfang der Meinungsverschiedenheiten.<\/p>\n<p>Der Einflu\u00df der Menschewiki und Sozial-Revolution\u00e4re in der ersten Revolutionsperiode war kein zuf\u00e4lliger: er dr\u00fcckte das Vorhandensein gro\u00dfer kleinb\u00fcrgerlicher und namentlich b\u00e4uerlicher Massen aus und zeigte zugleich die Unreife der Revolution. Dieser Unreife, bei v\u00f6llig neuartigen Verh\u00e4ltnissen, die durch den Krieg bedingt waren, verdankten die kleinb\u00fcrgerlichen Revolution\u00e4re die F\u00fchrung, oder die scheinbare F\u00fchrung, die darin bestand, da\u00df sie die historischen Anspr\u00fcche der Bourgeoisie auf die Macht verteidigten. Aber das besagt noch nicht, da\u00df die russische Revolution nur den Weg gehen konnte, den sie vom Februar bis Oktober 1917 gegangen ist. Dieser letzte Weg ergab sich nicht nur aus dem gegenseitigen Verh\u00e4ltnis der Klassen, sondern auch aus den zeitweiligen Bedingungen, die der Krieg hervorgerufen hatte. Durch den Krieg war das Bauerntum in der Form einer Armee von mehreren Millionen organisiert und bewaffnet worden. Ehe das Proletariat Zeit gefunden hatte, sich unter eigenem Banner zu organisieren, um die Bauernmassen mit sich zu ziehen, hatten die kleinb\u00fcrgerlichen Revolution\u00e4re einen nat\u00fcrlichen R\u00fcckhalt in der durch den Krieg emp\u00f6rten Bauernarmee gefunden. Mit dieser millionenstarken Masse, von der zun\u00e4chst alles abhing, \u00fcbten die kleinb\u00fcrgerlichen Revolution\u00e4re einen Druck auf das Proletariat aus und zogen es in der ersten Zeit hinter sich her. Da\u00df die Entwicklung der Revolution auch eine andere h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, und zwar bei derselben Klassenzusammensetzung, ergibt sich aus den Ereignissen, die dem Kriege vorangingen. Im Juli 1914 wurde Petrograd von revolution\u00e4ren Zusammenst\u00f6\u00dfen ersch\u00fcttert. Es kam zu offenen Stra\u00dfenk\u00e4mpfen. Die F\u00fchrung dieser Bewegung hatte fraglos unsere unterirdische Parteiorganisation und unsere legale Parteipresse. Der Bolschewismus hatte seinen Einflu\u00df im offenen Kampfe mit dem Liquidatorentum und mit den kleinb\u00fcrgerlichen Parteien \u00fcberhaupt gefestigt; das weitere Anwachsen der Bewegung h\u00e4tte vor allem ein Erstarken der bolschewistischen Partei bedeutet. Ein Sowjet der Arbeiterdeputierten von 1914 \u2013 wenn er zustande gekommen \u2013 w\u00e4re aller Wahrscheinlichkeit nach schon von Anfang an bolschewistisch gewesen. Das Erwachen der Landbev\u00f6lkerung w\u00e4re direkt oder indirekt von den st\u00e4dtischen bolschewistischen Sowjets ausgegangen. Damit ist nicht gesagt, da\u00df die Sozial-Revolution\u00e4re sogleich in den D\u00f6rfern verschwunden w\u00e4ren, nein, voraussichtlich h\u00e4tte die erste Etappe der Bauernrevolution unter der Flagge der Sozial-Revolution\u00e4re gestanden, aber bei der von uns angedeuteten Entwicklung der Ereignisse w\u00e4ren die Sozial-Revolution\u00e4re gezwungen gewesen, ihren linken Fl\u00fcgel hervorzuschieben, um Verbindung mit den bolschewistischen Sowjets in den St\u00e4dten zu suchen. Der Ausgang des Aufstandes w\u00e4re letzten Endes selbstverst\u00e4ndlich auch in diesem Falle vor allem von der Stimmung und Haltung der mit den Bauern verbundenen Armee abh\u00e4ngig gewesen. Es ist nicht m\u00f6glich und auch \u00fcberfl\u00fcssig, heute feststellen zu wollen, ob die Bewegung der Jahre 1914-1915 zum Siege gef\u00fchrt h\u00e4tte, wenn der Krieg nicht ausgebrochen w\u00e4re, der in die Kette der Entwicklung ein neues gewaltiges Glied einf\u00fcgte. Es spricht aber vieles daf\u00fcr, da\u00df, wenn die siegreiche Revolution sich auf dem Wege weiterentwickelt h\u00e4tte, den ihr die Juliereignisse von 1914 er\u00f6ffnet haben, nach Beseitigung des Zarentums die revolution\u00e4ren Arbeitersowjets ans Ruder gekommen w\u00e4ren, die durch die linken \u201eNarodniki\u201c (in der ersten Zeit!) auch die Bauernmassen in ihr Lager hin\u00fcbergezogen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der Krieg hat die sich ausbreitende revolution\u00e4re Bewegung aufgehalten, dann aber au\u00dferordentlich beschleunigt. In der Riesenarmee schuf der Krieg den kleinb\u00fcrgerlichen Parteien eine v\u00f6llig neue, nicht nur soziale, sondern auch organisatorische Basis; denn darin besteht das Eigenartige der Bauernschaft, da\u00df sie selbst, wenn sie revolution\u00e4r ist, sich schwer in eine Organisation einf\u00fcgen l\u00e4\u00dft. Durch die Armee erhielten die kleinb\u00fcrgerlichen Parteien eine fertige Organisation, mit der sie dem Proletariat zu imponieren und es in den Bann der \u201eVaterlandsverteidigung\u201c zu bringen suchten. Hieraus ergibt sich, warum Lenin so nachdr\u00fccklich gegen die alte Losung <em>\u201eDemokratische Diktatur des Proletariats und des Bauerntums\u201c<\/em> auftrat; denn unter den neuen Verh\u00e4ltnissen h\u00e4tte diese Losung ein Aufgehen der bolschewistischen Partei in den linken Fl\u00fcgel des Blocks der Vaterlandsverteidigung bedeutet. Lenin sah die Hauptaufgabe darin, die proletarische Avantgarde aus diesem Sumpf herauszuf\u00fchren. Nur unter dieser Voraussetzung konnte das Proletariat \u2013 in der folgenden Etappe \u2013 den Kristallisationspunkt bilden f\u00fcr die arbeitenden Massen in den D\u00f6rfern. Aber was sollte mit der demokratischen Revolution oder richtiger mit der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauern geschehen? Lenin gibt eine erbarmungslose Lektion denjenigen <em>\u201ealten Bolschewisten\u201c,<\/em> welche mehr als einmal, sagt er, <em>\u201ein der Geschichte unserer Partei die traurige Rolle gespielt haben, mechanisch sinnlose und erlernte Phrasen zu wiederholen, statt die Eigenartigkeit der neuen, lebendigen Wirklichkeit zu studieren.\u201c \u201eNicht den alten Formeln, sondern der neuen Wirklichkeit mu\u00df man sich anpassen.\u201c<\/em> (N. Lenin, <strong>Gesammelte Werke<\/strong>, Band 14, Teil 1, Seite 28\/33). Lenin fragt: <em>\u201eWird diese Wirklichkeit \u00fcberhaupt von der alt-bolschewistischen Formel des Genossen Kamenew \u2013 \u201adie b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution ist nicht beendet\u2018 erfa\u00dft?\u201c \u201eNein\u201c<\/em>, antwortet er, <em>\u201ediese Formel ist veraltet. Sie taugt nicht mehr \u2013 sie ist tot \u2013 zwecklos sind die Versuche, sie neu zu beleben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es ist richtig, da\u00df Lenin manchmal gesagt hat, da\u00df die Sowjets der Arbeiter, Soldaten und Bauern in der ersten Epoche der Februarrevolution bis zu einem bestimmten Grade die Herrschaft der revolution\u00e4r-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauern verwirklicht hatten. Und das ist richtig in dem Ma\u00dfe, in dem diese Sowjets \u00fcberhaupt die Macht darstellten, jedoch, wie Lenin des \u00f6fteren festgestellt hat, stellten diese R\u00e4te der Februarepoche nur eine beschr\u00e4nkte Macht dar. Sie unterst\u00fctzten die Macht der Bourgeoisie, indem sie auf dieselbe nur einen halboppositionellen \u201eDruck\u201c aus\u00fcbten. Diese Zwitterstellung erlaubte ihnen auch nicht, aus den Grenzen einer demokratischen Koalition der Arbeiter, Bauern und Soldaten hinauszutreten. Insofern diese Koalition sich nicht auf geregelte staatliche Beziehungen, sondern auf die bewaffnete Macht und auf die unmittelbaren revolution\u00e4ren Erw\u00e4gungen st\u00fctzte, neigte sie, was die Form der Machtaus\u00fcbung betraf, zur Diktatur, obwohl sie derselben bei weitem nicht gewachsen war. Hieraus ergab sich die Labilit\u00e4t der damaligen Sowjets. Sie wurden vor die Entscheidung gestellt, entweder unterzugehen oder die Macht tats\u00e4chlich zu ergreifen. Die Macht ergreifen konnten sie aber nicht in ihrer Eigenschaft als demokratische Koalition der Arbeiter und Bauern, die sich aus vielen Parteien zusammensetzte, sondern nur durch die proletarische Diktatur, die von einer einzigen Partei gef\u00fchrt wird, die auch die Bauernmassen hinter sich hat, angefangen mit ihren halbproletarischen Schichten. Mit anderen Worten, die demokratische Arbeiter- und Bauernrevolution konnte man als ein unreifes Gebilde ansehen, das zur wirklichen Herrschaft nicht geeignet war, als eine Tendenz, nicht als ein Endergebnis. Die weitere Entwicklung in der Richtung der Eroberung der Macht mu\u00dfte notwendigerweise die demokratische H\u00fclle zerrei\u00dfen und die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Bauern vor die Notwendigkeit stellen, den Arbeitern zu folgen, sie mu\u00dfte dem Proletariat die M\u00f6glichkeit schaffen, die Klassendiktatur zu verwirklichen, und dadurch als Forderung des Tages hinzustellen: eine r\u00fccksichtslos radikale Demokratisierung aller sozialen Beziehungen und den rein sozialistischen Einbruch des Arbeiterstaates in die kapitalistischen Eigentumsrechte. Wer unter diesen Verh\u00e4ltnissen sich noch an die Formel \u201eDemokratische Diktatur\u201c geklammert hat, mu\u00dfte von vornherein auf die Macht verzichten und die Revolution in die Sackgasse f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die grundlegende Frage, um die sich alle \u00fcbrigen gruppierten, war: Kampf um die Macht oder nicht? Soll man die Macht \u00fcbernehmen oder nicht? Schon hieraus ergab sich, da\u00df wir zwei Anschauungen vor uns hatten und zwar nicht etwa ein episodenhaftes Auseinandergehen der Ansichten, sondern zwei Tendenzen ausgesprochen prinzipieller Bedeutung. Eine dieser Tendenzen \u2013 die urspr\u00fcngliche \u2013 war proletarisch und bewegte sich auf dem Wege zur Weltrevolution; die andere, die \u201edemokratische\u201c, das hei\u00dft kleinb\u00fcrgerliche, f\u00fchrte letzten Endes zur Unterordnung der proletarischen Politik unter die jeweiligen Forderungen der sich in Umwandlung befindenden b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Diese beiden Tendenzen stie\u00dfen w\u00e4hrend des ganzen Jahres 1917 bei allen einigerma\u00dfen bedeutenden Fragen aufeinander. Gerade die revolution\u00e4re Epoche, das hei\u00dft die Zeit, wo die aufgespeicherte Kraft der Partei in unmittelbaren Umlauf gesetzt wird, mu\u00dfte unabwendbar diese Verschiedenheit der Auffassung aufdecken. In gr\u00f6\u00dferem oder geringerem Ma\u00dfe, mit diesen oder jenen Abweichungen, werden diese zwei Tendenzen sich in den verschiedenen Revolutionsepochen auch in den anderen L\u00e4ndern immer wieder zeigen. Wenn man unter Bolschewismus eine Erziehung, eine solche Organisation des proletarischen Vortrupps versteht, durch den ihm eine bewaffnete Ergreifung der Macht erm\u00f6glicht wird, wenn man die Sozialdemokratie als eine reformistisch-oppositionelle Bet\u00e4tigung im Rahmen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und eine Erziehung der Massen zur Anerkennung der Unantastbarkeit des b\u00fcrgerlichen Staates ansieht, so wird es klar, da\u00df auch innerhalb der kommunistischen Partei, die ja auch nicht fertig aus dem Ofen der Weltentwicklung kommt, der Kampf zwischen der sozialdemokratischen Tendenz und dem Bolschewismus um so heftiger, offener, demaskierter sich \u00e4u\u00dfern mu\u00df, je mehr die Partei in die Periode der unmittelbaren Revolution tritt, wo die Frage der Machtergreifung zur Schicksalsfrage wird.<\/p>\n<p>Erst am 4. April, das hei\u00dft nach der Ankunft Lenins in Petrograd, ist die Partei vor das Problem der Machtergreifung gestellt worden. Aber auch von diesem Moment an ist die Linie der Partei durchaus keine einheitliche gewesen, und sie war weit davon, f\u00fcr alle \u00fcber jeden Zweifel erhaben zu sein. Ungeachtet der Entscheidung auf der Konferenz im April 1917 haben die Widerst\u00e4nde, die dem revolution\u00e4ren Kurse entgegengebracht wurden \u2013 bald offen, bald unbewu\u00dft \u2013 in der ganzen Vorbereitungszeit angedauert. Das Studium der Meinungsverschiedenheiten zwischen der Februarrevolution und der Befestigung des Oktobers ist nicht nur theoretisch von au\u00dferordentlichem Interesse, sondern hat auch praktisch eine unerme\u00dfliche Bedeutung. Lenin hat im Jahre 1910 die Meinungsverschiedenheiten, die sich auf dem zweiten Kongre\u00df 1903 zeigten, \u201eAnticipation\u201c, das hei\u00dft Vorwegnahme genannt. Es ist sehr wichtig, diesen Zwiespalt von seiner Entwicklung an im Jahre 1903 und sogar noch eher, zum Beispiel vom \u201eEconomismus\u201c an zu verfolgen. Aber dieses Studium erh\u00e4lt erst einen Sinn, wenn es bis zum Ende durchgef\u00fchrt wird und besonders auch durch die Epoche, wo diese Verschiedenheit der Auffassungen der allergr\u00f6\u00dften Pr\u00fcfung ausgesetzt war, das hei\u00dft durch die Oktoberrevolution.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns in dem vorliegenden Werk nicht die Aufgabe stellen, alle Stadien dieses Kampfes zu ersch\u00f6pfen. Aber wir halten es f\u00fcr notwendig, wenigstens teilweise die unbegreifliche L\u00fccke auszuf\u00fcllen, die unsere Literatur in bezug auf diese wichtigste Periode in der Entwicklung unserer Partei aufweist.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt des Zwiespaltes steht wie schon gesagt, die Frage der Machtergreifung. Diese ist \u00fcberhaupt das Merkmal, an dem der Charakter einer revolution\u00e4ren (und nicht nur einer revolution\u00e4ren) Partei erkannt wird. Zugleich mit der Frage der Machtergreifung wird in dieser Periode gestellt und entschieden das Problem des Krieges.<\/p>\n<p>Wir wollen alle Fragen in chronologischer Reihenfolge betrachten: die Stellung der Partei und der Parteipresse in der ersten Zeit nach der Beseitigung des Zarismus bis zur Ankunft Lenins; der Kampf um Lenins Thesen; die Aprilkonferenz; die Juliereignisse; der Kornilowputsch; die demokratische Konferenz und das Vorparlament; die Frage des bewaffneten Aufstandes und der Besitzergreifung der Macht (September-Oktober); die Frage der sozialistischen \u201eEinheits\u201c-Regierung.<\/p>\n<p>Das Studium dieser Zwiespalte wird uns, wie wir annehmen, die M\u00f6glichkeit geben, Schl\u00fcsse zu ziehen, die auch f\u00fcr die anderen Parteien der kommunistischen Internationale von Bedeutung sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Der Kampf gegen Krieg und Vaterlandsverteidigung<\/strong><\/p>\n<p>Der Sturz des Zarismus im Februar 1917 bedeutete selbstredend einen gro\u00dfen Schritt nach vorw\u00e4rts. Nimmt man jedoch die Februarrevolution an sich, ohne sie als Vorstufe zum Oktober anzusehen, so bedeutet sie nur, da\u00df Ru\u00dfland sich dem Typus etwa des b\u00fcrgerlich \u2013 republikanischen Frankreich n\u00e4herte. Die kleinb\u00fcrgerlichen revolution\u00e4ren Parteien sahen, wie dies ihnen auch geziemt, in der Februarrevolution wohl keine b\u00fcrgerliche Revolution, aber auch in keinem Fall eine Stufe zur sozialistischen Revolution, f\u00fcr sie hatte die Revolution eine eigene \u201edemokratische\u201c Bedeutung. Hierauf bauten sie auch ihre Ideologien von der revolution\u00e4ren Vaterlandsverteidigung. Sie verteidigten nicht die Herrschaft dieser oder jener Klasse, sondern die \u201eRevolution\u201c und die \u201eDemokratie\u201c. Aber auch in unserer eigenen Partei hatte die Februarrevolution in der ersten Zeit eine au\u00dferordentliche St\u00f6rung der politischen Perspektiven zur Folge. Im Grunde genommen stand die <strong>Prawda<\/strong> in den M\u00e4rztagen dem Standpunkte der revolution\u00e4ren Vaterlandsverteidigung bedeutend n\u00e4her als den Anschauungen, die Lenin vertrat.<\/p>\n<p><em>\u201eWenn eine Armee der anderen gegen\u00fcbersteht,\u201c<\/em> lesen wir in einem ihrer redaktionellen Artikel, <em>\u201ew\u00e4re die unvern\u00fcnftigste Politik die, der einen Armee vorzuschlagen, die Waffen niederzulegen und nach Haus zu gehen. Eine solche Politik w\u00e4re nicht eine Politik des Friedens, sondern eine Politik der Knechtschaft, die ein freies Volk mit Entr\u00fcstung ablehnen w\u00fcrde. Ein freies Volk w\u00fcrde auf dem Posten ausharren, w\u00fcrde auf jede Kugel mit einer Kugel, auf jedes Gescho\u00df mit einem Gescho\u00df antworten. Das ist au\u00dfer Frage. Wir d\u00fcrfen keinerlei Desorganisation der milit\u00e4rischen Kr\u00e4fte der Revolution zulassen.\u201c<\/em> (<strong>Prawda<\/strong>, Nr.9, 15. M\u00e4rz 1917.)<\/p>\n<p>Es handelt sich hierbei nicht um herrschende und unterdr\u00fcckte Klassen, sondern um das <em>\u201efreie Volk\u201c<\/em>; nicht die Klassen k\u00e4mpfen um die Herrschaft, sondern das freie Volk steht <em>\u201eauf seinem Posten\u201c<\/em>. Die Idee und ihre Formulierung entsprechen durchaus der Plattform der Vaterlandsverteidigung. Weiter hei\u00dft es in demselben Aufsatz:<\/p>\n<p><em>Nicht die Desorganisation der revolution\u00e4ren und revolutionierenden Armee und nicht die inhaltlose Formel: \u201eNieder mit dem Krieg,\u201c ist unsere Losung. Unsere Losung ist: Druck<\/em> [!] <em>auf die zeitweilige Regierung mit dem Ziele, sie zu zwingen, offen vor die Weltdemokratie<\/em> [!] <em>zu treten, mit dem Versuch<\/em> [!], <em>alle kriegf\u00fchrenden Staaten zu veranlassen<\/em> [!], <em>unverz\u00fcglich in Unterhandlungen zu treten und \u00fcber die Mittel, den Krieg zu beenden, zu beraten. Bis dahin aber soll jeder auf seinem Kampfposten durchhalten\u201c<\/em> [!].<\/p>\n<p>Die Idee, auf die imperialistischen Regierungen einen Druck auszu\u00fcben, mit dem Ziele, sie f\u00fcr einen edlen Schritt \u201egeneigt\u201c zu machen, war das Programm von Kautsky und Ledebour in Deutschland, Jean Longuet in Frankreich und MacDonald in England \u2013 aber niemals ein bolschewistisches Programm. Der Aufsatz schlie\u00dft nicht nur mit einer freudigen <em>\u201eBegr\u00fc\u00dfung\u201c<\/em> des ber\u00fcchtigten Manifestes der Petrograder R\u00e4te <em>An alle V\u00f6lker der Welt<\/em>, (dies Manifest ist vom Geiste der revolution\u00e4ren Landesverteidigung erf\u00fcllt), sondern stellt auch mit <em>\u201eGenugtuung\u201c<\/em> die \u00dcbereinstimmung der Redaktion mit den Resolutionen zweier Petrograder Meetings fest, die offensichtlich auf der Plattform der Vaterlandsverteidigung standen. Es gen\u00fcgt, darauf hinzuweisen, da\u00df eine von diesen Resolutionen erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn die deutsche und \u00f6sterreichische Demokratie auf unsere Stimme nicht h\u00f6rt<\/em> [das hei\u00dft: die Stimme der zeitweiligen Regierung \u2013 <em>L.T.<\/em>], <em>werden wir unsere Heimat bis zum letzten Blutstropfen verteidigen\u201c<\/em> (<strong>Prawda<\/strong>, Nr.9 vom 15. M\u00e4rz 1917).<\/p>\n<p>Der angef\u00fchrte Aufsatz bildet keine Ausnahme. Im Gegenteil, er dr\u00fcckt ganz genau die Stellung der <strong>Prawda<\/strong> bis zur R\u00fcckkehr Lenins aus. In der folgenden Nummer dieser Zeitung und zwar im Aufsatze: <em>Vom Kriege<\/em> z.B. finden sich wohl irgendwelche kritischen Bemerkungen, die sich auf das Manifest <em>An alle V\u00f6lker der Welt<\/em>, beziehen, aber gleichzeitig hei\u00dft es dort:<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist nicht m\u00f6glich, den gestrigen Aufruf der Petrograder Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te An alle V\u00f6lker der Welt, der die Forderung enth\u00e4lt, die eigenen Regierungen zu veranlassen, den Krieg zu beenden, nicht willkommen zu hei\u00dfen.\u201c<\/em> (<strong>Prawda<\/strong>, Nr.10 vom 16. M\u00e4rz 1917) Nun, und auf welchem Wege soll denn der Ausweg aus dem Kriege gesucht werden? Darauf hei\u00dft die Antwort: \u2013 <em>\u201eDas Mittel ist einen Druck auszu\u00fcben auf die zeitweilige Regierung mit der Forderung, ihre Zustimmung, unverz\u00fcglich in Friedensverhandlungen zu treten, zu geben.\u201c<\/em> (Ebendort.) Solche und \u00e4hnliche Zitate mit verkapptem Landesverteidigertum und maskiertem Opportunismus k\u00f6nnte man in H\u00fclle und F\u00fclle anf\u00fchren. Zur selben Zeit, ja sogar eine Woche fr\u00fcher, w\u00fctete Lenin, der sich immer noch nicht aus seinem Z\u00fcricher K\u00e4fig befreit hatte, in seinen \u201eBriefen aus der Ferne\u201c (die meisten sind bis zur <strong>Prawda<\/strong> nicht gelangt) gegen jedes Zugest\u00e4ndnis an die Vaterlandsverteidiger und Opportunisten.<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist,\u201c<\/em> schrieb er am 8. (21.) M\u00e4rz, als er sich noch ein wahres Bild der revolution\u00e4ren Ereignisse aus den Elementen der entstellenden kapitalistischen Informationsquellen machen mu\u00dfte, <em>\u201ev\u00f6llig unzul\u00e4ssig, dem Volke und sich selbst zu verschweigen, da\u00df diese Regierung die Fortsetzung des Krieges will, da\u00df sie ein Agent des englischen Kapitals ist, da\u00df sie die Wiederherstellung der Monarchie und die Festigung der Macht der Gutsbesitzer und Kapitalisten anstrebt\u201c<\/em> (<strong>Proletarische Revolution<\/strong>, Nr.7 (30), Seite 299).<\/p>\n<p>Und weiter am 12. M\u00e4rz<\/p>\n<p><em>\u201eSich an diese Regierung zu wenden, mit dem Vorschlag, einen demokratischen Frieden zu schlie\u00dfen, gliche dem Versuch, den Inhabern \u00f6ffentlicher H\u00e4user N\u00e4chstenliebe zu predigen\u201c<\/em> (<strong>ebenda<\/strong> Seite 243).<\/p>\n<p>Zur selben Zeit, als die <strong>Prawda<\/strong> den <em>\u201eDruck\u201c<\/em> auf die zeitweilige Regierung propagierte, mit dem Ziele, sie zu einem Vorgehen <em>\u201evor der ganzen demokratischen Welt\u201c<\/em> im Interesse des Friedens zu veranlassen, schrieb Lenin:<\/p>\n<p><em>\u201eEin Herantreten an die Gutschkow-Miljukow-Regierung mit der Forderung, bald einen ehrlichen demokratischen Frieden zu schlie\u00dfen, ist ebenso t\u00f6richt, als wenn ein braver Dorfgeistlicher sich an den Gutsbesitzer und Kr\u00e4mer mit dem Vorschlag wendet, ein gottesf\u00fcrchtiges Leben zu beginnen, seinen N\u00e4chsten zu lieben und ihm die rechte Backe hinzuhalten, wenn auf die linke geschlagen wird\u201c<\/em> (<em>ebenda<\/em> Seite 244\/45).<\/p>\n<p>Am 4. April, einen Tag nach seiner Ankunft in Petrograd, trat Lenin entschieden gegen die Stellung, die die <strong>Prawda<\/strong> in bezug auf den Krieg und den Frieden eingenommen hatte, auf.<\/p>\n<p><em>\u201eKeinerlei Unterst\u00fctzung der zeitweiligen Regierung,<\/em> \u2013 schrieb er \u2013 <em>volle Aufdeckung der ganzen Verlogenheit ihrer Versprechungen, insbesondere in bezug auf den Verzicht auf jede Annektion. Entlarvung, statt an diese Regierung, die eine kapitalistische ist, mit der unzul\u00e4ssigen, illusion\u00e4ren \u201eForderung\u201c heranzutreten, sie sollte aufh\u00f6ren, imperialistisch zu sein\u201c<\/em> (Band 14, Teil 1, Seite 18).<\/p>\n<p>Es er\u00fcbrigt sich, zu sagen, da\u00df der Aufruf vom 14. M\u00e4rz, welcher von der <strong>Prawda<\/strong> mit so gro\u00dfer Begeisterung begr\u00fc\u00dft worden war, von Lenin <em>\u201eber\u00fcchtigt\u201c<\/em> und <em>\u201everwirrt\u201c<\/em> genannt wird. Es ist Heuchelei in h\u00f6chstem Ma\u00dfe, wenn man andere V\u00f6lker aufruft, gegen die Finanzmagnaten vorzugehen, w\u00e4hrend man selbst mit den eigenen Kapitalisten eine Koalitionsregierung bildet. In einem <em>Projekt der Plattform<\/em> sagt Lenin:<\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; das \u201aZentrum\u2018 beschw\u00f6rt und beteuert, da\u00df es marxistisch und internationalistisch ist, da\u00df es f\u00fcr den Frieden, f\u00fcr jeden \u201aDruck\u2018 auf die Regierung, worum es sich auch immer handelt, f\u00fcr jede \u201aForderung\u2018 eintreten und da\u00df es den Willen des Volkes zum Frieden unterst\u00fctzen wolle.\u201c<\/em> (Band 14, I, Seite 52.)<\/p>\n<p>Aber kann denn eine revolution\u00e4re Partei \u2013 so k\u00f6nnte man hier fragen \u2013 auf diesen Druck der Bourgeoisie und der Regierung gegen\u00fcber verzichten? Nat\u00fcrlich nicht! Der Druck auf die b\u00fcrgerliche Regierung ist der Weg der Reformen. Die marxistische revolution\u00e4re Partei verzichtet nicht auf Reformen, der Weg der Reform taugt jedoch nur bei Fragen zweiter Ordnung, nicht aber, wenn es sich um die grundlegenden Fragen handelt. Es ist nicht m\u00f6glich, durch Reformen in den Besitz der Macht zu gelangen. Es ist auch nicht m\u00f6glich, durch einen \u201eDruck\u201c die Bourgeoisie zu veranlassen, ihre Politik in der Frage zu \u00e4ndern, von der ihr Schicksal abh\u00e4ngt. Der Krieg hat gerade dadurch eine revolution\u00e4re Situation geschaffen, da\u00df er den reformistischen \u201eDruck\u201c wertlos machte. Nun hie\u00df es nur mehr, entweder mit der Bourgeoisie bis zum Ende zu gehen oder aber die Massen gegen sie zu mobilisieren, mit dem Ziel, ihr die Macht zu entrei\u00dfen. Im ersteren Falle hatte man von der Bourgeoisie einige Zugest\u00e4ndnisse zu erwarten in der inneren Politik gegen die Zusicherung einer uneingeschr\u00e4nkten Unterst\u00fctzung ihrer \u00e4u\u00dferen imperialistischen Politik. Aus diesem Grunde hat der sozialistische Reformismus von Anfang des Krieges an sich offen in einen sozialistischen Imperialismus umgewandelt. Aus diesem Grunde sind die wirklich revolution\u00e4ren Elemente gezwungen gewesen, an die Gr\u00fcndung einer neuen Internationale heranzutreten.<\/p>\n<p>Der Standpunkt der <strong>Prawda<\/strong> ist nicht proletarisch-revolution\u00e4r, sondern demokratisch-durchhalterisch, allerdings nicht ausgesprochen in diesem letzteren Punkte gewesen. Wir haben den Zarismus beseitigt, wir \u00fcben einen Druck auf die demokratische Regierung aus, damit diese den V\u00f6lkern einen Frieden vorschl\u00fcge. Wenn die deutsche Demokratie jedoch nicht imstande ist, einen entsprechenden Einflu\u00df auf ihre Regierung auszu\u00fcben, so werden wir die \u201eHeimat\u201c verteidigen bis zum letzten Tropfen Blut. Die Frage des Friedens wurde nicht als selbst\u00e4ndige Aufgabe der Arbeiterklasse angesehen, die auch berufen ist, ihn \u00fcber den Kopf der b\u00fcrgerlichen zeitweiligen Regierung hinweg zu verwirklichen und zwar deshalb nicht, weil die Eroberung der Macht durch das Proletariat nicht als praktische revolution\u00e4re Aufgabe angesehen wurde. Und doch ist eines nicht von dem anderen zu trennen.<\/p>\n<p><strong>Die Aprilkonferenz<\/strong><\/p>\n<p>Lenins Rede auf dem finnl\u00e4ndischen Bahnhof \u00fcber den sozialistischen Charakter der russischen Revolution schlug bei vielen leitenden Parteif\u00fchrern wie eine Bombe ein. Die Polemik zwischen Lenin und den Anh\u00e4ngern der \u201eDurchf\u00fchrung der demokratischen Revolution\u201c begann am selben Tage. Der Vorwand f\u00fcr eine ernste Auseinandersetzung war eine bewaffnete Demonstration, bei der die Losung gegeben wurde: \u201eNieder mit der provisorischen Regierung!\u201c Dieser Umstand gab einzelnen Vertretern des rechten Fl\u00fcgels Veranlassung, Lenin wegen Blanquismus anzuklagen: der Sturz der provisorischen Regierung, welche in dieser Periode von der Mehrheit der Sowjets unterst\u00fctzt wurde, h\u00e4tte nur unter Ausschaltung des gr\u00f6\u00dften Teiles der Werkt\u00e4tigen erreicht werden k\u00f6nnen. Formal konnte dieser Vorwurf nicht ganz ohne Berechtigung erscheinen, aber in Wirklichkeit war in Lenins Aprilpolitik auch nicht die mindeste Spur von Blanquismus. Die Frage bestand f\u00fcr ihn darin, in welchem Ma\u00dfe die Sowjets die wirkliche Stimmung des Volkes ausdr\u00fcckten und ob sich nicht die Partei betr\u00f6ge, indem sie sich nach der Sowjetmehrheit richtete. Die Aprilmanifestation, welche mehr nach links ausschlug, als es sein sollte, diente dazu, festzustellen, wie die Stimmung der Massen tats\u00e4chlich war und lie\u00df das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den Massen und der Sowjetmehrheit erkennen. Die Sondierung f\u00fchrte zu der Erkenntnis, da\u00df eine lange Vorbereitungsarbeit notwendig sei. Wir erlebten, wie barsch Lenin die Kronst\u00e4dter Delegation ablehnte, als sie ihm ihren Beschlu\u00df, die provisorische Regierung nicht anzuerkennen, mitteilte.<\/p>\n<p>Ganz anders traten an diese Frage die Gegner des Kampfes um die Macht heran. Auf der Parteikonferenz im April klagte der Genosse Kamenew:<\/p>\n<p><em>\u201eIn Nr.19 der <strong>Prawda<\/strong> ist vom Genossen<\/em> [gemeint offenbar Lenin. \u2013 <em>L.T.<\/em>] <em>eine Resolution vorgelegt worden, die eine Absetzung der provisorischen Regierung forderte. Diese Resolution ist vor der letzten Krisis gedruckt worden; dann ist diese Losung als desorganisierend abgelehnt und als abenteuerlich bezeichnet worden. Dies bedeutet, da\u00df unsere Genossen aus der Krisis etwas gelernt haben. Die vorliegende Resolution<\/em> [das hei\u00dft die Resolution, die Lenin der Konferenz vorlegte. \u2013 <em>L.T.<\/em>] <em>wiederholt diesen Fehler.\u201c<\/em> &#8230;<\/p>\n<p>Diese Stellungnahme ist im h\u00f6chsten Grade bezeichnend: Lenin hat, nachdem er die Situation ausgekundschaftet, die Forderung einer sofortigen Absetzung der provisorischen Regierung, zur\u00fcckgezogen, aber nur f\u00fcr Wochen oder Monate. Er wollte zun\u00e4chst sehen, in welchem Grade die Unzufriedenheit der Massen mit den Opportunisten wuchs. Die Opposition sah jedoch diese Losung an und f\u00fcr sich als einen Fehler an. In dem zeitweiligen R\u00fcckzug Lenins war auch nicht die leiseste Andeutung, da\u00df er von der vorgezeichneten Linie abwich. Er ging nicht von dem Gedanken aus, da\u00df die demokratische Revolution noch nicht vollendet war, sondern einzig und allein davon, da\u00df die Masse heute noch nicht f\u00e4hig sei, die provisorische Regierung zu st\u00fcrzen und da\u00df man deshalb alles tun m\u00fcsse, um die arbeitende Klasse in die Lage zu bringen, die provisorische Regierung morgen st\u00fcrzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die ganze Aprilkonferenz der Partei galt ausschlie\u00dflich dieser grundlegenden Frage: gehen wir zur Eroberung der Macht im Namen eines sozialistischen Umsturzes oder helfen wir (irgend jemand), die demokratische Revolution durchzuf\u00fchren. Es ist bedauerlich, da\u00df der Bericht dieser Aprilkonferenz bis jetzt noch nicht gedruckt ist; denn in der Geschichte unserer Partei haben kaum Konferenzen stattgefunden, die von so entscheidender und unmittelbarer Bedeutung f\u00fcr das Schicksal der Revolution waren, wie diese Aprilkonferenz vom Jahre 1917.<\/p>\n<p>Lenins Stellung war: unentwegter Kampf mit der Vaterlandsverteidigung und mit den Vaterlandsverteidigern, Erringung der Mehrheit in den Sowjets, Sturz der provisorischen Regierung, Ergreifung der Macht durch die Sowjets, revolution\u00e4re Friedenspolitik, sozialistischer Umsturz im Innern und internationale Revolution au\u00dfen. Im Gegensatz hierzu vertrat, wie wir wissen, die Opposition den Standpunkt: Durchf\u00fchrung der demokratischen Revolution durch Druck auf die zeitweilige Regierung, wobei die Sowjets als &#8222;Kontrollorgane&#8220; der b\u00fcrgerlichen Regierung verbleiben sollten. Hieraus erwuchs eine v\u00f6llig andere, weit vers\u00f6hnlichere Einstellung zur &#8222;Landesverteidigung&#8220;.<\/p>\n<p>Einer von den Gegnern Lenins entgegnete auf der Aprilkonferenz:<\/p>\n<p><em>\u201eWir sprechen von den Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten wie von dem organisierenden Zentrum unserer Kr\u00e4fte und unserer Macht &#8230; jedoch schon der Name zeigt, da\u00df sie einen Block der kleinb\u00fcrgerlichen und proletarischen Kr\u00e4fte darstellen, vor denen unvollendete b\u00fcrgerlich-demokratische Aufgaben stehen. Wenn die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution enden w\u00fcrde, k\u00f6nnte dieser Block nicht bestehen und das Proletariat w\u00fcrde den Kampf gegen den Block f\u00fchren&#8230; Da wir aber diese Sowjets als Zentrum unserer Organisation anerkennen, ist die b\u00fcrgerliche Revolution noch nicht beendet; sie hat sich noch nicht \u00fcberlebt und ich glaube, wir alle m\u00fcssen anerkennen, da\u00df nach Beendigung dieser Revolution die Macht tats\u00e4chlich in die H\u00e4nde des Proletariates \u00fcbergehen wird\u201c<\/em> (Rede des Genossen Kamenew).<\/p>\n<p>Der hoffnungslose Schematismus dieser Argumentation ist vollst\u00e4ndig klar: darin besteht doch das wesentliche, da\u00df die <em>\u201eendg\u00fcltige Beendigung dieser Revolution\u201c<\/em> nie eintreten kann, ohne da\u00df die Macht in andere H\u00e4nde \u00fcbergeht. In der angef\u00fchrten Rede wird der Klassencharakter der Revolution v\u00f6llig ignoriert. Danach ergeben sich die Aufgaben der Partei nicht aus der realen Gruppierung der Machtverh\u00e4ltnisse in den Klassen, sondern aus einer formalen Definition der Revolution als b\u00fcrgerlich oder b\u00fcrgerlich-demokratisch. Wir m\u00fcssen im Block mit dem Kleinb\u00fcrgertum zusammengehen, und die Kontrolle \u00fcber die b\u00fcrgerliche Regierung so lange aus\u00fcben, bis die b\u00fcrgerliche Revolution endg\u00fcltig durchgef\u00fchrt ist. Dieses Schema ist rein menschewistisch. Nach doktrin\u00e4rer Begrenzung der Aufgaben der Revolution durch derartige Namengebung (\u201eb\u00fcrgerliche\u201c Revolution) war es unm\u00f6glich, nicht zu einer Politik der Kontrolle der zeitweiligen Regierung mit der Forderung eines Friedens ohne Annektionen usw. zu gelangen. Unter der Durchf\u00fchrung der demokratischen Revolution verstand man eine Reihe Reformen, die auf dem Wege \u00fcber die gesetzgebenden K\u00f6rperschaften eingef\u00fchrt werden sollten, wobei den Bolschewisten die Rolle des linken Fl\u00fcgels zugedacht war. Die Parole \u201ealle Macht den R\u00e4ten\u201c verlor hierbei jeden realen Inhalt. Niemand hat dies so konsequent und durchdacht zum Ausdruck gebracht wie der verstorbene Nogin, welcher ebenfalls zur Opposition geh\u00f6rte und es folgenderma\u00dfen auf der Aprilkonferenz darstellte:<\/p>\n<p><em>\u201eIm Laufe der Entwicklung verlieren die Sowjets alle wichtigsten Funktionen. Eine ganze Reihe administrativer Funktionen werden den st\u00e4dtischen und den Semstwo-Organisationen usw. \u00fcbergeben. Wenn wir die weitere Entwicklung des staatlichen Aufbaues betrachten, k\u00f6nnen wir nicht verneinen, da\u00df es zur Schaffung einer gesetzgebenden K\u00f6rperschaft und weiter zu einem Parlament kommen mu\u00df. Folglich sterben die wichtigsten Funktionen der Sowjets ab, womit aber nicht gesagt sein soll, da\u00df diese in Schande verenden. Sie \u00fcbergeben lediglich ihre Funktionen. Die Verwirklichung der republikanischen Kommune ist bei diesen Sowjets nicht zu erwarten.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der dritte Opponent endlich vertrat den Standpunkt, da\u00df Ru\u00dfland f\u00fcr den Sozialismus noch nicht reif sei.<\/p>\n<p><em>\u201eK\u00f6nnen wir auf die Unterst\u00fctzung der Massen rechnen, wenn wir die Parole \u201aProletarische Revolution\u2018 herausgeben? Ru\u00dfland ist das kleinb\u00fcrgerlichste Land in Europa. Wir k\u00f6nnen daher nicht annehmen, da\u00df die Masse der sozialistischen Revolution Verst\u00e4ndnis entgegenbringen werde. Folglich kann man sagen, je mehr die Partei den sozialistischen Standpunkt vertritt, um so mehr verwandelt sie sich in einen propagandistischen Klub. Den Ansto\u00df zur sozialistischen Revolution kann nur der Westen geben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<p><em>\u201eWo geht die Sonne des sozialistischen Umsturzes auf? Ich denke, da\u00df auf Grund unseres kleinb\u00fcrgerlichen Niveaus die Initiative der sozialistischen Revolution nicht von uns ausgehen darf, wir haben nicht die Kr\u00e4fte und nicht die objektiven Bedingungen hierzu. Im Westen dagegen wird diese Frage \u00e4hnlich lauten, wie bei uns die Frage des Sturzes des Zarismus.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nicht alle Gegner der Lenin\u2019schen Auffassung kamen auf der Aprilkonferenz zu demselben Ergebnis wie Nogin; aber alle mu\u00dften durch die Logik der Tatsachen diese Erkenntnis wenige Monate sp\u00e4ter, und zwar am Vorabend der Oktoberrevolution sich zu eigen machen. Entweder F\u00fchrung der Massen in der proletarischen Revolution oder aber die Rolle der Opposition in einem b\u00fcrgerlichen Parlament, so hie\u00df die Frage, die sich im Innern unserer Partei erhob. Es ist klar, da\u00df die zweite Position in Wirklichkeit eine menschewistische war oder richtiger gesagt, die Position, die die Menschewisten nach der Februarrevolution r\u00e4umen mu\u00dften. Tats\u00e4chlich hatten die menschewistischen Gr\u00fcnschn\u00e4bel im Laufe vieler Jahre gepredigt, da\u00df die n\u00e4chste Revolution eine b\u00fcrgerliche sein werde, da\u00df die b\u00fcrgerliche Regierung der Revolution nur b\u00fcrgerliche Aufgaben erf\u00fcllen, da\u00df die Sozialdemokratie die Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Demokratie nicht \u00fcbernehmen werde k\u00f6nnen, sondern \u2013 die <em>\u201eBourgeoisie nach links dr\u00e4ngend\u201c<\/em> \u2013 in der Lage der Opposition wird verbleiben m\u00fcssen. Mit einem besonders erm\u00fcdenden Tiefsinn hat dieses Thema Martynow entwickelt. Beim Ausbruch der b\u00fcrgerlichen Revolution im Jahre 1917 befanden sich die Menschewisten sehr bald in der Regierung. Von ihrer ganzen \u201egrunds\u00e4tzlichen\u201c Position blieb nur jene politische Erkenntnis \u00fcbrig, da\u00df das Proletariat sich an die Macht nicht heranwagen darf. Nun aber ist es ganz klar, da\u00df diejenigen Bolschewisten, welche die Menschewisten des Ministerialismus beschuldigten, gleichzeitig aber gegen die Besitzergreifung der Macht durch das Proletariat auftraten, in Wirklichkeit sich dem vorrevolution\u00e4ren Standpunkte der Menschewisten n\u00e4herten.<\/p>\n<p>Die Revolution rief politische Verschiebungen in zwei Richtungen hervor: die Rechten wurden Kadetten <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, die Kadetten gezwungenerma\u00dfen Republikaner in formaler Bewegung nach links; die Sozialrevolution\u00e4re und Menschewisten wurden die herrschende b\u00fcrgerliche Partei, eine Bewegung nach rechts. Auf dieser Weise versuchte die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, sich eine neue Machtposition der Best\u00e4ndigkeit und Ordnung zu schaffen. Gleichzeitig mit dem \u00dcbertritt der Menschewisten von der formal-sozialistischen Position zur vulg\u00e4r-demokratischen geht der rechte Fl\u00fcgel der Bolschewisten zur formal-sozialistischen, d.h. zur bisherigen menschewistischen Stellung \u00fcber. Dieselbe Umstellung hat sich auch in der Frage des Krieges vollzogen. Die Bourgeoisie, mit Ausnahme einiger Doktrin\u00e4ren, trat bis zur Erm\u00fcdung f\u00fcr die Formel ein: ein Frieden ohne Annektionen und Kontributionen. Sie konnte das um so leichter, als die Aussichten auf Annektionen sehr gering waren. Die Menschewisten und Sozialrevolution\u00e4re Zimmerwalder Richtung, die die franz\u00f6sischen Sozialisten wegen ihrer Verteidigung des kapitalistisch-republikanischen Vaterlandes verurteilt hatten, wurden selbst zu Landesverteidigern, kaum, da\u00df sie sich in einer b\u00fcrgerlichen Republik f\u00fchlten: sie schoben sich vom passiv-internationalistischen Standpunkte zum aktiv-patriotischen hin\u00fcber. Gleichzeitig damit nahm der rechte Fl\u00fcgel der bolschewistischen Partei den passiv-internationalistischen Standpunkt: &#8222;Druck&#8220; auf die zeitweilige Regierung mit dem Ziele: demokratischer Frieden \u201eohne Annektionen und Kontributionen\u201c ein.<\/p>\n<p>So zerfiel auf der Aprilkonferenz die Formel der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauern. Theoretisch und politisch ergaben sich zwei feindliche Anschauungen: die demokratische, welche von sozialistischen Schlagworten bem\u00e4ntelt wurde und die sozial-revolution\u00e4re oder die eigentlich bolschewistische, die Lenin\u2019sche.<\/p>\n<p><strong>Die Julitage \u2013 Der Kornilowputsch. Die demokratische Konferenz und das Vorparlament<\/strong><\/p>\n<p>Die Beschl\u00fcsse der Aprilkonferenz f\u00fchrten die Partei im Prinzip auf den richtigen Weg, aber der Zwiespalt bei der leitenden Schicht der Partei blieb bestehen und wurde durch sie nicht liquidiert. Im Gegenteil, der Zwiespalt vertiefte sich durch den Gang der Ereignisse, nahm konkretere Formen an und erreichte die gr\u00f6\u00dfte Sch\u00e4rfe in dem entscheidenden Moment der Revolution, in den Oktobertagen.<\/p>\n<p>Der Versuch, auf Lenins Initiative, am 10. Juni eine Demonstration durchzuf\u00fchren, wurde von denselben Genossen, die auch mit dem Hervortreten im April unzufrieden waren, verurteilt und als Abenteuer hingestellt.<\/p>\n<p>Die Demonstration am 10. Juni fand nicht statt, infolge eines Verbotes des Sowjetkongresses. Aber am 18. Juni erhielt die Partei die Genugtuung; denn die allgemeine Petrograder Demonstration, die wohl auf eine reichlich unvorsichtige Initiative der Opportunisten zustande kam, fand fast nur unter bolschewistischen Parolen statt. Jedoch auch die Regierung wollte etwas unternehmen und begann den idiotisch-leichtsinnigen Vormarsch an der Front. Das war ein entscheidender Moment. Lenin warnte die Partei vor unvorsichtigen Schritten. Am 21. Juni schrieb er in der <strong>Prawda<\/strong>: <em>\u201eGenossen, ein Aufstand w\u00e4re jetzt nicht zweckm\u00e4\u00dfig. Jetzt hei\u00dft es, eine v\u00f6llig neue Epoche unserer Revolution zu durchleben.\u201c<\/em> (Band 14, Teil 1, Seite 276.) Doch, es kamen die Julitage, die Meilensteine auf dem Wege der Revolution, aber auch auf dem Wege der innerparteilichen Zwistigkeiten.<\/p>\n<p>In der Julibewegung spielte das eigenm\u00e4chtige Vorgehen der Petrograder Massen die entscheidende Rolle. Doch es ist unzweifelhaft, da\u00df Lenin sich im Juli fragte: Ist die Zeit nicht schon gekommen? Ist nicht schon die Stimmung der Massen \u00fcber das Sowjetger\u00fcst emporgewachsen? M\u00fcssen wir nicht bef\u00fcrchten, da\u00df wir, hypnotisiert durch die Legalit\u00e4t der Sowjets, nicht mit der Stimmung der Massen mitkommen, ja sogar von ihr losgel\u00f6st werden k\u00f6nnen? Es ist sehr wahrscheinlich, da\u00df einzelne rein milit\u00e4rische Handlungen in den Julitagen auf Veranlassung von Genossen unternommen wurden, die ehrlich \u00fcberzeugt waren, im Sinne Lenins zu handeln. Lenin sagte jedoch sp\u00e4ter: <em>\u201eIm Juli haben wir viel Dummheiten gemacht.\u201c<\/em> Aber in Wirklichkeit f\u00fchrte auch dieser Vorsto\u00df zu einer breit angelegten Auskundschaftung auf einer h\u00f6heren Etappe der Bewegung. Wir mu\u00dften zun\u00e4chst den R\u00fcckzug antreten, einen schweren R\u00fcckzug. Die Partei, soweit sie sich mit der Vorbereitung zur Ergreifung der Macht befa\u00dfte, sah mit Lenin in dem Juliexperiment nur eine Episode, in welcher wir eine F\u00fchlungnahme mit den feindlichen Kr\u00e4ften teuer erkauften, welche aber die Gesamtlinie unserer Entwicklung nicht beeinflussen konnte. Diejenigen Genossen, welche sich feindlich zu der Politik, die auf die Machtergreifung gerichtet war, stellten, sahen in den Julitagen ein sch\u00e4dliches Abenteuer. Die Mobilisation der rechten Kr\u00e4fte der Partei verst\u00e4rkte sich, ihre Kritik wurde entschlossener. Im Zusammenhang hiermit \u00e4nderte sich auch der Ton der Abwehr. Lenin schrieb:<\/p>\n<p><em>\u201eAll\u2019 dieses Zetern, all\u2019 diese \u00dcberlegungen \u2013 sollte man nicht an dem Versuch eines friedlichen und organischen Aufbaues gegen\u00fcber der \u00fcbergesetzlichen Unzufriedenheit und Emp\u00f6rung der Massen teilnehmen? \u2013 f\u00fchren entweder zum Renegatentum, wenn sie von den Bolschewisten ausgehen oder sind eine \u00fcbliche Erscheinung beim Kleinb\u00fcrger, die durch reine Angst und seine Hilflosigkeit hervorgerufen wird.\u201c<\/em> (Band 14, Teil 2, Seite 28.)<\/p>\n<p>Das Wort <em>\u201eRenegatentum\u201c<\/em> in diesem Zusammenhang zeigte die ganze Tragik des Zwiespaltes. Sp\u00e4ter trifft man dieses b\u00f6se Wort h\u00e4ufig und immer h\u00e4ufiger.<\/p>\n<p>Die opportunistische Stellung zur Machtfrage und zum Kriege mu\u00dfte selbstverst\u00e4ndlich auch eine entsprechende Stellung zur Internationale ausl\u00f6sen. Von seiten der Rechten wurde der Versuch gemacht, die Partei zur Teilnahme an der Stockholmer Konferenz der Sozialpatrioten zu veranlassen. Lenin schrieb am 16. August:<\/p>\n<p><em>\u201eDer Rede des Genossen Kamenew im zentralen Exekutiv-Komitee am 8. August im Zusammenhang mit der Frage der Stockholmer Konferenz darf nicht unwidersprochen bleiben von seiten derjenigen Bolschewisten, die ihrer Partei und ihren Prinzipien treu geblieben.\u201c<\/em> (Band 14, Teil 2, Seite 56.)<\/p>\n<p>Und weiter schrieb er zur Phrase, da\u00df auf der Stockholmer Konferenz das Banner der Revolution ausgebreitet werden soll:<\/p>\n<p><em>\u201eAll dies ist leere Deklamation, im Geiste Tschernows und Zeretellis \u2013 es ist eine offensichtliche L\u00fcge. Nicht die Fahne der Revolution, aber die Fahne des Kompromisses, der Amnestie f\u00fcr die Sozial-Imperialisten, der Verhandlungen der Bankiers \u00fcber die Aufteilung der Annektionen, das sind die Banner, die \u00fcber Stockholm entrollt werden.\u201c<\/em> (<strong>Ebenda<\/strong>, Seite 57.)<\/p>\n<p>Der Weg nach Stockholm war in Wirklichkeit der Weg zur II. Internationale, genau wie die Teilnahme am Vorparlament der Weg zur b\u00fcrgerlichen Republik war. Lenin war f\u00fcr Boykott der Stockholmer Konferenz und sp\u00e4ter f\u00fcr eine Boykottierung des Vorparlamentes. Mitten im gr\u00f6\u00dften Kampf hat er nicht eine Minute das Ziel aus den Augen gelassen: die Schaffung der neuen kommunistischen Internationale.<\/p>\n<p>Schon am 10. April schl\u00e4gt Lenin eine Umbenennung der Partei vor. Alle Einw\u00e4nde gegen den neuen Namen beseitigt er. Er bezeichnete sie als Argumente der Tr\u00e4gheit und Routine. Er besteht darauf: <em>\u201eEs ist an der Zeit, das alte Hemd fortzuwerfen und sich reine W\u00e4sche anzuziehen.\u201c<\/em> Und trotzdem, der Widerstand bei den Spitzen der Partei ist so stark, da\u00df ein ganzes Jahr, in welchem Ru\u00dfland die schmutzige W\u00e4sche der Bourgeoisie-Herrschaft ablegte, vergehen mu\u00dfte, ehe die Partei sich entschlie\u00dfen konnte, ihren Namen zu erneuern und so zur Tradition Marx\u2019 und Engels\u2019 zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p>In dieser Geschichte der Namens\u00e4nderung der Partei dr\u00fcckt sich symbolisch die Rolle Lenins w\u00e4hrend des ganzen Jahres 1917 aus: denn im allerentscheidensten Wendepunkte der Entwicklung mu\u00df er ununterbrochen im Innern einen aufreibenden Kampf f\u00fchren gegen das Gestern im Namen des Morgen. Der Widerstand des Gestern, welcher unter der Flagge \u201eTradition\u201c auftritt, erreicht in einzelnen Momenten eine au\u00dferordentliche Sch\u00e4rfe.<\/p>\n<p>Die Ereignisse des Kornilowputsches, welche eine Verschiebung der Lage zu unseren Gunsten zur Folge hatten, milderten zeitweilig die Meinungsverschiedenheiten; sie milderten sie, aber sie beseitigten sie nicht. Bei dem rechten Fl\u00fcgel war in diesen Tagen die Tendenz zur Ann\u00e4herung an die Mehrheit der Sowjets auf der Grundlage der Verteidigung der Revolution und teilweise auch der Verteidigung der Heimat, unverkennbar. Lenin reagierte Anfang September durch einen Brief an das Zentralkomitee:<\/p>\n<p><em>\u201eMeiner Meinung nach verfallen diejenigen der Prinzipienlosigkeit, die f\u00fcr \u201eLandesverteidigung\u201c <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><strong>[3]<\/strong><\/a>oder (wie andere Bolschewisten) f\u00fcr den Block mit den Sozialrevolution\u00e4ren und f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der zeitweiligen Regierung eintreten. Das ist ein Grundirrtum, das ist \u2013 Prinzipienlosigkeit. Wir k\u00f6nnen zu Anh\u00e4ngern der Landesverteidigung erst dann werden, wenn das Proletariat die Macht \u00fcbernommen hat.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Regierung Kerenski unterst\u00fctzen d\u00fcrfen wir sogar jetzt nicht, das w\u00e4re Gesinnungslosigkeit. Man wird fragen: soll denn Kornilow nicht bek\u00e4mpft werden? Nat\u00fcrlich, ja! Aber das ist nicht ein und dasselbe: es gibt da eine Grenze, die einige Bolschewisten \u00fcberschreiten, wobei sie dem Opportunismus verfallen, indem sie sich von den Ereignissen mitrei\u00dfen lassen.\u201c<\/em> (Band 14, Teil 2. S.95.)<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Stufe in der Entwicklung der Meinungsverschiedenheiten war die demokratische Konferenz (12. bis 22. September) und das aus ihm hervorgegangene Vorparlament (7. Oktober). Die Aufgabe der Menschewisten und Sozialrevolution\u00e4re bestand darin, die Bolschewisten durch die sowjetistische Legalit\u00e4t zu binden und aus dieser eine b\u00fcrgerlich-parlamentarische Legalit\u00e4t zu machen. Die Rechten kamen diesen Bestrebungen entgegen. Wir haben bereits vorhin gesehen, wie sie sich die Entwicklung der Revolution dachten: die Sowjets treten ihre Obliegenheiten an entsprechende Organisationen ab, den Stadtvertretungen, den Gemeinden, gewerkschaftlichen Verb\u00e4nden, und zum Schlu\u00df der gesetzgebenden K\u00f6rperschaft, womit dann die R\u00e4te von der Bildfl\u00e4che verschwinden. Der Weg durch das Vorparlament sollte die Aufmerksamkeit der Massen von den R\u00e4ten als einer \u201ezeitweiligen\u201c Institution hinlenken zur gesetzgebenden K\u00f6rperschaft als dem Schlu\u00dfstein der demokratischen Revolution. Doch die Bolschewisten waren sowohl in den Petrograder als in den Moskauer Sowjets bereits in der \u00dcberzahl. Unser Einflu\u00df auch in der Armee wuchs nicht nur mit jedem Tage, sondern von Stunde zu Stunde. Es handelte sich bald nicht mehr darum, Prognosen aufzustellen und M\u00f6glichkeiten zu erw\u00e4gen, sondern buchst\u00e4blich darum, den Weg zu bestimmen, der bereits morgen beschritten werden sollte.<\/p>\n<p>Das Auftreten der bereits g\u00e4nzlich abgewirtschafteten opportunistischen Parteien auf der demokratischen Konferenz zeigte ihre traurige Gemeinheit. Unsere Forderung jedoch, diese Konferenz demonstrativ zu verlassen, weil sie offensichtlich dem Untergang verfallen war, stie\u00df bei den damals immerhin noch m\u00e4chtigen rechten Elementen in der Leitung unserer Partei auf energischen Widerstand. Dieser Streit war der Anfang des Kampfes um den Boykott des Vorparlamentes \u00fcberhaupt. Am 24. September, d.h. nach der demokratischen Konferenz, schrieb Lenin:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Bolschewisten h\u00e4tten die Konferenz demonstrativ verlassen sollen, als Protest und auch, um nicht in die Falle zu gehen und die Aufmerksamkeit des Volkes von den ernsten Fragen nicht ablenken zu lassen.\u201c<\/em> (Band 14, Teil 2, Seite 144.)<\/p>\n<p>Die Debatten innerhalb der bolschewistischen Fraktion auf der demokratischen Konferenz wegen des Boykottes des Vorparlamentes hatten ungeachtet der verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig engen Begrenzung des Themas eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Bedeutung. In Wirklichkeit handelte es sich um den \u00e4u\u00dferlich auch erfolgreichen Versuch des rechten Fl\u00fcgels, die Partei auf den Weg der \u201eWeiterf\u00fchrung\u201c der \u201eDemokratischen Revolution\u201c zu bringen. Ein Stenogramm dieser Debatten liegt nicht vor, ist aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht vorhanden gewesen \u2013 jedenfalls besitzen wir ein solches nicht. Auch irgendwelche Aufzeichnungen sind, soviel mir bekannt ist, nicht vorhanden. Einige unzul\u00e4ngliche Notizen sind von den Herausgebern des vorliegenden Werkes in meinen Papieren gefunden worden. Der Genosse Kamenew hat die Argumente, die sp\u00e4ter klarer und sch\u00e4rfer den Inhalt eines Briefes von Kamenew und Sinowjew an die Parteiorganisationen (11. Oktober) bildeten, dargelegt. Eine mehr prinzipielle Formulierung der Frage fand Nogin: <em>\u201eDer Boykott des Vorparlamentes ist der Aufruf zur Erhebung, d.h. zur Wiederholung der Julitage.\u201c<\/em> Einige andere Genossen gingen von der allgemeinen sozialdemokratischen Parlamentstaktik aus und sagten ungef\u00e4hr:<\/p>\n<p><em>\u201eEs w\u00fcrde niemand wagen, den Boykott des Parlaments zu beantragen, aber man schl\u00e4gt uns vor, eine derartige Einrichtung zu boykottieren, nur deshalb, weil man ihr den Namen Vorparlament gegeben hat.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Grundanschauung der Rechten bestand darin, da\u00df die Revolution unvermeidlich von den Sowjets zum b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus f\u00fchre und das das Vorparlament eine nat\u00fcrliche Erscheinung in dieser Entwicklung sei, da\u00df es zwecklos sei, sich der Mitarbeit im Vorparlament zu entziehen, da man sich doch anschicke, die linken B\u00e4nke im Parlament einzunehmen. Man sollte die demokratische Revolution durchf\u00fchren und sich zur sozialistischen \u201evorbereiten\u201c. Aber wie vorbereiten? Durch die Lehren des b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus; denn die vorgeschritteneren L\u00e4nder zeigen den Zur\u00fcckgebliebenen ihre zuk\u00fcnftige Gestaltung. Der Sturz des Zarismus wird auf revolution\u00e4rem Wege gedacht \u2013 was ja auch den Tatsachen entspricht \u2013 die Eroberung der Macht durch das Proletariat aber wird parlamentarisch erfa\u00dft; sie hat nach erfolgter Demokratisierung vor sich zu gehen. Zwischen der b\u00fcrgerlichen und der proletarischen Revolution m\u00fcssen viele Jahre einer demokratischen Regierung liegen. Der Kampf um den Eintritt in das Vorparlament war der Kampf um die \u201eEurop\u00e4isierung\u201c der Arbeiterbewegung, um die schnellere Einf\u00fchrung dieser Bewegung in den demokratischen Kampf um die \u201eEroberung der Macht\u201c, d.h. in das Strombett der Sozialdemokratie. Die Zusammensetzung der Fraktion auf der demokratischen Konferenz, welche mehr als hundert Mitglieder z\u00e4hlte, unterschied sich in nichts von der Zusammensetzung auf den damaligen Parteikonferenzen. Die Mehrzahl der Fraktion war f\u00fcr den Eintritt in das Vorparlament. Diese Tatsache allein war besorgniserregend und Lenin schlug von diesem Moment an auch tats\u00e4chlich unabl\u00e4ssig Alarm. In den Tagen der demokratischen Konferenz schrieb er:<\/p>\n<p><em>\u201eEs w\u00e4re der gr\u00f6\u00dfte Fehler und parlamentarischer Kretinismus, wollten wir die demokratische Konferenz als Parlament ansehen; denn selbst, wenn sie sich auch als Parlament, als souver\u00e4nes Parlament der Revolution proklamieren w\u00fcrde, k\u00f6nnte sie in Wirklichkeit dennoch nichts entscheiden: die Entscheidung liegt anderswo, in den Arbeiterquartieren von Petersburg und Moskau.\u201c<\/em> (Band 14, Teil 2, Seite 138)<\/p>\n<p>Wie Lenin die Teilnahme oder das Fernbleiben vom Vorparlament einsch\u00e4tzte, geht aus vielen \u00c4u\u00dferungen hervor, im besonderen aus einem Briefe in das Zentralkomitee vom 29. September, in welchem er von <em>\u201esolchen schreienden Fehlern\u201c<\/em> der Bolschewisten spricht, wie <em>\u201eder schimpfliche Entschlu\u00df, im Vorparlament teilzunehmen!\u201c<\/em> F\u00fcr ihn war es klar, da\u00df diese Entscheidung von denselben demokratischen Illusionen und kleinb\u00fcrgerlichen Schwankungen ausging, die er stets bek\u00e4mpfte, indem er ihnen seine Auffassung der proletarischen Revolution gegen\u00fcberstellte. Es ist nicht wahr, da\u00df zwischen der b\u00fcrgerlichen und der proletarischen Revolution viele Jahre liegen m\u00fcssen. Es ist nicht wahr, da\u00df die einzige oder grundlegende oder obligatorische Schule f\u00fcr die Vorbereitung zur Eroberung der Macht die parlamentarische Erfahrung sein mu\u00df. Es ist auch nicht wahr, da\u00df der Weg zur Macht nur \u00fcber die b\u00fcrgerliche Demokratie f\u00fchrt. Das sind alles hohle Abstraktionen, doktrin\u00e4re Schemen, deren politische Aufgabe darin liegt, den proletarischen Vortrupp an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen zu fesseln und ihn durch die \u201edemokratische\u201c Staatsmechanik in einen oppositionellen Schatten der Bourgeoisie zu verwandeln. Denn das ist die Sozialdemokratie.<\/p>\n<p>Die Politik des Proletariats darf nicht nach einem feststehenden Programm, sondern nur von den realen Forderungen des Klassenkampfes geleitet werden. Es gilt nicht, in das Vorparlament einzutreten, sondern den Aufstand zu organisieren und die Macht an sich zu rei\u00dfen. Das andere wird sich dann schon finden. Lenin schlug sogar die Einberufung eines au\u00dferordentlichen Parteitages vor, auf dem der Boykott des Vorparlamentes als Grundforderung auf der Tagesordnung stehen sollte. Von jetzt ab wiederholt er in allen Briefen und Aufs\u00e4tzen immer das eine: nicht in das Vorparlament, als \u201erevolution\u00e4rer\u201c Schwanz des opportunistischen Blocks; sondern auf die Stra\u00dfe, zur Eroberung der Macht!<\/p>\n<p><strong>Vom Oktoberumsturz<\/strong><\/p>\n<p>Die Notwendigkeit, den au\u00dferordentlichen Kongre\u00df einzuberufen, erwies sich nicht. Der Druck, den Lenin aus\u00fcbte, f\u00fchrte zu einer Linksschwenkung der Kr\u00e4fte, sowohl im Zentralkomitee als auch in der Fraktion im Vorparlament. Die Bolschewisten schieden am 10. Oktober aus. In Petrograd entbrannte ein Konflikt zwischen den Sowjets und der Regierung, veranla\u00dft durch die Absendung der bolschewistischen Truppenteile an die Front. Am 16. Oktober wurde ein kriegs-revolution\u00e4res Komitee als legales Sowjetorgan des Aufstandes gegr\u00fcndet. Der rechte Fl\u00fcgel der Partei war bestrebt, den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Der Kampf der verschiedenen Tendenzen innerhalb der Partei und der Kampf der Klassen tritt in die entscheidende Phase ein. Die Stellung des rechten Fl\u00fcgels der Partei wird vor allem am vollst\u00e4ndigsten und auch am prinzipiellsten beleuchtet in einem Brief <em>Zur gegenw\u00e4rtigen Lage<\/em>, der die Unterschrift Sinowjews und Kamenews tr\u00e4gt. In dem Briefe, der am 11. Oktober, d.h. zwei Wochen vor dem Umsturz geschrieben und an die wichtigsten Parteiorganisationen versandt wurde, wird entschieden gegen den bewaffneten Aufstand aufgetreten. Der Entschlu\u00df zum bewaffneten Aufstand ist vom Zentralkomitee gefa\u00dft worden. Der Brief warnt davor, die Kr\u00e4fte des Gegners zu untersch\u00e4tzen, untersch\u00e4tzt aber ungeheuerlich die Kr\u00e4fte der Revolution und verleugnet sogar die Kampfstimmung der Massen (zwei Wochen vor dem 25. Oktober!) Es hei\u00dft dort:<\/p>\n<p><em>\u201eWir sind der festen, unersch\u00fctterlichen \u00dcberzeugung, da\u00df ein bewaffneter Aufstand jetzt, im gegenw\u00e4rtigen Augenblick nicht nur das Schicksal unserer Partei besiegeln w\u00fcrde, sondern auch das Schicksal der russischen und der Weltrevolution.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aber wenn kein Aufstand und keine Besitzergreifung der Macht \u2013 was sollte dann geschehen? Der Brief gibt auch auf diese Frage eine klare und eindeutige Antwort:<\/p>\n<p><em>\u201eDurch die Armee und die Arbeiter halten wir der Bourgeoisie den Revolver an die Schl\u00e4fe\u201c<\/em>, und unter dieser Bedrohung kann sie nicht die konstituierende Versammlung vernichten. <em>\u201eDie Aussichten unserer Partei zu den Wahlen zur konstituierenden Versammlung sind hervorragend; der Einflu\u00df des Bolschewismus w\u00e4chst. Bei richtiger Taktik k\u00f6nnen wir ein Drittel, ja vielleicht auch noch mehr Sitze in der konstituierenden Versammlung erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wir sehen also, da\u00df in dem Brief offen das Bestreben angegeben wird, zu einer einflu\u00dfreichen Opposition in der b\u00fcrgerlichen konstituierenden Versammlung zu kommen. Dieses rein sozialdemokratische Bestreben wird durch folgende \u00dcberlegungen maskiert:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Sowjets, die ins Leben hineinwachsen, k\u00f6nnen nicht vernichtet werden; nur auf sie kann sich auch die konstituierende Versammlung in ihrer revolution\u00e4ren Arbeit st\u00fctzen. Sie und die R\u00e4te sind der kombinierte Typ der staatlichen Einrichtungen, zu dem wir gelangen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es ist besonders interessant und charakteristisch f\u00fcr die Gesamtauffassung der Rechten, da\u00df die Theorie von der <em>\u201ekombinierten Staatsform\u201c<\/em> 1\u00bd\u20132 Jahre sp\u00e4ter von Rudolf Hilferding in Deutschland wiederholt worden ist, welcher ebenso gegen die Besitzergreifung der Macht durch das Proletariat k\u00e4mpfte. Der deutsch-\u00f6sterreichische Opportunist wu\u00dfte nicht, da\u00df er ein Plagiat beging.<\/p>\n<p>In dem Brief <em>Zur gegenw\u00e4rtigen Lage<\/em> wird die Tatsache, da\u00df hinter uns der gr\u00f6\u00dfte Teil des russischen Volkes stand, bestritten, wobei die Mehrheit rein parlamentarisch genommen und abgesch\u00e4tzt wird.<\/p>\n<p><em>\u201eIn Ru\u00dfland sind f\u00fcr uns die Mehrheit der Arbeiter\u201c<\/em> hei\u00dft es in dem Briefe <em>\u201eund ein gro\u00dfer Teil der Soldaten; alles \u00fcbrige ist aber fraglich. Wir sind zum Beispiel alle davon \u00fcberzeugt, da\u00df, wenn es zu den Wahlen f\u00fcr die konstituierende Versammlung kommt, die Mehrzahl der Bauern f\u00fcr die Sozial-Revolution\u00e4re stimmen wird. Ist das Zufall?\u201c<\/em><\/p>\n<p>In einer solchen Fragestellung liegt der Grundfehler, das Mi\u00dfverstehen der Tatsache, da\u00df die Bauern wohl ein gro\u00dfes revolution\u00e4res Interesse und einen festen Willen haben, im Sinne dieser Interessen zu handeln, aber keinen eigenen politischen Standpunkt besitzen. Sie k\u00f6nnen entweder f\u00fcr die Bourgeoisie stimmen, durch die Vermittlung ihrer sozial-revolution\u00e4ren Agentur oder sich aktiv dem Proletariat anschlie\u00dfen. Gerade von unserer Politik hing es ab, welche dieser M\u00f6glichkeiten sich verwirklichen w\u00fcrde. Gehen wir ins Parlament, um dort einen oppositionellen Einflu\u00df zu gewinnen (ein Drittel der Sitze oder mehr), so dr\u00e4ngen wir, fast mechanisch, die Bauern in die Lage, in der sie die Wahrung ihrer Interessen durch die konstituierende Versammlung suchen und zwar nicht durch die Opposition, sondern durch die Mehrheit. Umgekehrt w\u00fcrde die Besitzergreifung der Macht durch das Proletariat unverz\u00fcglich den revolution\u00e4ren Rahmen f\u00fcr den Kampf der Bauern gegen die Gutsbesitzer und Beamten schaffen. Wenn wir die damals bei uns gerade in dieser Frage so gebr\u00e4uchlichen Ausdr\u00fccke verwenden, so wird in dem Briefe die Bauernschaft gleichzeitig \u201e\u00fcbersch\u00e4tzt\u201c und \u201euntersch\u00e4tzt\u201c. Untersch\u00e4tzt wurden die revolution\u00e4ren M\u00f6glichkeiten (bei proletarischer F\u00fchrung), \u00fcbersch\u00e4tzt die politische Selbst\u00e4ndigkeit. Dieser doppelte Fehler, die Unter- sowohl wie die \u00dcbersch\u00e4tzung der Bauernschaft zur selben Zeit, flie\u00dft seinerseits aus der Untersch\u00e4tzung der eigenen Klasse und ihrer Partei. Das ist der Gesichtspunkt, aus dem heraus die Sozialdemokratie das Proletariat sieht. Hierin liegt nichts Unerwartetes. Alle Schattierungen des Opportunismus f\u00fchren letzten Endes zu einer falschen Beurteilung der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte und der im Proletariat schlummernden M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Zur Begr\u00fcndung der Ablehnung der Ergreifung der Macht wird die Partei in diesem Briefe auch mit der Perspektive des B\u00fcrgerkrieges erschreckt.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Masse der Soldaten unterst\u00fctzt uns nicht bei Kriegsparolen, sondern nur unsere Friedensbestrebungen. W\u00fcrden wir jetzt die Macht \u00fcbernehmen und k\u00e4men durch die allgemeine Lage dazu, einen revolution\u00e4ren Krieg f\u00fchren zu m\u00fcssen, w\u00fcrden die Soldaten unbedingt von uns abfallen. Zu uns halten w\u00fcrden zweifelsohne die besten Teile der Soldatenjugend.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diese Beweisf\u00fchrung ist im h\u00f6chsten Grade lehrreich. Wir sehen hier die ausschlaggebenden Erw\u00e4gungen, die zur Unterzeichnung des Friedens von Brest-Litowsk f\u00fchrten. Hier aber werden diese Argumente gegen die Ergreifung der Macht angewandt. Es ist klar, da\u00df die in dem Briefe <em>Zur gegenw\u00e4rtigen Lage<\/em> niedergelegten Gedanken den Gleichgesinnten die Annahme des Brest-Litowsker Friedens ungemein erleichterten. Wir k\u00f6nnen uns hier damit begn\u00fcgen, zu wiederholen, was wir hier\u00fcber an anderer Stelle gesagt haben: nicht die zeitweilige Kapitulation von Brest-Litowsk an sich charakterisiert den politischen Genius Lenin, sondern die Verbindung der Oktoberrevolution mit Brest-Litowsk. Dieses darf nicht vergessen werden.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse ringt und w\u00e4chst in dem st\u00e4ndigen Bewu\u00dftsein, da\u00df der Gegner ein \u00dcbergewicht \u00fcber sie hat; das \u00e4u\u00dfert sich im t\u00e4glichen Leben bei jedem Schritt. Der Gegner hat den Reichtum, die Macht, alle Mittel zu reiner ideologischen Beeinflussung, alle Mittel zur Repression. Das allm\u00e4hliche Sichvertrautmachen mit dem Gedanken, da\u00df der Feind uns an Kr\u00e4ften \u00fcberlegen ist, bildet einen Bestandteil des Lebens und der Arbeit der revolution\u00e4ren Partei in ihrer vorbereitenden Epoche. Die Folgen dieser oder jener unvorsichtigen oder verfr\u00fchten Aktion vergegenw\u00e4rtigen jedes Mal in grausamster Weise die Kraft des Gegners. Es kommt dann ein Moment, wo diese Angewohnheit, den Feind als den St\u00e4rkeren anzusehen, sich in das Haupthindernis verwandelt auf dem Wege zum Sieg. Die heutige Schw\u00e4che der Bourgeoisie wird durch das Bewu\u00dftsein ihrer gestrigen St\u00e4rke verdeckt. \u201eIhr untersch\u00e4tzt die Kraft des Feindes\u201c, das ist die Losung, unter der sich alle Gegner des bewaffneten Aufstandes zusammenfinden.<\/p>\n<p><em>\u201eJeder, der \u00fcber den bewaffneten Aufstand reden will\u201c<\/em>, so schrieben die Gegner zwei Wochen vor dem Siege, <em>\u201eist verpflichtet, jede M\u00f6glichkeit n\u00fcchtern zu erw\u00e4gen, und wir halten es f\u00fcr unsere Pflicht, zu sagen, da\u00df der gegenw\u00e4rtige Moment der allergef\u00e4hrlichste ist im Untersch\u00e4tzen des Feindes und im \u00dcbersch\u00e4tzen der eigenen Kr\u00e4fte. Die Macht des Feindes ist gr\u00f6\u00dfer, als es uns erscheint. Petrograd entscheidet und hier gerade haben die Feinde des Proletariats bedeutende Kr\u00e4fte: f\u00fcnftausend Junker, die vorz\u00fcglich ausger\u00fcstet und organisiert sind und die, dank ihrer Klasseneinstellung, den Kampf nicht scheuen, ferner den Stab, die Sto\u00dftruppen, dann die Kosaken und einen bedeutenden Teil der Garnison, welche im Umkreis von Petrograd liegt. Au\u00dferdem werden die Gegner versuchen und zwar mit Hilfe des Zentral-Exekutivkomitees, von der Front Truppen heranzuf\u00fchren.\u201c<\/em> (<em>Zur gegenw\u00e4rtigen Lage<\/em>)<\/p>\n<p>Es versteht sich, da\u00df im B\u00fcrgerkrieg, wo es nicht auf blo\u00dfe Z\u00e4hlung der Bataillone, sondern auf das Abw\u00e4gen ihrer mutma\u00dflichen Einstellung ankommt, die Beurteilung der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse eine schwierige und unzureichende sein mu\u00df. Selbst Lenin nahm an, da\u00df der Feind in Petrograd \u00fcber bedeutende Kr\u00e4fte verf\u00fcgte und erwog deshalb, den Aufstand in Moskau einzuleiten, wo er sich seiner Ansicht nach ohne Blutvergie\u00dfen vollziehen w\u00fcrde. Derartige Fehler in der Vorausbestimmung sind nicht zu vermeiden, selbst bei den g\u00fcnstigsten Verh\u00e4ltnissen, und es ist richtiger, auf jeden Fall eine weniger g\u00fcnstige Lage anzunehmen. Was uns aber in diesem Falle interessiert, ist die unglaubliche \u00dcbersch\u00e4tzung des Gegners, bis zur v\u00f6lligen Verzerrung der Verh\u00e4ltnisse in einer Lage, wo der Feind in Wirklichkeit \u00fcber eine bewaffnete Macht nicht mehr verf\u00fcgte.<\/p>\n<p>Diese Frage ist, wie die Erfahrung in Deutschland bewiesen hat, von sehr gro\u00dfer Bedeutung. Solange die Parole des Aufstandes f\u00fcr die F\u00fchrer der deutschen kommunistischen Partei eine vorwiegend \u2013 wenn nicht ausschlie\u00dflich agitatorische Bedeutung hatte, haben diese die Frage von der bewaffneten Macht des Feindes (Reichswehr, faschistische Verb\u00e4nde, Polizei) einfach ignoriert. Ihnen schien, da\u00df bei der st\u00e4ndig anwachsenden revolution\u00e4ren Bewegung die milit\u00e4rische Aufgabe von selbst gel\u00f6st werden w\u00fcrde. Als aber dieses Problem in den Vordergrund r\u00fcckte, haben die Genossen, die bis dahin die bewaffneten Kr\u00e4fte des Feindes als nicht existierend angesehen hatten, den neuen Fehler begangen, diese Kr\u00e4fte zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Sie nahmen die Angaben \u00fcber die Zahl der bewaffneten Streitkr\u00e4fte der Bourgeoisie f\u00fcr vollwertig und sie summierten sie mit den Kr\u00e4ften der Reichswehr und der Polizei, rundeten sie nach oben ab (bis zu einer halben Million und mehr) und erhielten so eine kompakte, bis an die Z\u00e4hne bewaffnete Macht, die vollst\u00e4ndig ausreichend war, ihre eigenen Anstrengungen zu paralysieren. Fraglos waren die deutschen gegenrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte bedeutend und vor allem viel besser organisiert und vorbereitet als unsere Kornilow\u2019schen Truppen. Aber auch die aktiven Kr\u00e4fte der deutschen Revolution sind andere. Das Proletariat stellt die \u00fcberwiegende Zahl der Bev\u00f6lkerung Deutschlands dar. Bei uns entschieden, wenigstens in der ersten Zeit, stets Petrograd und Moskau: in Deutschland h\u00e4tte der Aufstand sogleich m\u00e4chtige Revolutionsherde. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet h\u00e4tten die bewaffneten Kr\u00e4fte des Feindes gar nicht so etwas \u00dcberw\u00e4ltigendes wie in der statistischen Aufstellung mit ihrer Abrundung nach oben. Vor allem mu\u00df man kategorisch jene tendenzi\u00f6sen Berechnungen, welche nach dem mi\u00dfgl\u00fcckten \u201edeutschen Oktober\u201c gemacht worden sind und gemacht werden, ablehnen. Sie sollen dazu dienen, die Politik zu rechtfertigen, die zum Fehlschlag gef\u00fchrt hat. Unser russisches Beispiel hat in dieser Beziehung eine nicht zu ersetzende Bedeutung. Zwei Wochen vor unserem unblutigen Siege in Petrograd \u2013 wir h\u00e4tten ihn auch schon zwei Wochen eher haben k\u00f6nnen \u2013 sahen die erfahrenen Politiker unserer Partei die Junker gegen uns, die sich zu schlagen w\u00fcnschten und zu schlagen verstanden und die Sto\u00dftruppe und die Kosaken und den gr\u00f6\u00dften Teil der Garnison und die Artillerie, die uns einschlo\u00df und die heranr\u00fcckenden Fronttruppen. In Wahrheit war nichts vorhanden, aber gar nichts. Stellen wir uns jetzt vor, in der Partei und im Zentralkomitee h\u00e4tten die Gegner des bewaffneten Aufstandes gesiegt. Wer dann die F\u00fchrung in dem B\u00fcrgerkriege innegehabt h\u00e4tte, ist v\u00f6llig klar: die Revolution w\u00e4re im voraus besiegt worden, wenn nicht Lenin gegen das Zentralkomitee an die Partei appelliert haben w\u00fcrde, was er zu tun vor hatte und auch fraglos haben w\u00fcrde und zwar mit Erfolg. Aber nicht jede Partei wird bei entsprechenden Verh\u00e4ltnissen \u00fcber einen Lenin verf\u00fcgen &#8230; Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie die geschichtliche Darstellung gelautet h\u00e4tte, wenn im Zentralkomitee die Str\u00f6mung gesiegt h\u00e4tte, die den Kampf ablehnte. Die offizi\u00f6sen Geschichtsschreiber h\u00e4tten die Geschehnisse im Oktober 1917 als Wahnsinn dargestellt, h\u00e4tten dem Leser \u00fcberw\u00e4ltigende statistische Angaben \u00fcber die Zahl der Junker, der Sto\u00dftruppen, der Artillerie und der Korps, die von der Front heranr\u00fcckten, gemacht und diese Kr\u00e4fte als weit erschreckender hingestellt als sie in Wirklichkeit waren. Das ist die Lehre, die man in das Bewu\u00dftsein jedes Revolution\u00e4rs eingravieren m\u00fc\u00dfte!<\/p>\n<p>Das unabl\u00e4ssige, unerm\u00fcdliche Dr\u00e4ngen Lenins auf das Zentralkomitee in den Monaten September und Oktober war hervorgerufen durch seine st\u00e4ndige Besorgnis, da\u00df wir den richtigen Moment verpassen k\u00f6nnten. Unsinn \u2013 sagten die Rechten \u2013 unser Einflu\u00df wird st\u00e4ndig wachsen. Wer hatte Recht gehabt? Und was hei\u00dft das: den Augenblick verpassen? Hier treten wir an die Frage heran, wie die bolschewistische Beurteilung des Weges und der Methode der Revolution eine aktive, strategische und tatkr\u00e4ftige ist und im Gegensatz zur sozialdemokratischen, menschewistischen steht, die ganz erf\u00fcllt ist vom Fatalismus. Was hei\u00dft es, den Moment verpassen? Die allerg\u00fcnstigste Vorbedingung f\u00fcr einen Aufstand ist dann vorhanden, wenn das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis sich zu unseren Gunsten verschiebt. Es versteht sich, da\u00df hier die Rede ist von dem Verh\u00e4ltnis der Kr\u00e4fte im Bereich des Bewu\u00dftseins, das hei\u00dft, des politischen \u00dcberbaues, nicht aber von der Basis, die man in der Epoche der Revolution als mehr oder weniger unab\u00e4nderlich annehmen kann. Auf ein und derselben \u00f6konomischen Basis, bei gleicher Klassenscheidung der Gesellschaft \u00e4ndert sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis, hervorgerufen durch die Einstellung der proletarischen Masse, die Zerst\u00f6rung ihrer Illusionen, die Anh\u00e4ufung der politischen Erfahrung, die Ersch\u00fctterung des Vertrauens der Zwischenklassen und Gruppen in die Staatsgewalt und schlie\u00dflich durch das Verschwinden des Vertrauens dieser letzteren zu sich selbst. In der Revolution sind das alles sich schnell folgende Prozesse. Die ganze taktische Kunst besteht darin, den Moment zu erfassen, wo die Gesamtheit der Bedingungen f\u00fcr uns am g\u00fcnstigsten ist. Der Kornilow\u2019sche Aufstand schuf diese Vorbedingungen. Die Massen, die das Vertrauen zu den Parteien der Sowjetmehrheit verloren hatten, sahen die konkrete Gefahr der Gegenrevolution. Sie glaubten, da\u00df jetzt die Bolschewisten berufen seien, diese Gefahr zu bannen. Weder der elementare Zerfall der Staatsgewalt noch der Zustrom der ungeduldigen Massen zu den Bolschewisten konnte ein Dauerzustand sein, die Krisis mu\u00dfte nach dieser oder jener Richtung entschieden werden. <em>\u201eJetzt oder nie\u201c<\/em> &#8211; wiederholte Lenin.<\/p>\n<p>Darauf antwortete die Rechte:<\/p>\n<p><em>\u201eEs w\u00fcrde eine gro\u00dfe geschichtliche Unwahrheit sein, wollte man die Frage des \u00dcberganges der Macht in die H\u00e4nde des Proletariats so stellen: jetzt oder nie. Nein! Die Partei des Proletariates wird wachsen, ihr Programm wird immer weiteren Volksschichten vertraut werden und nur ein Umstand k\u00f6nnte diese Erfolge vernichten: wenn die Partei unter den gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnissen die Macht ergreift. Einer solch\u2019 verh\u00e4ngnisvollen Politik gegen\u00fcber m\u00fcssen wir warnend unsere Stimme erheben.\u201c<\/em> (<em>Zur gegenw\u00e4rtigen Lage<\/em>)<\/p>\n<p>Dieser fatalistische Optimismus mu\u00df auf das genaueste erforscht werden. Er enth\u00e4lt keine nationale Eigent\u00fcmlichkeit, noch zeichnet er sich durch Individualit\u00e4t aus. Eine gleiche Tendenz haben wir voriges Jahr in Deutschland beobachten k\u00f6nnen. In Wahrheit verbirgt sich hinter diesem abwartenden Fatalismus eine Unentschlossenheit und sogar eine Unf\u00e4higkeit zum Handeln. Doch wird sie hinter der tr\u00f6stenden Prognose versteckt: wir werden immer einflu\u00dfreicher, je weiter wir kommen und unsere Kraft wird immer noch wachsen! Ein gro\u00dfer Irrtum! Die revolution\u00e4re Kraft einer Partei w\u00e4chst nur bis zu einem gewissen Momente; dann kann der Proze\u00df sich in das Gegenteil verwandeln. Die Erwartungen der Massen werden, infolge der Passivit\u00e4t der Partei, durch Entt\u00e4uschungen ersetzt, w\u00e4hrend der Feind sich zu derselben Zeit von der Panik erholt und diese Entt\u00e4uschung ausnutzt. Einen so entscheidenden Umschwung haben wir in Deutschland 1923 beobachten k\u00f6nnen. Wir waren von einer \u00e4hnlichen Wendung im Herbst 1917 nicht weit entfernt. Es h\u00e4tte gen\u00fcgt, wenn wir noch ein paar Wochen h\u00e4tten verstreichen lassen. Lenin hatte Recht: Jetzt oder nie!<\/p>\n<p><em>\u201eDie entscheidendste Frage aber \u2013 so treten die Gegner des bewaffneten Aufstandes mit ihrem letzten und st\u00e4rksten Argumente hervor \u2013 ist die: ist die Stimmung unter den Arbeitern und Soldaten wirklich eine solche, da\u00df sie eine Rettung nur noch im Stra\u00dfenkampf sehen? Nein, so ist die Stimmung nicht. Das Vorhandensein einer Kampfesstimmung unter den tiefen Schichten der armen Bev\u00f6lkerung der Hauptstadt, einer Kampfesstimmung, die sie auf die Stra\u00dfe treibt, k\u00f6nnte noch die Garantie daf\u00fcr geben, da\u00df ihr Beispiel auch die gro\u00dfen und wichtigen Organisationen (Eisenbahn und Post) mit sich rei\u00dfen w\u00fcrde, in denen der Einflu\u00df unserer Partei ein geringer ist. Da aber eine solche Stimmung sogar in den Fabriken und Kasernen nicht vorhanden ist, ist es Selbstbetrug, wollte man hierauf irgendwelche Erwartungen bauen.\u201c<\/em> (<em>Zur gegenw\u00e4rtigen Lage<\/em>)<\/p>\n<p>Diese Zeilen, die am 11. Oktober geschrieben wurden, erhalten eine besondere Bedeutung, wenn man sich dessen erinnert, da\u00df auch die deutschen Genossen zur Erkl\u00e4rung ihres kampflosen R\u00fcckzuges im vorigen Jahr (1923) die Kampfunlust der Massen angef\u00fchrt haben. Der Sieg des Aufstandes ist eben dann am wahrschenlichsten, wenn die Massen Zeit gefunden haben, gen\u00fcgende Erfahrungen zu sammeln, sich nicht kopflos in den Kampf st\u00fcrzen, sondern ruhig abwarten und eine entschlossene und verst\u00e4ndige Kampff\u00fchrung fordern. Im Oktober 1917 hatte sich in den Arbeitermassen, wenigstens in den f\u00fchrenden Schichten, die feste Erkenntnis Bahn gebrochen und zwar auf Grund der Erfahrung im Aprilaufstand, in den Julitagen, in den Kornilowk\u00e4mpfen, da\u00df es sich nicht mehr um einzelne elementare Proteste handeln konnte, um Rekognoszierung, sondern um den entscheidenden Aufstand zur Ergreifung der Macht. Die Stimmung der Massen wurde dementsprechend konzentrierter, kritischer und vertiefter. Der \u00dcbergang von einer lebensfreudigen Stimmung, erf\u00fcllt von Illusionen zur kritischen Bewu\u00dftheit h\u00e4lt das Tempo der Revolution unabwendbar auf. Diese progressive Krisis in der Stimmung der Massen kann nur durch eine entsprechende Politik der Partei \u00fcberwunden werden, d.h. \u2013 vor allem durch ihre Bereitschaft und ihre Eignung zur F\u00fchrung des proletarischen Aufstandes. Umgekehrt wird eine Partei, die lange revolution\u00e4re Agitation getrieben hat, um die Massen dem Einflu\u00df der Opportunisten zu entziehen, die Aktivit\u00e4t der Massen paralysieren, in ihnen Entt\u00e4uschungen und Zerfall hervorrufen, die Revolution vernichten, wenn sie, nachdem sie durch das Vertrauen ihrer Anh\u00e4nger emporgehoben wurde, zu schwanken, kl\u00fcgeln, lavieren und abzuwarten anf\u00e4ngt. Nach dem Durchfall ist ihr dann die M\u00f6glichkeit gegeben, sich auf die mangelnde Aktivit\u00e4t der Massen zu berufen! Auf diesen Weg f\u00fchrte uns der Brief \u201eZur gegenw\u00e4rtigen Lage\u201c. Zum Gl\u00fcck hat unsere Partei unter Lenins F\u00fchrung entschlossen derartige Str\u00f6mungen in der F\u00fchrung liquidiert. Nur dank diesem Umstande hat sie den Umsturz siegreich durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nachdem wir nun den Kernpunkt der politischen Fragen, welche mit der Vorbereitung der Oktoberrevolution in Zusammenhang stehen, charakterisiert und uns bem\u00fcht haben, die Meinungsverschiedenheiten darzulegen, die auf dieser Basis entstanden, bleibt uns noch die Feststellung der wichtigsten Momente des innerparteilichen Kampfes in den letzten entscheidenden Wochen.<\/p>\n<p>Die Entscheidung \u00fcber den bewaffneten Aufstand fiel im Zentralkomitee am 10. Oktober. Am 11. erhielten die wichtigsten Parteiorganisationen das oben dargelegte Schreiben <em>Zur gegenw\u00e4rtigen Lage.<\/em> Am 18. Oktober, d.h. eine Woche vor dem Umsturz erschien in der <em>Nowaja Schisn<\/em> ein Brief von Kamenew:<\/p>\n<p><em>\u201eNicht nur ich, sondern auch der Genosse Sinowjew sowie eine Reihe anderer Genossen finden es nicht zul\u00e4ssig, jetzt die Initiative zum bewaffneten Aufstand zu ergreifen; denn bei der gegenw\u00e4rtigen Lage, bei dem augenblicklichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis und wenige Tage vor dem Sowjetkongre\u00df w\u00e4re das unzul\u00e4ssig und verh\u00e4ngnisvoll f\u00fcr das Proletariat und f\u00fcr die Revolution\u201c<\/em>. (<strong>Nowaja Schisn<\/strong>, Nr.156, 18. Oktober 1917).<\/p>\n<p>Am 25. Oktober wurde in Petrograd die Macht ergriffen und die Sowjetregierung geschaffen. Am 4. November trat eine Reihe verantwortlicher Mitarbeiter aus dem Zentralkomitee der Partei und dem Rat der Volkskommissare aus und stellte die ultimative Forderung, aus den Sowjetparteien eine Koalitionsregierung zu bilden. <em>\u201eAu\u00dfer dieser\u201c<\/em> schrieben sie, <em>\u201egibt es nur eine M\u00f6glichkeit: die Aufrichtung einer rein bolschewistischen Regierung durch die Mittel des politischen Terrors.\u201c<\/em> In einem anderen Dokument jener Tage hei\u00dft es:<\/p>\n<p><em>\u201eWir k\u00f6nnen nicht die Verantwortung f\u00fcr diese verh\u00e4ngnisvolle Politik des Zentralkomitees tragen, welche gegen den Willen eines gro\u00dfen Teiles des Proletariates und der Soldaten, die auf die schnellste Einstellung des Blutvergie\u00dfens zwischen den einzelnen Teilen der Demokratie dr\u00e4ngen, durchgef\u00fchrt wird. Wir legen aus diesem Grunde das Mandat als \u201eMitglieder des Zentralkomitees\u201c nieder, um das Recht zu haben, offen den Massen unsere Meinung zu sagen und die Soldaten und Arbeiter aufzurufen mit der Losung: \u201aEs lebe die Regierung der Sowjetparteien! Sofortige Verst\u00e4ndigung auf dieser Grundlage!\u2018\u201c<\/em> (<em>Oktoberrevolution<\/em>, <strong>Archiv der Revolution 1917<\/strong>, Seite 407-410).<\/p>\n<p>Diejenigen also, die gegen den Aufstand als gegen ein Abenteuer waren, traten, als sie den siegreichen Verlauf sahen, daf\u00fcr ein, da\u00df die Macht wieder den Parteien zur\u00fcckgegeben werde, denen das Proletariat sie entrissen hatte.<\/p>\n<p>Aus welchem Grunde sollte nun die erfolggekr\u00f6nte bolschewistische Partei den Menschewisten und den Sozial-Revolution\u00e4ren die Macht wieder zur\u00fcckgeben \u2013 der Streit ging doch eben um die R\u00fcckgabe der Macht! Darauf antwortete die Opposition:<\/p>\n<p><em>\u201eWir sehen eine solche Regierung als Notwendigkeit an, zur Verh\u00fctung weiteren Blutvergie\u00dfens, des Herankommens der Hungersnot, der Zerschmetterung der Revolution durch die Anh\u00e4nger Kaledins, ferner, um den Zusammentritt der konstituierenden Versammlung zum festgesetzten Termin sicherzustellen und eine Friedenspolitik einzuleiten, wie dies auf dem allrussischen Kongre\u00df der Arbeiterr\u00e4te und Soldatendelegierte beschlossen worden.\u201c<\/em> (<em>Oktoberrevolution<\/em>, <strong>Archiv der Revolution 1917<\/strong>, Seite 407-410.)<\/p>\n<p>Es handelte sich mit anderen Worten darum, durch die bolschewistische Pforte den Weg zum Parlamentarismus zu finden. Wenn die Entwicklung der Februarrevolution nicht zum Vorparlament f\u00fchrte, sondern, im Gegenteil, zum Oktoberumsturz, so bestand die Aufgabe, wie die Opposition sie formulierte, darin, unter Mitwirkung der Menschewisten und Sozialrevolution\u00e4re die Revolution von der Diktatur zu befreien und sie in das Fahrwasser des b\u00fcrgerlichen Regimes hin\u00fcberzuleiten. Es handelte sich also um nichts Geringeres, als um die Liquidierung der Oktoberrevolution. Da\u00df bei solchen Verh\u00e4ltnissen von einer Einigung, einem Kompromi\u00df, keine Rede sein konnte, braucht nicht gesagt zu werden.<\/p>\n<p>Am folgenden Tage, am 5. November, wurde noch ein Schreiben ver\u00f6ffentlicht, das dasselbe Ziel verfolgte:<\/p>\n<p><em>\u201eIch kann aus R\u00fccksicht auf die Parteidisziplin nicht schweigen, wenn ich beobachten mu\u00df, wie Marxisten entgegen der Vernunft und wider den elementaren Gewalten nicht mit den objektiven Begebenheiten rechnen wollen, die uns doch bei Gefahr eines Zusammenbruchs eine Einigung mit allen sozialistischen Parteien befehlen&#8230; Ich kann mich einem Personenkult nicht hingeben, der das Zusammengehen mit allen sozialistischen Parteien von der Anwesenheit dieser oder jener Pers\u00f6nlichkeit im Ministerium abh\u00e4ngig macht und dadurch \u2013 und sei es auch nur um eine Minute \u2013 das Blutvergie\u00dfen verl\u00e4ngert\u201c<\/em> (<strong>Rabotschaja Gazeta<\/strong>, Nr.204, 5. November 1917).<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df erkl\u00e4rt der Verfasser dieses Schreibens (Losowski) die Notwendigkeit, f\u00fcr die Parteikonferenz einzutreten, damit die Frage, <em>\u201ebleibt die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei der Bolschewisten eine marxistische Arbeiterpartei oder schl\u00e4gt sie endg\u00fcltig eine Richtung ein, die nichts mehr mit dem revolution\u00e4ren Marxismus gemein hat\u201c<\/em>, gekl\u00e4rt wird (<strong>ebenda<\/strong>, Nr.204, 5. November 1917).<\/p>\n<p>Die Lage schien in der Tat hoffnungslos. Nicht nur die B\u00fcrgerlichen und Gutsbesitzer, nicht nur die sogenannte \u201erevolution\u00e4re Demokratie\u201c, in deren H\u00e4nden sich eine Reihe Spitzenorganisationen befanden (der allrussische Verband der Eisenbahner, die Armee-Komitees, ferner die Staatsbeamten u.a.), sondern auch die einflu\u00dfreichsten Mitglieder unserer eigenen Partei, Mitglieder des Zentralkomitees und des Rates der Volkskommissare verurteilten den Versuch der Partei, am Ruder zu bleiben, um ihr Programm zu verwirklichen. Die Lage konnte man als aussichtslos ansehen, wenn man sich nur die \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnisse ansah. Was blieb uns \u00fcbrig? Die Forderung der Opposition annehmen, hie\u00df den Oktoberumsturz liquidieren. Aber dann w\u00e4re es ja sinnlos gewesen, ihn \u00fcberhaupt hervorgerufen zu haben. Es blieb nur eine M\u00f6glichkeit: vorw\u00e4rtszugehen und sich auf den revolution\u00e4ren Willen der Massen zu st\u00fctzen. Am 7. November erschien in der <strong>Prawda<\/strong> die entscheidende Erkl\u00e4rung des Zentralkomitees unserer Partei, die von Lenin verfa\u00dft und von revolution\u00e4rer Leidenschaft erf\u00fcllt war \u2013 in klare, einfache und unantastbare Formeln gekleidet \u2013 f\u00fcr die breiten Massen unserer Partei berechnet. Dieser Aufruf setzt sich auch mit den Zweifeln \u00fcber die weitere Politik der Partei und ihres Zentralkomitees auseinander.<\/p>\n<p><em>\u201eSch\u00e4men sollten sich alle Kleingl\u00e4ubigen, Schwankenden, Zweifelnden, alle, die sich einsch\u00fcchtern lie\u00dfen von der Bourgeoisie, auch diejenigen, die den Warnungsrufen der direkten und indirekten Helfershelfer der Bourgeoisie unterlagen. In den Petrograder, Moskauer u.a. Arbeiter- und Soldatenmassen ist auch nicht der leiseste Schatten einer Wankelm\u00fctigkeit zu bemerken. Unsere Partei steht wie ein Mann fest auf ihrem Posten und besch\u00fctzt die Sowjetmacht und die Interessen der Werkt\u00e4tigen, vor allem der Arbeiter und \u00e4rmsten Bauern\u201c<\/em> (<strong>Prawda<\/strong>, Nr.182 (113), 20. (7.) November 1917).<\/p>\n<p>Die \u00e4rgste und sch\u00e4rfste Parteikrisis war \u00fcberwunden, doch der Kampf innerhalb der Partei ging weiter. Die Kampflinie blieb dieselbe; ihre politische Bedeutung wurde aber immer geringer. Eine au\u00dferordentlich interessante Best\u00e4tigung fanden wir in einem Bericht, den Uritzky auf der Sitzung des Petrograder Komitees unserer Partei am 12. Dezember anl\u00e4\u00dflich der Einberufung der konstituierenden Versammlung verlas:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Meinungsverschiedenheiten in unserer Mitte sind nicht neu. Es sind dieselben Str\u00f6mungen, die man auch fr\u00fcher in der Frage des Aufstandes beobachten konnte. Gegenw\u00e4rtig sehen einige Genossen in der konstituierenden Versammlung eine Einrichtung, die die Revolution kr\u00f6nen soll. Sie stehen auf dem Standpunkt der Philister und sagen, wir h\u00e4tten Taktlosigkeiten begangen. Sie sind dagegen, da\u00df bolschewistische Mitglieder der Versammlung den Zusammentritt und das St\u00e4rkeverh\u00e4ltnis kontrollieren. Sie sehen rein formal und ziehen nicht in Betracht, da\u00df aus dem Ergebnis einer derartigen Kontrolle sich eine \u00dcbersicht dar\u00fcber ergibt, was in der konstituierenden Versammlung vor sich geht. Das aber ist wichtig; denn wir haben dadurch die M\u00f6glichkeit, unsere Stellung zur konstituierenden Versammlung zu bestimmen. Wir stehen auf dem Standpunkt, da\u00df wir f\u00fcr die Interessen des Proletariats und der \u00e4rmsten Bauern k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Einige Genossen glauben aber, da\u00df wir eine b\u00fcrgerliche Revolution machen, deren Endziel die konstituierende Versammlung sein soll.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Mit der Aufl\u00f6sung der konstituierenden Versammlung schlie\u00dft nicht nur ein gro\u00dfes Kapitel der Geschichte Ru\u00dflands, sondern ein nicht weniger bedeutsamer Abschnitt unserer Parteigeschichte. Nach \u00dcberwindung der inneren Widerst\u00e4nde hat die Partei des Proletariats nicht nur die Macht erobert, sondern sie auch behalten.<\/p>\n<p><strong>Die Oktoberrevolution und die \u201eLegalit\u00e4t\u201c der Sowjets<\/strong><\/p>\n<p>Im September, in den Tagen der demokratischen Konferenz, forderte Lenin den unmittelbaren \u00dcbergang zum Aufstand:<\/p>\n<p><em>\u201eUm uns zum Aufstand im Sinne von Marx zu stellen, das hei\u00dft, wie zu einer Kunst, m\u00fcssen wir, ohne Zeit zu verlieren, sogleich damit beginnen, da\u00df wir einen Stab der Revolution bilden, die vorhandenen Truppen richtig verteilen, die zuverl\u00e4ssigsten Regimenter an die wichtigsten Punkte heranf\u00fchren, die Peter-Pauls-Festung einnehmen, den Generalstab und die Regierung gefangen setzen, und solche Truppen gegen die Junker und die wilden Divisionen senden, die imstande sind, f\u00fcr ihre Sache zu k\u00e4mpfen und nie dem Feinde die M\u00f6glichkeit geben, das Stadtzentrum einzunehmen. Wir m\u00fcssen die bewaffneten Arbeitermassen mobilisieren, sie zur letzten und entscheidenden Schlacht f\u00fchren, sofort die Telephon- und Telegraphen\u00e4mter besetzen, unseren Stab bei den Telephonstationen unterbringen, von dort aus telefonisch die Verbindung mit allen Regimentern und Fabriken, mit allen Kampfstellen herstellen usw. Das ist nat\u00fcrlich nur beispielsweise gemeint, nur zur Illustration dessen, da\u00df man im gegebenen Moment dem Marxismus und der Revolution nicht treu sein kann, ohne sich zu dem Aufstand wie zu einer Kunst zu stellen\u201c<\/em> (Band 14, Teil 2, Seite 140).<\/p>\n<p>Eine solche Fragestellung setzte voraus, da\u00df die Vorbereitung zum Umsturz und dieser selbst durch die Partei und in ihrem Namen geschehe und erst der Sieg vom Sowjetkongre\u00df besiegelt werde. Das Zentralkomitee nahm jedoch diesen Vorschlag nicht an. Der Aufstand wurde in das Fahrwasser der Sowjets geleitet und agitatorisch mit dem zweiten Sowjetkongre\u00df verbunden. Dieser Zwiespalt erfordert eine ausf\u00fchrliche Erkl\u00e4rung, denn obwohl er keine Prinzipienfrage, sondern eher technischer Art ist, bleibt er doch von gro\u00dfer praktischer Bedeutung. Wir haben bereits dargestellt, mit welch\u2019 angespannter Unruhe sich Lenin zu einer Verschleppung des Aufstandes verhielt. Auf Grund der Schwankungen, die sich bei den Spitzen der Partei zeigten, mu\u00dfte ihm die Agitation, welche den Umsturz mit dem zweiten Sowjetkongre\u00df verband, ein unzul\u00e4ssiges Hinausschieben bedeuten, eine Unentschlossenheit, die an Verbrechen grenzte. Zu diesem Gedanken kehrte Lenin von Ende September an immer wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>\u201eBei uns im Zentralkomitee und bei den Spitzen der Partei \u2013 schrieb er am 29. September \u2013 herrscht die Str\u00f6mung und die Meinung, lieber den Sowjetkongre\u00df abzuwarten, als die Macht sofort zu ergreifen. Diese Str\u00f6mung und Meinung mu\u00df bek\u00e4mpft werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Anfang Oktober schreibt Lenin: <em>\u201eZ\u00f6gern ist ein Verbrechen, den Sowjetkongre\u00df abwarten, ein kindisches Spiel mit dem Formalismus, ein Verrat der Revolution.\u201c<\/em> \u2013 In den Thesen zur Petersburger Konferenz sagt Lenin am 8. Oktober: <em>\u201eDie konstitutionellen Illusionen und die Erwartungen, die an den Sowjetkongre\u00df gestellt werden, m\u00fcssen bek\u00e4mpft werden. Man mu\u00df auf den Gedanken verzichten, den Sowjetkongre\u00df unbedingt abwarten zu wollen.\u201c<\/em> \u2013 Endlich, am 24. Oktober, schreibt er:<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist mehr als klar, da\u00df jetzt in Wahrheit jeder Aufschub, jede Verz\u00f6gerung des Aufstandes seinem Tode gleich ist\u201c<\/em> \u2013 und weiter: <em>\u201eDie Geschichte w\u00fcrde den Revolution\u00e4ren eine Verz\u00f6gerung nie verzeihen, die heute siegen k\u00f6nnen (und ganz gewi\u00df heute siegen werden) w\u00e4hrend sie morgen vieles, ja alles verlieren k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Alle diese Briefe, in denen jedes Wort auf dem Ambo\u00df der Revolution geschmiedet wurde, sind von au\u00dfergew\u00f6hnlichem Interesse f\u00fcr die Charakteristik Lenins und die Beurteilung der Lage. Der durchgehende Grundgedanke in ihm ist die Emp\u00f6rung, der Protest und die Verachtung der fatalistischen, abwartenden, sozialdemokratischen, menschewistischen Einstellung zur Revolution. Wenn die Zeit an und f\u00fcr sich ein wichtiger Faktor in der Politik ist, so w\u00e4chst ihre Bedeutung hundertfach im Kriege und in der Revolution. Man kann nicht alles, was man heute tun kann, auch morgen tun. Ein Aufstand, die Niederringung des Feindes, die Eroberung der Macht kann heute m\u00f6glich sein, morgen aber unm\u00f6glich. Mit der Aneignung der Macht \u00e4ndert man den Lauf der Geschichte \u2013 kann denn ein so bedeutendes Ereignis auch von 24 Stunden abh\u00e4ngen? Ja, es kann; wenn die Entwicklung der Dinge zur bewaffneten Erhebung f\u00fchrt, wird nicht mehr mit dem gro\u00dfen Ma\u00df der Politik, sondern mit dem kleinen des Krieges gemessen. Die Verz\u00f6gerung um eine Woche, um einen Tag, ja, um eine Stunde, kann unter gewissen Verh\u00e4ltnissen den Mi\u00dferfolg der Revolution, die Kapitulation, herbeif\u00fchren. Wenn die Lenin\u2019sche Erregung, der Druck, die Kritik, dieses unausgesetzte revolution\u00e4re Mi\u00dftrauen nicht gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte die Partei wohl kaum die Front im entscheidenden Moment aufgerollt; denn der Widerstand in den Spitzen der Partei war ein sehr gro\u00dfer und von der F\u00fchrung im Krieg sowohl als im B\u00fcrgerkrieg h\u00e4ngt alles ab.<\/p>\n<p>Es ist aber auch klar, da\u00df die Vorbereitungen zum Aufstand durch die Vorbereitungen zum zweiten Sowjetkongre\u00df verdeckt wurden, unter dem Vorwande, dieser m\u00fcsse gesch\u00fctzt werden, was uns einen ungeheueren Vorteil in die H\u00e4nde gespielt hatte. Mit dem Moment, da wir, der Petrograder Sowjet, gegen Kerenskis Befehl, zwei Drittel der Garnisonstruppen an die Front zu schicken, protestierten, traten wir de facto in den bewaffneten Aufstand ein. Lenin, der sich au\u00dferhalb Petrograds befand, hat diesen Umstand nicht in seiner ganzen Bedeutung erkannt. In allen seinen Briefen aus jener Zeit erw\u00e4hnt er dieses Ereignis, soweit ich mich entsinne, mit keinem Wort. Und doch war der Ausgang des Aufstandes vom 25. Oktober zu drei Viertel, wenn nicht mehr, in dem Moment entschieden, als wir uns der Absendung der Truppen entgegenstemmten, das kriegsrevolution\u00e4re Komitee bildeten (16. Oktober), in allen Truppenteilen und Organisationen unsere Kommissare ernannten und dadurch nicht nur den Stab des Petrograder Milit\u00e4rbezirkes, sondern auch die Regierung g\u00e4nzlich isolierten. Wir hatten es in Wirklichkeit mit einem bewaffneten, wenn auch unblutigen, Aufstand der Petrograder Regimenter gegen die provisorische Regierung zu tun, der unter der Leitung des kriegsrevolution\u00e4ren Komitees stand und angeblich die Aufgabe hatte, den zweiten Sowjetkongre\u00df, auf dem das Schicksal der Regierung entschieden werden sollte, zu sch\u00fctzen. Lenins Vorschlag, den Aufstand in Moskau zu beginnen, wo er seiner Meinung nach einen unblutigen Verlauf nehmen w\u00fcrde, entsprang dem Umstand, da\u00df er aus seinem Versteck heraus den gro\u00dfen Umschwung nicht \u00fcbersehen konnte, der nicht nur in der Stimmung, sondern auch in den organisatorischen Zusammenh\u00e4ngen, in der milit\u00e4rischen Subordination und Hierarchie nach der \u201estillen\u201c Emp\u00f6rung der hauptst\u00e4dtischen Garnisonen Mitte Oktober sich vollzogen hatte. Mit dem Moment, da die Bataillone auf den Befehl des kriegsrevolution\u00e4ren Komitees sich weigerten, die Stadt zu verlassen und sie auch nicht verlie\u00dfen, hatten wir in der Hauptstadt einen siegreichen Aufstand, dessen Umrisse die \u00dcberbleibsel der b\u00fcrgerlich-demokratischen Staatsform kaum noch zu verbergen vermochten. Der Aufstand am 25. Oktober hatte nur einen erg\u00e4nzenden Charakter, darum vollzog er sich auch so schmerzlos. Im Gegensatz hierzu nahm der Kampf in Moskau einen langwierigeren und blutigen Verlauf, ungeachtet dessen, da\u00df in Petrograd bereits die Macht der Volkskommissare sich befestigt hatte. Es ist offensichtlich, da\u00df, wenn der Aufstand in Moskau eingeleitet worden w\u00e4re, dieser einen noch langwierigeren Verlauf genommen h\u00e4tte und sein Ausgang sehr fraglich gewesen w\u00e4re. Ein Mi\u00dferfolg in Moskau h\u00e4tte f\u00fcr Petrograd die schwersten Folgen gehabt. Ein Sieg w\u00e4re auch dann nicht ausgeschlossen gewesen, aber der Weg, auf dem sich die Ereignisse wirklich vollzogen, erwies sich als bedeutend \u00f6konomischer, vorteilhafter und siegreicher.<\/p>\n<p>Wir hatten mehr oder weniger die M\u00f6glichkeit, den Zeitpunkt der Eroberung der Macht dem Moment des Zusammentrittes des zweiten Sowjetkongresses anzupassen nur deshalb, weil der \u201estille\u201c, fast \u201elegale\u201c bewaffnete Aufstand zum mindesten in Petrograd zu dreiviertel, wenn nicht gar zu neun Zehntel durchgef\u00fchrt war. Wir nennen diesen Aufstand \u201elegal\u201c in dem Sinne, da\u00df er sich aus der \u201enormalen\u201c Situation einer Doppelregierung ergab, w\u00e4hrend der Herrschaft der Opportunisten. Schon im Petrograder Sowjet war es \u00f6fter vorgekommen, da\u00df die Sowjets die Entscheidungen der Regierung \u00fcberpr\u00fcften oder diese korrigierten. Das lag in der Verfassung des Regimes, das in der Geschichte das Kerenskische genannt wird. Als wir Bolschewisten im Petrograder Sowjet die Macht antraten, haben wir die Methoden dieser Doppelregierung nur fortgesetzt und vertieft. Wir haben die Kontrolle des Abmarschbefehls der Regierung an die Garnison zu unserer Aufgabe gemacht. Damit hatten wir durch die Traditionen und Gepflogenheiten der legalisierten Doppelregierung den tats\u00e4chlichen Aufstand der Petrograder Garnison maskiert. Aber nicht nur das: indem wir in der Agitation die Frage der Machtergreifung mit dem Zeitpunkt des zweiten Sowjetkongresses verkn\u00fcpften, haben wir die Traditionen der Doppelregierung entwickelt und vertieft und damit den Rahmen der sowjetistischen Legalit\u00e4t f\u00fcr den bolschewistischen Aufstand im allrussischen Ma\u00dfstab vorbereitet.<\/p>\n<p>Wir haben die Massen nicht mit konstitutionellen Sowjetillusionen eingeschl\u00e4fert, denn unter der Losung des Kampfes f\u00fcr den zweiten Kongre\u00df gewannen wir und gliederten uns organisatorisch die Waffen der revolution\u00e4ren Armee an. Au\u00dferdem gl\u00fcckte es uns, in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe, als wir erwartet hatten, unsere Feinde, die Opportunisten, in die Falle der Legalit\u00e4t zu treiben. Politische Schlauheit anzuwenden, ist immer gef\u00e4hrlich, besonders aber w\u00e4hrend einer Revolution. Es ist bei weitem nicht sicher, da\u00df man den Feind betr\u00fcgt, aber man richtet Verwirrung in den Massen an, die man f\u00fchrt. Wenn uns unsere \u201eSchlauheit\u201c bis zu 100 Prozent gl\u00fcckte, so nur deshalb, weil sie nicht von Strategen, die den B\u00fcrgerkrieg umgehen wollten, ausgekl\u00fcgelt war, sondern weil sie aus den Bedingungen der fortschreitenden Zersetzung innerhalb des opportunistischen Regimes nat\u00fcrlicherweise entsprang, aus ihren schreienden Widerspr\u00fcchen. Die provisorische Regierung wollte die Truppen der Garnison loswerden. Die Soldaten wollten nicht an die Front gehen. \u2013 Wir haben dieser nat\u00fcrlichen Weigerung einen politischen Ausdruck, ein revolution\u00e4res Ziel, einen \u201elegalen\u201c Deckmantel gegeben. Damit erzielten wir eine seltene Einigkeit innerhalb der Garnison und verbanden sie mit den Petrograder Arbeitern. Umgekehrt neigten unsere Gegner dazu, bei der Hoffnungslosigkeit und Verzwicktheit ihrer Lage, den Schein f\u00fcr Wirklichkeit zu nehmen. Sie wollten betrogen sein und wir gaben ihnen diese M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Zwischen uns und den Opportunisten ging der Kampf um die Legalit\u00e4t. Im Volksbewu\u00dftsein waren die Sowjets die Tr\u00e4ger der Macht, aus den Sowjets gingen Kerenski, Zeretelli und Skrobelew hervor. Aber auch wir waren mit den Sowjets durch unsere Hauptlosung verbunden: \u201eAlle Macht den Sowjets!\u201c Die Bourgeoisie leitete ihre Rechtsgrundlagen von der Duma ab, die Opportunisten von den Sowjets. Sie hatten die Absicht sie in\u2019s Nichts zur\u00fcckzuf\u00fchren. Wir aber wollten ihnen alle Macht \u00fcbertragen. Die Opportunisten konnten den Sowjets Ihre Macht nicht entrei\u00dfen und vesuchten daraufhin, eine Br\u00fccke von Ihnen zum Parlament zu schlagen. Zu diesem Zwecke beriefen sie die demokratische Konferenz und schufen das Vorparlament. Die Beteiligung der Sowjets am Vorparlament schien diesen Weg zu sanktionieren. Die Opportunisten versuchten, die Revolution mit der Angel der Legalit\u00e4t einzufangen, um sie nachher in das Fahrwasser des b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Aber auch wir waren daran interessiert, diese Sowjetlegalit\u00e4t auszunutzen. Am Schlu\u00df der demokratischen Konferenz entrissen wir den Gegnern das Einverst\u00e4ndnis, den zweiten Sowjetkongre\u00df einzuberufen. Dieser Kongre\u00df bereitete ihnen viele Schwierigkeiten: einerseits konnten sie sich gegen die Einberufung nicht str\u00e4uben, ohne mit der sowjetistischen Legalit\u00e4t zu brechen, andererseits sahen sie, da\u00df der Kongre\u00df ihnen, seiner Zusammensetzung nach, nicht viel Gutes bringen w\u00fcrde. Um so entschiedener traten wir f\u00fcr den zweiten Sowjetkongre\u00df, als der Vertretung des Landes, ein und wir richteten unsere Vorbereitungsarbeiten so ein, da\u00df sie gleichzeitig auch der Unterst\u00fctzung und dem Schutze des Sowjetkongresses dienten, da man mit Angriffen von seiten der Kontrerevolution zu rechnen hatte. Wenn die Opportunisten uns auf die Sowjetlegalit\u00e4t durch das Vorparlament, das aus den Sowjets hervorgegangen war, festgelegt hatten, so hatten wir sie auf diese Sowjetlegalit\u00e4t hin durch den zweiten Kongre\u00df der Sowjets festgelegt. Die Organisation des bewaffneten Aufstandes unter der Parole: \u201eErgreifung der Macht durch die Partei\u201c, ist eine Sache; die Vorbereitung und sp\u00e4tere tats\u00e4chliche Durchf\u00fchrung des Aufstandes mit der Losung: \u201eVerteidigung der Rechte des Sowjetkongresses\u201c, sind etwas ganz anderes. Die zeitliche Ann\u00e4herung des Aufstandes und des zweiten Sowjetkongresses bedeutete demnach nicht, da\u00df wir irgendwelche, wenn auch noch so naive Hoffnungen hegten, der Kongre\u00df k\u00f6nnte die Machtfrage von sich aus entscheiden. Ein solcher Fetischismus der Sowjetform war uns ganz fremd. Die ganze zur Eroberung der Macht erforderliche Arbeit, nicht nur die politische, sondern auch die Organisationsarbeit und die kriegstechnische, vollzog sich im gesteigerten Tempo. Der legale Vorwand war immer der Hinweis auf den bevorstehenden Kongre\u00df, welcher die L\u00f6sung der Machtfrage bringen sollte. Wir f\u00fchrten den Angriff auf der ganzen Linie, erweckten aber den Anschein, als handelte es sich um die Verteidigung. Wenn die provisorische Regierung sich wirklich h\u00e4tte verteidigen wollen, h\u00e4tte sie den Kongre\u00df verbieten m\u00fcssen, wodurch sie dem Gegner den f\u00fcr sie ung\u00fcnstigen Anla\u00df zum bewaffneten Aufstand gegeben h\u00e4tte. Wir waren bestrebt, die provisorische Regierung in die mi\u00dflichste Lage zu bringen und diese Leute glaubten tats\u00e4chlich, es handelte sich f\u00fcr uns um den Sowjetparlamentarismus, um den neuen Kongre\u00df, aus dem eine neue Resolution \u00fcber die Machtfrage hervorgehen werde, nach dem Beispiel der Moskauer und Petrograder Sowjetresolutionen, nach welcher die Regierung sich auf das Vorparlament und die bevorstehende konstituierende Versammlung berufend, zur\u00fccktreten k\u00f6nnte und uns in eine l\u00e4cherliche Situation versetzen w\u00fcrde. Da\u00df die Gedanken der Weisesten unter den kleinb\u00fcrgerlichen Weisen sich in dieser Richtung bewegten, bezeugt Kerenski in seinen Erinnerungen. Er erz\u00e4hlt, wie in der Nacht zum 25. Oktober, als der Aufstand bereits in vollem Gange war, heftige Auseinandersetzungen in seinem Kabinett mit Dan und andere fanden. <em>\u201eDan sagte mir\u201c<\/em> erz\u00e4hlt Kerenski <em>\u201eda\u00df sie viel besser orientiert seien als ich, und da\u00df ich die Ereignisse \u00fcbersch\u00e4tzte, unter dem Einflu\u00df meines reaktion\u00e4ren Stabes.\u201c<\/em> Weiter erkl\u00e4rte er, da\u00df die f\u00fcr die <em>\u201eEigenliebe der Regierung\u201c<\/em> unangenehme Resolution der Mehrheit der Sowjets der Republik \u00fcberaus vorteilhaft sei und bedeutsam f\u00fcr den <em>\u201eStimmungsumschwung der Massen\u201c<\/em>. Der Effekt <em>\u201ezeige sich\u201c<\/em> bereits, so da\u00df der Einflu\u00df der bolschewistischen Propaganda <em>\u201eschnell schwinden wird\u201c<\/em>. Auf der anderen Seite hatten die Bolschewisten \u2013 seinen Worten zufolge \u2013 in Unterhandlungen mit den Vertretern der Sowjetmehrheit ihre Bereitwilligkeit erkl\u00e4rt, sich der Mehrheit zu f\u00fcgen und <em>\u201emorgen schon\u201c<\/em> alle Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um den Aufstand zu ersticken, der <em>\u201eohne ihre Einwilligung, ohne ihre Sanktion entstand\u201c<\/em>. Zum Schlu\u00df erinnerte Dan daran, da\u00df die Bolschewisten <em>\u201eschon morgen\u201c<\/em> (immer morgen!) ihren Milit\u00e4rstab aufl\u00f6sen w\u00fcrden und erkl\u00e4rte mir (Kerenski), da\u00df die von mir eingeleiteten Ma\u00dfnahmen zur Unterdr\u00fcckung des Aufstandes <em>\u201edie Massen nur aufreizen\u201c<\/em> w\u00fcrden und ich \u00fcberhaupt durch <em>\u201emeine Einmischung\u201c<\/em> die <em>\u201eVertreter der Sowjetmehrheit st\u00f6rte, erfolgreiche Verhandlungen, die die Liquidation des Aufstandes bezweckten, mit den Bolschewisten zu f\u00fchren\u201c<\/em>. Zur Vervollst\u00e4ndigung des Bildes f\u00fcgt Kerenski hinzu, da\u00df<\/p>\n<p><em>\u201eDan diese bedeutsamen Mitteilungen in dem Moment machte, in dem Teile der bewaffneten \u201aRoten Garde\u2018 die \u00f6ffentlichen Geb\u00e4ude besetzten. Zur selben Zeit als Dan mit seinen Freunden das Winterpalais verlie\u00df, wurde auf der Millionaja auf dem Heimwege von einer Sitzung der zeitweiligen Regierung der Minister Kartaschew verhaftet und in das Smolny abgef\u00fchrt, wohin Dan zur\u00fcckkehrte, um die Friedensverhandlungen mit den Bolschewisten fortzuf\u00fchren. Man mu\u00df anerkennen, da\u00df die Bolschewisten sehr energisch und nicht weniger geschickt vorgingen. Zur selben Zeit als der Aufstand sich in vollem Gange befand und die \u201aroten Heere\u2018 in der ganzen Stadt t\u00e4tig waren, versuchten einige bolschewistische Abgeordnete, die hierzu ausersehen waren, und zwar mit Erfolg, die Vertreter der \u201arevolution\u00e4ren\u2018 Demokratie zu bet\u00f6ren \u2013 diese sahen zwar, aber begriffen nichts, sie h\u00f6rten, aber sie verstanden nichts. Die ganze Nacht verbrachten die Debattierk\u00fcnstler mit dem Beraten verschiedener Formeln, welche angeblich das Fundament der Einigung und der Liquidation des Aufstands bilden sollten. Durch diese Methode der \u201aVerhandlungen\u2018 gewannen die Bolschewisten viel Zeit und die Streitkr\u00e4fte der Sozialrevolution\u00e4re und Menschewisten konnten nicht rechtzeitig mobilisiert werden. Quod erat demonstrandum!\u201c<\/em> (A. Kerenski: <strong>Aus der Ferne<\/strong>, S.197\/8.)<\/p>\n<p>Und f\u00fcrwahr: das war eben zu beweisen. Wie wir aus dieser Darstellung sehen, waren die Opportunisten ganz und gar von der sowjetistischen Legalit\u00e4t befangen. Kerenskis Annahme, da\u00df die Bolschewisten durch besondere Delegierte die Menschewisten und Sozialrevolution\u00e4re in die Irre f\u00fchrten, war de facto nicht richtig. In Wirklichkeit nahmen an den Unterhandlungen diejenigen Bolschewisten teil, die tats\u00e4chlich die Liquidation des Aufstandes w\u00fcnschten und die an der Formel der sozialistischen Regierung, gebildet aus den verschiedenen Parteien, glaubten. Objektiv betrachtet, haben diese Parlament\u00e4re dem Aufstand zweifellos einen gewissen Dienst geleistet, indem sie mit ihren eigenen Illusionen diejenigen des Feindes n\u00e4hrten. Doch konnten sie diesen Dienst nur deshalb erweisen, weil die Partei sich durch ihre Ratschl\u00e4ge und Warnungen nicht beeinflussen lie\u00df und mit ungeschw\u00e4chter Energie den Aufstand vorw\u00e4rts und zu Ende f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Damit diese breitangelegte Operation siegreich sein konnte, mu\u00dften ganz au\u00dfergew\u00f6hnliche Umst\u00e4nde, gro\u00dfe und kleine, zusammentreffen. Zun\u00e4chst mu\u00dfte eine Armee vorhanden sein, die am Kriege nicht mehr teilnehmen wollte. Die Revolution h\u00e4tte besonders in ihrer ersten Periode, vom Februar bis Oktober einschlie\u00dflich, ein v\u00f6llig anderes Antlitz erhalten, wenn wir bei ihrem Ausbruch nicht eine geschlagene, unzufriedene, millionenstarke Bauernarmee gehabt h\u00e4tten. Nur unter dieser Voraussetzung konnten wir das Experiment mit der Petrograder Garnison erfolgreich durchf\u00fchren, ein Experiment, das den Oktobersieg bestimmt hat. Es h\u00e4tte auch davon nicht die Rede sein k\u00f6nnen, den \u201estillen\u201c, fast unbemerkten Aufstand irgendwie mit der Verteidigung der sowjetistischen Legalit\u00e4t dem Kornilowputsch gegen\u00fcber zu kombinieren. Umgekehrt kann man mit \u00dcberzeugung behaupten, da\u00df ein solches Experiment sich in dieser Form niemals und nirgends wiederholen wird. Dennoch ist ein aufmerksames Studium derselben unerl\u00e4\u00dflich. Es erweitert den Gesichtskreis eines jeden Revolution\u00e4rs und zeigt ihm die F\u00fclle der Mittel und Verschiedenheiten der Methoden, welche angewandt werden k\u00f6nnen und welche, sofern das Ziel klar vor Augen steht, alle Umst\u00e4nde richtig erwogen und eingesch\u00e4tzt worden sind, bei gen\u00fcgender Entschlu\u00dfkraft, den Kampf zum Siege f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In Moskau hatte der Kampf einen weit langwierigeren Charakter und erforderte weit gr\u00f6\u00dfere Opfer. Das erkl\u00e4rt sich daraus, da\u00df die Moskauer Garnison keiner so sorgf\u00e4ltigen revolution\u00e4ren Vorbereitung unterworfen war wie die Petrograder in Verbindung mit der Frage der Absendung der Truppen an die Front. Wir sagten es schon einmal und m\u00fcssen es noch einmal wiederholen, da\u00df der bewaffnete Aufstand in Petrograd sich in zwei Etappen vollzogen hat: in der ersten Oktoberh\u00e4lfte, als die Petrograder Regimenter sich den Befehlen der Sowjets unterordneten, was ihrer eigenen Stimmung entsprach und straflos den Befehlen der obersten Heeresleitung nicht nachkamen und am 25. Oktober, wo es schon nur eines geringen Ansto\u00dfes bedurfte, um den Aufstand zu entfesseln, der die Nabelschnur der Februarregierung abgeschnitten hat. In Moskau vollzog sich der Aufstand in einer Etappe, was vielleicht den Hauptgrund f\u00fcr seinen z\u00f6gernden Charakter ergibt. Aber es gab noch eine andere Ursache: die Unentschlossenheit der F\u00fchrung. In Moskau konnten wir beobachten, wie die milit\u00e4rischen Operationen zu Verhandlungen \u00fcbergeleitet wurden, die aber wieder durch K\u00e4mpfe abgel\u00f6st wurden. Ein Schwanken der F\u00fchrung, die den Gef\u00fchrten bemerkbar wird, ist auch in der Politik gef\u00e4hrlich, bei einem bewaffneten Aufstand wirkt jede Unentschlossenheit t\u00f6dlich. Die herrschende Klasse verliert bereits das Vertrauen zu ihrer Kraft (ohne die keine Siegeshoffnung vorhanden sein kann), der Staatsapparat aber befindet sich noch in seiner Hand. Die revolution\u00e4re Klasse hat die Aufgabe, den Staatsapparat zu erobern, dazu braucht sie Vertrauen in die eigene Kraft. Wenn die Partei die Werkt\u00e4tigen auf den Weg des Aufstandes gef\u00fchrt hat, mu\u00df sie auch alle Konsequenzen tragen. \u201eIm Kriege geht es kriegerisch zu\u201c. Hier sind Schwankungen und Zeitvergeudungen weniger als anderswo zul\u00e4ssig. Im Kriege wird mit kurzen Ellen gemessen. Auf einem Fleck zu verweilen, wenn auch nur f\u00fcr wenige Stunden, bedeutet, da\u00df dem Feinde ein Teil seines Selbstvertrauens zur\u00fcckgegeben und den Revolution\u00e4ren genommen wird. Dadurch wird aber das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis ber\u00fchrt, das den Ausgang des Kampfes entscheidet. Unter diesem Gesichtspunkt mu\u00df man den Gang der kriegerischen Operationen in Moskau in seiner Beziehung zur politischen F\u00fchrung betrachten.<\/p>\n<p>Au\u00dferordentlich wichtig w\u00e4re es noch, einige Punkte festzuhalten, wo der B\u00fcrgerkrieg unter besonderen Verh\u00e4ltnissen, z.B. durch nationale Elemente kompliziert, sich abgespielt hat. Ein solches Studium, auf Grund sorgf\u00e4ltiger Bearbeitung des Tatsachenmaterials, m\u00fc\u00dfte unsere Vorstellung von der Mechanik des B\u00fcrgerkrieges ungemein bereichern und zugleich die Ausarbeitung bestimmter Methoden und Regeln erleichtern, die gen\u00fcgend allgemeinen Charakter haben, da\u00df sie zu einer Art eines \u201eReglements\u201c des B\u00fcrgerkrieges zusammengestellt werden k\u00f6nnten.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Wenn es auch heute noch verfr\u00fcht erscheint, diese oder jene Schlu\u00dffolgerungen ziehen zu wollen, so kann doch gesagt werden, da\u00df zum Beispiel der Gang des B\u00fcrgerkrieges in der Provinz abh\u00e4ngig war und zwar in bedeutendem Ma\u00dfe von der Entwicklung in Petrograd, trotz des verlangsamten Tempos in Moskau. Die Februarrevolution zerbrach den alten Staatsapparat; die provisorische Regierung erbte ihn, war aber unf\u00e4hig, ihn zu erneuern oder zu befestigen. Der Staatsapparat existierte demzufolge zwischen Februar und Oktober nur auf Grund des b\u00fcrokratischen Tr\u00e4gheitsgesetzes. Die b\u00fcrokratische Provinz war gew\u00f6hnt, sich nach Petrograd zu richten: das tat sie im Februar, das wiederholte sich im Oktober. Unser gro\u00dfer Vorteil bestand darin, da\u00df wir uns an den Sturz einer Regierung machten, die kaum Zeit gefunden hatte, sich zu bilden. Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Unbest\u00e4ndigkeit und der Mangel an Selbstvertrauen innerhalb des Apparates der Februar-Regierung erleichterte unsere Aufgabe und weckte das Selbstvertrauen der revolution\u00e4ren Massen und der Partei selbst.<\/p>\n<p>In Deutschland und \u00d6sterreich lagen die Verh\u00e4ltnisse nach dem 9. November 1918 \u00e4hnlich. Aber dort half die Sozialdemokratie dem republikanischen B\u00fcrgerregime sich zu behaupten, indem sie die L\u00fccken des Staatsapparates ausgef\u00fcllt hat, und obwohl dieses Regime beim besten Willen nicht als ein Beispiel der Entschlossenheit hingestellt werden kann, h\u00e4lt diese Regierung sich doch nunmehr sechs Jahre. Was die anderen kapitalistischen L\u00e4nder anbetrifft, werden diese nicht den Vorzug einer so engen zeitlichen Verbindung zwischen der b\u00fcrgerlichen und der proletarischen Revolution haben. Ihr \u201eFebruar\u201c liegt schon weit zur\u00fcck. Wohl gibt es in England viel \u00fcbriggebliebenen feudalen Schutt, von irgendeiner eigenen b\u00fcrgerlichen Revolution kann man aber nicht reden. Die S\u00e4uberung des Landes von der Monarchie, den Lords u.a. wird durch das erste Ausholen des Besens des Proletariats, sobald es die Macht ergriffen haben wird, vollf\u00fchrt. Die proletarische Revolution im Westen wird es mit vollst\u00e4ndig ausgebautem b\u00fcrgerlichem Staatsapparat zu tun haben. Das hei\u00dft aber noch nicht mit einem festgef\u00fcgten Staatsapparat, da doch die M\u00f6glichkeit der proletarischen Revolution selbst einen weit fortgeschrittenen Zerfallproze\u00df des kapitalistischen Staates voraussetzt. Wenn bei uns die Oktoberrevolution sich im Kampf mit einem Staatsapparat aufrollte, dem es nach dem Februar noch nicht gelang, sich zu konsolidieren, so wird in den anderen L\u00e4ndern der Aufstand einem Staatsapparat gelten, der sich im Zustande des fortschreitenden Zerfalls befindet.<\/p>\n<p>Als eine allgemeine Regel kann man annehmen \u2013 wir haben sie bereits auf dem vierten Kongre\u00df der kommunistischen Internationale dargelegt \u2013 da\u00df die Kraft des Voroktoberwiderstandes der Bourgeoisie in den alten kapitalistischen L\u00e4ndern in der Regel weit st\u00e4rker sein wird als bei uns, der Sieg des Proletariats viel schwieriger, dagegen wird diesem die Eroberung der Macht sogleich eine festere Lage zusichern, als diejenige, in die wir am Morgen nach dem Oktober kamen. Bei uns entbrannte der B\u00fcrgerkrieg tats\u00e4chlich erst, nachdem das Proletariat in den wichtigsten st\u00e4dtischen und Industriezentren zur Macht gelangt war und dauerte dann drei Jahre an. Vieles spricht daf\u00fcr, da\u00df die Eroberung der Macht in Zentral- und Westeuropa mit viel gr\u00f6\u00dferen M\u00fchen verkn\u00fcpft sein wird, dagegen wird das Proletariat nach der Ergreifung der Macht unvergleichlich mehr Bewegungsfreiheit haben. Es versteht sich, da\u00df diese Perspektiven nur einen bedingten Charakter haben k\u00f6nnen. Sehr viel wird davon abh\u00e4ngen, in welcher Reihenfolge die Revolution in den verschiedenen L\u00e4ndern Europas sich vollziehen wird, welche M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine milit\u00e4rische Intervention bestehen werden, was f\u00fcr eine \u00f6konomische und milit\u00e4rische Kraft die Sowjetunion in diesem Moment besitzen wird u.a. Jedenfalls verpflichtet uns diese unsere grunds\u00e4tzliche und unseres Erachtens unbestreitbare Erw\u00e4gung, wonach der Proze\u00df der Eroberung der Macht in Amerika und Europa auf einen viel gr\u00f6\u00dferen, viel mehr durchdachten und hartn\u00e4ckigeren Widerstand der herrschenden Klasse sto\u00dfen wird als bei uns, den bewaffneten Aufstand und \u00fcberhaupt den B\u00fcrgerkrieg in der Tat als eine Kunst zu behandeln.<\/p>\n<p><strong>Noch einmal \u00fcber die Sowjets und die Partei in der proletarischen Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Die Sowjets der Arbeiterdeputierten entstanden sowohl im Jahre 1905 wie 1917 aus ein und derselben Bewegung, als die nat\u00fcrliche Organisationsform der Bewegung, auf einer bestimmten Kampfstufe derselben. F\u00fcr die jungen europ\u00e4ischen Parteien aber, welche die Sowjets mehr oder weniger als \u201eDoktrin\u201c, als \u201ePrinzip\u201c \u00fcbernommen haben, besteht immer die Gefahr einer fetischistischen Beziehung zu den Sowjets, indem sie diese als einen selbstwirkenden Faktor der Revolution sehen. Ungeachtet der gro\u00dfen Vorz\u00fcge, die die Sowjets bei der Organisierung des Kampfes um die Macht haben, lassen sich doch F\u00e4lle denken, wo der Aufstand auf anderer Basis, durch andere Organisationsformen in Flu\u00df gebracht werden kann (Betriebsr\u00e4te, Gewerkschaften) und erst im weiteren Verlaufe des Aufstandes oder auch erst nach dem Siege desselben die Sowjets entstehen und zwar dann bereits als Organe der Macht.<\/p>\n<p>Es ist im h\u00f6chsten Ma\u00dfe lehrreich, den Kampf, den Lenin nach den Julitagen gegen den Fetischismus in bezug auf die Organisationsformen der Sowjets er\u00f6ffnete, von diesem Gesichtspunkte aus zu beobachten. In dem Ma\u00dfe, in dem die sozialrevolution\u00e4ren und menschewistischen Sowjets im Juli zu Organisationen wurden, welche die Soldaten offen zum Angriffe trieben und die Bolschewisten auszurotten trachteten, in demselben Ma\u00dfe konnte und mu\u00dfte die revolution\u00e4re Bewegung der arbeitenden Massen f\u00fcr sich neue Wege suchen. Lenin wies den Betriebsr\u00e4ten die Funktion als Organisationen des Kampfes um die Macht zu. Es ist sehr wahrscheinlich, da\u00df die Bewegung gerade diese Richtung eingeschlagen h\u00e4tte, wenn nicht der Kornilowputsch die opportunistischen Sowjets zur Selbstverteidigung gezwungen und den Bolschewisten die M\u00f6glichkeit gegeben, den Sowjets neues revolution\u00e4res Leben einzuhauchen. Durch den linken Fl\u00fcgel, den bolschewistischen, wurden sie eng mit der Masse verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Die Frage ist, wie die j\u00fcngsten Erfahrungen in Deutschland zeigten, von gro\u00dfer internationaler Bedeutung. Gerade in Deutschland sind die Sowjets mehrere Male als Organe des Aufstandes errichtet worden \u2013 ohne Aufstand, als Organe der Macht \u2013 ohne Macht. Das hat im Jahre 1923 die breiten proletarischen und halbproletarischen Massen veranla\u00dft, sich um die Betriebsr\u00e4te zu gruppieren. Diese erf\u00fcllten grunds\u00e4tzlich alle diejenigen Funktionen, welche bei uns in der Zeit, die dem unmittelbaren Kampf um die Macht voranging, den Sowjets \u00fcbertragen worden waren. Im August und September wurde von einigen Genossen der Vorschlag gemacht, in Deutschland unverz\u00fcglich an die Gr\u00fcndung der Sowjets zu schreiten. Nach langen und hei\u00dfen Debatten wurde dieser Vorschlag abgelehnt. Das war unbedingt richtig. Da die Betriebsr\u00e4te tats\u00e4chlich zu Knotenpunkten der Zusammenfassung der revolution\u00e4ren Massen geworden sind, h\u00e4tten die Sowjets in der Vorbereitungsperiode eine inhaltslose Parallelform dargestellt. Sie h\u00e4tten blo\u00df die Aufmerksamkeit von den praktischen Aufgaben des Aufstandes (Armee, Polizei, bewaffnete Hundertschaften, Eisenbahnen) abgelenkt, in der Richtung der selbstwirkenden Organisationsform. Andererseits h\u00e4tte die Gr\u00fcndung der Sowjets als Sowjets bis zum Zeitpunkte des Aufstandes und au\u00dferhalb der unmittelbaren Aufgaben des Aufstandes die Bedeutung einer nichtssagenden Verk\u00fcndigung: \u201eIch marschiere gegen euch!\u201c Die Regierung, welche die Betriebsr\u00e4te tolerieren mu\u00dfte, insofern sie der Sammelpunkt gro\u00dfer Massen wurden, h\u00e4tte die ersten Sowjets anerkannt, denn sie h\u00e4tte in ihnen die offiziellen Organe zur Ergreifung der Macht gesehen. Die Kommunisten w\u00e4ren gezwungen gewesen, die Sowjets als reine Organisationsfrage zu verteidigen. Der Entscheidungskampf w\u00e4re nicht wegen des Ergreifens und Verteidigens realer Errungenschaften und auch nicht in dem von uns zu w\u00e4hlendem Momente, wenn n\u00e4mlich der Aufstand wirklich den Bedingungen der Massenbewegung entsprochen h\u00e4tte, entbrannt \u2013 nein, der Kampf w\u00e4re um die Organisationsformen, um die \u201eBanner\u201c des Sowjets gegangen, und zwar zu einer Zeit, die der Gegner gew\u00e4hlt und uns aufgezwungen h\u00e4tte. Indessen ist es ganz klar, da\u00df die gesamte Vorbereitungsarbeit \u2013 zum Aufstande sich erfolgreich den Organisationsformen der Betriebsr\u00e4te unterordnen konnte, die bereits zu Massenorganisationen herangewachsen waren, welche an Ausdehnung und Macht st\u00e4ndig zunahmen und der Partei in bezug auf den Zeitpunkt des Aufstandes volle Handlungsfreiheit gaben. Es ist klar, da\u00df auf einer bestimmten Entwicklungsstufe Sowjets h\u00e4tten entstehen m\u00fcssen. Es ist aber fraglich, ob sie bei den oben dargelegten Bedingungen als unmittelbare Organe des Aufstandes entstanden w\u00e4ren. Jedenfalls bestand die Gefahr, da\u00df sich im Feuer des Gefechts zwei revolution\u00e4re Zentren gebildet h\u00e4tten. \u201eMan soll nicht,\u201c sagt ein englisches Sprichwort, \u201evon Pferd zu Pferd steigen, wenn man durch ein rei\u00dfendes Wasser reitet.\u201c \u2013 Es ist m\u00f6glich, da\u00df die Sowjets allerorts nach dem Siege in den entscheidenden Punkten des Landes entstanden w\u00e4ren. Jedenfalls h\u00e4tte ein siegreicher Aufstand unbedingt zur Schaffung der Sowjets als Organe der Macht gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Man darf nicht vergessen, da\u00df die Sowjets noch in der \u201edemokratischen\u201c Etappe der russischen Revolution entstanden, da\u00df sie auf dieser Etappe legalisiert worden, da\u00df sie dann an uns \u00fcbergegangen sind und von uns nutzbar gemacht wurden. Das wird sich in den proletarischen Revolutionen des Westens nicht wiederholen. Dort werden die Sowjets in der Mehrzahl der F\u00e4lle auf Betreiben der Kommunisten gebildet werden, folglich als direkte Organe des proletarischen Aufstandes. Freilich, es besteht die M\u00f6glichkeit, da\u00df der Zerfall des b\u00fcrgerlichen Staatsapparates ziemlich weit fortgeschritten sein wird, bevor noch das Proletariat imstande sein wird, die Macht zu ergreifen, und da\u00df sich dann Verh\u00e4ltnisse f\u00fcr die Schaffung von Sowjets als <em>offensichtliche Organe der Vorbereitung des Aufstandes<\/em> ergeben. Das d\u00fcrfte kaum eine allgemeine Erscheinung sein. Auch sind F\u00e4lle wahrscheinlich, in denen die Sowjets erst in den allerletzten Tagen als unmittelbare Organe des Kampfes der sich erhebenden Massen geschaffen werden k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich sind auch vollends solche Bedingungen denkbar, wo die Sowjets erst nach dem Aufstande, und sogar m\u00f6glicherweise in seiner abschlie\u00dfenden Phase, als Organe der neuen Macht entstehen werden. Man mu\u00df alle diese Variationen vor Augen haben, um nicht in den Organisationsfetischismus zu verfallen und die Sowjets nicht anders als zweckentsprechend zu gestalten, als biegsame, lebendige Kampfform und nicht als Organisationsprinzip, das in die Partei eindringt und ihre nat\u00fcrliche Entwicklung st\u00f6rt.<\/p>\n<p>In der letzten Zeit ist in unserer Presse viel die Rede davon gewesen, da\u00df wir zum Beispiel eigentlich nicht wissen, durch welche T\u00fcr in England die proletarische Revolution kommen wird: ob durch die kommunistische Partei oder durch die Gewerkschaften. Eine solche Formulierung der Frage, die dem Anscheine nach einen breiten historischen Horizont voraussetzt, ist grundfalsch und dadurch gef\u00e4hrlich, da\u00df sie die Hauptlehre der letzten Jahre verwischt. Wenn es bei Kriegsende keine siegreiche Revolution gegeben hat, so lag das daran, da\u00df keine Partei vorhanden war. Das kann man von ganz Europa behaupten. Noch konkreter kann man sich dar\u00fcber bei der Betrachtung des Schicksals der revolution\u00e4ren Bewegung in den einzelnen L\u00e4ndern \u00fcberzeugen. Was Deutschland anbelangt, so ist dort die Lage ganz klar: die deutsche Revolution h\u00e4tte 1918 und 1919 siegen k\u00f6nnen, wenn sie \u00fcber eine entsprechende Parteif\u00fchrung verf\u00fcgt h\u00e4tte. 1917 haben wir dasselbe am Beispiel Finnlands gesehen: dort entwickelte sich die revolution\u00e4re Bewegung unter besonders g\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnissen unter direkter milit\u00e4rischer Mitwirkung des revolution\u00e4ren Ru\u00dflands. Aber die finnische Partei, deren f\u00fchrende Mehrheit sozialdemokratisch war, erwies sich als unf\u00e4hig und brachte die Revolution zum Scheitern. Nicht weniger deutlich ergibt sich diese Lehre auch aus der Erfahrung Ungarns. Dort hatten die Kommunisten zusammen mit dem linken Fl\u00fcgel der Sozialdemokraten nicht etwa die Macht erobert, sondern sie von der eingesch\u00fcchterten Bourgeoisie erhalten. Die ungarische Revolution, die ja ohne Kampf gesiegt hatte, war von ihrem ersten Schritte an ohne jede F\u00fchrung. Die kommunistische Partei ging in der sozialdemokratischen auf und dokumentierte damit, da\u00df sie selbst keine kommunistische Partei war, infolgedessen auch nicht f\u00e4hig, trotz des Kampfgeistes der ungarischen Proletarier, die ihr so leicht zugefallene Macht zu behaupten. Ohne die Partei, unter Umgehung der Partei, durch ein Surrogat der Partei kann die proletarische Revolution nie siegen. Das ist die Hauptlehre des letzten Jahrzehntes. Richtig ist es, da\u00df die englischen Gewerkschaften zu einem m\u00e4chtigen Herd der proletarischen Revolution werden und zum Beispiel unter bestimmten Verh\u00e4ltnissen und f\u00fcr einen bestimmten Zeitabschnitt sogar die Arbeiterr\u00e4te ersetzen k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen aber eine solche Rolle nicht ohne die Kommunistische Partei und erst recht nicht gegen sie spielen, sondern nur unter der Voraussetzung, da\u00df der kommunistische Einflu\u00df in den Gewerkschaften entscheidend wird. Die Erkenntnis, welche Rolle die Partei f\u00fcr die proletarische Revolution hat, haben wir zu teuer erkaufen m\u00fcssen, um sie leicht aufzugeben oder ihre Bedeutung auch nur abzuschw\u00e4chen.<\/p>\n<p>Die Zielbewu\u00dftheit und die Planm\u00e4\u00dfigkeit hatten in den b\u00fcrgerlichen Revolutionen eine unvergleichlich kleinere Rolle gespielt, als sie jetzt in den proletarischen Revolutionen zu spielen berufen sind und bereits gespielt haben. Die treibende Kraft war auch dort die Masse, die aber bedeutend weniger organisiert und weniger bewu\u00dft war, als heutzutage. Die F\u00fchrung lag in den H\u00e4nden verschiedener Fraktionen der Bourgeoisie, die \u00fcber Reichtum und Bildung verf\u00fcgte und \u00fcber die aus diesen Vorteilen sich ergebende Organisiertheit (St\u00e4dte, Universit\u00e4ten, Presse). Die b\u00fcrokratische Monarchie verteidigte sich empirisch, sie ging tastend vor. Die Bourgeoisie verstand, den Augenblick zu ben\u00fctzen, wo sie die Bewegung der unteren Schichten sich dienstbar machen konnte, um ihr soziales Gewicht auf die Waagschale zu werfen und die Macht zu erobern. Die proletarische Revolution unterscheidet sich gerade dadurch, da\u00df in ihr das Proletariat nicht nur die treibende, sondern durch ihre Vorhut auch die f\u00fchrende Kraft ist. Die Rolle, die in den b\u00fcrgerlichen Revolutionen die \u00f6konomische Macht der Bourgeoisie, ihre Bildung, ihre st\u00e4dtischen Verwaltungen und Universit\u00e4ten gespielt haben, kann in der proletarischen Revolution nur die Partei des Proletariates innehaben. Die Bedeutung dieser Rolle ist um so gr\u00f6\u00dfer, als doch auch das Bewu\u00dftsein des Gegners unerme\u00dflich gestiegen ist. Die Bourgeoisie hat im Laufe der Jahrhunderte, w\u00e4hrend der sie die Vorherrschaft hatte, eine politische Schulung durchgemacht, die unvergleichlich h\u00f6her zu werten ist, als die Schule der alten b\u00fcrokratischen Monarchie. War der Parlamentarismus f\u00fcr das Proletariat eine Vorbereitung f\u00fcr die Revolution, so war er bis zu einem gewissen Grade f\u00fcr das B\u00fcrgertum in noch gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe eine Schule der gegenrevolution\u00e4ren Strategie. Es gen\u00fcgt darauf hinzuweisen, da\u00df die Bourgeoisie durch den Parlamentarismus die Sozialdemokratie gro\u00dfgezogen hat, die heute die Hauptst\u00fctze des Privateigentums ist. Die Epoche der sozialen Revolution in Europa wird, wie die ersten Schritte gezeigt haben, eine Zeit angestrengter, r\u00fccksichtsloser, aber durchdachter und reiflich erwogener K\u00e4mpfe sein \u2013 in weit h\u00f6herem Grade durchdachter als bei uns im Jahre 1917.<\/p>\n<p>Gerade deshalb ist es notwendig, an die Probleme des B\u00fcrgerkrieges und insbesondere des bewaffneten Aufstandes ganz anders heranzutreten, als es bisher der Fall war. Mit Lenin wiederholen wir oft die Worte Marx\u2019, da\u00df der Aufstand eine Kunst ist. Dieser Gedanke aber wird zur leeren Phrase, wenn der Formulierung Marx\u2019 nicht gleichzeitig durch das Studium der Grundelemente der Kunst des B\u00fcrgerkrieges auf Grund der gigantischen Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren gesammelt haben, Inhalt gegeben wird. Es mu\u00df betont werden, da\u00df in einem oberfl\u00e4chlichen Verhalten zum bewaffneten Aufstande sich die noch nicht \u00fcberwundene Kraft der sozialdemokratischen Tradition \u00e4u\u00dfert. Die Partei, die die Fragen des B\u00fcrgerkrieges leichtfertig behandelt, in der Annahme, da\u00df im entscheidenden Moment die Ereignisse sich wie von selbst ordnen und gestalten, wird bestimmt eine Niederlage erleben. Wir m\u00fcssen gemeinschaftlich die Erfahrungen der proletarischen K\u00e4mpfe, von 1917 an, durcharbeiten.<\/p>\n<p>Die oben angedeutete Geschichte der Parteigruppierungen im Jahre 1917 stellt auch einen sehr wichtigen Teil der Erfahrung des B\u00fcrgerkrieges dar und hat, wie wir annehmen, eine unmittelbare Bedeutung f\u00fcr die Politik der kommunistischen Internationale als Ganzes. Wir haben es oben schon erw\u00e4hnt und wiederholen es noch einmal, da\u00df das Studium der Erforschung der Meinungsverschiedenheiten in keinem Falle etwa so betrachtet werden kann und soll, als ob es gegen die Genossen gerichtet w\u00e4re, die eine falsche Politik vertreten haben. Aber andererseits w\u00e4re es unzul\u00e4ssig, wollte man aus der Geschichte der Partei das gr\u00f6\u00dfte Kapitel streichen, nur weil nicht alle Mitglieder der Partei mit der proletarischen Revolution Schritt gehalten haben. Die Partei mu\u00df und darf ihre ganze Vergangenheit kennen, um sie richtig einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen und allem Geschehen eine entsprechende Stelle einzur\u00e4umen. Die Tradition einer revolution\u00e4ren Partei bildet sich nicht durch das Verschweigen, sondern gerade umgekehrt, durch kritische Klarheit.<\/p>\n<p>Die Geschichte hat unserer Partei ganz au\u00dfergew\u00f6hnliche revolution\u00e4re Vorteile gesichert. Die Tradition des heroischen Kampfes gegen den Zarismus, die Gepflogenheiten der revolution\u00e4ren Selbstverleugnung, die eng mit der illegalen T\u00e4tigkeit verkn\u00fcpft ist \u2013 eine theoretische Verarbeitung der revolution\u00e4ren Erfahrungen der ganzen Menschheit \u2013 der Kampf mit dem Menschewismus \u2013 der Kampf mit den &#8222;Narodniki&#8220; \u2013 der Kampf mit den opportunistischen Tendenzen \u2013 die ungeheuren Erfahrungen der Revolution vom Jahre 1905 \u2013 die theoretische Durcharbeitung dieser Erfahrungen in den Jahren der Gegenrevolution \u2013 das Herantreten an die Probleme der internationalen Arbeiterfragen vom Standpunkt der revolution\u00e4ren Lehren vom Jahre 1905 \u2013 das war dasjenige, was in seiner Gesamtheit unserer Partei eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Festigkeit verlieh, den gr\u00f6\u00dften theoretischen Scharfsinn und einen beispiellosen revolution\u00e4ren Schwung. Und trotzdem hat sich auch in dieser Partei an ihrer Spitze, unmittelbar vor der entscheidenden Aktion eine Gruppe erfahrener Revolution\u00e4re, alter Bolschewisten abgesondert, die sich in sch\u00e4rfster Opposition zum proletarischen Aufstand stellte und die in der allerkritischsten Periode vom Februar 1917 ungef\u00e4hr bis Februar 1918 in allen wichtigen Fragen einen im Grunde genommen sozialdemokratischen Standpunkt einnahm. Um die Partei und die Revolution vor der gr\u00f6\u00dften Verwirrung zu retten, die sich aus diesen Umst\u00e4nden ergaben, bedurfte es des schon damals beispiellosen Einflusses Lenins in der Partei. Dies d\u00fcrfen wir keinesfalls vergessen, wenn wir wollen, da\u00df die kommunistischen Parteien der anderen L\u00e4nder etwas von uns lernen. Das Problem der Auswahl der leitenden Kr\u00e4fte in der Partei hat f\u00fcr die westeurop\u00e4ischen Staaten eine besonders gro\u00dfe Bedeutung. Geradezu zum Himmel schreit die diesbez\u00fcgliche Erfahrung des verpa\u00dften deutschen Oktober 1923. Aber diese Auswahl mu\u00df vom Gesichtspunkte der revolution\u00e4ren Tat aus vor sich gehen. In Deutschland gab es in den letzten Jahren gen\u00fcgend F\u00e4lle der Pr\u00fcfung der f\u00fchrenden Mitglieder der Partei im Augenblicke des unmittelbaren Kampfes. Ohne dieses Kriterium ist alles andere unzuverl\u00e4ssig. Frankreich war in diesen Jahren wesentlich \u00e4rmer an revolution\u00e4ren Ersch\u00fctterungen, sei es auch nur an partiellen. Trotzdem hat es nicht an einigen Ausbr\u00fcchen des B\u00fcrgerkrieges gefehlt, bei welchen das Zentralkomitee der Partei und die F\u00fchrer der gewerkschaftlichen Organisation auf unaufschiebbare und brennende Fragen tatkr\u00e4ftig reagieren mu\u00dften. (Zum Beispiel die blutige Versammlung vom 11. Januar 1924.) Das aufmerksame Studium solcher kritischen Episoden ergibt unsch\u00e4tzbares Material f\u00fcr die Beurteilung der Parteif\u00fchrung, der Stellung der einzelnen Organe der Partei und der einzelnen aktiven Parteimitglieder. Solche Lehren zu ignorieren, sie nicht bei der Auswahl der F\u00fchrer zu verwenden, hie\u00dfe unvermeidlichen Niederlagen entgegengehen. Ohne entschlossene, tapfere Parteif\u00fchrung ist der Sieg der proletarischen Revolution nicht denkbar.<\/p>\n<p>Jede Partei, auch die revolution\u00e4rste, entwickelt unvermeidlich einen organisatorischen Konservatismus, sonst k\u00f6nnte sie nicht die notwendige Standfestigkeit aufweisen, die sie unbedingt braucht. Bei einer revolution\u00e4ren Partei mu\u00df die notwendige Dosis des Konservatismus vereinigt sein mit einer vollst\u00e4ndigen Freiheit von der Routine, mit einer Freiheit der Orientierung und mit einem tatkr\u00e4ftigen Schwung. Am sch\u00e4rfsten kann man diese Eigenschaften an den Wendepunkten der historischen Entwicklung kontrollieren. Schon fr\u00fcher haben wir das Wort Lenins erw\u00e4hnt, das mitunter sogar die revolution\u00e4rsten Parteien in einer schroffen Ver\u00e4nderung der Verh\u00e4ltnisse und der daraus entstehenden Probleme fortfahren, auf dem alten Wege weiterzugehen und dadurch zur Bremse der revolution\u00e4ren Entwicklung werden oder zu werden drohen. Sowohl der Konservatismus einer Partei wie ihre revolution\u00e4re Initiative finden ihren konzentriertesten Ausdruck in den Organen der Parteileitung. Den europ\u00e4ischen kommunistischen Parteien steht aber die schroffste \u201eUmstellung\u201c noch bevor: der \u00dcbergang von der vorbereitenden Arbeit zur Eroberung der Macht. Diese Wendung ist die schwerste, die dringendste, die verantwortungsvollste, die ernsteste. Diesen Moment zu vers\u00e4umen, w\u00e4re die gr\u00f6\u00dfte Niederlage, die der Partei je zusto\u00dfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Erfahrung der europ\u00e4ischen, und vor allem der deutschen K\u00e4mpfe der letzten Jahre, im Lichte unserer eigenen Erfahrung gesehen, sagt uns, da\u00df es zwei F\u00fchrertypen gibt, die die Neigung haben, die Partei aufzuhalten und zwar in dem Moment, in dem sie den bedeutendsten Schritt vorw\u00e4rts machen soll. Die einen sind geneigt, auf dem Wege der Revolution vor allem Schwierigkeiten und Hindernisse zu sehen, und betrachten jedes Moment mit der, wenn auch nicht immer bewu\u00dften Absicht, der Tat auszuweichen. Der Marxismus dient ihnen nur dazu, die Unm\u00f6glichkeit der revolution\u00e4ren Tat zu begr\u00fcnden. In den russischen Menschewisten sehen wir diesen Typus in Reinkultur. Aber an und f\u00fcr sich ist dieser Typus nicht nur im Menschewismus vertreten, sondern er kommt in dem allerkritischsten Momente, auf verantwortungsvoller Stelle auch in den am meisten revolution\u00e4ren Parteien zum Vorschein. Die Vertreter des anderen Typus zeichnen sich durch ihren oberfl\u00e4chlich-agitatorischen Charakter aus. Diese sehen nirgends Hindernisse, solange sie nicht mit dem Kopf an die Wand sto\u00dfen. Sie setzen sich \u00fcber alle Schwierigkeiten hinweg und haben eine gro\u00dfe Geschicklichkeit, reale Hindernisse mit Hilfe gewandter Redewendungen zu umgehen. Sie bekunden in allen Fragen den gr\u00f6\u00dften Optimismus, der unvermeidlich in sein Gegenteil umschl\u00e4gt, sobald die Stunde der entscheidenden Tat geschlagen hat. F\u00fcr den ersten Typus, den kleingl\u00e4ubigen Revolution\u00e4r, bestehen die Schwierigkeiten der Machtergreifung nur in der Anh\u00e4ufung und Vergr\u00f6\u00dferung derjenigen Schwierigkeiten, die er gew\u00f6hnt ist, sich vor seine Augen zu f\u00fchren. F\u00fcr den zweiten Typus, den oberfl\u00e4chlichen Optimisten, entstehen die Schwierigkeiten immer ganz unerwartet. In der Vorbereitungszeit ist das Verhalten der beiden verschieden, der eine ist skeptisch und man kann sich auf ihn im revolution\u00e4ren Sinne nicht sehr verlassen, daf\u00fcr kann der andere als der unb\u00e4ndige Revolution\u00e4r erscheinen. In dem entscheidenden Moment gehen beide Hand in Hand und b\u00e4umen sich gegen den Aufstand. Und doch hat die ganze vorbereitende Arbeit insofern einen Wert, als sie die Partei und in erster Linie ihre f\u00fchrenden Organe in die Lage versetzt, den Augenblick des Aufstandes zu bestimmen und den Aufstand zu leiten. Denn die Aufgabe der kommunistischen Partei ist die Eroberung der Macht, mit dem Ziele, die Gesellschaft umzugestalten.<\/p>\n<p>In letzter Zeit ist oft davon gesprochen und geschrieben worden, da\u00df es notwendig sei, die kommunistische Internationale zu \u201ebolschewisieren\u201c. Das ist fraglos eine sehr wichtige Aufgabe, die besonders nach den grausamen Erfahrungen in Deutschland und Bulgarien unaufschiebbar geworden ist. Der Bolschewismus ist keine Doktrin (vielmehr: nicht nur Doktrin), sondern ein System revolution\u00e4rer Erziehung zum proletarischen Umsturz. Was hei\u00dft es, die Bolschewisierung der kommunistischen Parteien? Das hei\u00dft: eine derartige Erziehung und eine solche Auswahl der F\u00fchrer, da\u00df sie nicht im Augenblick ihrer Oktoberrevolution versagen. <em>\u201eDas ist Hegel und B\u00fccherweisheit und der Sinn aller Philosophie!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1924\/lehren\"><em>https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1924\/lehren\/<\/em><\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Siehe <strong>Osten und Westen<\/strong> die Kapitel <em>Am Wendepunkt<\/em> und <em>Auf welcher Etappe befinden wir uns?<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kadetten lautet die Abk\u00fcrzung f\u00fcr Konstitutionelle Demokraten, eine Partei in der russischen Duma, die, unter Miljukows F\u00fchrung, f\u00fcr die konstitutionelle Monarchie eintrat.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hier ist offenbar die Anf\u00fchrung der Namen fortgelassen, wie sich dies deutlich aus dem weiteren Satzbau ergibt. \u2013 <em>Leo Trotzki<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Siehe: L. Trotzki, <em>Probleme des B\u00fcrgerkrieges<\/em> \u2013 <strong>Prawda<\/strong> Nr.202, 6. Sept. 1924.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Russische Revolution bleibt weiterhin eine unersch\u00f6pfliche Quelle von Fragestellungen und Lehren f\u00fcr politisch-organisatorische Projekte und revolution\u00e4re Strategien, die sich auf die revolution\u00e4ren Potentiale in der Arbeiterklasse, der Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen, abst\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,12,13,27,20,4,21],"class_list":["post-1983","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-lenin","tag-marx","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-strategie","tag-trotzki"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1983","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1983"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1984,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1983\/revisions\/1984"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}