{"id":2013,"date":"2017-03-29T17:23:57","date_gmt":"2017-03-29T15:23:57","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2013"},"modified":"2017-03-29T17:23:57","modified_gmt":"2017-03-29T15:23:57","slug":"die-grosse-saeuberung-als-schaedelstaette-des-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2013","title":{"rendered":"Die \u201eGro\u00dfe S\u00e4uberung\u201c als Sch\u00e4delst\u00e4tte des Sozialismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Christoph J<\/em><em>\u00fc<\/em><em>nke<\/em>. Die Nachricht aus Moskau kam \u00fcberraschend und l\u00f6ste weltweit Schockwellen der Verwirrung aus. Knappe zwanzig Jahre nach der die Wet bewegenden sowjetrussischen Revolution von 1917 k\u00fcndigten die Staatsmedien Mitte August 1936<!--more--> einen \u00f6ffentlichen Schauprozess gegen eine ganze Reihe der wichtigsten alten Bolschewiki an, deren Namen untrennbar mit der Oktoberrevolution und dem daran anschlie\u00dfenden B\u00fcrgerkrieg verbunden waren.<\/p>\n<p>Grigori Sinowjew, Lew Kamenew, Iwan Smirnow und 13 weitere Oktoberrevolution\u00e4re wurden angeklagt, ein \u201esinowjewistisch-trotzkistisches Zentrum\u201c gegr\u00fcndet zu haben, um terroristische Attentate gegen f\u00fchrende Partei- und Regierungsvertreter wie den Leningrader Parteisekret\u00e4r Kirow und den KPdSU-Generalsekret\u00e4r Stalin durchzuf\u00fchren. Juristische Beweise oder entlarvende Dokumente jedoch konnte das bereits wenige Tage sp\u00e4ter am 19. August zusammentretende und nur ganze f\u00fcnf Tage tagende Gerichtnicht vorweisen. Die gesamte Anklage wie auch die dann folgenden Todesurteile beruhten auf den vermeintlich freiwilligen Gest\u00e4ndnissen jener Angeklagten, die der Generalstaatsanwalt Wyschinski \u00f6ffentlich als \u201eL\u00fcgner, Clowns, elende Pygm\u00e4en\u201c, als \u201eKettenhunde des Kapitalismus\u201c beschimpfte, als \u201eeine Bande von M\u00f6rdern und kriminellen Verbrechern\u201c. Und um die Verwirrung dieser gespenstischen Szenerie vollst\u00e4ndig zu machen, gestanden die Angeklagten die ihnen vorgeworfenen schweren Verbrechen anscheinend bereitwillig und nahmen diese ungeheuerliche Erniedrigung und das Todesurteil weitgehend regungslos hin.<\/p>\n<p><strong>Konturen des Terrors<\/strong><\/p>\n<p>Die sowjetische Presse berichtete tage- und wochenlang ausgiebig von diesem Prozess. Plakate, Brosch\u00fcren und stenografische Berichte wurden massenwirksam vertrieben, Massendemonstrationen wurden organisiert, auf denen das Volk seine Abscheu \u00fcber diese \u201eoppositionellen Verbrecher\u201c kund tun konnte und musste. Briefe, Telegramme und Resolutionen aus allen Ecken des Landes riefen zur revolution\u00e4ren Wachsamkeit gegen Feinde und Saboteure des sozialistischen Aufbaus auf und forderten die Hinrichtung der Angeklagten \u2013 ein Klima der landesweiten Lynchjustiz, das die Massen politisch mobilisierte und den Prozess legitimatorisch abrundete.<\/p>\n<p>Dasselbe Schauspiel wiederholte sich noch zwei weitere Male. Im Januar 1937 wurden 17 namhafte Partei- und Staatsf\u00fchrer wie Juri Pjatakow, Karl Radek u.a., im M\u00e4rz 1938 schlie\u00dflich auch Nikolai Bucharin, Alexei Rykow, Christian Rakowski und 18 weitere (unter ihnen auch Genrich Jagoda, der derselben Verbrechen \u201e\u00fcberf\u00fchrte\u201c Organisator des ersten Schauprozesses) entsprechend angeklagt, verurteilt und danach zumeist hingerichtet. Auch hier wieder beruhten Anklage und Verurteilung ausschlie\u00dflich auf den vermeintlich freiwilligen Gest\u00e4ndnissen und Selbstbezichtigungen der Opfer. Ein weiterer Prozess gegen fast die gesamte Generalit\u00e4t der Roten Armee wurde im Mai 1937 geheim gef\u00fchrt und endete auch hier mit der weitgehenden \u201eEnthauptung\u201c derselben.<\/p>\n<p>Allen Beobachtern war schon damals klar, dass die drei Schauprozesse nur die Spitze eines gewaltigen Eisberges von Prozessen und Verfolgungsma\u00dfnahmen \u00fcberall im Lande waren \u2013 wenn man auch nicht die genauen Ausma\u00dfe dieses Eisberges kannte. Agierte die Partei- und Staatsf\u00fchrung im Jahre 1936 \u00fcberwiegend offen, ging man in den Jahren 1937 und 1938, als die Suche nach den inneren Feinden in umfassende Massenrepressalien \u00fcberging, vor allem nicht-\u00f6ffentlich vor. Doch mit der in den 1980er und 1990er Jahren erfolgten \u00d6ffnung der sowjetischen Archive kommt nun zunehmendes Licht ins Dunkel der bisherigen Ungewissheit. Im Gro\u00dfen Terror der 1930er Jahre kam nicht nur die sogenannte alte bolschewistische Garde fast vollst\u00e4ndig um. \u201eGes\u00e4ubert\u201c wurden auch die Kommunistische Partei, die Rote Armee und alle anderen Staats- und Parteiorganisationen \u2013 also die politische, \u00f6konomische oder Verwaltungselite als Ganze \u2013 in einem quantitativen Ausma\u00df, dass die Sowjetunion am Ende der 1930er Jahre schon rein physisch eine g\u00e4nzlich andere war als noch Ende der 1920er Jahre.<\/p>\n<p>Und dieser stalinistische Terror betraf, mehr noch, alle Schichten und Gruppen der Gesellschaft. Wissenschaftler_innen, Intellektuelle und K\u00fcnstler_innen jeder Art, Arbeiter_innen und B\u00e4uer_innen, Geistliche, in Sowjetrussland lebende Ausl\u00e4nder_innen und ganze nationale Minderheiten wurden grausam verfolgt \u2013 der scheinbar willk\u00fcrliche Terror machte vor niemandem halt. Allein vom August 1937 bis zum Oktober 1938 wurden etwa 1,5 Millionen Menschen verhaftet, die H\u00e4lfte davon, ca. 700.000 Menschen hingerichtet, die anderen in die Gef\u00e4ngnisse und Arbeitslager gesteckt. Mit den Opfern der Repression aus fr\u00fcherer und sp\u00e4terer Zeit summieren sich diese Zahlen auf mehrere Millionen Menschen, die als einzelne Individuen nach juristischen Kriterien fast durchg\u00e4ngig unschuldig gewesen sind, denn das Politb\u00fcro hatte in der Regel bereits vor ihrer Verhaftung offensichtlich willk\u00fcrlich festgelegte Opferquoten bestimmt, die am Ende der Repressalien herauskommen mussten. Dies alles und noch viel mehr ist heute gut belegt.<\/p>\n<p>Die volle Verantwortung und die Regie f\u00fcr diese Verhaftungs-, Deportations- und Hinrichtungswelle, auch dies ist heute nicht mehr zu bestreiten, trug der engste F\u00fchrungszirkel der regierenden Kommunistischen Partei, das sogenannte Politb\u00fcro mit Stalin an der Spitze. Hier wurden die Opferquoten und Opferlisten f\u00fcr Verhaftungen, Deportationen und Hinrichtungen beschlossen, die von den lokalen Partei- und Geheimdienstorganen abzuarbeiten und von einzelnen Politb\u00fcromitgliedern wie Stalin, Kaganowitsch, Shdanow u.a. pers\u00f6nlich abzuzeichnen waren \u2013 die meisten Listen hat Stalin pers\u00f6nlich unterzeichnet. Stalin wusste nicht nur \u00fcber (fast) alles Bescheid, er war auch nachweislich der Initiator und die treibende Kraft sowohl des Gro\u00dfen Terrors wie auch der gesamten Repressionspolitik der 1930er Jahre \u2013 und er beendete das Morden im Jahre 1938 ebenso b\u00fcrokratisch, wie er es begonnen und durchgef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p><strong>Die Logik des Terrors<\/strong><\/p>\n<p>Haben wir es beim \u201eGro\u00dfen Terror\u201c, wie immer wieder behauptet wird, mit einem explosiven Ausbruch an historischem Irrationalismus zu tun, mit einem Exzess der unbeschr\u00e4nkten Macht Stalins? Waren Stalin und seine oligarchischen Genossen nur die willigen Vollstrecker einer im marxistischen Sozialismus angelegten utopischen Idee der Gesellschaftsumw\u00e4lzung? Eher weniger. Man muss die irrationalistischen Momente auch dieser Geschichte nicht leugnen, um zu erkennen, dass dem Ganzen eine spezifische Logik innewohnte. Schon kritische Zeitgenossen, die die Verh\u00e4ltnisse in Sowjetrussland aus eigener Anschauung gut kannten, v.a. also die von den Repressalien betroffenen antistalinistischen Oppositionellen, haben damals vielfach darauf hingewiesen, dass und wie dieser Terror als Mittel einer historisch neuartigen Herrschaftsformierung fungierte, als die schleichende Machtergreifung und gewaltsame Machtsicherung einer in den zwanziger Jahren aufkommenden neuartigen, b\u00fcrokratischen Herrschaftskaste.<\/p>\n<p>Es war die sogenannte \u201eZweite Revolution\u201c, die die UdSSR seit dem Ende der zwanziger Jahre durchmachte, d.h. es waren die 1928 begonnene Zwangskollektivierung der russischen Bauernschaft und die sie begleitende Politik einer forcierten Industrialisierung, die nicht nur Stalin zum unumschr\u00e4nkten Alleinherrscher werden lie\u00df, sondern auch eine Periode der kumulativen Radikalisierung ausl\u00f6ste, an dessen Ende nichts mehr so sein sollte wie zuvor.<\/p>\n<p>Die mit Gewalt und Terror in die Kolchosen und Sowchosen getriebenen russischen B\u00e4uer_innen, die sich schon im \u00dcbergang zu den 1930er Jahren mit ebensolcher Gewalt gegen das ihnen aufgezwungene Schicksal zur Wehr setzten; die mit massiven Repressionsmethoden damals aus dem Boden gestampfte, und mit rigiden Arbeitsmethoden klein gehaltene neue sowjetische Arbeiterklasse; die Vertreibung und Ermordung der alten Intellektuellenschicht und ihre Ersetzung durch ehemalige Arbeiter_innen und B\u00e4uer_innen; die Ersetzung der alten Machtelite durch eine von Stalin und dem Parteiapparat abh\u00e4ngige neue Verwaltungselite \u2013 all dies sind die sozialgeschichtlichen Folgen einer als Schock-Strategie erfahrenen Industrialisierung und Kollektivierung. Vor diesem Hintergrund waren es die Schauprozesse, die einer gewaltsam atomisierten, entm\u00fcndigten und physisch bedrohten Bev\u00f6lkerung einen S\u00fcndenbock, eine Erkl\u00e4rung und auch ein Ventil des Unmutes f\u00fcr all die Leiden und Entbehrungen dieser \u00fcberst\u00fcrzten und historisch einmaligen Gesellschaftsumw\u00e4lzung anboten \u2013 und jene disziplinierten, die dem Regime und den Erfahrungen und Folgen dieser Schock-Industrialisierung mit Widerwillen oder gar Widerstand begegneten.<\/p>\n<p>Aufs Ganze betrachtet erweist sich die \u201eGro\u00dfe S\u00e4uberung\u201c als ein Akt realer und pr\u00e4ventiver Repression gegen jede Form von Nonkonformismus, Renitenz und Opposition, sei sie auch noch so marginal oder unpolitisch \u2013 als Mittel zur Herstellung eines neuen, umfassenden (\u201etotalit\u00e4ren\u201c) Konformismus im Prozess der Herausbildung und Festigung einer neuen \u201esozialistisch\u201c-b\u00fcrokratischen Herrschaftsform. Der Terror war deswegen dem historischen Stalinismus grundlegend immanent, systemischer Natur und Endpunkt eines konterrevolution\u00e4ren Prozesses, bei dem aus dem Formierungsbedarf der neuen Macht der Repressionsbedarf gegen reale und potentielle Widerst\u00e4nde resultierte, so wie umgekehrt aus dem Repressionsbedarf der Formierungsbedarf erfolgte.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlich zum Thema Christoph J\u00fcnke: \u201eSch\u00e4delst\u00e4tte des Sozialismus. Stalinistischer Terror Revisited\u201c, in Gruppe INEX (Hrsg.): <em>Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus<\/em>, M\u00fcnster 2012 (Unrast-Verlag), S.84-106. Dort auch umfangreiche Hinweise zur weiterf\u00fchrenden Literatur.<\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; line-height: 107%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><i><span style=\"color: #000000;\">Christoph J<\/span><\/i><\/span><span style=\"margin: 0px; line-height: 107%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><i><span style=\"color: #000000;\">\u00fc<\/span><\/i><\/span><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; line-height: 107%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><i><span style=\"color: #000000;\">nke lebt und arbeitet als Historiker in Bochum und ist Autor und Herausgeber zahlreicher B<\/span><\/i><\/span><span style=\"margin: 0px; line-height: 107%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><i><span style=\"color: #000000;\">\u00fc<\/span><\/i><\/span><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; line-height: 107%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><i><span style=\"color: #000000;\">cher. Im Mai 2017 erscheint von ihm die Anthologie Marxistische Stalinismus-Kritik im 20.Jahrhundert im K<\/span><\/i><\/span><span style=\"margin: 0px; line-height: 107%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><i><span style=\"color: #000000;\">\u00f6<\/span><\/i><\/span><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; line-height: 107%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><i><span style=\"color: #000000;\">ln-Karlsruher Neuen ISP-Verlag.<\/span><\/i><\/span><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/lernen-aus-der-geschichte.de\/Lernen-und-Lehren\/content\/13509%20vom%2029\">lernen-aus-der-geschichte.de&#8230;<\/a>. vom 29. M\u00e4rz 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph J\u00fcnke. Die Nachricht aus Moskau kam \u00fcberraschend und l\u00f6ste weltweit Schockwellen der Verwirrung aus. Knappe zwanzig Jahre nach der die Wet bewegenden sowjetrussischen Revolution von 1917 k\u00fcndigten die Staatsmedien Mitte August 1936<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[20,83],"class_list":["post-2013","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-sowjetunion","tag-stalinismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2013","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2013"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2013\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2014,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2013\/revisions\/2014"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2013"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2013"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2013"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}