{"id":2027,"date":"2017-04-10T08:25:40","date_gmt":"2017-04-10T06:25:40","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2027"},"modified":"2018-01-19T18:07:44","modified_gmt":"2018-01-19T16:07:44","slug":"philippe-poutou-ein-revolutionaerer-arbeiter-gegen-das-establishment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2027","title":{"rendered":"Philippe Poutou: Ein revolution\u00e4rer Arbeiter gegen das Establishment"},"content":{"rendered":"<p><em>Hovhannes Gevorkian.<\/em> Da staunten sie nicht schlecht, die gro\u00dfen Kandidat*innen der Bourgeoisie: Poutou, ein Arbeiter bei Ford und Kandidat der Neuen Antikapitalistischen Patei (NPA), zeigte ihnen bei einer nationalen Fernsehdebatte die Grenzen auf. <!--more-->Indem er klare Kante gegen Marine Le Pen und Francois Fillon zeigte, konnte er der mit Abstand sympathischste Redner des Abends werden.<\/p>\n<p><em>\u201c<\/em><em>Und ihr k<\/em><em>\u00f6<\/em><em>nnt sagen, ihr seid dabei gewesen!<\/em><em>\u201d<\/em> Dieser ber\u00fchmte Ausspruch Johann Wolfgang von Goethes ging mir gestern fr\u00fch durch den Kopf, nachdem ich Philippe Poutou im franz\u00f6sischen TV-Duell um die Pr\u00e4sidentschaft gesehen hatte. Der vielleicht bekannteste Sender des Landes, BFM TV, hatte alle elf Kandidat*innen zur Debatte eingeladen. Da das Rennen um die Pr\u00e4sidentschaft so offen wie noch nie ist, war das Interesse dieses Jahr besonders hoch: Rund sechs Millionen Menschen waren vor den Bildschirmen.<\/p>\n<p>Ich war am Tag der Debatte mit Genoss*innen in Hamburg, wo wir die ebenfalls <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/arbeitskampf-bei-blohm-und-voss-in-hamburg\/\"><strong>k\u00e4mpfenden Hafenarbeiter*innen<\/strong><\/a> unterst\u00fctzt hatten. F\u00fcr den Abend hatte ich mir vorgenommen, zumindest stellenweise <em>Le grand debat<\/em> anzuschauen. BFM TV ist ein sehr moderner Sender, es war kein Zufall, dass er diese Politshow auf Facebook \u00fcbertrug, sodass ich ebenfalls Zeuge dieses sensationellen Geschehens sein konnte. Was sollte passieren? Und warum sind meine Gedanken am Tag danach so magisch-euphorisch?<\/p>\n<p><strong>Endlich!<\/strong><\/p>\n<p>Schon beim gemeinsamen Gruppenfoto die erste Aufregung: Wo ist Philippe Poutou? Wo ist er? Wurde er ausgeladen? Konnte er doch nicht teilnehmen? Aber nein. Unser Genosse verweigerte das gemeinsame Stelldichein, wo au\u00dfer Nathalie Arthaud (Lutte Ouvri\u00e8re) niemand da war, der einen normalen Beruf hatte, wie er richtigerweise am Anfang seiner Vorstellung betonte. Er, der einfache Fordarbeiter, der am wenigsten von allen verdient und besitzt, umgeben von reichen Million\u00e4r*innen, die die Staatskassen pl\u00fcndern und dabei Immunit\u00e4t genie\u00dfen. Poutou war gar nicht daran interessiert, einen Dialog mit diesen reaktion\u00e4ren Arschl\u00f6chern vom Schlage einer Marine Le Pen (Front National, FN) zu f\u00fchren. Was er sagte, entsprach aber messerscharf der Wahrheit:<\/p>\n<p><em>Wir haben hier auch Marine Le Pen, die sich an den <\/em><em>\u00f6<\/em><em>ffentlichen Kassen bedient, zwar nicht hier, sondern in Europa. Und der FN, der sich so gegen das System gibt, hat kein Problem damit, das System zu benutzen, um sich selbst zu sch<\/em><em>\u00fc<\/em><em>tzen, wie durch parlamentarische Immunit<\/em><em>\u00e4<\/em><em>t. (<\/em><em>\u2026<\/em><em>) Wenn wir vor Gericht gerufen werden, gilt f<\/em><em>\u00fc<\/em><em>r uns keine Immunit<\/em><em>\u00e4<\/em><em>t der Arbeiter*innen.<\/em><\/p>\n<p>Ja, genauso ist es. In einem Land, indem die f\u00fchrenden Politiker*innen mit Skandalen behaftet sind und indem aber gleichzeitig Aktivist*innen und Gewerkschafter*innen kriminalisiert werden, tat es unglaublich gut, dass einer wie Poutou sie vor laufender Kamera entlarvt und \u00f6ffentliche Solidarit\u00e4t mit den Unterdr\u00fcckten aus\u00fcbt. Es war mehr als eine Genugtuung, eine Revanche f\u00fcr all die Dem\u00fctigungen seitens der Bourgeoisie und ihrer Polizei, diese Worte zu h\u00f6ren; zu sehen, wie offensiv-k\u00e4mpferisch unser Genosse die Marionetten der Kapitalist*innen blo\u00dfstellte.<\/p>\n<p>Jeden Tag ist unsere Klasse der dr\u00fcckenden Lohnsklaverei ausgesetzt. In unsch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit werden Menschen wie Adama Traor\u00e9 oder Liu Shaoyo von der Polizei ermordet, die ungeschoren davonkommt. Marine Le Pen macht sich Hoffnungen auf den Elys\u00e9e-Palast, durch die Welt wehte letztes Jahr der unangenehme Wind des Rechtsrucks. Inmitten dieser Tage ist es, dass Poutou keine Scheu davor hat, einem Fran\u00e7ois Fillon (Repubikaner) direkt ins Gesicht zu schleudern, dass dieser sich ungeniert aus der Staatskasse bedient.<\/p>\n<p><strong>Jawohl, unser Genosse Philippe!<\/strong><\/p>\n<p>All die Kilometer, die wir durch die D\u00f6rfer Frankreichs hinter uns lie\u00dfen, <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-aesthetik-unseres-kampfes\/\"><strong>um die Unterschriften f\u00fcr die Kandidatur zu sammeln<\/strong><\/a>, hatten sich also gelohnt. Im Grunde genommen hatten sie sich schon vor drei Wochen gelohnt, als es die NPA doch noch schaffte, die 500 Unterschriften seitens der Mandatstr\u00e4ger*innen zu sammeln.<\/p>\n<p>Doch wer ist Philippe Poutou? Er war der einzige Pr\u00e4sidentschaftskandidat, den ich bei den Mobilisierungen in Amiens f\u00fcr die Goodyear-Arbeiter sah. Als ich dann sah, wie er seine Kandidatur Ende Dezember vorstellte, dachte ich, dass ihm jemand zur Seite stehen m\u00fcsste, da er etwas unbeholfen aussah. Nat\u00fcrlich sprach er schon damals sehr schnell, authentisch, nicht wie die einge\u00fcbten Berufspolitiker*innen.<\/p>\n<p>Er genie\u00dft unter den Arbeiter*innen an der Basis gro\u00dfen Respekt, auch in seiner Fabrik in Blanquefort begl\u00fcckw\u00fcnschten ihn seine Kolleg*innen f\u00fcr seinen Redebeitrag beim Goodyear-Protest. Es war <em>das<\/em> Thema in der Werkhalle, wie nachher ein Kollege im Interview sagte. Wenn Poutou fordert, dass die Einkommen der Politiker*innen nicht h\u00f6her als ein durchschnittlicher Arbeiter*innenlohn sein sollten, dann glauben ihm das seine Klassengeschwister. Sie kennen ihn bereits und sie wissen, dass seine Forderungen dazu dienen, die Macht des Kapitals \u00fcber sie zu brechen.<\/p>\n<p>Wir in Deutschland k\u00f6nnen sehr viel von dieser Kandidatur lernen. Diese Kampagne zeigt, wie revolution\u00e4rer Wahlkampf im 21. Jahrhundert aussieht. Die Aufstellung Philippe Poutous als Arbeiterkandidaten ist nicht nur ein wichtiges Signal an die Avantgarde der k\u00e4mpfenden Arbeiter*innenklasse, sondern ist auch ein Bezugspunkt f\u00fcr revolution\u00e4re Politik. Seine Kandidatur dr\u00fcckt Teile eines \u00dcbergangsprogramms f\u00fcr die dringendsten Probleme der Besch\u00e4ftigten aus: Rekordarbeitslosigkeit, Prekarisierung, Entlassungen, Bel\u00e4stigungen seitens der Bosse und so weiter. Nicht umsonst nannte Poutou die derzeitige Lage einen sozialen Notstand, der sofort mit Ma\u00dfnahmen wie dem Verbot von Entlassungen bek\u00e4mpft werden muss.<\/p>\n<p>Es ist noch ein weiter Weg, bis wir Revolution\u00e4r*innen Abend f\u00fcr Abend unsere antikapitalistischen Ideen vorstellen k\u00f6nnen. Schwer vorstellbar, dass Fillon und Le Pen nach diesem Debakel nochmals gegen Poutou debattieren werden. Seine Redebeitr\u00e4ge \u2013 und insbesondere die breite Zustimmung \u2013 haben aber gezeigt, dass wir alle B\u00fchnen des Lebens erobern m\u00fcssen, um das Programm des Marxismus zu popularisieren.<\/p>\n<p><em>Quelle:<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/eindrucke-vom-tv-duell-in-frankreich-ein-arbeiter-gegen-das-establishment\/\">klassegegenklasse&#8230;<\/a> vom 10.April 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hovhannes Gevorkian. Da staunten sie nicht schlecht, die gro\u00dfen Kandidat*innen der Bourgeoisie: Poutou, ein Arbeiter bei Ford und Kandidat der Neuen Antikapitalistischen Patei (NPA), zeigte ihnen bei einer nationalen Fernsehdebatte die Grenzen auf. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,5],"tags":[25,87,61,4,17],"class_list":["post-2027","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-frankreich","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2027","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2027"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2027\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2028,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2027\/revisions\/2028"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2027"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2027"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}