{"id":2129,"date":"2017-05-15T10:47:25","date_gmt":"2017-05-15T08:47:25","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2129"},"modified":"2017-05-15T10:48:02","modified_gmt":"2017-05-15T08:48:02","slug":"die-gefaehrliche-naehe-der-rechten-zu-putin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2129","title":{"rendered":"Die gef\u00e4hrliche N\u00e4he der Neuen Rechten zu Putin"},"content":{"rendered":"<p><em>BFS Z\u00fcrich<\/em><strong>. Russland pflegt unter Putin intensive Kontakte zu verschiedenen rechten und rechtsextremen Parteien in Europa und den USA. Der folgende Artikel m\u00f6chte diesen Kontakten nachgehen,<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese benennen und schlussendlich eine Einsch\u00e4tzung liefern, was das f\u00fcr die Einordnung und Charakterisierung des russischen Regimes bedeutet. Die Untersuchung der gef\u00e4hrlichen N\u00e4he zwischen Europas Rechten und Putin ist unter anderem deshalb von Bedeutung, weil sich immer wieder selbst erkl\u00e4rte Linke und angebliche AntiimperialistInnen positiv auf Russland beziehen.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><strong>Putin als Vorbild<\/strong><\/p>\n<p>Am 24. M\u00e4rz 2017, nur wenige Wochen vor der ersten Runde der franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen, ist Marine Le Pen, Vorsitzende des rechtsextremen <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2017\/frankreichs-extreme-rechte-front-national\/\">Front National<\/a> nach Moskau gereist. Dort traf sie, neben russischen Parlamentariern, auch auf den russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin. Selig in die Kamera l\u00e4chelnd scheint es auf den Fotos so, als h\u00e4tten sich hier zwei gefunden.<\/p>\n<p>Auch thematisch d\u00fcrfte die Gespr\u00e4chsrunde ganz nach dem Gusto der mittlerweile im zweiten Wahlgang unterlegenen Le Pen gewesen sein. Man habe \u00fcber den Austausch von Geheimdienstinformationen gesprochen, der die Bek\u00e4mpfung des islamistischen Terrors verbessern solle und dar\u00fcber, dass Frankreich nicht mehr v\u00f6llig souver\u00e4n sei, weil die EU an verschiedenen Punkten mittlerweile bestimme, was geschehe. Im selben Atemzug bezeichnete Le Pen das schlechte Bild Russlands in der westlichen \u00d6ffentlichkeit als \u201enicht gerechtfertigt\u201c.<sup>\u00a0<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Damit scheint beiden gedient. Ein Treffen also, das nach etwas genauerer Betrachtung gar nicht mehr so absurd scheint. Das heisst aber nicht, dass das zuvor unangek\u00fcndigte Treffen zwischen Le Pen und Putin einfach ein geschickter Schachzug im Rahmen eines geheimen Plans der russischen Regierung zur weltweiten Einflussnahme ist, wie dies von b\u00fcrgerlichen Medien oftmals dargestellt wird. Solche Vorstellungen einer langwierig geplanten und akribisch ausgef\u00fchrten Verschw\u00f6rung Putins gegen den Westen sind gef\u00e4hrlich und verkennen die eigentlichen Triebkr\u00e4fte hinter einem Treffen von Putin und Le Pen.<\/p>\n<p>Denn die politische N\u00e4he ist nicht einfach nur taktischer Natur. Wenn RechtspopulistInnen <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> \u00fcber Putins Russland sprechen, schwingt meist eine grosse Portion Bewunderung mit. Der franz\u00f6sische Philosoph Michel Eltchaninoff beschreibt die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Liebe Le Pens zu Putin wie folgt: <em>\u201e\u00abSeine (Putins) Doktrin hat einen gewissen Erfolg, weil sie geschickt auf franz\u00f6sische Obsessionen antwortet: F\u00fchrerkult, Furcht vor einer Standardisierung der Welt, Antiamerikanismus, gaullistische Nostalgie.\u00bb<\/em> Putin verk\u00f6rpert St\u00e4rke, eine St\u00e4rke die auch Le Pen ihren W\u00e4hlerInnen zeigen m\u00f6chte. Dazu kommt eine komplizierte Verflechtung sowohl von Putin als auch des FN mit dem christlichen Glauben. W\u00e4hrend Putin Schutzpatron f\u00fcr die russisch-orthodoxe Kirche spielt <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> und dadurch von dieser grenzenlosen R\u00fcckhalt erh\u00e4lt, wirbt der Front National ganz gezielt um die Gunst der durch den franz\u00f6sischen Laizismus geschw\u00e4chten katholischen Kirche. <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Und nicht nur der FN kann sich mit der aktuellen Politik in Russland identifizieren. Putins Schwulen-Hass, \u00f6ffentlich zur Schau gestellt beispielsweise in seiner Abneigung gegen\u00fcber der Kunstfigur Conchita Wurst, aber auch seine Art mit politischen Gegnern umzugehen (und die damit transportierten Werte) finden bei Rechtsextremen verschiedener Couleur grossen Anklang.<\/p>\n<p><strong>Russlands Flirt mit den Rechten<\/strong><\/p>\n<p>Die politische Elite Russlands weiss sich diese Anerkennung zu Nutze zu machen. So lud eine Kreml-treue Partei 2015 zu einem Kongress, der Auftakt zur Gr\u00fcndung einer Plattform gegen die \u201eBedrohung der Souver\u00e4nit\u00e4t und der nationalen Identit\u00e4t\u201c sein sollte. Es erschienen unter anderem Mitglieder der NPD aus Deutschland und der Goldenen Morgenr\u00f6te aus Griechenland. Dabei ging es explizit darum, sich \u00fcber gemeinsame Werte, wie die traditionelle Familie, einen starken Staat, das Christentum und die Verteidigung dessen auszutauschen. Auch Alexander Gauland, der Vize-Chef der AfD, ist 2015 auf Einladung von Kreml-nahen Oligarchen nach Russland gereist \u2013 zusammen mit einer Partei-Delegation. <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Dass es eine ideologische Vertrautheit von Deutschlands Rechten zu Putin gibt, wird beispielsweise bei einer Durchschau des rechten Magazins <em>Compact <\/em>schnell deutlich. Darin wird Putin und seine Politik verteidigt, eine Russlandfeindlichkeit der westlichen Medien beschworen und diese sogleich in eine gr\u00f6ssere Verschw\u00f6rung des imperialistischen Westens gegen den unbeugbaren Putin eingebunden.<\/p>\n<p>Auch Victor Orban, der ungarische Regierungschef, zeigt sich als Bewunderer Putins. In den letzten drei Jahren haben sich die Beziehungen zwischen Ungarn und Russland stark verbessert, Orban gilt als F\u00fcrsprecher Russlands innerhalb der EU und lehnt beispielsweise die verh\u00e4ngten Sanktionen ab. <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Verb\u00fcndete in Westeuropa zu haben, die in entscheidenden Momenten die Interessen Russlands vertreten, ist selbstverst\u00e4ndlich ganz im Interesse Russlands. Gerade im Europa-Parlament sind es h\u00e4ufig die rechten und rechtsextremen Parteien, die in weltpolitischen und strategischen Fragen im Sinne Russlands stimmen \u2013 so in Abstimmungen zur Annexion der Krim, oder dem Konflikt in der Ost-Ukraine. <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend die rechtsextremen Parteien in Europa h\u00e4ufig mit Verbotsverfahren k\u00e4mpfen und M\u00fche mit der Wahlkampffinanzierung haben, springen russische Banken gerne in die Bresche. F\u00fcr den Wahlkampf 2017 hat der Front National ein Darlehen \u00fcber 9 Millionen Euro von einer Kreml-nahen Bank bekommen. <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p><strong>Russland und der Imperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Er hoffe, dass international bald ein anderer Wind wehe, sagte Victor Orban im Februar 2017 mit Bezug auf die internationalen Sanktionen gegen Russland. Und tats\u00e4chlich schienen die Zeichen auf Entspannung zu stehen, als Ende 2016 der als Russland-freundlich geltende Donald Trump zum US-Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Es sollte eigentlich niemanden \u00fcberraschen, dass sich die angebliche Entspannung schon nach wenigen Wochen der Amtszeit Trumps zu Ende neigte und mit <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2017\/syrien-us-raketen-sind-keine-befreiung-fuer-die-syrische-bevoelkerung\/\">dem Angriff der USA auf einen syrischen Flughafen<\/a> sogar ein neuer H\u00f6hepunkt der Verstimmungen zwischen den einstigen Welt-Polen erreicht wurde. Denn: Auch wenn sich die beiden Pr\u00e4sidenten Putin und Trump in Auftreten und ihrer politischen Positionierung \u00e4hneln, ist internationale Politik selten eine Frage von partikularer politischer \u00dcbereinstimmung oder gar individueller Sympathie. Also kurz: Es spielt nicht wirklich eine Rolle, dass beide Pr\u00e4sidenten Homosexualit\u00e4t widernat\u00fcrlich finden und dem Klimawandel skeptisch gegen\u00fcberstehen, sie sich pers\u00f6nlich vielleicht als nette Typen befinden, wenn sich gleichzeitig ihre geostrategischen Interessen diametral widersprechen. Und um genau diese geht es in den grossen geopolitischen Fragen der Zeit, nicht nur im Syrien-Krieg. Auch die Annexion der Krim und der Konflikt in der Ost-Ukraine sind gepr\u00e4gt von den Machtinteressen aus dem Nato-Block, die mit den Interessen nach Einflusssph\u00e4ren der russischen Politik kollidieren \u2013 und das auf brutalste Weise. Was wir globalpolitisch erleben, ist das Aufeinanderprallen eines US-Imperialismus, der in einer Legitimations-Krise steckt und einem noch eher verhaltenen, gleichzeitig ambitioniert wirkenden russischen Projekt um strategische Machtpositionen.<\/p>\n<p>Umso erstaunlicher ist es, dass einige so genannte \u201eAntiimperialistInnen\u201c die Kriege in Syrien und der Ukraine als anti-imperialistische \u2013 ja gar antifaschistische \u2013 Abwehrkriege verstehen! Der mordende Diktator Assad wird so zum Antifaschisten, Putin zu seinem selbstlosen Unterst\u00fctzer. Und auch wenn die politischen Entwicklungen Russlands weit davon entfernt sind, dem US-Imperialismus Konkurrenz zu machen, so sind sie doch gleichermassen von Macht- und Einflussinteressen geleitet.<\/p>\n<p>Gerade mit Blick auf die positive Bezugnahme der \u00e4ussersten Rechten auf Putins politische Winkelz\u00fcge \u2013 hier wird der Widerstand Putins gegen die angeblich verschw\u00f6rerischen westlichen Eliten aufgegriffen \u2013 mutet das kritiklose Geschwafel \u00fcber irgendwelche angeblichen antifaschistischen Milizen im Donbass geradezu zynisch an.<\/p>\n<p><strong>Eigenheiten der russischen Politik<\/strong><\/p>\n<p>Damit ist aber noch nicht die Eigenart des russischen Staates und seiner internationalen Wirkung angesprochen. Denn selbstverst\u00e4ndlich sind die imperialistischen Ambitionen Russlands nicht mit den unz\u00e4hligen offiziellen und verheimlichten milit\u00e4rischen Eins\u00e4tzen der Vereinigten Staaten und ihren Verb\u00fcndeten zu vergleichen und Russlands wirtschaftlichen Leistungen k\u00f6nnen mit der wirtschaftlichen Strahlkraft Chinas oder Indiens in kaum einem Bereich mithalten. Obwohl von der Wirtschaftsstruktur her ein entwickelter Industriestaat mit \u00fcber 60% Anteil des Dienstleistungssektors am BIP, betrug dieses pro Kopf im Jahr 2015 nur 8\u2019137 Euro. Im Jahr 2016 fiel die Wirtschaftsleistung Russlands um 3.7%, das durchschnittliche Haushaltseinkommen sank seit der Krim-Krise um 8.5%. <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> China hinkt beim BIP pro Kopf mit ungef\u00e4hr 5\u2019000 Euro immer noch leicht hinterher, kann aber mit Wachstumsraten von knapp 7 Prozent aufwarten, w\u00e4hrend Indien zwar ebenfalls ein nominal kleineres BIP aufweist, aber sowohl geringere Inflationsraten, als auch bedeutend h\u00f6here Wachstumsraten liefert und somit f\u00fcr internationales Kapital vergleichsweise attraktiv scheint. Russland hingegen taumelt eher.<\/p>\n<p><em>\u201eWeder bildet Russland weiterhin den Architrav eines Imperiums, noch ist es ein konventioneller Nationalstaat oder wird sich in naher Zukunft in einen solchen verwandeln. Selbst in diesem amputierten Zustand ist Russland allerdings weiterhin das gr\u00f6\u00dfte Land der Erde. Seine Bev\u00f6lkerung entspricht nicht dieser Gr\u00f6\u00dfe und f\u00fchlt sich eher provinziell und unbedeutend im Vergleich mit anderen Gesellschaften und M\u00e4chten, die ihr als Bezugsrahmen dienen, aber in seinen Ausma\u00dfen \u00fcbertrifft es immer noch alle anderen europ\u00e4ischen Staaten.[\u2026] Russland befindet sich aus geopolitischer Sicht derzeit zwischen allen St\u00fchlen.\u201c <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><strong>[10]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Diese seltsam anmutende, beinahe entr\u00fcckt wirkende Positionierung Russlands in den geopolitischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen kommt daher, dass sich der einstige Vielv\u00f6lkerstaat UdSSR in rasantem Tempo aufgel\u00f6st hat und damit nicht nur grosse Teile des einstmaligen Riesenreiches verloren gegangen sind, sondern \u2013 und dies ist viel wichtiger \u2013 dass damit der wichtigste Orientierungspunkt des russischen Selbstbewusstseins unbrauchbar wurde: Der national gepr\u00e4gte Mythos einer kommunistischen Weltmacht existiert nicht mehr. Russland muss sich nun im internationalen kapitalistischen Wettstreit behaupten. Gleichzeitig pflegt es aber weiterhin das Image eines b\u00fcrokratischen Grossreichs, das in dieser Form kaum mit den heutigen Formen des kapitalistischen Wirtschaftens in Einklang zu bringen ist. So werden insbesondere die staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft, die herrschende Korruption und G\u00fcnstlingswirtschaft, aber auch die starke Abh\u00e4ngigkeit Russlands von Erd\u00f6l- und Erdgasexporten als Investitionshemmnisse angesehen. Zudem hat Putin die korperatstischen Z\u00fcge der russischen \u00d6konomie in den letzten 10 Jahren stark gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p><em>\u201eIn der andauernden Interimsphase wird das Putin-Regime wahrscheinlich versuchen, die Kluft zwischen der alten und der neuen Ordnung mit verschiedenen Strategien zu \u00fcberbr\u00fccken: indem es sich etwa bem\u00fcht, sowohl das Verm\u00f6gen als auch die Werte und Orientierungen aufzupolieren und an den Mann zu bringen, die zwar entwertet wurden, aber noch nicht ganz an Bedeutung verloren haben; und indem es, ohne gro\u00dfe Ber\u00fccksichtigung des Hegemons, versucht, einen Fu\u00df in die M\u00e4rkte zu bekommen, die f\u00fcr die eigene Herabstufung und \u00f6konomische Misere verantwortlich sind. Das bedeutet nichts weniger, als auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, einen milit\u00e4rischen Kameralismus <\/em>[staatlich gelenkte Wirtschaft, die den Wohlstand der Nation mehren m\u00f6chte] <em>zu verfolgen und sich zugleich auf die Spielregeln und Bedingungen des Finanzkapitalismus einzulassen. Dieses Vorhaben ist ein Widerspruch in sich und kann daher eigentlich nicht gelingen. Das spiegelt aber auch die einzigartige Stellung Russlands in der gegenw\u00e4rtigen Weltordnung und die Falle wider, in der das Regime gefangen ist, mit keinerlei Ausweg in Sicht.\u201c <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><strong>[11]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Russland ringt um Macht und mit sich<\/strong><\/p>\n<p>Anders als westliche M\u00e4chte verpackt Russland seine ideologische und milit\u00e4rische Expansion nicht in ideologische Pr\u00e4missen wie die Verbreitung von Demokratie und Wiederherstellung von Gerechtigkeit. Vielmehr wirkt weiterhin die Idee des <em>derzhavnost, <\/em>eine Art des Selbstverst\u00e4ndnisses als Grossmacht, die bereits in der Zarenzeit, in einer Zeit des klassischen, nationalstaatlichen Imperialismus aufgekommen ist. Derzhavnost ist kaum zu \u00fcbersetzen, vielleicht noch am ehesten mit dem franz\u00f6sischen Etatismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu vergleichen, nur ungleich gr\u00f6sser, im Selbstverst\u00e4ndnis umfassender, in den M\u00f6glichkeiten des Staates uneingeschr\u00e4nkter.<\/p>\n<p><em>Derzhavnost <\/em>macht aus den eigentlichen B\u00fcrgern des Staates so etwas wie Dienstleister, die dem Staat zudienen. Legitimierende Akte f\u00fcr staatliche Handlungen werden kaum ben\u00f6tigt. Das macht einen betr\u00e4chtlichen Teil der Faszination von Putins Regime auf autorit\u00e4r-konservative Personen und Parteien aus. Und Putin wiederum ist dringend auf diese Kontakte angewiesen. Er braucht sie, um zumindest den Versuch zu unternehmen, weiterhin einen Fuss in den internationalen Finanzm\u00e4rkten zu haben, Sanktionen abzumildern und weiterhin Erdgas exportieren zu k\u00f6nnen. Ein wohl willkommener Nebeneffekt ist, dass die Rechtspopulisten die politische Einheit der b\u00fcrglich-kapitalistischen L\u00e4nder des Westens zu untergraben scheinen und an der ideologisch entscheidenden Funktionsf\u00e4higkeit der Demokratie im Westen r\u00fctteln.<\/p>\n<p>Wie oben angesprochen, ist die wirtschaftliche St\u00e4rke Russlands ganz grunds\u00e4tzlich kaum mit den westlichen Industriestaaten zu vergleichen, wird durch verschiedene Sanktionen zudem in nicht unerheblichem Masse beschnitten. Trotzdem investiert Russland massiv in seine Armee, modernisiert Flotte, Flugzeuge und motorisierte Kampfverb\u00e4nde und verwendet grosse Ressourcen darauf, die einst gr\u00f6sste Armee der Welt international kompetitiv zu machen. Kriegseins\u00e4tze wie in Syrien oder der Ukraine sind wichtige Testfelder f\u00fcr die Waffenentwicklung. Auch hier wiederum wird wenig Legitimit\u00e4tsarbeit geleistet. Russland erkl\u00e4rt auch einer internationalen \u00d6ffentlichkeit nicht, wieso ein Herrscher wie Assad Unterst\u00fctzung bekommt.<\/p>\n<p>Westliche Politik beruft sich \u2013 um imperialistische Machtpolitik zu rechtfertigen \u2013 auf eine vermeintlich moralische \u00dcberlegenheit: Die Propagierung von b\u00fcrgerlicher Demokratie, gleiche Rechte f\u00fcr Homosexuelle, angebliche Gleichstellung der Frau, Kampf gegen den Terrorismus. Putin hingegen beschr\u00e4nkt sich auf die Bedrohung durch den Westen, die eigene Nation als Bezugsrahmen, die Familie als ihren Kern und das Christentum als ihre Bande. Hier steigen die Rechtspopulisten mit gr\u00f6sster Freude ein.<\/p>\n<p>Der neoliberale Kapitalismus westlicher Pr\u00e4gung, insbesondere sein Handelssystem und seine Institutionen, richten sich immer noch stark nach den Interessen des US-Imperialismus. Insofern finden rechtsnationale Bewegungen, welche die \u201enationale Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c wieder herstellen m\u00f6chten und eine reaktion\u00e4re R\u00fcckbesinnung auf konservativ-religi\u00f6se Werte verfolgen, gewisse Schnittpunkte mit dem russischen Regime. Russland ist ein chauvinistischer und imperialistischer Staat, der sicher weniger einflussreich als die USA ist, aber vom Anspruch her nicht weniger dominant auftreten m\u00f6chte. Aus linker Sicht kann es keine Solidarit\u00e4t mit undemokratischen, die Menschenrechte missachtenden Regimen geben, auch dann nicht, wenn sie vom westlichen Imperialismus bedr\u00e4ngt werden. Mit den USA, der EU, China, Indien, Russland usw. bilden sich verschiedene Machtpole heraus, die allesamt Teil eines weltweiten Ringens um Einflussnahme sind. Die Aufgabe der revolution\u00e4ren Linken sollte nicht darin bestehen, sich auf irgendeine Seite imperialistischer Machtpolitik zu schlagen, sondern sich entschieden gegen alle Formen des \u00f6konomischen oder kulturellen Imperialismus zur Wehr zu setzen. Dabei gilt es die Klassenherrschaft in jedem Land genauso zu kritisieren, wie imperialistische Einmischungen in anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/allgemein\/2017\/russland-die-gefaehrliche-naehe-der-rechten-zu-putin\/\">sozialismus.ch&#8230;<\/a> vom 15. Mai 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.watson.ch\/International\/Frankreich\/472098249-Oh-l\u00e0-l\u00e0!-Rechtsextreme-Marine-Le-Pen-trifft-Wladimir-Putin-in-Moskau\">http:\/\/www.watson.ch\/International\/Frankreich\/472098249-Oh-l\u00e0-l\u00e0!-Rechtsextreme-Marine-Le-Pen-trifft-Wladimir-Putin-in-Moskau<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Der Begriff \u201eRechtspopulismus\u201c birgt in sich einige Probleme. Wir verwenden ihn in diesem Artikel unter dem Hinweis, dass die elit\u00e4re Positionierung gegen\u00fcber \u201epopulistischen\u201c Forderungen, die auch von links kommen k\u00f6nnen, in der Linken dringend diskutiert werden muss.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> So kommt es schon mal vor, dass Personen in Russland wegen Spielen am Handy in einer Kirche zu bedingten Haftstrafen verurteilt werden: <a href=\"http:\/\/www.watson.ch\/Digital\/Pok\u00e9mon%20Go\/862756403-Russe-spielt-\u00abPok\u00e9mon-Go\u00bb-in-der-Kirche-\u2013-und-entgeht-nur-knapp-der-Lagerhaft\">http:\/\/www.watson.ch\/Digital\/Pok\u00e9mon%20Go\/862756403-Russe-spielt-\u00abPok\u00e9mon-Go\u00bb-in-der-Kirche-\u2013-und-entgeht-nur-knapp-der-Lagerhaft<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/lobe-ld.130181\">https:\/\/www.nzz.ch\/international\/lobe-ld.130181<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/rechtsextremisten-npd-auf-einladung-von-putin-freunden-in-st-petersburg\/11540858.html\">http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/rechtsextremisten-npd-auf-einladung-von-putin-freunden-in-st-petersburg\/11540858.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/wladimir-putin-besucht-viktor-orban-ungarn-will-sanktionen-gegen-russland-lockern-14826586.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/wladimir-putin-besucht-viktor-orban-ungarn-will-sanktionen-gegen-russland-lockern-14826586.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/frontal-21\/russland-foerdert-europaeische-rechtspopulisten-100.html\">https:\/\/www.zdf.de\/politik\/frontal-21\/russland-foerdert-europaeische-rechtspopulisten-100.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/lobe-ld.130181\">https:\/\/www.nzz.ch\/international\/lobe-ld.130181<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/russlands-wirtschaft-waechst-wieder-oder-doch-nicht\">https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/russlands-wirtschaft-waechst-wieder-oder-doch-nicht<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.novayagazeta.ru\/articles\/2015\/12\/30\/66971-171-edinstvennyy-sposob-spasti-ekonomiku-v-2016-godu-8211-vyhod-iz-pod-sanktsiy-187\">https:\/\/www.novayagazeta.ru\/articles\/2015\/12\/30\/66971-171-edinstvennyy-sposob-spasti-ekonomiku-v-2016-godu-8211-vyhod-iz-pod-sanktsiy-187<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Anderson, Perry: Das unvergleichliche Dilemma Russlands, RLS, 2016, S. 40.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Anderson, Perry: Das unvergleichliche Dilemma Russlands, RLS, 2016, S. 41.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFS Z\u00fcrich. Russland pflegt unter Putin intensive Kontakte zu verschiedenen rechten und rechtsextremen Parteien in Europa und den USA. Der folgende Artikel m\u00f6chte diesen Kontakten nachgehen,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[18,45,76,27],"class_list":["post-2129","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-imperialismus","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte","tag-russland"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2129"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2131,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2129\/revisions\/2131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}