{"id":2132,"date":"2017-05-15T11:53:55","date_gmt":"2017-05-15T09:53:55","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2132"},"modified":"2017-05-15T11:53:55","modified_gmt":"2017-05-15T09:53:55","slug":"venezuela-militante-gewaltaktionen-verselbstaendigen-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2132","title":{"rendered":"Venezuela: Militante Gewaltaktionen verselbst\u00e4ndigen sich"},"content":{"rendered":"<p><em>Andr\u00e9 Scheer, Caracas. <\/em>Seit Wochen berichten die Massenmedien \u00fcber Unruhen in Venezuela. Das Ausw\u00e4rtige Amt warnt vor \u00bbnicht dringenden Reisen\u00ab in das s\u00fcdamerikanische Land, und wer sich trotzdem auf den Weg macht,<!--more--> wird von besorgten Freunden und Angeh\u00f6rigen vor dem Risiko gewarnt. Vor diesem Hintergrund ist der erste Eindruck \u00fcberraschend, den Caracas in den letzten Tagen bot: Die Stra\u00dfen der Millionenmetropole sind verstopft wie immer, die Gesch\u00e4fte sind ge\u00f6ffnet, Leute gehen einkaufen, die Bars sind gut gef\u00fcllt. Im Zentrum ist eine breite Stra\u00dfe f\u00fcr den Verkehr gesperrt und steht f\u00fcr sportliche Aktivit\u00e4ten zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Nur an bestimmten Punkten der Stadt bemerkt man, dass die Lage angespannt ist. So stehen am Botanischen Garten Wasserwerfer bereit, Motorradpolizisten warten auf einen m\u00f6glichen Einsatz. Sie sollen schnell zur Stelle sein, wenn Gruppen von Oppositionellen wieder die Stadtautobahn blockieren. Auch in den Gespr\u00e4chen mit Einwohnern ist zu sp\u00fcren, dass die Krise ihr t\u00e4gliches Leben pr\u00e4gt. So schlie\u00dft die Metro, das wichtigste Nahverkehrsmittel der Stadt, regelm\u00e4\u00dfig Haltestellen oder sogar ganze Linien, wenn es an der Strecke zu Krawallen kommt. Auch der Busverkehr kommt dann oft zum Erliegen, so dass die Menschen nicht mehr nach Hause kommen. Zahlreiche Unternehmen haben den Arbeitstag inzwischen verk\u00fcrzt, um ihren Angestellten eine ungest\u00f6rte Heimfahrt zu erm\u00f6glichen. Auch Gesch\u00e4fte schlie\u00dfen fr\u00fchzeitig und verrammeln die Schaufenster, um Sch\u00e4den zu verhindern.<\/p>\n<p><strong>Steine und Brands\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Es sind nicht mehr die Demonstrationen, zu denen die Opposition in den vergangenen Wochen mehrfach Zehntausende Anh\u00e4nger mobilisieren konnte, die in Venezuela die Diskussion bestimmen. Schon bei diesen war es wiederholt zu Ausschreitungen gekommen, als die Sicherheitskr\u00e4fte der Opposition den Vormarsch in das Regierungsviertel verweigerten. Militante Aktivisten attackierten daraufhin die Postenketten mit Steinen und Molotowcocktails, bis die Polizei mit Wasserwerfern und Tr\u00e4nengas antwortete. Diese Bilder gingen um die Welt, meist verbunden mit der Botschaft, dass das \u00bbMaduro-Regime\u00ab friedliche Proteste aufgel\u00f6st habe.<\/p>\n<p>Inzwischen haben sich die Gewaltaktionen verselbst\u00e4ndigt. Im Gespr\u00e4ch mit <em>junge Welt <\/em>\u00e4u\u00dferten Einwohner der Hauptstadt die Vermutung, dass die Anf\u00fchrer des Oppositionsb\u00fcndnisses MUD (Tisch der demokratischen Einheit) die Lage nicht mehr kontrollieren k\u00f6nnen. Augenzeugen berichten von paramilit\u00e4risch organisierten und offenkundig ausgebildeten Gruppen, die gezielt die Auseinandersetzung mit den Sicherheitskr\u00e4ften suchen und dabei auch Tote und Verletzte in Kauf n\u00e4hmen.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfenschlachten sind bislang auf wenige Orte beschr\u00e4nkt und werden vor allem in zwei Bezirken der Hauptstadt sowie in der Grenzregion zu Kolumbien registriert. Trotzdem sind inzwischen fast 40 Tote zu beklagen. \u00bbJeder einzelne von ihnen war einer von uns\u00ab, erkl\u00e4rte am Wochenende Au\u00dfenministerin Delcy Rodr\u00edguez in Caracas bei einem internationalen Forum \u00fcber die von Pr\u00e4sident Nicol\u00e1s Maduro vorgeschlagene Verfassunggebende Versammlung. Die Diplomatin meinte allerdings nicht die politische Haltung der Opfer, sondern ihre soziale Herkunft: \u00bbKeiner von ihnen geh\u00f6rte zur Oligarchie.\u00ab Sie seien von den Hinterm\u00e4nnern der Gewaltkampagne als Kanonenfutter benutzt worden.<\/p>\n<p>Venezuelas Au\u00dfenministerium hatte in der vergangenen Woche Parlamentsabgeordnete, Journalisten, Wissenschaftler und Parteienvertreter eingeladen, sich \u00fcber die aktuelle Lage zu informieren. G\u00e4ste aus 36 L\u00e4ndern kamen. So auch der in Bilbao lehrende Verfassungsrechtler Eneko Compains, der schon zu der geltenden venezolanischen Verfassung von 1999 geforscht hatte. Aus Deutschland war die<em> junge Welt<\/em> in Caracas vertreten.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere Vizepr\u00e4sident El\u00edas Jaua erl\u00e4uterte bei dem Forum, dass nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen lediglich in drei F\u00e4llen von einer Verantwortung der Polizei an den T\u00f6tungen ausgegangen werden m\u00fcsse. Die drei Beamten seien inzwischen festgenommen worden, weil sie entgegen geltender Befehle von der Schusswaffe Gebrauch gemacht h\u00e4tten. Pr\u00e4sident Maduro hat allen Sicherheitskr\u00e4ften, die bei Protesten eingesetzt sind, schon das Mitf\u00fchren von Feuerwaffen untersagt.<\/p>\n<p>Solche Details sind in den meisten Berichten aus und \u00fcber Venezuela selten zu lesen. Statt dessen werden verk\u00fcrzte oder auch einfach falsche Darstellungen verbreitet. Diese dienen dann etwa solchen Protagonisten wie Brasiliens nicht gew\u00e4hltem Staatschef Michel Temer dazu, von Venezuela die Einhaltung demokratischer Regeln einzufordern.<\/p>\n<p><strong>Propagandaaktivit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p>Auch die im Ausland aktiven Gegner der venezolanischen Regierung haben ihre Propagandaaktivit\u00e4ten verst\u00e4rkt. So kam es in Mexiko und Guatemala zu Angriffen auf Solidarit\u00e4tskundgebungen. In Madrid belagerten rund 200\u00a0Rechte am Donnerstag die Botschaft Venezuelas, in der gerade eine Informationsveranstaltung stattfand. Rund 100 Menschen waren im Geb\u00e4ude der diplomatischen Vertretung gefangen, und die spanische Polizei unternahm nichts, um die nur bis 20 Uhr angemeldete Kundgebung der Rechten nach Ablauf dieser Zeit aufzul\u00f6sen. Erst am sp\u00e4ten Abend konnten die Menschen die Vertretung verlassen.<\/p>\n<p>In Caracas hat die \u00bbEntf\u00fchrung\u00ab der Diplomaten f\u00fcr Emp\u00f6rung gesorgt. \u00bbDer Geist Francos\u00ab habe sich in Madrid Bahn gebrochen, kritisierte Maduro bei dem Forum, und Au\u00dfenministerin Rodr\u00edguez verlangte von der spanischen Regierung, die internationalen Abkommen \u00fcber die Unantastbarkeit diplomatischer Vertretungen einzuhalten.<\/p>\n<p>Zu verbalen Auseinandersetzungen kam es am Freitag auch in Frankfurt am Main. Dort standen sich vor dem Geb\u00e4ude des venezolanischen Generalkonsulats Unterst\u00fctzer und Gegner der Bolivarischen Republik gegen\u00fcber. Als Reaktion auf einen im Internet kursierenden Aufruf venezolanischer \u00bbContras\u00ab, vor der Vertretung des s\u00fcd\u00adamerikanischen Landes gegen die angebliche Diktatur zu demonstrieren, hatte unter anderem die Gruppe \u00bbH\u00e4nde weg von Venezuela\u00ab zur Solidarit\u00e4tskundgebung aufgerufen. Mit venezolanischen Fahnen und mit Transparenten versperrten sie schlie\u00dflich den Gegnern der gew\u00e4hlten Regierung den Weg in das Konsulat. Dar\u00fcber mokierte sich die auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite versammelte Gruppe von Oppositionellen. Sie warf Venezuelas Regierung vor, die Solidarit\u00e4tskundgebung finanziert zu haben: \u00bbF\u00fcr so etwas ist Geld da.\u00ab<\/p>\n<p>Auch gegen eine in der vergangenen Woche in Berlin geplante Filmveranstaltung, die von der venezolanischen Botschaft organisiert worden war, hatte es Protestaufrufe rechter Gruppen gegeben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/310660.drecksarbeit-f\u00fcr-contras.html\">jungewelt&#8230;<\/a> vom 15. Mai 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andr\u00e9 Scheer, Caracas. Seit Wochen berichten die Massenmedien \u00fcber Unruhen in Venezuela. 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