{"id":214,"date":"2014-07-07T20:19:40","date_gmt":"2014-07-07T18:19:40","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=214"},"modified":"2014-11-07T10:32:49","modified_gmt":"2014-11-07T08:32:49","slug":"gate-gourmet-bilanz-einer-gewerkschaftlichen-niederlage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=214","title":{"rendered":"Gate Gourmet : Bilanz einer gewerkschaftlichen Niederlage"},"content":{"rendered":"<p><b>Die vollst\u00e4ndige und totale Niederlage im Arbeitskampf bei Gate Gourmet im Flughafen Genf ist zwar kein Einzelfall. Sie hat aber in ihrer Brutalit\u00e4t und Eindeutigkeit doch mindestens drei wichtige Faktoren der politischen Verschiebungen an die Oberfl\u00e4che gehoben:<!--more--><\/b><\/p>\n<p><b>Erstens geht diese Niederlage nicht auf einen offenen Verrat der Gewerkschaftsf\u00fchrung zur\u00fcck, wie sie die vergangenen 100 Jahre immer wieder kennzeichnen, angefangen \u00fcber den Generalstreik vom November 1918 \u00fcber das Friedensabkommen in der Schweizerischen Metall- und Maschinenindustrie vom Sommer 1937, das Flexibilisierungsabkommen Mitte der 70er Jahre, diverse Streiks der vergangenen zehn Jahre, wie etwa bei Swissmetal in R\u00e9convilier (2006) oder den Arbeitskampf in der Kartonfabrik Deisswil (2011). Es gibt tiefer liegende Ursachen f\u00fcr viele neuere Niederlagen in Arbeitsk\u00e4mpfen, so auch f\u00fcr diesen bei Gate Gourmet.<\/b><\/p>\n<p><b>Zweitens wurde in diesem Streik eine traditionelle Spaltung innerhalb des VPOD-SSP zwischen \u00abrechtem\u00bb und \u00ablinkem\u00bb Fl\u00fcgel in eine vorl\u00e4ufige Entscheidung getrieben, bei der der k\u00e4mpferische Fl\u00fcgel, der insbesondere in der Romandie verankert ist, eine herbe Niederlage einstecken musste. Es kam zum Bruch mit dem massgeblichen Sekret\u00e4r in den Mobilisierungen im \u00f6ffentlichen Dienst auf dem Platz Genf und im Flughafen, Yves Mugni, der auch die zentrale Figur der Streikbewegung bei Gate Gourmet gewesen ist. Eine wichtige Rolle in dieser Niederlage spielte auch die Niederlage bei La Providence (2013), die die Gewerkschaft viel Geld gekostet hat &#8211;\u00a0 die Rechte konnte dieses Argument auf ihre M\u00fchlen lenken. Es gibt durchaus Parallelen mit dem Szenario nach dem Swissair-Grounding vom Herbst 2001, als die Sektion Luftverkehr und deren damaliger Leiter Daniel Vischer (Gr\u00fcne) die Entwicklung einer Widerstandsbewegung gegen die brutalen Abbaumassnahmen zynisch abblockte. Auch damals kamen die Anst\u00f6sse zu einer Bewegung aus Genf, auch heute wieder wirkte die Sektion Luftverkehr durch ihre zahlenm\u00e4ssige \u00dcbermacht als Werkzeug der Rechten in der Gewerkschaft und in der Politik.<\/b><\/p>\n<p><b>Drittens sind die Lohnabh\u00e4ngigen durch die Umstrukturierungen der Arbeitswelt und der Wirtschaftsstruktur in immer st\u00e4rkere Bedr\u00e4ngnis geraten. Sie sind den neuen Gegebenheiten des Arbeitsalltags weitgehend isoliert ausgeliefert \u2013 die Gewerkschaften sind dort kaum mehr wirklich\u00a0pr\u00e4sent. Die Politik der Sozialpartnerschaft und des Arbeitsfriedens\u00a0ist eine sichere Schranke gegen ihr Vordringen in diesen \u00abinneren Kreis der Ausbeutung\u00bb.<\/b><\/p>\n<p><b>Wir publizieren hier eine Bilanzierung der Streikbewegung durch Gauche anticapitaliste in Genf; diese war aktiv im direkten Umfeld des Streiks und in der Solidarit\u00e4tsbewegung beteiligt. Sie ist erschienen auf <a href=\"http:\/\/www.gauche-anticapitaliste.ch\">www.gauche-anticapitaliste.ch<\/a> und wurde von der Redaktion <i>maulwuerfe.ch<\/i> ins Deutsche \u00fcbertragen.<\/b><\/p>\n<p><b>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/b><\/p>\n<p>Ende Mai haben die Gewerkschaft VPOD, Gate Gourmet (GG) und der Kanton Genf eine Vereinbarung unterzeichnet, die den seit acht Monaten dauernden Streik bei GG am Flughafen Genf beendete. Diese Vereinbarung hat, neben der definitiven Einstellung der Streikbewegung, die Entlassung der Streikenden (ausser einer Person) aus angeblich wirtschaftlichen Gr\u00fcnden und die Anerkennung der durch GG aufgezwungenen Arbeitsbedingungen besiegelt. Im Gegenzug \u2013 wenn man denn hier \u00fcberhaupt von Gegenzug reden kann \u2013 hat sich das Unternehmen verpflichtet, Verhandlungen \u00fcber die Unterzeichnung eines Gesamtarbeitsvertrages (GAV) der Branche Flughafen Catering aufzunehmen, den entlassenen Streikenden eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Entlassung zu bezahlen und in den Entlassungsschreiben keinen Bezug auf den Streik zu nehmen, an dem sich die Streikenden beteiligt haben.<\/p>\n<p><b>Wie konnte dies geschehen?<\/b><\/p>\n<p>Wir haben \u00fcber diesen Streik ausf\u00fchrlich in unserer Zeitung <i>L\u2019Anticapitaliste<\/i> berichtet; wir m\u00f6chten aber hier nochmals die wichtigsten Elemente in Erinnerung rufen. Der Streik fand in einem Unternehmen stattgefunden, wie sie sich heute in grosser Zahl in der kapitalistischen Arbeitsteilung entwickeln. Es werden Leute eingestellt, wovon ein grosser Teil in der Firma ausgebildet wird und deshalb f\u00fcr die Einstellung keinerlei spezifische Qualifikationen ben\u00f6tigen. Aus diesem Grund sind die Leute auswechselbar und k\u00f6nnen beinahe zu jedem Zeitpunkt ausgewechselt werden. Sie werden einem permanenten Druck unterworfen, so dass durch den unterschiedlichen jeweiligen Status die Arbeiter und Arbeiterinnen zu festen Vertr\u00e4gen, als Hilfspersonal auf Stundenbasis, als Tempor\u00e4rangestellte und selbst als Personal, das an GG durch ein Unternehmen im Sozialbereich zur Verf\u00fcgung gestellt wird, teilweise durch staatliche Subventionen finanziert, eingestellt werden.<\/p>\n<p>All dies kommt in diesem Unternehmen mit knapp 120 Lohnabh\u00e4ngigen zusammen. Ihr unterschiedlicher Status \u2013 und damit notwendigerweise auch ihre unterschiedlichen Lohn- und Arbeitsbedingungen \u2013 bewirkt, dass sich die Arbeiterinnen und Arbeiter untereinander, wie auch gegen\u00fcber den Arbeitslosen in andauernder Konkurrenz befinden; diese warten nur darauf, ihren Platz einnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein anderes wichtiges Element, das bei einer Analyse dieser Bewegung und dieses Unternehmens beachtet werden muss, ist die Tatsache, dass die selben Bedingungen, die durch GG den Angestellten in Genf vorgeschlagen wurden und die dann den Anlass f\u00fcr den Arbeitskampf abgaben, durch die Sektion \u00abLuftverkehr\u00bb, die f\u00fcr die anderen Schweizer Flugh\u00e4fen zust\u00e4ndig ist, ohne Widerrede akzeptiert wurden.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaft hat so selbst dem Unternehmen GG einen starken Trumpf zugespielt, um die Bedingungen, die es aufzwingen wollte auch durchzusetzen. Dieses Argument wurde dann \u00fcbrigens durch GG in der Presse wie auch bei den Verhandlungen oft gegen die Streikenden und gegen den VPOD benutzt.<\/p>\n<p>So konnte dann GG ohne Furcht den GAV, der f\u00fcr das Personal auf dem Flughafen Genf seit dem Swissair-Grounding in Kraft war, einseitig auf den 31. Dezember 2013 aufk\u00fcndigen. Diese K\u00fcndigung hatte zur Folge, dass das gesamte Personal ab Anfang 2014 Einzelarbeitsvertr\u00e4gen unterstellt wurde, die wie zwei Wassertropfen dem nationalen GAV der Hotelrestauration \u00e4hneln. Diese Einzelarbeitsvertr\u00e4ge verschlechtern die Lohnbedingungen betr\u00e4chtlich und schliessen den VPOD aus dem Unternehmen aus. Denn seit einigen Jahren wurde der VPOD f\u00fcr seinen Geschmack ein zu fordernder, ein zu extremer Sozialpartner.<\/p>\n<p>In diesem Kontext lancierte der VPOD im September 2013 den Streik bei GG. Einen Streik, der sich seit Beginn als sehr minorit\u00e4r erwies. Zudem liess der Druck, der vom Management gegen die Streikenden und die Nicht-Streikenden ausge\u00fcbt wurde, kaum auf eine Erweiterung der Streikbewegung hoffen. Diese Druckmassnahmen haben bereits am zweiten Tag Fr\u00fcchte gezeigt, da ein Teil der Streikenden an die Arbeitspl\u00e4tze zur\u00fcckkehrte. Die Fortsetzung ist nicht gl\u00e4nzend gewesen: Entlassung eines Teils der Streikenden, Klage von GG wegen Hausfriedensbruch anl\u00e4sslich einer mit den Streikenden und dem Solidarit\u00e4tskomitee durchgef\u00fchrten Aktion. Damit war klar: Dieser Streik w\u00fcrde hart werden!<\/p>\n<p>Das Unternehmen k\u00fcmmerte sich nicht weiter um den Streik angesichts seiner schwachen Befolgung und seiner kaum wahrnehmbaren Auswirkungen auf die Produktion; es suchte keine Verhandlungsl\u00f6sung mit den Streikenden und mit ihrer Gewerkschaft. GG hat offen auf die Ersch\u00f6pfung der Streikenden und einen langsamen Tod der Bewegung gewettet.<\/p>\n<p><b>Wie kommt man aus einer ausweglosen Lage?<\/b><\/p>\n<p>Angesichts dieser Situation bestand die Strategie der Streikleitung darin, sich an die hohe Politik zu wenden und von daher Druck auf das Unternehmen auszu\u00fcben. Diese Orientierung erlaubte es, w\u00e4hrend der Wahlkampfperiode im Kanton vom September bis in den November hinein eine gewisse \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung aufzubauen; die Jagd nach W\u00e4hlerstimmen verpflichtet schliesslich! Diese Unterst\u00fctzung verfl\u00fcchtigte sich jedoch schnell, sobald die Wahlen vorbei waren. Und alle, die w\u00e4hrend des Wahlkampfes vorgaben, die k\u00e4mpfenden Arbeiterinnen und Arbeiter zu unterst\u00fctzen, sind auf immer verschwunden, genau gleich wie ihre Versprechen.<\/p>\n<p>Von da an haben die Strategen des Streiks darauf gesetzt, auf den f\u00fcr den Flughafen verantwortlichen Staatsrat, Pierre Maudet, Druck auszu\u00fcben und ihn f\u00fcr seine Mitverantwortung f\u00fcr das Lohn- und Sozialdumping im Flughafen Genf Cointrin zu verurteilen; ein solches wird auf diesem staatlichen Flughafen durch die darauf arbeitenden Unternehmen systematisch betrieben. Dieses Vorgehen beruht auf einem wahren Element: Es ist der Kanton Genf, der alleine entscheidet, welchen Unternehmen er die Betriebsbewilligung auf dem Flughafen erteilt.<\/p>\n<p>Die Strategie bestand darin, Druck auf Maudet auszu\u00fcben, damit dieser GG in den Senkel stelle und die Firma verpflichte, den Verhandlungsweg einzuschlagen und dass Maudet, der VPOD, die Streikenden und das Unternehmen gemeinsam einen Weg f\u00e4nden, der f\u00fcr die Arbeiterinnen und Arbeiter zufriedenstellend w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Karte \u00abMaudet der Retter\u00bb wurde durch die Streikleitung \u00fcber eine wichtige Zeitspanne der acht Monate Streik immer wieder herum geschwenkt. Dies in v\u00f6lliger Verkennung der Tatsache, dass dieser nichts als ein Gew\u00e4hlter der Freisinnigen Partei ist, der Partei, die die Unternehmer und die Banken und auch die Konkurrenzf\u00e4higkeit des Flughafens verteidigt. Dies macht es schwierig, daran zu glauben, dass Maudet sechs Monate gebraucht h\u00e4tte, um eine L\u00f6sung f\u00fcr den Konflikt zu finden und noch weniger, dass diese f\u00fcr die Streikenden vorteilhaft gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p><b>Aus dieser Niederlage lernen<\/b><\/p>\n<p>Dieser Streik endete eindeutig mit einer schmerzlichen Niederlage f\u00fcr die Streikenden, f\u00fcr die Gewerkschaft und f\u00fcr die gesamte Arbeiterbewegung. Wenn es uns auch nicht zusteht, bez\u00fcglich der w\u00e4hrend des Streiks gefassten strategischen und taktischen Entscheidungen Lektionen zu erteilen, so steht es uns doch zu, eine politische Analyse dieser Niederlage zu machen.<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass wir heute eine Periode einer tiefer Krise der Arbeiterbewegung durchleben. So grundlegende Reaktionen wie die Unterst\u00fctzung von k\u00e4mpfenden Kollegen in einem anderen Unternehmen sind aus den Gewohnheiten der linken Kr\u00e4fte wie auch der Arbeiterinnen und Arbeiter vollst\u00e4ndig verschwunden.<\/p>\n<p>Die Herausforderung besteht eindeutig darin, Netzwerke von Aktivistinnen und Aktivisten aufzubauen, die bereit sind, an ihren Arbeitspl\u00e4tzen K\u00e4mpfe zu entwickeln und Streiks, die da und dort ausbrechen k\u00f6nnen zu unterst\u00fctzen, dar\u00fcber zu informieren und zu mobilisieren. Unsere Rolle muss der Wiederaufbau eines Klassenbewusstseins sein. Ein solches wird nur\u00a0 entwickelt werden k\u00f6nnen, wenn man sich direkt an die Arbeiterinnen und Arbeiter wendet und sie \u00fcber die aktuellen Bewegungen informiert und einen gegenseitigen Austausch \u00fcber die Lebens- und Arbeitsbedingungen aufbaut.<\/p>\n<p>Die F\u00f6rderung solcher Solidarit\u00e4tsnetzwerke zwischen Arbeiterinnen und Arbeitern ist das einzige Mittel, um ein Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis aufzubauen, das zuk\u00fcnftige Streiks \u2013 auch im Flughafen Genf \u2013 nicht in einer solchen vernichtenden Niederlage enden lassen wie derjenige bei GG.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vollst\u00e4ndige und totale Niederlage im Arbeitskampf bei Gate Gourmet im Flughafen Genf ist zwar kein Einzelfall. 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