{"id":2147,"date":"2017-05-18T17:27:42","date_gmt":"2017-05-18T15:27:42","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2147"},"modified":"2017-05-18T17:27:42","modified_gmt":"2017-05-18T15:27:42","slug":"der-demografische-rentenmythos-luegen-mit-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2147","title":{"rendered":"Der demografische Rentenmythos: L\u00fcgen mit Zahlen"},"content":{"rendered":"<p><b><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">In Diskussionen \u00fcber unsere Altersvorsoge wird von allen Seiten das Argument ins Feld gef\u00fchrt, dass unsere Vorsorgesysteme in der jetzigen Form aufgrund des demografischen Wandels bzw. der \u00abAlterung der Gesellschaft\u00bb nicht mehr finanzierbar seien. <\/span><\/span><\/b><!--more--><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Deshalb m\u00fcssten die Rentenanspr\u00fcche der Lohnabh\u00e4ngigen gek\u00fcrzt und das Renteneintrittsalter erh\u00f6ht werden. Auch in der aktuellen Debatte \u00fcber die <\/span><\/span><\/b><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2017\/schweiz-argumentarium-gegen-die-altersvorsorge2020\/\"><b>unsoziale Reform \u00abAltersvorsorge2020\u00bb<\/b><\/a><b><span style=\"color: #000000;\">, \u00fcber die am 24. September 2017 in der Schweiz abgestimmt wird, blasen sowohl die selbsternannten Renten-\u00abSpezialist*innen\u00bb der Versicherungen und Pensionskassen, wie auch Politiker*innen aller Parteien ins gleiche Horn. Dass sie den finanziellen Untergang unserer Altersvorsorge beschw\u00f6ren, kommt aber nicht von ungef\u00e4hr, sondern verfolgt ganz bestimmte Ziele. Wir ver\u00f6ffentlichen hier einen Kommentar, der am Beispiel Deutschlands den demografischen Rentenmythos entlarvt. (Red. sozialismus.ch)<\/span><\/b><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Von Gerd Bosbach und Daniel Kreutz; aus <\/span><a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2013\/09\/lugen-mit-zahlen-3\/\">SoZ<\/a><\/span><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Behauptung<\/span><\/span><\/b><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00abDer demografische Wandel (will hei\u00dfen: die Zunahme des Bev\u00f6lkerungsanteils der \u00c4lteren mit durchschnittlich l\u00e4ngerer Lebenserwartung) untergr\u00e4bt die Finanzierbarkeit der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung.\u00bb<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Wenn immer weniger Menschen im erwerbsf\u00e4higen Alter immer mehr Rentner finanzieren m\u00fcssen, wie dies die amtlichen Vorausberechnungen der Bev\u00f6lkerungsentwicklung zeigen, werden die J\u00fcngeren von einer ausufernden Beitragsbelastung \u00fcberfordert. Deshalb gibt es keine Alternative zu Privatisierungen der Altersvorsorge, zu Rentenk\u00fcrzungen und l\u00e4ngerer Lebensarbeitszeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Widerlegung<\/span><\/span><\/b><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein Blick zur\u00fcck zeigt: Im vergangenen Jahrhundert stieg die Lebenserwartung in Deutschland um mehr als 30 Jahre. Der Jugendanteil reduzierte sich von 44 auf 21%. War 1900 noch fast jeder Zweite unter 20 Jahre alt, war es 2000 nur noch jeder F\u00fcnfte; der Anteil der \u00fcber 65-J\u00e4hrigen verdreifachte sich in der gleichen Zeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Zahlen klingen katastrophal \u2013 doch die Katastrophe blieb aus. Stattdessen gab es im 20.Jahrhundert erhebliche Leistungsverbesserungen bei der gesetzlichen Rente, und zwar bei sinkenden Arbeitszeiten der Besch\u00e4ftigten und allgemein steigendem Wohlstand. M\u00f6glich war dies vor allem durch enorme Fortschritte der Arbeitsproduktivit\u00e4t, deren Fr\u00fcchte nicht einseitig von Kapital- und Verm\u00f6gensbesitzern angeeignet wurden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Jenseits aller \u2013 enorm unsicheren \u2013 demografischen Langfrist-Prognosen gilt: Selbst wenn die Produktivit\u00e4tssteigerung je Besch\u00e4ftigten j\u00e4hrlich nur 1% betragen w\u00fcrde, k\u00f6nnte jeder Besch\u00e4ftigte im Jahre 2060 30% Rentenbeitrag zahlen und gleichzeitig noch sein verbleibendes Realeinkommen um \u00fcber 40% steigern. Vorauszusetzen w\u00e4re \u00abnur\u00bb, dass die Produktivit\u00e4tsgewinne auch (verteilungsneutral) den Besch\u00e4ftigten zugute kommen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr die Rentenfinanzen ist weniger das zahlenm\u00e4\u00dfige Verh\u00e4ltnis zwischen den Generationen von Bedeutung als vielmehr die Frage, welches Beitragsvolumen aus sozialversicherungspflichtiger Besch\u00e4ftigung der Rentenversicherung zuflie\u00dft. Noch so viele Junge br\u00e4chten der Rentenkasse keinen Cent, wenn sie erwerbslos sind oder mit Minijobs \u00abhartzen\u00bb m\u00fcssen. Auch wenn es \u00abden demografischen Wandel\u00bb nicht g\u00e4be, die Generationen im erwerbsf\u00e4higen Alter also auch k\u00fcnftig weit zahlreicher besetzt w\u00e4ren, gerieten die Rentenkassen bei sinkenden L\u00f6hnen, steigender Erwerbslosigkeit und um sich greifender Prekarisierung in die Krise. \u00dcber die Ertr\u00e4glichkeit der Beitragsbelastung f\u00fcr erwerbst\u00e4tige Versicherte entscheidet weniger die H\u00f6he des Beitragssatzes als vielmehr die zeitgleiche Entwicklung der Nettorealeinkommen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Seit der Wiedervereinigung ist die wirtschaftliche Leistung Deutschlands nach Angaben des Statistischen Bundesamts um gut 30% real gestiegen \u2013 und das bei 3,3% weniger Arbeitsstunden und innerhalb von 20 Jahren, bei vergleichsweise m\u00e4\u00dfiger Produktivit\u00e4tsentwicklung, trotz Arbeitslosigkeit und trotz der Finanzkrise, die uns im Jahr 2009 ein Minus von 5% beim Bruttoinlandsprodukt bescherte. Wenn diese 30% nicht im Portemonnaie und anteilig auch nicht in der Rentenversicherung angekommen sind, hat das offensichtlich nichts mit Demografie zu tun, sondern mit der Umverteilung zulasten der Lohnabh\u00e4ngigen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Kommentar<\/span><\/span><\/b><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">In der Sache weitgehend sinnfrei, hat die Demografiediskussion bei der Rente doch zweckdienliche Wirkungen. Einmal in der ver\u00f6ffentlichten Meinung fest verankert, bem\u00e4ntelt sie h\u00f6chst erfolgreich, dass in Wahrheit ein primitiver Verteilungskampf des Kapitals gegen L\u00f6hne und Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge stattfindet. Ein Prozent weniger Rentenbeitrag bedeutet j\u00e4hrlich rund 4,8 Milliarden Euro Extraprofit f\u00fcr die Unternehmer und fast 1,9 Mrd. Euro staatliche Einsparungen beim Bundeszuschuss [zur gesetzlichen Rentenversicherung].<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Besch\u00e4ftigten hingegen bezahlen ihr \u00abmehr Netto\u00bb mit empfindlichen Rentenl\u00fccken. Wenn sie diese \u2013 wie politisch gefordert \u2013 privat und damit erheblich teurer absichern m\u00fcssen und so der Finanzindustrie ein volumin\u00f6ses Gesch\u00e4ftsfeld sponsern, bleibt ihnen auch netto weniger statt mehr. Dass die lohn- und gehaltsabh\u00e4ngige Mehrheitsgesellschaft die Umverteilung der Kosten und Risiken der Alterssicherung zu ihren Lasten hinnimmt, ist wesentlich das Verdienst des demografischen Mythos, der dies als nahezu naturgesetzliche Notwendigkeit erscheinen l\u00e4sst \u2013 gleichsam als Preis daf\u00fcr, dass \u00abwir alle\u00bb halt \u00e4lter werden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><cite><span lang=\"DE\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 11pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Quelle: <\/span><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2017\/der-demografische-rentenmythos-luegen-mit-zahlen\/\">sozialismus.ch&#8230;<\/a><span style=\"color: #000000;\"> vom 18. Mai 2017<\/span><\/span><\/cite><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Diskussionen \u00fcber unsere Altersvorsoge wird von allen Seiten das Argument ins Feld gef\u00fchrt, dass unsere Vorsorgesysteme in der jetzigen Form aufgrund des demografischen Wandels bzw. der \u00abAlterung der Gesellschaft\u00bb nicht mehr finanzierbar seien. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5,3],"tags":[39,45,22],"class_list":["post-2147","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","category-schweiz","tag-deutschland","tag-neoliberalismus","tag-politische-oekonomie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2147"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2147\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2148,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2147\/revisions\/2148"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}